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ABDU'L-BAHA - BRIEF AN FOREL
(c) Bahá'í Verlag GmbH, Hofheim-Langenhain 1975-132 ISBN 387037 072 6
In den hier wiedergegebenen Originalbriefen von A.Forel hat der Bahá'i-Verlag die Schreibweise Bahai beibehalten
Portrait: August Forel
INHALT
August Forel an Abdu'l-Bahá 7
Abdu'l-Bahá an Forel 13
Nachwort: Die Welt als Gestaltung 33
#7
August Forel an Abdu'l-Bahá
Hochverehrter Herr,
ich habe soeben wunderbare Briefe gelesen, die Sie nach Angaben von Herrn Wilhelm Herrigel, der sie ins Deutsche übersetzte, 1910 an eine Dame, Frau Dr. F., gerichtet haben. Triff dies zu? Sind diese Briefe tatsächlich bereits 1910, vor dem Weltkrieg, geschrieben worden? In diesem Fall bin ich höchst erstaunt über Ihren prophetischen Scharfblick.
Aber ich habe Ihnen eine sehr wichtige Frage zu stellen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich mit meinen nunmehr 72 Jahren immer von den Wahrheiten der Wissenschaft begeistert war. Schon 1874 habe ich ein umfangreiches Buch über die Verhaltensweisen der Ameisen geschrieben, und seit dieser Zeit Werke über die Anatomie des Gehirns, über Hypnose, über die Sinneswahrnehmungen der Insekten, über die Hygiene des Nervensystems, über die sexuelle Frage usw. Von 1879 bis 1898 war ich Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und Direktor der dortigen Irrenanstalt. Von da her werden Sie den Grund meiner folgenden Frage verstehen.
Gelesen habe ich überdies die Statuten der Bahá'í-Religion oder vielmehr ihre Grundsatzerklärungen, ferner Ihre Abhandlung (aus dem Englischen von Miss Goodall übersetzt) wider den "Glauben der Naturphilosophen über Gott" und das Gespräch von Professor Edw. G. Browne¹ mit Baha'o'llah 1890 in Akka. Schließlich habe ich das Buch von Mirza Abul Fazl² über die Geschichte der Bahá'í-Religion in deutsch gelesen.
¹ Englischer Orientalist, 1862-1926. Vgl. H.M. Balyuzi "Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith", George Ronald, London 1970
² Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání, Geschichte und Wahrheitsbeweise der Bahá'í-Religion (deutsch aufgrund der englischen Übersetzung) Stuttgart 1919
Aus diesem Schrifttum scheint hervorzugehen, daß Sie die Naturphilosophen im allgemeinen solcher Irrtümer beschuldigen, die nur bei gewissen Fanatikern eines strengen Materialismus zutreffen, welche - wie Oswald und Haeckel -, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, eine "Metaphysik der Energie oder der Materie" begründen. Man vergeudet seine Zeit damit, die Atome, die Energie, das Unendliche, das Universum usw. gelehrt abzuhandeln; das sind nur sinnleere Worte. Ich für meinen Teil bin Monist im folgenden Sinn: Ich bin sicher, daß die Funktionen des Gehirns und der menschlichen Seele nur ein untrennbares Ganzes sind. Folglich kann ich nicht an ein Fortleben der individuellen Seele nach dem Tod des Gehirns glauben. Dieser Monismus gehört in den Bereich der Wissenschaft und läßt sich induktiv beweisen. Dagegen erkläre ich mich wie der Philosoph Sokrates und der große Naturforscher Darwin in Sachen der Metaphysik als absoluten Agnostiker, das heißt, "Gott" ist für mich nichts als das - mutmaßlich absolute, aber für den Menschen absolut unerkennbare - Wesen des Universums. Es ist demnach absolut nutzlos, es mit Eigenschaften und mit irgendwelchen Absichten ausstatten zu wollen. "Gott", das heißt das vermutete Metaphysisch-Absolute, ist der Ursprung dessen, was schlecht und was gut ist, mit Bezug auf uns ebenso wie mit Bezug auf jedes andere Wesen. Warum? Wir wissen es nicht, und jeder Versuch einer Auslegung ist nutzlos, ja schädlich. Wenn wir Gott ergründen wollen, bewegen wir uns nur in falschen Zirkelschlüssen. Aus diesem Grund habe ich herein mit 16 Jahren die christliche "Konfirmation" abgelehnt. Ich gehöre keinem Bekenntnis an.
Nun behaupten Sie aber in ihrer Auseinandersetzung mit den Vertretern des Naturalismus, Herrigel und den Bahá'í zufolge, Gott habe ein eigenes Bewußtsein¹, einen Willen, die Macht der Wahl; er sei vollkommen. Bewußtsein, Wille, Wahlfreiheit sind aber persönlichmenschliche Eigenschaften, und was Vollkommenheit sein könnte, davon haben wir keine Vorstellung. Ihr Gott wäre demnach "persönlich, das heißt einem Menschen, einem idealisierten Menschen ähnlich". Andere Textstellen Ihrer prachtvollen internationalen Religion stimmen nicht mit einer gewissen Beschränktheit, die aus dem ganzen Buch von Mirza Abul Fazl hervorgeht, überein. Abul Fazl greift die Freidenker ganz gehörig an. Trotz alI meiner Bewunderung für Ihre menschlichen Grundsätze bekenne ich somit, daß ich Ihre "göttlichen" Grundsätze nicht verstehe. Hier also meine Frage:
¹ Im französischen Brieftext "une conscience de lui (Bewußtsein)"
Kann ich, ja oder nein, mit meinem vorerwähnten Agnostizismus der Bahá'í-Religion angehören, ohne mich selbst und andere zu belügen?
Ich habe 1916 oder 1917 einen Aufsatz über das veröffentlicht, was ich die wissenschaftliche Religion des "Gemeinwohls" genannt habe, im Sinne des oben Erwähnten, mit ähnlichen Wesenszügen wie Ihre Religion. Am 15. Februar 1921 kehre ich an meinen Wohnort Yvorne (Waadt), Schweiz, zurück; wenn Sie mir dorthin antworten, kann ich Ihnen diesen Aufsatz schicken.
Gestatten Sie, hochverehrter Herr, den Ausdruck meiner Gefühle aufrichtiger Bewunderung.
(gez.) Dr. A. Forel
vormals Professor an der Universität Zürich
Rüppurr bei Karlsruhe, 28. XII. 20, Baden, Deutschland Auerstraße 24
P.S.: Nur um meine Frage zu begründen, habe ich oben ausschließlich diejenigen Punkte dargelegt, in denen ich die Bahá'í-Religion von meinem Glauben, abweichen sehe, wobei ich sie nach Herrigel usw., beurteile. In allem Übrigen, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Moral oder Humanethik und der umfassenden Toleranz für alle Glaubensbekenntnisse auf der Erde, kann ich Sie nur bewundern und mit allen meinen Kräften unterstützen.
#12
Portrait: Abdu'l-Bahá
#13
Abdu'l-Bahá an August Forel¹
¹ nach der englischen Übersetzung von Shoghi Effendi, veröffentlicht in "The Bahá'í Revelation", London 1955. Der persische Originaltext wurde erstmals 1922 in Kairo gedruckt.
+1
Dem geschätzten und verehrten Herrn Professor Dr. Forel -
auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen!
Er ist Gott!
O verehrter Wahrheitssucher!
+2
Ihr Brief vom 28. Juli 1921¹ kam an. Sein Inhalt brachte große Freude und bewies, daß Sie - Preis sei Gott! - noch jung sind und nach der Wahrheit suchen, daß Ihre Denkkraft stark und Ihre geistigen Entdeckungen offenkundig sind.
¹ Die Antwort bezieht sich eindeutig auf Forels Brief, der gemäß vorliegender Kopie "28. XII. 20" datiert ist.
+3
Von dem Brief, den ich an Dr. F.¹ geschrieben hatte, sind viele Abschriften verbreitet worden; jeder weiß, daß er im Jahre 1910 offenbart worden ist. Außer diesem Brief wurden vor dem Kriege viele weitere gleichen Inhalts verfaßt, und in der Zeitschrift der Universität von San Franzisko² ist auf diese Fragen hingewiesen worden. Das Datum jener Zeitschrift ist zweifellos bekannt, ebenso auch das hohe Lob weitsichtiger Philosophen über einen Vortrag, der in der erwähnten Universität beredsam gehalten wurde; ein Exemplar jener Zeitschrift liegt diesem Briefe bei.
¹ Im Englischen "Dr. Fisher". Forel schreibt von "Frau Dr. F." Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Frau Dr. Fallscher, die langjährige Hausärztin 'Abdu'l-Bahás in Haifa. "Fisher" und "Fallscher" werden in persisch-arabischer Schrift fast gleich ausgedrückt.
² Stanford University, Palo Alto 1912. Die Rede 'Abdu'l-Bahás ist in "Bahá'í-Briefe" 42, Oktober 1970, p.1178ff wiedergegeben. 'Abdu'l-Bahá unterscheidet darin westlich-moderne, materialistisch-empirische Philosophie von griechisch-persischer, normativer, rationalistischer Philosophie und erläutert den Unterschied an den Theorien über das Wesen der Natur und den Ursprung des Menschen.
+4 #14
Ihre Werke sind zweifellos sehr segensreich; senden Sie uns von jedem ein Exemplar, soweit sie veröffentlicht sind.
+5
Mit den Materialisten, von deren Ansicht über das Göttliche die Rede war, sind nicht die Philosophen im allgemeinen, sondern jene Gruppe, engstirniger Materialisten gemeint, die das sinnlich Wahrnehmbare verehren, die sich nur auf die fünf Sinne verlassen und deren Erkenntnismaßstab auf das begrenzt ist, was durch die Sinne wahrnehmbar ist. Alles sinnlich Wahrnehmbare ist ihnen wirklich, während sie alles, was nicht der Macht der Sinne unterliegt, entweder für unwirklich oder für zweifelhaft erachten. Daß es eine Gottheit gibt, halten sie für völlig zweifelhaft.
+6
Wie Sie schreiben, sind also nicht die Philosophen im allgemeinen angesprochen, sondern die engstirnigen Materialisten. Die an Gott glaubenden Philosophen wie Sokrates, Plato und Aristoteles sind in der Tat verehrungswürdig und verdienen höchstes Lob; denn sie haben der Menschheit hervorragende Dienste erwiesen. Desgleichen schätzen wir die feingebildeten, bescheidenen materialistischen Philosophen, die (der Menschheit) Dienste getan haben.
+7 #15
Wir betrachten Wissen und Weisheit als Grundlagen des Fortschritts der Menschheit und verehren Philosophen von breitem Gesichtsfeld. Lesen Sie die Zeitschrift der Universität von San Franzisko genau durch, damit Ihnen die Wahrheit offenbar werde.
+8
Was die Geisteskräfte angeht, so gehören sie wahrscheinlich zu den angeborenen Eigenschaften der Menschenseele, wie die Leuchtkraft eine Grundeigenschaft der Sonne ist. Die Sonnenstrahlen erneuern sich, aber die Sonne selbst ist beständig und unveränderlich. Bedenken Sie, wie der menschliche Verstand sich entwickelt, wieder nachläßt und manchmal völlig schwindet, während die Seele sich nicht verändert. Damit sich der Verstand offenbare, muß der menschliche Körper heil sein. Ein gesunder Verstand kann nur in einem gesunden Körper wohnen, aber die Seele ist nicht vom Körper abhängig. Durch die Macht der Seele hat der Verstand Begriffs- und Vorstellungsvermögen, durch sie übt er seinen Einfluß aus; aber die Seele ist eine freie Macht. Der Verstand begreift das Abstrakte mit Hilfe des Konkreten, aber die Seele hat unbegrenzte, eigenständige Offenbarungen. Der Verstand ist umgrenzt, die Seele unbegrenzt. Mittels der Sinne - Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl - begreift der Verstand, aber die Seele ist frei von allen Werkzeugen. Wie Sie beobachten, ist die Seele immer in Bewegung und Tätigkeit, ob wir schlafen oder wachen. Es mag sein, daß sie im Traum ein schwieriges Problem löst, das sie im wachen Zustand nicht lösen kann. Überdies kann der Verstand nichts begreifen, wenn die Sinne zu arbeiten aufhören. Im Embryonalzustand und in der frühen Kindheit ist die Verstandesmacht noch gar nicht da, indes die Seele immer mit voller Kraft ausgestattet ist. Kurz, es gibt viele Beweise, daß die Macht der Seele fortbesteht, auch wenn der Verstand verloren geht. Der Geist jedoch hat verschiedene Grade und Stufen.
+9 #16
Was das Vorhandensein des Geistes im Mineral anbelangt, so ist es sicher, daß das Mineral, den Erfordernissen seiner Stufe entsprechend, mit Geist und Leben ausgestattet ist. Auch dieses verborgene Geheimnis ist den Materialisten bekannt geworden. Jetzt behaupten sie, alle Dinge hätten Leben, wie Er im Qur'án spricht: "Alle Dinge sind belebt".
+10
Im Pflanzenreich kommt die Kraft des Wachstums hinzu, und diese Kraft ist der Geist. in der Tierwelt gibt es die Fähigkeit der Empfindung; im Reiche des Menschen ist jedoch eine allumfassende Macht vorhanden. Auf allen vorangehenden Stufen fehlt die Macht des Verstandes, aber die Seele ist da und offenbart sich. Die Fähigkeit der Empfindung begreift die Seele nicht, aber die Macht des Verstandes beweist ihr Vorhandensein.
+11
Ebenso beweist der Verstand das Vorhandensein einer unsichtbaren Wirklichkeit, die alle Lebewesen umfaßt, auf allen Stufen da ist und sich offenbart. Ihr Wesen aber liegt über dem Begriffsvermögen des Verstandes. Auch das Mineralreich kann ja das Wesen und die Vollkommenheiten der Pflanzenwelt nicht verstehen; die Pflanzenwelt begreift nicht das Wesen der Tierwelt, und das Tierreich kann die wesenhafte Wirklichkeit des Menschen, die alle Dinge entdeckt und umfaßt, nicht verstehen.
+12 #17
Das Tier ist der Gefangene der Natur, es kann die natürlichen Regeln und Gesetze nicht überschreiten. Im Menschen jedoch ist eine Forscherkraft, die über die natürliche Welt hinausreicht, deren Gesetze beherrscht und beeinflußt. Zum Beispiel sind alle Minerale, Pflanzen und Tiere Gefangene der Natur. Selbst die Sonne mir all ihrer Pracht ist der Natur derart untenan, daß sie keinen eigenen Willen hat und nicht um Haaresbreite von den Naturgesetzen abweichen kann. Ebensowenig können andere Wesen, ob sie nun dem Mineral-, dem Pflanzen- oder dem Tierreich angehören, von den Naturgesetzen abgehen; sie sind vielmehr allesamt Sklaven der Natur. Der Mensch dagegen, wenn auch körperlich ein Gefangener der Natur, ist in seinem Verstand und seiner Seele frei und herrscht über die Natur.
+13
Bedenken Sie: Nach dem Gesetz der Natur lebt und bewegt sich der Mensch auf der Erde; aber seine Seele und sein Verstand greifen in die Naturgesetze ein, und wie ein Vogel fliegt er durch die Luft. Mit großer Geschwindigkeit fährt er über das Meer, und wie ein Fisch taucht er in die Tiefe und treibt dort seine Forschungen. Das ist fürwahr ein großer Sieg über die Naturgesetze.
+14 #18
Ebenso steht es mit der Elektrizität. Diese unbändige Kraft, die Berge spaltet, bannt der Mensch in eine Glühlampe - ein offenbarer Eingriff in die Naturgesetze. Auch entdeckt der Mensch die verborgenen Geheimnisse der Natur, die nach den Naturgesetzen geheim bleiben sollen; aus dem Bereich des Unsichtbaren bringt er sie auf die Ebene des Sichtbaren - wiederum ein Eingriff in die Naturgesetze. Der Mensch dringt in die tiefsten Eigenheiten der Dinge, die zu den Geheimnissen der Natur gehören. Längst vergangene und vergessene Ereignisse bringt er ans Licht und schließt durch seine Kraft der Induktion auf künftige Geschehnisse, die noch unbekannt sein müßten. Nachrichtenaustausch und Wahrnehmung sind nach den Naturgesetzen auf kurze Entfernungen begrenzt; dennoch verbindet der Mensch den Osten und den Westen dank jener inneren Kraft, die die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt. Auch das ist ein Eingriff in die Naturgesetze. Alle Schatten sind nach dem Naturgesetz flüchtig; der Mensch jedoch bannt sie auf eine Platte - ein weiterer Eingriff in ein Naturgesetz. Überdenken Sie wohl: Alle Wissenschaften, Künste, Handfertigkeiten, Erfindungen und Entdeckungen waren Geheimnisse der Natur und müßten nach den Naturgesetzen verborgen bleiben; aber der Mensch greift durch seine Entdeckerkraft in die Naturgesetze ein und bringt jene verborgenen Geheimnisse aus dem Bereich des Unsichtbaren auf die Ebene des Sichtbaren. Dies sind alles Eingriffe in die Naturgesetze.
+15
Kurz, jene dem Menschen innewohnende, unsichtbare Geisteskraft reißt der Natur das Schwert aus der Hand und versetzt ihr einen schweren Schlag. Alle anderen Wesen, wie groß sie auch seien, sind dieser Vollkommenheiten beraubt. Der Mensch besitzt die Kräfte des Willens und des Verstehens, aber die Natur besitzt sie nicht. Die Natur ist gebunden, der Mensch frei. Die Natur ist ohne Versrand, der Mensch jedoch versteht. Die Natur weiß nichts von der Vergangenheit, der Mensch aber weiß um sie. Die Natur sieht die Zukunft nicht voraus, der Mensch aber erkennt dank seinem Unterscheidungsvermögen, was kommen wird. Die Natur ist ihrer selbst nicht bewußt ; der Mensch aber weiß um alle Dinge.
+16 #19
Wenn jemand annimmt, der Mensch sei nur ein Teil der natürlichen Welt, die Vollkommenheiten, die er besitzt, seien nur Erscheinungen der Natur und die Natur sei die Urheberin dieser Vollkommenheiten, deren sie folglich nicht ermangele, so antworten wir: Der Teil hängt vom Ganzen ab; er kann unmöglich Vollkommenheiten besitzen, die das Ganze nicht hat.
+17
Unter "Natur" sind die besonderen Eigenheiten und die zwangsläufigen Beziehungen zu verstehen, die aus den Wirklichkeiten der Dinge herrühren. Diele Wirklichkeiten der Dinge sind eng miteinander verknüpft, obwohl sie höchst mannigfaltig sind. Für diese mannigfaltigen Wirklichkeiten ist eine alles vereinigende Wirkkraft vonnöten, die sie miteinander verbindet. Zum Beispiel sind die Organe und Glieder, Teile und Elemente, die den menschlichen Körper bilden, äußerst verschieden, aber eine alles vereinigende Wirkkraft, die wir die menschliche Seele nennen, verbindet sie untereinander, läßt sie in vollkommener Harmonie und Regelmäßigkeit zusammenwirken und ermöglicht so den Fortbestand des Lebens. Der menschliche Körper ist sich dieser alles vereinenden Wirkkraft völlig unbewußt, und doch hält er sich an ihre Ordnung und arbeitet nach ihrem Willen.
+18 #20
Es gibt zweierlei Schulen von Philosophen. Sokrates der Weise glaubte an die Einheit Gottes und an das Leben der Seele nach dem Tode. Da seine Überzeugung den Ansichten seiner kurzsichtigen Zeitgenossen widersprach, vergiftete man diesen göttlichen Weisen. Alle göttlichen Philosophen, alle Menschen von Weisheit und Einsicht erkennen, wenn sie die unendliche Vielzahl der Lebewesen bedachten, daß in diesem großen, unermeßlichen Weltall alle Dinge im Mineralreich ihr Ende finden, daß aber das Ergebnis des Mineralreiches das Pflanzenreich, das Ergebnis des Pflanzenreiches das Tierreich, das Ergebnis des Tierreiches die Welt des Menschen ist. Die Vollendung dieses grenzenlosen Weltalls in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit ist der Mensch, der sich in dieser Welt eine Zeitlang müht und von verschiedensten Leiden und Schmerzen quälen läßt; dann zerfällt er, ohne Spuren und Früchte zu hinterlassen. Wäre dem so, würde dieses unendliche Weltall zweifellos mit all seinen Vollkommenheiten zu nichts anderem führen als zu Wahn und Trug, ohne Ergebnis, ohne Frucht, ohne Beständigkeit, ohne Wirkung. Es wäre völlig sinnlos. Sie (die Philosophen) gewannen hieraus die Überzeugung, daß dem nicht so ist: Diese große Werkstatt mit all ihrer Macht, ihrer verwirrenden Großartigkeit und ihren unendlichen Vollkommenheiten kann nicht einfach in ein Nichts versinken. Somit ist sicher, daß es noch ein anderes Leben gibt, und wie das Pflanzenreich das Menschenreich nicht erahnen kann, so wissen auch wir nicht um das hehre Leben, das dem menschlichen Dasein hienieden folgt. Unser Nichtwissen um jenes Leben ist jedoch kein Beweis für sein Nichtsein. Auch das Mineralreich weiß zum Beispiel nichts von der Menschenwelt und kann sie nicht begreifen; aber Unkenntnis ist niemals eine Beweis für Nichtsein. Es gibt zahlreiche schlüssige Beweise dafür, daß diese unendliche Welt mit dem Menschenleben nicht aufhören kann.
+19 #21
Nun zum Wesen der Gottheit: In Wahrheit ist sie keineswegs durch irgend etwas anderes als sich selbst bestimmt, und es ist unmöglich, sie zu begreifen; denn alles, was der Mensch sich vorstellen kann, ist eine begrenzte, keine unbegrenzte, eine umfaßte, keine umfassende Wirklichkeit - eine Wirklichkeit, die vom Menschen begriffen werden kann und von ihm beherrscht wird. Ebenso ist gewiß, daß alle menschlichen Vorstellungen kontingent, nicht absolut sind; sie haben ein gedankliches, kein materielles Sein. Auch sind die Stufenunterschiede in dieser bedingten Welt ein Hindernis für das Verstehen. Wie also kann das Kontingente sich die Wirklichkeit des Absoluten vorstellen? Es ist, wie wir sagten: Die Unterscheidung von Stufen in der bedingten Welt ist ein Hindernis für das Verstehen.
+20
Mineralien, Pflanzen und Tiere entbehren der Verstandeskräfte, mit denen der Mensch die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt; nur der Mensch begreift die Stufen unter ihm. Jede höhere Stufe begreift die niedrigere und entdeckt deren Wirklichkeit, aber die niedrigere weiß nichts von der höheren und kann sie nicht begreifen, doch durch die Macht seiner Vernunft, durch Beobachtung, durch seine Einfühlungsgabe und durch die offenbarende Macht seines Glaubens kann er Gott anerkennen und Gottes Gnadengaben entdecken.
+21 #22
Er wird gewiß, daß überzeugende (geistige) Beweise das Sein jener unsichtbaren Wirklichkeit bestätigen, auch wenn das Wesen Gottes dem Auge verborgen ist und Gottes Sein nicht faßbar ist. Das Wesen Gottes, wie es in sich selbst besteht, ist jedoch über jede Beschreibung erhaben. So ist auch das Wesen des Äthers unbekannt; daß es ihn aber gibt, wird aus seinen Wirkungen deutlich: Wärme, Licht und Elektrizität sind seine Schwingungen. Durch diese Schwingungen wird das Dasein des Äthers bewiesen. Und wenn wir die Ausgießungen der göttlichen Gnade beobachten, werden wir des göttlichen Seins gewiß. Zum Beispiel beobachten wir, daß das Sein der Lebewesen von der Verbindung verschiedener Elemente abhängt, ihr Nichtsein hinwieder von der Auflösung dieser Bestandteile; denn Auflösung verursacht die Trennung der verschiedenen Elemente. Wenn wir so sehen, daß die Verbindung der Elemente Lebewesen ins Sein ruft, und wissen, daß die Lebewesen - also die Wirkung - unendlich sind, wie kann da die Ursache endlich sein?
+22
Nun gehen alle Gestaltungen auf dreierlei Art vor sich - eine vierte gibt es nicht: zufällig, zwangsläufig und gewollt. Das Zusammenkommen der verschiedenen Bestandteile der Lebewesen kann nicht zufällig sein; denn jede Wirkung setzt eine Ursache voraus. Sie kann nicht zwangsläufig sein; denn dann müßte die Gestaltung eine wesenhafte Eigenschaft der Bestandteile sein. Wesenhafte Eigenschaften einer Sache lassen sich aber nicht von ihr nennen. Das Licht etwa, das die Dinge offenbart, die Wärme, die die Teile sich ausdehnen läßt, und die Strahlen sind wesenhafte Eigenschaften der Sonne. Unter solchen Bedingungen könnte sich keine Gestaltung auflösen, da die wesenhaften Eigenschaften einer Sache nicht von ihr zu nennen sind. Es bleibt die dritte Gestaltung, die gewollte: Eine unsichtbare Kraft, die als die Altehrwürdige Macht beschrieben wird, veranlaßt diese Bestandteile zusammenzukommen, wobei jede Gestaltung ein besonderes Lebewesen entstehen läßt.
+23 #23
Die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener göttlichen Wirklichkeit zuschreiben - Wille, Wissen, Macht und andere altehrwürdige Eigenschaften -, sind Zeichen, die das Sein der Lebewesen im Bereich des Sichtbaren widerspiegeln, nicht aber die absoluten Vollkommenheiten des göttlichen Wesens, die nicht begriffen werden können. Wenn wir zum Beispiel die erschaffenen Dinge betrachten, nehmen wir unendliche Vollkommenheiten wahr, und weil die erschaffenen Dinge von höchster Ordnung und Vollendung sind, folgern wir, daß jene Altehrwürdige Macht, von der das Sein dieser Lebewesen abhängt, nicht unwissend sein kann; wir sagen deshalb, sie sei allwissend. Es steht fest, daß sie nicht schwach sein kann; sie muß allmächtig sein. Sie ist nicht arm; sie muß allbesitzend sein. Sie ist keinesfalls nicht-seiend; sie muß also ewiglebend sein. Damit soll gezeigt werden, daß die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener umfassenden Wirklichkeit zuschreiben, lediglich Unvollkommenheiten an ihr bestreiten, nicht aber diejenigen Vollkommenheiten, die der Menschengeist sich vorstellen kann, an ihr nachweisen sollen. Folglich sagen wir, daß ihre Eigenschaften unerforschlich sind.
