Das Geheimnis göttlicher Kultur =============================== Exported from Holy-Writings.com on 2026-06-18 1 clipping 1. Das Geheimnis göttlicher Kultur á ‘Abdu’l-Bahá á Bahá'í Verlag GmbH, Auflage 5.01 (O-2023-04-24) Das Geheimnis göttlicher Kultur ‘Abdu’l-Bahá Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen! Preis und Dank seien der Vorsehung, dass sie unter allen existierenden Wirklichkeiten die Wirklichkeit des Menschen auserwählt und ihn mit Verstand und Weisheit, den zwei am hellsten strahlenden Lichtern in beiden Welten, ausgezeichnet hat. Durch das Wirken dieser großen Gnadengabe hat Gott in jedem Zeitalter wunderbare neue Anordnungen im Spiegel der Schöpfung entstehen lassen. Wenn wir die Welt des Seins unvoreingenommen betrachten, wird uns klar, dass der Tempel des Seins von Zeitalter zu Zeitalter unablässig mit frischer Anmut ausgeschmückt und mit ständig neuer Pracht ausgezeichnet wurde, die von der Weisheit und Kraft des Denkens herrühren. Dieses erhabenste Zeichen Gottes steht an erster Stelle in der Schöpfungsordnung und nimmt auf höchster Stufe den Vorrang vor allen erschaffenen Dingen ein; dies bezeugt die heilige Überlieferung: »Vor allem anderen schuf Gott den Verstand.« Seit Anbeginn der Schöpfung war der Verstand dazu bestimmt, sich im Tempel des Menschen zu offenbaren. Geheiligt ist der Herr, der durch die leuchtenden Strahlen dieser göttlichen Macht bewirkte, dass unsere dunkle Erde von den Welten des Lichts beneidet wird: »Und die Erde wird leuchten im Lichte ihres Herrn.«Q1 Heilig und erhaben ist Er, der das Wesen des Menschen zum Dämmerungsort dieser grenzenlosen Gnade gemacht hat: »Der Gott des Erbarmens hat den Qur’án gelehrt. Er hat den Menschen erschaffen und hat ihn die vernünftige Sprache gelehrt.«Q2 O ihr, die ihr Verstand habt zu begreifen! Erhebt eure flehenden Hände zum Himmel des einen Gottes, seid demütig, beugt euch vor Ihm und dankt Ihm für diese höchste Gabe. Dann bittet Ihn, uns beizustehen, auf dass in unserer heutigen Zeit himmlische Impulse vom Bewusstsein der Menschheit ausstrahlen mögen und dieses göttlich entfachte Feuer, mit dem das Menschenherz betraut worden ist, nimmer erlösche. Bedenket wohl: Diese vielen verschiedenen Phänomene, diese Begriffe und Erkenntnisse, die technischen Verfahren und die philosophischen Systeme, die Wissenschaften, Künste, Gewerbe und Erfindungen – alle sind Ausstrahlungen des menschlichen Verstandes. Jedem Volk, das sich weiter in dieses uferlose Meer hineinwagte, ist es gelungen, die anderen Völker zu übertreffen. Glück und Stolz einer Nation bestehen darin, dass sie wie die Sonne am Himmel des Wissens erstrahlt. »Sollen die, welche erkennen, gleich behandelt werden wie die, welche in Unwissenheit leben?«Q3 Und Ehre und Würde des Einzelnen liegen darin, dass er inmitten aller Völker zu einer Quelle gesellschaftlichen Wohles wird. Gibt es eine größere Gnade als die, dass ein Mensch, wenn er in sich geht, feststellen darf, dass er, durch göttliche Gunst bestätigt, die Ursache für Frieden und Wohlergehen, Glück und Nutzen unter seinen Mitmenschen wurde? Nein, bei dem einen wahren Gott! Es gibt keine größere Freude, kein vollkommeneres Glück. Wie lange werden wir noch auf den Flügeln der Leidenschaft und eitlen Begierde dahintreiben? Wie viele Tage werden wir noch wie die Barbaren in den Tiefen der Unwissenheit und der Gemeinheit verbringen? Gott hat uns Augen gegeben, damit wir uns in der Welt umschauen und alles festhalten, was unsere Kultur und unsere Lebensweise verbessert. Er hat uns Ohren gegeben, damit wir zu unserem Nutzen auf die Weisheit der Gelehrten und Philosophen hören und uns aufmachen, ihre Lehren zu unterstützen und in die Tat umzusetzen. Sinne und Fähigkeiten sind uns verliehen worden, damit wir sie dem Dienst am Allgemeinwohl weihen, so dass wir, die wir uns durch Wahrnehmungsvermögen und Verstand von allen anderen Lebensformen unterscheiden, uns allezeit und in jeder Hinsicht, seien die Anlässe wichtig oder unbedeutend, üblich oder außergewöhnlich, darum bemühen, die ganze Menschheit sicher in der unbezwingbaren Feste des Wissens zu versammeln. Unablässig sollten wir neue Voraussetzungen für menschliches Glück schaffen, fortgesetzt sollten wir neue Instrumente entwickeln und fördern, um dieses Ziel zu erreichen. Wie erhaben, wie hochgeehrt ist ein Mensch, wenn er sich aufmacht, seiner Verantwortung gerecht zu werden; wie erbärmlich und verachtenswert ist er, wenn er seine Augen vor dem Wohlergehen der Gesellschaft verschließt und sein kostbares Leben damit vergeudet, selbstischen Interessen und persönlichem Nutzen nachzujagen! Der Mensch wird höchstes Glück erlangen und die Zeichen Gottes in der Welt und in der Menschenseele wahrnehmen, wenn er auf dem Ross hehren Bestrebens in die Kampfbahn der Kultur und Gerechtigkeit prescht. »Wir werden ihnen wahrlich Unsere Zeichen zeigen, in der Welt und in ihnen selbst.«Q4 Und des Menschen äußerste Verderbtheit besteht darin, träge, teilnahmslos, stumpf, nur mit seinen eigenen niederen Begierden befasst, dahinzuleben. Wenn er sich so verhält, vegetiert er in tiefster Unwissenheit wie ein Wilder und sinkt auf eine tiefere Stufe herab als die wilden Tiere. »Sie sind wie das Vieh. Ja, weit ärger sind sie abgeirrt … Denn die niedrigsten Tiere vor Gottes Angesicht sind die Tauben und Stummen, die nicht verstehen.«Q5 Wir müssen den hohen Entschluss fassen, uns zu erheben und alle jene Mittel zu ergreifen, die Frieden, Wohlstand und Glück, Erkenntnis, Kultur und Industrie, Würde, Wert und Stufe der gesamten Menschheit voranbringen. Auf diese Weise wird durch die belebenden Wasser reiner Absicht und selbstlosen Bemühens der Boden menschlicher Fähigkeiten in seiner eigenen latenten Vortrefflichkeit sich entfalten und lobenswerte Eigenschaften hervorbringen und gedeihen, bis er mit dem Rosengarten der Erkenntnis, der unseren Vorvätern eigen war, wetteifern kann. Dann wird dieses heilige Land Persien in jeder Hinsicht zum Brennpunkt menschlicher Vollkommenheiten und wird wie in einem Spiegel die gesamte Vielfalt der Weltzivilisation reflektieren. Alle Ehre und aller Preis gebühren dem Tagesanbruch göttlicher Weisheit, dem Dämmerungsort der Offenbarung (Muḥammad) und dem heiligen Geschlecht Seiner Nachkommen; denn durch die weitreichenden Strahlen Seiner höchsten Weisheit, durch Seine umfassende Erkenntnis wurden die wilden Bewohner von Yathrib (Medina) und Baṭḥá (Mekka) wundersam in kürzester Zeit aus den Tiefen ihrer Unwissenheit auf wunderbare Weise befreit, erhoben sich zu den Gipfeln der Gelehrsamkeit und wurden Mittelpunkte der Künste, Wissenschaften und menschlicher Vollkommenheiten, Sterne der Glückseligkeit und wahrer Kultur, die den gesamten Horizont der Welt überstrahlten. Seine Majestät der SháhA1 hat sich gegenwärtig (1875) entschlossen, den Fortschritt des persischen Volkes, seine Wohlfahrt und Sicherheit und das Gedeihen seines Landes in die Wege zu leiten. Kurzerhand hat er die Hilfsangebote für seine Untertanen vermehrt, Tatkraft und Gerechtigkeit gezeigt, wobei er hofft, er könne den Írán durch das Licht der Gerechtigkeit so gestalten, dass Ost und West ihn beneide, und jenen hehren Eifer, der die ersten großen Epochen der persischen Geschichte auszeichnete, erneut durch die Adern des persischen Volkes pulsieren lassen. Dies hat dem Verfasser aus Gründen, die dem verständnisvollen Betrachter einleuchten werden, die Notwendigkeit vor Augen geführt, allein Gott zuliebe und als Beitrag zu jenem hochgesteckten Ziel eine kurze Abhandlung über gewisse dringliche Fragen zu Papier zu bringen. Um zu zeigen, dass sein einziger Vorsatz die Förderung des allgemeinen Wohls ist, hat er seinen Namen verschwiegenA2. In dem Glauben, dass die Hinführung zur Rechtschaffenheit in sich selbst ein rechtschaffener Akt ist, erteilt er diese wenigen Ratschläge den Söhnen seines Landes – Ratschläge, die nur um Gottes willen im Geist der Liebe eines getreuen Freundes geäußert sind. Unser Herr, der alles kennt, bezeugt, dass dieser Diener nichts sucht als das, was recht und gut ist, denn Er, ein Wanderer in den Wüsten der Liebe zu Gott, ist in ein Reich aufgestiegen, wo ihn die Hand der Ablehnung oder der Zustimmung, des Lobes oder des Tadels nicht mehr berühren kann. »Wir nähren eure Seelen um Gottes willen; wir suchen von euch weder Belohnung noch Dank.«Q6 »Die Hand ist verborgen, doch die Feder schreibt auf ihr Geheiß. Das Ross setzt an zum Sprung, auch wenn des Reiters Namen niemand weiß.« O Volk Persiens! Schau dir die blühenden Seiten deiner Geschichte an, die von einem anderen Tag, einer längst vergangenen Zeit erzählen. Lies sie und staune; lass dir diesen wunderbaren Anblick nicht entgehen. In jenen Tagen war der Írán gleichsam das Herz der Welt, eine helle Fackel unter den Menschen. Persiens Macht und Herrlichkeit erstrahlten wie der Morgen über dem Horizont der Welt; der Glanz seiner Gelehrsamkeit ergoss seine Strahlen über den Osten und Westen. Bis zu den Bewohnern des Polarkreises drang die Kunde vom weit verbreiteten Reich derer, die Persiens Krone trugen, und die Berühmtheit der überwältigenden Erscheinung ihres Königs der Könige demütigte die Herrscher Griechenlands und Roms. Die größten Philosophen der Welt waren erstaunt über die Weisheit persischer Staatskunst; das politische System Persiens wurde zum Modell aller Könige in den vier damals bekannten Erdteilen. Bei allen Völkern war Persien für die Reichweite seiner Herrschaft berühmt, von allen wurde es wegen seiner ruhmvollen Kultur und Zivilisation verehrt. Persien war gleichsam Angelpunkt der Welt, Quelle und Mittelpunkt der Künste und Wissenschaften, Ursprung großer Erfindungen und Entdeckungen, reiche Fundgrube an menschlichen Tugenden und Vollkommenheiten. Der Verstand und die Weisheit der einzelnen Angehörigen dieser überragenden Nation blendeten den Sinn anderer Völker; die Strahlkraft und Auffassungsgabe, die diese gesamte edle Rasse auszeichneten, erregten den Neid der ganzen Welt. Abgesehen von den Aufzeichnungen in persischen Geschichtswerken steht im Alten Testament, heute unter allen Völkern Europas als heiliger kanonischer Text anerkannt, dass sich zur Zeit Kyros II., der in den íránischen Geschichtsbüchern Bahman, Sohn des Isfandíyár, heißt, die 360 Provinzen des persischen Großreiches von den chinesisch-indischen Grenzbezirken bis nach Jemen und Äthiopien erstreckten. A3 Die Griechen berichten, wie dieser stolze Herrscher mit einer ungeheuren Heerschar gegen sie zog und ihr eigenes, bis dahin siegreiches Land im Staube zurückließ. Er brachte die Pfeiler aller Herrscherhäuser ins Wanken; nach einem maßgeblichen arabischen Geschichtswerk des Abu’l-Fidá‘ herrschte er über die ganze damals bekannte Welt. Auch ist in demselben Werk sowie an anderer Stelle aufgezeichnet, dass Firaydún, ein König der Píshdádíyán-Dynastie – der für seine angeborenen Tugenden, sein Urteilsvermögen, sein weitreichendes Wissen und seine anhaltenden Siege unter allen Vorgängern und Nachfolgern auf dem Thron einzigartig war – die gesamte bekannte Welt unter seinen drei Söhnen aufteilte. Die Geschichtsbücher der aufgeklärtesten Völker der Welt bezeugen, dass die erste Regierung, die auf Erden gebildet, das bedeutendste Weltreich, das unter den Nationen errichtet worden ist, Persiens Thron und Krone gewesen sind. O Volk Persiens! Erwache aus deiner Schlaftrunkenheit! Erhebe dich aus deiner Stumpfheit! Sei gerecht in deinem Urteil: Lässt es das Gebot der Ehre zu, dass dieses geheiligte Land, einst der Ursprung der Weltkultur, die Quelle von Ruhm und Glück für die ganze Menschheit, beneidet von Ost und West, weiterhin bemitleidet wird, beklagt von allen Nationen? Die Perser waren einst das edelste Volk; wollt ihr es zulassen, dass die Zeitgeschichte für künftige Geschlechter seine heutige Erniedrigung festhält? Wollt ihr selbstzufrieden das gegenwärtige Elend Persiens hinnehmen, wo dieses Land doch einstmals die Sehnsucht der ganzen Menschheit war? Soll man dieses Land wegen seiner verachtenswerten Trägheit, seiner mangelnden Kampfbereitschaft und völligen Unwissenheit zur rückständigsten aller Nationen erklären? War nicht in vergangenen Zeiten das persische Volk an Verstand und Weisheit unübertroffen? Strahlte es nicht durch Gottes Gnade wie der Morgenstern vom Horizont göttlicher Erkenntnis? Wie kommt es, dass wir uns heute mit diesem elenden Zustand zufriedengeben, völlig verstrickt in unseren zügellosen Leidenschaften, blind für die höchste Glückseligkeit, für das, was Gott wohlgefällt, und uns allein mit unseren selbstischen Interessen befassen, ständig auf der Jagd nach unrühmlichen, persönlichen Vorteilen? Dieses schönste aller Länder war einst ein Leuchtfeuer, das die Strahlen göttlicher Erkenntnis, der Kunst und Wissenschaft, des Edelsinns und höchster Errungenschaften, der Weisheit und des Heldenmuts über die Welt ergoss. Heute ist sein glückliches Schicksal wegen der Trägheit und Lethargie seines Volkes, wegen seiner Antriebslosigkeit und undisziplinierten Lebensweise, seinem Mangel an Selbstachtung und fehlendem Ehrgeiz völlig in den Hintergrund getreten, ist dieses Licht der Finsternis gewichen. »Die sieben Himmel und die sieben Welten weinen über den Mächtigen, wenn er zu Fall gekommen ist.« Niemand sollte glauben, das persische Volk verfüge von Natur aus nicht über ausreichende Intelligenz, es sei an grundlegender Auffassungsgabe und an Verständnis, angeborenem Scharfsinn, Intuition und Weisheit oder natürlicher Begabung anderen Völkern unterlegen. Gott bewahre! Ganz im Gegenteil haben die Perser immer alle anderen Völker an ihnen durch Geburt verliehene Fähigkeiten übertroffen. Hinzu kommt, dass das Land selbst durch sein gemäßigtes Klima und seine Naturschönheiten, seine geographischen Vorzüge und seine Bodenschätze in höchstem Maße gesegnet ist. Was dieses Land jedoch dringend benötigt, sind tiefes Nachdenken, entschlossenes Handeln, Bildung, Inspiration und Ermutigung. Das Volk muss sich gewaltig anstrengen, sein Stolz muss geweckt werden. Unter den fünf Kontinenten des Erdballs sind heute Europa und weite Teile Amerikas für Gesetz und Ordnung, Staatskunst und Handel, Künste und Gewerbe, Wissenschaft, Philosophie und Erziehungswesen bekannt. In alten Zeiten jedoch waren dies die wildesten, unwissendsten und grausamsten Völker der Welt; sie wurden sogar als Barbaren, das heißt als völlig roh und unkultiviert, gebrandmarkt. Überdies herrschten vom fünften bis zum fünfzehnten Jahrhundert nach Christi Geburt, in der Zeit, die man das Mittelalter nennt, unter den Völkern Europas solch schlimme Kampfhandlungen und schwere Unruhen, so grausame Auseinandersetzungen und Schreckenstaten vor, dass die Europäer diese zehn Jahrhunderte mit Recht als das finstere Mittelalter beschreiben. Die Grundlage für Fortschritt und Zivilisation in Europa wurde tatsächlich erst im 15. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gelegt; und von dieser Zeit an befindet sich die gesamte heute offensichtliche Kultur Europas in einem Entwicklungsprozess, der unter dem Einfluss großer Geister steht; und die Folge davon ist, dass die Wissensgrenzen erweitert und zielstrebige, ehrgeizige Anstrengungen unternommen wurden. Durch Gottes Gnade und den geistigen Einfluss Seiner universalen Manifestation hat derzeit der redliche Herrscher des Írán sein Volk unter dem Schutzschild der Gerechtigkeit versammelt, und die Aufrichtigkeit des kaiserlichen Vorsatzes hat sich in hoheitlichen Maßnahmen gezeigt. In der Hoffnung, seine Herrschaft werde mit der ruhmreichen Vergangenheit wetteifern können, bemühte er sich, Gerechtigkeit und Rechtlichkeit zu begründen, überall in diesem edlen Land die Bildung und den Zivilisationsprozess zu fördern und alles, was seinen Fortschritt sichern wird, von der Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen. Bislang haben wir noch keinen Monarchen gesehen, der die Zügel der Staatsangelegenheiten in so fähigen Händen hält, von dessen hoher Entschlusskraft die Wohlfahrt aller seiner Untertanen abhängt, der, wie es ihm zukommt, als ein gütiger Vater seine Bemühungen auf die Bildung und Kultivierung seines Volkes lenkt, der den Wohlstand und den Seelenfrieden seiner Untertanen zu sichern sucht und ihren Interessen die gebührende Aufmerksamkeit bekundet; dieser Diener und Ihm Gleichgesinnte haben deshalb bislang geschwiegen. Nunmehr ist es für Menschen mit Scharfsinn offenkundig, dass sich der Sháh aus eigenem Antrieb entschlossen hat, eine gerechte Regierung aufzubauen und den Fortschritt aller seiner Untertanen zu sichern. Seine ehrenwerte Absicht hat den Anlass zu der vorliegenden Abhandlung gegeben. Es ist in der Tat seltsam, wie manche, statt dankbar für diesen Segen zu sein, der wahrhaft von der Gnade Gottes, des Allmächtigen, herrührt, indem sie sich wie ein Mann erheben und dafür beten, dass sich diese edlen Vorsätze täglich vervielfachen mögen – wie manche, deren Verstand durch persönliche Beweggründe beeinträchtigt und deren Wahrnehmungsvermögen von Selbstsucht und Eitelkeit umwölkt ist, deren Lebenskräfte sich dem Dienst an ihren Leidenschaften verschrieben haben, deren Ehrgefühl sich in Liebe zu Führerschaft verwandelt hat, wie solche Menschen das Banner des Widerstands aufpflanzen und sich in lauten Klagen ergehen. Bis jetzt haben sie den Sháh getadelt, weil er sich nicht aus eigenem Antrieb für das Wohlergehen seines Volkes einsetzte und ihm nicht Frieden und Wohlstand zu bringen suchte. Nun, da er diesen großen Plan gefasst hat, schlagen sie einen anderen Ton an. Einige sagen, dies seien neumodische Methoden und fremde Ismen, die in keinerlei Beziehung zu den gegenwärtigen Bedürfnissen und den altehrwürdigen Sitten Persiens stünden. Andere scharen die hilflosen Massen um sich, die nichts von Religion oder deren Gesetzen und Grundsätzen verstehen und deshalb kein Unterscheidungsvermögen besitzen, und reden ihnen ein, diese modernen Methoden seien heidnische Praktiken und stünden im Widerspruch zu den verehrten Lehren des wahren Glaubens; dem fügen sie hinzu: »Wer ein Volk nachahmt, gehört ihm an«. Eine Gruppe von ihnen besteht darauf, die Reformen müssten mit größter Behutsamkeit, Schritt für Schritt, vorangetrieben werden; jede Übereilung sei unzulässig. Andere beharren darauf, nur solche Maßnahmen, die die Perser selbst ausgedacht haben, dürften übernommen werden; sie selbst sollten ihre politische Verwaltung, ihr Bildungssystem und ihren Kulturzustand reformieren und es gebe keine Notwendigkeit, Verbesserungen von anderen Nationen zu entlehnen. Kurz, jede Gruppe folgt ihrer eigenen besonderen Vorstellung. O Volk Persiens! Wie lange wollt ihr noch umherirren? Wie lange muss eure Verwirrung noch fortdauern? Wie lange soll es mit diesen Meinungsverschiedenheiten, diesem nutzlosen Widerstreit, dieser Unwissenheit, dieser Denkverweigerung noch weitergehen? Andere sind hellwach, und wir schlafen unseren traumlosen Schlaf. Andere Nationen unternehmen jede Anstrengung, um ihre Verhältnisse zu verbessern; wir sind in unseren Leidenschaften und in unserer Selbstgefälligkeit gefangen und stolpern mit jedem Schritt in eine neue Falle. Gott ist unser Zeuge, dass wir keinen Hintergedanken haben, wenn wir dieses Thema aufgreifen. Weder suchen wir uns bei irgendjemandem einzuschmeicheln oder jemanden an uns zu ziehen, noch erwarten wir irgendwelchen materiellen Gewinn daraus. Wir sprechen nur als einer, der ernsthaft das Wohlgefallen Gottes sucht, denn wir haben unseren Blick von der Welt und ihren Völkern abgewandt und in der schützenden Obhut des Herrn Zuflucht gesucht. »Nicht verlange ich von euch einen Lohn hierfür … Mein Lohn ist bei Gott allein.«Q7 Jene, die behaupten, dass diese modernen Konzepte nur für andere Länder gelten und für den Írán bedeutungslos seien, dass sie seine Bedürfnisse nicht befriedigten und nicht zu seiner Lebensart passten, jene Leute übersehen die Tatsache, dass andere Nationen einst genauso waren, wie wir heute sind. Haben diese neuen Systeme und Verfahren, diese fortschrittlichen Vorhaben nicht zur Entwicklung jener Länder beigetragen? Hat es den Menschen in Europa geschadet, dass sie solche Maßnahmen ergriffen? Haben sie nicht vielmehr dadurch die höchste Stufe materieller Entwicklung erlangt? Stimmt es etwa nicht, dass das persische Volk Jahrhunderte lang so gelebt hat, wie wir es heute nach vergangenen Verhaltensmustern leben sehen? Hat dies zu irgendeinem erkennbaren Nutzen geführt? Sind irgendwelche Fortschritte gemacht worden? Wenn diese Fragen nicht durch Erfahrung geprüft worden wären, könnten Zeitgenossen, in deren Köpfen das Licht natürlicher Intelligenz umwölkt ist, sie leichtfertig in Frage stellen. In anderen Ländern dagegen sind alle Aspekte der erforderlichen Voraussetzungen für den Fortschritt immer wieder überprüft worden; ihr Nutzen ist dort so klar bewiesen worden, dass ihn der trübste Verstand erfassen kann. Lasst uns gerecht und unvoreingenommen darüber nachdenken! Lasst uns die Frage stellen, welcher dieser Grundsätze und dieser gesunden, gut bewährten Verfahrensweisen könnte unseren gegenwärtigen Nöten nicht abhelfen oder widerspräche den besten politischen Interessen Persiens oder schadete dem allgemeinen Wohl des Volkes. Wäre es von Nachteil, das Bildungswesen zu erweitern, nützliche Künste und Wissenschaften zu entwickeln, Industrie und Technik zu fördern? Solche Bemühungen heben doch den einzelnen Menschen inmitten der Masse empor und führen ihn aus den Tiefen der Unwissenheit zu den Gipfeln der Erkenntnis und der Vortrefflichkeit. Würde die Einführung einer gerechten Gesetzgebung im Einklang mit den göttlichen Gesetzen, die das Glück der Gesellschaft sichern, die Menschenrechte schützen und einen unüberwindlicher Schutz vor Gewalttaten bilden – würden solche Gesetze, die für die Unversehrtheit der Mitglieder der Gesellschaft und für ihre Gleichheit vor dem Gesetz Gewähr bieten, ihr Wohlergehen und ihren Erfolg beeinträchtigen? Wenn man durch die Nutzung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit Vergleiche zwischen den gegenwärtigen Verhältnissen und den durch Kollektiverfahrung gebildeten Schlussfolgerungen ziehen kann, wenn man dadurch Gegebenheiten, die heute erst als Möglichkeit vorhanden sind, als künftige Wirklichkeiten vorausschauen kann, wäre es dann unvernünftig, heute Maßnahmen zu ergreifen, die unsere künftige Sicherheit garantieren? Erscheint es kurzsichtig, unvorsichtig oder bedenklich, ist es eine Abkehr von dem, was recht und billig ist, wenn wir unsere Beziehungen zu Nachbarländern festigen, bindende Verträge mit den Großmächten eingehen, Freundschaft mit friedliebenden Regierungen pflegen, die Handelsbeziehungen mit den Nationen in Ost und West erweitern, unsere Bodenschätze erschließen und den Reichtum unseres Volkes mehren? Würde es für unsere Untertanen Verderben bedeuten, wenn die Provinz- und Bezirksgouverneure ihrer heutzutage absoluten Macht entbunden würden, durch die sie schalten und walten, wie es ihnen passt, wenn sie statt dessen auf Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit verpflichtet würden, wenn Todesurteile und Kerkerstrafen, die sie verhängen, der Bestätigung durch den Sháh und durch übergeordnete Gerichte in der Hauptstadt