Iran: Drehscheibe zwischen Ost und West ======================================= Exported from Holy-Writings.com on 2026-06-18 1 clipping 1. Source: Bahá'í Library Online (bahai-library.com), curated by Jonah Winters. Used by permission of the curator. Original citation: Gerhard Schweizer, Iran: Drehscheibe zwischen Ost und West, bahai-library.com. ────────────────────────────────────────────────────────────────────── r ., ,,,,.''•• " Iá ' /I'á I ,- ...., >'"' ") á: ) ( -../' ,-, - I, f 1; f \' . ' r ' '. ':; - i " I . \. /~ I~ v I ., ,. .• '1 Gerhard Schweizer IRAN Drehscheibe zwischen Ost und West Klett-Cotta denen sich bestenfalls einige neue Villen, Reitstalle und technische Die Botschaft der Baha'i Luxusgerate aus Europa bezahlen lieBen. DaB Persien nicht auch noch von Kolonialtruppen besetzt wurde, Wir wissen exakt den Tag, an dem die Bewegung Babi - und damit verdankten die unfahigen Herscher nur einem Gli.icksfall: RuBland der Baha'i - ihren ersten Schritt an die Offentlichkeit getan hat. Es und GroBbritannien stritten um die Vorherrschaft in diesem Gebiet war der 23. Mai 1844. Damals fing Ali Mohammed in einem Mo- und einigten sich nach zahem Ringen auf den KompromiB, nur indi- scheehof von Schiras zu predigen an. rekt das Land zu regieren, es in »lnteressenspharen« aufzuteilen. Den Zeitpunkt fur sein erstes Auftreten hatte er gut gewahlt. Persien erreichte einen neuen Tiefpunkt seiner Geschichte. Denn diesem 23. Mai 1844 hatten die Schiiten Persiens ohnehin mit Persien blieb das ganze 19. Jahrhundert hindurch ein schwaches, groBten Erwartungen entgegengesehen: Ihrer Uberlieferung nach zerrissenes Land. Mehr noch: eine zutiefst unschopferische, in Tradi- war es dann genau tausend J ahre her, daB der zwolfte Imam ins Ver- tionen erstarrte Nation. Von diesem Niedergang nahmen sich auch borgene »entriickt« sei, und nun machte man sich Gedanken, ob an die Geistlichen nicht aus. Modschtaheds wie Mullahs, ranghohe Ko- diesem bedeutsamen Jubilaum der Imam Mahdi, der »Rechtgelei- rangelehrte wie das FuBvolk der zahlreichen Dorfprediger hatten viel tete«, wiederkehren wurde. Die Zeiten erschienen den Fragenden von dem revolutionaren Schwung verloren, den sie noch gegen die danach. Je mehr die »unglaubigen« Europaer siegreich im Orient Schahs der Safawiden bewiesen hatten. Jetzt wa~n ihre Fuhrer den vordrangen, um so deutlicher fuhlten Moslems die gestorte Weltord- Hoflingen in Teheran zu ahnlich geworden, sie besaBen groBe Lande- nung reif fur den verheiBenen »Erloser«, der aus dem Verborgenen reien, liebten den Luxus und forderten von ihren Bauem ebenso treten und die Glaubigen aus tiefster Emiedrigung zum weltweiten hohe Abgaben wie die kaiserlichen Beamten. Manche Modschta- Sieg fuhren werde. Falls der Imam nicht selber erscheine, so werde heds hielten sich gar eine Privatarmee, um notfalls gegen aufstandi- er doch wenigstens ein Zeichen setzen ... sche Bauem vorzugehen. Religiose Fuhrer dieses Schlags zeigten An diesem 23. Mai 1844 waren in Persien die Moscheen brechend kein Interesse, daB sich an den herrschenden Verhaltnissen grund- voll mit Menschen, eine Nation wartete in religioser Hysterie: Dach satzlich etwas andere. der »Erloser« kam nicht. Aber in der Hauptmoschee von Schiras Einmal allerdings sah es so aus, als konnten weder der Schah noch machte der funfundzwanzigjahrige Ali Mohammed auf sich aufmerk- die ranghohen Geistlichen den Ruf nach Reformen unterdriicken. sam. Er galt in den Augen seiner Mitburger als auBerst fromm und Dies geschah Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals forderte ein from- gelehrt, denn jahrelang hatte er in den