VIERZEHNTES KAPITEL Die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur VERS 1 Der Segenspendende Herr sprach: Abermals werde Ich dir diese erhabenste Weisheit verkünden, die Essenz allen Wissens, durch deren Kenntnis alle Weisen die höchste Vollkommenheit erreicht haben. ERLÄUTERUNG Vom Siebten Kapitel bis zum Ende des Zwölften Kapitels offenbarte Sri Krsna die Absolute Wahrheit, die Höchste Persönlichkeit Gottes, in allen Einzelheiten. Jetzt erleuchtet der Herr Arjuna mit weiterem Wissen. Wenn man dieses Kapitel durch den Vorgang philosophischer Spekulation versteht, wird man ein Verständnis von hingebungsvollem Dienst bekommen. Im Dreizehnten Kapitel wurde eindeutig erklärt, dass man aus der materiellen Verstrickung befreit werden kann, wenn man in einer demütigen Haltung Wissen entwickelt. Es ist auch erklärt worden, dass das Lebewesen in die materielle Welt verstrickt ist, weil es mit den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur in Berührung ist. In diesem Kapitel nun erklärt die Höchste Persönlichkeit, was diese Erscheinungsweisen der Natur sind, wie sie wirken, in welcher Weise sie binden und wie sie Befreiung gewähren. Wie der Höchste Herr sagt, ist das Wissen, das in diesem Kapitel erklärt wird, dem Wissen übergeordnet, das bisher in anderen Kapiteln offenbart wurde. Viele große Weise haben die Vollkommenheit erreicht und sind in die spirituelle Welt erhoben worden, weil sie dieses Wissen verstanden haben. Der Herr erklärt nun das gleiche Wissen auf bessere Weise. Dieses Wissen ist allen anderen Vorgängen des Wissens, die bisher erklärt wurden, weit überlegen, und viele erreichten die Vollkommenheit, nachdem sie es verstanden hatten. Es wird daher erwartet, dass jemand, der dieses Vierzehnte Kapitel versteht, die Vollkommenheit erreicht. VERS 2 Wenn man in diesem Wissen gefestigt wird, kann man die transzendentale Natur erreichen, die Meiner eigenen Natur gleicht. So verankert, wird man weder zur Zeit der Schöpfung geboren noch bei ihrer Außösung vernichtet. ERLÄUTERUNG Nachdem man vollkommenes transzendentales Wissen erlangt hat, wird man der Höchsten Persönlichkeit Gottes eigenschaftsmäßig ebenbürtig und somit frei von der Wiederholung von Geburt und Tod. Man verliert jedoch nicht seine Identität als individuelle Seele. Aus der vedischen Literatur kann man verstehen, dass die befreiten Seelen, die die transzendentalen Planeten des spirituellen Himmels erreicht haben, immer zu den Lotosfußen des Höchsten Herrn hinblicken, da sie in Seinem transzendentalen liebevollen Dienst tätig sind. Die Gottgeweihten verlieren also selbst nach der Befreiung ihre individuellen Identitäten nicht. Im allgemeinen ist alles Wissen, das wir in der materiellen Welt bekommen, von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur verunreinigt. Wissen jedoch, das nicht von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur verunreinigt ist, wird transzendentales Wissen genannt. Sobald man in diesem transzendentalen Wissen verankert ist, befindet man sich auf der gleichen Ebene wie die Höchste Person. Diejenigen, die vom spirituellen Himmel nichts wissen, sind der Ansicht, die spirituelle Identität werde nach der Befreiung von den materiellen Tätigkeiten der materiellen Form formlos, ohne jede Verschiedenartigkeit. Doch wie es materielle Mannigfaltigkeit in dieser Welt gibt, so gibt es in der spirituellen Welt ebenfalls Mannigfaltigkeit. Diejenigen, die sich hinsichtlich dieser Tatsache in Unwissenheit befinden, denken, spirituelle Existenz sei das Gegenteil von materieller Vielfalt. In Wirklichkeit aber nimmt man im spirituellen Himmel eine spirituelle Form an. Es gibt dort spirituelle Tätigkeiten, und die spirituelle Situation wird hingebungsvolles Leben genannt. Diese Atmosphäre gilt als unverunreinigt, und man ist dort dem Höchsten Herrn eigenschaftsmäßig gleichgestellt. Um solches Wissen zu bekommen, muss man alle spirituellen Eigenschaften entwickeln. Wer solche spirituellen Eigenschaften entwickelt, wird weder von der Erschaffung noch von der Zerstörung der materiellen Welt beeinflusst. VERS 3 Die gesamte materielle Substanz, Brahman genannt, ist die Quelle der Geburt, und es ist dieses Brahman, das Ich befruchte, so dass die Geburten aller Lebewesen möglich werden, o Sohn Bharatas. ERLÄUTERUNG Das ist eine Erklärung der Welt: Alles, was geschieht, ist auf die Verbindung von ksetra und ksetrajna, dem Körper und der spirituellen Seele, zurückzuführen. Diese Verbindung der materiellen Natur und des Lebewesens wird vom Höchsten Gott Selbst ermöglicht. Das mahat-tattva ist die gänzliche Ursache der gesamten kosmischen Manifestation, und weil es in der gesamten Substanz der materiellen Ursache drei Erscheinungsweisen der Natur gibt, wird diese Substanz manchmal auch Brahman genannt. Die Höchste Persönlichkeit befruchtet diese gesamte Substanz, und so werden unzählige Universen möglich. Diese gesamte materielle Substanz, das mahat-tattva, wird in der vedischen Literatur als Brahman beschrieben: In dieses Brahman werden die Samen der Lebewesen von der Höchsten Person eingegeben. Die vierundzwanzig Elemente, angefangen mit Erde, Wasser, Feuer und Luft, bestehen alle aus materieller Energie, die auch als maha-brahma (das große Brahman) oder materielle Natur bezeichnet wird. Wie im Siebten Kapitel erklärt wird, befindet sich jenseits davon eine andere, höhere Natur - das Lebewesen. Durch den Willen der Höchsten Persönlichkeit Gottes wird die höhere Natur mit der materiellen Natur vermischt, und dann werden alle Lebewesen aus dieser materiellen Natur geboren. Der Skorpion legt seine Eier in Reishaufen, und manchmal heißt es, der Skorpion sei aus dem Reis geboren; doch der Reis ist nicht die Ursache des Skorpions. In Wirklichkeit wurden die Eier von der Mutter gelegt. In ähnlicher Weise ist die materielle Natur nicht die Ursache der Geburt der Lebewesen. Der Same wird von der Höchsten Persönlichkeit Gottes gegeben, und es scheint nur, als seien die