+24 #24
Kurz, jene umfassende Wirklichkeit mit all den Merkmalen und Eigenschaften, die wir ihr zuschreiben, ist heilig und erhaben über allen menschlichen Geist und alles Verständnis. Aber wenn wir mit offenem Bewußtsein über dieses unendliche Weltall nachdenken, stellen wir fest, daß es ohne bewegende Kraft keine Bewegung, ohne Ursache keine Wirkung geben kann, daß jedes Lebewesen unter zahlreichen Einwirkungen entstanden ist und fortgesetzt Rückwirkungen durchmacht. Diese Einwirkungen geschehen als Auswirkungen wieder anderer Einwirkungen. Die Pflanzen zum Beispiel wachsen und blühen durch die Ströme der Frühlingsschauer, die Wolke entsteht durch verschiedene andere Kräfte; diese anderen Kräfte sind Rückwirkungen auf wieder andere Kräfte. Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen unter der Einwirkung dessen, was die Gelehrten unserer Tage als Wasserstoff und Sauerstoff bezeichnen; sie sind Rückwirkungen dieser beiden Elemente. Diese ihrerseits werden unter anderen Einwirkungen gestaltet. Das gleiche kann von anderen Lebewesen gesagt werden, ob sie nun auf wieder andere Lebewesen einwirken oder selbst unter deren Einwirkung stehen. Dieser Prozeß der Verursachung setzt sich fort; aber die Behauptung, er habe kein Ende, ist offenkundig absurd. So muß die Ursachenkette zwangsläufig am Ende zu Ihm führen, der der Ewiglebende, der Allmächtige, der Selbstbestehende und die Letzte Ursache ist. Diese Allumfassende Wirklichkeit kann nicht sinnlich wahrgenommen werden. Das muß zwangsläufig so sein; denn sie ist allumfassend und nicht begrenzt, und Eigenschaften kennzeichnen die Wirkung, nicht die Ursache.
+25 #25
Wenn wir weiter nachdenken, stellen wir fest, daß der Mensch wie eine winzige Mikrobe in einer Frucht ist. Diese Frucht hat sich aus der Blüte entwickelt, die Blüte ist aus dem Baum gewachsen, der Baum ernährt sich aus dem Pflanzensaft, und der Pflanzensaft ist aus Erde und Wasser gebildet. Wie kann nun diese kleine Mikrobe das Wesen des Gartens begreifen, sich den Gärtner vorstellen und dessen Sein verstehen? Dies ist offenbar unmöglich. Aber wenn jene Mikrobe Verstand hätte und nachdenken könnte, würde ihr klar, daß der Garten und der Baum, die Blüte und die Frucht niemals von selbst in solcher Ordnung und Vollkommenheit entstehen konnten. Auf gleiche Art erkennt die weise, nachdenkliche Seele mit Gewißheit, daß dieses unendliche All in seiner ganzen Herrlichkeit und Ordnung nicht von selbst entstanden sein kann.
+26
Auch in der Welt des Seins gibt es unsichtbare Kräfte wie die vorerwähnte Kraft des Äthers, die nicht sichtbar, nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Doch durch die Wirkungen, die der Äther hervorruft, durch seine Wellen und Schwingungen, erscheinen Licht, Wärme und Elektrizität und werden offenbar. Das gleiche gilt für die Kräfte des Wachstums, der Empfindung, des Verstehens, des Denkens, des Erinnerns, der Vorstellung und der Unterscheidung. Alle diese inneren Fähigkeiten sind weder sichtbar noch wahrnehmbar; dennoch werden sie offenkundig durch die Wirkungen, die sie hervorbringen.
Was nun die Macht betrifft, die keine Grenzen kennt, so ist Begrenzung der Beweis für das Vorhandensein des Unbegrenzten; denn das Begrenzte wird durch das Unbegrenzte erkannt, so wie die Schwäche der Beweis dafür ist, daß es Kraft gibt. Ohne Wohlstand gäbe es keine Armut, ohne Wissen keine Unwissenheit, ohne Licht keine Finsternis. Die Finsternis ist ein Beweis für das Vorhandensein des Lichtes, denn Finsternis bedeutet Fehlen von Licht.
+27 #26
Was die Natur angeht, so besteht sie nur aus den wesentlichen Eigenheiten und den zwangsläufigen Beziehungen, die den Wirklichkeiten der Dinge innewohnen. Obwohl diese unendlichen Wirklichkeiten wesensverschieden sind, stehen sie doch in innigster Eintracht und enger Verbindung zueinander. In dem Maße, wie der Mensch seinen Blick weitet und scharf beobachtet, wird er gewahr, daß jede Wirklichkeit nichts als eine wesentliche Voraussetzung anderer Wirklichkeiten ist. Um all diese verschiedenen, unendlichen Wirklichkeiten zu verbinden und in Einklang zu bringen, ist eine alles vereinende Macht vonnöten, die bewirkt, daß jeder Teil des Seins in vollendeter Ordnung seine Aufgabe erfüllt. Betrachten Sie etwa den menschlichen Körper und nehmen Sie an ihm den Teil als Modell für das Ganze. Sehen Sie, wie die verschiedenen Teile und Glieder dieses Körpers eng und einträchtig miteinander verbunden sind. Jeder Teil ist eine wesenhafte Voraussetzung aller anderen Teile, und jeder hat seine besondere Aufgabe. Doch die Seele, die alles vereinende Kraft, verbindet alle Bestandteile so miteinander, daß sie ihre besonderen Aufgaben in vollendeter Ordnung erfüllen; Zusammenarbeit und Rückwirkungen werden auf diese Weise möglich. Alle Teile arbeiten nach gewissen Gesetzen, die lebensnotwendig sind. Wird jene alles vereinende Kraft, die alle Teile steuert, auf irgendeine Weise gestört, dann hören die Bestandteile zweifellos auf, ordnungsgemäß zu arbeiten. Und obwohl die alles vereinende Kraft im menschlichen Tempel weder sichtbar noch wahrnehmbar ist, obwohl sie ihrem Wesen nach unbekannt ist, offenbart sie sich doch mit ganzer Macht durch ihre Wirkungen.
+28 #27
Damit ist bewiesen und dargelegt, daß die unendlich vielen Lebewesen in diesem wundersamen Weltall nur dann ihre Aufgaben richtig erfüllen, wenn sie von jener Allumfassenden Wirklichkeit so gesteuert und überwacht werden, daß Ordnung in der Welt errichtet ist. Zum Beispiel sind Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers offenkundig und unbestreitbar; das aber ist nicht genug. Eine alles vereinende Kraft ist notwendig, die die Bestandteile steuert und überwacht, damit sie durch Wechselwirkung und Zusammenarbeit ihre notwendigen besonderen Aufgaben in vollkommener Ordnung erfüllen.
+29
Sie wissen genau - gepriesen sei der Herr -, daß Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen allen Lebewesen, ob groß oder klein, offenkundig und bewiesen sind. Im Falle großer Körper ist die Wechselwirkung so offenbar wie die Sonne; bei kleinen Körpern mag sie unerkannt bleiben, aber der Teil ist ein Zeichen für das Ganze. Alle diese Wechselwirkungen sind folglich mit jener alles umfassenden Kraft verbunden; sie ist ihr Angelpunkt, ihre Mitte, ihr Ursprung und ihr Antrieb.
+30 #28
Wie wir sahen, ist die Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers klar erwiesen ; die Teile und Glieder leisten allen anderen Körperteilen ihre Dienste. Zum Beispiel helfen Hand, Fuß, Auge, Ohr, Verstand und Vorstellungskraft den verschiedenen Teilen und Gliedern des Körpers, aber alle diese Wechselwirkungen sind durch eine unsichtbare, alles umfassende Kraft verknüpft; sie bewirkt, daß diese Wechselwirkungen mit vollkommener Regelmäßigkeit hergestellt werden. Es handelt sich um die innere Fähigkeit des Menschen, das heißt, um seinen Geist und seine Seele, die beide unsichtbar sind.
+31
Beobachten Sie in der gleichen Weise Maschinen und Werkstätten; achten Sie auf die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Bestandteilen und Arbeitsgruppen, wie eng sie eines mit dem anderen verbunden sind. Alle diese Beziehungen und Wechselwirkungen sind jedoch mit einer zentralen Macht verknüpft, die ihr Antrieb, ihr Angelpunkt und ihr Ursprung ist. Dies kann die Kraft des Dampfes sein oder das Geschick des unternehmerischen Geistes.
+32
Somit ist klar erwiesen, daß die Wechselwirkung, die Zusammenarbeit und die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Lebewesen der Steuerung und dem Willen einer bewegenden Macht unterliegen; sie ist der Ursprung, der Antrieb und der Angelpunkt aller Wechselwirkungen des Weltalls.
+33 #29
Jede Anordnung und Gestaltung, die nicht vollkommen in ihrer Ordnung ist, bezeichnen wir als zufällig; ist sie aber geordnet, regelmäßig und vollkommen in ihren Beziehungen, steht jeder Teil am richtigen Platz, bildet jeder Bestandteil eine wesentliche Voraussetzung für alle anderen, dann sprechen wir von einem Gebilde, das durch Willen und Wissen gestaltet wurde. Ohne jeden Zweifel sind diese unendlichen Lebewesen, ist die Vereinigung dieser verschiedenen Elemente zu unzähligen Formen von einer Wirklichkeit ausgegangen, die keineswegs ohne Willen und Verstand sein kann. Das ist für den menschlichen Geist klar erwiesen, und niemand kann es leugnen. Es bedeutet jedoch nicht, daß wir jene umfassende Wirklichkeit oder deren Eigenschaften begriffen. Weder ihr Wesen noch ihre wahren Eigenschaften sind von irgend jemandem erfaßt worden ; aber wir halten daran fest, daß diese unendlichen Lebewesen, diese zwangsläufigen Beziehungen, diese vollkommene Anordnung notwendigerweise von einem Ursprung ausgehen, der des Willens und der Vernunft nicht ermangelt, und daß diese unendliche Gestaltung, die sich in unendlich viele Formen ergießt, von einer allumfassenden Weisheit verursacht worden sein muß. Dies kann nur bestreiten, wer halsstarrig und verstockt ist, wer klare, unmißverständliche Zeichen abweist und so zum Gegenstand des heiligen Verses wird: "Taub, stumm und blind sind sie - darum finden sie keine Umkehr" (Qur'án 2:19).
+34
Nun zu der Frage, ob die Fähigkeiten des Geistes und die Seele des Menschen ein und dasselbe sind: Die Geisteskräfte sind nur Eigenbesitz der Seele, so etwa Vorstellungskraft, Denkkraft, Verständnis - alles Kräfte, die wesentliche Voraussetzungen der menschlichen Wirklichkeit sind, so wie der Sonnenstrahl Eigenbesitz der Sonne ist. Der Tempel (Körper) des Menschen ist wie ein Spiegel, seine Seele ist wie die Sonne, und seine Geisteskräfte sind wie die Strahlen, die von dieser Lichtquelle ausgehen. Der Strahl kann aufhören, auf den Spiegel zu fallen, aber er kann nicht von der Sonne getrennt werden.
+35 #30
Kurz, der wesentliche Punkt ist der, daß die Welt des Menschen im Verhältnis zum Pflanzenreich übernatürlich ist - in Wirklichkeit ist sie dies selbstverständlich nicht. Auf die Pflanze bezogen, ist die Wirklichkeit des Menschen, sein Hör- und Sehvermögen, übernatürlich. Für die Pflanze ist es unmöglich, diese Wirklichkeit und das Wesen der menschlichen Geisteskraft zu erfassen. So ist es auch für den Menschen völlig unmöglich, das Wesen des Göttlichen und des Lebens nach dem Tode zu begreifen. Die Gnadengaben des Göttlichen ergießen sich jedoch auf alle Lebewesen, und der Mensch hat die Pflicht, in seinem Herzen über diese Ausgießungen der göttlichen Gnade, zu denen auch seine Seele gehört, nachzudenken - nicht aber über das Wesen der Gottheit. Hier liegt die Grenze menschlichen Begreifens. Wie bereits gesagt, sind die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir vom Wesen der Gottheit berichten, dem Dasein und der Beobachtung der Lebewesen entnommen, und es ist keineswegs so, daß wir damit Gott in Seinem Wesen und in Seiner Vollkommenheit begriffen hätten. Wenn wir sagen, die göttliche Wirklichkeit sei vernünftig und frei, bedeutet dies nicht, daß wir den Willen und die Absicht Gottes entdeckt hätten, sondern daß wir durch die göttlichen Gnadengaben, die sich in den Wirklichkeiten der Dinge kundtun und offenbaren, Wissen um den Willen und die Absicht Gottes erworben haben.
+36 #31
Zu unseren gesellschaftspolitischen Grundsätzen: Die Lehren Seiner Heiligkeit Bahá'u'lláhs, die schon vor 50 Jahren (um 1870) weit verbreitet wurden, umfassen alle anderen Lehren. Es ist klar erwiesen, daß die Menschheit ohne diese Lehren in keiner Weise fortschreiten und vorankommen kann. Jede Gemeinschaft auf der Welt findet in diesen göttlichen Lehren die Verwirklichung ihres höchsten Strebens. Sie sind wie ein Baum, der unter allen Bäumen die besten Früchte trägt. Die Philosophen zum Beispiel sehen in diesen himmlischen Lehren die vollkommene Lösung ihrer gesellschaftlichen Probleme und gleichzeitig eine wahre, vornehme Darlegung von Sachverhalten, die sich auf philosophische Fragen beziehen. Religiöse Menschen schauen die Wirklichkeit der Religion in diesen himmlischen Lehren deutlich offenbart; klar und schlüssig finden sie bewiesen, daß diese Lehren das wirkliche Heilmittel für die Leiden und Gebrechen der ganzen Menschheit sind. Wenn diese erhabenen Lehren Verbreitung finden, wird die Menschheit von allen Gefahren, von allen ihren chronischen Leiden und Krankheiten befreit. So verkörpern die Bahá'í-Grundsätze für das Wirtschaftsleben die höchsten Bestrebungen aller lohnabhängigen Klassen wie auch diejenigen der verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Schulen.
+37
Kurz, alle Interessengruppen und Parteien finden ihre Ziele in den Lehren Bahá'u'lláhs verwirklicht. Wenn diese Lehren in Kirchen, Moscheen und anderen Andachtsstätten - sei es bei den Anhängern Buddhas oder denen des Konfuzius -, in politischen Zirkeln oder unter den Materialisten verkündet werden, müssen alle bezeugen, daß diese Lehren der Menschheit neues Leben verleihen und das rasch wirksame Heilmittel für alle Krankheiten des Gesellschaftslebens sind. Niemand kann an irgendeiner dieser Lehren etwas auszusetzen haben; einmal dargelegt, werden sie alle Beifall finden. Jeder wird bekennen, wie lebenswichtig diese Lehren sind, und wird ausrufen: "Dies ist gewißlich die Wahrheit, und neben der Wahrheit gibt es nichts als offenkundigen Irrtum".
+38
Diese wenigen Worte sind nun aufgezeichnet, und sie werden für jeden ein klarer, schlüssiger Beweis der Wahrheit sein. Denken Sie in Ihrem Herzen darüber nach! Der Wille jedes Philosophen findet bei einer Handvoll Schüler zu seinen Lebzeiten Ausdruck. Aber die Macht des Heiligen Geistes strahlt hell aus der Wirklichkeit der Gottesboten und stählt deren Willen in solcher Weise, daß er ein großes Volk über Jahrtausende hin beeinflußt, die Menschenseele neu erschafft und die ganze Menschheit neu belebt. Bedenken Sie, wie groß diese Macht ist! Es ist eine ungewöhnliche Macht, ein allgenügender Beweis für die Wahrheit in der Sendung der Propheten Gottes, ein untrügliches Zeichen für die Kraft göttlicher Eingebung.
Die Herrlichkeit des Allherrlichen sei mit Ihnen!
Haifa, 21. September1921
(gez.) Abdu'l-Bahá Abbás
#33
Die Welt als Gestaltung
Zum Verständnis des Briefs an Forel
Es war eine Jahrhundertbegegnung, auch wenn sie nur in einem Briefwechsel bestand.
I
August Henri Forel, am 1. September 1848 in Morges (Kanton Waadt, Schweiz) geboren, gehörte zu den unermüdlichen Vorkämpfern der zweiten, der biologischen Aufklärung. Seine Lebenserinnemngen¹ sind - über die zahlreichen Biographien² hinaus - ein großartiges Dokument der Entwicklung eines überragenden Geistes im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Die Kindheit inmitten einer Patrizierfamilie, unweit des Genfer Sees in ländlicher Umgebung verbracht, steht unter dem Eindruck der streng calvinistischen Mutter, die den kleinen Jungen mit Religion überfüttert. Der Achtjährige wünscht, nie geboren worden zu sein, der Heranwachsende ist, wie der psychosomatisch denkende Autobiograph festhält, "hoch aufgeschossen, sehr muskelschwach, in allen körperlichen Übungen außer dem Davonlaufen minderwertig", und der große Fleiß in der Schule, der hinzukommt, trägt ihm den Spitznamen "Perdrix" (Rebhuhn) ein. Aber da ist ein Onkel Edouard als Gegenpol der - sehr geliebten - Mutter. Er führt den Jungen an die Freuden der Naturforschung heran, und dieser "tröstet sich immer wieder bei den Ameisen" über das Christentum und sein "mystisches Blendwerk" hinweg. Noch bevor er Student ist, erwirbt er sich mit einer Beschreibung der Ameisen in der Schweiz die Anerkennung der Fachwelt. Über der Lektüre Darwins keimt der Monismus als Weltanschauung in ihm auf, der Glaube, daß alles Seiende aus einem einzigen Prinzip heraus entwickelt sei, im Gegensatz zum Dualismus der gealterten christlichen Religion, in der das Geistige überscharf vom Natürlichen geschieden und dogmatisch verkrustet ist.
¹ August Henri Forel, "Rückblick auf mein Leben", Büchergilde Gutenberg, Zürich 1935
² z.B. Annemarie Wettley, "August Forel. Ein Arztleben im Zwiespalt seiner Zeit", Otto Müller Verlag, Salzburg 1953
Forel studiert Medizin. Im Winter 1870 / 71 meldet er sich zum Hilfsdienst in einem Kriegslazarett bei Belfort. Daß er sich nach seiner Promotion auf die bis dahin noch fast völlig im Dunkeln liegende Anatomie des menschlichen Gehirns stürzt, liegt nahe, wenn man sich das Bedürfnis vergegenwärtigt, vor sich selbst, seiner Mutter und allen anderen seinen Gegenglauben zu beweisen. In München entdeckt er die "bayrische Bierniere" bei Paralyrikern und legt den Grundstein für seine spätere Alkoholgegnerschaft. Der Satz in seiner Habilitationsschrift "Sämtliche Eigenschaften der menschlichen Seele können aus den Eigenschaften der Seele höherer Tiere abgeleitet werden" bringt seinen alten Anatomieprofessor an den Rand eines Schlaganfalls.
Als Psychiater übt er sich in Selbstcharakterisierung und findet sich "redselig, voreilig und zu scharf urteilend, ausdauernd, richtige Gedanken rasch realisierend ... Durch einen Pessimismus, bei welchem man von der Welt nichts, von sich alles erwartet, gelangt man allmählich am sichersten zu einem gesunden und dauerhaften Optimismus". Er habe ein Gedächtnis nur für Wichtiges, habe gern "rasch einen Strich durch die Vergangenheit gezogen und immer vorwärts in die Zukunft geschaut". Seine Phantasie lasse er ausschließlich intellektuell spielen.
So ist er für den ersten großen Kampf seines Lebens gut gerüstet: die Leitung der Irrenanstalt Burghölzli bei Zürich, die er 1879, mit 31 Jahren, neben der Professur für Nervenheilkunde an der Universität Zürich, übertragen bekommt. Er findet einen Augiasstall vor und setzt sich durch: gegen den korrupten Verwalter, gegen die unentschlossene Kantonsregierung, gegen das disziplinlose Personal, gegen Arztkollegen, die seinen neuen Methoden gegenüber skeptisch sind. Seine junge Frau und eine kleine Schar enger Mitarbeiter sind ihm verläßliche Stützen. Zum wissenschaftlichen Forschen und Beschreiben hinzu lernt er, für gesichertes Ideengut öffentlich in Wort und Schrift zu agitieren und politisch zu taktieren. Zunächst ist es die Hypnose, auf deren Erforschung und medizinische Anwendung er maßgeblichen Einfluß nimmt; sein grundlegendes Werk darüber erreicht bis 1923 zwölf Auflagen. In der Praxis der Irrenanstalt entdeckt er bald, welch verhängnisvollen Beitrag der Alkohol zum seelischen und sozialen Elend der Menschheit leistet.
Er sieht ein, daß er ohne persönliche Abstinenz auf Trinker nicht heilend einwirken kann, und "richtige Gedanken rasch realisierend", unterschreibt er mit seiner Frau ein Abstinenzversprechen auf zwei Jahre. Im Jahre 1887 gilt so etwas noch als vollendeter Beweis unverbesserlicher Schrulligkeit; eine Zeitung erklärt ihn für "den verrücktesten aller Geisteskranken in der Irrenanstalt Burghölzli". Aber Forel hält durch, gründet mit dem frommen Schuster Boßhardt eine erfolgreiche Trinkerheilstätte und stürzt sich in den öffentlichen Kampf gegen die Trunksucht. Hauptgegner seiner Agitation sind die Mäßigungsapostel, hinter denen sein politischer Spürsinn rasch die Interessen der Brauereien und Brennereien entdeckt und deren Argumente er wissenschaftlich entlarvt. Diesem Zweck dient auch ein Selbstversuch: Nach Ablauf der bewußten zwei Jahre beginnt er, wieder mäßig zu trinken, und notiert genau den dabei festgestellten Leistungsabfall, um sich bald danach endgültig zur völligen Abstinenz zu bekennen. Für seinen Standpunkt, jeder Leiter einer Irrenanstalt müsse abstinent sein, kann er eine ganze Reihe von Kollegen gewinnen.
Mehr und mehr nimmt der Kampf gegen den Alkohol bei Forel religiöse Züge an. Der Alkohol ist ihm ein Kulturgift, ja die realisierte Erbsünde. Er fühlt die Verpflichtung, selbst ins Volk zu gehen, und sträubt sich innerlich dagegen, daß erfolgreiche Trinkerheilung bislang mit irrationaler religiöser Bekehrung und Erweckung eng verknüpft ist. Belehrt werden müssen alle, nicht nur die, welche glauben können. Auch erweitert Forel das Problem Alkohol zum Problem der sozialen Hygiene schlechthin, die ihm zur Grundlage des Kulturfortschritts wird. Die frühen Forschungsergebnisse der Vererbungslehre auferlegen schwere Verpflichtungen. Was später bei dem Morartheologen und Mediziner Albert Schweitzer die "Ehrfurcht vor dem Leben" werden wird, konkretisiert sich bei dem Insektenforscher und Psychiater Forel zu einer "Ehrfurcht vor dem Keimplasma" als Träger des höheren Lebens, und alle schädigenden Einflüsse auf dieses Keimplasma werden zur Sünde schlechthin. 1892 gründet Forel die erste Guttemplerloge in der Schweiz; aber gleich zu Beginn seiner rührigen Arbeit für diese rein humanitäre Kampfvereinigung gegen den Alkoholismus erwägt er, ob nicht der Sozialismus der erweiterte Rahmen für seinen Kampf gegen die Unkultur sein müsse, und über diesen hinaus ein militanter Pazifismus.
So ist es bald die gesamte Kultur der Gattung Mensch, um die sich Forel als Arzt sorgen zu müssen glaubt. Der Naturforscher Forel studiert von frühester Kindheit an die höchst entwickelten Sozialorganismen, diejenigen der Ameisen, der Kryptocalvinist Forel steht unter einem starken Zwang zur Selbstverwirklichung im Dienst der Gesellschaft, dem Arzt und Anstaltsdirektor Forel brennt die praktische und seelische Not der unteren Gesellschaftsschichten auf den Nägeln, und der Monist und Evolutionsforscher Forel glaubt an die Lehren der neuen, der biologischen Aufklärung, die es im Volk zu verbreiten gilt, um die schweren Schäden der neuen industriellen Lebensbedingungen und der alten menschlichen Dummheit und Lasterhaftigkeit zu beseitigen oder doch wenigstens einzudämmen. Forel muß Missionar, ja Apostel oder gar Prophet werden. 1898, mit 50 Jahren, kündigt er seine Direktorstelle in der Irrenanstalt Burghölzli und läßt sich von seiner Professur beurlauben, um sich in seiner waadtländischen Heimat als frei praktizierender Nervenarzt und Schriftsteller niederzulassen. Daneben unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen über Europa hinaus. Auf Dutzenden von Kongressen steht er als überzeugender Redner und geachtetes Vorbild im Mittelpunkt. "Wer kann ihn sehen und hören, ohne ihn zu lieben?" fragt 1901 ein Tagungspräsident nach Forels Vortrag, und die Versammlung klatscht anhaltend Beifall.
Wo die Grenzen von Forels "darwinistischmechanistischem Standpunkt" (Wettley, S. 109) verlaufen, zeigt sich zum Beispiel an seinem Buch "Die sexuelle Frage", das bis 1942 Dutzende von Auflagen erlebte und in 23 Sprachen übersetzt wurde. Forel geht von der Gewinnsucht, dem "Erotismus" und der Religiosität des Menschen aus, die zu den verschiedensten Erscheinungen bis hin zur ekstatisch-erotischen oder zur asketischen Form der Mystik führen. Gelten läßt er nur den Zweck der Fortpflanzung. "Somit muß sich jeder Lösungsversuch der sexuellen Frage auf die Zukunft und auf das Glück unserer Nachkommen richten". Es ist dieselbe amusische Grundhaltung, aus der heraus ihm jedes Verständnis für das großartige Bild abgeht, das Oskar Kokoschka 1909 von ihm man, derselbe Rationalismus, mit dem er die tiefenpsychologischen Forschungen Sigmund Freuds als "Übertreibungen" abtut und nach einer Tagung von Psychoanalytikern in Zürich festhält, es seien wieder "die übliche Eitelkeit und Selbstüberschätzung" und "abgeschmackter Unsinn" zur Geltung gekommen¹.