unterworfen würden, die den Fall zuvor gründlich prüfen, Art und Ausmaß des Verbrechens bestimmen und dann eine gerechtes Urteil abgeben müssten, vorbehaltlich der Erteilung eines Dekrets durch den Herrscher? Wenn Bestechung und Korruption, heute unter den wohlklingenden Namen Geschenke und Vergünstigungen bekannt, für alle Zeit ausgeschlossen sein würden, wäre das eine Bedrohung für die Grundmauern der Gerechtigkeit? Wäre es ein Zeichen krankhafter Denkweise, Soldaten, die doch lebendige Opfer für Volk und Staat sind, ständig bereit, dem Tod ins Auge zu schauen, aus ihrer heutzutage unvorstellbaren Not und Armut zu befreien, angemessene Vorkehrungen für ihre Ernährung, Kleidung und Unterbringung zu treffen und keine Mühe zu scheuen, ihre Offiziere in der Militärausbildung zu unterweisen und die Armee mit den modernsten Arten von Gewehren und anderen Waffen auszustatten? Wollte jemand einwenden, solche Reformen seien noch nie völlig durchgesetzt worden, dann müsste er dieser Frage unvoreingenommen nachgehen und feststellen, dass diese Schwachpunkte auf dem völligen Fehlen einer einheitlichen öffentlichen Meinung sowie auf dem Mangel an Einsatzbereitschaft, Entschlossenheit und Hingabe bei den Führern des Landes beruhen. Offensichtlich kann das Land nicht in angemessener Weise verwaltet werden, bevor das Volk erzogen und die öffentliche Meinung auf das Wesentliche richtig fokussiert ist, bevor Regierungsbeamte, selbst der unteren Grade, frei von den geringsten Spuren von Korruption sind. Erst wenn Disziplin, Ordnung und gute Regierungsführung eine Stufe erreichen, auf der es einem Bürger auch mit äußerster Anstrengung nicht gelänge, um Haaresbreite vom Pfade der Rechtschaffenheit abzuweichen – erst dann können die gewünschten Reformen als vollständig durchgeführt betrachtet werden. Überdies kann jede Einrichtung, auch wenn sie dem höchsten Wohl der Menschheit dient, missbraucht werden. Ihr richtiger oder falscher Gebrauch hängt davon ab, wie unterschiedlich stark Aufklärung, Fähigkeit, Glaube, Redlichkeit, Hingabe und edle Gesinnung bei den Führern der öffentlichen Meinung ausgeprägt sind. Der Sháh hat seinen Teil getan; die Ausführung der nützlichen Maßnahmen, die vorgeschlagen wurden, ist nun in die Hände derjenigen Personen gelegt, die in den Beratungsgremien arbeiten. Wenn diese Menschen sich als unbescholten und edelmütig erweisen, wenn sie sich vom Makel der Korruption freihalten, werden die Bestätigungen Gottes sie zu einer nie versiegenden Quelle des Segens für die Menschheit machen. Gott wird ihren Lippen und ihren Federn entströmen lassen, was dem ganzen Volk zum Segen gereicht, so dass jeder Winkel des edlen Írán von ihrer Gerechtigkeit und Redlichkeit erleuchtet wird und die Strahlen dieses Lichts die ganze Erde erfassen werden. »Dies wird Gott kein Schweres sein. «Q8 Andernfalls ist es klar, dass die Ergebnisse sich als nicht hinnehmbar erweisen werden, hat es sich doch in bestimmten fremden Ländern gezeigt, dass nach der Einführung von Parlamenten das Volk in Wirklichkeit entmutigt und verwirrt wurde und dass selbst gutgemeinte Reformen schlechte Wirkungen zur Folge hatten. Die Errichtung von Parlamenten, der Aufbau beratender Körperschaften ist in Wahrheit die Grundlage der Staatsführung; solche Einrichtungen müssen jedoch eine Reihe wesentlicher Anforderungen erfüllen. Erstens müssen ihre gewählten Mitglieder rechtschaffen, gottesfürchtig, edelgesinnt und unbestechlich sein. Zum anderen müssen sie die Gesetze Gottes in allen Einzelheiten kennen; sie müssen auch über die wichtigsten Rechtsgrundsätze Bescheid wissen, in den Regeln, die für den Umgang mit inneren Angelegenheiten und mit auswärtigen Beziehungen gelten, erfahren und in den nutzbringenden Künsten der Zivilisation geschult sein. Schließlich müssen sie sich mit ihren rechtmäßigen Einkünften zufrieden geben. Man sollte nicht glauben, dass es Menschen dieser Art nicht gäbe. Durch Gottes Gnade und Seine Erwählten, durch große Anstrengungen hingebungsvoller und geheiligter Seelen lässt sich jede Schwierigkeit leicht beheben, und jedes noch so vielschichtige Problem erweist sich als einfacher denn ein Augenzwinkern. Wenn jedoch die Mitglieder derartiger beratender Körperschaften von minderwertigem Charakter, unwissend, über die Gesetze der Staatsführung und der Verwaltung nicht unterrichtet, wenn sie dumm, niedrig gesinnt, gleichgültig, müßig und eigennützig sind, ist es nutzlos, derartige Einrichtungen ins Leben zu rufen. Während in der Vergangenheit ein armer Mann, der zu seinem Recht kommen wollte, nur einen Einzelnen zu bestechen hatte, müsste er jetzt alle Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgeben oder aber die gesamte Mitgliederzahl zufriedenstellen. Eine eingehende Untersuchung wird belegen, dass der Grund für Unterdrückung und Unrecht, für Unehrlichkeit, Regelwidrigkeit und Missstände hauptsächlich darin besteht, dass es dem Volk an religiöser Gläubigkeit und an Erziehung mangelt. Wenn das Volk echt religiös, gebildet und geschult ist und eine Schwierigkeit sich zeigt, kann es sich an die örtlichen Behörden wenden; trifft es dort nicht auf Gerechtigkeit und kann es nicht seine angemessenen Ansprüche durchsetzen, stellt es vielmehr fest, dass die örtliche Verwaltung im Widerspruch zu Gottes Wohlgefallen und zur Rechtlichkeit des Königs steht, dann kann das Volk seinen Fall der höheren Gerichtsinstanz vortragen und die Abweichung der örtlichen Behörden von dem geistigen Gesetz darstellen. Das Gericht kann sich die Akten der Behörden über den Fall kommen lassen und auf diese Weise wird der Gerechtigkeit Genüge getan. Zurzeit fehlen jedoch dem größten Teil der Bevölkerung aus Mangel an Schulbildung sogar die Worte, um ihr Anliegen vorzubringen. Und nun zu denen, die hier und da als Staatsführer angesehen werden. Wir stehen erst am Anfang des neuen Verwaltungsprozesses, und diese Staatsführer sind selbst noch nicht ausreichend ausgebildet, um die Freuden bei der Ausübung von Gerechtigkeit erlebt und das Hochgefühl bei der Förderung von Rechtssicherheit gekostet zu haben; sie haben noch nicht von den Quellen eines reinen Gewissens und einer aufrechten Absicht getrunken. Sie haben noch nicht richtig erkannt, dass des Menschen höchste Ehre und wahres Glück in der Selbstachtung liegt, in hohen Entschlüssen und edlen Vorsätzen, in der Unversehrtheit und Sittlichkeit der Person, in der Reinheit des Denkens. Stattdessen bilden sie sich ein, ihre Größe läge darin, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln weltliche Güter anzuhäufen. Jeder Mensch sollte innehalten, nachdenken und gerecht urteilen: Sein Herr hat ihn aus unermesslicher Gnade zu einem menschlichen Wesen gemacht und mit den Worten geehrt: »Wahrlich, Wir schufen den Menschen in schönster Gestalt.«Q9 Er hat Seine Barmherzigkeit aus der Dämmerung der Einheit aufsteigen und über dem Menschen strahlen lassen, bis dieser zum Brunnquell des Wortes Gottes, zum Offenbarungsort himmlischer Geheimnisse wurde. Am Morgen der Schöpfung wurde er mit den Eigenschaften der Vollkommenheit und mit heiliger Anmut übersät. Wie kann er dieses makellose Gewand mit dem Schmutz selbstischer Begierden besudeln, wie kann er diese ewige Ehre gegen Schande tauschen? »Wähnst du dich eine schwache Form, wo doch das Weltall in dir zusammengefaltet liegt?«Q10 Wäre es nicht unser Anliegen, uns kurz zu fassen und unser Hauptthema zu entwickeln, würden wir hier eine Zusammenfassung von Themen in Bezug auf die Göttliche Welt und die Wirklichkeit des Menschen, seine hohe Stufe und den alles überragenden Wert der menschlichen Rasse geben. Aber lassen wir dies für eine andere Gelegenheit! Die höchste Stufe und die oberste Ebene, den vornehmsten und erhabensten Rang in der ganzen Schöpfung – ob sichtbar oder unsichtbar, ob Alpha oder Omega – nehmen die Propheten Gottes ein, obwohl sie größtenteils dem äußeren Anschein nach nichts als ihre Armut ihr eigen nannten. Desgleichen ist den Heiligen und denen, die der Schwelle Gottes am nächsten sind, unaussprechliche Herrlichkeit vorbehalten, obwohl sich ihresgleichen niemals, und sei es auch nur für einen Augenblick, um irdischen Gewinn kümmerten. Dann kommt die Stufe jener gerechten Könige, deren Ruf als Beschützer des Volkes und als Wahrer göttlicher Gerechtigkeit die Welt erfüllte und deren Namen als machtvolle Verfechter der Rechte des Volkes in der ganzen Schöpfung widerhallten. Solche Könige vergeuden keinen Gedanken darauf, riesige Reichtümer für sich anzusammeln; sie sehen vielmehr ihren eigenen Reichtum in der Förderung des Wohlstands ihrer Untertanen. Für sie sind die königlichen Schatzkammern gefüllt, wenn jeder einzelne Bürger in Wohlstand und Behagen lebt. Sie sind nicht stolz auf Gold und Silber, sondern auf ihre aufgeklärte Gesinnung und ihre Entschlossenheit, das Beste für die Allgemeinheit zu erreichen. Als Rangnächste folgen jene hervorragenden und ehrenhaften Minister und Vertreter des Staates, die den Willen Gottes über ihren eigenen stellen und deren fachliche Kompetenz und Weisheit bei der Verwaltung ihrer Ämter die Staatskunst zu neuen Gipfeln der Vollkommenheit führt. Sie strahlen in der Welt der Gebildeten wie Leuchten des Wissens; ihre Gedanken, ihr Verhalten und ihre Taten beweisen, wie sehr ihnen das Vaterland und sein Fortschritt am Herzen liegen. Mit bescheidenen Bezügen zufrieden, widmen sie ihre Tage und Nächte der Erfüllung ihrer wichtigen Aufgaben und dem Ersinnen von Methoden, um den Fortschritt des Volkes sicherzustellen. Durch den Einfluss ihres weisen Rates und durch ihr gesundes Urteil haben sie eh und je ihre Regierung zu einem nachahmenswerten Beispiel für alle anderen Regierungen der Welt werden lassen. Ihre Hauptstadt ward zum Brennpunkt großer weltweiter Unternehmungen; sie selbst gewannen an Würde, erlangten in hohem Maß persönliche Berühmtheit und erklommen die höchsten Höhen an Wertschätzung und an Charaktereigenschaften. Dann folgen jene berühmten, erfahrenen Gelehrten, die über edle Eigenschaften und umfassendes Wissen verfügen, sich fest an die Gottesfurcht halten und auf den Wegen des Heils bleiben. Im Spiegel ihres Geistes werden Formen transzendenter Wahrheiten reflektiert, und die Lampe ihrer inneren Schau empfängt ihr Licht von der Sonne universalen Wissens. Tag und Nacht stehen sie im Dienste gründlicher Forschungen auf solchen Wissensgebieten, die von Nutzen für die Menschheit sind, und widmen sich der Ausbildung befähigter Studenten. Würde man alle Schätze der Könige ihnen anbieten, so wären sie, da sie so hohe Ansprüche vertreten, nicht mit einem einzigen Tropfen aus den Wassern des Wissens zu vergleichen, und Berge von Gold und Silber könnten nicht die Freude an einer erfolgreichen Lösung eines schwierigen Problems aufwiegen. Alle Freuden, die abseits ihrer Arbeit liegen, sind in ihren Augen nur Kindertand, und die beschwerliche Last unnötiger Besitztümer ist nur für Unwissende und kleine Geister gut. Zufrieden gleich den Vögeln, sind sie für eine Handvoll Samen dankbar, und der Gesang ihres Wissens entzückt den Geist der Weltweisen. Schließlich trifft man unter dem Volk kluge Führer und im ganzen Lande einflussreiche Persönlichkeiten an, die als Pfeiler den Staatsbau tragen. Ihr Rang, ihre Position und ihr Erfolg hängen davon ab, ob sie dem Volk wohlgesinnt sind und ob sie sich bemühen, solche Mittel herauszufinden, die die Nation in ihrer Entwicklung fördern und den Reichtum und das Wohlergehen der Bürger steigern. Stellt euch vor, ein Mensch sei in seinem Land eine einflussreiche Persönlichkeit, er sei strebsam, weise, reinen Herzens, bekannt für seine angeborenen Fähigkeiten, seine Intelligenz und seinen natürlichen Scharfsinn; außerdem sei er ein wichtiges Mitglied der Staates: Worin kann ein solcher Mensch Ehre und bleibendes Glück, Rang und Ansehen in dieser und der kommenden Welt sehen? Etwa nicht darin, dass er gewissenhaft der Wahrheit und Rechtschaffenheit Beachtung schenkt, dass er entschlossen und hingebungsvoll nach dem Wohlgefallen Gottes trachtet, dass er danach strebt, die Gunst des Herrschers zu erlangen und die Anerkennung des Volkes zu verdienen? Oder vielleicht eher darin, dass er wegen der Freude an nächtlichen Festgelagen und Ausschweifungen seinem Land schadet und bei Tageslicht seinem Volk das Herz bricht, so dass er von Gott verstoßen, von seinem König vertrieben, von seinem Volk verunglimpft und mit der verdienten Verachtung gestraft wird? Bei Gott, die modernden Gebeine auf den Friedhöfen sind besser als solche Menschen! Welchen Wert haben sie, die niemals von der himmlischen Speise wahrer menschlicher Tugenden gekostet und nie von den kristallklaren Wassern jener Gnadengaben getrunken haben, die zum Reich des Menschen gehören? Zweifellos ist mit der Einführung von Parlamenten beabsichtigt, für Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit Sorge zu tragen; alles hängt jedoch von den Anstrengungen der gewählten Abgeordneten ab. Wenn ihre Absicht rein ist, wird es zu wünschenswerten Ergebnissen und zu unerwarteten Verbesserungen kommen; andernfalls ist alles sinnlos. Das Land wird zum Erliegen kommen, und die öffentliche Ordnung wird sich verschlechtern. »Wie ich sehe, kommen tausend Bauleute nicht gegen einen Störenfried an. Was aber soll geschehen, wenn einem Baumeister tausend Störenfriede auf dem Fuße folgen?« Im Vorangegangenen wurde zumindest darzulegen versucht, dass Glück und Größe, Rang und Stufe, Freude und Frieden eines Menschen nie auf seinem persönlichen Reichtum beruhen, vielmehr auf seinem hervorragenden Charakter, seinem hehren Entschluss, seiner umfassenden Bildung und seiner Fähigkeit, schwierige Probleme zu lösen. Wie klar ist doch gesagt worden: »Was ich auf dem Körper trage, ist keinen Pfennig wert, wollte man es verkaufen; aber darunter schlägt ein Herz, das – gegen alle Herzen der Welt aufgewogen – größer und edler wäre.« Nach Ansicht des Verfassers sollte die Wahl von nichtständigen Mitgliedern beratender Körperschaften in souveränen Staaten vom Willen und der Wahl des Volkes abhängen; denn Abgeordnete, die gewählt werden, sind eher geneigt, Gerechtigkeit walten zu lassen, damit ihr Ruf keinen Schaden leide und sie nicht vor der Öffentlichkeit in Ungnade fallen. Man sollte nicht glauben, mit den vorstehenden Bemerkungen wollte der Verfasser Reichtum verurteilen oder Armut empfehlen. Reichtum ist allen Lobes wert, wenn er durch eigene Anstrengungen des Menschen und durch die Gnade Gottes auf den Gebieten des Handels, der Landwirtschaft, der Kunst oder Industrie erworben und für menschenfreundliche Zwecke ausgegeben wird. Vor allen Dingen gäbe es, wenn ein vernünftiger und ideenreicher Mensch Maßnahmen in die Wege leiten würde, um das Einkommen der Volksmassen allgemein zu heben, kein wichtigeres Vorhaben als dieses, und in den Augen Gottes würde dies als die größte Errungenschaft gelten, denn solch ein Wohltäter würde die Bedürfnisse einer großen Menge stillen und ihr Sicherheit und Wohlfahrt verschaffen. Reichtum ist in höchstem Maße lobenswert, sofern die ganze Bevölkerung reich ist. Wenn jedoch nur einige wenige übermäßige Reichtümer besitzen und alle übrigen verarmt sind, wenn keine Frucht, kein Nutzen aus dem Reichtum erwächst, dann bedeutet dieser nur eine Belastung für den Besitzer. Wird der Reichtum andererseits dazu verwendet, Wissen zu fördern, Grund- und andere Schulen zu eröffnen, Kunst und Industrie anzuregen, Waisen und Arme zu erziehen – kurz gesagt, ist er dem Wohle der Gesellschaft gewidmet –, dann ragt sein Besitzer vor Gott und den Menschen als der Vortrefflichste unter allen, die auf Erden wohnen, hervor und wird zum Volke des Paradieses gezählt. Nun zu jenen, die die Meinung vertreten, die Einführung von Reformen und Einrichtung machtvoller Institutionen stünde im Widerspruch zum Wohlgefallen Gottes, würden gegen die Gesetze des Göttlichen Gesetzgebers verstoßen und gegen die religiösen Grundsätze und das Lebensvorbild des Propheten. Lasst sie überlegen, wie weit solches zutreffen könnte. Laufen Reformen dem religiösen Gesetz zuwider, weil sie von Ausländern übernommen werden und sie uns dazu bringen, so zu sein, wie sie sind nach dem Wort: »Wer ein Volk nachahmt, gehört ihm an«? Zunächst beziehen sich diese Angelegenheiten auf den zeitlichen, äußerlichen Rahmen der Zivilisation, die Förderung von Wissenschaften, die Begleiterscheinungen des Fortschritts im Berufsleben und in den Künsten sowie die ordnungsgemäße Amtsführung der Regierung. Sie haben absolut nichts zu tun mit Fragen des Geistes und den vielfältigen Wahrheiten religiöser Lehre. Wenn eingewandt würde, vom Ausland etwas zu übernehmen, selbst wenn es materielle Angelegenheiten betrifft, sei unzulässig, würde eine solche Behauptung nur die Unwissenheit und Unvernunft ihrer Befürworter beweisen. Haben sie den berühmten ḤadíthA4 vergessen: »Suchet nach Wissen, selbst bis nach China«? Sicherlich gehörten die Chinesen in den Augen Gottes zu den am meisten beklagenswerten Menschen, weil sie Götzenbilder anbeteten und des allwissenden Herrn nicht gedachten. Die Europäer sind wenigstens ein »Volk des Buches«Q11 und glauben an Gott; darauf wird ausdrücklich in dem heiligen Vers Bezug genommen: »Du wirst sicherlich jene den Gläubigen liebreich am nächsten finden, die sagen ›Wir sind Christen‹«Q12. Es ist deshalb durchaus zulässig und in der Tat vorzuziehen, von christlichen Ländern Wissen zu erwerben. Wie könnte die Suche nach Wissen unter den Heiden vor Gott annehmbar sein und die Suche unter dem »Volk des Buches« Ihm missfallen? In der ›Grabenschlacht‹A5 verschaffte sich Abú-Sufyán die Hilfe der Baní-Kinánih, der Baní-Qaḥṭán und der jüdischen Baní Qurayzah; er erhob sich mit allen Stämmen der Quraysh, um das Göttliche Licht, das in der Lampe von Yathrib (Medina) flammte, zu löschen. In jenen Tagen heulten die Stürme der Prüfungen und Schicksalsschläge aus jeder Richtung, wie geschrieben steht: »Wähnen die Menschen, in Ruhe gelassen und nicht geprüft zu werden, wenn sie nur sagen ›Wir glauben‹?«Q13 Die Gläubigen waren gering an Zahl, der Feind griff mit Macht an und versuchte, die neu erschienene Sonne der Wahrheit durch den Staub der Unterdrückung und der Gewaltherrschaft auszulöschen. Da trat der Perser Salmán vor den Propheten, den Aufgangsort der Offenbarung, den Brennpunkt der unendlichen Strahlen göttlicher Gnade, und sagte, dass man in Persien zum Schutz vor einem eindringenden Feind Festungsgräben oder Schanzen um das Land anlegte und dies habe sich als eine höchst wirksame Vorsichtsmaßnahme gegen plötzliche Überfälle erwiesen. Hat nun daraufhin jener Brunnquell umfassender Weisheit, jenes Bergwerk göttlicher Erkenntnis erwidert, solche Verteidigungsanlagen seien ein Brauch götzendienerischer, feueranbetender MagierA6 und könnte deshalb von den Gläubigen des einen wahren Gottes schwerlich übernommen werden? Oder hat Er nicht vielmehr sofort Seinen Anhängern befohlen, so rasch wie möglich einen Graben auszuheben? Gemeinsam mit ihnen nahm Er selbst in Seiner eigenen gesegneten Person die Werkzeuge in die Hand und machte sich an die Arbeit. In den Büchern der verschiedenen islámischen Rechtsschulen und in den Schriften führender Gelehrter und Historiker ist zudem berichtet, dass heilige Gesetze offenbart wurden, die teilweise den Bräuchen aus den Tagen der UnwissenheitA7 entsprachen – und dies, nachdem das Licht der Welt über dem Ḥijáz aufgegangen war, die ganze Menschheit mit Seinem Strahlenglanz überflutet und durch die Offenbarung eines neuen, göttlichen Gesetzes, neuer Grundsätze und neuer Einrichtungen eine grundlegende Veränderung in der ganzen Welt geschaffen hatte. So achtete Muḥammad zum Beispiel die Monate des GottesfriedensA8, Er behielt das Verbot des Schweinefleisches, den Mondkalender sowie die Monatsnamen bei und dergleichen mehr. Es gibt eine beträchtliche Zahl solcher Gesetze, die einzeln in den Texten aufgeführt sind: »In den Tagen der Unwissenheit hielt sich das Volk an viele Bräuche, die das Gesetz des Islám später bestätigte. Sie heirateten keine Mutter und deren Tochter gleichzeitig; der schimpflichste Akt war in ihren Augen, zwei Schwestern zu heiraten. Ein Mann, der die Frau seines Vaters heiratete, wurde verspottet und als seines Vaters Nebenbuhler gebrandmarkt. Sie hatten den Brauch, zu dem Haus in Mekka zu pilgern und dort Besuchsriten zu verrichten, indem sie Pilgerkleider anlegten, das Haus feierlich umschritten, zwischen den Hügeln hin und her liefen, an den Halteplätzen warteten und Steine warfen. Weiter war es ihre Gewohnheit, in dreijährigen Abständen einen Schaltmonat in den Kalender einzufügen, nach dem Geschlechtsverkehr Waschungen zu verrichten, den Mund zu spülen, Wasser durch die Nasenlöcher einzuziehen, das Haar zu scheiteln, Zahnstocher zu benutzen, die Nägel zu schneiden und die Haare der Achselhöhlen auszurupfen. Desgleichen pflegten sie einem Dieb die rechte Hand abzuhacken.« Kann man, Gott bewahre, aus der Tatsache, dass einige göttliche Gesetze den Bräuchen aus den Tagen der Unwissenheit, den Sitten eines von allen Nationen verachteten Volkes ähneln, den Schluss ziehen, diese göttlichen Gesetze seien fehlerhaft? Oder kann man sich, Gott behüte, vorstellen, der Allmächtige Herr sei geneigt gewesen, den Ansichten der Heiden zu folgen? Die göttliche Weisheit nimmt viele Formen an. Wäre es Muḥammad nicht möglich gewesen, ein Gesetz zu offenbaren, das keinerlei Ähnlichkeit mit den Bräuchen, die in den Tagen der Unwissenheit üblich waren, gehabt hätte? Nein, Seine vollkommene Weisheit hatte zum Ziel, das Volk aus den Ketten des Fanatismus zu befreien, die es an Händen und Füßen fesselten, und genau denjenigen Einwendungen zuvorzukommen, die heutzutage den einfachen, ratlosen Seelen den Verstand verwirren und das Bewusstsein trüben. Manche, die über die Bedeutung des Wortes Gottes und die Inhalte der überlieferten und niedergeschriebenen Geschichte nicht ausreichend informiert sind, werden behaupten, jene Bräuche aus den Tagen der Unwissenheit seien Gesetze gewesen, die Seine Heiligkeit Abraham gegeben und die die Götzendiener beibehalten hätten. In diesem Zusammenhang werden sie den Qur’án-Vers anführen: »Folget der Religion Abrahams, der gesund im Glauben war.«Q14. Es ist jedoch eine Tatsache, die in den Schriften aller islámischen Rechtsschulen belegt ist, dass die Monate des Gottesfriedens, der Mondkalender und das Abschlagen der rechten Hand als Strafe für Diebstahl keine Gesetze waren, die Teil des Gesetzes Abrahams waren. Jedenfalls sind die fünf Bücher Mose, die die Gesetze Abrahams enthalten, noch vorhanden und heute allgemein zugänglich. Lasst sie darauf verweisen. Sie werden dann natürlich darauf bestehen zu behaupten, die Thora sei verfälscht worden, und zum Beweis den Qur’án-Vers zitieren: »Sie verkehren den Text des Wortes Gottes.