Pilgerstadten Nedschef und mer Schiit in mitreiBenden Reden eine bessere Gesellschaft und Kerbela schiitische Glaubenslehre studiert, und auBerdem wies ihn konnte mehr als jeder andere Neuerer die Volksmassen hinter sich sein Titel »Seyyid«als Nachkomme der weitverzweigten Propheten- scharen, ja eine Rebellenarmee gegen die Truppen des Schahs und familie aus. Nicht wenige Mullahs seiner Heimatstadt Schiras beob- der Modschtaheds aufbieten. Dieser Mannn vermochte - fur ein achteten ihn allerdings argwohnisch, denn er hatte sich einer schiiti- paar J ahre wenigstens - die erstarrten Fron ten aufzubrechen und zu- schen Sekte angeschlossen, deren Lehre nicht in allen Punkten von mindest Signale fur eine Emeuerung zu setzen. Er hieB Ali Moham- den Modschtaheds gebilligt wurde. Diese Sekte lehrte, stets gebe es med. Besser bekannt ist er unter seinem Beinamen »Bab« (arabisch: einen Menschen, der mit dem Verborgenen Imam in geheimer Ver- das Tor). Er begriindete die Bewegung der Babi. Aus ihr sollte nach bindung stehe und seinen Willen kenne. Nun, am 23. Mai 1844, dem • seinem Tod eine neue Religion hervorgehen - Persiens letzte Reli- fur die Schiiten so bedeutsamen Tag, verktindete der junge Ali Mo- gionsschopfung: die der Baha'i. hammed: Er sei der Auserwahlte fur die gegenwartige Epoche - der »Bab«, das Tor, durch das der Glaubige direkten Zugang zum Wtllen des Erwarteten Mahdi erhalte. J ahrhundertelang hatten Mullahs und Modschtaheds die Botschaft Gottes nur unvollstandig, miBver- 252 253 standlich, verfalscht wiedergegeben - er aber, der »Bab«, bringte im noch den religiosen Revolutionar, der vorhandene Traditionen um- Auftrag des Verborgenen Imam die reine Wahrheit. sttirzen wollte. Ihr Hauptanklagepunkt hieB, der Bab wolle sich mit Die Nachricht iiber seine Predigt verbreitete sich innerhalb von dem Propheten Mohammed und den zwolf heiligen Imamen auf wenigen Stunden in Schiras, und Monate spater war dieser Mann eine Stufe stellen. Der Angeklagte widersprach nicht. Wahrend des bereits in halb Persien bekannt. Von weit her kamen Neugierige zur letzten Jahres hatte er tatsachlich verktindet, sein selbstverfaBtes Freitagspredigt, um mehr iiber den Willen des Verborgenen Imams, Heiliges Buch sei dem Koran ebenbiirtig. Mehr noch: Er sei nicht iiber die unverfalschte Auslegung der heiligen Schriften zu erfahren. nur »das Tor zur Wahrheit«, sondem die Wahrheit selbst. Damit Der Bab klagte die ranghohen Geistlichen an, daB sie machtgierig hatte er sich endgtiltig vom Islam entfemt, denn kein Glaubiger und kauflich wie weltliche Herrscher seien und oft nur noch gedan- durfte sich einen solchen Rang anmaBen. Das Todesurteil war rasch kenlos ihre Gebete herunterleierten. Den Regierenden warf er vor, gesprochen. Aus der Sicht eines orthodoxen Schiiten fand sich an die Untertanen wie Sklaven zu behandeln und sie durch willkiirlich diesem Urteil nichts Unrechtes, allerdings waren mit diesem Verdam- hohe Steuem in Not zu bringen. Die Ehegatten mahnte er, Gott mungsspruch zugleich auch alle sozialen Reformen verworfen, die habe die Frau mit denselben Rechten ausgestattet wie den Mann, sie Bab gefordert hatte. Am 9. Juli 1850 wurde Ali Mohammed in Tabris di.irfe den Schleier able gen und sich so frei bewegen wie der Gatte. erschossen. Wer an diesen Geboten zweifle, der habe Gottes Botschaft nicht in Der Bab war tot. Die Bewegung lebte. Ihr Fuhrer hatte als Marty- ihrer vollen Tragweite verstanden. rer geendet - in wtirdiger. Nachfolge von Ali und Hussein, so folger- Fiir die Zuhorer besaBen solche Worte Sprengkraft. Viele fiihlten ten die Anhanger, durch sein Beispiel bereit zu auBerstem