¹ August Henri Forel, "Rückblick auf mein Leben", Zürich 1935, p.235
Wie in der "sexuellen Frage" nach Forel alles darauf ankommt, daß sie "vom immanenten Zweck" der "Fortpflanzung" her, "vor allem naturwissenschaftlich, psychologich-physiologisch und soziologisch behandelt" wird, so geht er auch in vielen Vorträgen und Schriften mit den großen politischen Fragen seiner Zeit zu Werk. Einige Titelbeispiele zeigen, wie breit das Feld der Fragen ist, zu denen sich Forel äußerte, und nachdem Abdu'l-Bahá Forels Werke als "zweifellos sehr segensreich" bezeichnete, sollten wir sie durchaus als einen wertvollen Ausdruck des Zeitgeistes in Erinnerung behalten:
- Jugend, Evolution, Kultur und Narkose. München 1908
- Malthusianismus oder Eugenik. München 1908
- Die Vereinigten Staaten der Erde. Ein Kulturprogramm. München 1914/15
- Genug zerstört, wieder aufbauen. Zürich 1916
- Der supranationale Friede. 1916
- Die Zukunft des Strafrechts. Ethik der Zukunft. 1921
- Der Weg zur Kultur. Wien 1924
- Der wahre Sozialismus der Zukunft. Berlin 1926.
- Die Rolle der Heuchelei, der Beschränktheit und der Unwissenheit in der landläufigen Moral. München 1908
Und doch fehlt etwas in diesem rastlosen Wirken für die Sozialhygiene, den Frieden und den Kulturfortschritt. Forel spürt es selbst in dem Maß, wie er alt und krank wird und schwere Schicksalsschläge über ihn hereinbrechen. Der Monismus, von dem er nicht ablassen will, ist eine recht unpersönliche Weltanschauung; es tut auf Dauer nicht gut, sich zu sehr von des Geschickes Mächten abhängig zu wissen, auch wenn man diese Mächte nach und nach wissenschaftlich durchleuchtet. So können wir die Wirkung verstehen, die bei dem 72jährigen Forel eintrat, als er 1920 in Karlsruhe, im Hause seines Schwiegersohnes Dr. Artur Brauns, zum erstenmal von der Bahá'í-Religion hörte. Vor allem die Berichte über das Leben und Wirken Abdu'l-Bahás müssen Forel stark beeindruckt haben.
#40
II
Wer war Abdu'l-Bahá? Wer ist und bleibt Er? Bahá'u'lláh (1817-1892), der prophetische Begründer der Bahá'í-Religion, nannte Ihn, Seinen erstgeborenen Sohn, "das Geheimnis Gottes"; wir werden dieses Geheimnis nie ganz ergründen können. Halten wir uns also an die Daten:
Abdu'l-Bahá ist am 23. Mai 1844, vier Jahre vor Forel, geboren, in Tihrán am selben Tag, an dem in Shíraz der Báb (1819-1850) Seine Sendung verkündete, eine neue religiöse Offenbarung einzuleiten und den Weg für "Den, den Gott offenbaren wird" (Bahá'u'lláh), zu bereiten. 'Abdu'l-Bahá ist sechs Jahre alt, als der Báb in Tabríz selbst zum Blutzeugen Seiner Sendung wird, und im Alter von acht Jahren - im selben Alter, in dem der junge Forel vor lauter Skrupeln und Zweifeln wünscht, nie geboren worden zu sein - darf Abdu'l-Bahá von fern beobachten, wie Sein über alles geliebter Vater in schweren Ketten aus dem "Schwarzen Loch", dem Kerker des Sháh in Tihrán, einige Minuten ans Sonnenlicht geführt wird. Kurz darauf beginnt eine Zeit der Verbannung und Erniedrigung, die für Abdu'l-Bahá, den Enkel eines Ministers aus altem persischem Adel, bis zu Seinem 65. Lebensjahr dauert. Die erste Station nach einem Wintermarsch durchs Gebirge ist Baghdád; dort ist der Heranwachsende der Erste, der Seinen Vater als den Verheißenen aller Religionen der Vergangenheit erkennt, lange bevor Bahá'u'lláh sich 1863 öffentlich erklärt. Wie es der Name, den Er annimmt, ausdrückt - 'Abdu'l-Bahá ist arabisch und bedeutet "Diener Bahá'u'lláhs" -, stellt 'Abdu'l-Bahá Sein ganzes Leben unter die Aufgabe, die "Sache Gottes" zu verkünden und zu verteidigen. Überall auf dem langen Verbannungsweg, in Konstantinopel, Adrianopel und ab 1868 in der Gefängnisstadt 'Akká, offenbart Er in triumphierender, leidgestählter Durchgeistigung diejenigen Eigenschaften und Kräfte, auf welche Bahá'u'lláh die Zukunft Seiner weltweiten Glaubensgemeinschaft gründete, und in Seinem Testament setzt Bahá'u'lláh 'Abdu'l-Bahá als Vorbild religiösen Lebens, als Ausleger Seines Wortes und als Mittelpunkt Seines Bündnisses ein.
Zwischen 1892 und 1908 sind die Verfolgungen für Abdu'l-Bahá besonders hart; dann befreit Ihn wie viele andere politische und religiöse Gefangene die Jungtürkische Revolution. Die bis dahin seltenen Kontakte mit dem Westen können aufgebaut werden; 1911 bis 1913 reist 'Abdu'l-Bahá durch Europa und Nordamerika, besucht die jungen Bahá'í-Gemeinden, festigt ihren Glauben vor der drohenden Katastrophe des Ersten Weltkrieges, die Er klar vorausschaut, und spricht zu zahllosen öffentlichen Versammlungen in Universitäten, Kirchen, Friedensvereinigungen und menschenfreundlichen Gesellschaften. Bei vielen prominenten Persönlichkeiten, bei hoch und niedrig, hinterlassen Seine Ansprachen in ihrer klaren, systematischen Zusammenfassung der Anliegen geistiger Kultur und aufgeklärter Religion einen nachhaltigen Eindruck. Als "Ansprachen in Paris", "Beantwortete Fragen", "The Promulgation of Universal Peace" und in Tausenden von "Tablets" sind Seine Gedanken festgeschrieben, und Abhandlungen wie "Das Geheimnis göttlicher Kultur" führen die aktuellsten politischen Probleme auf ewige Wahrheiten zurück. Während des Weltkrieges im Heiligen Land isoliert, festigt Abdu'l-Bahá die kleine dortige Gemeinde durch Erinnerungen an die großen Vorbilder des jungen Glaubens ("Memorials of the Faithful"¹); zugleich fordert Er die Bahá'í des Westens auf, die Verbreitung der Sache Bahá'u'lláhs nach Seinem Beispiel fortzusetzen und als "Pioniere" zielbewußt in alle Länder des Planeten zu reisen.
¹ Wilmette, Illinois, USA, 1971
Als General Allenby im Spätsommer 1918 Haifa von der türkischen Herrschaft befreit, kabelt er nach London: "Habe heute Palästina eingenommen. Verständigte die Welt, daß Abdu'l-Bahá in Sicherheit ist". Die Ritterschaft des Britischen Empires akzeptiert Abdu'l-Bahá als "Ehrengeschenk eines gerechten Königs", und Seine Bestattung im November 1921 ist die volkreichste Demonstration für die geistige Einheit der Religionen, die das Heilige Land bis dahin je erlebt hat.
#43
III
Worum geht es in dem Brief, den Shoghi Effendi (1896-1957), der von Abdu'l-Bahá eingesetzte "Hüter der Sache Gottes", als "eines der schwerstwiegenden Sendschreiben, die Er je geschrieben hat"¹, wertet?
¹ Shoghi Effendi, "Gott geht vorüber", Oxford 1954 und Langenhain 1974 p.350
Forel führt sich ein als Monisten. Für ihn ist die Welt ein durchgehendes Ganzes. Dieses Ganze läßt sich zwar in Stufen, Formen, Klassen, Arten usw. unterteilen; aber solche Unterteilungen sind intellektuelle Hilfsmittel, so wie es die Längen- und Breitengrade auf unserem Globus sind. Die menschliche Kultur ist also die - vermutlich, aber nicht sicherlich - höchste Stufe oder Form der Entwicklung, die in diesem Universum möglich ist, und Gott ist für Forel, wie er wörtlich schreibt, "nichts als das - mutmaßlich absolute, aber für den Menschen absolut unerkennbare - Wesen des Universums". Er läßt offen und will, von seinem Bewußtsein als "absoluter Agnostiker" her, auch gar nicht klären, ob dieser Gott als "Wesen des Universums" nun ebenfalls eine intellektuelle Konstruktion wie die Meridiane auf unserem Globus ist, oder ob dieser Gott Substanz, folglich auch "Eigenschaften" und womöglich "Absichten" hat. Die Frage danach bezeichnet Forel als "absolut nutzlos", und man braucht kein Tiefenpsychologe zu sein um festzustellen, daß hier eine echte Verdrängung vorliegt, auch unter rein intellektuell-wissenschaftlichen Gesichtspunkten; Forel wittert hinter den möglichen Fragen nach den Eigenschaften und Absichten Gottes den Dogmatismus, den er bei seiner calvinistischen Mutter oder bei einem jesuitischen Freund erlebt hat. Er weiß, daß mit dogmatisch gebundenen Menschen intellektuelle Diskussionen mit logischen Mitteln kaum möglich sind. Unterbewußt hat er aber durchaus das Bedürfnis, in dieser Frage überzeugt zu werden und an dem wie auch immer vorgestellten Wesen des Universums, das Gott ist, Eigenschaften und Absichten zu erkennen; denn er lebt in einer furchtbaren, umfassenden Angst, der Angst vor dem Untergang der gesamten menschlichen Kultur.
Auch damals, als der junge Dozent Forel seine Münchener Professoren schockierte, ging es um Eigenschaften, um diejenigen der menschlichen Seele nämlich, deren "sämtliche Eigenschaften sich", Forel zufolge, "aus den Eigenschaften der Seele höherer Tiere ableiten" lassen. Dem Wissenschaftler Forel ist es unmöglich, Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu beweisen. Wie, wenn die menschliche Kultur nur eine kurze, vorübergehende Episode in der Milliarden Jahre langen Naturgeschichte ist? Wie, wenn das Menschengeschlecht an seiner eigenen Dummheit und Böswilligkeit zugrunde geht, an denjenigen Eigenschaften, die sich aus den Eigenschaften der höheren Tiere ableiten lassen und die weder die Religion in Jahrtausenden noch die neuerworbene Wissenschaft in Jahrzehnten beseitigen konnte, ehe sie im Chaos des Ersten Weltkriegs aufbrachen? Wie, wenn der nachweisliche Degenerationsprozeß tatsächlich fortschreitet, bis zum Beispiel diejenigen sozialisierten Tierarten, die Forel unermüdlich studiert hat, die Ameisen, die Oberhand gewinnen und den Menschen in der Weltherrschaft ablösen? Wir wollen nicht versäumen hier anzumerken, daß einige der schlimmsten Zukunftsromane der zwanziger Jahre auf Forels Forschungen und Ideen zurückgeführt werden. Eine typisch Forel'sche Grundfrage lautete lange Zeit: "Was können wir tun, um ameisenähnlicher zu werden und zugleich Mensch zu bleiben?"
Diese verdrängten metaphysischen Fragen quälen den alten Forel umso mehr, als er nicht nur vom sicheren schweizerischen Beobachterposten aus den Ersten Weltkrieg miterlebt, sondern auch selbst schwer unter Alterskrankheiten leidet und durch den Tod seines ältesten Sohnes, der kurz nach der medizinischen Staatsprüfung an einer Embolie stirbt, seine größte Hoffnung zerschlagen sieht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Kultur überhaupt bricht also förmlich über Forel herein. Der Jesuit Wasmann, den er als Forscher schätzt und 1918 einige Tage lang zu Gast hat, kann ihn nicht damit überzeugen, daß er solche Sinnfragen, die alle Wissenschaft übersteigen, "offen oder von Rom entscheiden läßt". Umso mehr muß Forel eine religiöse Bewegung faszinieren, die sich so gut wie alle Ziele seines lebenslangen Kampfes um Kultur und Sozialhygiene aufs Panier geschrieben hat, große Opfer dafür gebracht hat und von einer so überragenden Gestalt wie 'Abdu'l-Bahá repräsentiert wird.
Forel spitzt seine Zweifel am Dasein eines persönlichen Gottes, der Bewußtsein, Willen, Macht usw. besitzt, zu der Frage zu, ob er Monist und Agnostiker bleiben und zugleich Bahá'í werden könne. Es ist abwegig und oberflächlich zu behaupten, 'Abdu'l-Bahá sei dieser Frage ausgewichen, nur weil Er nicht direkt darauf geantwortet hat. Ganz im Gegenteil geht 'Abdu'l-Bahá mit Seiner indirekten Antwort viel gründlicher und genauer auf Forels Frage ein, als Er es mit dem von Forel geforderten "ja oder nein" gekonnt hätte, behandelt Er doch im Grunde die Frage, wie Forel überhaupt zu seiner schroffen Fragerei kommt.
Abdu'l-Bahá unterscheidet die Naturphilosophen - im Französischen Forels ist von "naturalistes" die Rede, in der englischen Übersetzung der Antwort von Shoghi Effendi von "materialists" - nach dem Gesichtspunkt, ob sie an Gott glauben oder Gott ausdrücklich ablehnen; auch die "feingebildeten, bescheidenen materialistischen Philosophen, die (der Menschheit) Dienste getan haben", also über ihrem rührigen Einsatz für den Kulturfortschritt die Frage nach Gott offen gelassen haben, werden geschätzt. Nur den militanten Materialismus lehnt Abdu'l-Bahá nachdrücklich ab.
Bei den "Geisteskräften" (mental faculties) unterscheidet Abdu'l-Bahá zwischen dem Verstand (mind, intellect, reasoning power), den Er als etwas Instrumentales faßt, und der Seele (soul) bzw. dem Geist (spirit), wobei Er diese beiden Begriffe fast identisch verwendet. Hier werden künftige Philosophen auf der Grundlage des persisch-arabischen Sprachgebrauchs und der islamischen Geistesgeschichte intensive Studien anzusetzen haben. Uns heutigen Nichtfachleuten sollte genügen, daß wir uns vor allzu weitgehenden Objektivierungen von Begriffen wie Geist, Vernunft und dergleichen fast ebenso in Acht nehmen müssen wie vor materialistischen Fehlschlüssen.
Abdu'l-Bahá sucht glaubhaft zu machen, daß der Mensch über der Natur steht, wobei Er Natur als "die besonderen Eigenheiten und die zwangsläufigen Beziehungen, die aus den Wirklichkeiten der Dinge herrühren", definiert. Gewiß, hier kann ein überzeugter Materialist von Taschenspielereien reden; denn sein Naturbegriff ist im Zweifel ein wenig weiter gefaßt. wesentlich in diesem Zusammenhang ist der Begriff der "alles vereinigenden Wirkkraft" (all-unifying agency), die "die mannigfaltigen Wirklichkeiten der Dinge miteinander verbindet" und die der Materialist als etwas Innernatürliches, Abdu'l-Bahá als etwas Übernatürliches, Transzendentes denkt. Warum? Weil der Mensch Vollkommenheiten besitzt, die der Natur abgehen, und ein Teil unmöglich Vollkommenheiten besitzen kann, die das Ganze nicht hat. Da es nur drei Arten von Gestaltung (formation) gibt und die Welt sich weder zufällig noch zwangsläufig entwickelt hat, muß sie das Ergebnis eines (göttlichen) Willens sein. Die Gottheit, die auf diese Weise als existent erkannt wird, ist über alle Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir Menschen ihr zuschreiben, erhaben; Eigenschaften und Vollkommenheiten sind nur Zeichen, die das Göttliche im Bereich des Diesseitigen widerspiegeln.
Entscheidend ist, wenn wir dieser Argumentationskette gegenübertreten, daß wir es nicht in derselben Weise tun, wie wir einen wissenschaftlichen Beweis in irgendeiner Einzelfrage prüfen. So wenig wir einen Ereignisablauf, in den wir selbst handelnd einbezogen sind, jemals exakt wissenschaftlich beschreiben und Behauptungen darüber "beweisen" können, so wenig können wir das mit einem Weltbild tun, so hochstehend es in logischer und ästhetischer Hinsicht auch sein mag. Letztlich geht es immer um eine Glaubensentscheidung, und die ist eine Willenssache. Nur dürften kam jemals die Argumente dafür so schön zusammengetragen worden sein wie in Abdu'l-Bahás Brief an Forel.
Schön ist vor allem der nahtlose Übergang von der Natur- zur Geistphilosophie bei 'Abdu'l-Bahá. Die Naturgesetze sind ebenso wohltuend wie unerbittlich. Der Mensch ist wie eine Mikrobe in einer Frucht an einem Baum in einem Garten; er kann sich das Wesen Gottes so unmöglich vorstellen wie die Mikrobe sich das Wesen des Gärtners ausdenken kann. Er kann nur das Dasein Gottes erkennen, seine Absicht zu begreifen und zu verwirklichen suchen. Darum geht es. Dieses Anliegen zu verkünden, ist das Amt der Propheten Gottes, die in der gesellschaftlichen Hierarchie Abdu'l-Bahás "die höchste Stufe und den hehrsten Bereich, den vornehmsten und erhabensten Rang" einnehmen¹.
¹ Abdu'l-Bahá "Das Geheimnis göttlicher Kultur", Oberkalbach 1973, S.28
So ist es nur logisch, daß Abdu'l-Bahá zum Schluß behauptet: "Die Lehren Bahá'u'lláhs ... umfassen alle anderen Lehren ... Sie sind wie ein Baum, der unter allen Bäumen die besten Früchte trägt".
Es hätte den Rahmen des Briefes an Forel gesprengt, hätte 'Abdu'l-Bahá hier im einzelne gehend die Drei-Welten-Theorie von Gott, Seiner "Sache" (englisch cause, arabisch 'amr) und der Schöpfung, die von der Sache, dem Befehl, der Absicht Gottes her "globalgesteuert" wird, entwickelt, hätte Er die Idee der fortschreitenden Gottesoffenbarung dargelegt, wonach an Wendepunkten der Weltgeschichte jeweils eine neue "Manifestation Gottes" das Programm für den Lernfortschritt der Menschheit in einem neuen Abschnitt ihrer Kultur festlegt, oder hätte Er alle die geistigen und politischen Ziele, die persönlichen Motivationen und die gesellschaftlichen Imtrumente behandelt, die Bahá'u'lláh für das Programm unserer Zeit, die umfassende Einheit der Menschheit, vorgesehen hat. Begnügen wir uns damit zu erwähnen, daß die Aussage 'Abdu'l-Bahás, diese Lehren umfaßten alle anderen Lehren, von einem der bedeutendsten Vertreter des abendländischen Geisteslebens voll bestätigt wurde: Graf Leo Tolstoi schrieb 1908 an Frid ul Khan Wadelbekow, Bahá'u'lláh habe "den Schlüssel zum Geheimnis des Universums" und beschenke uns "mit der höchsten und reinsten Form religiöser Lehre".
"Aber die Macht des Heiligen Geistes strahlt hell aus der Wirklichkeit der Gottesboten und stählt deren Willen in solcher Weise, daß er ein großes Volk über Jahrtausende hin beeinflußt, die Menschenseele neu erschafft und die ganze Menschheit neu belebt".
#49
IV
Wie reagierte Forel auf Abdu'l-Bahás Brief? Wie richtete er den Rest seines Lebens ein?
In dem 1912 abgefaßten, 1921 erweiterten Testament, das er 1931 an seinem Grab verlesen ließ, schreibt er:
"Erst im Jahre 1920 habe ich in Karlsruhe die überkonfessionale Weltreligion der Bahai kennengelernt, die von dem Perser Bahá'u'lláh vor siebzig Jahren im Orient gegründet wurde. Sie ist die wahre Religion des Wohls der menschlichen Gesellschaft, hat weder Dogmen noch Priester und verbindet alle Menschen miteinander, die auf dieser kleinen Erdkugel leben. Ich bin Bahai geworden. Möge diese Religion fortleben und von Erfolg gekrönt sein; dies ist mein heißester Wunsch."
Ein klares Bekenntnis, aber zugleich ein Widerspruch zu früheren Teilen dieses Testaments, wo Forel monistische Vorstellungen formuliert, die sich mit den Bahá'í-Lehren nicht vereinbaren lassen. Er spricht von dem "sogenannten persönlichen Schöpfer ... Gott", der "immer stummer wird angesichts der Offenbarungen der Wissenschaft", von "Propheten", die den Menschen "einen oder mehrere Götter mit Menschenantlitz vorgetäuscht haben" und "in ihrer Verzückung die persönlichen Offenbarungen dieser Pseudogottheiten zu hören und zu schauen glaubten". Der hochbetagte Greis konnte sich offenbar nicht mehr von denjenigen Vorstellungen lösen, die seinem kämpferischen Leben Sinn und Ziel gegeben hatten. Er hat die Frage an 'Abdu'l-Bahá, ob er Bahá'í werden und Monist bleiben könne, ja oder nein, wohl ein bißchen zu gewaltsam, "richtige Gedanken rasch realisierend", wie er sich selbst in jungen Jahren charakterisiert, mit Ja beantwortet, nachdem 'Abdu'l-Bahá in Seinem herrlichen Lehrbrief auf dieses schroffe "ja oder nein" wohlweislich nicht eingegangen ist.
Wenn wir nach den Gründen für diesen Widerspruch fragen, bieten sich zwei Erklärungen an: Forel hatte ein so geringes Bedürfnis nach Antworten auf transzendentale, metaphysische Fragen, daß er die in den Bahá'í-Lehren bereitliegenden Erklärungen kaum zur Kenntnis nahm, geschweige denn verinnerlichte; die Aussicht, daß es eine religiöse Gemeinschaft mit viel Zukunft gab, deren sittliche und humanitäre Ziele sich fast völlig mit seinen eigenen lebenslänglichen Kampfzielen deckten, bot Forel genau den Trost, den er nach den Schicksalsschlägen seines Alters brauchte. Zum andern dürften es die Bahá'í-Gesprächspartner Forels trotz aller Aufgeklärtheit schwer gehabt haben, grundlegende Überzeugungen eines Geistes, der "seine Phantasie ausschließlich intellektuell spielen ließ", zu verändern.
Wir besitzen das undatierte, maschinengeschriebene Konzept eines französischen Briefes, mit dem Forel nach dem Tod 'Abdu'l-Bahás dem von Ihm eingesetzten Nachfolger und "Hüter" des Bahá'í-Glaubens, Shoghi Effendi, antwortete, nachdem Shoghi Effendi offenbar die englische Übersetzung von 'Abdu'l-Bahás Brief an Forel übersandt und um Zustimmung zu einer Veröffentlichung gebeten hatte. Hier die Übersetzung des vollen Textes:
Hochverehrter Herr,
ich erhielt soeben Ihren liebenswürdigen Brief und die verschiedenen Übersetzungen der Antwort, welche der hochgeschätzte Abdul Baha Abba freundlicherweise auf den Brief gab, den ich im Januar 1921 an ihn richtete. Ich hoffe, Sie haben Ihrerseits mein Beileidsschreiben an seine Familie und meine kleinen Aufsätze erhalten. Leider kann ich Ihnen nicht auf Englisch antworten; ich kann es lesen, aber nicht schreiben. Ich darf noch einmal zum Ausdruck bringen, welch unermeßliches Leid auch mir der Tod Abdul Bahas gebracht hat.
Selbstverständlich ermächtige ich Sie, die lange und interessante Antwort zu veröffentlichen, die mir zu geben sich Abdul Baha die Mühe machte. Aus Liebe zur Wahrheit muß ich Ihnen aber sagen, daß ich in einem Punkt von der Meinung Abdul Bahas abweiche, wiewohl ich von Herzen ein Parteigänger der zwölf Bahai-Prinzipien bin. Nachdem ich das Gehirn bei Mensch und Tier, seine Struktur und seine psychologischen Funktionen von Grund auf studiert habe, hat mich die Wissenschaft zum Monisten gemacht, das heißt, sie hat mir bewiesen, daß die Seele des Menschen, ihre Empfindung ebenso wie ihr Verstand, mit den Funktionen seines Großhirns identisch ist. Folglich stirbt die Seele mit dem Gehirn, und ich kann an ein Weiterleben der Seele nach dem persönlichen Tod nicht glauben.
Dem Wunsch Abdul Bahas entsprechend und Sie selbst als seinen Rechtsnachfolger betrachtend, übersende ich Ihnen zwei meiner wichtigsten Bücher, eine Broschüre (Leben und Tod) und verschiedene Aufsätze. Ich empfehle Ihnen vor allem "L'activité psychique" (Gehirn und Seele, Bonn 1894?). Mein Aufsatz über die "Religion des gesellschaftlichen Wohls" oder die wissenschaftliche Religion wurde im April 1919 geschrieben, also bevor ich im Dezember 1920 in Karlsruhe die Bahai kennenlernte.
Die kurze und einfache Frage, auf die ich Sie anstelle Ihres viel zu früh verstorbenen Großvaters bündig zu antworten bitte, lautet wie folgt:
"Kann ich nach dem Glaubensbekenntnis, das ich Ihnen soeben abgelegt habe, mich als Bahai betrachten, ohne Heuchler zu sein, ja oder nein?"
Wenn Sie "Leben und Tod", "L'activité psychique" und "Die Religion des gesellschaftlichen Wohls" lesen, sind Sie über meinen wissenschaftlichen Standpunkt völlig im klaren.
Unser gemeinsamer Freund Isfahani hat mir gesagt, ich könne auf ehrliche Weise Bahai sein. Die Tatsache, daß Katholiken, Protestanten, Buddhisten, Muhammadaner, Juden und Brahmanen Bahai werden können, ohne jeweils ihrem Glaubensbekenntnis abzuschwören, scheint ihm recht zu geben. Auch das sechste Bahai-Prinzip, das keinen Widerspruch zwischen der Religion und der Wissenschaft duldet und das Forschen nach Wahrheit über alles stellt.
Kurz, ich möchte keine metaphysischen Dissertationen über das Absolute machen, das für den Menschen unerkennbar ist, das heißt über das, was Gott sein kann oder das Universelle. Agnosco.
Entschuldigen Sie meinen viel zu langen Brief, aber ich möchte klar und deutlich sein, denn es drängt mich, ohne Mißverständnis, ohne Heuchelei Bahai zu sein, ein "Links"-Bahai, wenn Sie so wollen, aber mit denselben Rechten wie diejenigen rechts. Ich wollte Abdul Baha selbst antworten; aber es ist zu spät. Deshalb bitte ich Sie, mir an seiner Stelle zu schreiben.