«Q15 Es ist jedoch bekannt, wo solche Verfälschungen stattfanden; in kritischen Texten und Kommentaren ist dies aufgezeichnet.A9 Wollten wir dieses Thema ausführlicher behandeln, müssten wir unsere eigentliche Absicht hintanstellen. Manchen Berichten zufolge wurde die Menschheit angewiesen, verschiedene gute Eigenschaften und Verhaltensweisen von den wilden Tieren zu übernehmen und von diesen etwas dazuzulernen. Wenn es statthaft ist, Tugenden dummer Tiere nachzuahmen, so ist es sicherlich viel eher erlaubt, Wissenschaften und Techniken von fremden Völkern zu übernehmen, die wenigstens der menschlichen Rasse angehören und sich durch Urteilsvermögen und die Macht der Sprache auszeichnen. Und wenn behauptet wird, solche löblichen Eigenschaften seien den Tieren angeboren, welchen Beweis können sie dann anführen, dass diese wesentlichen Grundsätze der Kultur, dieses Wissen und diese Wissenschaften, die unter anderen Völkern geläufig sind, nicht auch ›angeboren‹ seien? Gibt es einen Schöpfer außer Gott? Sprich: Gepriesen sei Gott! Die gelehrtesten und gebildetsten Geistlichen, die namhaftesten Gelehrten haben gründlich diejenigen Wissenszweige studiert, deren Wurzel und Ursprung die griechischen Philosophen wie Aristoteles und andere waren, und haben die Erforschung der griechischen Texte von Wissenschaften wie der Medizin und Zweigen der Mathematik einschließlich AlgebraA10 und Arithmetik als besonders verdienstvolle Errungenschaft geschätzt. Alle bedeutenden Geistlichen studieren und lehren die Wissenschaft der Logik, obwohl sie als deren Begründer einen Sabäer ansehen. Die meisten von ihnen bestehen darauf, dass auf die Meinungen, Ableitungen und Schlussfolgerungen eines Gelehrten kein sicherer Verlass sei, wenn er zwar eine Reihe von Wissenschaften beherrsche, in der Logik jedoch keine gründlichen Kenntnisse habe. Es ist nun klar und unwiderleglich dargestellt worden, dass Grundsätze und Verfahrensweisen kultivierten Lebens aus fremden Ländern zu übernehmen und wissenschaftliche Kenntnisse und Techniken aus dem Ausland zu erwerben – mit anderen Worten: alles, was zum allgemeinen Wohl beiträgt – uneingeschränkt zulässig ist. Dies wurde dargelegt, damit sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine Angelegenheit von so umfassendem Nutzen fokussiere, damit sich das Volk mit ganzer Kraft erhebe, dies zu fördern, bis mit Gottes Hilfe dieses geheiligte Land in kurzer Zeit zur ersten Nation unter allen anderen Nationen werde. O ihr, die ihr weise seid! Erwäget sorgfältig: Kann man eine gewöhnliche Waffe mit einem Martini-Henry-Gewehr oder einer Krupp-Kanone vergleichen? Wollte jemand behaupten, unsere alten Feuerwaffen seien gut genug für uns und es sei sinnlos, Waffen einzuführen, die im Ausland erfunden wurden – würde da auch nur ein Kind ihm zuhören? Oder sollte jemand sagen: »Wir haben immer unsere Waren von Land zu Land auf dem Rücken der Tiere befördert: Warum brauchen wir Dampfmaschinen? Warum sollten wir anderen Völkern versuchen nachzueifern?«, könnte ein intelligenter Mensch eine solche Feststellung hinnehmen? Nein, bei dem einen Gott! Es sei denn, er wollte sich auf Grund eines geheimen Motivs oder aus Feindseligkeit weigern, offenkundige Tatsachen anzuerkennen. Fremde Nationen zögern nicht, Ideen voneinander zu übernehmen, obwohl sie höchste Fachkenntnis in Wissenschaft, Kunst und Industrie erworben haben. Wie kann man da zulassen, dass Persien, ein Land in tiefster Not, zurückgeblieben und aufgegeben hinterherhinkt? Jene bedeutenden Geistlichen und Gelehrten, die auf dem geraden Pfad wandeln, mit den Geheimnissen göttlicher Weisheit und den inneren Zusammenhängen der Heiligen Bücher wohlvertraut sind, die das Juwel der Gottesfurcht in ihren Herzen tragen und deren strahlende Angesichter vom heilbringenden Licht erleuchtet sind – diese Geistlichen und Gelehrten achten auf die gegenwärtige Bedürfnisse, sie verstehen die Erfordernisse der Moderne und verwenden sicherlich ihre ganze Kraft darauf, Bildung und Kultur voranzutragen. »Sind jene, die wissen, gleich denen, die nicht wissen? … Oder ist die Finsternis gleich dem Licht?«Q16 Die geistig Gebildeten sind Lampen der Führung unter den Nationen und Sterne des Glücks, die am Horizont der Menschheit strahlen. Sie sind Springbrunnen des Lebens für solche, die dem Tode von Unwissenheit und Unkenntnis verfallen sind, und reine Quellen der Vollkommenheit für jene, die dürstend durch die Wüsten ihrer Fehler und Irrtümer wandern. Dämmerorte der Zeichen göttlicher Einheit sind sie und Eingeweihte in die Geheimnisse des ruhmreichen Qur’án. Sie sind erfahrene Ärzte für den kranken Körper der Welt und das sichere Heilmittel gegen das Gift, das die menschliche Gesellschaft verdorben hat. Sie sind es, die als starke Feste die Menschheit beschützen, sie sind der unbezwingbare Zufluchtsort für die Bedrängten, Bekümmerten und Gequälten und für die Opfer der Unwissenheit. »Wissen ist ein Licht, das Gott ins Herz wirft, wem immer Er will.« Für alles hat Gott ein Zeichen und Sinnbild geschaffen, hat Er Maßstäbe und Prüfsteine aufgestellt, durch die es erkannt werden kann. Die geistig Gebildeten müssen sich durch innere wie äußere Vollkommenheiten auszeichnen; sie müssen einen guten Charakter, ein aufgeklärtes Wesen, reine Absichten und ebenso Verstandeskraft, Scharfsinn und Urteilsvermögen, Verschwiegenheit und Weitsicht besitzen, ferner müssen sie besonnen, ehrfürchtig und aufrichtig gottesfürchtig sein. Denn eine Kerze, die nicht brennt, so dick und groß sie auch sein mag, ist nicht besser als eine trockene Palme oder ein Haufen abgestorbenes Holz. »Die Maid mag schmollen oder mit mir spielen. Grausame Schönheit, groll nur, sei kokett! Jedoch der Hässlichen steht Scheu nicht an, und Schmerz in blindem Aug’ tut doppelt weh.«A11 Eine autorisierte Überlieferung besagt: »Wer zu den GebildetenA12 gehört, muss sich selbst bewahren, seinen Glauben verteidigen, seinen Leidenschaften widerstehen und die Gebote seines Herrn befolgen. Sodann ist es die Pflicht des Volkes, sich an sein Beispiel zu halten.« Da diese erlauchten und heiligen Worte alle Voraussetzungen wahren Wissens veranschaulichen, ist eine kurze Erläuterung ihres Sinns angebracht. Wem es auch immer an diesen göttlichen Fähigkeiten fehlt, wer diese unabdingbaren Erfordernisse nicht in seiner Lebensführung an den Tag legt, sollte nicht als ein Gebildeter angesehen werden und ist nicht wert, den Gläubigen als Vorbild zu dienen. Das erste dieser Erfordernisse ist, sich selbst zu bewahren. Offensichtlich bedeutet dies nicht, dass man sich vor Unglück und materiellen Prüfungen schützt; denn alle Propheten und Heiligen waren den bittersten Trübsalen, welche die Welt zu bieten hat, ausgesetzt und dienten der Menschheit zur Zielscheibe für jede Art an Grausamkeit und Angriffslust. Sie opferten ihr Leben für das Wohlergehen des Volkes, und aus ganzem Herzen eilten sie der Stätte ihres Martyriums entgegen. Durch ihre innere und äußere Vollkommenheit schmückten sie die Menschenwelt mit neuen Gewändern vortrefflicher Eigenschaften, angeborener wie erworbener. Sich selbst zu bewahren bedeutet vor allem, die Attribute geistiger und materieller Vollkommenheit zu erwerben. Das erste Attribut der Vollkommenheit besteht in der Bildung und in den kulturellen Erkenntnissen des Geistes. Diese hohe Stufe ist erreicht, wenn der Mensch umfassende Kenntnis besitzt von den vielschichtigen und transzendenten Wahrheiten, die Gott zugehören, den Grundwahrheiten der politisch-religiösen Gesetze des Qur’án, dem Inhalt der heiligen Schriften anderer Bekenntnisse sowie von Satzungen und Verfahren, die zum Fortschritt und zur Kultur dieses hervorragenden Landes beitragen können. Darüber hinaus sollte ein solcher Mensch über anderer Länder Gesetze und Grundsätze, Sitten, Lebensumstände und Gepflogenheiten sowie über die materiellen und sittlichen Verdienste, die deren Staatskunst kennzeichnen, Bescheid wissen; er sollte auf allen nutzbringenden Wissensgebieten seiner Zeit höchst bewandert sein und die geschichtlichen Aufzeichnungen vergangener Regierungen und Völker studieren. Denn wenn ein gebildeter Mensch nicht die heiligen Schriften und das gesamte Gebiet der Religions- und Naturwissenschaften, des religiösen Rechts, der Staatskunst, des vielfältigen Wissens der Zeit und der großen geschichtlichen Ereignisse kennt, kann es leicht sein, dass er einem Ernstfall nicht gewachsen ist, und das wäre unvereinbar mit dem notwendigen Erfordernis umfassenden Wissens. Wenn zum Beispiel ein islámischer Gelehrter mit einem Christen ein Gespräch führt und die herrlichen Melodien des Evangeliums nicht kennt, wird es ihm nicht möglich sein, den Christen zu überzeugen; wie viele Wahrheiten aus dem Qur’án er auch anführt, er wird tauben Ohren predigen. Sollte der Christ jedoch bemerken, dass der Muslim über die Grundwahrheiten des Christentums besser Bescheid weiß als die christlichen Theologen und dass er den Sinn der Schriften tiefer erfasst hat als jene, dann wird er den Ausführungen des Muslims gern zustimmen; tatsächlich bleibt ihm dann keine andere Wahl. Als der ExilarchA13 in die Gegenwart des Imám Riḍá, jenes Leuchtfeuers göttlicher Weisheit, des Heils und der Gewissheit, gelangte, hätte er nie die Größe seiner Heiligkeit anerkannt, wenn der Imám, dieses Bergwerk an Wissen, im Verlauf ihrer Unterredung nicht seine Argumente auf die dem Exilarch vertraute und wichtige Autorität gestützt hätte. Auf zwei mächtigen Kräften basiert der Staat: die gesetzgebende und die ausführende Gewalt. Die ausführende Gewalt geht von der Regierung aus, während im Mittelpunkt der Gesetzgebung der Gelehrte steht. Wie wäre es denkbar, dass ein Staat Bestand hätte, wenn diese letztere starke Stütze, dieser Grundpfeiler, sich als unbrauchbar erweist? Angesichts der Tatsache, dass heutzutage solch vollkommen entwickelte und umfassend gebildete Persönlichkeiten kaum zu finden sind und Regierung und Volk der Ordnung und Führung dringend bedürfen, ist es wichtig, ein Gremium von Gelehrten zu bilden, dessen verschiedene Mitgliedergruppen jeweils in einem der oben erwähnten Wissenszweige sachkundig sind. Diese Körperschaft sollte mit größtem Eifer und aller Tatkraft über gegenwärtige und künftige Erfordernisse beraten und Ruhe und Ordnung herbeiführen. Bisher ist dem religiösen Gesetz noch keine entscheidende Rolle an unseren Gerichten eingeräumt worden, weil jeder ‘Ulamá diejenigen Urteile fällte, die er nach seiner eigenmächtigen Auslegung und nach seiner persönlichen Meinung für angebracht hielt. Es mag sein, dass zwei Männer vor Gericht gehen und einer der ‘Ulamá zu Gunsten des Klägers, ein anderer zu Gunsten des Beklagten entscheidet. Dann mag es sogar geschehen, dass in ein und demselben Fall zwei widersprüchliche Urteile von ein und demselben Mujtahid gefällt werden, weil er das erste Mal in die eine Richtung, das zweite Mal in die andere Richtung beeinflusst worden war. Zweifellos hat dieser Zustand alle wichtigen Belange durcheinandergebracht und muss die eigentlichen Grundlagen der Gesellschaft gefährden; denn Kläger wie Beklagter geben die Hoffnung nie auf, schließlich doch noch Erfolg zu haben, und jeder vergeudet sein Leben mit dem Versuch, ein später ergehendes Urteil zu erwirken, das das vorhergehende rückgängig macht. Ihre ganze Zeit vertun sie mit Rechtsstreitigkeiten, was dazu führt, dass ihr ganzes Leben in dem Streitfall verwickelt ist, statt gemeinnützigen Unternehmungen und angemessenen persönlichen Bedürfnissen gewidmet zu sein. Diese beiden Prozessgegner könnten in der Tat auch tot sein, denn sie können ihrer Regierung und der Gesellschaft nicht im Geringsten einen Dienst erweisen. Wenn jedoch ein endgültiges, unwiderrufliches Urteil erginge, müsste die ordnungsgemäß verurteilte Person notgedrungen alle Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des Falles aufgeben, würde in dieser Hinsicht entlastet werden und könnte sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten und diejenigen anderer kümmern. Da diese überaus wichtige Frage das vornehmste Mittel für die Sicherung des Friedens und der Ruhe des Volkes und die wirksamste Triebkraft für die Weiterentwicklung von Hoch und Niedrig ist, obliegt es denjenigen gelehrten Mitgliedern der großen beratenden Versammlung, die sich mit dem Göttlichen Gesetz genau auskennen, eine einheitliche, direkte und endgültige Verfahrensweise für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten zu entwickeln. Dieser Rechtsgang sollte dann im ganzen Land auf Befehl des Königs veröffentlicht werden, seine Vorkehrungen müssten genauestens einzuhalten sein. Diese so wichtige Frage bedarf dringendster Aufmerksamkeit. Das zweite Attribut der Vollkommenheit ist Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Dies bedeutet, persönlichem Nutzen und eigensüchtigen Vorteilen keine Beachtung zu schenken, vielmehr die Gesetze Gottes ohne den leisesten Hintergedanken an irgendetwas anderes anzuwenden. Es bedeutet ferner, sich selbst nur als einen der Diener Gottes, des Allbesitzenden, anzusehen und nie danach zu trachten, andere zu übertreffen, es sei denn im Streben nach geistiger Vortrefflichkeit. Es bedeutet, das Wohl der Gemeinschaft als das eigene zu empfinden. Kurz gesagt heißt dies, die ganze Menschheit als ein einziges Lebewesen, sich selbst als ein Teil dieses großen Körpers anzusehen und genau zu wissen, dass jeder Schmerz, jede Wunde, die ein Körperteil trifft, unweigerlich alles übrige in Mitleidenschaft zieht. Die dritte Voraussetzung für Vollkommenheit ist, sich aufrichtig und mit der lautersten Absicht aufzumachen, die Massen zu erziehen: sich bis zum äußersten anzustrengen, um sie in den verschiedenen Wissensgebieten und nutzbringenden Wissenschaften zu unterweisen, um eine fortschrittliche Entwicklung zu fördern, die Bereiche des Handels, der Industrie und der Künste zu erweitern und solche Maßnahmen zu unterstützen, die den Wohlstand des Volkes erhöhen. Die breiten Schichten der Bevölkerung sind nämlich in Unkenntnis über jene lebenspendenden Kräfte, die die chronischen Leiden der Gesellschaft umgehend heilen könnten. Es ist unerlässlich, dass Gelehrte und geistig Gebildete aufrichtigen und reinen Herzens und nur aus Liebe zu Gott daran gehen, die Massen zu beraten, zu ermahnen und ihre Sicht mit jenem Heilmittel zu erhellen, das Wissen heißt. Denn in ihrem tief verwurzelten Aberglauben meinen viele Leute heutzutage, ein Mensch, der an Gott und Seine Zeichen, an die Propheten, ihre Offenbarungen und ihre Gesetze glaubt, der fromm und gottesfürchtig ist, müsse notwendigerweise müßig gehen und seine Tage mit Nichtstun verbringen, um in den Augen Gottes als jemand dazustehen , der der Welt und ihren Nichtigkeiten entsagt, sein Herz dem künftigen Leben zugewandt und sich von den anderen Menschen abgesondert hat, damit er dadurch Gott näher kommt. Da dieses Thema anderweitig in der vorliegenden Schrift behandelt wird, wollen wir es hier auf sich beruhen lassen. Weitere Attribute der Vollkommenheit sind, Gott zu fürchten, Ihn zu lieben, indem man Seine Diener liebt, Sanftmut, Nachsicht und Besonnenheit zu üben, aufrichtig, zugänglich, gütig und mitleidsvoll, entschlossen und mutig, zuverlässig und tatkräftig zu sein, zu ringen und zu streben, edelmütig, treu und ohne Hintergedanken zu sein, Eifer und Ehrgefühl an den Tag zu legen, hochgesinnt und großmütig zu sein und die Rechte anderer zu achten. Wem es an diesen hervorragenden menschlichen Eigenschaften fehlt, der ist unvollkommen. Wollten wir die inneren Bedeutungen aller dieser Tugenden erklären, »das Gedicht würde siebzig ManA14 Papier füllen.« Der zweite geistige Maßstab, der an den Gebildeten anzulegen ist, besteht darin, dass er seinen Glauben verteidigen sollte. Natürlich beziehen sich diese heiligen Worte nicht nur darauf, dass man nach dem tieferen Sinn des Gesetzes forscht, gottesdienstliche Vorschriften einhält, größere und kleinere Sünden vermeidet, die religiösen Vorschriften befolgt und mit allen diesen Mitteln den Glauben schützt. Weit eher bedeuten diese Worte, dass die ganze Bevölkerung in jeder Weise geschützt werden sollte, dass jegliche Anstrengung unternommen werden sollte, um eine Bündelung aller erdenklichen Maßnahmen zu ermöglichen und dadurch das Wort Gottes zu verkünden, die Zahl der Gläubigen zu vergrößern, den Glauben Gottes zu fördern, ihn zu erhöhen und zum Sieg über andere Glaubensformen zu führen. Hätten sich die religiösen Autoritäten der Muslime wirklich so verhalten , wie sie es hätten tun sollen, wäre heutzutage jedes Volk auf Erden unter dem Schutzdach der Einheit Gottes versammelt, und das helle Feuer des »damit Er sie siegreich mache über jede andere Religion«Q17 wäre wie die Sonne mitten im Herzen der Welt aufgeflammt. Fünfzehn Jahrhunderte nach Christus wandte sich Luther, ursprünglich eines von zwölf Mitgliedern einer katholischen Religionskörperschaft im Zentrum der päpstlichen Verwaltung und später der Begründer des protestantischen Glaubens, gegen den Papst und zwar wegen gewisser Lehraussagen wie des Eheverbots für Mönche, des verehrungsvollen Niederkniens vor den Bildern von Aposteln und ehemaligen christlichen führenden Persönlichkeiten sowie wegen verschiedener anderer religiöser Praktiken und Zeremonien, die den Geboten des Evangeliums zugeschrieben worden waren. Obwohl zu jener Zeit die Macht des Papstes so groß war und er mit solcher Ehrfurcht behandelt wurde, dass die Könige Europas vor ihm zitterten und bebten, obwohl der Papst alle wichtigen Belange Europas kontrollierend im Griff seiner Macht hielt, haben doch in den letzten 400 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung Amerikas, vier Fünftel von Deutschland und England und ein großer Prozentsatz von Österreichern, alles in allem etwa hundertfünfundzwanzig Millionen Menschen, andere christliche Konfessionen verlassen und sind in die protestantische Kirche eingetreten, weil Luthers Einstellung in Bezug auf die Freiheit von Priestern, heiraten zu dürfen, in seiner Abkehr von der Anbetung und dem Niederknien vor in den Kirchen aufgehängten Bildern und Darstellungen und in der Abschaffung von Zeremonien, die dem Evangelium beigefügt worden waren, nachweislich richtig war, und weil die geeigneten Mittel ergriffen wurden, seine Ansichten zu verbreiten. Die Anführer dieser Konfession geben sich nach wie vor jede Mühe, diese zu verbreiten, und haben heute an der Ostküste Afrikas – vordergründig zur Emanzipation der Sudanesen und verschiedener afrikanischer Völker – Schulen und Ausbildungsstätten eingerichtet, in denen völlig unzivilisierte afrikanische Stämme erzogen und ausgebildet werden, während ihre wahre und vorrangige Absicht darin liegt, einige der muslimischen indigenen Völker zum Protestantismus zu bekehren. Jede Gemeinschaft müht sich um den Fortschritt ihrer Anhänger, und wir (d. h. die Muslime) schlafen weiter! Obwohl es unklar war, welche Zielvorstellung jenen Mann antrieb oder was er vorhatte, seht nur den Eifer und die Mühe, mit der die protestantischen Führer seine Lehren weit und breit verkündet haben! Es ist sicher, dass das Licht Gottes die ganze Erde umhüllen würde, wollte nur das erlauchte Volk des einen wahren Gottes als Empfänger Seiner Bestätigungen und Seiner göttlichen Hilfe mit aller Kraft und mit völliger Hingabe, ganz im Vertrauen auf Gott und losgelöst von allem außer Ihm, entsprechende Maßnahmen ergreifen, um den Glauben zu verbreiten, und alle Mühe auf dieses Ziel ausrichten. Einzelne Menschen, denen die Wirklichkeit unter der Oberfläche der Ereignisse verborgen bleibt, die den Pulsschlag der Welt nicht fühlen können, die nicht wissen, welch große Dosis Wahrheit verabreicht werden muss, um dieses chronische alte Leiden der Lüge zu heilen, sind der Ansicht, dass der Glaube nur durch das Schwert verbreitet werden kann; sie unterbauen ihre Meinung mit der Überlieferung: »Ich bin ein Prophet durch das Schwert.« Wenn sie diese Frage jedoch sorgfältig prüfen würden, müssten sie erkennen, dass das Schwert heutzutage, in diesem Zeitalter, kein passendes Mittel ist, um den Glauben zu verbreiten, denn es erfüllt die Herzen der Menschen nur mit Abscheu und Schrecken. Nach dem göttlichen Gesetz Muḥammads geht es nicht an, dass das »Volk des Buches« gezwungen wird, den Glauben anzuerkennen und anzunehmen. Während es eine heilige Pflicht für jeden ist, der mit Überzeugung an die Einheit Gottes glaubt, die Menschen zur Wahrheit zu führen, beziehen sich die Überlieferungen »Ich bin ein Prophet durch das Schwert« und »Mir ist befohlen, den Leuten nach dem Leben zu trachten, bis sie sagen: ›Es gibt keinen Gott außer Gott‹«Q18 auf die Götzendiener aus den Tagen der Unwissenheit, die in ihrer Blindheit und Grausamkeit tief unter die menschliche Stufe gesunken waren. Auf einen Glauben, der durch Schwerthiebe entstanden ist, wäre schwerlich Verlass; durch den geringsten Anlass würde er in Irrtum und Unglauben zurückfallen. So fielen z. B. auch die Stämme in der Umgebung Medinas nach dem Heimgang Muḥammads, nach Seinem Aufstieg auf »den Sitz der Wahrheit in der Gegenwart des allmächtigen Königs«Q19, von ihrem Glauben ab und wandten sich wieder dem Götzendienst aus heidnischen Zeiten zu. Erinnert euch an die Zeit, als die heiligen Düfte des Geistes Gottes (Jesus) ihre Süße über Palästina und Galiläa, über die Ufer des Jordan und die Gefilde um Jerusalem ergossen, als die wundersamen Melodien des Evangeliums in den Ohren der geistig Erleuchteten erklangen: Alle Völker Asiens und Europas, Afrikas und Amerikas als auch von Ozeanien, das die Inseln und Inselgruppen des Pazifischen und des Indischen Ozeans umfasst, waren Feueranbeter und Heiden, in Unkenntnisder Göttlichen Stimme, die am Tage des BundesA15 sprach. Allein die Juden glaubten an den EINEN wahren Gott Göttlichkeit und Einheit Gottes. Nach der Erklärung Jesu verlieh der reine, belebende Odem Seines Mundes drei Jahre lang den Bewohnern jener Landstriche ewiges Leben, und durch Göttliche Offenbarung trat das Gesetz Christi, zur damaligen Zeit das lebenswichtige Heilmittel für den siechen Körper der Welt, in Kraft. In den Tagen Jesu wandten nur wenige Menschen ihr Angesicht Gott zu. Tatsächlich wurden nur die zwölf Jünger und ein paar Frauen wahre Gläubige, und einer der Jünger, Judas Ischariot, verriet seinen Glauben, so dass nur elf übrigblieben. Nach dem Aufstieg Jesu ins Reich der Herrlichkeit erhoben sich diese wenigen Seelen mit ihren geistigen Tugenden und mit Taten, die rein und heilig waren, und machten sich durch die Allmacht Gottes und den lebenspendenden Odem des Messias auf, alle Völker der Erde zu erretten. Da standen alle götzendienerischen Nationen sowie die Juden in ihrer Gesamtheit auf, das Göttliche Feuer zu löschen, das in der Lampe von Jerusalem entzündet war. »Gern hätten sie Gottes Licht mit ihren Mäulern ausgeblasen; aber Gott will Sein Licht vervollkommnen, wiewohl die Ungläubigen es verabscheuen.