Lebewesen Produkte der materiellen Natur. Jedes Lebewesen nimmt seinen vergangenen Tätigkeiten gemäß einen Körper an, der von der materiellen Natur geschaffen wird, und das Lebewesen kann je nach seinen vergangenen Taten genießen oder muss leiden. Der Herr ist die Ursache aller Manifestationen von Lebewesen in der materiellen Welt. VERS 4 O Sohn Kuntis, man sollte verstehen, dass alle Arten des Lebens durch Geburt in der materiellen Natur ermöglicht werden und dass Ich der samengebende Vater bin. ERLÄUTERUNG In diesem Vers wird eindeutig erklärt, dass die Höchste Persönlichkeit Gottes, Krsna, der ursprüngliche Vater aller Lebewesen ist. Die Lebewesen sind Verbindungen der materiellen Natur mit der spirituellen Natur. Solche Lebewesen kann man nicht nur auf diesem Planeten finden, sondern auf jedem anderen - sogar auf dem höchsten, wo Brahma lebt. Überall gibt es Lebewesen; in der Erde sind Lebewesen, sogar im Wasser und im Feuer. All diese Erscheinungen haben ihren Ursprung in der Mutter, der materiellen Natur, und in Krsnas Samengebung. Die Lebewesen, die in die materielle Welt eingegeben wurden, nehmen zur Zeit der Schöpfung entsprechend ihren vergangenen Taten einen Körper an. VERS 5 Die materielle Natur besteht aus den drei Erscheinungsweisen - Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit. Wenn das Lebewesen mit der Natur in Berührung kommt, wird es von diesen Erscheinungsweisen bedingt. ERLÄUTERUNG Weil das Lebewesen transzendental ist, hat es mit der materiellen Natur nichts zu tun. Doch weil es von der materiellen Welt bedingt worden ist, handelt es im Bann der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Weil Lebewesen verschiedene Körper haben, nämlich den verschiedenen Aspekten der Natur gemäß, werden sie veranlasst, in Übereinstimmung mit dieser Natur zu handeln. Hierin liegt die Ursache ihres unterschiedlichen Glücks und Leids. VERS 6 O Sündloser, die Erscheinungsweise der Tugend, da reiner als die anderen, erleuchtet und befreit einen von allen sündhaften Reaktionen. Diejenigen, die sich in dieser Erscheinungsweise befinden, entwickeln Wissen, doch werden sie durch die Vorstellung, glücklich zu sein, bedingt. ERLÄUTERUNG Die von der materiellen Natur bedingten Lebewesen sind von verschiedener Art. Eines ist glücklich, ein anderes sehr aktiv und wieder ein anderes hilflos. All diese Arten psychologischer Manifestationen sind Ursachen für den bedingten Zustand der Lebewesen in der materiellen Natur. Wie sie auf unterschiedliche Weise bedingt sind, wird in diesem Teil der Bhagavad-Gita erklärt. Als erstes wird die Erscheinungsweise der Tugend dargestellt. Die Folge davon, dass man in der materiellen Welt die Erscheinungsweise der Tugend entwickelt, besteht darin, dass man weiser wird als diejenigen, die auf andere Weise bedingt sind. Ein Mensch in der Erscheinungsweise der Tugend ist nicht so sehr von materiellen Leiden heimgesucht, und er hat einen Sinn dafür, auf dem Gebiet materiellen Wissens Fortschritte zu machen. Der typische Vertreter ist der brahmana, von dem man annimmt, dass er sich in der Erscheinungsweise der Tugend befindet. Dieses Gefühl des Glücks hat seine Ursache im Verständnis, dass man in der Erscheinungsweise der Tugend mehr oder weniger frei von sündhaften Reaktionen ist. In der vedischen Literatur heißt es, dass die Erscheinungsweise der Tugend größeres Wissen und ein höheres Glücksgefühl bedeute. Die Schwierigkeit liegt darin, dass ein Lebewesen in der Erscheinungsweise der Tugend dadurch bedingt wird, dass es glaubt, ein hohes Wissen zu besitzen und besser zu sein als andere. Auf diese Weise wird es bedingt. Die besten Beispiele sind Wissenschaftler und Philosophen: Beide sind sehr stolz auf ihr Wissen, und weil sie im allgemeinen ihre Lebensumstände verbessern können, empfinden sie eine An materiellen Glücks. Dieses Gefühl fortgeschrittenen Glücks im bedingten Leben bindet sie durch die Erscheinungsweise der Tugend der materiellen Natur. Folglich fühlen sie sich dazu hingezogen, in der Erscheinungsweise der Tugend zu handeln, und solange sie eine Anziehung verspüren, in dieser Weise tätig zu sein, müssen sie irgendeinen Körper in den Erscheinungsweisen der Natur annehmen. Somit ist es unwahrscheinlich, dass sie befreit werden oder in die spirituelle Welt gelangen. Immer wieder mag man Philosoph, Wissenschaftler oder Dichter werden und sich somit wiederholt in die gleichen Nachteile von Geburt und Tod verstricken, doch aufgrund der illusionierenden Wirkung der materiellen Energie glaubt man, ein solches Leben sei angenehm. VERS 7 Die Erscheinungsweise der Leidenschaft wird aus grenzenlosen Wünschen und Sehnsüchten geboren, o Sohn Kuntis, und deshalb ist man an materielle fruchtbringende Tätigkeiten gebunden. ERLÄUTERUNG Die Erscheinungsweise der Leidenschaft ist durch die Anziehung zwischen Mann und Frau gekennzeichnet. Die Frau verspürt eine Anziehung zum Mann, und der Mann verspürt eine Anziehung zur Frau. Das bezeichnet man als Erscheinungsweise der Leidenschaft. Und wenn die Erscheinungsweise der Leidenschaft zunimmt, entwickelt man das Verlangen nach materiellem Genuss. Man möchte die Befriedigung der Sinne genießen. Um der Sinnenbefriedigung willen strebt ein Mann in der Erscheinungsweise der Leidenschaft nach Ehre in der Gesellschaft oder Nation, nach einer glücklichen Familie mit netten Kindern, einer schönen Frau und einem eigenen Haus. Das sind die Produkte der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Solange man sich nach diesen Dingen sehnt, muss man sehr schwer arbeiten. Deshalb wird hier klar gesagt, dass man mit den Früchten seines Tuns in Berührung kommt und dementsprechend durch solches Tun gebunden wird. Um seine Frau, seine Kinder und seine Gesellschaft zu erfreuen und um sein Ansehen zu wahren, muss man arbeiten. Deshalb steht die ganze materielle Welt mehr oder weniger unter dem Einfluss der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Die moderne Zivilisation hat in der