Gestatten Sie, mein Herr, den Ausdruck meiner tief ergebenen und brüderlichen Gefühle.
Dr. A. Forel, vormals Professor der Psychiatrie an der Universität Zürich
P.S.: Mit den anderen Aufsätzen der Zeitschrift "La libre pensée" bin ich ganz und gar nicht einverstanden.
Die Antwort kennen wir nicht, noch nicht; weitere Archivstudien sind im Gang. Aber unsere Frage lautete, wie Forel auf 'Abdu'l-Bahás Lehrbrief reagiert hat. Wir müssen sagen: Er wurde Bahá'í, bekannte sich oft und verstandesgemäß überzeugt zu Bahá'u'lláh, aber er blieb ein Sohn der zweiten, der biologischen Aufklärung, fand keinen Zugang zu den Wahrheiten, die das wissenschaftlich Beweisbare übersteigen, oder wenn er diesen Zugang fand, konnte er ihn nicht mehr mitteilen.
#54
V
Hier liegt, über Forel und sein lehrreiches Leben hinaus, die Herausforderung an uns Heutigen und die Kommenden. Es geht nicht nur um die wissenschaftliche Weltanschauung, schon gar nicht um den logischen Gottesbeweis, und wenn es Menschen gibt, die das zu wichtig nehmen, sind sie in neun von zehn Fällen Produkte einer falschen Erziehung. Der Mensch ist mehr als die Funktion seines Großhirns, und die menschliche Kultur ist mehr als die ständige Fortentwicklung ihres Keimplasmas. Es geht auch nicht um unermüdliche Pflichterfüllung, ungeachtet der Tatsache, daß die heutige Menschheit gerade in puncto Pflichterfüllung Vorbilder wie Forel dringender als sonst etwas braucht.
Worum es geht, das ist die Einheit des unteilbaren Menschen, des In-dividuums, die sich völlig parallel mit der geistigen und politischen Einheit der Menschheit entwickeln muß, weil das eine ohne das andere nicht sein kann. Und nicht nur die von Forel verachtete Tiefenpsychologie, sondern die gesamte Erfahrung der kalten und der heißen Kriege, die auf Forels Tod weiter folgten, lehrt uns, daß es Dinge geben muß, von denen unsere Schulweisheit, auch die biologisch-genetische, sich immer noch nicht genügend träumen läßt. Es geht um die Grundfrage, die auch Abdu'l-Bahá Forel entgegenhält (Seite 20), ob "dieses unendliche Weltall mit all seinen Vollkommenheiten zu nichts anderem führt als zu Wahn und Trug" und "völlig sinnlos" ist. Wenn wir nicht wollen, daß dem so ist, müssen wir etwas tun, und zwar über das hinaus, was uns die Wissenschaft bieten kann.
Wir müssen auf diejenigen hören, die es besser, als wir je können, verstanden haben, auf die Stimme des Unendlichen zu lauschen und daraus Sinn abzuleiten. Allen voran sind es die "Manifestationen Gottes", die Begründer der großen Offenbarungsreligionen, die nach einem göttlichen Heilsplan die ganze Welt des Seins befruchten. Wir müssen, weit über die Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem Keimplasma hinaus, Ehrfurcht gewinnen vor der Macht, der Weisheit, der Sinnesfülle und der Willensklarheit, die aus diesen Manifestationen Gottes spricht. Wir müssen antworten auf ihren Ruf, uns fügen unter ihren Befehl, uns herausfordern lassen von ihrer Liebe. Bahá'u'lláh, der den höchsten Anspruch erhebt, der je auf unserem Planeten erhoben worden ist, drückt diesen Anruf des Göttlichen, diese Herausforderung zur Gestaltung der Welt, so aus:
"O Sohn des Menschen! Verhüllt in Meinem unausdenkbaren Wesen und in der Ewigkeit Meines Seins erkannte Ich Meine Liebe zu dir; darum erschuf Ich dich, prägte dir Mein Ebenbild ein und offenbarte dir Meine Schönheit." (VW ar.3)
"O Sohn des Seins! Liebe Mich, damit Ich dich liebe. Wenn du Mich nicht liebst, kann Meine Liebe dich niemals erreichen. Erkenne dies, o Diener!" (VW ar.5)
In diesem ewig neuen Geist sollten wir Forels Frage und Abdu'l-Bahás Antwort überdenken und unsere ganz persönliche Entscheidung treffen.
Peter Mühlschlegel
25
ABDU'L-BAHA BRIEF AN FOREL
(c) Bahá'í Verlag GmbH, Hofheim-Langenhain 1975-132 ISBN 387037 072 6
In den hier wiedergegebenen Originalbriefen von A.Forel hat der Bahá'i-Verlag die Schreibweise Bahai beibehalten
Portrait: August Forel
INHALT
August Forel an Abdu'l-Bahá 7
Abdu'l-Bahá an Forel 13
Nachwort: Die Welt als Gestaltung 33
#7
August Forel an Abdu'l-Bahá
Hochverehrter Herr,
ich habe soeben wunderbare Briefe gelesen, die Sie nach Angaben von Herrn Wilhelm Herrigel, der sie ins Deutsche übersetzte, 1910 an eine Dame, Frau Dr. F., gerichtet haben. Triff dies zu? Sind diese Briefe tatsächlich bereits 1910, vor dem Weltkrieg, geschrieben worden? In diesem Fall bin ich höchst erstaunt über Ihren prophetischen Scharfblick.
Aber ich habe Ihnen eine sehr wichtige Frage zu stellen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich mit meinen nunmehr 72 Jahren immer von den Wahrheiten der Wissenschaft begeistert war. Schon 1874 habe ich ein umfangreiches Buch über die Verhaltensweisen der Ameisen geschrieben, und seit dieser Zeit Werke über die Anatomie des Gehirns, über Hypnose, über die Sinneswahrnehmungen der Insekten, über die Hygiene des Nervensystems, über die sexuelle Frage usw. Von 1879 bis 1898 war ich Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und Direktor der dortigen Irrenanstalt. Von da her werden Sie den Grund meiner folgenden Frage verstehen.
Gelesen habe ich überdies die Statuten der Bahá'í-Religion oder vielmehr ihre Grundsatzerklärungen, ferner Ihre Abhandlung (aus dem Englischen von Miss Goodall übersetzt) wider den "Glauben der Naturphilosophen über Gott" und das Gespräch von Professor Edw. G. Browne¹ mit Baha'o'llah 1890 in Akka. Schließlich habe ich das Buch von Mirza Abul Fazl² über die Geschichte der Bahá'í-Religion in deutsch gelesen.
¹ Englischer Orientalist, 1862-1926. Vgl. H.M. Balyuzi "Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith", George Ronald, London 1970
² Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání, Geschichte und Wahrheitsbeweise der Bahá'í-Religion (deutsch aufgrund der englischen Übersetzung) Stuttgart 1919
Aus diesem Schrifttum scheint hervorzugehen, daß Sie die Naturphilosophen im allgemeinen solcher Irrtümer beschuldigen, die nur bei gewissen Fanatikern eines strengen Materialismus zutreffen, welche - wie Oswald und Haeckel -, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, eine "Metaphysik der Energie oder der Materie" begründen. Man vergeudet seine Zeit damit, die Atome, die Energie, das Unendliche, das Universum usw. gelehrt abzuhandeln; das sind nur sinnleere Worte. Ich für meinen Teil bin Monist im folgenden Sinn: Ich bin sicher, daß die Funktionen des Gehirns und der menschlichen Seele nur ein untrennbares Ganzes sind. Folglich kann ich nicht an ein Fortleben der individuellen Seele nach dem Tod des Gehirns glauben. Dieser Monismus gehört in den Bereich der Wissenschaft und läßt sich induktiv beweisen. Dagegen erkläre ich mich wie der Philosoph Sokrates und der große Naturforscher Darwin in Sachen der Metaphysik als absoluten Agnostiker, das heißt, "Gott" ist für mich nichts als das - mutmaßlich absolute, aber für den Menschen absolut unerkennbare - Wesen des Universums. Es ist demnach absolut nutzlos, es mit Eigenschaften und mit irgendwelchen Absichten ausstatten zu wollen. "Gott", das heißt das vermutete Metaphysisch-Absolute, ist der Ursprung dessen, was schlecht und was gut ist, mit Bezug auf uns ebenso wie mit Bezug auf jedes andere Wesen. Warum? Wir wissen es nicht, und jeder Versuch einer Auslegung ist nutzlos, ja schädlich. Wenn wir Gott ergründen wollen, bewegen wir uns nur in falschen Zirkelschlüssen. Aus diesem Grund habe ich herein mit 16 Jahren die christliche "Konfirmation" abgelehnt. Ich gehöre keinem Bekenntnis an.
Nun behaupten Sie aber in ihrer Auseinandersetzung mit den Vertretern des Naturalismus, Herrigel und den Bahá'í zufolge, Gott habe ein eigenes Bewußtsein¹, einen Willen, die Macht der Wahl; er sei vollkommen. Bewußtsein, Wille, Wahlfreiheit sind aber persönlichmenschliche Eigenschaften, und was Vollkommenheit sein könnte, davon haben wir keine Vorstellung. Ihr Gott wäre demnach "persönlich, das heißt einem Menschen, einem idealisierten Menschen ähnlich". Andere Textstellen Ihrer prachtvollen internationalen Religion stimmen nicht mit einer gewissen Beschränktheit, die aus dem ganzen Buch von Mirza Abul Fazl hervorgeht, überein. Abul Fazl greift die Freidenker ganz gehörig an. Trotz alI meiner Bewunderung für Ihre menschlichen Grundsätze bekenne ich somit, daß ich Ihre "göttlichen" Grundsätze nicht verstehe. Hier also meine Frage:
¹ Im französischen Brieftext "une conscience de lui (Bewußtsein)"
Kann ich, ja oder nein, mit meinem vorerwähnten Agnostizismus der Bahá'í-Religion angehören, ohne mich selbst und andere zu belügen?
Ich habe 1916 oder 1917 einen Aufsatz über das veröffentlicht, was ich die wissenschaftliche Religion des "Gemeinwohls" genannt habe, im Sinne des oben Erwähnten, mit ähnlichen Wesenszügen wie Ihre Religion. Am 15. Februar 1921 kehre ich an meinen Wohnort Yvorne (Waadt), Schweiz, zurück; wenn Sie mir dorthin antworten, kann ich Ihnen diesen Aufsatz schicken.
Gestatten Sie, hochverehrter Herr, den Ausdruck meiner Gefühle aufrichtiger Bewunderung.
(gez.) Dr. A. Forel
vormals Professor an der Universität Zürich
Rüppurr bei Karlsruhe, 28. XII. 20, Baden, Deutschland Auerstraße 24
P.S.: Nur um meine Frage zu begründen, habe ich oben ausschließlich diejenigen Punkte dargelegt, in denen ich die Bahá'í-Religion von meinem Glauben, abweichen sehe, wobei ich sie nach Herrigel usw., beurteile. In allem Übrigen, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Moral oder Humanethik und der umfassenden Toleranz für alle Glaubensbekenntnisse auf der Erde, kann ich Sie nur bewundern und mit allen meinen Kräften unterstützen.
#12
Portrait: Abdu'l-Bahá
#13
Abdu'l-Bahá an August Forel¹
¹ nach der englischen Übersetzung von Shoghi Effendi, veröffentlicht in "The Bahá'í Revelation", London 1955. Der persische Originaltext wurde erstmals 1922 in Kairo gedruckt.
+1
Dem geschätzten und verehrten Herrn Professor Dr. Forel -
auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen!
Er ist Gott!
O verehrter Wahrheitssucher!
+2
Ihr Brief vom 28. Juli 1921¹ kam an. Sein Inhalt brachte große Freude und bewies, daß Sie - Preis sei Gott! - noch jung sind und nach der Wahrheit suchen, daß Ihre Denkkraft stark und Ihre geistigen Entdeckungen offenkundig sind.
¹ Die Antwort bezieht sich eindeutig auf Forels Brief, der gemäß vorliegender Kopie "28. XII. 20" datiert ist.
+3
Von dem Brief, den ich an Dr. F.¹ geschrieben hatte, sind viele Abschriften verbreitet worden; jeder weiß, daß er im Jahre 1910 offenbart worden ist. Außer diesem Brief wurden vor dem Kriege viele weitere gleichen Inhalts verfaßt, und in der Zeitschrift der Universität von San Franzisko² ist auf diese Fragen hingewiesen worden. Das Datum jener Zeitschrift ist zweifellos bekannt, ebenso auch das hohe Lob weitsichtiger Philosophen über einen Vortrag, der in der erwähnten Universität beredsam gehalten wurde; ein Exemplar jener Zeitschrift liegt diesem Briefe bei.
¹ Im Englischen "Dr. Fisher". Forel schreibt von "Frau Dr. F." Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Frau Dr. Fallscher, die langjährige Hausärztin 'Abdu'l-Bahás in Haifa. "Fisher" und "Fallscher" werden in persisch-arabischer Schrift fast gleich ausgedrückt.
² Stanford University, Palo Alto 1912. Die Rede 'Abdu'l-Bahás ist in "Bahá'í-Briefe" 42, Oktober 1970, p.1178ff wiedergegeben. 'Abdu'l-Bahá unterscheidet darin westlich-moderne, materialistisch-empirische Philosophie von griechisch-persischer, normativer, rationalistischer Philosophie und erläutert den Unterschied an den Theorien über das Wesen der Natur und den Ursprung des Menschen.
+4 #14
Ihre Werke sind zweifellos sehr segensreich; senden Sie uns von jedem ein Exemplar, soweit sie veröffentlicht sind.
+5
Mit den Materialisten, von deren Ansicht über das Göttliche die Rede war, sind nicht die Philosophen im allgemeinen, sondern jene Gruppe, engstirniger Materialisten gemeint, die das sinnlich Wahrnehmbare verehren, die sich nur auf die fünf Sinne verlassen und deren Erkenntnismaßstab auf das begrenzt ist, was durch die Sinne wahrnehmbar ist. Alles sinnlich Wahrnehmbare ist ihnen wirklich, während sie alles, was nicht der Macht der Sinne unterliegt, entweder für unwirklich oder für zweifelhaft erachten. Daß es eine Gottheit gibt, halten sie für völlig zweifelhaft.
+6
Wie Sie schreiben, sind also nicht die Philosophen im allgemeinen angesprochen, sondern die engstirnigen Materialisten. Die an Gott glaubenden Philosophen wie Sokrates, Plato und Aristoteles sind in der Tat verehrungswürdig und verdienen höchstes Lob; denn sie haben der Menschheit hervorragende Dienste erwiesen. Desgleichen schätzen wir die feingebildeten, bescheidenen materialistischen Philosophen, die (der Menschheit) Dienste getan haben.
+7 #15
Wir betrachten Wissen und Weisheit als Grundlagen des Fortschritts der Menschheit und verehren Philosophen von breitem Gesichtsfeld. Lesen Sie die Zeitschrift der Universität von San Franzisko genau durch, damit Ihnen die Wahrheit offenbar werde.
+8
Was die Geisteskräfte angeht, so gehören sie wahrscheinlich zu den angeborenen Eigenschaften der Menschenseele, wie die Leuchtkraft eine Grundeigenschaft der Sonne ist. Die Sonnenstrahlen erneuern sich, aber die Sonne selbst ist beständig und unveränderlich. Bedenken Sie, wie der menschliche Verstand sich entwickelt, wieder nachläßt und manchmal völlig schwindet, während die Seele sich nicht verändert. Damit sich der Verstand offenbare, muß der menschliche Körper heil sein. Ein gesunder Verstand kann nur in einem gesunden Körper wohnen, aber die Seele ist nicht vom Körper abhängig. Durch die Macht der Seele hat der Verstand Begriffs- und Vorstellungsvermögen, durch sie übt er seinen Einfluß aus; aber die Seele ist eine freie Macht. Der Verstand begreift das Abstrakte mit Hilfe des Konkreten, aber die Seele hat unbegrenzte, eigenständige Offenbarungen. Der Verstand ist umgrenzt, die Seele unbegrenzt. Mittels der Sinne - Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl - begreift der Verstand, aber die Seele ist frei von allen Werkzeugen. Wie Sie beobachten, ist die Seele immer in Bewegung und Tätigkeit, ob wir schlafen oder wachen. Es mag sein, daß sie im Traum ein schwieriges Problem löst, das sie im wachen Zustand nicht lösen kann. Überdies kann der Verstand nichts begreifen, wenn die Sinne zu arbeiten aufhören. Im Embryonalzustand und in der frühen Kindheit ist die Verstandesmacht noch gar nicht da, indes die Seele immer mit voller Kraft ausgestattet ist. Kurz, es gibt viele Beweise, daß die Macht der Seele fortbesteht, auch wenn der Verstand verloren geht. Der Geist jedoch hat verschiedene Grade und Stufen.
+9 #16
Was das Vorhandensein des Geistes im Mineral anbelangt, so ist es sicher, daß das Mineral, den Erfordernissen seiner Stufe entsprechend, mit Geist und Leben ausgestattet ist. Auch dieses verborgene Geheimnis ist den Materialisten bekannt geworden. Jetzt behaupten sie, alle Dinge hätten Leben, wie Er im Qur'án spricht: "Alle Dinge sind belebt".
+10
Im Pflanzenreich kommt die Kraft des Wachstums hinzu, und diese Kraft ist der Geist. in der Tierwelt gibt es die Fähigkeit der Empfindung; im Reiche des Menschen ist jedoch eine allumfassende Macht vorhanden. Auf allen vorangehenden Stufen fehlt die Macht des Verstandes, aber die Seele ist da und offenbart sich. Die Fähigkeit der Empfindung begreift die Seele nicht, aber die Macht des Verstandes beweist ihr Vorhandensein.
+11
Ebenso beweist der Verstand das Vorhandensein einer unsichtbaren Wirklichkeit, die alle Lebewesen umfaßt, auf allen Stufen da ist und sich offenbart. Ihr Wesen aber liegt über dem Begriffsvermögen des Verstandes. Auch das Mineralreich kann ja das Wesen und die Vollkommenheiten der Pflanzenwelt nicht verstehen; die Pflanzenwelt begreift nicht das Wesen der Tierwelt, und das Tierreich kann die wesenhafte Wirklichkeit des Menschen, die alle Dinge entdeckt und umfaßt, nicht verstehen.
+12 #17
Das Tier ist der Gefangene der Natur, es kann die natürlichen Regeln und Gesetze nicht überschreiten. Im Menschen jedoch ist eine Forscherkraft, die über die natürliche Welt hinausreicht, deren Gesetze beherrscht und beeinflußt. Zum Beispiel sind alle Minerale, Pflanzen und Tiere Gefangene der Natur. Selbst die Sonne mir all ihrer Pracht ist der Natur derart untenan, daß sie keinen eigenen Willen hat und nicht um Haaresbreite von den Naturgesetzen abweichen kann. Ebensowenig können andere Wesen, ob sie nun dem Mineral-, dem Pflanzen- oder dem Tierreich angehören, von den Naturgesetzen abgehen; sie sind vielmehr allesamt Sklaven der Natur. Der Mensch dagegen, wenn auch körperlich ein Gefangener der Natur, ist in seinem Verstand und seiner Seele frei und herrscht über die Natur.
+13
Bedenken Sie: Nach dem Gesetz der Natur lebt und bewegt sich der Mensch auf der Erde; aber seine Seele und sein Verstand greifen in die Naturgesetze ein, und wie ein Vogel fliegt er durch die Luft. Mit großer Geschwindigkeit fährt er über das Meer, und wie ein Fisch taucht er in die Tiefe und treibt dort seine Forschungen. Das ist fürwahr ein großer Sieg über die Naturgesetze.
+14 #18
Ebenso steht es mit der Elektrizität. Diese unbändige Kraft, die Berge spaltet, bannt der Mensch in eine Glühlampe - ein offenbarer Eingriff in die Naturgesetze. Auch entdeckt der Mensch die verborgenen Geheimnisse der Natur, die nach den Naturgesetzen geheim bleiben sollen; aus dem Bereich des Unsichtbaren bringt er sie auf die Ebene des Sichtbaren - wiederum ein Eingriff in die Naturgesetze. Der Mensch dringt in die tiefsten Eigenheiten der Dinge, die zu den Geheimnissen der Natur gehören. Längst vergangene und vergessene Ereignisse bringt er ans Licht und schließt durch seine Kraft der Induktion auf künftige Geschehnisse, die noch unbekannt sein müßten. Nachrichtenaustausch und Wahrnehmung sind nach den Naturgesetzen auf kurze Entfernungen begrenzt; dennoch verbindet der Mensch den Osten und den Westen dank jener inneren Kraft, die die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt. Auch das ist ein Eingriff in die Naturgesetze. Alle Schatten sind nach dem Naturgesetz flüchtig; der Mensch jedoch bannt sie auf eine Platte - ein weiterer Eingriff in ein Naturgesetz. Überdenken Sie wohl: Alle Wissenschaften, Künste, Handfertigkeiten, Erfindungen und Entdeckungen waren Geheimnisse der Natur und müßten nach den Naturgesetzen verborgen bleiben; aber der Mensch greift durch seine Entdeckerkraft in die Naturgesetze ein und bringt jene verborgenen Geheimnisse aus dem Bereich des Unsichtbaren auf die Ebene des Sichtbaren. Dies sind alles Eingriffe in die Naturgesetze.
+15
Kurz, jene dem Menschen innewohnende, unsichtbare Geisteskraft reißt der Natur das Schwert aus der Hand und versetzt ihr einen schweren Schlag. Alle anderen Wesen, wie groß sie auch seien, sind dieser Vollkommenheiten beraubt. Der Mensch besitzt die Kräfte des Willens und des Verstehens, aber die Natur besitzt sie nicht. Die Natur ist gebunden, der Mensch frei. Die Natur ist ohne Versrand, der Mensch jedoch versteht. Die Natur weiß nichts von der Vergangenheit, der Mensch aber weiß um sie. Die Natur sieht die Zukunft nicht voraus, der Mensch aber erkennt dank seinem Unterscheidungsvermögen, was kommen wird. Die Natur ist ihrer selbst nicht bewußt ; der Mensch aber weiß um alle Dinge.
+16 #19
Wenn jemand annimmt, der Mensch sei nur ein Teil der natürlichen Welt, die Vollkommenheiten, die er besitzt, seien nur Erscheinungen der Natur und die Natur sei die Urheberin dieser Vollkommenheiten, deren sie folglich nicht ermangele, so antworten wir: Der Teil hängt vom Ganzen ab; er kann unmöglich Vollkommenheiten besitzen, die das Ganze nicht hat.
+17
Unter "Natur" sind die besonderen Eigenheiten und die zwangsläufigen Beziehungen zu verstehen, die aus den Wirklichkeiten der Dinge herrühren. Diele Wirklichkeiten der Dinge sind eng miteinander verknüpft, obwohl sie höchst mannigfaltig sind. Für diese mannigfaltigen Wirklichkeiten ist eine alles vereinigende Wirkkraft vonnöten, die sie miteinander verbindet. Zum Beispiel sind die Organe und Glieder, Teile und Elemente, die den menschlichen Körper bilden, äußerst verschieden, aber eine alles vereinigende Wirkkraft, die wir die menschliche Seele nennen, verbindet sie untereinander, läßt sie in vollkommener Harmonie und Regelmäßigkeit zusammenwirken und ermöglicht so den Fortbestand des Lebens. Der menschliche Körper ist sich dieser alles vereinenden Wirkkraft völlig unbewußt, und doch hält er sich an ihre Ordnung und arbeitet nach ihrem Willen.
+18 #20
Es gibt zweierlei Schulen von Philosophen. Sokrates der Weise glaubte an die Einheit Gottes und an das Leben der Seele nach dem Tode. Da seine Überzeugung den Ansichten seiner kurzsichtigen Zeitgenossen widersprach, vergiftete man diesen göttlichen Weisen. Alle göttlichen Philosophen, alle Menschen von Weisheit und Einsicht erkennen, wenn sie die unendliche Vielzahl der Lebewesen bedachten, daß in diesem großen, unermeßlichen Weltall alle Dinge im Mineralreich ihr Ende finden, daß aber das Ergebnis des Mineralreiches das Pflanzenreich, das Ergebnis des Pflanzenreiches das Tierreich, das Ergebnis des Tierreiches die Welt des Menschen ist. Die Vollendung dieses grenzenlosen Weltalls in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit ist der Mensch, der sich in dieser Welt eine Zeitlang müht und von verschiedensten Leiden und Schmerzen quälen läßt; dann zerfällt er, ohne Spuren und Früchte zu hinterlassen. Wäre dem so, würde dieses unendliche Weltall zweifellos mit all seinen Vollkommenheiten zu nichts anderem führen als zu Wahn und Trug, ohne Ergebnis, ohne Frucht, ohne Beständigkeit, ohne Wirkung. Es wäre völlig sinnlos. Sie (die Philosophen) gewannen hieraus die Überzeugung, daß dem nicht so ist: Diese große Werkstatt mit all ihrer Macht, ihrer verwirrenden Großartigkeit und ihren unendlichen Vollkommenheiten kann nicht einfach in ein Nichts versinken. Somit ist sicher, daß es noch ein anderes Leben gibt, und wie das Pflanzenreich das Menschenreich nicht erahnen kann, so wissen auch wir nicht um das hehre Leben, das dem menschlichen Dasein hienieden folgt. Unser Nichtwissen um jenes Leben ist jedoch kein Beweis für sein Nichtsein. Auch das Mineralreich weiß zum Beispiel nichts von der Menschenwelt und kann sie nicht begreifen; aber Unkenntnis ist niemals eine Beweis für Nichtsein. Es gibt zahlreiche schlüssige Beweise dafür, daß diese unendliche Welt mit dem Menschenleben nicht aufhören kann.
+19 #21
Nun zum Wesen der Gottheit: In Wahrheit ist sie keineswegs durch irgend etwas anderes als sich selbst bestimmt, und es ist unmöglich, sie zu begreifen; denn alles, was der Mensch sich vorstellen kann, ist eine begrenzte, keine unbegrenzte, eine umfaßte, keine umfassende Wirklichkeit - eine Wirklichkeit, die vom Menschen begriffen werden kann und von ihm beherrscht wird. Ebenso ist gewiß, daß alle menschlichen Vorstellungen kontingent, nicht absolut sind; sie haben ein gedankliches, kein materielles Sein. Auch sind die Stufenunterschiede in dieser bedingten Welt ein Hindernis für das Verstehen. Wie also kann das Kontingente sich die Wirklichkeit des Absoluten vorstellen? Es ist, wie wir sagten: Die Unterscheidung von Stufen in der bedingten Welt ist ein Hindernis für das Verstehen.