«Q20 Unter den schlimmsten Folterungen brachten sie jede dieser heiligen Seelen zu Tode; mit Schlachtermessern hackten sie die reinen, unbefleckten Leiber von einigen unter ihnen in Stücke und verbrannten sie in Feueröfen; andere Gläubige streckte man auf der Folter und begrub sie dann bei lebendigem Leibe. Obwohl solche Todesqualen ihr Lohn waren, fuhren die Christen fort, die Sache Gottes zu lehren; nie zogen sie ein Schwert aus der Scheide oder streiften auch nur eine Wange. Am Ende umfing der Glaube Christi die ganze Erde, so dass in Europa und Amerika keine Spuren von anderen Religionen übrig blieben und heute in Asien, Afrika und Ozeanien große Volksmassen im Heiligtum der vier Evangelien leben. Es ist nun durch die oben angeführten unwiderlegbaren Beweise untermauert worden, dass der Glaube Gottes durch menschliche Vollkommenheiten, durch hervorragende und anziehende Tugenden und ein durchgeistigtes Verhalten verkündet werden muss. Wenn sich eine Seele aus eigenem Antrieb Gott zuwendet, wird sie an der Schwelle der Einheit aufgenommen; denn ein solcher Mensch ist frei von persönlichen Beweggründen, von Habgier und selbstischer Gewinnsucht. Er hat unter dem Schutz und Schirm seines Herrn Zuflucht gefunden. Unter seinen Mitmenschen wird er auf Grund seiner Vertrauenswürdigkeit und Wahrheitsliebe, Mäßigung und Gewissenhaftigkeit, Großherzigkeit und Treue, Unbestechlichkeit und Gottesfurcht bekannt werden. So wird das höchste Ziel bei der Verkündigung des göttlichen Gesetzes – nämlich Glück im kommenden Leben, eine hochentwickelte Kultur und edle Charaktereigenschaften auf dieser Welt zu schaffen – verwirklicht. Das Schwert hingegen wird nur Menschen hervorbringen, die äußerlich Gläubige, in ihrem Herzen aber Verräter und Abtrünnige sind. Wir wollen hier eine Geschichte erzählen, die allen als Beispiel dienen mag. Die arabischen Chroniken berichten, wie in der Zeit vor dem Kommen Muḥammads Nu‘mán, der Sohn Mundhirs des Lakhmiden – ein arabischer König aus den Tagen der Unwissenheit, dessen Residenz die Stadt Ḥírih war – dem Wein einmal so sehr zugesprochen hatte, dass sich seine Sinne verfinsterten und der Verstand ihn verließ. In diesem volltrunkenen, gefühllosen Zustand befahl er, seine beiden Zechbrüder und vertrauten, vielgeliebten Freunde, Khálid, den Sohn des Mudallil, und ‘Amr, den Sohn des Mas‘úd-Kaldih, hinzurichten. Als der König am anderen Morgen nach seinem Zechgelage erwachte und nach seinen beiden Freunden fragte, wurde ihm die schmerzhafte Nachricht mitgeteilt. Kummer befiel sein Herz; in seiner aufrichtigen Liebe und Sehnsucht nach ihnen ließ er über den beiden Gräbern zwei herrliche Denkmäler erbauen, denen er die Bezeichnung ›die Blutbeschmierten‹ gab. Daraufhin bestimmte er zwei Tage des Jahres zum Gedächtnis an die beiden Gefährten. Den einen nannte er den ›Tag des Übels‹, den anderen den ›Tag der Gnade‹. Jedes Jahr pflegte er an diesen bestimmten Tagen mit Prunk und Pracht hinauszuziehen und sich zwischen den beiden Grabmälern niederzulassen. Wenn an dem ›Tag des Übels‹ sein Auge auf irgendjemanden fiel, wurde dieser hingerichtet; wer jedoch am ›Tag der Gnade‹ vorüberging, wurde mit Geschenken und Gunstbeweisen überschüttet. Solches war sein königliches Gebot, das, mit einem mächtigen Eid besiegelt, immer streng eingehalten wurde. Eines Tages bestieg der König sein Ross, Maḥmúd genannt, und ritt hinaus in die Steppe, um zu jagen. Plötzlich erblickte er in der Ferne ein Wildpferd, gab seinem Ross die Sporen, um das Wild einzuholen, und hetzte mit solcher Geschwindigkeit davon, dass er von seinem Gefolge abgeschnitten wurde. Die Nacht brach herein, und der König war hoffnungslos verloren. Da entdeckte er fern in der Wüste ein Zelt; er wandte sein Pferd und ritt drauf zu. Als er den Eingang des Zeltes erreicht hatte, fragte er den Besitzer, Ḥanzalá, den Sohn des Abí-Ghafráy-i-Ṭá’í: »Nimmst du einen Gast auf?« Ḥanzalá antwortete: »Ja«, trat heraus und half Nu‘mán beim Absteigen. Dann ging er zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Im Verhalten dieses Mannes sind deutliche Anzeichen hohen Ranges zu erkennen. Tue dein Bestes, um ihm Gastfreundschaft zu erweisen, und bereite ein Festmahl vor.« Die Frau erwiderte: »Wir haben ein Mutterschaf, das du opfern könntest, und ich habe noch ein bisschen Mehl für solche Gelegenheiten aufgespart.« Ḥanzalá molk zunächst das Schaf und bot Nu‘mán eine Schale zum Trunk an, dann schlachtete er das Tier und bereitete ein Mahl zu, und dank seiner gütigen Gastfreundschaft verbrachte Nu‘mán die Nacht in Frieden und Behagen. Als die Dämmerung heraufzog, machte sich Nu‘mán für die Abreise fertig und sagte zu Ḥanzalá: »Du hast mir größte Freigebigkeit erwiesen, indem du mich aufgenommen und festlich bewirtet hast. Ich bin Nu‘mán, der Sohn des Mundhir, und warte sehnlichst darauf, dich an meinem Hofe begrüßen zu können.« Die Zeit ging dahin, Hungersnot zog ein im Lande Ṭayy. Ḥanzalá geriet in äußerste Not, und darum suchte er den König auf. Ein seltsamer Zufall fügte es, dass er am ›Tag des Übels‹ eintraf. Nu‘mán zeigte sich höchst beunruhigt. Er machte seinem Freund Vorwürfe: »Warum bist du gerade heute zu mir gekommen? Denn dies ist der ›Tag des Übels‹, das heißt der Tag des Zornes und der Pein. Selbst wenn mir heute Qábús, mein einziger Sohn, unter die Augen träte, käme er nicht mit dem Leben davon. Nun bitte mich um irgendeine Gunst, die du willst.« Ḥanzalá erwiderte: »Ich wusste nichts von eurem ›Tag des Übels‹. Die Gaben dieser Welt sind für die Lebenden da. Da ich jetzt den Tod erleiden muss, was nützen mir alle Vorräte dieser Welt?« »Daran ist nichts zu ändern«, sagte Nu‘mán. Ḥanzalá sprach: »So gewähre mir denn Aufschub, dass ich zu meinem Weib heimkehren und mein Testament machen kann. Im nächsten Jahr werde ich am ›Tag des Übels‹ wiederkommen.« Nu‘mán verlangte sodann einen Bürgen, der an Ḥanzalás statt hingerichtet werden sollte, falls dieser nicht zurückkehrte. Bestürzt und hilflos sah sich Ḥanzalá um. Da fiel sein Blick auf einen aus Nu‘máns Gefolge, Sharík, den Sohn des Qays aus Shaybán, und an ihn wandte er sich mit den Worten: »O Sohn des ‘Amr, mein Gefährte! Gibt es irgendein Entkommen vor dem Tode? O du Bruder jedes Bedrängten, du Bruder des Bruderlosen, du Bruder Nu‘máns! Du könntest dem Shaykh Bürgschaft leisten. Wo ist Shaybán, der Edelmütige – möge der Allbarmherzige ihm Gunst bezeigen!« Aber Sharík erwiderte nur: »O mein Bruder, ein Mann darf nicht sein Leben aufs Spiel setzen.« Da wusste das Opfer nicht mehr, wohin es sich wenden sollte. Doch ein Mann namens Qarád, Sohn Ajda‘s des Kalbiten, stand auf und bot sich als Bürge an; er willigte ein, dass der König mit ihm, Qarád, tun könne, was er wolle, wenn er zum nächsten ›Tag des Zornes‹ das Opfer nicht auslieferte. Nu‘mán schenkte daraufhin Ḥanzalá fünfhundert Kamele und ließ ihn ziehen. Im folgenden Jahr zog Nu‘mán am ›Tag des Übels‹ wie gewohnt mit Prunk und Pracht hinaus zu den beiden Grabmälern, die ›die Blutbeschmierten‹ hießen. Er führte Qarád mit sich, um seinen königlichen Zorn an ihm auszulassen. Die Pfeiler des Staates lösten ihre Zunge und baten um Gnade; sie flehten den König an, er möge Qarád bis zum Sonnenuntergang Aufschub gewähren, denn sie hofften, Ḥanzalá käme noch zurück. Aber des Königs Absicht war, Ḥanzalás Leben zu schonen und ihm die Gastfreundschaft zu vergelten, indem er Qarád an seiner Stelle hinrichtete. Als sich die Sonne zum Abend hin neigte, zog man Qarád die Kleider vom Leibe und schickte sich an, ihm den Kopf abzuschlagen. Da wurde in der Ferne ein Reiter sichtbar, der in gestrecktem Galopp näherkam. »Warum zögerst du?« wandte sich Nu‘mán an den Henker, der ihm daraufhin antwortete: »Vielleicht ist es Ḥanzalá, der da kommt.« Bald sah man, dass es kein anderer war als er. Nu‘mán war höchst ungehalten. »Du Dummkopf!«, sagte er. »Einmal bist du den Klauen des Todes entronnen. Musst du ihn nun zum zweiten Male herausfordern?« Aber Ḥanzalá erwiderte: »Süß ist in meinem Munde und angenehm auf meiner Zunge das Gift des Todes bei dem Gedanken, dass ich damit mein Unterpfand auslöse.« Da fragte Nu‘mán: »Was ist der Grund für solche Zuverlässigkeit? Weshalb hältst du dich so genau an deine Verpflichtungen, so streng an deinen Eid?« – »Das liegt daran, dass ich an den einen Gott und an die Bücher, die vom Himmel kamen, glaube«, gab Ḥanzalá zur Antwort. Nu‘mán fragte: »Zu welchem Glauben bekennst du dich?«, und Ḥanzalá sagte: »Es war der heilige Odem Jesu, der mir das Leben gab. Ich folge dem geraden Pfad Christi, der der Geist Gottes ist.« Nu‘mán bat: »Lass auch mich diesen süßen Hauch des Geistes atmen!« So kam es, dass Ḥanzalá die weiße Hand der Führung aus dem Busen der Liebe Gottes zog A16 und das äußere wie innere Auge derer, die um ihn standen, mit dem Lichte des Evangeliums erleuchtete. Dem klaren Klang einer Glocke gleich trug er einige der göttlichen Verse aus der Bibel vor. Da wurden Nu‘mán und alle seine Diener ihrer Götzen und ihrer Götzenverehrung überdrüssig, bekräftigten ihren Glauben an Gott und riefen aus: »Wehe uns, tausendmal wehe uns, dass wir bis heute achtlos gegenüber dieser grenzenlosen Gnade waren und uns von ihr abgewandt hatten, so dass wir dieser Segensströme aus den Wolken der Gunst Gottes beraubt waren!« Sofort riss der König die beiden Denkmäler ab, die ›die Blutbeschmierten‹ hießen. Er bereute seine Gewaltherrschaft und ließ fortan Gerechtigkeit walten in seinem Land. Bedenket, wie hier ein einfacher Mann aus der Wüste, dem äußeren Anschein nach ohne Rang und Namen, imstande war, diesen stolzen Herrscher und eine große Schar anderer aus der dunklen Nacht des Unglaubens zu befreien und in das Morgenlicht des Heils zu führen, wie er sie aus dem Verderben der Götzendienerei an das rettende Gestade der Einheit Gottes brachte und Verhaltensweisen ein Ende setzte, die so geartet waren, dass sie ganze Gesellschaften verderben und ganze Völker zur Barbarei herabwürdigen – nur weil er eine der Eigenschaften der Menschen aufwies, die reinen Herzens sind. Man muss tief über dies alles nachdenken, um seine volle Bedeutung zu erfassen. Mein Herz tut weh, weil ich mit tiefem Bedauern wahrnehmen muss, dass das Volk sein Augenmerk nirgendwo auf das lenkt, was dieses Tages und dieser Zeit würdig ist. Die Sonne der Wahrheit ist über der Welt aufgegangen, doch wir sind verfangen im Dunkel unserer Einbildungen. Die Wellen des Größten Meeres wogen um uns herum, während wir verdursten. Das göttliche Brot kommt vom Himmel hernieder, wir aber tappen und taumeln in einem hungergepeinigten Land umher. »Zwischen Weinen und Erzählen vertreibe ich meine Tage.« Einer der Hauptgründe, warum Menschen aus anderen Religionen vermieden und versäumt haben, zu dem Glauben Gottes überzutreten, sind Fanatismus und übertriebener religiöser Eifer. Beachtet zum Beispiel die göttlichen Worte, die an Muḥammad, die Arche des Heils, das leuchtende Antlitz und den Herrn der Menschheit, gerichtet wurden und ihm geboten, liebevoll und geduldig mit dem Volk umzugehen: »Streite mit ihnen auf die freundlichste Weise.«Q21 Jener Gesegnete Baum, dessen Licht »weder vom Osten noch vom Westen«Q22 war, der über alle Völker der Erde den schützenden Schatten unermesslicher Gnade ausbreitete, zeigte in Seinem Umgang mit jedem Menschen unendliche Güte und Nachsicht. Moses und Aaron erhielten mit denselben Worten den Befehl, Pharao, den Herrn der PfähleA17, zu überzeugen: »Sprecht zu ihm mit sanfter Rede!«Q23 Obwohl das vornehme Verhalten der Propheten und Heiligen Gottes weit bekannt und in der Tat bis zum Kommen der Stunde A18 in jeder Lebenslage ein ausgezeichnetes Vorbild ist, dem die ganze Menschheit folgen sollte, haben doch einige Menschen in ihrer Achtlosigkeit versäumt, diese Werte - nämlich außergewöhnliches Mitgefühl und liebende Güte- sich anzueignen, so dass sie dadurch gehindert wurden, zu den inneren Bedeutungen der Heiligen Bücher vorzudringen. Sie meiden nicht nur ängstlich die Anhänger anderer Religionen, sondern gestatten sich nicht einmal, jenen die allgemein übliche Höflichkeit zu erweisen. Wenn es jemandem nicht erlaubt ist, mit einem anderen zu verkehren, wie kann er diesen je aus der dunklen, leeren Nacht des Leugnens und des »Es gibt keinen Gott« heraus in den strahlenden Morgen des Glaubens und der Bestätigung »außer Gott«A19 führen? Und wie kann man ihn anspornen und dazu ermutigen, sich aus dem Abgrund des Verderbens und der Unwissenheit herauszuarbeiten und die Höhen des Heils und der Erkenntnis zu erklimmen? Erwäget gerecht: Hätte Ḥanzalá Nu‘mán nicht mit wahrer Freundschaft behandelt, hätte er ihm nicht Güte und Gastfreundschaft erwiesen, wie hätte er dann diesen König und eine große Schar anderer Götzendiener dazu bringen können, die Einheit Gottes anzuerkennen? Sich von den Menschen fernzuhalten, sie zu meiden, unfreundlich zu ihnen zu sein, das alles schreckt sie ab, während Zuneigung und Rücksicht, Milde und Nachsicht ihre Herzen zu Gott hinzieht. Wollte ein wahrer Gläubiger beim Anblick eines Menschen aus fremdem Land Abscheu ausdrücken, wollte er die schrecklichen Worte äußern, die den Umgang mit Fremden verbieten und sie als »unrein« bezeichnen, so wäre der Fremde gekränkt und so sehr verletzt, dass er niemals den Glauben annehmen würde, selbst wenn er sähe, wie vor seinen eigenen Augen ein Wunder geschähe und der Mond sich spaltete. Ihn zu meiden hätte zur Folge, dass er die geringste Neigung zu Gott in seinem Herzen wieder bereuen und vom Meer des Glaubens hinweg in die Wüste des Vergessens und des Unglaubens fliehen würde. Und in sein Vaterland zurückgekehrt, würde er in der Presse entsprechende Erklärungen abgeben, dass es der und der Nation völlig an Eigenschaften eines zivilisierten Volkes fehle. Wenn wir über die Verse und Beweise des Qur’án und die überlieferten Berichte, die von diesen Sternen am Himmel göttlicher Einheit, den heiligen Imámen, zu uns gelangt sind, ein wenig nachdenken, werden wir von der Tatsache überzeugt sein, dass eine Seele, wenn sie mit den Eigenschaften wahren Glaubens ausgestattet und mit geistigen Tugenden ausgezeichnet ist, zu einem Wahrzeichen der unermesslichen Gnadengaben Gottes für die ganze Menschheit wird. Denn die Eigenschaften der Gläubigen sind Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit; Nachsicht, Mitleid und Großzügigkeit; Rücksichtnahme auf andere; Offenheit, Zuverlässigkeit und Treue; Liebe und Güte; Ergebenheit, Entschlossenheit und Menschlichkeit. Wenn demnach ein Mensch wahrhaft rechtschaffen ist, wird er sich aller Mittel bedienen, die die Menschenherzen anziehen; er wird sie durch die Eigenschaften Gottes zum geraden Pfad des Glaubens hinführen und sie dazu bewegen, aus dem Strom ewigen Lebens zu trinken. Heutzutage haben wir vor jedem rechtschaffenen Tun unsere Augen verschlossen; das dauerhafte Glück der Gesellschaft haben wir unserem eigenen, vergänglichen Profit geopfert. Wir meinen, Fanatismus und blinder Eifer gereichen uns zu Nutz und Ehr, und nicht damit zufrieden, verleumden wir uns gegenseitig und planen den Ruin des anderen. Wann immer wir Weisheit und Gelehrsamkeit, Tugend und Frömmigkeit zur Schau stellen wollen, beginnen wir damit, dass wir diesen oder jenen verspotten und verunglimpfen. »So einer«, sagen wir, »hat Vorstellungen, die weit von der Wirklichkeit abweichen und das Verhalten von dem-und-dem lässt gleichfalls viel zu wünschen übrig. Zayd kommt nur selten den religiösen Bräuchen nach, und ‘Amr ist nicht fest im Glauben. Die Ansichten von diesem und jenem schmecken nach Europa. Im Grunde denkt Weiß an nichts als an den eigenen Rang und Namen. Gestern Abend, als sich die Versammlung zum Gebet erhob, war die Reihe nicht richtig ausgerichtet, und es ist nicht erlaubt, einem anderen Führer zu folgen. In diesem Monat ist noch kein Reicher gestorben, noch nichts ist im Gedenken an den Propheten für wohltätige Zwecke gespendet worden. Das Haus der Religion ist zerfallen, die Grundlagen der Bekenntnisse sind in alle Winde zerstreut. Der Teppich des Glaubens ist zusammengerollt, die Zeichen der Gewissheit sind ausgelöscht; die ganze Welt ist in Irrtum verfallen; wenn es darauf ankommt, der Gewaltherrschaft zu widerstehen, sind alle sanftmütig und nachlässig. Tage und Monde sind vergangen, und diese Dörfer und Landgüter gehören immer noch denselben Eigentümern wie letztes Jahr. In unserer kleinen Stadt gab es früher siebzig verschiedene Behörden, die gut und ordentlich arbeiteten, aber ihre Zahl hat ständig abgenommen; jetzt sind zum Andenken nur noch fünfundzwanzig übrig. Früher ließ derselbe Muftí jeden Tag zweihundert gegenteilige Urteile ergehen, heute bekommen wir kaum fünfzig. Damals waren Massen von Leuten verrückt nach Prozessen; jetzt halten sie alle Frieden. Damals unterlag am einen Tag der Kläger, und der Beklagte trug den Sieg davon; tags darauf gewann der Kläger den Prozess und der Beklagte verlor ihn – aber jetzt ist auch diese vorzügliche Praxis aufgegeben worden. Was für eine heidnische Religion ist das, was für ein götzendienerischer Irrtum! Wehe um das Gesetz, wehe um den Glauben, wehe um all dieses Unheil! O ihr Brüder im Glauben! Dies ist fürwahr das Ende der Welt! Das Jüngste Gericht ist im Kommen!« Mit solchen Worten bestürmen sie die Gemüter der hilflosen Massen und bringen die Herzen der ohnehin verwirrten Armen durcheinander, die den wahren Sachverhalt und die tatsächliche Grundlage des ganzen Geredes nicht kennen und nicht wissen, dass tausend eigensüchtige Zwecke hinter der vermeintlich gläubigen Beredsamkeit gewisser Individuen verborgen liegen. Die Armen glauben, Redner dieser Art seien von tugendhaftem Eifer getrieben. In Wahrheit erheben solche Leute ein großes Zetergeschrei, weil sie in der Wohlfahrt der Massen ihren persönlichen Ruin sehen und wähnen, ihr eigenes Licht ginge aus, wenn dem Volk die Augen geöffnet würden. Nur besonderer Scharfsinn wird dessen gewahr, dass der Duft der Herzen dieser Menschen, wenn sie wirklich von Rechtschaffenheit und Gottesfurcht angetrieben wären, dem Moschus gleich sich überallhin verbreiten würde. Nichts in der Welt lässt sich jemals allein durch Worte bestätigen. »Doch diese Unglücksvögel taten Böses nur und lernten singen, wie der weiße Falke singt. Was bleibt vom Botenlied des Wiedehopfs aus Ṣabá, wenn selbst im Rohr die Dommel seine Töne schlägt?«A20 Die geistig Gebildeten, jene, die unendliche Bedeutung und Weisheit aus dem Buch Göttlicher Offenbarung herleiten und deren erleuchtete Herzen aus der unsichtbaren Welt Gottes Eingebung empfangen, geben sich gewisslich alle Mühe, um die Überlegenheit der wahren Anhänger Gottes in jeder Hinsicht und über alle Völker herbeizuführen; sie mühen sich und kämpfen dafür, dass all die Mittel eingesetzt werden, die Fortschritt bewirken. Wenn jemand diese hohen Ziele vernachlässigt, kann er sich niemals vor dem Antlitz Gottes als annehmbar erweisen: Er sticht hervor durch alle seine Fehler und beansprucht dennoch Vollkommenheit; armselig steht er da und täuscht Reichtum vor. »Ein blinder Faulpelz ist ein armer Mann, ›Ein Klumpen Fleisch, kein Fuß noch Flügel dran‹. Wie fern ist er, der Affenpossen reißt, von dem Erleuchteten, der wirklich weiß! Der eine Echo nur, und seiʼs auch klar und scharf, der andere David gleich, Psalmist mit seiner Harfʼ.« Erkenntnis, Reinheit, Hingabe, Disziplin und Unabhängigkeit haben mit äußerer Erscheinung und Kleidung nichts zu tun. Im Verlauf meiner Reisen hörte ich eine bekannte Persönlichkeit die folgende bedeutsame Bemerkung machen, an deren Witz und Anmut ich mich noch erinnere: »Nicht jeder Túrbán eines Mullás ist Beweis für Keuschheit und Erkenntnis; nicht jeder Hut eines Laien ist ein Zeichen für Unwissenheit und Unmoral. So mancher Hut hat schon stolz das Banner der Erkenntnis gehisst, und so mancher Túrbán hat das Gesetz Gottes in den Staub gezerrt!« Die dritte Forderung des heiligen Textes, den wir hier besprechen, ist, »seinen Leidenschaften zu widerstehen«. Wie wunderbar sind die Folgerungen, die sich aus diesem scheinbar einfachen, doch umfassenden Satz ergeben. Er enthält die wirkliche Grundlage jeder lobenswerten menschlichen Tugend; in der Tat verkörpern diese wenigen Worte das Licht der Welt, den unumstößlichen Grundstein aller geistigen Eigenschaften des Menschen. Er ist die Unruh im Uhrwerk guten Betragens, das Mittel, alle edlen Eigenschaften eines Menschen im Gleichgewicht zu halten. Leidenschaft ist eine Flamme, die schon unzählige Male die Ernte des Lebens vieler Gebildeter zu Asche hat werden lassen, ein allverzehrendes Feuer, das selbst das Meer ihres angesammelten Wissens nicht löschen konnte. Wie oft ist es schon geschehen, dass jemand mit allen menschlichen Eigenschaften gesegnet und mit dem Kleinod wahren Verstehens geschmückt war, aber dennoch seinen Leidenschaften nachging, bis seine außergewöhnlichen Eigenschaften die Grenzen der Mäßigung überschritten und er sich zu Ausschweifungen hinreißen ließ. Seine guten Absichten wandelten sich zum Bösen, seine Anlagen waren nicht länger auf Ziele gerichtet, die ihrer wert waren, und die Macht seiner Begierden lenkte ihn von der Rechtschaffenheit und ihrem Lohn ab und führte ihn auf gefährliche und dunkle Wege. In den Augen Gottes, Seiner Erwählten und aller Einsichtsvollen ist ein guter Charakter das Erhabenste und Lobenswerteste, was es gibt, jedoch immer unter der Voraussetzung, dass im Mittelpunkt seiner Entwicklung Vernunft und Erkenntnis stehen und dass er auf wahrer Mäßigung beruht. Wollten wir die Zusammenhänge dieses Themas hier so vertiefen, wie sie es verdienen, würde diese Schrift zu lang werden, und wir würden unser Hauptthema aus den Augen verlieren. Trotz ihrer vielgepriesenen Zivilisation sind alle Völker Europas versunken und ertrunken in diesem furchtbaren Meer der Leidenschaft und Begierde, und daher führen alle Erscheinungen ihrer Kultur zu nichts. Niemand sollte über diese Feststellung erstaunt sein oder sie beklagen. Der Hauptzweck und das grundlegende Ziel, warum machtvolle Gesetze verabschiedet, hohe Grundsätze aufgestellt und Einrichtungen geschaffen werden, die sich mit allen Bereichen der Zivilisation befassen, ist das Glück der Menschen. Dieses Glück der Menschen besteht ausschließlich darin, der Schwelle Gottes, des Allmächtigen, näher zu kommen und den Frieden und die Wohlfahrt jedes einzelnen Angehörigen des Menschengeschlechts, sei er hoch oder niedrig, zu sichern; und die besten Mittel, dieses zweifache Ziel zu erreichen, sind hervorragende, der Menschheit verliehene Tugenden. Eine oberflächliche Zivilisation, die nicht von kultivierter Sittlichkeit getragen wird, ist »ein verworrener Mischmasch von Träumen«Q24, und äußerlicher Glanz ohne inwendige Vollkommenheit ist »wie ein Dunst in der Wüste, den der Dürstende für Wasser hält«Q25. Denn eine rein äußerliche Zivilisation kann niemals dazu führen, das Wohlgefallen Gottes zu finden und Frieden und Wohlfahrt der Menschen zu gewährleisten. Die Völker Europas haben sich noch nicht zu den höheren Stufen sittlicher Kultur erhoben, wie ihre Ansichten und ihr Verhalten klar beweisen. Seht zum Beispiel, wie es das oberste Ziel der europäischen Regierungen und ihrer Völker heutzutage ist, sich gegenseitig zu besiegen und zu vernichten, und wie sie, obwohl sie sich insgeheim zutiefst ablehnen, doch ihre Zeit damit verbringen, Bekundungen nachbarlicher Zuneigung, Freundschaft und Harmonie auszutauschen. Bekannt ist der Fall eines Herrschers, der Frieden und Ruhe fördert und gleichzeitig mehr Kraft als die Kriegshetzer darauf verwendet, Waffen anzuhäufen und eine noch größere Armee aufzustellen mit der Begründung, dass Frieden und Eintracht nur mit Gewalt herbeigeführt werden könnten. Unter dem Vorwand des Friedens bieten alle Tag und Nacht ihre Kräfte auf, um noch mehr Kriegsgerät zusammenzutragen, und ihr unglückliches Volk muss den größten Teil dessen, was es unter Mühe und Schweiß verdient, aufbringen, um für diese