Erscheinungsweise der Leidenschaft großen Fortschritt gemacht. Vormals galt das Leben in der Erscheinungsweise der Tugend als fortgeschritten. Wenn es schon für Menschen in der Erscheinungsweise der Tugend keine Befreiung gibt, was soll man dann von denen sagen, die in die Erscheinungsweise der Leidenschaft verstrickt sind? VERS 8 O Sohn Bharatas, die Erscheinungsweise der Unwissenheit verursacht die Täuschung aller Lebewesen. Die Folgen dieser Erscheinungsweise sind Irrsinn, Trägheit und Schlaf, die die bedingte Seele binden. ERLÄUTERUNG In diesem Vers ist der besondere Gebrauch des Wortes tu sehr bemerkenswert. Dies bedeutet, dass die Erscheinungsweise der Unwissenheit eine sehr seltsame Eigenart der verkörperten Seele ist. Diese Erscheinungsweise ist genau das Gegenteil der Erscheinungsweise der Tugend. In der Erscheinungsweise der Tugend kann man durch die Entwicklung von Wissen verstehen, was was ist, doch die Erscheinungsweise der Unwissenheit ist genau das Gegenteil. Jeder im Bann der Unwissenheit wird verrückt, und ein Verrückter kann nicht verstehen, was was ist. Anstatt vorwärts zu gehen, entartet man. Die Definition der Erscheinungsweise der Unwissenheit findet man in der vedischen Literatur: Im Bann der Unwissenheit kann man ein Ding nicht so verstehen, wie es ist. Zum Beispiel kann jeder verstehen, dass sein Großvater gestorben ist und dass er daher ebenfalls sterben wird - der Mensch ist also sterblich. Die Kinder, die man bekommt, werden ebenfalls sterben. Der Tod ist also sicher. Dennoch raffen die Menschen wie verrückt Geld zusammen und arbeiten Tag und Nacht sehr schwer, ohne sich um die ewige Seele zu kümmern. Das ist Irrsinn. In ihrer Verrücktheit weigern sie sich, Fortschritte im spirituellen Verständnis zu machen. Solche Menschen sind sehr träge, und wenn sie aufgefordert werden, in unserer Gemeinschaft spirituelles Verständnis zu entwickeln, haben sie kein großes Interesse. Sie sind nicht einmal aktiv wie der von der Erscheinungsweise der Leidenschaft beherrschte Mensch. Ein weiteres Merkmal von jemandem, der in die Erscheinungsweise der Unwissenheit versunken ist, zeigt sich an seinem Bedürfnis, mehr zu schlafen als notwendig ist. Sechs Stunden Schlaf reichen aus, doch jemand in der Erscheinungsweise der Unwissenheit schläft mindestens zehn bis zwölf Stunden täglich. Ein solcher Mensch scheint immer niedergeschlagen zu sein und ist Rauschmitteln und dem Schlaf verfallen. Dies sind die Symptome eines Menschen, der durch die Erscheinungsweise der Unwissenheit bedingt ist. VERS 9 In der Erscheinungsweise der Tugend wird man durch Glück, in Leidenschaft durch die Früchte des Tuns und in Unwissenheit durch Irrsinn bedingt. ERLÄUTERUNG Ein Mensch in der Erscheinungsweise da Tugend findet durch seine Arbeit oder sein intellektuelles Streben Befriedigung. Ein Philosoph, Wissenschaftler oder Erzieher zum Beispiel, der sich mit einem besonderen Wissensgebiet befasst, mag auf diese Weise Befriedigung erfahren. Ein Mensch in der Erscheinungsweise der Leidenschaft mag fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen; er besitzt so viel, wie er kann, und spendet für gute Zwecke. Manchmal versucht er, Krankenhäuser zu eröffnen, Wohlfahrtseinrichtungen zu unterstützen usw. Das sind die Kennzeichen eines Menschen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Die Erscheinungsweise der Unwissenheit bedeckt Wissen. Was immer man in der Erscheinungsweise der Unwissenheit tut, ist weder für einen selbst noch für andere gut. VERS 10 Manchmal gewinnt die Erscheinungsweise der Leidenschaft die Oberhand und besiegt die Erscheinungsweise der Tugend, o Nachkomme Bharatas, manchmal besiegt die Erscheinungsweise der Tugend die Leidenschaft, und ein anderes Mal besiegt die Erscheinungsweise der Unwissenheit Tugend und Leidenschaft. Auf diese Weise findet ein ständiger Kampf um Vorherrschaft statt. ERLÄUTERUNG Wenn die Erscheinungsweise der Leidenschaft vorherrscht, sind die Erscheinungsweisen der Tugend und Unwissenheit besiegt. Wenn die Erscheinungsweise der Tugend vorherrscht, sind Leidenschaft und Unwissenheit besiegt. Und wenn die Erscheinungsweise der Unwissenheit vorherrscht, sind Leidenschaft und Tugend besiegt. Dieser Kampf findet ständig statt. Wenn man daher tatsächlich die Absicht hat, im Krsna-Bewusstsein Fortschritte zu machen, muss man diese drei Erscheinungsweisen transzendieren. Die Vorherrschaft einer bestimmten Erscheinungsweise der Natur manifestiert sich bei einem Menschen in seinem Verhalten, in seinen Tätigkeiten, in seinen Eßgewohnheiten usw. All das wird in späteren Kapiteln erklärt werden. Doch wenn man gewillt ist, kann man durch Übung die Erscheinungsweise der Tugend entwickeln und so die Erscheinungsweisen der Unwissenheit und Leidenschaft besiegen. In ähnlicher Weise kann man die Erscheinungsweise der Leidenschaft entwickeln und Tugend und Unwissenheit besiegen. Oder man kann die Erscheinungsweise der Unwissenheit entwickeln und Tugend und Leidenschaft besiegen. Obwohl diese drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur da sind, kann man, wenn man entschlossen ist, mit der Erscheinungsweise der Tugend gesegnet werden, und indem man die Erscheinungsweise der Tugend transzendiert, wird man in reiner Tugend verankert, was auch vasudeva-Zustand genannt wird, ein Zustand, in dem man die Wissenschaft von Gott verstehen kann. An der Manifestation bestimmter Tätigkeiten kann man erkennen, in welcher Erscheinungsweise der Natur sich jemand befindet. VERS 11 Die Manifestationen der Erscheinungsweise der Tugend können erfahren werden, wenn alle Tore des Körpers durch Wissen erleuchtet sind. ERLÄUTERUNG Es gibt neun Tore im Körper: zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, den Mund, das Geschlechtsteil und den After. Wenn in jedem Tor das Zeichen der Tugend leuchtet, sollte man verstehen, dass man die Erscheinungsweise der Tugend entwickelt hat. In der Erscheinungsweise der Tugend kann man die Dinge in der richtigen Perspektive