+20
Mineralien, Pflanzen und Tiere entbehren der Verstandeskräfte, mit denen der Mensch die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt; nur der Mensch begreift die Stufen unter ihm. Jede höhere Stufe begreift die niedrigere und entdeckt deren Wirklichkeit, aber die niedrigere weiß nichts von der höheren und kann sie nicht begreifen, doch durch die Macht seiner Vernunft, durch Beobachtung, durch seine Einfühlungsgabe und durch die offenbarende Macht seines Glaubens kann er Gott anerkennen und Gottes Gnadengaben entdecken.
+21 #22
Er wird gewiß, daß überzeugende (geistige) Beweise das Sein jener unsichtbaren Wirklichkeit bestätigen, auch wenn das Wesen Gottes dem Auge verborgen ist und Gottes Sein nicht faßbar ist. Das Wesen Gottes, wie es in sich selbst besteht, ist jedoch über jede Beschreibung erhaben. So ist auch das Wesen des Äthers unbekannt; daß es ihn aber gibt, wird aus seinen Wirkungen deutlich: Wärme, Licht und Elektrizität sind seine Schwingungen. Durch diese Schwingungen wird das Dasein des Äthers bewiesen. Und wenn wir die Ausgießungen der göttlichen Gnade beobachten, werden wir des göttlichen Seins gewiß. Zum Beispiel beobachten wir, daß das Sein der Lebewesen von der Verbindung verschiedener Elemente abhängt, ihr Nichtsein hinwieder von der Auflösung dieser Bestandteile; denn Auflösung verursacht die Trennung der verschiedenen Elemente. Wenn wir so sehen, daß die Verbindung der Elemente Lebewesen ins Sein ruft, und wissen, daß die Lebewesen - also die Wirkung - unendlich sind, wie kann da die Ursache endlich sein?
+22
Nun gehen alle Gestaltungen auf dreierlei Art vor sich - eine vierte gibt es nicht: zufällig, zwangsläufig und gewollt. Das Zusammenkommen der verschiedenen Bestandteile der Lebewesen kann nicht zufällig sein; denn jede Wirkung setzt eine Ursache voraus. Sie kann nicht zwangsläufig sein; denn dann müßte die Gestaltung eine wesenhafte Eigenschaft der Bestandteile sein. Wesenhafte Eigenschaften einer Sache lassen sich aber nicht von ihr nennen. Das Licht etwa, das die Dinge offenbart, die Wärme, die die Teile sich ausdehnen läßt, und die Strahlen sind wesenhafte Eigenschaften der Sonne. Unter solchen Bedingungen könnte sich keine Gestaltung auflösen, da die wesenhaften Eigenschaften einer Sache nicht von ihr zu nennen sind. Es bleibt die dritte Gestaltung, die gewollte: Eine unsichtbare Kraft, die als die Altehrwürdige Macht beschrieben wird, veranlaßt diese Bestandteile zusammenzukommen, wobei jede Gestaltung ein besonderes Lebewesen entstehen läßt.
+23 #23
Die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener göttlichen Wirklichkeit zuschreiben - Wille, Wissen, Macht und andere altehrwürdige Eigenschaften -, sind Zeichen, die das Sein der Lebewesen im Bereich des Sichtbaren widerspiegeln, nicht aber die absoluten Vollkommenheiten des göttlichen Wesens, die nicht begriffen werden können. Wenn wir zum Beispiel die erschaffenen Dinge betrachten, nehmen wir unendliche Vollkommenheiten wahr, und weil die erschaffenen Dinge von höchster Ordnung und Vollendung sind, folgern wir, daß jene Altehrwürdige Macht, von der das Sein dieser Lebewesen abhängt, nicht unwissend sein kann; wir sagen deshalb, sie sei allwissend. Es steht fest, daß sie nicht schwach sein kann; sie muß allmächtig sein. Sie ist nicht arm; sie muß allbesitzend sein. Sie ist keinesfalls nicht-seiend; sie muß also ewiglebend sein. Damit soll gezeigt werden, daß die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener umfassenden Wirklichkeit zuschreiben, lediglich Unvollkommenheiten an ihr bestreiten, nicht aber diejenigen Vollkommenheiten, die der Menschengeist sich vorstellen kann, an ihr nachweisen sollen. Folglich sagen wir, daß ihre Eigenschaften unerforschlich sind.
+24 #24
Kurz, jene umfassende Wirklichkeit mit all den Merkmalen und Eigenschaften, die wir ihr zuschreiben, ist heilig und erhaben über allen menschlichen Geist und alles Verständnis. Aber wenn wir mit offenem Bewußtsein über dieses unendliche Weltall nachdenken, stellen wir fest, daß es ohne bewegende Kraft keine Bewegung, ohne Ursache keine Wirkung geben kann, daß jedes Lebewesen unter zahlreichen Einwirkungen entstanden ist und fortgesetzt Rückwirkungen durchmacht. Diese Einwirkungen geschehen als Auswirkungen wieder anderer Einwirkungen. Die Pflanzen zum Beispiel wachsen und blühen durch die Ströme der Frühlingsschauer, die Wolke entsteht durch verschiedene andere Kräfte; diese anderen Kräfte sind Rückwirkungen auf wieder andere Kräfte. Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen unter der Einwirkung dessen, was die Gelehrten unserer Tage als Wasserstoff und Sauerstoff bezeichnen; sie sind Rückwirkungen dieser beiden Elemente. Diese ihrerseits werden unter anderen Einwirkungen gestaltet. Das gleiche kann von anderen Lebewesen gesagt werden, ob sie nun auf wieder andere Lebewesen einwirken oder selbst unter deren Einwirkung stehen. Dieser Prozeß der Verursachung setzt sich fort; aber die Behauptung, er habe kein Ende, ist offenkundig absurd. So muß die Ursachenkette zwangsläufig am Ende zu Ihm führen, der der Ewiglebende, der Allmächtige, der Selbstbestehende und die Letzte Ursache ist. Diese Allumfassende Wirklichkeit kann nicht sinnlich wahrgenommen werden. Das muß zwangsläufig so sein; denn sie ist allumfassend und nicht begrenzt, und Eigenschaften kennzeichnen die Wirkung, nicht die Ursache.
+25 #25
Wenn wir weiter nachdenken, stellen wir fest, daß der Mensch wie eine winzige Mikrobe in einer Frucht ist. Diese Frucht hat sich aus der Blüte entwickelt, die Blüte ist aus dem Baum gewachsen, der Baum ernährt sich aus dem Pflanzensaft, und der Pflanzensaft ist aus Erde und Wasser gebildet. Wie kann nun diese kleine Mikrobe das Wesen des Gartens begreifen, sich den Gärtner vorstellen und dessen Sein verstehen? Dies ist offenbar unmöglich. Aber wenn jene Mikrobe Verstand hätte und nachdenken könnte, würde ihr klar, daß der Garten und der Baum, die Blüte und die Frucht niemals von selbst in solcher Ordnung und Vollkommenheit entstehen konnten. Auf gleiche Art erkennt die weise, nachdenkliche Seele mit Gewißheit, daß dieses unendliche All in seiner ganzen Herrlichkeit und Ordnung nicht von selbst entstanden sein kann.
+26
Auch in der Welt des Seins gibt es unsichtbare Kräfte wie die vorerwähnte Kraft des Äthers, die nicht sichtbar, nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Doch durch die Wirkungen, die der Äther hervorruft, durch seine Wellen und Schwingungen, erscheinen Licht, Wärme und Elektrizität und werden offenbar. Das gleiche gilt für die Kräfte des Wachstums, der Empfindung, des Verstehens, des Denkens, des Erinnerns, der Vorstellung und der Unterscheidung. Alle diese inneren Fähigkeiten sind weder sichtbar noch wahrnehmbar; dennoch werden sie offenkundig durch die Wirkungen, die sie hervorbringen.
Was nun die Macht betrifft, die keine Grenzen kennt, so ist Begrenzung der Beweis für das Vorhandensein des Unbegrenzten; denn das Begrenzte wird durch das Unbegrenzte erkannt, so wie die Schwäche der Beweis dafür ist, daß es Kraft gibt. Ohne Wohlstand gäbe es keine Armut, ohne Wissen keine Unwissenheit, ohne Licht keine Finsternis. Die Finsternis ist ein Beweis für das Vorhandensein des Lichtes, denn Finsternis bedeutet Fehlen von Licht.
+27 #26
Was die Natur angeht, so besteht sie nur aus den wesentlichen Eigenheiten und den zwangsläufigen Beziehungen, die den Wirklichkeiten der Dinge innewohnen. Obwohl diese unendlichen Wirklichkeiten wesensverschieden sind, stehen sie doch in innigster Eintracht und enger Verbindung zueinander. In dem Maße, wie der Mensch seinen Blick weitet und scharf beobachtet, wird er gewahr, daß jede Wirklichkeit nichts als eine wesentliche Voraussetzung anderer Wirklichkeiten ist. Um all diese verschiedenen, unendlichen Wirklichkeiten zu verbinden und in Einklang zu bringen, ist eine alles vereinende Macht vonnöten, die bewirkt, daß jeder Teil des Seins in vollendeter Ordnung seine Aufgabe erfüllt. Betrachten Sie etwa den menschlichen Körper und nehmen Sie an ihm den Teil als Modell für das Ganze. Sehen Sie, wie die verschiedenen Teile und Glieder dieses Körpers eng und einträchtig miteinander verbunden sind. Jeder Teil ist eine wesenhafte Voraussetzung aller anderen Teile, und jeder hat seine besondere Aufgabe. Doch die Seele, die alles vereinende Kraft, verbindet alle Bestandteile so miteinander, daß sie ihre besonderen Aufgaben in vollendeter Ordnung erfüllen; Zusammenarbeit und Rückwirkungen werden auf diese Weise möglich. Alle Teile arbeiten nach gewissen Gesetzen, die lebensnotwendig sind. Wird jene alles vereinende Kraft, die alle Teile steuert, auf irgendeine Weise gestört, dann hören die Bestandteile zweifellos auf, ordnungsgemäß zu arbeiten. Und obwohl die alles vereinende Kraft im menschlichen Tempel weder sichtbar noch wahrnehmbar ist, obwohl sie ihrem Wesen nach unbekannt ist, offenbart sie sich doch mit ganzer Macht durch ihre Wirkungen.
+28 #27
Damit ist bewiesen und dargelegt, daß die unendlich vielen Lebewesen in diesem wundersamen Weltall nur dann ihre Aufgaben richtig erfüllen, wenn sie von jener Allumfassenden Wirklichkeit so gesteuert und überwacht werden, daß Ordnung in der Welt errichtet ist. Zum Beispiel sind Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers offenkundig und unbestreitbar; das aber ist nicht genug. Eine alles vereinende Kraft ist notwendig, die die Bestandteile steuert und überwacht, damit sie durch Wechselwirkung und Zusammenarbeit ihre notwendigen besonderen Aufgaben in vollkommener Ordnung erfüllen.
+29
Sie wissen genau - gepriesen sei der Herr -, daß Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen allen Lebewesen, ob groß oder klein, offenkundig und bewiesen sind. Im Falle großer Körper ist die Wechselwirkung so offenbar wie die Sonne; bei kleinen Körpern mag sie unerkannt bleiben, aber der Teil ist ein Zeichen für das Ganze. Alle diese Wechselwirkungen sind folglich mit jener alles umfassenden Kraft verbunden; sie ist ihr Angelpunkt, ihre Mitte, ihr Ursprung und ihr Antrieb.
+30 #28
Wie wir sahen, ist die Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers klar erwiesen ; die Teile und Glieder leisten allen anderen Körperteilen ihre Dienste. Zum Beispiel helfen Hand, Fuß, Auge, Ohr, Verstand und Vorstellungskraft den verschiedenen Teilen und Gliedern des Körpers, aber alle diese Wechselwirkungen sind durch eine unsichtbare, alles umfassende Kraft verknüpft; sie bewirkt, daß diese Wechselwirkungen mit vollkommener Regelmäßigkeit hergestellt werden. Es handelt sich um die innere Fähigkeit des Menschen, das heißt, um seinen Geist und seine Seele, die beide unsichtbar sind.
+31
Beobachten Sie in der gleichen Weise Maschinen und Werkstätten; achten Sie auf die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Bestandteilen und Arbeitsgruppen, wie eng sie eines mit dem anderen verbunden sind. Alle diese Beziehungen und Wechselwirkungen sind jedoch mit einer zentralen Macht verknüpft, die ihr Antrieb, ihr Angelpunkt und ihr Ursprung ist. Dies kann die Kraft des Dampfes sein oder das Geschick des unternehmerischen Geistes.
+32
Somit ist klar erwiesen, daß die Wechselwirkung, die Zusammenarbeit und die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Lebewesen der Steuerung und dem Willen einer bewegenden Macht unterliegen; sie ist der Ursprung, der Antrieb und der Angelpunkt aller Wechselwirkungen des Weltalls.
+33 #29
Jede Anordnung und Gestaltung, die nicht vollkommen in ihrer Ordnung ist, bezeichnen wir als zufällig; ist sie aber geordnet, regelmäßig und vollkommen in ihren Beziehungen, steht jeder Teil am richtigen Platz, bildet jeder Bestandteil eine wesentliche Voraussetzung für alle anderen, dann sprechen wir von einem Gebilde, das durch Willen und Wissen gestaltet wurde. Ohne jeden Zweifel sind diese unendlichen Lebewesen, ist die Vereinigung dieser verschiedenen Elemente zu unzähligen Formen von einer Wirklichkeit ausgegangen, die keineswegs ohne Willen und Verstand sein kann. Das ist für den menschlichen Geist klar erwiesen, und niemand kann es leugnen. Es bedeutet jedoch nicht, daß wir jene umfassende Wirklichkeit oder deren Eigenschaften begriffen. Weder ihr Wesen noch ihre wahren Eigenschaften sind von irgend jemandem erfaßt worden ; aber wir halten daran fest, daß diese unendlichen Lebewesen, diese zwangsläufigen Beziehungen, diese vollkommene Anordnung notwendigerweise von einem Ursprung ausgehen, der des Willens und der Vernunft nicht ermangelt, und daß diese unendliche Gestaltung, die sich in unendlich viele Formen ergießt, von einer allumfassenden Weisheit verursacht worden sein muß. Dies kann nur bestreiten, wer halsstarrig und verstockt ist, wer klare, unmißverständliche Zeichen abweist und so zum Gegenstand des heiligen Verses wird: "Taub, stumm und blind sind sie - darum finden sie keine Umkehr" (Qur'án 2:19).
+34
Nun zu der Frage, ob die Fähigkeiten des Geistes und die Seele des Menschen ein und dasselbe sind: Die Geisteskräfte sind nur Eigenbesitz der Seele, so etwa Vorstellungskraft, Denkkraft, Verständnis - alles Kräfte, die wesentliche Voraussetzungen der menschlichen Wirklichkeit sind, so wie der Sonnenstrahl Eigenbesitz der Sonne ist. Der Tempel (Körper) des Menschen ist wie ein Spiegel, seine Seele ist wie die Sonne, und seine Geisteskräfte sind wie die Strahlen, die von dieser Lichtquelle ausgehen. Der Strahl kann aufhören, auf den Spiegel zu fallen, aber er kann nicht von der Sonne getrennt werden.
+35 #30
Kurz, der wesentliche Punkt ist der, daß die Welt des Menschen im Verhältnis zum Pflanzenreich übernatürlich ist - in Wirklichkeit ist sie dies selbstverständlich nicht. Auf die Pflanze bezogen, ist die Wirklichkeit des Menschen, sein Hör- und Sehvermögen, übernatürlich. Für die Pflanze ist es unmöglich, diese Wirklichkeit und das Wesen der menschlichen Geisteskraft zu erfassen. So ist es auch für den Menschen völlig unmöglich, das Wesen des Göttlichen und des Lebens nach dem Tode zu begreifen. Die Gnadengaben des Göttlichen ergießen sich jedoch auf alle Lebewesen, und der Mensch hat die Pflicht, in seinem Herzen über diese Ausgießungen der göttlichen Gnade, zu denen auch seine Seele gehört, nachzudenken - nicht aber über das Wesen der Gottheit. Hier liegt die Grenze menschlichen Begreifens. Wie bereits gesagt, sind die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir vom Wesen der Gottheit berichten, dem Dasein und der Beobachtung der Lebewesen entnommen, und es ist keineswegs so, daß wir damit Gott in Seinem Wesen und in Seiner Vollkommenheit begriffen hätten. Wenn wir sagen, die göttliche Wirklichkeit sei vernünftig und frei, bedeutet dies nicht, daß wir den Willen und die Absicht Gottes entdeckt hätten, sondern daß wir durch die göttlichen Gnadengaben, die sich in den Wirklichkeiten der Dinge kundtun und offenbaren, Wissen um den Willen und die Absicht Gottes erworben haben.
+36 #31
Zu unseren gesellschaftspolitischen Grundsätzen: Die Lehren Seiner Heiligkeit Bahá'u'lláhs, die schon vor 50 Jahren (um 1870) weit verbreitet wurden, umfassen alle anderen Lehren. Es ist klar erwiesen, daß die Menschheit ohne diese Lehren in keiner Weise fortschreiten und vorankommen kann. Jede Gemeinschaft auf der Welt findet in diesen göttlichen Lehren die Verwirklichung ihres höchsten Strebens. Sie sind wie ein Baum, der unter allen Bäumen die besten Früchte trägt. Die Philosophen zum Beispiel sehen in diesen himmlischen Lehren die vollkommene Lösung ihrer gesellschaftlichen Probleme und gleichzeitig eine wahre, vornehme Darlegung von Sachverhalten, die sich auf philosophische Fragen beziehen. Religiöse Menschen schauen die Wirklichkeit der Religion in diesen himmlischen Lehren deutlich offenbart; klar und schlüssig finden sie bewiesen, daß diese Lehren das wirkliche Heilmittel für die Leiden und Gebrechen der ganzen Menschheit sind. Wenn diese erhabenen Lehren Verbreitung finden, wird die Menschheit von allen Gefahren, von allen ihren chronischen Leiden und Krankheiten befreit. So verkörpern die Bahá'í-Grundsätze für das Wirtschaftsleben die höchsten Bestrebungen aller lohnabhängigen Klassen wie auch diejenigen der verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Schulen.
+37
Kurz, alle Interessengruppen und Parteien finden ihre Ziele in den Lehren Bahá'u'lláhs verwirklicht. Wenn diese Lehren in Kirchen, Moscheen und anderen Andachtsstätten - sei es bei den Anhängern Buddhas oder denen des Konfuzius -, in politischen Zirkeln oder unter den Materialisten verkündet werden, müssen alle bezeugen, daß diese Lehren der Menschheit neues Leben verleihen und das rasch wirksame Heilmittel für alle Krankheiten des Gesellschaftslebens sind. Niemand kann an irgendeiner dieser Lehren etwas auszusetzen haben; einmal dargelegt, werden sie alle Beifall finden. Jeder wird bekennen, wie lebenswichtig diese Lehren sind, und wird ausrufen: "Dies ist gewißlich die Wahrheit, und neben der Wahrheit gibt es nichts als offenkundigen Irrtum".
+38
Diese wenigen Worte sind nun aufgezeichnet, und sie werden für jeden ein klarer, schlüssiger Beweis der Wahrheit sein. Denken Sie in Ihrem Herzen darüber nach! Der Wille jedes Philosophen findet bei einer Handvoll Schüler zu seinen Lebzeiten Ausdruck. Aber die Macht des Heiligen Geistes strahlt hell aus der Wirklichkeit der Gottesboten und stählt deren Willen in solcher Weise, daß er ein großes Volk über Jahrtausende hin beeinflußt, die Menschenseele neu erschafft und die ganze Menschheit neu belebt. Bedenken Sie, wie groß diese Macht ist! Es ist eine ungewöhnliche Macht, ein allgenügender Beweis für die Wahrheit in der Sendung der Propheten Gottes, ein untrügliches Zeichen für die Kraft göttlicher Eingebung.
Die Herrlichkeit des Allherrlichen sei mit Ihnen!
Haifa, 21. September1921
(gez.) Abdu'l-Bahá Abbás
#33
Die Welt als Gestaltung
Zum Verständnis des Briefs an Forel
Es war eine Jahrhundertbegegnung, auch wenn sie nur in einem Briefwechsel bestand.
I
August Henri Forel, am 1. September 1848 in Morges (Kanton Waadt, Schweiz) geboren, gehörte zu den unermüdlichen Vorkämpfern der zweiten, der biologischen Aufklärung. Seine Lebenserinnemngen¹ sind - über die zahlreichen Biographien² hinaus - ein großartiges Dokument der Entwicklung eines überragenden Geistes im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Die Kindheit inmitten einer Patrizierfamilie, unweit des Genfer Sees in ländlicher Umgebung verbracht, steht unter dem Eindruck der streng calvinistischen Mutter, die den kleinen Jungen mit Religion überfüttert. Der Achtjährige wünscht, nie geboren worden zu sein, der Heranwachsende ist, wie der psychosomatisch denkende Autobiograph festhält, "hoch aufgeschossen, sehr muskelschwach, in allen körperlichen Übungen außer dem Davonlaufen minderwertig", und der große Fleiß in der Schule, der hinzukommt, trägt ihm den Spitznamen "Perdrix" (Rebhuhn) ein. Aber da ist ein Onkel Edouard als Gegenpol der - sehr geliebten - Mutter. Er führt den Jungen an die Freuden der Naturforschung heran, und dieser "tröstet sich immer wieder bei den Ameisen" über das Christentum und sein "mystisches Blendwerk" hinweg. Noch bevor er Student ist, erwirbt er sich mit einer Beschreibung der Ameisen in der Schweiz die Anerkennung der Fachwelt. Über der Lektüre Darwins keimt der Monismus als Weltanschauung in ihm auf, der Glaube, daß alles Seiende aus einem einzigen Prinzip heraus entwickelt sei, im Gegensatz zum Dualismus der gealterten christlichen Religion, in der das Geistige überscharf vom Natürlichen geschieden und dogmatisch verkrustet ist.
¹ August Henri Forel, "Rückblick auf mein Leben", Büchergilde Gutenberg, Zürich 1935
² z.B. Annemarie Wettley, "August Forel. Ein Arztleben im Zwiespalt seiner Zeit", Otto Müller Verlag, Salzburg 1953
Forel studiert Medizin. Im Winter 1870 / 71 meldet er sich zum Hilfsdienst in einem Kriegslazarett bei Belfort. Daß er sich nach seiner Promotion auf die bis dahin noch fast völlig im Dunkeln liegende Anatomie des menschlichen Gehirns stürzt, liegt nahe, wenn man sich das Bedürfnis vergegenwärtigt, vor sich selbst, seiner Mutter und allen anderen seinen Gegenglauben zu beweisen. In München entdeckt er die "bayrische Bierniere" bei Paralyrikern und legt den Grundstein für seine spätere Alkoholgegnerschaft. Der Satz in seiner Habilitationsschrift "Sämtliche Eigenschaften der menschlichen Seele können aus den Eigenschaften der Seele höherer Tiere abgeleitet werden" bringt seinen alten Anatomieprofessor an den Rand eines Schlaganfalls.
Als Psychiater übt er sich in Selbstcharakterisierung und findet sich "redselig, voreilig und zu scharf urteilend, ausdauernd, richtige Gedanken rasch realisierend ... Durch einen Pessimismus, bei welchem man von der Welt nichts, von sich alles erwartet, gelangt man allmählich am sichersten zu einem gesunden und dauerhaften Optimismus". Er habe ein Gedächtnis nur für Wichtiges, habe gern "rasch einen Strich durch die Vergangenheit gezogen und immer vorwärts in die Zukunft geschaut". Seine Phantasie lasse er ausschließlich intellektuell spielen.
So ist er für den ersten großen Kampf seines Lebens gut gerüstet: die Leitung der Irrenanstalt Burghölzli bei Zürich, die er 1879, mit 31 Jahren, neben der Professur für Nervenheilkunde an der Universität Zürich, übertragen bekommt. Er findet einen Augiasstall vor und setzt sich durch: gegen den korrupten Verwalter, gegen die unentschlossene Kantonsregierung, gegen das disziplinlose Personal, gegen Arztkollegen, die seinen neuen Methoden gegenüber skeptisch sind. Seine junge Frau und eine kleine Schar enger Mitarbeiter sind ihm verläßliche Stützen. Zum wissenschaftlichen Forschen und Beschreiben hinzu lernt er, für gesichertes Ideengut öffentlich in Wort und Schrift zu agitieren und politisch zu taktieren. Zunächst ist es die Hypnose, auf deren Erforschung und medizinische Anwendung er maßgeblichen Einfluß nimmt; sein grundlegendes Werk darüber erreicht bis 1923 zwölf Auflagen. In der Praxis der Irrenanstalt entdeckt er bald, welch verhängnisvollen Beitrag der Alkohol zum seelischen und sozialen Elend der Menschheit leistet.
Er sieht ein, daß er ohne persönliche Abstinenz auf Trinker nicht heilend einwirken kann, und "richtige Gedanken rasch realisierend", unterschreibt er mit seiner Frau ein Abstinenzversprechen auf zwei Jahre. Im Jahre 1887 gilt so etwas noch als vollendeter Beweis unverbesserlicher Schrulligkeit; eine Zeitung erklärt ihn für "den verrücktesten aller Geisteskranken in der Irrenanstalt Burghölzli". Aber Forel hält durch, gründet mit dem frommen Schuster Boßhardt eine erfolgreiche Trinkerheilstätte und stürzt sich in den öffentlichen Kampf gegen die Trunksucht. Hauptgegner seiner Agitation sind die Mäßigungsapostel, hinter denen sein politischer Spürsinn rasch die Interessen der Brauereien und Brennereien entdeckt und deren Argumente er wissenschaftlich entlarvt. Diesem Zweck dient auch ein Selbstversuch: Nach Ablauf der bewußten zwei Jahre beginnt er, wieder mäßig zu trinken, und notiert genau den dabei festgestellten Leistungsabfall, um sich bald danach endgültig zur völligen Abstinenz zu bekennen. Für seinen Standpunkt, jeder Leiter einer Irrenanstalt müsse abstinent sein, kann er eine ganze Reihe von Kollegen gewinnen.