Fanatis- sich in ihrem untergrtindigen Unbehagen gegen den Schah, die mus und Opfermut. Sie rankten auch bald wundersame Legenden GroBgrundbesitzer und die Geistlichen bestatigt; sie faBten Mut, auf um seinen Tod. Angeblich hatte die erste Gewehrsalve seinen Kar- die verheillene neue Ordnung zu hoffen. Andere aber verlieBen grol- per nicht verletzt und nur die Fesseln gesprengt - ein Zeichen Gottes lend die Moschee, um an hochster Stelle zu melden, was hier an filr den, der es zu deuten verstand -, und das Hinrichtungskom- Ketzerei gepredigt wurde. GroBgrundbesitzer wie Geistliche hatten mando habe ein zweites Mal antreten miissen. Seine Anhanger ver- allen Grund, diesen Prediger zu filrchten, stellte er doch mit zwin- ehrten ihn nun beinahe wie einen Gott, sie stellten ihn in der Reihe gender Logik ihre Vorrechte in Frage. Beunruhigt wandten sich die der heiligen Martyrer bald iiber Ali und Hussein. In allen Provinzen Modschtaheds um Hilfe an den Schah, den sie bisher angeklagt bat- Persiens schlirten sie erfolgreich Aufstande, und zwei volle J ahre ten wegen seiner lauen Haltung gegeniiber der Religion. Kein Wun- dauerte es, bis Schah Nasir ad Din die Rebellenheere des Bab nieder- der, daB der Schah zuerst einmal miBtrauisch blieb und abwartete. werfen konnte. Er tat dies mit auBerster Konsequenz und Grausam- Erst als sich in mehreren Provinzen Bauem zu bewaffneten Trupps keit. Gefangene lieB er grundsatzlich keine machen, Hunderttau- zusammenschlossen und Gerechtigkeit im Namen des Bab forder- sende starben auf seinen Befehl unter den Gewehrsalven von ten, wurde man am Hof von Teheran hellhorig. Schah Nasir ad Din Hinrichtungskommandos oder unter der Falter. schickte Truppen und lieB unter den Aufstandischen ein Blutbad Vor diesem Terror flohen viele Uberlebende ins Ausland, vor anrichten. allem in den benachbarten Irak, wo der Todfeind des Schahs, der Der Bab konnte fliehen, wurde gefangen, nach Aserbeidschan ge- Statthalter des sunnitischen Osmanensultans, regierte. In Bagdad bracht und vor ein Gericht gestellt. Fiir die Richter war das Urteil konnte sich die Schar der zerstreuten Anhanger wieder sammeln. Ihr von vornherein klar, sie hatten Anweisungen von hochster Stelle. Oberhaupt wurde Mirza Hussein Ali, der Sohn eines Ministers. Die- Der Schab und seine Minister sahen in dem Bab den sozialen Auf- ser Mann nahm den Namen Baha'ullah (» Herrlichkeit Gottes«) an. rtihrer, der die Sklaven gegen ihre Herren, die Armen gegen die Rei- Er wurde zum zweiten groBen Fiihrer der Bewegung, formte aber chen hetzte. Die Mullahs und Modschtaheds erkannten in ihm auch die Lehre entscheidend um. Was er schuf, ist jene Botschaft, wie sie 254 255 uns heute noch erhalten ist: die nach seinem Namen benannte Reli- Die Aussagen iiber Himmel und Holle, Engel, Geister, Teufel und gion der Baha'i. Auferstehung nach dem Tod - so wie man sie in dem Awesta, in der Baha'ullah fiihrte anfangs ein bewegtes, heimatloses Leben. Ein Bibel und im Koran finde - seien als Symbole fiir die Sehnsiichte des Jahrzehnt lang war es ihm nicht vergonnt, sich an einem Ort von Menschen zu werten, man diirfe sie nicht wortlich als Tatsachen ver- Dauer niederzulassen, denn beargwohnt wurden er und seine An- stehen. Auch brauche man nicht alle Vorschriften von Religionsstif- hanger auch von den sunnitischen Moslems. Die osmanische Regie- tem buchstabengetreu zu befolgen, denn solche Gebote seien oft ge- rung befahl ihm, Bagdad zu verlassen und nach Edime in Thrakien nug zeitgebunden und in einer spateren Epoche nicht mehr sinnvoll, umzusiedeln. 1868 erreichte ihn ein neuer Befehl, nun hatte er in man miisse sie