sehen, hören und schmecken. Man wird innerlich und äußerlich gereinigt. In jedem Tor entwickeln sich Symptome des Glücks - das ist der Zustand in der Erscheinungsweise der Tugend. VERS 12 O Oberhaupt der Bharatas, wenn die Erscheinungsweise der Leidenschaft zunimmt, entwickeln sich Anzeichen von großer Anhaftung, unbeherrschtem Verlangen, Begehren und großer Anstrengung. ERLÄUTERUNG Ein Mensch in der Erscheinungsweise der Leidenschaft ist niemals mit der Position zufrieden, die er erreicht hat; er strebt immer danach, seine Position zu verbessern. Wenn er ein Haus bauen möchte, versucht er alles, um einen Palast zu bekommen - als ob er in diesem Haus ewig wohnen könnte. Und er entwickelt ein starkes Verlangen nach Sinnenbefriedigung. Sinnenbefriedigung kennt keine Grenzen. Er möchte für immer mit seiner Familie in seinem Haus bleiben und seine Sinne befriedigen. Hierfür gibt es kein Ende. All diese Symptome sollten als Kennzeichen der Erscheinungsweise der Leidenschaft verstanden werden. VERS 13 O Sohn Kurus, wenn die Erscheinungsweise der Unwissenheit zunimmt, machen sich Irrsinn, Illusion, Untätigkeit und Dunkelheit deutlich bemerkbar. ERLÄUTERUNG Wenn Erleuchtung fehlt, ist kein Wissen da. Ein Mensch in der Erscheinungsweise der Unwissenheit handelt nach keinem regulierenden Prinzip; er möchte seinen Launen nachgeben und sinnlos handeln. Obwohl er die Fähigkeit hat zu arbeiten, bemüht er sich nicht. Das nennt man Illusion. Obwohl Bewusstsein da ist, verläuft das Leben in Untätigkeit. Das sind die Symptome eines Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. VERS 14 Wer in der Erscheinungsweise der Tugend stirbt, erreicht die reinen, höheren Planeten. ERLÄUTERUNG Jemand in Tugend erreicht höhere Planetensysteme wie Brahmaloka oder Janaloka und genießt dort himmlische Freuden. Das Wort amalan ist wichtig; es bedeutet "frei von den Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit". Die materielle Welt ist voller Unreinheiten, doch die Erscheinungsweise der Tugend ist die reinste Form der Existenz in der materiellen Welt. Es gibt für die verschiedenen Arten der Lebewesen verschiedene Arten von Planeten. Diejenigen, die in der Erscheinungsweise der Tugend sterben, werden zu den Planeten erhoben, auf denen große Weise und Gottgeweihte leben. VERS 15 Wenn man in der Erscheinungsweise der Leidenschaft stirbt, wird man unter denen geboren, die fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen, und wenn man in der Erscheinungsweise der Unwissenheit stirbt, wird man im Königreich der Tiere geboren. ERLÄUTERUNG Manche Menschen haben den Eindruck, wenn die Seele einmal die Stufe des menschlichen Lebens erreicht habe, falle sie nie wieder herunter. Das ist nicht richtig. Nach der Aussage dieses Verses sinkt man nach dem Tod auf die tierische Stufe des Lebens zurück, wenn man die Erscheinungsweise der Unwissenheit entwickelt. Von dort muss man sich durch den Evolutionsvorgang allmählich wieder erheben, um erneut zur menschlichen Form des Lebens zu kommen. Daher sollten diejenigen, die das menschliche Leben ernstnehmen, die Erscheinungsweise der Tugend entwickeln und darauf durch guten Umgang die Erscheinungsweisen transzendieren und im Krsna-Bewusstsein verankert werden. Das ist das Ziel des menschlichen Lebens. Ergreift der Mensch diese Gelegenheit nicht, ist es nicht sicher, dass er im nächsten Leben wieder die menschliche Stufe des Lebens erreicht. VERS 16 Indem man in der Erscheinungsweise der Tugend handelt, wird man gereinigt. Tätigkeiten, die in der Erscheinungsweise der Leidenschaft verrichtet werden, enden in Leid, und Handlungen, die in der Erscheinungsweise der Unwissenheit ausgeführt werden, enden in Dummheit. ERLÄUTERUNG Durch fromme Tätigkeiten in der Erscheinungsweise der Tugend wird man gereinigt; deshalb sind die Weisen, die frei von jeder Illusion sind, im Glück verankert. In ähnlicher Weise sind Tätigkeiten in der Erscheinungsweise der Leidenschaft nur leidvoll. Jede Handlung für materielles Glück ist zum Scheitern verurteilt. Will man zum Beispiel ein Hochhaus bauen, muss so viel menschliches Leid in Kauf genommen werden, bevor ein solches Gebäude errichtet werden kann. Der Finanzierende muss sich sehr abmühen, um viel Geld anzuhäufen, und diejenigen, die das Haus bauen, müssen schwere körperliche Arbeit leisten und sich abplagen. Leiden sind also da. Deshalb sagt die Bhagavad-Gita, dass jede Tätigkeit, die im Bann der Erscheinungsweise der Leidenschaft ausgeführt wird, mit Sicherheit viel Leid mit sich bringt. Es mag ein wenig sogenanntes mentales Glück geben - "Ich besitze dieses Haus oder Geld" -, aber das ist kein wahres Glück. Wer in der Erscheinungsweise der Unwissenheit handelt, verfügt über kein Wissen, und deshalb enden alle seine Tätigkeiten in diesem Leben in Leid, und danach wird er auf die tierische Stufe des Lebens zurücksinken. Tierisches Leben ist immer leidvoll, obwohl die Tiere dies im Bann der illusionierenden Energie, maya, nicht verstehen. Das Schlachten unschuldiger Tiere hat ebenfalls seine Ursache in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. Die Tiermörder wissen nicht, dass das Tier in der Zukunft einen Körper haben wird, der geeignet ist, sie zu töten. So lautet das Gesetz der Natur. Wenn jemand in der menschlichen Gesellschaft einen anderen Menschen tötet, muss er dafür gehängt werden. Das ist das Gesetz des Staates. In ihrer Unwissenheit erkennen die Menschen jedoch nicht, dass es einen vollkommenen Staat gibt, der vom Höchsten Herrn regiert wird. Jedes Lebewesen ist ein Sohn des Höchsten Herrn, und der Herr duldet nicht einmal, dass eine Ameise getötet wird. Man muss dafür bezahlen. Tiere zu töten, um die Zunge zu befriedigen, ist die gröbste Form von Unwissenheit. Der Mensch braucht keine Tiere zu töten, denn Gott hat für so viele schöne Dinge gesorgt. Wenn man trotzdem ßeisch ißt, handelt man in der Erscheinungsweise der Unwissenheit und baut sich eine sehr düstere Zukunft auf. Von allen