Rüstung zu bezahlen. Tausende haben ihre Arbeit in nutzbringenden Gewerben aufgegeben und mühen sich Tag und Nacht, neue, immer tödlichere Waffen herzustellen, mit denen das Blut des Menschengeschlechts noch reichlicher als zuvor vergossen werden kann. Jeden Tag erfindet man neue Bomben und Sprengstoffe, und dann sind die Regierungen gezwungen, ihre veralteten Waffen wegzuwerfen und anzufangen, neue herzustellen, weil sich die alten gegen die neuen Waffen nicht behaupten können. So wurden zum Beispiel im Jahr 1292 A.H.A21, als diese Schrift verfasst wurde, in Deutschland ein neues Gewehr und in Österreich eine neue Kanone entwickelt, die größere Feuerkraft als das Martini-Henry-Gewehr und die Krupp-Kanone haben, schneller in ihrer Wirkung und effizienter in der Vernichtung der Menschheit sind. Und die überwältigenden Kosten all dessen müssen die unglücklichen Massen tragen. Urteilt gerecht: Kann diese sogenannte Zivilisation den Frieden und die Wohlfahrt des Volkes herbeiführen oder das Wohlgefallen Gottes finden, solange sie nicht von einer wahren Zivilisation des Charakters getragen wird? Impliziert sie nicht eher, das Erbe des Menschen zu zerstören und die Pfeiler des Glücks und des Friedens niederzureißen? Während des französisch-preußischen Krieges im Jahr 1870 christlicher Zeitrechnung starben den Berichten zufolge sechshunderttausend verletzte und erschlagene Männer auf dem Schlachtfeld. Wie viele Wohnstätten wurden bis auf die Grundmauern zerstört, wie viele Städte, die nachts zuvor noch blühten, waren bei Sonnenaufgang Trümmerhaufen? Wie viele Kinder blieben verwaist und verlassen zurück, wie viele alte Väter und Mütter mussten mitansehen, wie ihre Söhne, die jugendfrischen Früchte ihres Lebens, in Staub und Blut sich windend starben? Wie viele Frauen wurden Witwen ohne Helfer und Beschützer? Hinzu kommen noch die Bibliotheken und Kunstdenkmäler Frankreichs, die in Flammen aufgingen, die Militärkrankenhäuser voller Kranker und Verwundeter, die in Brand gesteckt und bis auf den Boden niedergebrannt wurden. Es folgten die furchtbaren Ereignisse der Kommune, die grausamen Handlungen, die Zerstörung und der Schrecken, als sich gegnerische Parteien in den Straßen von Paris bekämpften und töteten. Hassausbrüche und Feindseligkeiten zwischen den katholischen Religionsführern und der deutschen Regierung sowie Bürgerkrieg und Aufruhr, Blutvergießen und Verwüstung zwischen den Anhängern der Republik und den KarlistenA22 in Spanien. Nur zu viele solcher Beweise stehen zur Verfügung, um zu unterstreichen, dass Europa moralisch unzivilisiert ist. Da der Verfasser nicht den Wunsch hegt, irgendjemanden zu verunglimpfen, beschränkt er sich auf diese wenigen Beispiele. Es versteht sich, dass kein scharfsinniger und wohl gebildeter Verstand solche Vorkommnisse gutheißen kann. Ist es recht und billig, dass Völker, unter denen derart schreckliche, den Maßstäben menschlichen Wohlverhaltens genau entgegengesetzte Ereignisse ablaufen, es wagen dürfen, Anspruch auf eine echte und angemessene Kultur zu erheben? Noch dazu, wenn aus alledem kein anderes Ergebnis als ein vorübergehender Sieg erwartet werden kann? Da ein solches Ergebnis niemals von Dauer ist, ist es in den Augen der Weisen nicht der Mühe wert. Im Verlauf vergangener Jahrhunderte hat der deutsche Staat immer wieder die Franzosen besiegt, immer wieder hat das französische Königreich deutsches Land beherrscht. Darf man zulassen, dass in unseren Tagen sechshunderttausend hilflose Geschöpfe solch äußerlichem, zeitlich begrenzten Nutzen und Erfolg geopfert werden? Nein, bei Gott dem Herrn! Selbst ein Kind kann erkennen, wie schlecht das alles ist. Doch geht der Mensch seinen Leidenschaften und Begierden nach, so werden seine Augen in tausend Schleier gehüllt, die aus den Herzen aufsteigen und das äußere wie das innere Wahrnehmungsvermögen blind machen. »Voll Gier drängt das Selbst zur Tür herein und löscht der Tugend strahlenden Schein. Aufsteigen vom Herzen hundert Schleier; das Auge wird blind, lässt nichts mehr ein.«A23 Wahre Kultur wird ihr Banner mitten im Herzen der Welt entfalten, sobald eine gewisse Zahl ihrer vorzüglichen, hochgesinnten Herrscher – leuchtende Vorbilder der Ergebenheit und Entschiedenheit – mit festem Entschluss und klarem Blick daran geht, den Weltfrieden zu stiften. Sie müssen die Friedensfrage zum Gegenstand allgemeiner Beratung machen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln versuchen, einen Weltvölkerbund zu schaffen. Sie müssen einen verbindlichen Vertrag und einen Bund schließen, dessen Verfügungen vernünftig, unverletzlich und bestimmt sind. Diesen Vertrag müssen sie der ganzen Welt bekannt geben und die Bestätigung des gesamten Menschengeschlechts für ihn erlangen. Ein derart erhabenes und edles Unternehmen – der wahre Quell des Friedens und Wohlergehens für die ganze Welt -– sollte allen, die auf Erden wohnen, heilig sein. Alle Kräfte der Menschheit müssen frei gemacht werden, um die Dauer und Beständigkeit dieses größten aller Bündnisse zu sichern. In diesem allumfassenden Vertrag sollten die Grenzen jedes einzelnen Landes deutlich festgelegt, die Grundsätze, die den Beziehungen der Regierungen untereinander zugrunde liegen, klar verzeichnet und alle internationalen Vereinbarungen und Verpflichtungen bekräftigt werden. In gleicher Weise sollte der Umfang der Rüstungen für jede Regierung genauestens umgrenzt werden, denn wenn die Zunahme der Kriegsvorbereitungen und Truppenstärken in irgendeinem Land gestattet wäre, so würde dadurch das Misstrauen anderer geweckt. Die Hauptgrundlage dieses feierlichen Vertrages sollte so verankert werden, dass bei einer späteren Verletzung irgendeiner Bestimmung durch irgendeine Regierung sich alle Regierungen der Erde erheben, um jene wieder zu voller Unterwerfung unter den Vertrag zu bringen, nein, die Menschheit als Ganzes sollte sich entschließen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln jene Regierung zu vernichten. Wird dieses größte aller Heilmittel auf den kranken Körper der Welt angewandt, so wird er sich gewiss wieder von seinen Leiden erholen und dauernd bewahrt und heil bleiben.A24 Wenn solche erfreulichen Zustände einträten, müsste keine Regierung mehr ständig Waffen speichern oder sich gezwungen sehen, immer neues Kriegsgerät herzustellen, um damit die Menschheit zu unterwerfen. Eine kleine Streitmacht für die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit, die Verfolgung krimineller und die Ordnung gefährdender Elemente und die Verhütung örtlicher Unruhen würde genügen – nichts weiter. Vor allem wäre auf diese Weise die ganze Weltbevölkerung von der drückenden Last der Rüstungsausgaben befreit; außerdem brauchten zahllose Menschen nicht länger ihre Zeit darauf zu verschwenden, ständig neue Vernichtungswaffen zu ersinnen, diese Zeugen von Habsucht und Blutrünstigkeit, so unvereinbar mit dem Geschenk des Lebens. Stattdessen könnten sie ihren Eifer auf die Entwicklung von dem, was das menschliche Leben erleichtert, Frieden und Wohlstand fördert, richten und so zu weltweitem Fortschritt und Wohlstand beitragen. Jede Nation auf Erden würde dann zu seinen Ehren regieren, und jedes Volk fühlte sich in Ruhe und Zufriedenheit geborgen. Einzelne, welche die im menschlichen Streben ruhende Kraft nicht kennen, halten diesen Gedanken für völlig undurchführbar, ja für jenseits dessen, was selbst die äußersten Anstrengungen des Menschen je erreichen können; doch ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil kann dank der unerschöpflichen Gnade Gottes, der Herzensgüte Seiner Begünstigten, den beispiellosen Bemühungen weiser und fähiger Seelen und den Gedanken der unvergleichlichen Führer dieses Zeitalters nichts, was es auch sei, als unerreichbar angesehen werden. Eifer, unermüdlicher Eifer ist nötig. Nur unbezähmbare Entschlusskraft kann das Werk vollbringen. Manches hat man in vergangenen Zeiten als reines Hirngespinst betrachtet; heute ist es leicht durchführbar geworden. Warum sollte diese wichtigste und erhabenste Sache – das Tagesgestirn am Himmelszelt wahrer Kultur und die Ursache des Ruhmes, des Fortschritts, des Wohlergehens und Erfolges der ganzen Menschheit – unmöglich sein? Der Tag wird sicher kommen, an dem ihr klares Licht Erleuchtung über die gesamte Menschheit gießen wird. Wenn die Kriegsvorbereitungen im heutigen Umfang fortgeführt werden, wird der Konfliktmechanismus bald einen Punkt erreichen, an dem Krieg für die Menschheit unerträglich sein wird. Wie aus den bisherigen Ausführungen klar hervorgeht, bestehen Ruhm und Größe des Menschen nicht darin, dass er nach Blut dürstet und wie ein Tiger scharfe Klauen besitzt, dass er Städte zerstört und Verwüstung anrichtet, ganze Armeen und Scharen friedlicher Bürger abschlachtet. Dagegen würde es eine glänzende Zukunft für ihn bedeuten, wenn er für seine Gerechtigkeitsliebe bekannt wäre, allem Volk, ob hoch oder niedrig, Güte erweisen würde, Länder und Städte, Dörfer und Provinzen aufbaute, das Leben erleichterte und für seine Mitmenschen glücklich und friedvoll gestaltete, wenn er die Grundsätze des Fortschritts festlegte, den Lebensstandard und Wohlstand der ganzen Bevölkerung erhöhte. Sehet, wie im Lauf der Geschichte so mancher König seinen Thron auf Eroberungen gründete. Unter ihnen waren Changíz-Khán und Taymúr, die über den weiten Erdteil Asien herrschten, Alexander von Mazedonien und Napoleon I, die ihre anmaßenden Hände über drei der fünf Kontinente ausstreckten. Und was brachten alle ihre machtvollen Siege ein? Kam dadurch irgendein Land zur Blüte? Hat sich irgendein Glück daraus ergeben? Blieb einer ihrer Throne bestehen? Oder haben nicht vielmehr ihre Dynastien bald wieder die Macht verloren? Abgesehen davon, dass Asien in den Flammen zahlloser Schlachten aufging und in Asche fiel, brachten all die Eroberungen Changíz-Khán, dem Kriegsherrn, nichts ein und Taymúr erntete von all seinen Triumphen nur die Gewalt über Völker, die in alle Winde zerstoben waren, und allgemeinen Verfall. Alexander hatte von seinen gewaltigen Siegen nichts, als dass sein Sohn vom Thron stürzte und die Phillip und Ptolomäus die Herrschaft über die Länder, die er einst beherrscht hatte, übernahmen. Und was erreichte Napoleon I aus der Unterwerfung der Könige Europas anderes als die Zerstörung blühender Länder, den Untergang ihrer Bewohner, die Verbreitung von Angst und Schrecken über ganz Europa und am Ende seiner Tage seine eigene Gefangenschaft? So viel über die Eroberer und die Denkmäler, die sie hinterlassen. Vergleichet damit die lobenswerten Eigenschaften und die vornehme Größe Anúshírváns, des Edlen und GerechtenA25. Als dieser hochgesinnte Herrscher an die Macht kam, war der einstmals festgegründete Thron Persiens dem Zusammenbruch nahe. Mit seinem ihm von Gott verliehenen Verstand legte er die Grundlagen der Gerechtigkeit, rottete Unterdrückung und Gewalt aus und sammelte das Volk Persiens unter den schützenden Schwingen seiner Herrschaft. Dank des erneuernden Einflusses seiner ständigen Bemühungen wurde Persien, das trostlos und verdorrt am Boden lag, neu belebt und entwickelte sich schnell zur schönsten aller blühenden Nationen. Er stellte die am Boden liegenden Machtstrukturen seines Staates wieder her und verstärkte sie. Der Ruf seiner Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit erscholl über die ganze Welt, bis sich die Völker aus ihrer Erniedrigung und ihrem Elend zu den Höhen des Glücks und der Ehre erhoben. Obwohl er ein Magier war, sagte Muḥammad, dieser Mittelpunkt der Schöpfung, die Sonne des Prophetenamtes, von ihm: »Ich wurde zur Zeit eines gerechten Königs geboren«, und Er war erfreut, dass Er während dessen Herrschaft auf die Welt gekommen war. Hat nun diese erlauchte Persönlichkeit ihre erhabene Stufe durch bewundernswürdige Eigenschaften erlangt oder etwa dadurch, dass er sich aufmachte, die Erde zu erobern und das Blut ihrer Völker zu vergießen? Bedenket, er erreichte einen so hohen Rang im Herzen der Welt, dass seine Größe durch die Unendlichkeit der Zeit dringt und er ewiges Leben erwarb. Wollten wir über das Fortleben großer geschichtlicher Gestalten ausführlicher berichten, würde diese kurze Abhandlung unnötig in die Länge gezogen, und da es keineswegs feststeht, dass die öffentliche Meinung Persiens durch solche Lektüre wesentlich beeinflusst wird, wollen wir diese Arbeit verkürzen und zu denjenigen Fragen übergehen, die im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen. Sollte es sich jedoch herausstellen, dass diese Kurzfassung Erfolg hat, werden wir, so Gott will, eine Anzahl Bücher schreiben, die sich ausführlich und nutzbringend mit den Grundsätzen göttlicher Weisheit in ihrem Zusammenhang mit der Erscheinungswelt befassen. Keine Macht der Erde kommt gegen die Armeen der Gerechtigkeit an, und jede Feste muss vor ihnen fallen; denn die Menschen beugen sich willig unter den siegreichen Schlägen dieser entscheidenden Waffe, und verwüstete Orte blühen unter den Füßen dieser Heerschar wieder auf. Zwei mächtige Banner sind es, deren Schatten, wenn er auf die Krone eines Königs fällt, bewirkt, dass der Einfluss seiner Herrschaft rasch und leicht wie das Sonnenlicht die ganze Erde durchdringt. Das erste ist das Banner der Weisheit, das zweite das der Gerechtigkeit. Gegen diese beiden mächtigsten Streitkräfte können selbst Berge von Eisen nichts ausrichten, und die Mauer Alexanders bricht vor ihnen in Stücke. Es ist doch offensichtlich, dass das Leben in dieser vergänglichen Welt so flüchtig und unbeständig wie der Morgenwind ist. Wie glücklich sind deshalb jene großen Menschen, die einen guten Namen und die Erinnerung an ein Leben hinterlassen, das auf dem Pfade des Wohlgefallens Gottes verbracht wurde. »Ob unter Thrones Baldachin ob unter freiem Himmelszelt – was kümmert’s, wo ein reines Herz zur letzten Ruh’ sich niederlegt.«A26 Ein Feldzug kann lobenswert sein, und es gibt Zeiten, in denen der Krieg zu einer mächtigen Grundlage des Friedens wird und Zerstörung das wahre Mittel zum Wiederaufbau. Wenn zum Beispiel ein edelmütiger Herrscher seine Truppen aufs Schlachtfeld führt, um den Angriff eines Aufrührers oder eines Aggressors abzuwenden, wenn er sich mit Heeresmacht anschickt, ein entzweites Staatsvolk zu einigen, kurz, wenn er den Krieg für eine gerechte Sache führt, dann ist dieses scheinbare Unheil, diese äußerliche Gewaltanwendung wirkliche Gerechtigkeit und dieser Krieg der Grundstein des Friedens. Heute besteht jedoch die Aufgabe, die großen Herrschern zukommt, darin, den Weltfrieden zu errichten, denn in ihm liegt die Freiheit aller Völker begründet. Der vierte Teil der früher wiedergegebenen Äußerung über den Weg des Heils lautet: » … die Gebote seines Herrn befolgen.« Ohne Zweifel besteht des Menschen höchste Würde darin, dass er seinem Gott gegenüber demütig und gehorsam ist, und des Menschen größte Ehre, seine erhabenste Stufe und sein Ruhm hängen von der genauen Befolgung der göttlichen Gebote und Verbote ab. Die Religion ist das Licht der Welt; Fortschritt, Erfolg und Glück des Menschen sind das Ergebnis seines Gehorsams gegenüber den Gesetzen, die in den heiligen Büchern niedergelegt sind. Kurz, es lässt sich beweisen, dass in diesem Leben – sowohl nach außen wie nach innen – die Religion das mächtigste Bollwerk, der sicherste, dauerhafteste und beständigste Schutz für die ganze Welt ist. Sie gewährt die geistigen wie die materiellen Errungenschaften der Menschheit und sichert das Glück und die Kultur der Gesellschaft. Es gibt tatsächlich Toren, die die Grundwahrheiten der göttlichen Religionen niemals richtig geprüft haben, vielmehr das Verhalten einiger weniger religiöser Heuchler zum Maßstab genommen und alle gläubigen Menschen mit diesem Zollstock gemessen haben. So kamen sie zu der Auffassung, Religionen seien ein Hindernis für den Fortschritt, ein trennendes Element, Ursache von Boshaftigkeit und Feindschaft unter den Menschen. Sie haben nicht einmal bemerkt, dass die Grundsätze der göttlichen Religionen nicht nach den Taten derjenigen gewertet werden können, die nur vorgeben, sie zu befolgen. Denn alles Erhabene, so unvergleichlich es sein mag, kann zu bösen Zwecken missbraucht werden. Eine brennende Lampe in der Hand eines unwissenden Kindes oder eines Blinden wird weder die sie umgebende Dunkelheit beseitigen noch das Haus erhellen, sondern den Träger wie das Haus in Flammen setzen. Können wir da der Lampe die Schuld geben? Nein, bei Gott dem Herrn! Für den Sehenden ist die Lampe eine Führung und zeigt ihm den Weg, aber dem Blinden bringt sie Unheil. Unter denen, die Religion ablehnten, befand sich der Franzose Voltaire, der viele Bücher schrieb, in denen er die Religionen angriff – Werke, die nicht mehr taugen als Kinderspielzeug. Dieser Mensch nahm die Taten und Unterlassungen des Papstes, des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche, und die Intrigen und Streitigkeiten der geistlichen Führer der Christenheit zu seinem Maßstab, tat den Mund weit auf und lästerte gegen den Geist Gottes (Jesus). In seiner unzulänglichen Beweisführung gelang es ihm nicht, den wahren Sinn der heiligen Schriften zu erfassen; er stieß sich an gewissen Stellen in den offenbarten Texten und konzentrierte sich auf die damit zusammenhängenden Probleme. »Wir haben vom Qur’án das herniedergesandt, was den Gläubigen Heilung und Gnade bringt; den Frevlern aber wird es das Verderben nur noch mehren.«Q26 »Der Greis von GhaznáA27 sprach in einem Gleichnis, als er das göttliche Geheimnis pries: Die Zweifler sehen nichts in dem Qur’án als eitel Worte; doch wen wundert das? Von all dem Feuer, das die Sonne schenkt, erreicht die Wärme nur des Blinden Auge.«A28 »Viele wird Er durch solche Gleichnisse irreleiten, viele den rechten Weg führen; aber nur die Frevler wird Er irreleiten.« Q27 Fürwahr, das stärkste Mittel, um Ruhm und Fortschritt des Menschen zu erlangen, die höchste Wirkkraft für die Erleuchtung und Erlösung der Welt sind Liebe, Freundschaft und Einheit unter allen Mitgliedern des Menschengeschlechts. Nichts in der Welt ist durchführbar, ja nicht einmal denkbar, ohne Einheit und Einklang, und das vollkommene Mittel, das Freundschaft und Einheit hervorbringt, ist wahre Religion. »Hättest Du auch alle Schätze der Erde verschwendet, Du hättest ihre Herzen doch nicht vereinigen können; aber Gott hat sie vereinigt …«Q28 Wenn die Offenbarer Gottes erscheinen, führt ihre Macht, wahre Einheit sowohl nach außen als auch in den Herzen zu schaffen, feindselige Völker, die einander nach dem Leben trachteten, unter dem Schutz des Wortes Gottes zusammen. Dann werden hunderttausend Seelen zu einer Seele, und aus zahllosen Einzelwesen entsteht ein Menscheitskörper. »Einst waren sie wie die Wogen der See, und der Wind trieb sie zahllos vor sich her. Dann sandte Gott Seine Sonne auf sie, und Seine Sonne kann Einheit nur sein. Hunde und Wölfe leben getrennt, doch die Seele der Löwen Gottes ist eins.«A29 Die Ereignisse beim Kommen der Propheten vergangener Zeiten, ihr Leben, ihre Taten und die Verhältnisse, die sie antrafen – all dies ist nur unzureichend in den geschichtlichen Quellen festgehalten; im Qur’án, in den heiligen Überlieferungen und in der Thora wird darauf nur in zusammengefasster Form Bezug genommen. Da jedoch alle Begebenheiten seit den Tagen Moses bis auf die heutige Zeit im mächtigen Qur’án, in den beglaubigten Überlieferungen, in der Thora und anderen verlässlichen Quellen aufgezeichnet sind, wollen wir uns hier mit einigen kurzen geschichtlichen Beispielen begnügen, um überzeugend zu klären, ob die Religion die eigentliche Grundlage und das Grundprinzip der Kultur und Zivilisation ist oder ob sie, wie Voltaire und seinesgleichen annehmen, allen sozialen Fortschritt, Wohlstand und Frieden vereitelt. Um Einwände von Seiten irgendeines Volkes der Erde ein für alle Male auszuschließen, werden wir unsere Ausführungen in Übereinstimmung mit jenen autoritativen Berichten durchführen, auf die sich alle Nationen geeinigt haben. Als die Israeliten in Ägypten so zahlreich geworden waren, dass sie sich über das ganze Land verteilt hatten, beschlossen die koptischen Pharaonen Ägyptens, ihre koptischen Untertanen zu unterstützen und zu begünstigen, die Kinder Israels hingegen, die sie als fremde Eindringlinge betrachteten, zu erniedrigen und zu entehren. Lange Zeit waren die Juden, weit verstreut und zersplittert, Gefangene in der Hand der tyrannischen Kopten; von allen wurden sie verlacht und verachtet, und der Geringste der Kopten konnte die vornehmsten Israeliten ungestraft knechten und verfolgen. Die Versklavung, das Elend und die Hilflosigkeit der Hebräer gingen so weit, dass sie bei Tag und Nacht ihres Lebens nicht mehr sicher waren und nicht wussten, wie sie ihre Frauen und Kinder vor dem gewalttätigen Zugriff ihrer pharaonischen Entführer schützen sollten. Die Splitter ihrer gebrochenen Herzen waren ihre tägliche Speise und ein Strom von Tränen ihr Trank. In dieser Bedrängnis lebten sie dahin, bis plötzlich Moses, der Allherrliche, das göttliche Licht aus dem gesegneten Tal, dem Ort, der Heiliger Boden war, strömen sah und die lebenspendende Stimme Gottes vernahm, wie sie aus der Flamme des Busches sprach, der »weder vom Osten noch vom Westen«Q29 ist. Und Er erhob sich in der vollen Pracht seines allumfassenden Offenbarertums. Wie eine Leuchte göttlicher Führung erstrahlte Er inmitten der Israeliten, und durch das Licht des Heils geleitete Er jenes verlorene Volk aus den Schatten der Unwissenheit zu Erkenntnis und Vollkommenheit. Er sammelte die zerstreuten Stämme Israels unter dem Schutz des einenden, alles umfassenden Wortes Gottes, und hisste über den Höhen der Vereinigung das Banner der Eintracht. Auf diese Weise erlangten jene unwissenden Menschen in kürzester Zeit geistige Erziehung; sie, denen die Wahrheit bisher fremd war, fanden sich im Glauben an die Einheit Gottes zusammen, wurden von ihrem Elend, ihrer Armut, ihrer Verständnislosigkeit und Knechtschaft erlöst und erreichten ein Höchstmaß an Ehre und Glück. Sie zogen aus Ägypten fort, machten sich auf nach ihrer ursprünglichen Heimat und kamen nach Kanaan und Philisterland. Zunächst eroberten sie die Ufer des Jordan und Jericho, dann siedelten sie sich in diesem Gebiet an, und schließlich gerieten alle Nachbarländer wie Phönizien, Edom und Ammon unter ihre Herrschaft. In der Zeit Josuas waren einunddreißig Länder in der Hand der Israeliten, und in jeder edlen menschlichen Eigenschaft – Gelehrsamkeit, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Mut, Ehrenhaftigkeit, Freigiebigkeit- übertraf dieses Volk alle anderen auf der Erde. Wenn in jenen Tagen ein Israelit mit anderen Menschen zusammentraf, erkannten sie ihn sogleich an seinen vielen Tugenden, und sogar Angehörige fremder Völker sagten, wenn sie jemanden loben wollten, er sei wie ein Israelit. In zahlreichen Geschichtswerken wird darüber hinaus berichtet, dass die Philosophen Griechenlands wie etwa Pythagoras den größten Teil ihrer Philosophie – sowohl im geistigen wie im materiellen Sinn – von den Schülern Salomons übernahmen. Und Sokrates, der unermüdlich gereist war, um mit den berühmtesten Gelehrten und Geistlichen Israels zusammenzutreffen, entwickelte