Mehr und mehr nimmt der Kampf gegen den Alkohol bei Forel religiöse Züge an. Der Alkohol ist ihm ein Kulturgift, ja die realisierte Erbsünde. Er fühlt die Verpflichtung, selbst ins Volk zu gehen, und sträubt sich innerlich dagegen, daß erfolgreiche Trinkerheilung bislang mit irrationaler religiöser Bekehrung und Erweckung eng verknüpft ist. Belehrt werden müssen alle, nicht nur die, welche glauben können. Auch erweitert Forel das Problem Alkohol zum Problem der sozialen Hygiene schlechthin, die ihm zur Grundlage des Kulturfortschritts wird. Die frühen Forschungsergebnisse der Vererbungslehre auferlegen schwere Verpflichtungen. Was später bei dem Morartheologen und Mediziner Albert Schweitzer die "Ehrfurcht vor dem Leben" werden wird, konkretisiert sich bei dem Insektenforscher und Psychiater Forel zu einer "Ehrfurcht vor dem Keimplasma" als Träger des höheren Lebens, und alle schädigenden Einflüsse auf dieses Keimplasma werden zur Sünde schlechthin. 1892 gründet Forel die erste Guttemplerloge in der Schweiz; aber gleich zu Beginn seiner rührigen Arbeit für diese rein humanitäre Kampfvereinigung gegen den Alkoholismus erwägt er, ob nicht der Sozialismus der erweiterte Rahmen für seinen Kampf gegen die Unkultur sein müsse, und über diesen hinaus ein militanter Pazifismus.
So ist es bald die gesamte Kultur der Gattung Mensch, um die sich Forel als Arzt sorgen zu müssen glaubt. Der Naturforscher Forel studiert von frühester Kindheit an die höchst entwickelten Sozialorganismen, diejenigen der Ameisen, der Kryptocalvinist Forel steht unter einem starken Zwang zur Selbstverwirklichung im Dienst der Gesellschaft, dem Arzt und Anstaltsdirektor Forel brennt die praktische und seelische Not der unteren Gesellschaftsschichten auf den Nägeln, und der Monist und Evolutionsforscher Forel glaubt an die Lehren der neuen, der biologischen Aufklärung, die es im Volk zu verbreiten gilt, um die schweren Schäden der neuen industriellen Lebensbedingungen und der alten menschlichen Dummheit und Lasterhaftigkeit zu beseitigen oder doch wenigstens einzudämmen. Forel muß Missionar, ja Apostel oder gar Prophet werden. 1898, mit 50 Jahren, kündigt er seine Direktorstelle in der Irrenanstalt Burghölzli und läßt sich von seiner Professur beurlauben, um sich in seiner waadtländischen Heimat als frei praktizierender Nervenarzt und Schriftsteller niederzulassen. Daneben unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen über Europa hinaus. Auf Dutzenden von Kongressen steht er als überzeugender Redner und geachtetes Vorbild im Mittelpunkt. "Wer kann ihn sehen und hören, ohne ihn zu lieben?" fragt 1901 ein Tagungspräsident nach Forels Vortrag, und die Versammlung klatscht anhaltend Beifall.
Wo die Grenzen von Forels "darwinistischmechanistischem Standpunkt" (Wettley, S. 109) verlaufen, zeigt sich zum Beispiel an seinem Buch "Die sexuelle Frage", das bis 1942 Dutzende von Auflagen erlebte und in 23 Sprachen übersetzt wurde. Forel geht von der Gewinnsucht, dem "Erotismus" und der Religiosität des Menschen aus, die zu den verschiedensten Erscheinungen bis hin zur ekstatisch-erotischen oder zur asketischen Form der Mystik führen. Gelten läßt er nur den Zweck der Fortpflanzung. "Somit muß sich jeder Lösungsversuch der sexuellen Frage auf die Zukunft und auf das Glück unserer Nachkommen richten". Es ist dieselbe amusische Grundhaltung, aus der heraus ihm jedes Verständnis für das großartige Bild abgeht, das Oskar Kokoschka 1909 von ihm man, derselbe Rationalismus, mit dem er die tiefenpsychologischen Forschungen Sigmund Freuds als "Übertreibungen" abtut und nach einer Tagung von Psychoanalytikern in Zürich festhält, es seien wieder "die übliche Eitelkeit und Selbstüberschätzung" und "abgeschmackter Unsinn" zur Geltung gekommen¹.
¹ August Henri Forel, "Rückblick auf mein Leben", Zürich 1935, p.235
Wie in der "sexuellen Frage" nach Forel alles darauf ankommt, daß sie "vom immanenten Zweck" der "Fortpflanzung" her, "vor allem naturwissenschaftlich, psychologich-physiologisch und soziologisch behandelt" wird, so geht er auch in vielen Vorträgen und Schriften mit den großen politischen Fragen seiner Zeit zu Werk. Einige Titelbeispiele zeigen, wie breit das Feld der Fragen ist, zu denen sich Forel äußerte, und nachdem Abdu'l-Bahá Forels Werke als "zweifellos sehr segensreich" bezeichnete, sollten wir sie durchaus als einen wertvollen Ausdruck des Zeitgeistes in Erinnerung behalten:
- Jugend, Evolution, Kultur und Narkose. München 1908
- Malthusianismus oder Eugenik. München 1908
- Die Vereinigten Staaten der Erde. Ein Kulturprogramm. München 1914/15
- Genug zerstört, wieder aufbauen. Zürich 1916
- Der supranationale Friede. 1916
- Die Zukunft des Strafrechts. Ethik der Zukunft. 1921
- Der Weg zur Kultur. Wien 1924
- Der wahre Sozialismus der Zukunft. Berlin 1926.
- Die Rolle der Heuchelei, der Beschränktheit und der Unwissenheit in der landläufigen Moral. München 1908
Und doch fehlt etwas in diesem rastlosen Wirken für die Sozialhygiene, den Frieden und den Kulturfortschritt. Forel spürt es selbst in dem Maß, wie er alt und krank wird und schwere Schicksalsschläge über ihn hereinbrechen. Der Monismus, von dem er nicht ablassen will, ist eine recht unpersönliche Weltanschauung; es tut auf Dauer nicht gut, sich zu sehr von des Geschickes Mächten abhängig zu wissen, auch wenn man diese Mächte nach und nach wissenschaftlich durchleuchtet. So können wir die Wirkung verstehen, die bei dem 72jährigen Forel eintrat, als er 1920 in Karlsruhe, im Hause seines Schwiegersohnes Dr. Artur Brauns, zum erstenmal von der Bahá'í-Religion hörte. Vor allem die Berichte über das Leben und Wirken Abdu'l-Bahás müssen Forel stark beeindruckt haben.
#40
II
Wer war Abdu'l-Bahá? Wer ist und bleibt Er? Bahá'u'lláh (1817-1892), der prophetische Begründer der Bahá'í-Religion, nannte Ihn, Seinen erstgeborenen Sohn, "das Geheimnis Gottes"; wir werden dieses Geheimnis nie ganz ergründen können. Halten wir uns also an die Daten:
Abdu'l-Bahá ist am 23. Mai 1844, vier Jahre vor Forel, geboren, in Tihrán am selben Tag, an dem in Shíraz der Báb (1819-1850) Seine Sendung verkündete, eine neue religiöse Offenbarung einzuleiten und den Weg für "Den, den Gott offenbaren wird" (Bahá'u'lláh), zu bereiten. 'Abdu'l-Bahá ist sechs Jahre alt, als der Báb in Tabríz selbst zum Blutzeugen Seiner Sendung wird, und im Alter von acht Jahren - im selben Alter, in dem der junge Forel vor lauter Skrupeln und Zweifeln wünscht, nie geboren worden zu sein - darf Abdu'l-Bahá von fern beobachten, wie Sein über alles geliebter Vater in schweren Ketten aus dem "Schwarzen Loch", dem Kerker des Sháh in Tihrán, einige Minuten ans Sonnenlicht geführt wird. Kurz darauf beginnt eine Zeit der Verbannung und Erniedrigung, die für Abdu'l-Bahá, den Enkel eines Ministers aus altem persischem Adel, bis zu Seinem 65. Lebensjahr dauert. Die erste Station nach einem Wintermarsch durchs Gebirge ist Baghdád; dort ist der Heranwachsende der Erste, der Seinen Vater als den Verheißenen aller Religionen der Vergangenheit erkennt, lange bevor Bahá'u'lláh sich 1863 öffentlich erklärt. Wie es der Name, den Er annimmt, ausdrückt - 'Abdu'l-Bahá ist arabisch und bedeutet "Diener Bahá'u'lláhs" -, stellt 'Abdu'l-Bahá Sein ganzes Leben unter die Aufgabe, die "Sache Gottes" zu verkünden und zu verteidigen. Überall auf dem langen Verbannungsweg, in Konstantinopel, Adrianopel und ab 1868 in der Gefängnisstadt 'Akká, offenbart Er in triumphierender, leidgestählter Durchgeistigung diejenigen Eigenschaften und Kräfte, auf welche Bahá'u'lláh die Zukunft Seiner weltweiten Glaubensgemeinschaft gründete, und in Seinem Testament setzt Bahá'u'lláh 'Abdu'l-Bahá als Vorbild religiösen Lebens, als Ausleger Seines Wortes und als Mittelpunkt Seines Bündnisses ein.
Zwischen 1892 und 1908 sind die Verfolgungen für Abdu'l-Bahá besonders hart; dann befreit Ihn wie viele andere politische und religiöse Gefangene die Jungtürkische Revolution. Die bis dahin seltenen Kontakte mit dem Westen können aufgebaut werden; 1911 bis 1913 reist 'Abdu'l-Bahá durch Europa und Nordamerika, besucht die jungen Bahá'í-Gemeinden, festigt ihren Glauben vor der drohenden Katastrophe des Ersten Weltkrieges, die Er klar vorausschaut, und spricht zu zahllosen öffentlichen Versammlungen in Universitäten, Kirchen, Friedensvereinigungen und menschenfreundlichen Gesellschaften. Bei vielen prominenten Persönlichkeiten, bei hoch und niedrig, hinterlassen Seine Ansprachen in ihrer klaren, systematischen Zusammenfassung der Anliegen geistiger Kultur und aufgeklärter Religion einen nachhaltigen Eindruck. Als "Ansprachen in Paris", "Beantwortete Fragen", "The Promulgation of Universal Peace" und in Tausenden von "Tablets" sind Seine Gedanken festgeschrieben, und Abhandlungen wie "Das Geheimnis göttlicher Kultur" führen die aktuellsten politischen Probleme auf ewige Wahrheiten zurück. Während des Weltkrieges im Heiligen Land isoliert, festigt Abdu'l-Bahá die kleine dortige Gemeinde durch Erinnerungen an die großen Vorbilder des jungen Glaubens ("Memorials of the Faithful"¹); zugleich fordert Er die Bahá'í des Westens auf, die Verbreitung der Sache Bahá'u'lláhs nach Seinem Beispiel fortzusetzen und als "Pioniere" zielbewußt in alle Länder des Planeten zu reisen.
¹ Wilmette, Illinois, USA, 1971
Als General Allenby im Spätsommer 1918 Haifa von der türkischen Herrschaft befreit, kabelt er nach London: "Habe heute Palästina eingenommen. Verständigte die Welt, daß Abdu'l-Bahá in Sicherheit ist". Die Ritterschaft des Britischen Empires akzeptiert Abdu'l-Bahá als "Ehrengeschenk eines gerechten Königs", und Seine Bestattung im November 1921 ist die volkreichste Demonstration für die geistige Einheit der Religionen, die das Heilige Land bis dahin je erlebt hat.
#43
III
Worum geht es in dem Brief, den Shoghi Effendi (1896-1957), der von Abdu'l-Bahá eingesetzte "Hüter der Sache Gottes", als "eines der schwerstwiegenden Sendschreiben, die Er je geschrieben hat"¹, wertet?
¹ Shoghi Effendi, "Gott geht vorüber", Oxford 1954 und Langenhain 1974 p.350
Forel führt sich ein als Monisten. Für ihn ist die Welt ein durchgehendes Ganzes. Dieses Ganze läßt sich zwar in Stufen, Formen, Klassen, Arten usw. unterteilen; aber solche Unterteilungen sind intellektuelle Hilfsmittel, so wie es die Längen- und Breitengrade auf unserem Globus sind. Die menschliche Kultur ist also die - vermutlich, aber nicht sicherlich - höchste Stufe oder Form der Entwicklung, die in diesem Universum möglich ist, und Gott ist für Forel, wie er wörtlich schreibt, "nichts als das - mutmaßlich absolute, aber für den Menschen absolut unerkennbare - Wesen des Universums". Er läßt offen und will, von seinem Bewußtsein als "absoluter Agnostiker" her, auch gar nicht klären, ob dieser Gott als "Wesen des Universums" nun ebenfalls eine intellektuelle Konstruktion wie die Meridiane auf unserem Globus ist, oder ob dieser Gott Substanz, folglich auch "Eigenschaften" und womöglich "Absichten" hat. Die Frage danach bezeichnet Forel als "absolut nutzlos", und man braucht kein Tiefenpsychologe zu sein um festzustellen, daß hier eine echte Verdrängung vorliegt, auch unter rein intellektuell-wissenschaftlichen Gesichtspunkten; Forel wittert hinter den möglichen Fragen nach den Eigenschaften und Absichten Gottes den Dogmatismus, den er bei seiner calvinistischen Mutter oder bei einem jesuitischen Freund erlebt hat. Er weiß, daß mit dogmatisch gebundenen Menschen intellektuelle Diskussionen mit logischen Mitteln kaum möglich sind. Unterbewußt hat er aber durchaus das Bedürfnis, in dieser Frage überzeugt zu werden und an dem wie auch immer vorgestellten Wesen des Universums, das Gott ist, Eigenschaften und Absichten zu erkennen; denn er lebt in einer furchtbaren, umfassenden Angst, der Angst vor dem Untergang der gesamten menschlichen Kultur.
Auch damals, als der junge Dozent Forel seine Münchener Professoren schockierte, ging es um Eigenschaften, um diejenigen der menschlichen Seele nämlich, deren "sämtliche Eigenschaften sich", Forel zufolge, "aus den Eigenschaften der Seele höherer Tiere ableiten" lassen. Dem Wissenschaftler Forel ist es unmöglich, Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu beweisen. Wie, wenn die menschliche Kultur nur eine kurze, vorübergehende Episode in der Milliarden Jahre langen Naturgeschichte ist? Wie, wenn das Menschengeschlecht an seiner eigenen Dummheit und Böswilligkeit zugrunde geht, an denjenigen Eigenschaften, die sich aus den Eigenschaften der höheren Tiere ableiten lassen und die weder die Religion in Jahrtausenden noch die neuerworbene Wissenschaft in Jahrzehnten beseitigen konnte, ehe sie im Chaos des Ersten Weltkriegs aufbrachen? Wie, wenn der nachweisliche Degenerationsprozeß tatsächlich fortschreitet, bis zum Beispiel diejenigen sozialisierten Tierarten, die Forel unermüdlich studiert hat, die Ameisen, die Oberhand gewinnen und den Menschen in der Weltherrschaft ablösen? Wir wollen nicht versäumen hier anzumerken, daß einige der schlimmsten Zukunftsromane der zwanziger Jahre auf Forels Forschungen und Ideen zurückgeführt werden. Eine typisch Forel'sche Grundfrage lautete lange Zeit: "Was können wir tun, um ameisenähnlicher zu werden und zugleich Mensch zu bleiben?"
Diese verdrängten metaphysischen Fragen quälen den alten Forel umso mehr, als er nicht nur vom sicheren schweizerischen Beobachterposten aus den Ersten Weltkrieg miterlebt, sondern auch selbst schwer unter Alterskrankheiten leidet und durch den Tod seines ältesten Sohnes, der kurz nach der medizinischen Staatsprüfung an einer Embolie stirbt, seine größte Hoffnung zerschlagen sieht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Kultur überhaupt bricht also förmlich über Forel herein. Der Jesuit Wasmann, den er als Forscher schätzt und 1918 einige Tage lang zu Gast hat, kann ihn nicht damit überzeugen, daß er solche Sinnfragen, die alle Wissenschaft übersteigen, "offen oder von Rom entscheiden läßt". Umso mehr muß Forel eine religiöse Bewegung faszinieren, die sich so gut wie alle Ziele seines lebenslangen Kampfes um Kultur und Sozialhygiene aufs Panier geschrieben hat, große Opfer dafür gebracht hat und von einer so überragenden Gestalt wie 'Abdu'l-Bahá repräsentiert wird.
Forel spitzt seine Zweifel am Dasein eines persönlichen Gottes, der Bewußtsein, Willen, Macht usw. besitzt, zu der Frage zu, ob er Monist und Agnostiker bleiben und zugleich Bahá'í werden könne. Es ist abwegig und oberflächlich zu behaupten, 'Abdu'l-Bahá sei dieser Frage ausgewichen, nur weil Er nicht direkt darauf geantwortet hat. Ganz im Gegenteil geht 'Abdu'l-Bahá mit Seiner indirekten Antwort viel gründlicher und genauer auf Forels Frage ein, als Er es mit dem von Forel geforderten "ja oder nein" gekonnt hätte, behandelt Er doch im Grunde die Frage, wie Forel überhaupt zu seiner schroffen Fragerei kommt.
Abdu'l-Bahá unterscheidet die Naturphilosophen - im Französischen Forels ist von "naturalistes" die Rede, in der englischen Übersetzung der Antwort von Shoghi Effendi von "materialists" - nach dem Gesichtspunkt, ob sie an Gott glauben oder Gott ausdrücklich ablehnen; auch die "feingebildeten, bescheidenen materialistischen Philosophen, die (der Menschheit) Dienste getan haben", also über ihrem rührigen Einsatz für den Kulturfortschritt die Frage nach Gott offen gelassen haben, werden geschätzt. Nur den militanten Materialismus lehnt Abdu'l-Bahá nachdrücklich ab.
Bei den "Geisteskräften" (mental faculties) unterscheidet Abdu'l-Bahá zwischen dem Verstand (mind, intellect, reasoning power), den Er als etwas Instrumentales faßt, und der Seele (soul) bzw. dem Geist (spirit), wobei Er diese beiden Begriffe fast identisch verwendet. Hier werden künftige Philosophen auf der Grundlage des persisch-arabischen Sprachgebrauchs und der islamischen Geistesgeschichte intensive Studien anzusetzen haben. Uns heutigen Nichtfachleuten sollte genügen, daß wir uns vor allzu weitgehenden Objektivierungen von Begriffen wie Geist, Vernunft und dergleichen fast ebenso in Acht nehmen müssen wie vor materialistischen Fehlschlüssen.
Abdu'l-Bahá sucht glaubhaft zu machen, daß der Mensch über der Natur steht, wobei Er Natur als "die besonderen Eigenheiten und die zwangsläufigen Beziehungen, die aus den Wirklichkeiten der Dinge herrühren", definiert. Gewiß, hier kann ein überzeugter Materialist von Taschenspielereien reden; denn sein Naturbegriff ist im Zweifel ein wenig weiter gefaßt. wesentlich in diesem Zusammenhang ist der Begriff der "alles vereinigenden Wirkkraft" (all-unifying agency), die "die mannigfaltigen Wirklichkeiten der Dinge miteinander verbindet" und die der Materialist als etwas Innernatürliches, Abdu'l-Bahá als etwas Übernatürliches, Transzendentes denkt. Warum? Weil der Mensch Vollkommenheiten besitzt, die der Natur abgehen, und ein Teil unmöglich Vollkommenheiten besitzen kann, die das Ganze nicht hat. Da es nur drei Arten von Gestaltung (formation) gibt und die Welt sich weder zufällig noch zwangsläufig entwickelt hat, muß sie das Ergebnis eines (göttlichen) Willens sein. Die Gottheit, die auf diese Weise als existent erkannt wird, ist über alle Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir Menschen ihr zuschreiben, erhaben; Eigenschaften und Vollkommenheiten sind nur Zeichen, die das Göttliche im Bereich des Diesseitigen widerspiegeln.
Entscheidend ist, wenn wir dieser Argumentationskette gegenübertreten, daß wir es nicht in derselben Weise tun, wie wir einen wissenschaftlichen Beweis in irgendeiner Einzelfrage prüfen. So wenig wir einen Ereignisablauf, in den wir selbst handelnd einbezogen sind, jemals exakt wissenschaftlich beschreiben und Behauptungen darüber "beweisen" können, so wenig können wir das mit einem Weltbild tun, so hochstehend es in logischer und ästhetischer Hinsicht auch sein mag. Letztlich geht es immer um eine Glaubensentscheidung, und die ist eine Willenssache. Nur dürften kam jemals die Argumente dafür so schön zusammengetragen worden sein wie in Abdu'l-Bahás Brief an Forel.
Schön ist vor allem der nahtlose Übergang von der Natur- zur Geistphilosophie bei 'Abdu'l-Bahá. Die Naturgesetze sind ebenso wohltuend wie unerbittlich. Der Mensch ist wie eine Mikrobe in einer Frucht an einem Baum in einem Garten; er kann sich das Wesen Gottes so unmöglich vorstellen wie die Mikrobe sich das Wesen des Gärtners ausdenken kann. Er kann nur das Dasein Gottes erkennen, seine Absicht zu begreifen und zu verwirklichen suchen. Darum geht es. Dieses Anliegen zu verkünden, ist das Amt der Propheten Gottes, die in der gesellschaftlichen Hierarchie Abdu'l-Bahás "die höchste Stufe und den hehrsten Bereich, den vornehmsten und erhabensten Rang" einnehmen¹.
¹ Abdu'l-Bahá "Das Geheimnis göttlicher Kultur", Oberkalbach 1973, S.28
So ist es nur logisch, daß Abdu'l-Bahá zum Schluß behauptet: "Die Lehren Bahá'u'lláhs ... umfassen alle anderen Lehren ... Sie sind wie ein Baum, der unter allen Bäumen die besten Früchte trägt".
Es hätte den Rahmen des Briefes an Forel gesprengt, hätte 'Abdu'l-Bahá hier im einzelne gehend die Drei-Welten-Theorie von Gott, Seiner "Sache" (englisch cause, arabisch 'amr) und der Schöpfung, die von der Sache, dem Befehl, der Absicht Gottes her "globalgesteuert" wird, entwickelt, hätte Er die Idee der fortschreitenden Gottesoffenbarung dargelegt, wonach an Wendepunkten der Weltgeschichte jeweils eine neue "Manifestation Gottes" das Programm für den Lernfortschritt der Menschheit in einem neuen Abschnitt ihrer Kultur festlegt, oder hätte Er alle die geistigen und politischen Ziele, die persönlichen Motivationen und die gesellschaftlichen Imtrumente behandelt, die Bahá'u'lláh für das Programm unserer Zeit, die umfassende Einheit der Menschheit, vorgesehen hat. Begnügen wir uns damit zu erwähnen, daß die Aussage 'Abdu'l-Bahás, diese Lehren umfaßten alle anderen Lehren, von einem der bedeutendsten Vertreter des abendländischen Geisteslebens voll bestätigt wurde: Graf Leo Tolstoi schrieb 1908 an Frid ul Khan Wadelbekow, Bahá'u'lláh habe "den Schlüssel zum Geheimnis des Universums" und beschenke uns "mit der höchsten und reinsten Form religiöser Lehre".
"Aber die Macht des Heiligen Geistes strahlt hell aus der Wirklichkeit der Gottesboten und stählt deren Willen in solcher Weise, daß er ein großes Volk über Jahrtausende hin beeinflußt, die Menschenseele neu erschafft und die ganze Menschheit neu belebt".
#49
IV
Wie reagierte Forel auf Abdu'l-Bahás Brief? Wie richtete er den Rest seines Lebens ein?
In dem 1912 abgefaßten, 1921 erweiterten Testament, das er 1931 an seinem Grab verlesen ließ, schreibt er:
"Erst im Jahre 1920 habe ich in Karlsruhe die überkonfessionale Weltreligion der Bahai kennengelernt, die von dem Perser Bahá'u'lláh vor siebzig Jahren im Orient gegründet wurde. Sie ist die wahre Religion des Wohls der menschlichen Gesellschaft, hat weder Dogmen noch Priester und verbindet alle Menschen miteinander, die auf dieser kleinen Erdkugel leben. Ich bin Bahai geworden. Möge diese Religion fortleben und von Erfolg gekrönt sein; dies ist mein heißester Wunsch."
Ein klares Bekenntnis, aber zugleich ein Widerspruch zu früheren Teilen dieses Testaments, wo Forel monistische Vorstellungen formuliert, die sich mit den Bahá'í-Lehren nicht vereinbaren lassen. Er spricht von dem "sogenannten persönlichen Schöpfer ... Gott", der "immer stummer wird angesichts der Offenbarungen der Wissenschaft", von "Propheten", die den Menschen "einen oder mehrere Götter mit Menschenantlitz vorgetäuscht haben" und "in ihrer Verzückung die persönlichen Offenbarungen dieser Pseudogottheiten zu hören und zu schauen glaubten". Der hochbetagte Greis konnte sich offenbar nicht mehr von denjenigen Vorstellungen lösen, die seinem kämpferischen Leben Sinn und Ziel gegeben hatten. Er hat die Frage an 'Abdu'l-Bahá, ob er Bahá'í werden und Monist bleiben könne, ja oder nein, wohl ein bißchen zu gewaltsam, "richtige Gedanken rasch realisierend", wie er sich selbst in jungen Jahren charakterisiert, mit Ja beantwortet, nachdem 'Abdu'l-Bahá in Seinem herrlichen Lehrbrief auf dieses schroffe "ja oder nein" wohlweislich nicht eingegangen ist.
Wenn wir nach den Gründen für diesen Widerspruch fragen, bieten sich zwei Erklärungen an: Forel hatte ein so geringes Bedürfnis nach Antworten auf transzendentale, metaphysische Fragen, daß er die in den Bahá'í-Lehren bereitliegenden Erklärungen kaum zur Kenntnis nahm, geschweige denn verinnerlichte; die Aussicht, daß es eine religiöse Gemeinschaft mit viel Zukunft gab, deren sittliche und humanitäre Ziele sich fast völlig mit seinen eigenen lebenslänglichen Kampfzielen deckten, bot Forel genau den Trost, den er nach den Schicksalsschlägen seines Alters brauchte. Zum andern dürften es die Bahá'í-Gesprächspartner Forels trotz aller Aufgeklärtheit schwer gehabt haben, grundlegende Überzeugungen eines Geistes, der "seine Phantasie ausschließlich intellektuell spielen ließ", zu verändern.
Wir besitzen das undatierte, maschinengeschriebene Konzept eines französischen Briefes, mit dem Forel nach dem Tod 'Abdu'l-Bahás dem von Ihm eingesetzten Nachfolger und "Hüter" des Bahá'í-Glaubens, Shoghi Effendi, antwortete, nachdem Shoghi Effendi offenbar die englische Übersetzung von 'Abdu'l-Bahás Brief an Forel übersandt und um Zustimmung zu einer Veröffentlichung gebeten hatte. Hier die Übersetzung des vollen Textes:
Hochverehrter Herr,
ich erhielt soeben Ihren liebenswürdigen Brief und die verschiedenen Übersetzungen der Antwort, welche der hochgeschätzte Abdul Baha Abba freundlicherweise auf den Brief gab, den ich im Januar 1921 an ihn richtete. Ich hoffe, Sie haben Ihrerseits mein Beileidsschreiben an seine Familie und meine kleinen Aufsätze erhalten. Leider kann ich Ihnen nicht auf Englisch antworten; ich kann es lesen, aber nicht schreiben. Ich darf noch einmal zum Ausdruck bringen, welch unermeßliches Leid auch mir der Tod Abdul Bahas gebracht hat.
Selbstverständlich ermächtige ich Sie, die lange und interessante Antwort zu veröffentlichen, die mir zu geben sich Abdul Baha die Mühe machte. Aus Liebe zur Wahrheit muß ich Ihnen aber sagen, daß ich in einem Punkt von der Meinung Abdul Bahas abweiche, wiewohl ich von Herzen ein Parteigänger der zwölf Bahai-Prinzipien bin. Nachdem ich das Gehirn bei Mensch und Tier, seine Struktur und seine psychologischen Funktionen von Grund auf studiert habe, hat mich die Wissenschaft zum Monisten gemacht, das heißt, sie hat mir bewiesen, daß die Seele des Menschen, ihre Empfindung ebenso wie ihr Verstand, mit den Funktionen seines Großhirns identisch ist. Folglich stirbt die Seele mit dem Gehirn, und ich kann an ein Weiterleben der Seele nach dem persönlichen Tod nicht glauben.
Dem Wunsch Abdul Bahas entsprechend und Sie selbst als seinen Rechtsnachfolger betrachtend, übersende ich Ihnen zwei meiner wichtigsten Bücher, eine Broschüre (Leben und Tod) und verschiedene Aufsätze. Ich empfehle Ihnen vor allem "L'activité psychique" (Gehirn und Seele, Bonn 1894?). Mein Aufsatz über die "Religion des gesellschaftlichen Wohls" oder die wissenschaftliche Religion wurde im April 1919 geschrieben, also bevor ich im Dezember 1920 in Karlsruhe die Bahai kennenlernte.
Die kurze und einfache Frage, auf die ich Sie anstelle Ihres viel zu früh verstorbenen Großvaters bündig zu antworten bitte, lautet wie folgt:
"Kann ich nach dem Glaubensbekenntnis, das ich Ihnen soeben abgelegt habe, mich als Bahai betrachten, ohne Heuchler zu sein, ja oder nein?"
Wenn Sie "Leben und Tod", "L'activité psychique" und "Die Religion des gesellschaftlichen Wohls" lesen, sind Sie über meinen wissenschaftlichen Standpunkt völlig im klaren.
Unser gemeinsamer Freund Isfahani hat mir gesagt, ich könne auf ehrliche Weise Bahai sein. Die Tatsache, daß Katholiken, Protestanten, Buddhisten, Muhammadaner, Juden und Brahmanen Bahai werden können, ohne jeweils ihrem Glaubensbekenntnis abzuschwören, scheint ihm recht zu geben. Auch das sechste Bahai-Prinzip, das keinen Widerspruch zwischen der Religion und der Wissenschaft duldet und das Forschen nach Wahrheit über alles stellt.
Kurz, ich möchte keine metaphysischen Dissertationen über das Absolute machen, das für den Menschen unerkennbar ist, das heißt über das, was Gott sein kann oder das Universelle. Agnosco.
Entschuldigen Sie meinen viel zu langen Brief, aber ich möchte klar und deutlich sein, denn es drängt mich, ohne Mißverständnis, ohne Heuchelei Bahai zu sein, ein "Links"-Bahai, wenn Sie so wollen, aber mit denselben Rechten wie diejenigen rechts. Ich wollte Abdul Baha selbst antworten; aber es ist zu spät. Deshalb bitte ich Sie, mir an seiner Stelle zu schreiben.
Gestatten Sie, mein Herr, den Ausdruck meiner tief ergebenen und brüderlichen Gefühle.
Dr. A. Forel, vormals Professor der Psychiatrie an der Universität Zürich
P.S.: Mit den anderen Aufsätzen der Zeitschrift "La libre pensée" bin ich ganz und gar nicht einverstanden.
Die Antwort kennen wir nicht, noch nicht; weitere Archivstudien sind im Gang. Aber unsere Frage lautete, wie Forel auf 'Abdu'l-Bahás Lehrbrief reagiert hat. Wir müssen sagen: Er wurde Bahá'í, bekannte sich oft und verstandesgemäß überzeugt zu Bahá'u'lláh, aber er blieb ein Sohn der zweiten, der biologischen Aufklärung, fand keinen Zugang zu den Wahrheiten, die das wissenschaftlich Beweisbare übersteigen, oder wenn er diesen Zugang fand, konnte er ihn nicht mehr mitteilen.
#54
V
Hier liegt, über Forel und sein lehrreiches Leben hinaus, die Herausforderung an uns Heutigen und die Kommenden. Es geht nicht nur um die wissenschaftliche Weltanschauung, schon gar nicht um den logischen Gottesbeweis, und wenn es Menschen gibt, die das zu wichtig nehmen, sind sie in neun von zehn Fällen Produkte einer falschen Erziehung. Der Mensch ist mehr als die Funktion seines Großhirns, und die menschliche Kultur ist mehr als die ständige Fortentwicklung ihres Keimplasmas. Es geht auch nicht um unermüdliche Pflichterfüllung, ungeachtet der Tatsache, daß die heutige Menschheit gerade in puncto Pflichterfüllung Vorbilder wie Forel dringender als sonst etwas braucht.
Worum es geht, das ist die Einheit des unteilbaren Menschen, des In-dividuums, die sich völlig parallel mit der geistigen und politischen Einheit der Menschheit entwickeln muß, weil das eine ohne das andere nicht sein kann. Und nicht nur die von Forel verachtete Tiefenpsychologie, sondern die gesamte Erfahrung der kalten und der heißen Kriege, die auf Forels Tod weiter folgten, lehrt uns, daß es Dinge geben muß, von denen unsere Schulweisheit, auch die biologisch-genetische, sich immer noch nicht genügend träumen läßt. Es geht um die Grundfrage, die auch Abdu'l-Bahá Forel entgegenhält (Seite 20), ob "dieses unendliche Weltall mit all seinen Vollkommenheiten zu nichts anderem führt als zu Wahn und Trug" und "völlig sinnlos" ist. Wenn wir nicht wollen, daß dem so ist, müssen wir etwas tun, und zwar über das hinaus, was uns die Wissenschaft bieten kann.
Wir müssen auf diejenigen hören, die es besser, als wir je können, verstanden haben, auf die Stimme des Unendlichen zu lauschen und daraus Sinn abzuleiten. Allen voran sind es die "Manifestationen Gottes", die Begründer der großen Offenbarungsreligionen, die nach einem göttlichen Heilsplan die ganze Welt des Seins befruchten. Wir müssen, weit über die Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem Keimplasma hinaus, Ehrfurcht gewinnen vor der Macht, der Weisheit, der Sinnesfülle und der Willensklarheit, die aus diesen Manifestationen Gottes spricht. Wir müssen antworten auf ihren Ruf, uns fügen unter ihren Befehl, uns herausfordern lassen von ihrer Liebe. Bahá'u'lláh, der den höchsten Anspruch erhebt, der je auf unserem Planeten erhoben worden ist, drückt diesen Anruf des Göttlichen, diese Herausforderung zur Gestaltung der Welt, so aus:
"O Sohn des Menschen! Verhüllt in Meinem unausdenkbaren Wesen und in der Ewigkeit Meines Seins erkannte Ich Meine Liebe zu dir; darum erschuf Ich dich, prägte dir Mein Ebenbild ein und offenbarte dir Meine Schönheit." (VW ar.3)
"O Sohn des Seins! Liebe Mich, damit Ich dich liebe. Wenn du Mich nicht liebst, kann Meine Liebe dich niemals erreichen. Erkenne dies, o Diener!" (VW ar.5)
In diesem ewig neuen Geist sollten wir Forels Frage und Abdu'l-Bahás Antwort überdenken und unsere ganz persönliche Entscheidung treffen.
Peter Mühlschlegel
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ABDU'L-BAHA BRIEF AN FOREL
Tablet to Auguste Forel á 'Abdu'l-Bahá á Bahá'í World Centre, Auflage Bahá'í Reference Library edition (full diacritics) (2019)
‘Abdu’l‑Bahá’s Tablet to Dr. Forel
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Table of Contents
Tablet to Dr. Auguste Forel
Notes and References in this Publication
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Original Persian text first published Cairo 1922. This translation taken from The Bahá’í World, Vol. XV, pp. 37–43.
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O revered personage, lover of truth! Thy letter dated 28 July 1921 hath been received. The contents thereof were most pleasing and indicated that, praised be the Lord, thou art as yet young, and searchest after truth, that thy power of thought is strong and the discoveries of thy mind manifest.
Numerous copies of the epistle I had written to Dr. Fisher1 are spread far and wide and every one knoweth that it hath been revealed in the year 1910. Apart from this, numerous epistles have been written before the war upon the same theme, and reference, too, hath been made to these questions in the Journal of the San Francisco University, the date whereof is known beyond any doubt.2 In like manner have the philosophers of broad vision praised highly the discourse eloquently delivered in the above-named University.3 A copy of that paper is thus enclosed and forwarded. Thy works are no doubt of great benefit, and if published, send us a copy of each.
By materialists, whose belief with regard to Divinity hath been explained, is not meant philosophers in general, but rather that group of materialists of narrow vision who worship that which is sensed, who depend upon the five senses only, and whose criterion of knowledge is limited to that which can be perceived by the senses. All that can be sensed is to them real, whilst whatever falleth not under the power of the senses is either unreal or doubtful. The existence of the Deity they regard as wholly doubtful.
It is as thou hast written, not philosophers in general but narrow-minded materialists that are meant. As to deistic philosophers, such as Socrates, Plato and Aristotle, they are indeed worthy of esteem and of the highest praise, for they have rendered distinguished services to mankind. In like manner we regard the materialistic, accomplished, moderate philosophers, who have been of service (to mankind).
We regard knowledge and wisdom as the foundation of the progress of mankind, and extol philosophers who are endowed with broad vision. Peruse carefully the San Francisco University Journal that the truth may be revealed to thee.
Now concerning mental faculties, they are in truth of the inherent properties of the soul, even as the radiation of light is the essential property of the sun. The rays of the sun are renewed but the sun itself is ever the same and unchanged. Consider how the human intellect develops and weakens, and may at times come to naught, whereas the soul changeth not. For the mind to manifest itself, the human body must be whole; and a sound mind cannot be but in a sound body, whereas the soul dependeth not upon the body. It is through the power of the soul that the mind comprehendeth, imagineth and exerteth its influence, whilst the soul is a power that is free. The mind comprehendeth the abstract by the aid of the concrete, but the soul hath limitless manifestations of its own. The mind is circumscribed, the soul limitless. It is by the aid of such senses as those of sight, hearing, taste, smell and touch, that the mind comprehendeth, whereas the soul is free from all agencies. The soul as thou observest, whether it be in sleep or waking, is in motion and ever active. Possibly it may, whilst in a dream, unravel an intricate problem, incapable of solution in the waking state. The mind, moreover, understandeth not whilst the senses have ceased to function, and in the embryonic stage and in early infancy the reasoning power is totally absent, whereas the soul is ever endowed with full strength. In short, the proofs are many that go to show that despite the loss of reason, the power of the soul would still continue to exist. The spirit however possesseth various grades and stations.
As to the existence of spirit in the mineral: it is indubitable that minerals are endowed with a spirit and life according to the requirements of that stage. This unknown secret, too, hath become known unto the materialists who now maintain that all beings are endowed with life, even as He saith in the Qur’án, ‘All things are living’.
In the vegetable world, too, there is the power of growth, and that power of growth is the spirit. In the animal world there is the sense of feeling, but in the human world there is an all-embracing power. In all the preceding stages the power of reason is absent, but the soul existeth and revealeth itself. The sense of feeling understandeth not the soul, whereas the reasoning power of the mind proveth the existence thereof.
In like manner the mind proveth the existence of an unseen Reality that embraceth all beings, and that existeth and revealeth itself in all stages, the essence whereof is beyond the grasp of the mind. Thus the mineral world understandeth neither the nature nor the perfections of the vegetable world; the vegetable world understandeth not the nature of the animal world, neither the animal world the nature of the reality of man that discovereth and embraceth all things.
The animal is the captive of nature and cannot transgress the rules and laws thereof. In man, however, there is a discovering power that transcendeth the world of nature and controlleth and interfereth with the laws thereof. For instance, all minerals, plants and animals are captives of nature. The sun itself with all its majesty is so subservient to nature that it hath no will of its own and cannot deviate a hair’s-breadth from the laws thereof. In like manner all other beings, whether of the mineral, the vegetable or the animal world, cannot deviate from the laws of nature, nay, all are the slaves thereof. Man, however, though in body the captive of nature is yet free in his mind and soul, and hath the mastery over nature.
Consider: according to the law of nature man liveth, moveth and hath his being on earth, yet his soul and mind interfere with the laws thereof, and even as the bird he flieth in the air, saileth speedily upon the seas and as the fish soundeth the deep and discovereth the things therein. Verily this is a grievous defeat inflicted upon the laws of nature.
So is the power of electrical energy: this unruly violent force that cleaveth mountains is yet imprisoned by man within a globe! This is manifestly interfering with the laws of nature. Likewise man discovereth those hidden secrets of nature that in conformity with the laws thereof must remain concealed, and transfereth them from the invisible plane to the visible. This, too, is interfering with the law of nature. In the same manner he discovereth the inherent properties of things that are the secrets of nature. Also he bringeth to light the past events that have been lost to memory, and foreseeth by his power of induction future happenings that are as yet unknown. Furthermore, communication and discovery are limited by the laws of nature to short distances, whereas man, through that inner power of his that discovereth the reality of all things, connecteth the East with the West. This, too, is interfering with the laws of nature. Similarly, according to the law of nature all shadows are fleeting, whereas man fixeth them upon the plate, and this, too, is interference with a law of nature. Ponder and reflect: all sciences, arts, crafts, inventions and discoveries, have been once the secrets of nature and in conformity with the laws thereof must remain hidden; yet man through his discovering power interfereth with the laws of nature and transfereth these hidden secrets from the invisible to the visible plane. This again is interfering with the laws of nature.
In fine, that inner faculty in man, unseen of the eye, wresteth the sword from the hands of nature, and giveth it a grievous blow. All other beings, however great, are bereft of such perfections. Man hath the powers of will and understanding, but nature hath them not. Nature is constrained, man is free. Nature is bereft of understanding, man understandeth. Nature is unaware of past events, but man is aware of them. Nature forecasteth not the future; man by his discerning power seeth that which is to come. Nature hath no consciousness of itself, man knoweth about all things.
Should any one suppose that man is but a part of the world of nature, and he being endowed with these perfections, these being but manifestations of the world of nature, and thus nature is the originator of these perfections and is not deprived therefrom, to him we make reply and say: the part dependeth upon the whole; the part cannot possess perfections whereof the whole is deprived.
By nature is meant those inherent properties and necessary relations derived from the realities of things. And these realities of things, though in the utmost diversity, are yet intimately connected one with the other. For these diverse realities an all-unifying agency is needed that shall link them all one to the other. For instance, the various organs and members, the parts and elements, that constitute the body of man, though at variance, are yet all connected one with the other by that all-unifying agency known as the human soul, that causeth them to function in perfect harmony and with absolute regularity, thus making the continuation of life possible. The human body, however, is utterly unconscious of that all-unifying agency, and yet acteth with regularity and dischargeth its functions according to its will.
Now concerning philosophers, they are of two schools. Thus Socrates the wise believed in the unity of God and the existence of the soul after death; as his opinion was contrary to that of the narrow-minded people of his time, that divine sage was poisoned by them. All divine philosophers and men of wisdom and understanding, when observing these endless beings, have considered that in this great and infinite universe all things end in the mineral kingdom, that the outcome of the mineral kingdom is the vegetable kingdom, the outcome of the vegetable kingdom is the animal kingdom and the outcome of the animal kingdom the world of man. The consummation of this limitless universe with all its grandeur and glory hath been man himself, who in this world of being toileth and suffereth for a time, with divers ills and pains, and ultimately disintegrates, leaving no trace and no fruit after him. Were it so, there is no doubt that this infinite universe with all its perfections has ended in sham and delusion with no result, no fruit, no permanence and no effect. It would be utterly without meaning. They were thus convinced that such is not the case, that this Great Workshop with all its power, its bewildering magnificence and endless perfections, cannot eventually come to naught. That still another life should exist is thus certain, and, just as the vegetable kingdom is unaware of the world of man, so we, too, know not of the Great Life hereafter that followeth the life of man here below. Our non-comprehension of that life, however, is no proof of its non-existence. The mineral world, for instance, is utterly unaware of the world of man and cannot comprehend it, but the ignorance of a thing is no proof of its non-existence. Numerous and conclusive proofs exist that go to show that this infinite world cannot end with this human life.
Now concerning the Essence of Divinity: in truth it is on no account determined by anything apart from its own nature, and can in no wise be comprehended. For whatsoever can be conceived by man is a reality that hath limitations and is not unlimited; it is circumscribed, not all-embracing. It can be comprehended by man, and is controlled by him. Similarly it is certain that all human conceptions are contingent, not absolute; that they have a mental existence, not a material one. Moreover, differentiation of stages in the contingent world is an obstacle to understanding. How then can the contingent conceive the Reality of the absolute? As previously mentioned, differentiation of stages in the contingent plane is an obstacle to understanding. Minerals, plants and animals are bereft of the mental faculties of man that discover the realities of all things, but man himself comprehendeth all the stages beneath him. Every superior stage comprehendeth that which is inferior and discovereth the reality thereof, but the inferior one is unaware of that which is superior and cannot comprehend it. Thus man cannot grasp the Essence of Divinity, but can, by his reasoning power, by observation, by his intuitive faculties and the revealing power of his faith, believe in God, discover the bounties of His Grace. He becometh certain that though the Divine Essence is unseen of the eye, and the existence of the Deity is intangible, yet conclusive spiritual proofs assert the existence of that unseen Reality. The Divine Essence as it is in itself is however beyond all description. For instance, the nature of ether is unknown, but that it existeth is certain by the effects it produceth, heat, light and electricity being the waves thereof. By these waves the existence of ether is thus proven. And as we consider the outpourings of Divine Grace we are assured of the existence of God. For instance, we observe that the existence of beings is conditioned upon the coming together of various elements and their non-existence upon the decomposition of their constituent elements. For decomposition causeth the dissociation of the various elements. Thus, as we observe the coming together of elements giveth rise to the existence of beings, and knowing that beings are infinite, they being the effect, how can the Cause be finite?
Now, formation is of three kinds and of three kinds only: accidental, necessary and voluntary. The coming together of the various constituent elements of beings cannot be accidental, for unto every effect there must be a cause. It cannot be compulsory, for then the formation must be an inherent property of the constituent parts and the inherent property of a thing can in no wise be dissociated from it, such as light that is the revealer of things, heat that causeth the expansion of elements and the solar rays which are the essential property of the sun. Thus under such circumstances the decomposition of any formation is impossible, for the inherent properties of a thing cannot be separated from it. The third formation remaineth and that is the voluntary one, that is, an unseen force described as the Ancient Power, causeth these elements to come together, every formation giving rise to a distinct being.
As to the attributes and perfections such as will, knowledge, power and other ancient attributes that we ascribe to that Divine Reality, these are the signs that reflect the existence of beings in the visible plane and not the absolute perfections of the Divine Essence that cannot be comprehended. For instance, as we consider created things we observe infinite perfections, and the created things being in the utmost regularity and perfection we infer that the Ancient Power on whom dependeth the existence of these beings, cannot be ignorant; thus we say He is All-Knowing. It is certain that it is not impotent, it must be then All-Powerful; it is not poor, it must be All-Possessing; it is not non-existent, it must be Ever-Living. The purpose is to show that these attributes and perfections that we recount for that Universal Reality are only in order to deny imperfections, rather than to assert the perfections that the human mind can conceive. Thus we say His attributes are unknowable.
In fine, that Universal Reality with all its qualities and attributes that we recount is holy and exalted above all minds and understandings. As we, however, reflect with broad minds upon this infinite universe, we observe that motion without a motive force, and an effect without a cause are both impossible; that every being hath come to exist under numerous influences and continually undergoeth reaction. These influences, too, are formed under the action of still other influences. For instance, plants grow and flourish through the outpourings of vernal showers, whilst the cloud itself is formed under various other agencies and these agencies in their turn are reacted upon by still other agencies. For example, plants and animals grow and develop under the influence of what the philosophers of our day designate as hydrogen and oxygen and are reacted upon by the effects of these two elements; and these in turn are formed under still other influences. The same can be said of other beings whether they affect other things or be affected. Such process of causation goes on, and to maintain that this process goes on indefinitely is manifestly absurd. Thus such a chain of causation must of necessity lead eventually to Him who is the Ever-Living, the All-Powerful, who is Self-Dependent and the Ultimate Cause. This Universal Reality cannot be sensed, it cannot be seen. It must be so of necessity, for it is All-Embracing, not circumscribed, and such attributes qualify the effect and not the cause.
And as we reflect, we observe that man is like unto a tiny organism contained within a fruit; this fruit hath developed out of the blossom, the blossom hath grown out of the tree, the tree is sustained by the sap, and the sap formed out of earth and water. How then can this tiny organism comprehend the nature of the garden, conceive of the gardener and comprehend his being? That is manifestly impossible. Should that organism understand and reflect, it would observe that this garden, this tree, this blossom, this fruit would in no wise have come to exist by themselves in such order and perfection. Similarly the wise and reflecting soul will know of a certainty that this infinite universe with all its grandeur and perfect order could not have come to exist by itself.
Similarly in the world of being there exist forces unseen of the eye, such as the force of ether previously mentioned, that cannot be sensed, that cannot be seen. However, from the effects it produceth, that is from its waves and vibrations, light, heat, electricity appear and are made evident. In like manner is the power of growth, of feeling, of understanding, of thought, of memory, of imagination and of discernment; all these inner faculties are unseen of the eye and cannot be sensed, yet all are evident by the effects they produce.
Now as to the infinite Power that knoweth no limitations; limitation itself proveth the existence of the unlimited, for the limited is known through the unlimited, just as weakness itself proveth the existence of power, ignorance the existence of knowledge, poverty the existence of wealth. Without wealth there would be no poverty, without knowledge no ignorance, without light no darkness. Darkness itself is a proof of the existence of light for darkness is the absence of light.
Now concerning nature, it is but the essential properties and the necessary relations inherent in the realities of things. And though these infinite realities are diverse in their character yet they are in the utmost harmony and closely connected together. As one’s vision is broadened and the matter observed carefully, it will be made certain that every reality is but an essential requisite of other realities. Thus to connect and harmonize these diverse and infinite realities an all-unifying Power is necessary, that every part of existent being may in perfect order discharge its own function. Consider the body of man, and let the part be an indication of the whole. Consider how these diverse parts and members of the human body are closely connected and harmoniously united one with the other. Every part is the essential requisite of all other parts and has a function by itself. It is the mind that is the all-unifying agency that so uniteth all the component parts one with the other that each dischargeth its specific function in perfect order, and thereby co-operation and reaction are made possible. All parts function under certain laws that are essential to existence. Should that all-unifying agency that directeth all these parts be harmed in any way there is no doubt that the constituent parts and members will cease functioning properly; and though that all-unifying agency in the temple of man be not sensed or seen and the reality thereof be unknown, yet by its effects it manifesteth itself with the greatest power.
Thus it hath been proven and made evident that these infinite beings in this wondrous universe will discharge their functions properly only when directed and controlled by that Universal Reality, so that order may be established in the world. For example, interaction and co-operation between the constituent parts of the human body are evident and indisputable, yet this does not suffice; an all-unifying agency is necessary that shall direct and control the component parts, so that these through interaction and co-operation may discharge in perfect order their necessary and respective functions.
You are well aware, praised be the Lord, that both interaction and co-operation are evident and proven amongst all beings, whether large or small. In the case of large bodies interaction is as manifest as the sun, whilst in the case of small bodies, though interaction be unknown, yet the part is an indication of the whole. All these interactions therefore are connected with that all-embracing power which is their pivot, their centre, their source and their motive power.
For instance, as we have observed, co-operation among the constituent parts of the human body is clearly established, and these parts and members render services unto all the component parts of the body. For instance, the hand, the foot, the eye, the ear, the mind, the imagination all help the various parts and members of the human body, but all these interactions are linked by an unseen, all-embracing power, that causeth these interactions to be produced with perfect regularity. This is the inner faculty of man, that is his spirit and his mind, both of which are invisible.
In like manner consider machinery and workshops and the interaction existing among the various component parts and sections, and how connected they are one with the other. All these relations and interactions, however, are connected with a central power which is their motive force, their pivot and their source. This central power is either the power of steam or the skill of the mastermind.
It hath therefore been made evident and proved that interaction, co-operation and interrelation amongst beings are under the direction and will of a motive Power which is the origin, the motive force and the pivot of all interactions in the universe.
Likewise every arrangement and formation that is not perfect in its order we designate as accidental, and that which is orderly, regular, perfect in its relations and every part of which is in its proper place and is the essential requisite of the other constituent parts, this we call a composition formed through will and knowledge. There is no doubt that these infinite beings and the association of these diverse elements arranged in countless forms must have proceeded from a Reality that could in no wise be bereft of will or understanding. This is clear and proven to the mind and no one can deny it. It is not meant, however, that that Universal Reality or the attributes thereof have been comprehended. Neither its Essence nor its true attributes hath any one comprehended. We maintain, however, that these infinite beings, these necessary relations, this perfect arrangement must of necessity have proceeded from a source that is not bereft of will and understanding, and this infinite composition cast into infinite forms must have been caused by an all-embracing Wisdom. This none can dispute save he that is obstinate and stubborn, and denieth the clear and unmistakable evidence, and becometh the object of the blessed Verse: ‘They are deaf, they are dumb, they are blind and shall return no more’.
Now regarding the question whether the faculties of the mind and the human soul are one and the same. These faculties are but the inherent properties of the soul, such as the power of imagination, of thought, of understanding; powers that are the essential requisites of the reality of man, even as the solar ray is the inherent property of the sun. The temple of man is like unto a mirror, his soul is as the sun, and his mental faculties even as the rays that emanate from that source of light. The ray may cease to fall upon the mirror, but it can in no wise be dissociated from the sun.
In short, the point is this, that the world of man is supernatural in its relation to the vegetable kingdom, though in reality it is not so. Relatively to the plant, the reality of man, his power of hearing and sight, are all supernatural, and for the plant to comprehend that reality and the nature of the powers of man’s mind is impossible. In like manner for man to comprehend the Divine Essence and the nature of the great Hereafter is in no wise possible. The merciful outpourings of that Divine Essence, however, are vouchsafed unto all beings and it is incumbent upon man to ponder in his heart upon the effusions of the Divine Grace, the soul being counted as one, rather than upon the Divine Essence itself. This is the utmost limit for human understanding. As it hath previously been mentioned, these attributes and perfections that we recount of the Divine Essence, these we have derived from the existence and observation of beings, and it is not that we have comprehended the essence and perfection of God. When we say that the Divine Essence understandeth and is free, we do not mean that we have discovered the Divine Will and Purpose, but rather that we have acquired knowledge of them through the Divine Grace revealed and manifested in the realities of things.
Now concerning our social principles, namely the teachings of His Holiness Bahá’u’lláh spread far and wide fifty years ago, they verily comprehend all other teachings. It is clear and evident that without these teachings progress and advancement for mankind are in no wise possible. Every community in the world findeth in these Divine Teachings the realization of its highest aspirations. These teachings are even as the tree that beareth the best fruits of all trees. Philosophers, for instance, find in these heavenly teachings the most perfect solution of their social problems, and similarly a true and noble exposition of matters that pertain to philosophical questions. In like manner men of faith behold the reality of religion manifestly revealed in these heavenly teachings, and clearly and conclusively prove them to be the real and true remedy for the ills and infirmities of all mankind. Should these sublime teachings be diffused, mankind shall be freed from all perils, from all chronic ills and sicknesses. In like manner are the Bahá’í economic principles the embodiment of the highest aspirations of all wage-earning classes and of economists of various schools.
In short, all sections and parties have their aspirations realized in the teachings of Bahá’u’lláh. As these teachings are declared in churches, in mosques and in other places of worship, whether those of the followers of Buddha or of Confucius, in political circles or amongst materialists, all shall bear witness that these teachings bestow a fresh life upon mankind and constitute the immediate remedy for all the ills of social life. None can find fault with any of these teachings, nay rather, once declared they will all be acclaimed, and all will confess their vital necessity, exclaiming, ‘Verily this is the truth and naught is there beside the truth but manifest error.’
In conclusion, these few words are written, and unto everyone they will be a clear and conclusive evidence of the truth. Ponder them in thine heart. The will of every sovereign prevaileth during his reign, the will of every philosopher findeth expression in a handful of disciples during his lifetime, but the Power of the Holy Spirit shineth radiantly in the realities of the Messengers of God, and strengtheneth Their will in such wise as to influence a great nation for thousands of years and to regenerate the human soul and revive mankind. Consider how great is this power! It is an extraordinary Power, an all-sufficient proof of the truth of the mission of the Prophets of God, and a conclusive evidence of the power of Divine Inspiration.
The Glory of Glories rest upon thee.
Haifa, 21 September 1921.
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Notes and References in this Publication
Tablet to Dr. Auguste Forel
Based on historical documents, it is possible that “Dr. Fisher” refers to Dr. Josephine Fallscheer. ↩
‘Abdu’l‑Bahá refers to His talk at Stanford University, Palo Alto, California, in 1912, which was published in the local newspaper and is also included in the collection of His talks in America, entitled The Promulgation of Universal Peace. ↩
There ‘Abdu’l‑Bahá distinguishes the materialistic and empirical philosophy of the modern West from the standard rationalistic philosophy of the Greeks and Persians, and highlights the difference between theories of the essence of nature and of the origin of man. ↩
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‘Abdu’l‑Bahá’s Tablet to Dr. Forel
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Table of Contents
Tablet to Dr. Auguste Forel
Notes and References in this Publication
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Original Persian text first published Cairo 1922. This translation taken from The Bahá’í World, Vol. XV, pp. 37–43.
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O revered personage, lover of truth! Thy letter dated 28 July 1921 hath been received. The contents thereof were most pleasing and indicated that, praised be the Lord, thou art as yet young, and searchest after truth, that thy power of thought is strong and the discoveries of thy mind manifest.
Numerous copies of the epistle I had written to Dr. Fisher1 are spread far and wide and every one knoweth that it hath been revealed in the year 1910. Apart from this, numerous epistles have been written before the war upon the same theme, and reference, too, hath been made to these questions in the Journal of the San Francisco University, the date whereof is known beyond any doubt.2 In like manner have the philosophers of broad vision praised highly the discourse eloquently delivered in the above-named University.3 A copy of that paper is thus enclosed and forwarded. Thy works are no doubt of great benefit, and if published, send us a copy of each.
By materialists, whose belief with regard to Divinity hath been explained, is not meant philosophers in general, but rather that group of materialists of narrow vision who worship that which is sensed, who depend upon the five senses only, and whose criterion of knowledge is limited to that which can be perceived by the senses. All that can be sensed is to them real, whilst whatever falleth not under the power of the senses is either unreal or doubtful. The existence of the Deity they regard as wholly doubtful.
It is as thou hast written, not philosophers in general but narrow-minded materialists that are meant. As to deistic philosophers, such as Socrates, Plato and Aristotle, they are indeed worthy of esteem and of the highest praise, for they have rendered distinguished services to mankind. In like manner we regard the materialistic, accomplished, moderate philosophers, who have been of service (to mankind).
We regard knowledge and wisdom as the foundation of the progress of mankind, and extol philosophers who are endowed with broad vision. Peruse carefully the San Francisco University Journal that the truth may be revealed to thee.
Now concerning mental faculties, they are in truth of the inherent properties of the soul, even as the radiation of light is the essential property of the sun. The rays of the sun are renewed but the sun itself is ever the same and unchanged. Consider how the human intellect develops and weakens, and may at times come to naught, whereas the soul changeth not. For the mind to manifest itself, the human body must be whole; and a sound mind cannot be but in a sound body, whereas the soul dependeth not upon the body. It is through the power of the soul that the mind comprehendeth, imagineth and exerteth its influence, whilst the soul is a power that is free. The mind comprehendeth the abstract by the aid of the concrete, but the soul hath limitless manifestations of its own. The mind is circumscribed, the soul limitless. It is by the aid of such senses as those of sight, hearing, taste, smell and touch, that the mind comprehendeth, whereas the soul is free from all agencies. The soul as thou observest, whether it be in sleep or waking, is in motion and ever active. Possibly it may, whilst in a dream, unravel an intricate problem, incapable of solution in the waking state. The mind, moreover, understandeth not whilst the senses have ceased to function, and in the embryonic stage and in early infancy the reasoning power is totally absent, whereas the soul is ever endowed with full strength. In short, the proofs are many that go to show that despite the loss of reason, the power of the soul would still continue to exist. The spirit however possesseth various grades and stations.
As to the existence of spirit in the mineral: it is indubitable that minerals are endowed with a spirit and life according to the requirements of that stage. This unknown secret, too, hath become known unto the materialists who now maintain that all beings are endowed with life, even as He saith in the Qur’án, ‘All things are living’.
In the vegetable world, too, there is the power of growth, and that power of growth is the spirit. In the animal world there is the sense of feeling, but in the human world there is an all-embracing power. In all the preceding stages the power of reason is absent, but the soul existeth and revealeth itself. The sense of feeling understandeth not the soul, whereas the reasoning power of the mind proveth the existence thereof.
In like manner the mind proveth the existence of an unseen Reality that embraceth all beings, and that existeth and revealeth itself in all stages, the essence whereof is beyond the grasp of the mind. Thus the mineral world understandeth neither the nature nor the perfections of the vegetable world; the vegetable world understandeth not the nature of the animal world, neither the animal world the nature of the reality of man that discovereth and embraceth all things.
The animal is the captive of nature and cannot transgress the rules and laws thereof. In man, however, there is a discovering power that transcendeth the world of nature and controlleth and interfereth with the laws thereof. For instance, all minerals, plants and animals are captives of nature. The sun itself with all its majesty is so subservient to nature that it hath no will of its own and cannot deviate a hair’s-breadth from the laws thereof. In like manner all other beings, whether of the mineral, the vegetable or the animal world, cannot deviate from the laws of nature, nay, all are the slaves thereof. Man, however, though in body the captive of nature is yet free in his mind and soul, and hath the mastery over nature.
Consider: according to the law of nature man liveth, moveth and hath his being on earth, yet his soul and mind interfere with the laws thereof, and even as the bird he flieth in the air, saileth speedily upon the seas and as the fish soundeth the deep and discovereth the things therein. Verily this is a grievous defeat inflicted upon the laws of nature.
So is the power of electrical energy: this unruly violent force that cleaveth mountains is yet imprisoned by man within a globe! This is manifestly interfering with the laws of nature. Likewise man discovereth those hidden secrets of nature that in conformity with the laws thereof must remain concealed, and transfereth them from the invisible plane to the visible. This, too, is interfering with the law of nature. In the same manner he discovereth the inherent properties of things that are the secrets of nature. Also he bringeth to light the past events that have been lost to memory, and foreseeth by his power of induction future happenings that are as yet unknown. Furthermore, communication and discovery are limited by the laws of nature to short distances, whereas man, through that inner power of his that discovereth the reality of all things, connecteth the East with the West. This, too, is interfering with the laws of nature. Similarly, according to the law of nature all shadows are fleeting, whereas man fixeth them upon the plate, and this, too, is interference with a law of nature. Ponder and reflect: all sciences, arts, crafts, inventions and discoveries, have been once the secrets of nature and in conformity with the laws thereof must remain hidden; yet man through his discovering power interfereth with the laws of nature and transfereth these hidden secrets from the invisible to the visible plane. This again is interfering with the laws of nature.
In fine, that inner faculty in man, unseen of the eye, wresteth the sword from the hands of nature, and giveth it a grievous blow. All other beings, however great, are bereft of such perfections. Man hath the powers of will and understanding, but nature hath them not. Nature is constrained, man is free. Nature is bereft of understanding, man understandeth. Nature is unaware of past events, but man is aware of them. Nature forecasteth not the future; man by his discerning power seeth that which is to come. Nature hath no consciousness of itself, man knoweth about all things.
Should any one suppose that man is but a part of the world of nature, and he being endowed with these perfections, these being but manifestations of the world of nature, and thus nature is the originator of these perfections and is not deprived therefrom, to him we make reply and say: the part dependeth upon the whole; the part cannot possess perfections whereof the whole is deprived.
By nature is meant those inherent properties and necessary relations derived from the realities of things. And these realities of things, though in the utmost diversity, are yet intimately connected one with the other. For these diverse realities an all-unifying agency is needed that shall link them all one to the other. For instance, the various organs and members, the parts and elements, that constitute the body of man, though at variance, are yet all connected one with the other by that all-unifying agency known as the human soul, that causeth them to function in perfect harmony and with absolute regularity, thus making the continuation of life possible. The human body, however, is utterly unconscious of that all-unifying agency, and yet acteth with regularity and dischargeth its functions according to its will.
Now concerning philosophers, they are of two schools. Thus Socrates the wise believed in the unity of God and the existence of the soul after death; as his opinion was contrary to that of the narrow-minded people of his time, that divine sage was poisoned by them. All divine philosophers and men of wisdom and understanding, when observing these endless beings, have considered that in this great and infinite universe all things end in the mineral kingdom, that the outcome of the mineral kingdom is the vegetable kingdom, the outcome of the vegetable kingdom is the animal kingdom and the outcome of the animal kingdom the world of man. The consummation of this limitless universe with all its grandeur and glory hath been man himself, who in this world of being toileth and suffereth for a time, with divers ills and pains, and ultimately disintegrates, leaving no trace and no fruit after him. Were it so, there is no doubt that this infinite universe with all its perfections has ended in sham and delusion with no result, no fruit, no permanence and no effect. It would be utterly without meaning. They were thus convinced that such is not the case, that this Great Workshop with all its power, its bewildering magnificence and endless perfections, cannot eventually come to naught. That still another life should exist is thus certain, and, just as the vegetable kingdom is unaware of the world of man, so we, too, know not of the Great Life hereafter that followeth the life of man here below. Our non-comprehension of that life, however, is no proof of its non-existence. The mineral world, for instance, is utterly unaware of the world of man and cannot comprehend it, but the ignorance of a thing is no proof of its non-existence. Numerous and conclusive proofs exist that go to show that this infinite world cannot end with this human life.
Now concerning the Essence of Divinity: in truth it is on no account determined by anything apart from its own nature, and can in no wise be comprehended. For whatsoever can be conceived by man is a reality that hath limitations and is not unlimited; it is circumscribed, not all-embracing. It can be comprehended by man, and is controlled by him. Similarly it is certain that all human conceptions are contingent, not absolute; that they have a mental existence, not a material one. Moreover, differentiation of stages in the contingent world is an obstacle to understanding. How then can the contingent conceive the Reality of the absolute? As previously mentioned, differentiation of stages in the contingent plane is an obstacle to understanding. Minerals, plants and animals are bereft of the mental faculties of man that discover the realities of all things, but man himself comprehendeth all the stages beneath him. Every superior stage comprehendeth that which is inferior and discovereth the reality thereof, but the inferior one is unaware of that which is superior and cannot comprehend it. Thus man cannot grasp the Essence of Divinity, but can, by his reasoning power, by observation, by his intuitive faculties and the revealing power of his faith, believe in God, discover the bounties of His Grace. He becometh certain that though the Divine Essence is unseen of the eye, and the existence of the Deity is intangible, yet conclusive spiritual proofs assert the existence of that unseen Reality. The Divine Essence as it is in itself is however beyond all description. For instance, the nature of ether is unknown, but that it existeth is certain by the effects it produceth, heat, light and electricity being the waves thereof. By these waves the existence of ether is thus proven. And as we consider the outpourings of Divine Grace we are assured of the existence of God. For instance, we observe that the existence of beings is conditioned upon the coming together of various elements and their non-existence upon the decomposition of their constituent elements. For decomposition causeth the dissociation of the various elements. Thus, as we observe the coming together of elements giveth rise to the existence of beings, and knowing that beings are infinite, they being the effect, how can the Cause be finite?
Now, formation is of three kinds and of three kinds only: accidental, necessary and voluntary. The coming together of the various constituent elements of beings cannot be accidental, for unto every effect there must be a cause. It cannot be compulsory, for then the formation must be an inherent property of the constituent parts and the inherent property of a thing can in no wise be dissociated from it, such as light that is the revealer of things, heat that causeth the expansion of elements and the solar rays which are the essential property of the sun. Thus under such circumstances the decomposition of any formation is impossible, for the inherent properties of a thing cannot be separated from it. The third formation remaineth and that is the voluntary one, that is, an unseen force described as the Ancient Power, causeth these elements to come together, every formation giving rise to a distinct being.
As to the attributes and perfections such as will, knowledge, power and other ancient attributes that we ascribe to that Divine Reality, these are the signs that reflect the existence of beings in the visible plane and not the absolute perfections of the Divine Essence that cannot be comprehended. For instance, as we consider created things we observe infinite perfections, and the created things being in the utmost regularity and perfection we infer that the Ancient Power on whom dependeth the existence of these beings, cannot be ignorant; thus we say He is All-Knowing. It is certain that it is not impotent, it must be then All-Powerful; it is not poor, it must be All-Possessing; it is not non-existent, it must be Ever-Living. The purpose is to show that these attributes and perfections that we recount for that Universal Reality are only in order to deny imperfections, rather than to assert the perfections that the human mind can conceive. Thus we say His attributes are unknowable.
In fine, that Universal Reality with all its qualities and attributes that we recount is holy and exalted above all minds and understandings. As we, however, reflect with broad minds upon this infinite universe, we observe that motion without a motive force, and an effect without a cause are both impossible; that every being hath come to exist under numerous influences and continually undergoeth reaction. These influences, too, are formed under the action of still other influences. For instance, plants grow and flourish through the outpourings of vernal showers, whilst the cloud itself is formed under various other agencies and these agencies in their turn are reacted upon by still other agencies. For example, plants and animals grow and develop under the influence of what the philosophers of our day designate as hydrogen and oxygen and are reacted upon by the effects of these two elements; and these in turn are formed under still other influences. The same can be said of other beings whether they affect other things or be affected. Such process of causation goes on, and to maintain that this process goes on indefinitely is manifestly absurd. Thus such a chain of causation must of necessity lead eventually to Him who is the Ever-Living, the All-Powerful, who is Self-Dependent and the Ultimate Cause. This Universal Reality cannot be sensed, it cannot be seen. It must be so of necessity, for it is All-Embracing, not circumscribed, and such attributes qualify the effect and not the cause.
And as we reflect, we observe that man is like unto a tiny organism contained within a fruit; this fruit hath developed out of the blossom, the blossom hath grown out of the tree, the tree is sustained by the sap, and the sap formed out of earth and water. How then can this tiny organism comprehend the nature of the garden, conceive of the gardener and comprehend his being? That is manifestly impossible. Should that organism understand and reflect, it would observe that this garden, this tree, this blossom, this fruit would in no wise have come to exist by themselves in such order and perfection. Similarly the wise and reflecting soul will know of a certainty that this infinite universe with all its grandeur and perfect order could not have come to exist by itself.
Similarly in the world of being there exist forces unseen of the eye, such as the force of ether previously mentioned, that cannot be sensed, that cannot be seen. However, from the effects it produceth, that is from its waves and vibrations, light, heat, electricity appear and are made evident. In like manner is the power of growth, of feeling, of understanding, of thought, of memory, of imagination and of discernment; all these inner faculties are unseen of the eye and cannot be sensed, yet all are evident by the effects they produce.
Now as to the infinite Power that knoweth no limitations; limitation itself proveth the existence of the unlimited, for the limited is known through the unlimited, just as weakness itself proveth the existence of power, ignorance the existence of knowledge, poverty the existence of wealth. Without wealth there would be no poverty, without knowledge no ignorance, without light no darkness. Darkness itself is a proof of the existence of light for darkness is the absence of light.
Now concerning nature, it is but the essential properties and the necessary relations inherent in the realities of things. And though these infinite realities are diverse in their character yet they are in the utmost harmony and closely connected together. As one’s vision is broadened and the matter observed carefully, it will be made certain that every reality is but an essential requisite of other realities. Thus to connect and harmonize these diverse and infinite realities an all-unifying Power is necessary, that every part of existent being may in perfect order discharge its own function. Consider the body of man, and let the part be an indication of the whole. Consider how these diverse parts and members of the human body are closely connected and harmoniously united one with the other. Every part is the essential requisite of all other parts and has a function by itself. It is the mind that is the all-unifying agency that so uniteth all the component parts one with the other that each dischargeth its specific function in perfect order, and thereby co-operation and reaction are made possible. All parts function under certain laws that are essential to existence. Should that all-unifying agency that directeth all these parts be harmed in any way there is no doubt that the constituent parts and members will cease functioning properly; and though that all-unifying agency in the temple of man be not sensed or seen and the reality thereof be unknown, yet by its effects it manifesteth itself with the greatest power.
Thus it hath been proven and made evident that these infinite beings in this wondrous universe will discharge their functions properly only when directed and controlled by that Universal Reality, so that order may be established in the world. For example, interaction and co-operation between the constituent parts of the human body are evident and indisputable, yet this does not suffice; an all-unifying agency is necessary that shall direct and control the component parts, so that these through interaction and co-operation may discharge in perfect order their necessary and respective functions.
You are well aware, praised be the Lord, that both interaction and co-operation are evident and proven amongst all beings, whether large or small. In the case of large bodies interaction is as manifest as the sun, whilst in the case of small bodies, though interaction be unknown, yet the part is an indication of the whole. All these interactions therefore are connected with that all-embracing power which is their pivot, their centre, their source and their motive power.
For instance, as we have observed, co-operation among the constituent parts of the human body is clearly established, and these parts and members render services unto all the component parts of the body. For instance, the hand, the foot, the eye, the ear, the mind, the imagination all help the various parts and members of the human body, but all these interactions are linked by an unseen, all-embracing power, that causeth these interactions to be produced with perfect regularity. This is the inner faculty of man, that is his spirit and his mind, both of which are invisible.
In like manner consider machinery and workshops and the interaction existing among the various component parts and sections, and how connected they are one with the other. All these relations and interactions, however, are connected with a central power which is their motive force, their pivot and their source. This central power is either the power of steam or the skill of the mastermind.
It hath therefore been made evident and proved that interaction, co-operation and interrelation amongst beings are under the direction and will of a motive Power which is the origin, the motive force and the pivot of all interactions in the universe.
Likewise every arrangement and formation that is not perfect in its order we designate as accidental, and that which is orderly, regular, perfect in its relations and every part of which is in its proper place and is the essential requisite of the other constituent parts, this we call a composition formed through will and knowledge. There is no doubt that these infinite beings and the association of these diverse elements arranged in countless forms must have proceeded from a Reality that could in no wise be bereft of will or understanding. This is clear and proven to the mind and no one can deny it. It is not meant, however, that that Universal Reality or the attributes thereof have been comprehended. Neither its Essence nor its true attributes hath any one comprehended. We maintain, however, that these infinite beings, these necessary relations, this perfect arrangement must of necessity have proceeded from a source that is not bereft of will and understanding, and this infinite composition cast into infinite forms must have been caused by an all-embracing Wisdom. This none can dispute save he that is obstinate and stubborn, and denieth the clear and unmistakable evidence, and becometh the object of the blessed Verse: ‘They are deaf, they are dumb, they are blind and shall return no more’.
Now regarding the question whether the faculties of the mind and the human soul are one and the same. These faculties are but the inherent properties of the soul, such as the power of imagination, of thought, of understanding; powers that are the essential requisites of the reality of man, even as the solar ray is the inherent property of the sun. The temple of man is like unto a mirror, his soul is as the sun, and his mental faculties even as the rays that emanate from that source of light. The ray may cease to fall upon the mirror, but it can in no wise be dissociated from the sun.
In short, the point is this, that the world of man is supernatural in its relation to the vegetable kingdom, though in reality it is not so. Relatively to the plant, the reality of man, his power of hearing and sight, are all supernatural, and for the plant to comprehend that reality and the nature of the powers of man’s mind is impossible. In like manner for man to comprehend the Divine Essence and the nature of the great Hereafter is in no wise possible. The merciful outpourings of that Divine Essence, however, are vouchsafed unto all beings and it is incumbent upon man to ponder in his heart upon the effusions of the Divine Grace, the soul being counted as one, rather than upon the Divine Essence itself. This is the utmost limit for human understanding. As it hath previously been mentioned, these attributes and perfections that we recount of the Divine Essence, these we have derived from the existence and observation of beings, and it is not that we have comprehended the essence and perfection of God. When we say that the Divine Essence understandeth and is free, we do not mean that we have discovered the Divine Will and Purpose, but rather that we have acquired knowledge of them through the Divine Grace revealed and manifested in the realities of things.
Now concerning our social principles, namely the teachings of His Holiness Bahá’u’lláh spread far and wide fifty years ago, they verily comprehend all other teachings. It is clear and evident that without these teachings progress and advancement for mankind are in no wise possible. Every community in the world findeth in these Divine Teachings the realization of its highest aspirations. These teachings are even as the tree that beareth the best fruits of all trees. Philosophers, for instance, find in these heavenly teachings the most perfect solution of their social problems, and similarly a true and noble exposition of matters that pertain to philosophical questions. In like manner men of faith behold the reality of religion manifestly revealed in these heavenly teachings, and clearly and conclusively prove them to be the real and true remedy for the ills and infirmities of all mankind. Should these sublime teachings be diffused, mankind shall be freed from all perils, from all chronic ills and sicknesses. In like manner are the Bahá’í economic principles the embodiment of the highest aspirations of all wage-earning classes and of economists of various schools.
In short, all sections and parties have their aspirations realized in the teachings of Bahá’u’lláh. As these teachings are declared in churches, in mosques and in other places of worship, whether those of the followers of Buddha or of Confucius, in political circles or amongst materialists, all shall bear witness that these teachings bestow a fresh life upon mankind and constitute the immediate remedy for all the ills of social life. None can find fault with any of these teachings, nay rather, once declared they will all be acclaimed, and all will confess their vital necessity, exclaiming, ‘Verily this is the truth and naught is there beside the truth but manifest error.’
In conclusion, these few words are written, and unto everyone they will be a clear and conclusive evidence of the truth. Ponder them in thine heart. The will of every sovereign prevaileth during his reign, the will of every philosopher findeth expression in a handful of disciples during his lifetime, but the Power of the Holy Spirit shineth radiantly in the realities of the Messengers of God, and strengtheneth Their will in such wise as to influence a great nation for thousands of years and to regenerate the human soul and revive mankind. Consider how great is this power! It is an extraordinary Power, an all-sufficient proof of the truth of the mission of the Prophets of God, and a conclusive evidence of the power of Divine Inspiration.
The Glory of Glories rest upon thee.
Haifa, 21 September 1921.
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Notes and References in this Publication
Tablet to Dr. Auguste Forel
Based on historical documents, it is possible that “Dr. Fisher” refers to Dr. Josephine Fallscheer. ↩
‘Abdu’l‑Bahá refers to His talk at Stanford University, Palo Alto, California, in 1912, which was published in the local newspaper and is also included in the collection of His talks in America, entitled The Promulgation of Universal Peace. ↩
There ‘Abdu’l‑Bahá distinguishes the materialistic and empirical philosophy of the modern West from the standard rationalistic philosophy of the Greeks and Persians, and highlights the difference between theories of the essence of nature and of the origin of man. ↩
This document has been downloaded from the Bahá’í Reference Library. You are free to use its content subject to the terms of use found at www.bahai.org/legal
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