Arten des Tieret ötens ist das Töten der Kuh am niederträchtigsten, denn die Kuh schenkt uns so viel Freude, indem sie uns mit Milch versorgt. Das Schlachten der Kuh ist eine Handlung gröbster Unwissenheit. In der vedischen Literatur deuten die Worte gobhih priniita-matsaram an, dass sich jemand in gröbster Unwissenheit befindet, wenn er eine Kuh schlachten will, obwohl er mit ihrer Milch völlig zufrieden ist. In den vedischen Schriften finden wir auch folgendes Gebet: "Mein Herr, Du bist der wohlmeinende Freund der Kühe und der brahmanas, und Du bist der wohlmeinende Freund der ganzen menschlichen Gesellschaft und der Welt." Bedeutsam ist, dass in diesem Gebet besonders der Schutz der Kühe und der brahmanas erwähnt wird. Brahmanas sind das Symbol spiritueller Bildung, und die Kuh ist das Symbol der wertvollsten Nahrung; daher muss diesen beiden Geschöpfen, den brahmanas und den Kühen, aller Schutz gewährt werden - das ist wirklicher Fortschritt einer Zivilisation. In der modernen menschlichen Gesellschaft wird spirituelles Wissen vernachlässigt und das Schlachten von Kühen gefördert. Man kann daraus schließen, dass die menschliche Gesellschaft in die falsche Richtung geht und sich so den Weg zu ihrer eigenen Verdammung ebnet. Eine Zivilisation, die die Bürger dahin führt, im nächsten Leben Tiere zu werden, ist gewiss keine menschliche Zivilisation. Die gegenwärtige Gesellschaft ist offensichtlich sehr stark von den Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit irregeführt. Wir leben in einem sehr gefährlichen Zeitalter, und daher sollten sich alle Nationen darum bemühen, den einfachen Vorgang des Krsna-Bewusstseins zu verbreiten, um die Menschheit vor der größten Gefahr zu bewahren. VERS 17 Aus der Erscheinungsweise der Tugend entwickelt sich wirkliches Wissen; aus der Erscheinungsweise der Leidenschaft entwickelt sich Leid, und aus der Erscheinungsweise der Unwissenheit entwickeln sich Dummheit, Irrsinn und Illusion. ERLÄUTERUNG Weil die gegenwärtige Zivilisation den Lebewesen nicht sehr zuträglich ist, wird Krsna-Bewusstsein empfohlen. Mit Hilfe des Krsna-Bewusstseins wird die Gesellschaft die Erscheinungsweise der Tugend entwickeln. Wenn die Erscheinungsweise der Tugend entwickelt ist, werden die Menschen die Dinge so sehen, wie sie sind. In der Erscheinungsweise der Unwissenheit sind die Menschen genau wie Tiere und können die Dinge nicht klar sehen. In der Erscheinungsweise der Unwissenheit können die Menschen zum Beispiel nicht erkennen, dass sie beim Schlachten von Tieren Gefahr laufen, im nächsten Leben vom gleichen Tier getötet zu werden. Weil den Menschen nicht wirkliches Wissen vermittelt worden ist, handeln sie verantwortungslos. Um diese Verantwortungslosigkeit zu beenden, muss es eine Erziehung geben, die der Menschheit hilft, die Erscheinungsweise der Tugend zu entwickeln. Wenn die Menschen in der Erscheinungsweise der Tugend erzogen worden sind, werden sie besonnen werden, weil sie genau wissen, wie sich die Dinge verhalten. Dann werden sie glücklich sein, und es wird allgemeiner Wohlstand herrschen. Selbst wenn die Mehrheit der Menschen nicht glücklich und wohlhabend ist, besteht die Möglichkeit für Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt, wenn ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung Krsna-Bewusstsein entwickelt und in der Erscheinungsweise der Tugend verankert wird. Andernfalls - wenn die Welt den Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit ergeben ist - wird es niemals Frieden oder Wohlstand geben. In der Erscheinungsweise der Leidenschaft werden die Menschen gierig, und ihr Begehren nach Sinnenbefriedigung kennt keine Grenzen. Aber selbst wenn genügend Geld und ausreichende Möglichkeiten für Sinnenbefriedigung vorhanden sind, kann man beobachten, dass sie weder Glück noch inneren Frieden gefunden haben. Glück und Frieden sind nicht möglich, solange man unter dem Einfluss der Erscheinungsweise der Leidenschaft steht. Wenn man glücklich sein will, kann einem Geld nicht helfen; man muss sich vielmehr zur Erscheinungsweise der Tugend erheben, indem man Krsna-Bewusstsein praktiziert. Wer in der Erscheinungsweise der Leidenschaft handelt, ist nicht nur mental unglücklich, sondern auch sein Beruf und seine Beschäftigung sind sehr mühsam. Er muss so viele Pläne und Programme entwerfen, um genug Geld für die Erhaltung seines Status quo zu verdienen. Das ist alles mit Leid verbunden. In der Erscheinungsweise der Unwissenheit werden die Menschen verrückt. Weil ihre Lebensumstände leidvoll sind, suchen sie bei Rauschmitteln Zuflucht und sinken daher immer tiefer in Unwissenheit. Ihre Zukunft sieht sehr düster aus. VERS 18 Menschen, die sich in der Erscheinungsweise der Tugend befinden, gehen allmählich aufwärts zu den höheren Planeten; diejenigen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft leben auf den irdischen Planeten, und diejenigen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit fallen in die höllischen Welten hinab. ERLÄUTERUNG In diesem Vers werden die Ergebnisse von Handlungen in den drei Erscheinungsweisen der Natur ausführlicher beschrieben. Es gibt ein höheres Planetensystem, das aus den himmlischen Planeten besteht, wo jeder auf einer hohen Stufe steht. Je nachdem, wie weit man die Erscheinungsweise der Tugend entwickelt hat, kann man auf verschiedene Planeten in diesem System gelangen. Der höchste Planet ist Satyaloka oder Brahmaloka, wo Brahma, das Hauptlebewesen im Universum, residiert. Wir haben bereits festgestellt, dass wir uns die wunderbaren Lebensbedingungen auf Brahmaloka kaum vorstellen können, doch die höchste Lebensart, die Erscheinungsweise der Tugend, kann uns dorthin bringen. Die Erscheinungsweise der Leidenschaft ist gemischt. Sie liegt in der Mitte, zwischen den Erscheinungsweisen der Tugend und der Unwissenheit. Ein Mensch befindet sich nicht immer in einer unvermischten Erscheinungsweise, doch selbst wenn er sich ausschließlich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft befände, würde er lediglich als König oder reicher Mann auf der Erde bleiben. Doch weil die Erscheinungsweisen gemischt auftreten, kann man auch absinken. Menschen auf dieser Erde, die sich in den Erscheinungsweisen der Leidenschaft oder Unwissenheit befinden, können die höheren Planeten nicht gewaltsam mit einer Maschine erreichen. Auch besteht in der Erscheinungsweise der Leidenschaft die Möglichkeit, im nächsten Leben verrückt zu werden. Die niedrigste Eigenschaft, die Erscheinungsweise der Unwissenheit, wird hier als verabscheuungswürdig beschrieben. Es ist sehr gefährlich, die Erscheinungsweise der Unwissenheit zu entwickeln. Sie ist die niedrigste Eigenschaft der materiellen Natur. Unterhalb der menschlichen Stufe gibt es acht Millionen Lebensformen: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Bäume usw., und je nachdem, wie weit die Menschen die Erscheinungsweise der Unwissenheit entwickelt haben, werden sie in diese erbärmlichen Lebensbedingungen versetzt. Das Wort tamasaÉ ist hier sehr bedeutsam. TamasaÉ bezeichnet diejenigen, die fortgesetzt in der Erscheinungsweise der Unwissenheit bleiben, ohne sich zu einer höheren Erscheinungsweise zu erheben. Ihre Zukunft ist sehr düster. Für Menschen in den Erscheinungsweisen der Unwissenheit und Leidenschaft gibt es eine Möglichkeit, zur Erscheinungsweise der Tugend erhoben zu werden, und dieser Vorgang wird Krsna-Bewusstsein genannt; doch wenn man diese Gelegenheit nicht nutzt, wird man ohne Zweifel weiter in den niederen Erscheinungsweisen bleiben. VERS 19 Wenn du erkennst, dass es in allen Tätigkeiten nichts außer diesen Erscheinungsweisen der Natur gibt und dass der Höchste Herr zu all diesen Erscheinungsweisen in transzendentaler Stellung steht, kannst du Meine spirituelle Natur verstehen. ERLÄUTERUNG Man kann alle Tätigkeiten der Erscheinungsweisen der materiellen Natur transzendieren, indem man sie einfach von den geeigneten Seelen richtig verstehen lernt. Der wahre spirituelle Meister ist Krsna, und Er offenbart dieses spirituelle Wissen Arjuna. In ähnlicher Weise muss man die Wissenschaft der Tatigkeiten in Beziehung zu den Erscheinungsweisen der Natur von vollkommen Krsna-bewussten Menschen erlernen. Sonst wird man sein Leben in die falsche Richtung lenken. Durch die Unterweisung eines echten spirituellen Meisters kann ein Lebewesen etwas über seine spirituelle Stellung, seinen materiellen Körper und seine Sinne erfahren und verstehen, wie es gefangen ist und wie es im Bann der materiellen Erscheinungsweisen der Natur steht. Es ist hilflos, da es sich in der Gewalt dieser Erscheinungsweisen befindet, doch wenn es seine wirkliche Position erkennt, kann es die transzendentale Ebene erreichen, da es eine Vorstellung von spirituellem Leben bekommen hat. In Wirklichkeit ist es nicht das Lebewesen, das die verschiedenen Tätigkeiten ausführt. Es ist gezwungen zu handeln, weil es sich in einem bestimmten Körper befindet, der von einer bestimmten Erscheinungsweise der materiellen Natur dirigiert wird. Solange dem Lebewesen nicht von einer spirituellen Autorität geholfen wird, kann es nicht verstehen, in welcher Position es sich eigentlich befindet. Durch das Zusammensein mit einem echten spirituellen Meister kann es seine wirkliche Stellung erkennen, und durch dieses Verständnis kann es in völligem Krsna-Bewusstsein verankert werden. Ein Krsna-bewusster Mensch steht nicht im Bann der materiellen Erscheinungsweisen der Natur. Es wurde bereits im Siebten Kapitel erklärt, dass jemand, der sich Krsna ergeben hat, von den Tätigkeiten der materiellen Natur befreit ist. Folglich lässt für den, der die Dinge so sehen kann, wie sie wirklich sind, der Einfluss der materiellen Natur allmählich nach. VERS 20 Wenn das verkörperte Wesen fähig ist, diese drei Erscheinungsweisen zu transzendieren, kann es von Geburt, Tod, Alter und den damit verbundenen Leiden frei werden und schon in diesem Leben Nektar genießen. ERLÄUTERUNG In diesem Vers wird erklärt, wie man sogar im gegenwärtigen Körper völlig Krsna-bewusst in der transzendentalen Stellung verankert bleiben kann. Das Sanskritwort dehÖ bedeutet "verkörpert". Obwohl man sich in einem materiellen Körper befindet, kann man durch Fortschritt im spirituellen Wissen vom Einfluss der Erscheinungsweisen der Natur befreit werden. Man kann das Glück spirituellen Lebens sogar schon im gegenwärtigen Körper genießen, da man nach Verlassen des Körpers mit Sicherheit zum spirituellen Himmel zurückkehren wird. Aber schon in diesem Körper kann man spirituelles Glück genießen. Mit anderen Worten: Hingebungsvoller Dienst im Krsna-Bewusstsein ist das Zeichen von Befreiung aus der materiellen Verstrickung. Das wird im Achtzehnten Kapitel erklärt werden. Wenn man vom Einfluss der Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei geworden ist, beginnt man mit hingebungsvollem Dienst. VERS 21 Arjuna fragte: O mein lieber Herr, an welchen Symptomen erkennt man jemanden, der zu diesen Erscheinungsweisen in transzendentaler Stellung steht, wie verhält er sich, und wie transzendiert er die Erscheinungsweisen der Natur? ERLÄUTERUNG Arjunas Fragen in diesem Vers sind sehr aufschlussreich. Er möchte wissen, welche Symptome ein Mensch zeigt, der die materiellen Erscheinungsweisen bereits transzendiert hat. Er fragt zunächst nach den Merkmalen einer solchen transzendentalen Person. Wie kann man erkennen, dass jemand den Einfluss der Erscheinungsweisen der materiellen Natur bereits transzendiert hat? Als zweites fragt er, wie ein solcher Mensch lebt und welchen Tätigkeiten er nachgeht. Sind diese reguliert oder unreguliert? Dann fragt Arjuna nach den Mitteln, mit denen man die transzendentale Natur erreichen kann. Dies ist sehr wichtig, denn solange man nicht die direkten Mittel kennt, mit deren Hilfe man immer in der Transzendenz verankert sein kann, ist es nicht möglich, solche Merkmale zu zeigen. All diese Fragen Arjunas sind also sehr wichtig und werden daher vom