bei seiner Rückkehr nach Griechenland die Lehre von der Einheit Gottes und dem ewigen Leben der Menschenseele nach dem stofflichen Tode. Schließlich verklagten die Unwissenden unter den Griechen diesen Mann, der die tiefsten Geheimnisse der Weisheit ergründet hatte, und trachteten ihm nach dem Leben; dann nötigte der Pöbel die Herrscher, gegen Sokrates vorzugehen, und die Ratsversammlung verurteilte ihn dazu, den Giftbecher zu leeren. Nachdem die Israeliten auf allen Ebenen der Kultur Fortschritte gemacht und die denkbar größten Erfolge erzielt hatten, fingen sie allmählich an, die Grundprinzipien des mosaischen Gesetzes und ihres Glaubens außer Acht zu lassen, sich mit Riten und Zeremonien zu beschäftigen und ein ungebührliches Betragen an den Tag zu legen. In den Tagen von Rehoboam, dem Sohn Salomons, brach verheerende Zwietracht unter ihnen aus. Einer von ihnen, Jeroboam mit Namen, schmiedete Ränke, um den Thron an sich zu reißen, und er war es auch, der den Götzendienst einführte. Der Streit zwischen Rehoboam und Jeroboam führte zu jahrhundertelangen Fehden zwischen ihren Nachkommen und brachte es mit sich, dass die Stämme Israels zerstreut und aufgelöst wurden. Kurz, weil sie die Bedeutsamkeit des Gesetzes Gottes vergaßen, wurden sie auf tadelswerte Weise in dummen Fanatismus, Unruhen und Aufruhr verwickelt. Ihre Geistlichen kamen zu dem Schluss, dass all diese wesentlichen menschlichen Eigenschaften, die im Heiligen Buche dargelegt worden sind, nur noch tote Buchstaben seien; sie trachteten lediglich danach, ihre eigenen selbstsüchtigen Interessen zu verfolgen, und schädigten das Volk, indem sie es in die tiefsten Tiefen der Achtlosigkeit und Unwissenheit sinken ließen. Die Frucht all ihrer Untaten war, dass sich die Herrlichkeit der alten Zeiten, die so lange Bestand hatte, in Erniedrigung verwandelte und sie von den Herrschern Persiens, Griechenlands und Roms übermannt wurden. Die Banner ihrer Eigenstaatlichkeit wurden umgestoßen, und die Unwissenheit, Torheit, Würdelosigkeit und Eigenliebe ihrer religiösen Führer und Gelehrten kam ans Licht, als Nebukadnezar, der König von Babylon, erschien, der sie vernichtete. Nachdem er alles niedergemetzelt, ihre Häuser geplündert und zerstört und sogar ihre Bäume ausgerissen hatte, nahm Nebukadnezar alle gefangen, die noch übrig waren und die sein Schwert verschont hatte, und führte sie nach Babylon. Siebzig Jahre später wurden die Nachkommen dieser Gefangenen freigelassen und kehrten nach Jerusalem zurück. Hesekiel und Esra richteten unter ihnen die Grundsätze der Heiligen Schrift wieder auf; Tag für Tag machten die Israeliten Fortschritte, und der Morgenglanz der alten Zeit dämmerte wieder herauf. Nach kurzer Zeit jedoch kam es wieder zu Meinungsverschiedenheiten über Glaubenssätze und Lebensführung, und wieder hatten die jüdischen Gelehrten nur die eine Sorge, ihre eigenen selbstsüchtigen Ziele zu verfolgen. Die Reformen, welche die Zeit Esras bestimmten, verwandelten sich in Ausbeutung und Korruption. Die Lage verschlimmerte sich so sehr, dass die Heere der römischen Republik mehrere Male das Land Israel erobern konnten. Schließlich zertrat der kriegerische Titus als Befehlshaber der römischen Streitmacht die Heimat der Juden zu Staub. Alle Männer ließ er mit dem Schwert umbringen, Frauen und Kinder führte er als Gefangene fort; ihre Häuser ließ er dem Erdboden gleichmachen, ihre Bäume ausreißen, ihre Bücher verbrennen und ihre Schätze plündern. Jerusalem und der Tempel wurden in einen Aschenhaufen verwandelt. Nach diesem überwältigenden Unheil versank der Stern des Reiches Israel ins Nichts, und bis auf den heutigen Tag sind die Überreste dieses verschollenen Volkes in alle vier Winde verstreut. »Erniedrigung und Elend drückten auf sie nieder.«Q30 Auf diese beiden heftigsten Heimsuchungen, die Nebukadnezar und Titus herbeigeführt hatten, bezieht sich der ruhmreiche Qur’án, wenn gesagt ist: »Und feierlich erklärten Wir den Kindern Israels in dem Buche: ›Zweimal, wahrlich, sollt ihr Unheil stiften auf Erden, und mit großem Stolz und Hochmut werdet ihr euch erheben.‹ Und als die verheißene Drohung zum ersten Mal erfüllt werden sollte, sandten Wir Unsere Diener gegen euch aus: Leute von schrecklichem Mut. Und sie durchsuchten das Innerste eurer Wohnstätten, und erfüllt ward die Drohung … Als nun die Strafe für eure späteren Sünden vollzogen werden sollte, sandten Wir euch einen Feind, eure Gesichter traurig zu stimmen und in euren Tempel einzudringen wie beim ersten Mal und zu zerstören und zu vernichten, was er eroberte.«Q31 Unsere Absicht ist zu zeigen, wie wahre Religion Kultur und Würde, Wohlstand und Ansehen, Bildung und Fortschritt eines vormals elenden, unwissenden und versklavten Volkes fördert und wie der Gottesglauben, wenn er törichten, fanatischen Religionsführern in die Hände fällt, auf schlimme Art missbraucht wird, bis sich diese höchste Pracht in schwarzes Dunkel verwandelt. Als zum zweiten Mal die unmissverständlichen Zeichen für Israels Zerfall, Erniedrigung, Unterjochung und Vernichtung zu erkennen waren, da erfüllte der liebliche und heilige Odem des Geistes Gottes (Jesus) das Tal des Jordan und das Land Galiläa; die Wolken göttlichen Erbarmens überzogen jene Himmelsstriche und ergossen in Fülle über sie die Wasser des Geistes. Und nach den anschwellenden Regenschauern, die dem Größten Meer entströmten, entfaltete das Heilige Land seinen Duft und erblühte in der Erkenntnis Gottes. Die Hymnen des Evangeliums erklangen und stiegen auf bis zu den Bewohnern der Himmelsgemächer, und die achtlosen Toten, die in den Gräbern ihrer Unwissenheit lagen, erhoben ihre Häupter, um ewiges Leben zu empfangen, wenn sie mit dem Odem Jesu in Berührung kamen. Drei Jahre lang wandelte diese Leuchte der Vollkommenheiten vor den Toren Jerusalems über die Felder Palästinas, führte alle Menschen in das Morgenlicht der Erlösung und lehrte sie, geistige Eigenschaften und gottgefällige Tugenden zu erlangen. Hätte das Volk Israel an dieses herrliche Wesen geglaubt, so hätte es sich aufgemacht, Ihm mit Leib und Seele zu dienen und gehorsam zu sein; durch den belebenden Hauch Seines Geistes hätte das Volk seine alte Schwungkraft wiedererlangt und neue Siege errungen. Aber ach! Was nutzte dies alles? Sie wandten sich ab und widersetzten sich Ihm. Alle erhoben sich, um Ihn zu quälen, Ihn, der die Quelle göttlicher Erkenntnis, der Dämmerort der Offenbarung war, alle außer einer Handvoll Gläubiger, die ihr Antlitz Gott zuwandten und vom Makel dieser Welt gereinigt den Weg zu den Höhen des unsichtbaren Königreiches fanden. Jede nur denkbare Qual fügte man jenem Brunnquell der Gnade zu, bis es Ihm unmöglich wurde, in den Städten zu weilen, aber dennoch hielt Er das Banner des Heils empor und schuf feste Grundlagen für menschliche Rechtschaffenheit, diese wesentliche Voraussetzung wahrer Kultur. Im fünften Kapitel Matthäi, Vers 39, rät Er: »Ihr sollt dem Bösen und dem Unrecht nicht mit gleichen Mitteln entgegentreten; sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin. « Und weiterhin im 43. Vers: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Lieben sollst du deinen Nächsten, und deinen Feind sollst du nicht mit Feindschaft quälen.‹A30 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für jene, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr die Kinder eures Vaters im Himmel seid; denn Er lässt Seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und sendet den Regen seiner Gnade hernieder auf Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr die liebet, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr da? Tun das nicht auch die Zöllner?« Zahllos waren Ratschläge dieser Art, die jener Tagesanbruch göttlicher Weisheit verkündete, und Menschen, die sich durch solche Eigenschaften der Heiligkeit auszeichnen, sind die reinen Wesen der Schöpfung und die Quellen wahrer Kultur. Jesus begründete sodann das heilige Gesetz auf der Grundlage sittlicher Charakterstärke und völliger Vergeistigung, und für jene, die an Ihn glaubten, zeigte Er eine besondere Lebensweise auf, welche die höchste Verhaltensart auf Erden darstellt. Obwohl jene Wahrzeichen der Erlösung äußerlich der böswilligen Verfolgung ihrer Peiniger ausgeliefert schienen, waren sie in Wirklichkeit von dem hoffnungslosen Dunkel befreit, das die Juden umfangen hatte, und erstrahlten in immerwährender Herrlichkeit am Morgen dieses neuen Tages. Die mächtige Nation der Juden stürzte und zerfiel, aber jene wenigen Seelen, die unter dem Baum der messianischen Sendung Schutz suchten, gestalteten alles menschliche Leben neu. Alle Völker der Welt waren damals äußerst unwissend, fanatisch und götzendienerisch. Nur eine Handvoll Juden bekannte sich zum Glauben an die Einheit Gottes, und sie waren armselige Ausgestoßene. Diese heiligen Seelen der Christenheit erhoben sich nun, um eine Sache zu verkünden, die den Anschauungen der gesamten Menschheit völlig entgegengesetzt und zuwider war. Die Herrscher in vieren der fünf Erdteile fassten den unerbittlichen Entschluss, die Anhänger Christi völlig zu vernichten, und dennoch schickten sich schließlich die meisten von ihnen an, den Glauben Gottes mit ganzem Herzen zu verbreiten. Alle Nationen Europas, zahlreiche Völker Asiens und Afrikas und sogar einige Einwohner der pazifischen Inseln versammelten sich unter dem Schutz der Einheit Gottes. Überleget, ob es in der Schöpfung ein Prinzip gibt, das in irgendeiner Hinsicht machtvoller ist als die Religion, ob eine Kraft gedacht werden kann, die durchdringender ist als die vielfältigen göttlichen Offenbarungen, ob irgendeine Institution wahre Liebe, Freundschaft und Einheit zwischen allen Völkern hervorbringt, wie es der Glaube an einen allmächtigen und allwissenden Gott vermag, oder ob es außer den Gesetzen Gottes Beweise für eine Wirkkraft gibt, die für die Erziehung der ganzen Menschheit auf jeder Stufe rechtschaffener Lebensführung von Bedeutung ist! Diese Eigenschaften, die die Philosophen erlangten, wenn sie die wahren Höhen ihrer Weisheit erreicht hatten, diese edlen menschlichen Eigenschaften, wie sie jene Philosophen auf dem Gipfel ihrer Vollkommenheit auszeichneten, wurden von den Gläubigen verwirklicht, sobald sie den Glauben angenommen hatten. Seht, wie jene Seelen, die die lebenspendenden Wasser der Erlösung aus den huldvollen Händen Jesu, des Geistes Gottes, tranken und unter den schützenden Schatten des Evangeliums traten, eine solch hohe Stufe sittlicher Lebensführung erreichten, dass Galen, der berühmte Arzt, in seinem Abriss über Platos Republik ihre Taten pries, obwohl er selbst kein Christ war. Die wörtliche Übersetzung lautet wie folgt: »Die Masse der Menschheit ist nicht fähig, eine Folge logischer Argumente aufzunehmen. Deshalb bedarf es der Symbole und Gleichnisse, die von Belohnung und Bestrafung in der nächsten Welt sprechen. Der Beweis für diese Einsicht ist, dass es heute Leute gibt, die ›Christen‹ genannt werden, und bei denen der Glaube an Lohn und Strafe in einem künftigen Leben tief verwurzelt ist. Diese Gruppe weist ein hervorragendes Verhalten auf, ähnlich demjenigen eines Menschen, der ein wahrer Philosoph ist. So sehen wir alle mit unseren eigenen Augen, dass sie keine Furcht vor dem Tode haben, und ihre leidenschaftliche Liebe zu Gerechtigkeit und Ehrlichkeit ist so groß, dass man sie als wahre Philosophen ansehen sollte.«A31 Zu jener Zeit und in den Augen Galens war die Stufe eines Philosophen allen anderen Stufen in der Welt übergeordnet. Bedenkt also, wie die erleuchtende und vergeistigende Kraft der göttlichen Religionen die Gläubigen zu solchen Höhen der Vollkommenheit emporführt, dass ein Philosoph wie Galen, der selbst kein Christ ist, ein derartiges Zeugnis ablegt. Der hervorragende Charakter der Christen zeigte sich auch darin, dass sie sich wohltätigen und guten Werken widmeten und Krankenhäuser und gemeinnützige Einrichtungen schufen. So war der erste, der im ganzen römischen Reich öffentliche Krankenhäuser für die ärztliche Pflege der Armen, Verwundeten und Hilfsbedürftigen einrichtete, Kaiser Konstantin. Dieser große König war der erste römische Herrscher, der für die Sache Christi eintrat. Er scheute keine Mühe und weihte sein Leben der Verbreitung der Lehren des Evangeliums. Das römische Staatswesen, das in Wirklichkeit nur ein System uneingeschränkter Unterdrückung war, gründete er auf Mäßigung und Gerechtigkeit. Sein gesegneter Name erstrahlt aus dem Dunkel der Geschichte wie der Morgenstern, und sein Ansehen und Ruhm als einer der edelsten und kultiviertesten Persönlichkeiten ist heute noch im Munde von Christen aller Konfessionen. Welch feste Grundlage für hervorragende Charaktereigenschaften wurde doch dank der Ausbildung hehrer Seelen, die sich aufmachten, die Lehren des Evangeliums zu verbreiten, in jenen Tagen gelegt! Wie viele Grundschulen, Hochschulen und Krankenhäuser wurden geschaffen wie auch Einrichtungen, in denen elternlose und bedürftige Kinder erzogen wurden! Wie zahlreich waren die Menschen, die ihren persönlichen Vorteil hintanstellten und »aus dem Verlangen, dem Herrn zu gefallen«Q32 die Tage ihres Lebens damit verbrachten, die Massen zu lehren! Als nun die Zeit herannahte, in der die strahlende Schönheit Muḥammads über der Welt aufgehen sollte, fiel die Macht über die Christenheit unwissenden Priestern in die Hände. Der himmlische Hauch, der aus den Gefilden göttlicher Gnade strömte, verflog, und die Gesetze des erhabenen Evangeliums, der Felsgrund, auf dem die Kultur der Welt ruhte, zeitigten keine Erfolge mehr, weil sie missbraucht wurden und weil gewisse Menschen, äußerlich anständig, innerlich jedoch verdorben, gegen sie verstießen. Europäische Geschichtsforscher von Rang und Namen berichten übereinstimmend, wenn sie die politischen und sittlichen Zustände, die Bildung und die Kultur des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit in allen ihren Aspekten schildern, dass während der zehn Jahrhunderte des Mittelalters, vom Beginn des sechsten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung bis zum Ende des fünfzehnten, Europa in jeder Hinsicht und in höchstem Maße finster und barbarisch war. Der wichtigste Grund ist folgender: Die Mönche, von den europäischen Völkern als geistige und religiöse Führer angesehen, hatten die ewige Ehre, die von der Befolgung der heiligen Gebote und der himmlischen Lehren des Evangeliums herrührt, aufgegeben und mit den vermessenen, tyrannischen Oberhäuptern der weltlichen Regierungen jener Zeit gemeinsame Sache gemacht. Ihre Augen hatten sie von der unvergänglichen Herrlichkeit abgewendet und all ihr Streben darauf gerichtet, ihren gemeinsamen weltlichen Interessen und vergänglichen, kurzlebigen Vorteilen nachzugehen. Schließlich kam es so weit, dass die Massen hilflose Gefangene in den Händen dieser beiden Gruppen waren und dadurch das ganze Gefüge der Religion, Kultur, Wohlfahrt und Zivilisation der Völker Europas zusammenbrach. Als dieses würdelose Tun und Denken und die unehrenhaften Vorhaben der Anführer die süßen Düfte des Geistes Gottes (Jesu) schwächten und diese nicht mehr über die Welt strömten, und als die Finsternis bigotter Unwissenheit und gottloser Taten die Erde umfangen hielt, da leuchtete das Morgenlicht der Hoffnung wieder auf, und der göttliche Frühling kehrte zurück; eine Wolke von Barmherzigkeit breitete sich über die Welt aus, und aus den Gefilden der Gnade wehten fruchtbare Winde. Im Zeichen Muḥammads erhob sich die Sonne der Wahrheit über Yathrib (Medina) und dem Ḥijáz; über das ganze Weltall ergoss sie das Licht ewiger Herrlichkeit. Dies verwandelte die Erde menschlicher Möglichkeiten, und die Worte: »Die Erde wird leuchten mit dem Lichte ihres Herrn«Q33 waren erfüllt. Die alte Welt wurde wieder neu, und ihr toter Körper erwachte zu reichem Leben. Tyrannei und Unwissenheit wurden überwunden, und hoch ragten die Paläste der Erkenntnis und Gerechtigkeit empor, die an ihrer statt errichtet wurden. Ein Meer von Erleuchtung brandete heran, und die Wissenschaft goss ihre Strahlen über alle Lande. Bevor die Flamme höchsten Prophetentums in der Lampe von Mekka entzündet wurde, waren die wilden Stämme des Ḥijáz das grausamste und gottloseste Volk auf Erden. In allen Geschichtswerken sind ihre entartete, lasterhafte Lebensführung, ihre Wildheit und ihre ständigen Fehden aufgezeichnet. Damals betrachteten die zivilisierten Völker der Welt die arabischen Stämme von Mekka und Medina nicht einmal als menschliche Wesen. Als aber das Licht der Welt über ihnen erstrahlte, wurden sie – durch die Erziehung, die ihnen aus dieser Schatzgrube an Vollkommenheiten, diesem Brennpunkt der Offenbarung, zuteilwurde, und durch die Segnungen des göttlichen Gesetzes – innerhalb kürzester Frist unter dem Schutze des Prinzips der Einheit Gottes vereinigt. Später erlangte dieses grausame Volk eine so hohe Stufe menschlicher Vollkommenheit und Zivilisation, dass alle Zeitgenossen darüber staunten. Dieselben Völker, die bisher die Araber als Brut ohne Urteilsvermögen verspottet hatten, suchten nun eifrig die Gesellschaft der Araber und bereisten ihre Länder, um Bildung und Kultur, technische Fertigkeiten und Staatsführung, Künste und Wissenschaften von ihnen zu übernehmen. Seht, welcher Einfluss auf die materiellen Verhältnisse von der Bildung durch den wahren Erzieher ausgeht! Hier waren Stämme, so unwissend und wild, dass sie in der Zeit der Jáhilíyyih ihre siebenjährigen Töchter lebendig begruben – eine Tat, die selbst ein Tier, geschweige denn ein menschliches Wesen, verabscheut und vor der es zurückschrecken würde, die aber jene äußerst entarteten Stämme als den höchsten Ausdruck der Ehrbarkeit und Sittentreue ansahen. Dank der klaren Lehren jener großen Persönlichkeit entwickelte sich dieses barbarische Volk in solchem Maße, dass es zunächst Ägypten, Syrien und dessen Hauptstadt Damaskus, Chaldäa, das Zweistromland und Írán eroberte und dann so weit kam, dass es jedes wichtige Problem in vier Hauptregionen des Erdballs aus eigener Kraft lösen konnte. Die Araber übertrafen damals alle Völker der Welt auf dem Gebiet der Kunst und Wissenschaft, Gewerbe und Erfindungen, der Philosophie, Staatsführung und Gesittung. Und wahrlich, der Aufstieg dieser grausamen, verachtenswerten Horden zur höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit in einer so kurzen Zeitspanne ist der größte Beweis für die Wahrheit der Offenbarung Muḥammads. In der Frühzeit des Islám übernahmen die Völker Europas die Wissenschaften und Künste der Zivilisation vom Islám, so wie sie die Einwohner Andalusiens anwandten. Eine genaue, eingehende Untersuchung der geschichtlichen Aufzeichnungen wird die Tatsache bekräftigen, dass die Zivilisation Europas auf den Islám zurückgeht; denn alle Schriften der muslimischen Gelehrten, Theologen und Philosophen wurden nach und nach in Europa gesammelt, mit emsiger Sorgfalt geprüft, in akademischen Versammlungen und in Bildungszentren diskutiert, worauf das, was als wertvoll erachtet wurde, Verwendung fand. Heute sind zahlreiche Abschriften von Werken muslimischer Gelehrter, die in den islámischen Ländern nicht mehr zu finden sind, in den Bibliotheken Europas verfügbar. Auch die in allen europäischen Ländern geltenden Gesetze und Rechtsgrundsätze sind in beträchtlichem Maße, ja nahezu vollständig von den Werken der Rechtswissenschaft und von Gerichtsentscheidungen muslimischer Geistlicher hergeleitet. Wäre nicht zu befürchten, dass sich die vorliegende Abhandlung übermäßig in die Länge zieht, würden wir solche Entlehnungen eine nach der anderen aufführen. Die Anfänge der europäischen Zivilisation gehen auf das siebte Jahrhundert islámischer Zeitrechnung zurück. Die näheren Umstände waren folgende: Gegen Ende des fünften Jahrhunderts nach der Hijrah erhob der Papst, das Oberhaupt der Christenheit, ein großes Gezeter darüber, dass die heiligen Stätten der Christen wie Jerusalem, Bethlehem und Nazareth unter muslimische Herrschaft gefallen waren. Er stachelte die Könige und das Volk Europas zu einem Vorhaben an, das er als heiligen Krieg ansah. Sein leidenschaftlicher Schrei der Empörung schwoll so an, dass alle Länder Europas darauf reagierten, und an der Spitze zahlloser Heerscharen zogen kreuzfahrende Könige über das Marmarameer und bahnten sich ihren Weg in den asiatischen Kontinent. Damals herrschten die Khalífen aus dem Haus der Fáṭimiden über Ägypten und einige Länder im Westen der arabischen Welt, und sehr lange waren ihnen auch die Seldschuken, die Könige Syriens, untertan. Kurz, die Könige des Westens fielen mit ihren unzähligen Truppen in Syrien und Ägypten ein, und während einer Zeitspanne von 203 Jahren führten die Herrscher Syriens und Europas ununterbrochen gegeneinander Krieg. Fortgesetzt kam Verstärkung aus Europa herüber; immer wieder stürmten und bezwangen die westlichen Herrscher jede Burg in Syrien, aber ebenso oft warfen die islámischen Könige sie wieder hinaus. Schließlich vertrieb Saladin im Jahr 693 n.d.H. die europäischen Könige und ihre Heere aus Ägypten und von der syrischen Küste. Hoffnungslos geschlagen, kehrten sie nach Europa zurück. Millionen Menschen kamen im Verlauf dieser Kreuzzüge ums Leben. Zusammenfassend kann man sagen, dass zwischen 490 und 693 n.d.H. Könige, Feldherren und andere Führer Europas sich ständig zwischen Ägypten, Syrien und dem Westen hin und her bewegten, und als sie schließlich alle in ihre Heimat zurückkehrten, verbreiteten sie in Europa, was sie im Laufe von über 200 Jahren in den islámischen Ländern auf den Gebieten der Staatskunst, der sozialen Entwicklung und Bildung, des Schulwesens und der Verfeinerung des Lebens kennengelernt hatten. Die Zivilisation Europas geht auf diese Zeit zurück. O Volk Persiens! Wie lange sollen eure Trägheit und Antriebslosigkeit noch fortdauern? Einst wart ihr die Herren der ganzen Erde; die Welt gehorchte auf euren Wink und Ruf. Wie kommt es, dass eure Herrlichkeit vergangen ist, dass ihr heute in Ungnade gefallen seid und euch in einem Winkel der Vergessenheit verkrochen habt? Ihr wart der Urquell der Bildung, die unerschöpfliche Lichtquelle für alle auf Erden; wie kommt es, dass ihr heute verwelkt, ausgelöscht, entmutigt seid? Ihr, die ihr einst die Welt entflammt habt, wie kommt es, dass ihr heute untätig und sorglos im Finstern weilt? Öffnet euer geistiges Auge, sehet eure große, greifbare Not! Erhebt euch und strengt euch an, suchet Bildung, suchet Erleuchtung! Ist es richtig, dass ein fremdes Volk die Kultur und das Wissen von euren Ahnen übernimmt und dass ihr, das eigene Fleisch und Blut, die rechtmäßigen Erben dieser Vorfahren, leer ausgeht? Wie kann es sein, dass eure Nachbarn Tag und Nacht mit ganzem Herzen sich anstrengen, um für ihren Fortschritt, ihre Ehre und ihren Wohlstand zu sorgen, während ihr in eurem dummen Fanatismus euch nur mit euren Streitigkeiten und Feindseligkeiten, euren Genüssen, Begierden und leeren Träumen beschäftigt? Ist es lobenswert, dass ihr die Genialität, die euer Geburtsrecht, eure ursprüngliche Fähigkeit, euer angeborenes Wissen ist, gedankenlos vergeudet und verschwendet? Aber wieder sind wir von unserem Thema abgewichen. Jene Gebildeten Europas, die über die Geschichte des Abendlandes gut Bescheid wissen und sich durch Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn auszeichnen, stimmen darin überein, dass die tragenden Elemente ihrer Zivilisation in allen Einzelheiten vom Islám abgeleitet sind. So hat zum Beispiel DraperA32, der bekannte französische Wissenschaftler, dessen Genauigkeit, Fähigkeit und umfassende Bildung von allen europäischen Gelehrten bezeugt wird, in einem seiner meistgelesenen Werke, Die geistige Entwicklung Europas, in diesem Zusammenhang einen ausführlichen Bericht niedergelegt, d.h. im Hinblick darauf, dass die Völker Europas die Grundlagen der Zivilisation, des Fortschritts und des Allgemeinwohls vom Islám hergeleitet haben. Seine Aufzählung ist erschöpfend; eine Übersetzung an dieser Stelle würde unsere Arbeit ungebührlich in die Länge ziehen, wäre aber unerheblich für die Absicht, die wir verfolgen. Wenn der Leser weitere Einzelheiten wünscht, mag er auf den Text jenes Buches zurückgreifen. Im Wesentlichen zeigt jener Verfasser, wie die europäische Kultur in ihrer Gesamtheit – ihre Gesetze, Grundsätze, Institutionen, ihre Wissenschaften, Philosophien, ihre Gelehrsamkeit, ihre gehobenen Sitten und Gebräuche, ihre Literatur, ihre Kunst und ihr Gewerbe, ihre Organisation und Disziplin, ihr Verhalten, ihre lobenswerten Charaktereigenschaften und sogar viele Wörter, geläufig in der französischen Sprache – von den Arabern herrührt. Jedes dieser Elemente untersucht er bis ins Detail, zu jedem gibt er sogar den Zeitraum an, in welchem es vom Islám übernommen wurde. So beschreibt er auch, wie die Araber in den Westen, ins heutige Spanien kamen und wie sie dort innerhalb kürzester Zeit eine hochentwickelte Kultur aufbauten, welch hervorragende Stufe ihre Verwaltung und ihre Gelehrsamkeit erreichten und wie festgegründet und gut geleitet ihre Schulen und Universitäten waren, an denen Wissenschaften, Philosophie und Kunsthandwerk gelehrt wurden; ferner, wie führend sie damals das Kulturleben bestimmten und wie viele Jugendliche aus bedeutenden Familien Europas an die Schulen von Cordoba und Granada, Sevilla und Toledo geschickt wurden, um dort die Wissenschaften und Künste des gehobenen Lebens zu erlernen. Er schildert sogar, dass ein Europäer namens Gerbert sich an der Universität Cordoba auf arabischem Territorium immatrikulierte, um dort Künste und Wissenschaften zu studieren, und wie er nach seiner Rückkehr in Europa solche Bedeutung erlangte, dass man ihn schließlich an die Spitze der katholischen Kirche wählte und er Papst wurde. Diese Hinweise sollen untermauern, dass die Religionen Gottes die wahre Quelle der geistigen wie der materiellen Vervollkommnung des Menschen sind, der Ausgangspunkt der Erleuchtung und des nutzbringenden Wissens für alle Welt. Wer dies mit gerechtem Sinn erwägt, wird feststellen, dass alle Gesetze des öffentlichen Lebens in diesen wenigen heiligen Worten beschlossen sind: »Und sie gebieten das Rechte und verbieten das Unrecht und beeilen sich, gute Taten zu vollbringen. Dieses sind die Rechtschaffenen.«Q34 Und wiederum: »… auf dass unter euch ein Volk sei, das zum Guten auffordert, das Rechte befiehlt und das Unrecht verbietet. Dies sind diejenigen, um die es gut bestellt sein soll.«Q35 Und weiter: »Wahrlich, Gott gebietet Gerechtigkeit, rechtes Tun … und verbietet Schlechtigkeit und Unterdrückung. Er ermahnt euch, auf dass ihr eingedenk seid.«Q36 Ferner über die Verfeinerung menschlichen Verhaltens: »Lass Billigkeit walten und gebiete, was rechtens ist, und halte dich fern von den Toren.«Q37 Und gleicherweise: »… die ihren Zorn bezwingen und anderen verzeihen. Gott liebt jene, die Gutes tun.«Q38 Und wieder: »Nicht das ist Frömmigkeit, dass ihr (beim Beten) euer Gesicht nach Osten wendet oder nach Westen; fromm ist vielmehr, wer an Gott glaubt, an den Jüngsten Tag, an die Engel, an die Schrift und an die Propheten, wer aus Liebe zu Gott sein Vermögen hingibt an Anverwandte, Waisen, Arme, an Bittende und um Gefangene loszukaufen, wer das Gebet verrichtet, den Armenbeitrag zahlt, wer zu denen gehört, die ihre Verträge einhalten, und wer geduldig ist bei Krankheiten, im Unglück und in Zeiten der Not. Diese sind es, die rechtschaffen sind, diese sind die Gottesfürchtigen.«Q39 Und abermals: »Sie ziehen jene sich selber vor, auch wenn Armut ihr eigenes Los ist.«Q40 – Seht, wie diese wenigen heiligen Verse die höchsten Ebenen und den tiefsten Sinn der Kultur sowie alle vortrefflichen Eigenschaften des menschlichen Charakters beinhalten. Bei Gott, dem Herrn – und es gibt keinen Gott außer Ihm- selbst das kleinste Detail des zivilisierten Lebens rührt von der Gnade der Offenbarer Gottes her. Nichts, was für die Menschheit von Wert war, ist jemals zustande gekommen, ohne zuvor ausdrücklich in den Heiligen Schriften dargelegt worden oder als Schlussfolgerung daraus hervorgegangen zu sein? Aber ach, was hilft dies alles! Sind die Waffen in den Händen von Feiglingen, dann ist keines Menschen Leben und Eigentum sicher, und die Diebe werden nur noch verwegener. Ebenso steht eine Geistlichkeit, die alles andere als vollkommen ist, wenn sie die Macht an sich reißt, wie ein eiserner Vorhang zwischen dem Volk und dem Licht des Glaubens. Aufrichtigkeit ist der Grundstein des Glaubens. Das heißt, ein religiöser Mensch muss seine persönlichen Wünsche vergessen und danach streben, auf jede ihm mögliche Weise und von ganzem Herzen dem öffentlichen Wohl zu dienen. Andererseits ist es einem menschlichen Wesen nicht möglich, sich von seinem eigenen, selbstsüchtigen Nutzen abzuwenden und sein Wohl dem Wohl der Allgemeinheit zu opfern, es sei denn durch wahren religiösen Glauben. Denn Eigenliebe ist in den Lehm, aus dem der Mensch gemacht ist, hineingeknetet, und ohne Hoffnung auf eine angemessene Belohnung wird keiner seine eigenen bestehenden materiellen Interessen hintanstellen. Ein Mensch aber, der an Gott und Sein Wort glaubt, wird um Gottes willen seinen eigenen Vorteil und seine Behaglichkeit aufgeben und sich mit Herz und Seele aus freien Stücken dem Allgemeinwohl widmen, weil er die Verheißung und die Gewissheit hat, dass ihn im nächsten Leben reicher Lohn erwartet und weil ihm alle weltlichen Vergünstigungen im Vergleich zu der immerwährenden Freude und Herrlichkeit künftiger Seins ebenen nichts bedeuten. »Ein anderer aber ist unter den Menschen, der sein eigenes Selbst verkauft aus Verlangen nach dem Wohlgefallen Gottes.«Q41 Manche glauben, ein angeborener Sinn für menschliche Würde bewahre den Menschen davor, Böses zu tun, und biete Gewähr für seine geistige wie materielle Vervollkommnung. Dies soll besagen, dass ein Mensch, den natürliche Intelligenz, hohe Entschlusskraft und edler Eifer auszeichnen, nicht wegen zu erwartender schwerer Bestrafung für ein Verbrechen oder reicher Belohnung für rechtschaffenes Verhalten, sondern instinktiv davor zurückschrecken wird, seinen Mitmenschen Leid zuzufügen, und danach hungern und dürsten wird, Gutes zu tun. Aber wenn wir über die Beispiele der Geschichte nachdenken, wird uns klar, dass dieser eigentliche Sinn für Ehrbarkeit und Würde nichts anderes als eine der Wohltaten ist, die von den Geboten der Propheten Gottes herrühren. Auch nehmen wir bei kleinen Kindern Anzeichen von Angriffslust und Ungehorsam wahr; wenn ein Kind keine Anweisungen durch einen Lehrer empfängt, vermehren sich seine unerwünschten Eigenschaften von einer Stunde zur andern. Es ist also klar, dass dieser natürliche Sinn für Menschenwürde und Anstand die Folge von Erziehung ist. Zweitens: Selbst wenn wir um der Beweisführung willen annehmen, dass angeborene Intelligenz und angeborene Sittlichkeit Übeltaten verhindern könnten, ist es offensichtlich, dass derart beschriebene Menschen so selten wie der Stein der Weisen sind. Eine Annahme dieser Art lässt sich nicht durch bloße Worte bekräftigen; sie muss durch Tatsachen untermauert sein. Prüfen wir deshalb, welche Wirkkraft in der Schöpfung die breiten Massen zu guten Vorsätzen und guten Taten antreibt! Übrigens wäre das Streben nach Rechtschaffenheit, das solch ein seltener Mensch mit diesen Anlagen an den Tag legt, sicherlich noch weit intensiver, wenn er darüber hinaus noch Gottesfurcht in sich verkörperte. Allumfassende Wohltaten strömen aus der Gnadenfülle der göttlichen Religionen, denn sie führen die wahren Gläubigen zu aufrichtigen Absichten, edlen Zielen, Reinheit und makelloser Ehrbarkeit, umfassender Herzensgüte, Mitgefühl, Vertragstreue, Rücksichtnahme auf die Rechte anderer, Großzügigkeit, Gerechtigkeit in allen Lebenslagen, Menschlichkeit und Menschenliebe, Tapferkeit und unermüdlichem Eifer im Dienst an der Menschheit. Mit einem Wort, es ist die Religion, die alle menschlichen Tugenden hervorbringt, und diese Tugenden sind das strahlende Licht der Kultur. Wenn ein Mensch diese hervorragenden Eigenschaften nicht aufweist, hat er sicherlich nie einen Tropfen aus dem unergründlichen Strom der Lebenswasser gekostet, die aus den Lehren der heiligen Bücher fluten, noch hat er den leisesten Hauch von den duftenden Brisen, die aus den Gärten Gottes wehen, verspürt; denn nichts auf Erden kann allein durch Worte bewiesen werden, und jede Daseinsebene ist an ihren Zeichen und Symbolen erkennbar, jede Stufe menschlicher Entwicklung hat ihr besonderes Merkmal. Der Sinn dieser Ausführungen besteht darin, ausgiebig klar zu machen, dass die göttlichen Religionen, die heiligen Gebote und die himmlischen Lehren die unanfechtbare Grundlage menschlichen Glücks sind und dass die Völker der Welt ohne dieses sichere Heilmittel auf keine wirkliche Linderung oder Erlösung von ihren Leiden hoffen können. Dieses Allheilmittel muss jedoch von einem weisen, erfahrenen Arzt angewandt werden, denn in den Händen eines Unbefugten könnten alle Heilmittel, die der Herr der Menschen jemals erschaffen hat, um die Krankheiten der Menschen zu heilen, keine Gesundung bringen, sondern würden im Gegenteil die hilflosen Opfer nur zugrunde richten und denen, die bereits krank sind, das Herz noch mehr belasten. Als die Quelle göttlicher Weisheit, die Offenbarung umfassenden Prophetentums (Muḥammad), die Menschheit aufforderte, Künste, Wissenschaften und ähnliche positive Dinge zu erwerben, befahl Er ihnen, nach diesen sogar in den entlegensten Winkeln Chinas zu suchen. Aber die unfähigen, nörgelnden Gelehrten verbieten dies und rechtfertigen sich mit dem Spruch: »Wer ein Volk nachahmt, ist einer davon.« Sie haben nicht begriffen, was mit ›Nachahmung‹ in diesem Zitat gemeint ist, geschweige denn, dass sie wüssten, wie die göttlichen Religionen alle Gläubigen auffordern und ermutigen, sich Lebensgrundsätze anzueignen, die zu ständigen Verbesserungen führen, und von anderen Völkern Künste und Wissenschaften zu übernehmen. Wer sich für das Gegenteil ausspricht, hat nie vom Nektar der Erkenntnis getrunken, hat sich in seiner eigenen Unwissenheit verirrt und tappt den Trugbildern seiner Begierden nach. Urteilt gerecht: Welche der modernen Errungenschaften an sich, welche ihrer Anwendungsmöglichkeiten steht im Gegensatz zu den göttlichen Geboten? Denkt man an die Errichtung von Parlamenten, wird dies im Text des folgenden heiligen Verses ausdrücklich vorgeschrieben: »… die ihre Angelegenheiten durch Beratung regeln …«Q42 Und an anderer Stelle werden die folgenden Worte an das Morgenlicht alles Wissens, die Quelle der Vollkommenheit selbst (Muḥammad), gerichtet, obwohl Er doch allumfassende Weisheit besaß: »… und berate dich mit ihnen in dieser Angelegenheit!«Q43 Wie könnte also die Frage wechselseitiger Beratung im Widerspruch zum religiösen Gesetz stehen? Die großen Vorteile der Beratung können auch durch logische Beweisführung belegt werden. Können sie sagen, es widerspreche den Gesetzen Gottes, ein Todesurteil von äußerst gründlichen Untersuchungen abhängig zu machen, von der Bestätigung durch mehrere Körperschaften, von rechtskräftigem Beweis und königlicher Verfügung? Können sie behaupten, dass das, was unter der früheren Regierung geschehen war, mit dem Qur’án übereingestimmt habe? In den Tagen, da Ḥájí Mírzá Áqásí Ministerpräsident war, hörte man zum Beispiel aus vielen Quellen, der Gouverneur von Gulpáygán habe dreizehn wehrlose Amtspersonen jener Gegend festgenommen – alle dreizehn Nachkommen des Propheten, alle unschuldig – und habe sie ohne Gerichtsverfahren, ohne Billigung einer vorgesetzten Behörde in einer einzigen Stunde enthaupten lassen. Einst hatte Persien mehr als fünfzig Millionen Einwohner. Sie wurden teilweise durch Bürgerkriege vertrieben, hauptsächlich aber durch das Fehlen eines geeigneten Staatssystems, durch die Gewaltherrschaft und die uneingeschränkten Befugnisse der regionalen und lokalen Gouverneure. Im Laufe der Zeit überlebte nicht einmal ein Fünftel dieser Bevölkerung; denn die Gouverneure suchten sich jedes Opfer, das ihnen wichtig war, wie unschuldig es sein mochte, aus, um ihren Zorn an ihm auszulassen und es zu töten. Aus Lust und Laune pflegten sie erwiesene Massenmörder zu ihren Günstlingen zu machen. Keine Menschenseele konnte frei ihre Meinung äußern; denn der Gouverneur hatte die absolute Kontrolle. Können wir sagen, solche Zustände hätten mit dem Gebot der Gerechtigkeit oder mit den Gesetzen Gottes übereingestimmt? Können wir behaupten, es widerspreche den Grundsätzen des Glaubens, den Erwerb nutzbringender Künste und allgemeiner Bildung zu fördern, sich über die Wahrheiten solcher Naturwissenschaften, die dem Menschen dienlich sind, zu informieren, den Umfang der Industrie und die gewerbliche Produktion auszuweiten und die Wege zum Wohlstand der Nation zu vermehren? Würde es gegen die Anbetung Gottes verstoßen, Gesetz und Ordnung in den Städten zu schaffen, ländliche Gebiete zu strukturieren, Straßen auszubessern, Eisenbahnen zu bauen, Reisen und Warentransporte zu erleichtern und so das Wohlergehen des Volkes zu steigern? Wäre es unvereinbar mit den göttlichen Geboten und Verboten, wollten wir die verlassenen Bergwerke, die größte Einnahmequelle für den Reichtum der Nation, wieder in Betrieb nehmen und Fabriken bauen, was zum Wohlergehen, zur Sicherheit und zum Reichtum des ganzen Volkes beitragen würde? Oder die Schaffung neuer Industrien ankurbeln und Verbesserungen an unseren heimischen Produkten herbeiführen? Bei dem Allherrlichen! Es erstaunt mich zu sehen, welch ein Schleier sich über die Augen der Menschen gelegt hat und wie dieser Schleier sie selbst für so offensichtliche Notwendigkeiten blind macht. Und wenn triftige Gründe und derartige Beweise angeführt werden, antworten sie ohne jeden Zweifel aus tausend tief verborgenen Spitzfindigkeiten und Vorurteilen heraus: »Wenn am Tag des Gerichts die Menschen vor ihrem Herrn stehen, werden sie nicht nach ihrer Bildung und dem Grad ihrer Kultur gefragt; vielmehr werden sie auf ihre guten Taten hin geprüft.« Lassen sie uns dem zustimmen und davon ausgehen, dass der Mensch nicht nach seiner Kultur und Erziehung gefragt wird; werden an diesem ›Tag des Gerichts‹ nicht dennoch die Anführer zur Verantwortung gezogen? Wird ihnen nicht gesagt werden: »O ihr Oberhäupter und Anführer! Warum habt ihr diese mächtige Nation dazu gebracht, von den Ruhmeshöhen ihrer Vergangenheit herabzustürzen und ihren Platz im Herzen und Mittelpunkt der zivilisierten Welt aufzugeben? Ihr wäret sehr wohl imstande gewesen, Maßnahmen zu ergreifen, die diesem Volk zu höchster Ehre gereicht hätten. Das habt ihr versäumt, ja ihr habt sogar das Volk jener allgemeinen Wohltaten beraubt, die alle Völker genießen. Hat nicht dieses Volk einst wie die Sterne an einem glückverheißenden Himmel gestrahlt? Wie konntet ihr es wagen, sein Licht in der Finsternis zu ersticken? Ihr hättet die Lampe irdischer und ewiger Herrlichkeit für dieses Volk entzünden können; warum habt ihr es versäumt, aus ganzem Herzen danach zu streben? Und wenn durch Gottes Gnade ein helles Licht aufloderte, warum habt ihr es dann nicht hinter dem Glas eures Heldenmutes vor den Winden behütet, die ihm entgegenschlugen? Warum habt ihr euch mit aller Macht erhoben, um es auszulöschen?« »Und jedem Menschen haben Wir sein Schicksal um den Hals geschlungen. Und am Tag der Auferstehung werden Wir ein Buch hervorbringen und ihm weit geöffnet vorlegen.« Q44 Noch einmal: Gibt es eine edlere Tat als den Dienst am Allgemeinwohl? Gibt es etwas Segensreicheres für einen Menschen, als dass er zur Quelle der Erziehung, des Fortschritts, des Wohlergehens und der Ehre für seine Mitmenschen wird? Nein, bei Gott dem Herrn! Es ist die höchste Tugend für begnadete Seelen, die Hilflosen bei der Hand zu nehmen und sie von ihrer Unwissenheit, Erniedrigung und Armut zu befreien, sich aus lauteren Beweggründen und reiner Liebe zu Gott aufzumachen und zielstrebig dem Dienst an den Massen zu widmen, dabei den eigenen weltlichen Vorteil zu vergessen und nur dem Allgemeinwohl zu dienen. »Sie ziehen jene sich selber vor, auch wenn Armut ihr eigenes Los ist.«Q45 »Die Besten sind jene, die dem Volke dienen; die Schlimmsten sind jene, die dem Volke schaden.« Ruhm sei Gott! Was für seltsame Zustände herrschen heutzutage, wenn sich keiner von allen Zuhörern fragt, welche Beweggründe der Redner, der eine Forderung vorbringt, in Wirklichkeit wohl hat und welche selbstsüchtigen Absichten er hinter der Maske seiner Worte verborgen halten mag. Beispielsweise kann es sein, dass ein Mensch, der seine kleinlichen, persönlichen Interessen durchzusetzen sucht, den Fortschritt eines ganzen Volkes aufhält. Um seine eigene Wassermühle zu betreiben, lässt er die Höfe und Felder aller anderen verdorren und vertrocknen. Um sich an der Macht zu halten, wird er immerfort die Massen auf diese Art von Vorurteilen und Fanatismus ausrichten, die die Grundfeste der Kultur untergraben. Wenn ein solcher Mensch Taten vollbringt, die vor den Augen Gottes eine Verfehlung sind und von allen Propheten und Heiligen verabscheut werden, und im selben Augenblick einen anderen sieht, der nach dem Essen seine Hände mit Seife wäscht – einem Produkt, dessen Erfinder ‘Abdu’lláh Búní, ein Muslim, war – erhebt er ein Zetergeschrei, das religiöse Gesetz sei umgestoßen und die Sitten und Gebräuche heidnischer Völker würden bei uns Einzug halten, nur weil jener Unglückliche nicht die Hände vorn an seinem Rock und an seinem Bart abwischt. Ohne jedes Empfinden für seinen eigenen schlechten Wandel betrachtet er das, was wahrhaftig zu Sauberkeit und Verfeinerung führt, als gottlos und töricht. O Volk Persiens! Öffnet eure Augen! Gebet Acht! Befreit euch davon, blindgläubig den Fanatikern zu folgen und sie sinnlos nachzuahmen, denn das ist der Hauptgrund, warum die Menschen auf den Weg der Unwissenheit und Erniedrigung geraten. Sehet den wahren Sachverhalt. Erhebet euch! Ergreifet solche Maßnahmen, die euch Leben und Glück und Größe und Ansehen unter allen Nationen der Welt einbringen! Die Winde der wahren Frühlingszeit wehen über euch dahin. Schmücket euch mit Blüten, so wie die Bäume im duftenden Garten! Die Frühlingswolken ergießen sich. Werdet frisch und grünend wie die süßen Gefilde der Ewigkeit! Der Morgenstern erstrahlt. Setzet euren Fuß auf den wahren Pfad! Das Meer der Allmacht wogt. Eilet zu den Ufern der Entschlossenheit und des Reichtums! Das reine Wasser des Lebens quillt hervor. Warum vergeudet ihr eure Tage dürstend in der Wüste? Steckt euch hohe und edle Ziele! Wie lange wollt ihr in eurer Trägheit, wie lange in eurer Achtlosigkeit noch verharren? Verzweiflung ist alles, was ihr in dieser und der nächsten Welt von eurer Selbstgefälligkeit davontragen könnt. Abscheulichkeit und Elend sind es, die euch der Fanatismus, der Glaube an die Dummen und Verblendeten einbringen. Die Bestätigungen Gottes unterstützen euch, die Hilfe Gottes ist nahe. Warum rufet und frohlocket ihr nicht aus ganzem Herzen, warum strebet ihr nicht mit ganzer Seele? Zu den Angelegenheiten, die sorgfältiger Überprüfung und Reform bedürfen, zählen die Methode zur Erforschung der verschiedenen Wissensgebiete und die Erstellung eines akademischen Studienplans. Ein Mangel an Klarheit hat dazu geführt, dass die Bildung planlos und unüberlegt vor sich geht. Unwesentliches, das gründlichen Studiums nicht wert ist, erfährt dermaßen ungebührliche Aufmerksamkeit, dass die Studenten über einen langen Zeitraum ihre Gedanken und Kräfte auf einen Stoff verschwenden, der auf bloßer Annahme beruht und keineswegs nachweisbar ist. Solche Studien bestehen darin, dass man sich in Behauptungen und Ideen vertieft, die eine sorgfältige Prüfung nicht nur als unwahrscheinlich, sondern sogar als reinen Aberglauben festmacht; diese Studien stellen nichts als eine Erforschung nutzloser Gedankenspiele, eine Jagd nach Sinnwidrigkeiten dar. Zweifellos ist die Beschäftigung mit solchen Illusionen, das Prüfen und ermüdende Debattieren von solchen leeren Behauptungen nichts als Zeitvergeudung, nichts als Verschwendung der eigenen Lebenstage. Und nicht nur das: Diese Beschäftigung hindert den Menschen auch daran, solche Künste und Wissenschaften zu studieren, deren die Gesellschaft dringend bedarf. Der Mensch sollte deshalb, ehe er sich mit einem Studienobjekt befasst, der Frage nachgehen, wozu das Studium dient und welche Frucht, welches Ergebnis daraus abgeleitet werden kann. Wenn es sich um einen nützlichen Wissenszweig handelt, das heißt, wenn die Gesellschaft wesentliche Vorteile daraus gewinnen kann, dann sollte er sein Studium sicherlich mit ganzem Herzen verfolgen. Wenn es sich dagegen um leere, sinnlose Wortstreitereien, um die unnütze Verkettung von Vorstellungen handelt, die zu nichts anderem führen als zu Bissigkeit, warum sollte man dann sein Leben solchen sinnlosen Haarspaltereien und Disputen widmen? Da dieser Themenkreis weiterer Aufklärung und gründlicher Beratung bedarf, damit klar bewiesen werden kann, wie wertvoll manche Themen sind, die heute vernachlässigt werden, während die Nation keinerlei Bedarf an verschiedenen anderen, überflüssigen Studien hat, wird dieser Gesichtspunkt, so Gott will, in einem zweiten Band weiterentwickelt werden. Wir hoffen, dass die Lektüre dieses ersten Bandes die Denkweise und das Verhalten der Gesellschaft grundlegend ändern wird; denn wir haben diese Arbeit in aufrichtiger Absicht und nur um Gottes willen in Angriff genommen. Obgleich in dieser Welt Menschen, die zwischen aufrichtigen Absichten und falschen Worten unterscheiden können, so selten wie der Stein der Weisen sind, richten wir doch unsere Hoffnung auf die unerschöpflichen Gnadengaben des Herrn. Fassen wir zusammen: Was jene betrifft, die der Ansicht sind, wir müssten bei der Durchführung dieser notwendigen Reformen mit Überlegung vorgehen, wir müssten Geduld haben und die Ziele nacheinander erreichen, so sei gefragt: Was meinen sie damit? Wenn sie sich mit ›Überlegung‹ auf die Umsicht beziehen, die in der Staatskunst erforderlich ist, hat ihr Gedanke Hand und Fuß und ist zeitgemäß. Sicherlich können gewichtige Vorhaben nicht in Eile zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden; Übereilung würde in solchen Fällen nur schaden. Die politische Welt ist wie die des Menschen: Dieser ist am Anfang nur Same und entwickelt sich dann stufenweise zum Embryo und Fötus, erhält ein mit Fleisch überzogenes Knochenskelett und nimmt seine eigentliche Gestalt an, bis er schließlich die Stufe erreicht, auf der sich an ihm gebührend das Wort bewahrheitet: »… der Erhabenste der Schöpfer«Q46. Ebenso wie dies ein Gebot der Schöpfung ist und auf der allumfassenden göttlichen Weisheit beruht, kann sich auch die politische Welt nicht plötzlich vom Nádir der Zerrüttung zum Zenit der Rechtlichkeit und Vollkommenheit entwickeln. Vielmehr müssen sich fähige Menschen Tag und Nacht anstrengen und alle Mittel, die zum Fortschritt führen, anwenden, damit sich Regierung und Volk auf allen Ebenen entwickeln, Tag für Tag, ja Stunde für Stunde. Die Welt des Staubes belebt sich, wenn durch Gottes Segen drei Dinge auf Erden in Erscheinung treten; dann erstrahlt sie wundersam geschmückt und voller Anmut. Dies sind erstens die befruchtenden Frühlingswinde, zweitens die strömende Fülle der Frühlingswolken und drittens die Wärme der Sonnenstrahlen. Wenn aus der endlosen Gabenfülle Gottes diese drei zusammenkommen, dann werden nach Seinem Willen dürre Bäume und Zweige langsam wieder frisch und grün und schmücken sich mit vielerlei Blüten und Früchten. Dasselbe geschieht, wenn die reinen Absichten und die Gerechtigkeit des Herrschers, Weisheit, vollendete Fähigkeit und Staatsklugheit der Regierenden und die entschlossenen, unermüdlichen Bemühungen des Volkes zusammentreffen. Dann werden die Auswirkungen des Fortschritts, der weitreichenden Reformen, der Selbstachtung und des Erfolgs von Regierung und Volk gleichermaßen Tag für Tag deutlich erkennbar. Wenn jene Leute aber mit ›Überlegung‹ Aufschub und Verzögerung meinen und glauben, dass man sich in jeder Generation nur mit einem winzigen Teil jener notwendigen Reformen befassen solle, dann drückt dies nichts als Antriebs- und Teilnahmslosigkeit aus, und eine derartige Vorgehensweise würde zu keinem anderen Ergebnis führen als zur endlosen Wiederholung leerer Worte. Wenn Übereilung schädlich ist, dann sind Antriebs- und Teilnahmslosigkeit tausendmal schlimmer. Der Mittelweg ist der beste, wie geschrieben steht: »Es obliegt dir, Gutes zu tun zwischen den beiden Übeln«, wobei sich dies auf die goldene Mitte zwischen zwei Extremen bezieht. »Und lasse deine Hand nicht am Nacken gefesselt sein, und weite sie auch nicht in voller Ausdehnung … Suche zwischen diesem einen Mittelweg!«Q47 Die vorrangige und dringlichste Notwendigkeit ist die Förderung der Bildung. Es ist undenkbar, dass ein Volk zu Wohlstand und Erfolg kommt, ohne dass dieses überaus wichtige, grundlegende Anliegen in die Tat umgesetzt wird. Die Hauptursache für den Niedergang und Verfall der Völker ist Unwissenheit. Heutzutage wissen die Massen des Volkes nicht einmal über alltägliche Angelegenheiten Bescheid; wie viel weniger begreifen sie den Hauptgrund für die wichtigen Probleme und vielfältigen Bedürfnisse unserer Zeit! Es ist deshalb dringend notwendig, dass nutzbringende Schriften und Bücher verfasst werden, die klar und bündig die heutigen Bedürfnisse des Volkes darlegen und aufzeigen, was dem Glück und dem Fortschritt der Gesellschaft dienlich ist. Diese Schriften und Bücher sollten veröffentlicht und unter dem Volk verbreitet werden, so dass wenigstens die führenden Köpfe unter dem Volk bis zu einem gewissen Grad aufwachen und anfangen, sich auf Wegen vorwärts zu bemühen, die zu ihrer ewigen Ehre führen. Die Verbreitung edler Gedanken ist die dynamische Kraft in den Schlagadern des Lebens, ja die Seele der Menschenwelt. Die Gedanken sind unendlich wie das Meer, während die Auswirkungen und die wechselnden Umstände des Daseins den Wellen in ihrer unterschiedlichen Gestalt und räumlichen Begrenzung gleichen; erst wenn das Meer wogt, steigen die Wellen an und tragen die Perlen der Erkenntnis ans Ufer des Lebens. »Bruder, du bist dein Denken allein; der Rest von dir ist nur Fleisch und Bein.«A33 Die öffentliche Meinung muss auf das gerichtet werden, was dieses Tages würdig ist. Dies ist jedoch nur möglich, wenn angemessene Argumente angewandt und klar verständliche, schlüssige Beweise erbracht werden. Zweifellos suchen die Massen nach ihrem Glück und sehnen sich danach, aber ihre Unwissenheit trennt sie davon wie ein dichter Schleier. Überleget, wie sehr der Mangel an Bildung und Erziehung ein Volk schwächt und erniedrigt. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist heute (1875) China mit seinen über vierhundert Millionen Einwohnern die größte Nation der Welt. Demnach sollte die Regierung Chinas die hervorragendste auf Erden sein und sein Volk das namhafteste von allen. Aber ganz im Gegenteil handelt es sich aus Mangel an kultureller und zivilisatorischer Bildung um die schwächste und hilfloseste aller schwachen Nationen. Vor kurzem zog ein kleines Kontingent englischer und französischer Truppen gegen China zu Feld und besiegte dieses Land so endscheidend, dass sogar die Hauptstadt Peking eingenommen wurde. Hätten Chinas Regierung und Volk mit der neuesten Wissenschaft von heute Schritt gehalten, wären sie in der Kunst und Technik der modernen Zivilisation bewandert, dann hätten alle Völker der Erde zusammen sie nicht besiegen können, und die Angreifer wären geschlagen dorthin zurückgekehrt, woher sie gekommen waren. Noch erstaunlicher als dieses Ereignis der Zeitgeschichte ist die Tatsache, dass die Regierung Japans ursprünglich China unterlegen war und unter dessen Schutzherrschaft stand und dass Japan nun vor ein paar Jahren wach wurde und sich die Technik des modernen Fortschritts und der Zivilisation aneignete. Wissenschaften und Industriezweige, die dem öffentlichen Wohl dienen, wurden gefördert, und die Regierung setzte alles daran, was in ihrer Macht und ihren Kräften stand, um die öffentliche Meinung auf notwendige Reformen zu lenken. Diese Regierung hat derzeit solche Fortschritte gemacht, dass sie kürzlich die letzte chinesische Regierung herausgefordert und zu einer Einigung gezwungen hat, obwohl die japanische Bevölkerung nur ein Sechstel oder ein Zehntel der chinesischen ausmacht. Beobachtet deshalb aufmerksam, wie Bildung und die Vorzüge der Zivilisation einer Regierung und ihrem Volk zu Ehre, Wohlstand, Unabhängigkeit und Freiheit gereichen. Es ist weiterhin äußerst notwendig, in ganz Persien, selbst in den kleinsten Städten und Dörfern, Schulen einzurichten und das Volk auf jede nur mögliche Weise anzuhalten, die Kinder lesen und schreiben lernen zu lassen. Notfalls sollte die Schulbildung sogar gesetzlich eingeführt werden. Solange nicht die Nervenstränge und Blutadern der Nation von neuem Leben durchpulst werden, wird sich jedes in Angriff genommene Vorhaben als fruchtlos erweisen; denn das Volk ist wie ein menschlicher Körper, die Entschlossenheit und der Wille, sich durchzusetzen, sind wie die Seele, aber ein seelenloser Körper bewegt sich nicht. Diese dynamische Kraft ist in höchstem Maße im Wesenskern des persischen Volkes vorhanden; die Ausbreitung von Bildung wird sie freisetzen. Wir kommen zu jenen, die der Meinung sind, es sei weder notwendig noch angebracht, Grundsätze der Zivilisation, Grundlagen des Fortschritts zu höheren Ebenen gesellschaftlichen Glücks in der materiellen Welt, Gesetze, die gründliche Reformen bewirken, Maßnahmen, die den Rahmen des Kulturlebens erweitern, von irgendwoher zu entlehnen; vielmehr stehe es Persien und den Persern eher an, über ihre Situation nachzudenken, um dann ihre eigenen fortschrittlichen Methoden herauszufinden. Wenn die hohe Intelligenz und die überdurchschnittlichen Fähigkeiten der Verantwortlichen unserer Nation, die energische Zielstrebigkeit der bedeutendsten Persönlichkeiten am kaiserlichen Hof und die entschiedenen Bemühungen all derer, die Wissen und Können aufweisen und in den wichtigen Gesetzen des politischen Lebens wohl bewandert sind – wenn all diese Kräfte zusammengefasst würden und sie allesamt jede Anstrengung unternähmen, über alle wichtigen Einzelheiten wie auch über die Hauptströmungen der politischen Entwicklung nachzudenken, dann wäre es sehr wahrscheinlich, dass sie auf Grund wirksamer von ihnen entfalteter Pläne mancherlei Zustände von Grund aus reformieren könnten. In der Mehrzahl der Fälle müssten sie jedoch nach wie vor von anderen Anleihen machen; denn in all den vielen Jahrhunderten der Geschichte haben hunderttausend Persönlichkeiten ihr ganzes Leben darauf verwendet, solche Dinge zu erproben, bis sie in der Lage waren, wesentliche Entwicklungen in Gang zu setzen. Wenn all dies ignoriert werden sollte, wenn die Mühe aufgewendet werden müsste, dass wir selbst diese Hilfsmittel in unserem eigenen Land und in unserer eigenen Weise neu erfinden, um dadurch den gewünschten Fortschritt herbeizuführen, dann würden viele Generationen vergehen, ohne dass das Ziel erreicht wäre. Sehet zum Beispiel, wie man sich in anderen Ländern über einen langen Zeitraum unermüdlich angestrengt hat, bis man schließlich die Dampfkraft entdeckte und mit ihrer Hilfe in der Lage war, schwere Arbeiten, die einst die menschliche Leistungsfähigkeit überstiegen, leicht auszuführen. Wie viele Jahrhunderte würden wir wohl brauchen, wollten wir auf den Gebrauch der Dampfkraft verzichten und stattdessen alle Nerven anspannen, um einen Ersatz zu finden. Es ist folglich besser, wenn wir weiterhin die Dampfkraft anwenden und gleichzeitig ununterbrochen die Möglichkeit prüfen, ob es nicht noch eine weit größere Kraft gibt. Im selben Licht sollte man die anderen Vorteile der Technik, der Wissenschaften, der Künste und der politischen Denkmodelle, die sich als nützlich erwiesen haben, sehen, das heißt, jene Verfahrensweisen, die Jahrhunderte hindurch immer wieder erprobt worden sind und deren Anwendungsmöglichkeiten und Vorteile erwiesenermaßen dem Staat zu Ruhm und Größe, dem Volk zu Wohlergehen und Fortschritt gereichten. Sollte ohne stichhaltigen Grund auf all dies verzichtet und sollten andere Reformmaßnahmen ausprobiert werden, dann würden viele Jahre und viele Menschenleben vorübergehen, ehe solche Reformen eintreten und ihre Vorteile unter Beweis gestellt werden könnten. Einstweilen »sind wir noch an der ersten Straßenbeuge«A34. Die Gegenwart hat im Vergleich zur Vergangenheit den Vorteil, dass sie vieles als Modell übernehmen und sich aneignen kann, was in der Vergangenheit bereits erprobt wurde und sich als nützlich erwies; darüber hinaus kann die Gegenwart ihre eigenen Neuentdeckungen machen und mit diesen ihr wertvolles Erbe mehren. Natürlich sind die Errungenschaften und Erfahrungen der Vergangenheit der Gegenwart bekannt und verfügbar, während die für die Gegenwart charakteristischen Entdeckungen der Vergangenheit unbekannt waren. Dies setzt voraus, dass sich die nachfolgende Generation aus fähigen Persönlichkeiten zusammensetzt. Wie vielen Nachkommen hat es andererseits auch nur an einem Tropfen aus dem unermesslichen Meer an Erkenntnis, das ihre Vorfahren besaßen, gefehlt! Denket ein wenig nach: Lasst uns annehmen, durch die Macht Gottes würden irgendwelche Menschen plötzlich auf die Erde versetzt. Offensichtlich benötigen sie vielerlei Dinge, um für ihre Menschenwürde, ihr Glück und Behagen zu sorgen. Ist es nun zweckmäßiger für sie, diese Dinge von ihren Zeitgenossen zu übernehmen, oder sollten sie in jeder darauffolgenden Generation nichts übernehmen, sondern unabhängig dieses und jenes Instrument, das für das menschliche Dasein erforderlich ist, neu erschaffen? Wenn andere die Auffassung vertreten, die in anderen Ländern gängigen Gesetze, Grundsätze und Grundlagen des Fortschritts einer auf höchster Ebene voll entwickelten Gesellschaft seien nicht auf die Verhältnisse und die herkömmlichen Bedürfnisse des persischen Volkes abgestimmt, und deshalb müssten die zuständigen Fachleute des Landes alle Anstrengungen unternehmen, für Persien angemessene Reformen durchzusetzen – dann lasst sie zuerst erklären, welcher Schaden aus solchen fremden ›Einfuhren‹ erwachsen könnte. Würde es dem Charakter des persischen Volkes widersprechen, wenn man das Land aufbaute, Straßen ausbesserte, das Schicksal der Bedürftigen auf verschiedene Weise erleichterte, die Armen resozialisierte, die Massen des Volkes auf den Weg des Fortschritts führte, die Möglichkeiten des Gemeinwohls mehrte, den Umfang an Bildung erweiterte, die Verwaltung zweckmäßig ordnete, die freie Ausübung der Persönlichkeitsrechte, den Schutz von Leib, Leben und Eigentum, von Ruf und Würde sicherte? Was immer mit diesen Maßnahmen unvereinbar ist, hat sich in jedem Land bereits als nachteilig erwiesen und betrifft nicht einen Ort mehr als einen anderen. Dieser Irrglaube erwächst in seiner Gesamtheit aus dem Mangel an Weisheit und Verständnis, auf unzulänglicher Beobachtung und Analyse. Tatsächlich verbirgt die Mehrheit der Reaktionäre und der Zauderer hinter einem Staudamm eitler Worte lediglich ihre eigensüchtigen Interessen; sie verwirren den Sinn der hilflosen Massen mit öffentlichen Erklärungen, die in keiner Beziehung zu ihren gut versteckten Zielsetzungen stehen. O Volk Persiens! Das Herz ist ein göttliches Pfand. Reinige es vom Makel der Eigenliebe und schmücke es mit der Krone reiner Absicht, auf dass die heilige Ehre, die immerwährende Größe dieser ruhmreichen Nation erstrahle wie das Morgenlicht an einem glückverheißenden Himmel. Wie Schatten huschen die wenigen Tage auf Erden vorbei und sind verflogen. Mühet euch also, dass Gott Seine Gnade über euch ergieße und ihr ein ehrenvolles Gedenken in den Herzen und auf den Lippen derer wachhaltet, die nach euch kommen. »Und gewähre, dass die Nachwelt ehrerbietig von mir spricht.«Q48 Glücklich der Mensch, der sein eigenes Wohl außer Acht lässt und gleich den Auserwählten Gottes mit seinen Mitmenschen im Dienste zum Wohle aller wetteifert, bis er, gestärkt durch den Segen und die immerwährenden Bestätigungen Gottes, befähigt sein wird, diese mächtige Nation erneut zu den einstigen Gipfeln ihres Ruhmes zu führen, dieses verdorrte Land mit köstlichem neuem Leben zu erfrischen und wie ein geistiger Frühling die Bäume, die das Leben der Menschen widerspiegeln, mit frischen Blättern, Blüten und Früchten heiliger Freude zu schmücken. Quellenangaben Q1 Qur’án 39:69. Q2 Qur’án 55:1–4. Q3 Qur’án 39:9. Q4 Qur’án 41:53. Q5 Qur’án 7:179 und 8:22. Q6 Qur’án 76:9. Q7 Qur’án 6:90 und 11:29. Q8 Qur’án 14:20 und 35:17. Q9 Qur’án 95:4. Q10 Imám ‘Alí, Ḥadíth. Q11 Vgl. Qur’án, mehrere Dutzend Stellen – Anm. d. Hrsg. Q12 Qur’án 5:82. Q13 Qur’án 29:2. Q14 Qur’án 16:123. Q15 Qur’án 4:46 und 5:13. Q16 Qur’án 39:9 und 13:16. Q17 Qur’án 9:33, 48:28, 61:9. Q18 vgl. Qur’án 59:22, 59:2 – Anm. d. Hrsg. Q19 Qur’án 54:55. Q20 Qur’án 9:32. Q21 Qur’án 16:125. Q22 Qur’án 24:35. Q23 Qur’án 20:44. Q24 Qur’án 12:44, 21:5. Q25 Qur’án 24:39. Q26 Qur’án 17:82. Q27 Qur’án 2:26. Q28 Qur’án 8:63. Q29 Qur’án 24:35. Q30 Qur’án 2:61. Q31 Qur’án 17:4–5, 17:7. Q32 Qur’án 4:114, 2:207 usw. Q33 Qur’án 39:69. Q34 Qur’án 3:114. Q35 Qur’án 3:104. Q36 Qur’án 16:90. Q37 Qur’án 7:199. Q38 Qur’án 3:134. Q39 Qur’án 2:177. Q40 Qur’án 59:9. Q41 Qur’án 2:207. Q42 Qur’án 42:38. Q43 Qur’án 3:159. Q44 Qur’án 17:13. Q45 Qur’án 59:9. Q46 Qur’án 23:14: »Verherrlicht sei deshalb Gott, der Erhabenste der Schöpfer!«. Q47 Qur’án 17:29 u. 17:110. Q48 Qur’án 26:84. Anmerkungen A1 Náṣiri’d-Dín Sháh. A2 Das 1875 in Persisch verfasste Original trägt keinen Hinweis auf den Verfasser; die erste englische Übersetzung wurde 1910 unter dem Titel The Mysterious Forces of Civilization mit dem Vermerk veröffentlicht: »in Persisch von einem bedeutenden Bahai-Philosophen verfasst«. A3 2 Chr. 36:22–23; Esra. 1:2, Est. 1:1, 8:9, Jes. 45:1, 14, 49:12. A4 Heilige Überlieferung, belegter Ausspruch des Propheten Muḥammad. A5 ›Ghazwatu’l-Ḥandaq‹. Angriff einer von dem Stamm der Quraysh organisierten Allianz auf Medina, im Jahre 627 n. Chr. – Anm. des Hrsg. A6 zoroastrischer Priester – Anm.des Hrsg. A7 Jáhilíyyih: die heidnische Zeit in Arabien vor dem Auftreten Muḥammads. A8 Die heidnischen Araber beachteten einen gesonderten und drei zusammenhängende Monate religiöser Waffenruhe, während derer Pilgerfahrten nach Mecca, Jahrmärkte, poetische Wettbewerbe und ähnliche Ereignisse stattfanden.. A9 vgl. Bahá’u’lláh, Das Buch der Gewissheit 92, Hofheim 2004. A10 »Wenn wir mit dem Wort ›Algebra‹ denjenigen Zweig der Mathematik bezeichnen, der uns lehrt, wie wir die Gleichung x2 + 5 x = 14, auf diese Weise niedergeschrieben, lösen, dann beginnt diese Wissenschaft im 17. Jahrhundert. Wenn wir es zulassen, dass die Gleichung mit anderen, weniger geeigneten Symbolen geschrieben wird, beginnt Algebra bereits im 3. Jahrhundert. Wenn wir eine Beschreibung in Worten und eine Lösung für einfache Fälle positiver Wurzeln mit Hilfe geometrischer Figuren einbeziehen, war unsere Wissenschaft schon Euklid und anderen aus der Alexandrinischen Schule um 300 v. Chr. bekannt. Wenn wir mehr oder weniger wissenschaftliche Schätzungen bei der Annäherung an eine Lösung zulassen, lässt sich sagen, dass Algebra schon 2000 Jahre v. Chr. bekannt war und wahrscheinlich bereits viel früher die Aufmerksamkeit der intellektuellen Klasse auf sich zog … Der Name ›Algebra‹ ist rein zufällig. Als Mohammed ibn Mûsâ al-Khowârizmî … um 825 in Baghdad schrieb, gab er einem seiner Werke den Titel Al-jebr w’al-muqâbalah. Dieser Titel wird manchmal in ›Wiedereinsetzung und Gleichung‹ übersetzt, aber die Bedeutung war selbst den späteren arabischen Schriftstellern nicht klar.« (Encyclopaedia Britannica, 1952, Stichwort: Algebra). A11 Jaláli’d-Dín-i-Rúmí, Mathnaví, I:1906–1907. A12 Das arabische Wort ‘Ulamá läßt sich auch als ›Gelehrte‹, ›Wissenschaftler‹ or ›religiöse Autoritäten‹ übersetzen. A13 Der Resch Galuta, ein Prinz oder Herrscher über die Verbannten in Babylon, dem die Juden, wo sie auch waren, Tribut zollten. A14 Ein altes orientalisches Gewicht, entspricht ca. 3,5 kg. A15 Qur’án 7:172: Yawm-i-Alast, der Tag, an dem sich Gott an die künftige Nachkommenschaft Adams wandte mit den Worten »Bin Ich nicht euer Herr?« (Aalastu-bi-Rabbikum), und sie antworteten: »Ja, wir bezeugen es.«. A16 vgl. Qur’án 27:12, Bezugnahme auf Moses: »Und stecke deine Hand in deine Achsel. Du wirst sie weiss herausziehen, unbeschädigt: Eines von neun Zeichen für Pharao und sein Volk…«. Vgl. auch Qur’án 7:108, 20:22, 26:33 und 28:32, sowie Ex. 4:6. ‘Umar Khayyám dichtet in den Rubá‘íyyát darüber: »Wenn nun das Neue Jahr die alten Wünsche weckt, gedankenschwer die Seele sich in Einsamkeit versteckt, wo Jesus aus dem Grund empor sich sehnt und Moses’ weiße Hand am Zweig sich streckt.« Die Metaphern dieses Verses beziehen sich neben ihrem transzendenten Gehalt auf den Blumenduft und die Baumblüten des Frühlings. A17 ›Dhu’l-Awtád‹ wird von Qur’án-Übersetzern verschieden wiedergegeben als der Durchbohrende, der Erfindungsreiche hinter den Pfählen, der Herr einer starken Herrschaft, der von Ministern Umgebene usw. ›Awtád‹ heißt Pfähle oder Zeltstangen. Vgl. Qur’án 38:12 und 89:10. A18 Qur’án 33:63: »Die Menschen werden dich nach der ›Stunde‹ befragen. Sprich: ›Das Wissen von ihr ist allein bei Gott‹.« Vgl. auch Qur’án 22:1, »das Erdbeben der Stunde«, usw., ferner Mt. 24:36, 24:42 usw. Für die Bahá’í bezieht sich dies auf das Kommen des Báb und Bahá’u’lláhs. A19 Vgl. das islámische Glaubensbekenntnis, das manchmal ›die zwei Zeugnisse‹ genannt wird: »Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dass Muḥammad der Prophet Gottes ist« [vgl. Qur’án 4:8, 9:31, 13:30, etc. – Anm. d. Hrsg]. A20 vgl, Qur’án 27:20 ff. A21 1875 A.D. A22 Königstreue – Anm. des Hrsg. A23 Rúmí, Mathnaví, I:334. A24 Die Absätze 120 und 122 wurden von Shoghi Effendi übersetzt und in Die Weltordnung Bahá’u’lláhs 3:20–21 veröffentlicht. A25 Khusraw I., Sásáníden-König, der 531–579 n. Chr. regierte. A26 Sa‘dí, Gulistán, Über die Lebensführung der Könige. A27 der Dichter Saná’í. A28 Rúmí, Mathnaví, III:4229–4231. A29 vgl. Rúmí, Mathnaví II:185 und II:189, ferner die Ḥadíth: »Gott schuf die Geschöpfe in Finsternis, dann streute Er etwas von Seinem Licht über sie. Diejenigen, auf die etwas von diesem Licht fiel, nahmen den rechten Weg, während die, die es nicht traf, vom geraden Pfad abirrten.« Vgl. R. A. Nicholson, The Mathnawí of Jaláli’d-Dín-i-Rúmí, in E. J. W. Gibb Memorial Series. A30 In der Luther-Bibel heißt es: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.« Gegen diese Lesart wenden die Gelehrten ein, dass sie dem bekannten Gesetzestext zuwiderläuft, wie er in Lev. 19:18, Ex. 23:4–5, Spr. 25:21, im Talmud usw. dargestellt ist. A31 Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap. 84, sowie seine Ansprache vom 6.11.1912 in Washington, D. C., wiedergegeben in The Promulgation of Universal Peace 118:3, Chicago 1925, S. 385; ferner Richard Walzer, Galen on Jews and Christians, Oxford University Press, 1949, S. 15. Der Verfasser stellt fest, dass Galens Abriss, der hier angeführt wird, verschollen und nur in arabischen Zitaten erhalten geblieben ist. A32 Im persischen Text wird der Name des Autors als ›Draybár‹ wiedergegeben und sein Werk mit Der Fortschritt der Völker bezeichnet. Offensichtlich bezieht sich hier ‘Abdu’l-Bahá auf John William Draper, 1811–1882, einen bekannten Chemiker und Geschichtsforscher, dessen Werke in viele Sprachen übersetzt wurden. Ausführliches Material über die Beiträge der Muslime zur Kultur des Westens und über Gerbert (Papst Sylvester II) finden sich im zweiten Band des zitierten Buches. Über einige der Entlehnungen des Wesens vom Islám, die systematisch verschwiegen werden, schreibt der Verfasser: »Ein Unrecht, das auf religiösem Hass und nationaler Eitelkeit beruht, kann nicht in alle Ewigkeit fortgesetzt werden« (Bd. II, S. 42 der revidierten Ausgabe). Dem Lexikon Amerikanischer Biographien entnehmen wir, dass Drapers Vater dem römisch-katholischen Glauben angehörte und den Namen John Christopher Draper annahm, als er von seiner Familie enterbt wurde, weil er Methodist geworden war, dass sein richtiger Name jedoch unbekannt ist. Der [engl.] Übersetzer ist Herrn Paul North Rice, dem Leiter des New York Public Library’s Reference Department zu Dank verpflichtet für die Information, dass die verfügbaren Daten über die Familiengeschichte Drapers und seine Nationalität einander widersprechen; The Drapers in America von Thomas Waln-Morgan (1892) gibt an, dass Drapers Vater in London geboren wurde, während Albert E. Henschel in Centenary of John William Draper (New York University Colonnade, June, 1911) folgendes anführt: »Sollte irgend jemand seine Abstammung bis hin zu den sonnigen Feldern Italiens zurückführen können, dürfte er zurecht auf John William Draper stolz sein, denn sein Vater, John C. Draper, war gebürtiger Italiener…« Der Dank des [engl.] Übersetzers gebührt auch Madame Laura Dreyfus-Barney für ihre Nachforschungen im Zusammenhang mit dieser Passage in der Library of Congress und der Bibliothèque Nationale. A33 Rúmí, Mathnaví II:277. Der nächste Vers lautet: »Ein duftender Garten, gleicht dein Denken der Rose, doch ist es dornig, taugt es nur für’s Feuer.«. A34 Aus dem Zitat: »‘Aṭṭár (persischer Dichter und Mystiker, ca. 1119–1220 n. Chr.) hat die sieben Städte der Liebe durchschritten, und wir sind noch an der ersten Straßenbeuge.«. — Das Geheimnis göttlicher Kultur — Bahá'í Verlag GmbH (autorisierte deutsche Übersetzung) (All Rights Reserved — wiedergegeben mit Genehmigung)