Herrn ausführlich beantwortet. VERS 22-25 Der Segenspendende Herr sprach: Wer Erleuchtung, Anhaftung und Täuschung weder Hasst, wenn sie gegenwärtig sind, noch nach ihnen verlangt, wenn sie verschwinden; wer dasitzt, als sei er unbeteiligt, weil er sich jenseits der materiellen Reaktionen der Erscheinungsweisen der Natur befindet; wer fest bleibt, da er weiß, dass allein die Erscheinungsweisen aktiv sind; wer Freude und Schmerz mit Gleichmut betrachtet und einen Erdklumpen, einen Stein und ein Goldstück mit gleichen Augen sieht; wer weise ist und Ruhm und Schmach als gleich ansieht; wer in Ehre und Unehre unverändert bleibt; wer Freund und Feind gleich behandelt und wer alle fruchtbringenden Unternehmungen aufgegeben hat - von einem solchen Menschen sagt man, er habe die Erscheinungsweisen der Natur transzendiert. ERLÄUTERUNG Arjuna stellte drei Fragen, und der Herr beantwortet sie eine nach der anderen. Krsna erklärt als erstes, dass ein in der Transzendenz verankerter Mensch niemanden beneidet und nichts begehrt. Wenn ein Lebewesen in einen materiellen Körper eingeschlossen in der materiellen Welt bleibt, kann man davon ausgehen, dass es von einer der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur beherrscht wird. Wenn es den materiellen Körper tatsächlich verlassen hat, ist es nicht mehr in der Gewalt der materiellen Erscheinungsweisen der Natur. Solange es aber den Körper nicht verlassen hat, sollte es unbeteiligt sein. Es sollte sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigen, so dass es seine Identifizierung mit dem materiellen Körper von selbst vergißt. Wenn man ein körperliches Bewusstsein hat, handelt man nur, um die Sinne zu befriedigen, doch wenn man sein Bewusstsein auf Krsna lenkt, hört das Verlangen nach Sinnenbefriedigung von allein auf. Man braucht den materiellen Körper nicht, und man braucht auch nicht den Forderungen des materiellen Körpers nachzugeben. Die Eigenschaften der materiellen Erscheinungsweisen im Körper werden wirken, doch als spirituelle Seele ist das Selbst solchen Tätigkeiten fern. Wie kann es so losgelöst werden? Es hat nicht mehr den Wunsch, den Körper zu genießen; noch möchte es aus ihm herausgelangen. So in transzendentaler Stellung verankert, wird der Gottgeweihte von selbst frei. Er braucht nicht auf andere Weise zu versuchen, vom Einfluss der Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei zu werden. Die nächste Frage betrifft das Verhalten einer in der Transzendenz verankerten Person. Der Mensch mit materiellem Bewusstsein ist von sogenannter Ehre und Schmach, die den Körper betreffen, berührt: doch der in der Transzendenz verankerte Mensch ist weder von falscher Ehre noch von falscher Schmach beeinflusst. Er erfüllt seine Pflichten im Krsna-Bewusstsein und kümmert sich nicht, ob er geehrt oder beleidigt wird. Er nimmt Dinge an, die für die Ausübung seiner Pflicht im Krsna-Bewusstsein nützlich sind; ansonsten braucht er nichts Materielles - ganz gleich, ob es sich dabei um Steine oder Gold handelt. Er sieht in jedem einen guten Freund, der ihm hilft, im Krsna-Bewusstsein zu handeln, und er Hasst seinen sogenannten Feind nicht. Er ist jedem gleichgesinnt und sieht alles auf gleicher Ebene, denn er weiß sehr wohl, dass er nichts mit der materiellen Existenz zu tun hat. Soziale und politische Probleme berühren ihn nicht, denn er kennt das Wesen zeitweiliger Umwälzungen und Störungen. Er versucht nicht, etwas für sich selbst zu erlangen. Er kann alles für Krsna versuchen, doch für sich selbst erstrebt er nichts. Durch solches Verhalten wird man tatsächlich in der Transzendenz verankert. VERS 26 Wer sich völlig in hingebungsvollem Dienst betätigt und unter keinen Umständen zu Fall kommt, transzendiert augenblicklich die Erscheinungsweisen der materiellen Natur und erreicht so die Ebene des Brahman. ERLÄUTERUNG Dieser Vers ist die Antwort auf Arjunas dritte Frage: Was ist das Mittel, die transzendentale Stellung zu erreichen? Wie zuvor erklärt wurde, spielt sich das Geschehen in der materiellen Welt im Bann der Erscheinungsweisen der materiellen Natur ab. Man sollte sich jedoch von den Tätigkeiten der Erscheinungsweisen der Natur nicht verwirren lassen: anstatt sein Bewusstsein mit solchen Tätigkeiten zu beschäftigen, sollte man sein Bewusstsein auf Krsna-bewusste Tätigkeiten übertragen. Krsna-bewusste Tätigkeiten sind als bhakti-yoga bekannt - immer für Krsna zu handeln. Das bezieht sich nicht nur auf Krsna, sondern auch auf Seine verschiedenen vollständigen Erweiterungen wie Rama und Narayaäa. Er hat unzählige Erweiterungen. Wer sich im Dienste einer der Formen Krsnas beschäftigt, gilt als in der Transzendenz verankert. Man sollte auch verstehen; dass alle Formen Krsnas völlig transzendental, voll Glückseligkeit, voll Wissen und ewig sind. Solche Persönlichkeiten Gottes sind allmächtig und allwissend, und sie besitzen alle transzendentalen Eigenschaften. Wenn man sich also mit unerschütterlicher Entschlossenheit im Dienste Krsnas oder Seiner vollständigen Erweiterungen beschäftigt, kann man diese Erscheinungsweisen der materiellen Natur, die sehr schwer zu überwinden sind, leicht überwinden. Dies wurde bereits im Siebten Kapitel erklärt. Wer sich Krsna ergibt, übersteigt sogleich den Einfluss der Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Im Krsna-Bewusstsein oder hingebungsvollen Dienst tätig zu sein bedeutet, auf die gleiche Ebene wie Krsna zu kommen. Der Herr sagt, dass Sein Wesen ewig, glückselig und voll Wissen ist, und die Lebewesen sind winzige Bestandteile des Höchsten, ebenso wie Goldkörner Teile einer Goldmine sind. Dementsprechend ist die spirituelle Stellung des Lebewesens qualitativ eins mit Krsna. Der Unterschied in der Individualität besteht fort, denn sonst könnte von bhakti-yoga keine Rede sein. Bhakti-yoga bedeutet, dass es den Herrn und den Gottgeweihten gibt und dass zwischen dem Herrn und dem Gottgeweihten ein liebevoller Austausch besteht. Deshalb sind sowohl die Höchste Persönlichkeit Gottes als auch die individuelle Seele zwei verschiedene Individuen; andernfalls könnte es keinen bhakti-yoga geben. Solange man sich nicht in der gleichen transzendentalen Stellung wie der Herr befindet, kann man Ihm nicht dienen. Um der persönliche Ratgeber eines Königs zu sein, muss man sich qualifizieren. Qualifiziert zu sein bedeutet Brahman zu werden, das heißt frei von jeder materiellen Verunreinigung. In der vedischen Literatur heißt es: "Man kann das Höchste Brahman erreichen, wenn man selbst Brahman wird." Das bedeutet, dass man eigenschaftsmäßig mit dem Brahman eins werden muss. Wenn man das Brahman erreicht, verliert man jedoch nicht seine ewige Brahman-Identität als individuelle Seele. VERS 27 Ich bin die Grundlage des unpersönlichen Brahman, das die wesensgemäße Stellung endgültigen Glücks und das unsterblich, unvergänglich und ewig ist. ERLÄUTERUNG Das Brahman besteht aus Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit, Ewigkeit und Glück. Das Brahman ist der Anfang transzendentaler Erkenntnis. Der Paramatma, die Überseele, ist die mittlere, die zweite Stufe in der transzendentalen Erkenntnis, und die Höchste Persönlichkeit Gottes ist die endgültige Erkenntnis der Absoluten Wahrheit. Daher sind sowohl der Paramatma als auch das unpersönliche Brahman in der Höchsten Person enthalten. Im Siebten Kapitel wird erklärt, dass die materielle Natur die Manifestation der niederen Energie des Höchsten Herrn ist. Der Herr befruchtet die niedere, materielle Natur mit den Teilchen der höheren Natur - das ist der spirituelle Hauch in der materiellen Natur. Wenn ein durch die materielle Natur bedingtes Lebewesen spirituelles Wissen zu entwickeln beginnt, erhebt es sich über seine Position in der materiellen Welt und steigt allmählich zur Brahman-Auffassung vom Höchsten auf. Die Brahman-Auffassung vom Leben ist die erste Stufe der Selbstverwirklichung. Auf dieser Stufe ist der Brahman-verwirklichte Mensch transzendental zur materiellen Existenz, doch hat er noch nicht die Vollkommenheit der Brahman-Erkenntnis erreicht. Er kann entweder auf der Ebene des Brahman bleiben oder von dort allmählich zur Erkenntnis des Paramatma gelangen und schließlich die Höchste Persönlichkeit Gottes erkennen. In den vedischen Schriften gibt es hierfür viele Beispiele. Die vier Kumaras waren zunächst in der unpersönlichen Brahman-Auffassung von der Wahrheit verankert, doch dann stiegen sie allmählich zur Ebene hingebungsvollen Dienstes auf. Wer über die unpersönliche Brahman-Auffassung nicht hinausgelangen kann, läuft Gefahr, wieder herunterzufallen. Im Srimad-Bhagavatam heißt es: Selbst wenn jemand bis zur Stufe des unpersönlichen Brahman aufsteigt, ist seine Intelligenz immer noch nicht völlig klar, solange er nicht fortschreitet und die Höchste Person erkennt. Daher besteht, obwohl man zur Brahman-Ebene emporgestiegen sein mag, immer die Möglichkeit, wieder herunterzufallen, wenn man nicht im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigt ist. In der vedischen Sprache heißt es auch: "Wenn man die Persönlichkeit Gottes, das Behältnis aller Freude, Krsna, versteht, erlangt man tatsächlich transzendentale Glückseligkeit." Der Höchste Herr ist von sechs Reichtümern erfüllt, und wenn sich der Gottgeweibte Ihm zuwendet, findet ein Austausch dieser sechs Reichtümer statt. Der Diener des Königs genießt fast auf der gleichen Ebene wie der König. Hingebungsvoller Dienst wird daher von ewiger Freude, unvergänglicher Glückseligkeit und ewigem Leben begleitet. Folglich ist die Erkenntnis des Brahman oder der Ewigkeit oder der Unvergänglichkeit im hingebungsvollen Dienst enthalten. Jemand, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist, besitzt bereits all diese Eigenschaften. Das Lebewesen, obwohl von Natur aus Brahman, hat den Wunsch, über die materielle Welt zu herrschen, und deshalb fällt es. In seiner wesensgemäßen Stellung steht ein Lebewesen über den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur, doch die Gemeinschaft mit der materiellen Energie verstrickt es in die verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur, Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit. Durch hingebungsvollen Dienst in völligem Krsna-Bewusstsein jedoch wird es augenblicklich auf der transzendentalen Ebene verankert, und sein ungesetzliches Verlangen, die materielle Natur zu beherrschen, vergeht. Deshalb sollte der Vorgang des hingebungsvollen Dienstes, der mit Hören, Chanten und Sicherinnern beginnt, in der Gemeinschaft von Gottgeweihten praktiziert werden. Allmählich wird durch die Gemeinschaft von Gottgeweihten und durch den Einfluss des spirituellen Meisters das materielle Verlangen zu herrschen beseitigt, und man wird fest im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn verankert. Diese Methode wird in diesem Kapitel vom zweiundzwanzigsten bis zum letzten Vers beschrieben. Hingebungsvoller Dienst für den Herrn ist sehr einfach: Man sollte sich ständig im Dienst des Herrn beschäftigen; die Reste von Speisen essen, die dem Herrn dargebracht wurden; die Blumen riechen, die den Lotosfüßen des Herrn geopfert wurden; die Orte besuchen, an denen der Herr Seine transzendentalen Spiele offenbarte; von den verschiedenen Tätigkeiten des Herrn und Seinem liebevollen Austausch mit Seinen Geweihten lesen, immer die transzendentale Klangschwingung Hare Krsna, Hare Krsna, Krsna Krsna, Hare Hare / Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare chanten und die Fasttage beachten, die an das Erscheinen und Fortgehen des Herrn und Seiner Geweihten erinnern. Wenn man diesem Vorgang folgt, löst man sich allmählich von allen materiellen Tätigkeiten. Wer sich auf diese Weise im brahmajyoti verankern kann, ist der Höchsten Persönlichkeit Gottes eigenschaftsmäßig gleichgestellt. Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum Vierzehnten Kapitel der Srimad-Bhagavad-Gita mit dem Titel: „Die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur".