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Die Verkündigung des Weltfriedens

Die Verkündigung des Weltfriedens á 'Abdu'l-Bahá á Bahá'í Verlag GmbH, Auflage 1.01 (O-2026-03-01)

Die Verkündigung des Weltfriedens 'Abdu'l-Bahá

Vorwort zur Ausgabe 1982

Mit großer Freude und dem Gefühl, dass die Zeit reif ist, veröffentlichen wir diese neue Ausgabe von Die Verkündigung des Weltfriedens, denn dieses Jahr, 1982, markiert den 70. Jahrestag des historischen Besuchs 'Abdu'l-Bahás auf dem amerikanischen Kontinent. 'Abdu'l-Bahá war der Sohn Bahá'u'lláhs, des Stifters des Bahá'í-Glaubens, und dieser Besuch war ein Ereignis, das einen tiefgreifenden Einfluss sowohl auf die Entwicklung des jungen Glaubens in der ganzen Welt als auch auf das Leben unzähliger Menschen haben sollte. Im Jahr 1908 hatte die Jungtürkische Revolution das tyrannische Regime des osmanischen Sultans 'Abdu'l-Ḥamíd gestürzt. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Führung war die Freilassung aller ehemaligen politischen und religiösen Häftlinge, zu denen auch 'Abdu'l-Bahá gehörte. Er hatte 40 Jahre der Verfolgung und Verbannung mit Seinem Vater geteilt und nach dem Tod Seines Vaters weitere 16 Jahre als Gefangener gelebt. Befreit von den bedrückenden und oft entsetzlichen Umständen, unter denen Er in den frühen Jahren Seiner Amtszeit als ernannter Nachfolger Seines Vaters die Angelegenheiten des Bahá'í-Glaubens geleitet hatte, begann 'Abdu'l-Bahá sofort, eine Reise in den Westen zu erwägen. Eine solche Reise würde sowohl dazu dienen, den Glauben der vereinzelten Bahá'í-Gruppen auf dem gesamten europäischen und nordamerikanischen Kontinent zu stärken, als auch das öffentliche Interesse für den Glauben zu steigern. So reiste 'Abdu'l-Bahá zunächst vom Heiligen Land nach Ägypten, dann im Jahr 1911 nach Europa und kehrte für den Winter wieder nach Ägypten zurück. Am 25. März 1912 verließ Er Alexandria mit einem Passagierschiff – Sein Ziel: New York und eine Reise, die Ihn schließlich über den gesamten nordamerikanischen Kontinent führen sollte, mit Aufenthalten in vielen Großstädten der Vereinigten Staaten. Neun Monate, insgesamt 239 Tage, bereiste 'Abdu'l-Bahá unermüdlich die USA und Kanada: Zuerst entlang der Ostküste, von Maine nach Washington, D.C., nach Chicago und wieder zurück, mit Aufenthalten in Städten wie Philadelphia, Pittsburgh und Cleveland. Schließlich durchquerte Er den Kontinent über Montreal (Kanada), Minneapolis, St. Paul und Denver bis zur Westküste und kehrte anschließend nach New York zurück, wobei Er in einigen der Städte, die Er bereits besucht hatte, längere Zeit verweilte. Als 'Abdu'l-Bahá am 5. Dezember 1912 von New York aus in See stach, hatte Er eine der anstrengendsten Lehrreisen der gesamten aufgezeichneten Religionsgeschichte vollendet. Das ist umso bemerkenswerter, als diese Leistung von einem 68-jährigen Mann vollbracht wurde, dessen Gesundheit durch lange Jahre der Entbehrung und Gefangenschaft angegriffen war. Zurück blieb eine weit verteilte, durch große Entfernungen voneinander getrennte Schar von Gläubigen, die durch Seine geduldigen und beharrlichen Bemühungen zu einer aufstrebenden Bahá'í-Gemeinde zusammengeschweißt worden war. Die Verkündigung des Weltfriedens ist eine Zusammenstellung vieler Ansprachen, die 'Abdu'l-Bahá während Seines Besuchs in den Vereinigten Staaten und Kanada gehalten hat. In diesen Ansprachen erläuterte Er die von Bahá'u'lláh verkündeten Grundsätze des Bahá'í-Glaubens. Immer wieder sprach Er zu allen, die kamen, um Ihm zuzuhören, Bahá'í wie Nicht-Bahá'í, über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, den Einklang von Wissenschaft und Religion, die Notwendigkeit umfassender Bildung und einer Welthilfssprache, das eigenständige Erforschen der Wahrheit, die Einheit Gottes, die Einheit und Kontinuität der Sendboten Gottes, die Einheit der Menschheit und die Beseitigung von Vorurteilen aller Art – alles wesentliche Voraussetzungen für den von Bahá'u'lláh verkündeten Weltfrieden, der Thema und Titel dieses Buches ist. Obwohl Die Verkündigung des Weltfriedens eine Zusammenstellung von Ansprachen ist und genau genommen kein ›Werk‹ 'Abdu'l-Bahás, hat es dennoch einen einzigartigen Stil und einen einzigartigen Platz in Seinen gesammelten Schriften und Ansprachen. Sein Wille und Testament, das in drei Abschnitten verfasst ist, bildet die Grundlage für die Administrative Ordnung des Bahá'í-Glaubens und gewährleistet ihre Integrität und Einheit. Das Geheimnis Göttlicher Kultur ist eine Abhandlung über den allgemeinen Zustand der modernen Zivilisation und Kultur. Auf den Pfaden der Gottesliebe ist eine Chronik der Frühgeschichte der Bábí- und Bahá'í-Religion. Vorbilder der Treue enthält die Erinnerungen 'Abdu'l-Bahás an neunundsiebzig frühe Bahá'í, die alle durch ihre Liebe zu Bahá'u'lláh miteinander verbunden waren. Beantwortete Fragen – vom Format her vielleicht der Verkündigung des Weltfriedens am ähnlichsten – ist eine Reihe von Darlegungen zu verschiedenen Themen. Jedoch beruhen Beantwortete Fragen auf Fragen, die 'Abdu'l-Bahá gestellt wurden. Für Die Verkündigung des Weltfriedens wählte 'Abdu'l-Bahá die Themen größtenteils selbst aus – Er wählte sie sorgfältig und gezielt aus, manchmal sogar mit absichtlicher Wiederholung. Er war schließlich nicht als Tourist in den Westen gekommen, sondern sozusagen als Gesandter Seines Vaters. Bei Seiner Ankunft in New York erklärte Er: »Mein Ziel ist es, in Amerika die Grundprinzipien der Offenbarung und der Lehre Bahá'u'lláhs darzulegen.« Und genau das hat Er getan! Diese neue Ausgabe von Die Verkündigung des Weltfriedens ermöglicht es uns, 70 Jahre nachdem die Ansprachen erstmals gehalten wurden, in der ersten Reihe zu sitzen und zuzuhören, wie 'Abdu'l-Bahá geduldig alle Facetten des Bahá'í-Glaubens erklärt und zeigt, wie jede dazu beitragen kann, unserer von Krisen geschüttelten Welt Hoffnung, Frieden und Trost zu bringen, bis wir, wie Er sagte, den Mut aufbringen, den wir brauchen, um »diese Prinzipien in den Köpfen, Herzen und im Leben eines jeden Menschen zur Entfaltung und zur Anwendung zu bringen.«

Einführung in Die Verkündigung des Weltfriedens

Von Howard MacNutt Zwei Jahre vor dem Ausbruch des Weltkriegs, der die Kontinente erschütterte und die Ozeane aufwühlte, besuchte 'Abdu'l-Bahá 'Abbás die Vereinigten Staaten von Amerika und verkündete die frohe Botschaft des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit. In Seiner Botschaft beleuchtete Er die sozialen, religiösen und politischen Zustände der Nationen, sagte den bevorstehenden Krieg und militärischen Konflikt klar voraus und rief die Menschheit dazu auf, sich unter dem Banner göttlicher Führung zu versammeln, das in diesem Zeitalter aller Zeitalter von der Offenbarung und den Lehren Bahá'u'lláhs gehisst wurde. Sein Besuch, der sich von April bis Dezember 1912 erstreckte, umfasste eine Reiseroute quer durch den Kontinent und wieder zurück, was einen außergewöhnlichen und unglaublichen Kraftaufwand für Ihn bedeutete, der sich an der Schwelle zu Seinem 70. Lebensjahr befand und nahezu Sein ganzes Leben für die Sache Gottes im Exil und in Gefangenschaft verbracht hatte. Diese kostbare Sammlung Seiner Worte besteht aus einer Zusammenstellung frei gehaltener Ansprachen in persischer und arabischer Sprache, die von erfahrenen, Ihn begleitenden Dolmetschern übersetzt und in orientalischer und abendländischer Sprache stenografisch festgehalten wurden. Am Tag Seiner Ankunft in New York sagte Er: »Ich beabsichtige, in Amerika die grundlegenden Prinzipien der Offenbarung und Lehren Bahá'u'lláhs darzulegen. Es wird dann die Aufgabe der Bahá'í dieses Landes sein, diese Grundsätze in den Köpfen, Herzen und im Leben der Menschen zur Entfaltung und Anwendung zu bringen.« Die Worte 'Abdu'l-Bahás zeichnen sich daher durch allgemeine Verständlichkeit und Praxisnähe aus, ohne metaphysische Höhenflüge, philosophische Mutmaßungen und bloße wortgewandte Rhetorik. Sie spiegeln stets die reine Schönheit des Wortes Gottes wider, jenes ursprünglichen, wesentlichen, ewigen Fundaments, auf dem Religion, Wissenschaft und jeglicher menschlicher Fortschritt ruhen. Überall auf Seiner Reise durch die Vereinigten Staaten wurde 'Abdu'l-Bahá in einem Geist der Liebe und Verehrung empfangen und willkommen geheißen.

Tempel und Kirchen aller Glaubensrichtungen, Synagogen, Friedensgesellschaften, religiöse Institutionen und Bildungseinrichtungen, Hochschulen, Frauenvereine, spirituelle Gruppen und New-Thought Zentren öffneten bereitwillig und ohne Vorbehalte ihre Türen, Kanzeln und Podien für Seine Botschaft.

Er nahm an Friedenskonferenzen am Mohonk-See teil, besuchte das offene Forum in Green Acre am Piscataqua-Fluss, sprach zu großen Versammlungen an den Universitäten von Columbia und Leland Stanford, wissenschaftlichen Vereinigungen, sozialistischen Gremien, ethischen Kultgemeinschaften, Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsorganisationen, nahm an Empfängen und Banketten in den Villen der Reichen teil, besuchte die Armen und Niedriggestellten in ihren bescheidenen Häusern, trug das Licht der Hoffnung und der Ermutigung zu den betrübten Seelen in der Bowery-Mission; kurzum, Er verkündete überall Seine Botschaft und Lehren allen Menschen jeglichen Standes und Fassungsvermögens mit solch reinen und aufrichtigen Beweggründen, dass Ihm alle gerne und ohne Vorurteile oder Feindseligkeit zuhörten.

Darüber hinaus waren Seine Wohltätigkeit im Namen Gottes und der liebevolle Dienst an der Menschheit selbstlos und ohne Gegenleistung, denn 'Abdu'l-Bahá akzeptierte niemals eine Vergütung – ein höchst ungewöhnlicher Fall und ein heilsamer Gegensatz zur Geldgier anderer Besucher aus dem Orient.

Im Gegenteil, es war Seine Gewohnheit, großzügige Spenden an bedürftige Kirchen und religiöse Einrichtungen zu leisten und Gesellschaften und Vereinigungen, die sich universellen Prinzipien und Idealen widmeten, oft mit großzügigen Geschenken und Beiträgen zu unterstützen.

Eines Abends stand Er am Eingang der Bowery Mission und verteilte 200 Dollar in Silbermünzen an eine lange Reihe armer, verzweifelter Männer und ermutigte sie mit aufbauenden Worten, während sie an Ihm vorbeigingen.

Unter allen Umständen weigerte sich 'Abdu'l-Bahá, für Sich oder die Sache, die Er vertrat, Geld anzunehmen.

Als die Bahá'í dieses Landes von Seiner Absicht hörten, sie zu besuchen, kamen Spenden in Höhe von 18 000 Dollar zusammen, die Seine Reisekosten abdecken sollten.

Er wurde über diese Spendenaktion informiert und ein Teil des Geldes wurde Ihm überwiesen.

Er telegrafierte, dass die von Seinen Freunden beigesteuerten Gelder nicht angenommen werden konnten, gab das Geld zurück und wies sie an, ihre Spende den Armen zukommen zu lassen. Kurzum, der Besuch 'Abdu'l-Bahás in den Vereinigten Staaten war einzigartig und bezeichnend für Seine erhabene, heilige Mission und zeigte Seine unverkennbar selbstlose Absicht und Reinheit der Beweggründe. Philosophen, Wissenschaftler, Agnostiker, Materialisten, Professoren, Diplomaten und Beamte saßen in Seinem Publikum und hörten aufmerksam zu, stellten aufrichtige Fragen zu Seiner Darstellung der erhabenen Prinzipien und vollkommenen Ideale der Bahá'í-Offenbarung und darüber, wie sie auf die Bildung, die Erhebung und die Vereinigung der Menschheit angewendet werden können. In allen redaktionellen Kommentaren und Pressenachrichten über Ihn waren der Ton und die inhaltliche Darstellung der Tagespresse ehrerbietig und respektvoll, da sie instinktiv Seine hohe Zielsetzung und die offensichtliche Vortrefflichkeit Seiner Lehren für die Welt erkannten. Ein Verständnis des Auftrags und der Bedeutung dieses strahlenden Herolds des Neuen Tages wäre unvollständig ohne einen Blick zurück auf die sich verdichtende Religionsgeschichte, wie sie sich, nahezu zeitgleich mit der Geburt der amerikanischen Unabhängigkeit im Jahr 1776, bis zur Ankunft 'Abdu'l-Bahás hier in den USA abspielte.. Dies ist von besonderer Bedeutung auch vor dem Hintergrund, dass Bahá'u'lláh, als Er im Jahr 1868 Sendbriefe an die Könige und Herrscher der Erde sandte, einen davon an die Republik der Vereinigten Staaten mit den Worten richtete: »O ihr Herrscher Amerikas und ihr Präsidenten seiner Republiken! …Verbindet den Verletzten mit den Händen der Gerechtigkeit und zermalmet den Unterdrücker auf der Höhe seiner Macht mit der Rute der Gebote eures Herrn, des Gesetzgebers, des Allweisen.« Eine kurze Zusammenfassung wird ausreichen, um diese geistige Abfolge und historische Entwicklung zu zeigen, deren Höhepunkt und Vollendung 'Abdu'l-Bahá ist. Das Dämmerlicht der strahlenden Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, das in diesem leuchtenden Zyklus vom Himmel des göttlichen Willens am Horizont der Menschenwelt aufleuchtete, wurde in den reinen Spiegeln der Heiligkeit Shaykh Aḥmad-i-Aḥsá'í und Siyyid Káẓim-i-Rashtí reflektiert. Wie die Morgensterne dem Erscheinen des mächtigen Tagesgestirns vorausgehen, so erhoben sich diese strahlenden Seelen nacheinander gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Persien, durchdrangen die düsteren Schatten der Nacht und verkündeten den Glanz der nahenden Manifestation. Nach Vollendung dieser Mission erloschen in den Jahren 1826 und 1844 die Lampen ihres körperlichen Daseins. Am 23. Mai 1844 entflammte Seine Heiligkeit Mírzá 'Alí-Muḥammad, der Báb, plötzlich die Welt, als Er im persischen Shíráz verkündete, der Tag Gottes sei nahe. Dieser Herold und Wegbereiter, dieser charismatische Bote des Königreichs, verkündete sechs Jahre lang Seinen himmlischen Ruf, bis im Jahre 1850 die flammende Zunge und Feder Seiner Beredsamkeit in der Agonie eines glorreichen Martyriums verstummten. Dann erstrahlte der Himmel der Religion im Glanze Seiner Heiligkeit Bahá'u'lláh, der ›Herrlichkeit Gottes‹, des Offenbarten Wortes und der Sonne der Wahrheit, und ergoss vierzig Jahre lang Ihre Gaben über die Menschheit – bis zu Ihrer Entrückung (d.h. dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs) im Jahre 1892. In all diesen Jahren war dieses Herrliche Wesen ständiger Verbannung, Gefangenschaft und Unterdrückung durch weltliche Herrscher ausgesetzt, bis Er nach endlosen Strapazen und Leiden aus diesen elenden Verhältnissen und einem Umfeld religiöser und politischer Tyrannei zu Seiner Wohnstätte in der höchsten Welt aufstieg. Aber die Gleichung der göttlichen Absicht war noch unvollständig. Das Kommen Bahá'u'lláhs hatte die prophetischen Verheißungen der heiligen Bücher der Juden, Christen, Muslime, Zoroastrier, Hindus, Buddhisten und anderer erfüllt. Wie mächtige Flüsse, die auf ihre eigenen Quellgebiete beschränkt sind, hatten diese getrennten Systeme religiöser Glaubensüberzeugung und Anbetung, die sich in ihrem Verlauf nicht mischen konnten, ihre vorbestimmte Vereinigung und ihren Zusammenfluss im unendlichen Ozean der Äußerungen Bahá'u'lláhs gefunden. Die höchste und erlesenste Frucht der göttlichen Offenbarung, die Vollendung der Verheißung und das umfassende Ziel, dem alle himmlischen Religionen zustrebten, war die Essenz der Zeitalter – das ›Geheimnis Gottes‹, ein vollkommener ›Diener‹, in Dem göttlicher und menschlicher Wille vollends verschmolzen. Diese geheiligte Persönlichkeit sollte am großen Tag Gottes erscheinen – jenem Tag umfassenden Glanzes, von dem geschrieben steht: »Der Herr wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit. Alle Welt wird ihn sehen.«A1 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Nationen und Völker der Welt in ihrem materiellen Dasein so eng miteinander verbunden und zusammengewachsen, in ihren Anforderungen und ihrem Lebensbedarf so miteinander verflochten und voneinander abhängig, dass die Probleme und die Politik einer einzelnen Regierung nun die Lebensbedingungen aller betrafen und beeinflussten. Die Welt war zu einer großen Menschheitsfamilie geworden, in der Interessen eng miteinander verbunden waren, Verantwortung auf Gegenseitigkeit beruhte und Probleme alle betrafen. Daher war das von Bahá'u'lláh offenbarte Wort Gottes allumfassend in seiner Vorsorge und das Heilmittel für die Lage der Menschheit; eine Lage, die das Allwissende Auge seit Ewigkeiten vorhergesehen hatte, obwohl sie die direkte Folge des menschlichen Willens und Handelns war. Sehr viele herausragende Menschen im gesamten Osten befolgten und akzeptierten diesen klar formulierten Maßstab für Einheit und Versöhnung. Zuvor unterschieden sie sich in religiöser Tradition, Bildung und Glaubensüberzeugung, waren feindselig und unversöhnlich, doch durch den gütigen, durchdringenden Einfluss des Heiligen Geistes – verkörpert in Bahá'u'lláh, dem »Wort, das Mensch wurde«A2 – erreichten sie die gesegnete Stufe der Einheit und Liebe im Himmelreich. Um diese Einheit und Liebe zu stärken, zu bewahren und zu mehren, ernannte Bahá'u'lláh einen Nachfolger, dem sich alle nach Seinem eigenen Ableben zuwenden sollten, um Führung und Erleuchtung zu erhalten. Im Buch des Bundes, das von Seiner eigenen gesegneten Hand geschrieben wurde, ernannte Er Seinen ältesten Sohn, den Größten Ast, 'Abdu'l-Bahá, zum Mittelpunkt des Bundes, in dem Bahá'í auf der ganzen Welt die Autorität des vollkommenen Dienens an der Schwelle des offenbarten Wortes erkennen. Dies ist es, was Seinen Titel, Sein Wesen und Sein ganzes Dasein ausmacht: 'Abdu'l-Bahá – der Diener Bahás. Die große Weisheit dieser Ernennung zeigt sich in vielerlei Hinsicht.

Das wird besonders deutlich, wenn wir uns bewusst machen, dass 'Abdu'l-Bahá seit Seiner frühesten Kindheit untrennbar mit Bahá'u'lláh verbunden war.

Er wurde am 23.

Mai 1844 in Ṭihrán geboren, dem Tag und Datum der Verkündigung des Báb.

Seine Geburt selbst kündete von der Bedeutung Seines Lebens und Daseins für die gottgewollten Abläufe und die Vollendung dieses leuchtenden Zyklus.

Im Alter von acht Jahren gehörte Er zu der kleinen Gruppe Verbannter, die die persische Grenze zum 'Iráq überquerten, Wechselfälle und Leid mit heroischer Kraft gemeinsam ertrugen und zusammen ständiger Inhaftierung in verschiedenen Städten ausgesetzt waren, bis sie am 31.

August 1868 die Gefängnisfestung von 'Akká in Syrien erreichten.

Die Aufzeichnungen über 'Abdu'l-Bahás Leben während dieser langen Zeit treuer Hingabe an Bahá'u'lláh und die Sache Gottes zeugen von Reinheit und Makellosigkeit, von wunderbarer Erhabenheit, strahlend in der Schönheit der Heiligkeit.

Als das tyrannische Regime von Sultan 'Abdu'l-Ḥamíd endete, wurden die Tore von 'Akká geöffnet und am 40.

Jahrestag Seiner Ankunft an diesem verlassenen und unsäglichen Ort kam 'Abdu'l-Bahá frei.

Dies geschah am 31.

August 1908.

Im Jahre 1911, zwei Jahre nach Seiner Freilassung aus einem 56 Jahre andauernden Martyrium, besuchte Er im Alter von 67 Jahren Europa.

Er kehrte anschließend nach Ägypten zurück, von wo aus Er, wie bereits erwähnt, im Jahre 1912 nach Amerika einschiffte. Soweit sollten die Beweise für göttliche Kräfte und Einflüsse, die das Leben 'Abdu'l-Bahás umgeben, ausreichen, um jede einsichtige Seele zu beeindrucken und zu überzeugen, dass wir es mit einer ungewöhnlichen und majestätischen Persönlichkeit zu tun haben, mit einer die Welt verändernden Gestalt, die zur Erhebung, Vereinigung und für den Frieden der Menschheit erschienen ist. In der Tat bleiben die Horizonte der Welt düster, solange wir die strahlende Schönheit der Sonne der Wahrheit nicht wahrnehmen. Die Menschheit, die immer tiefer und schneller in den Strudel des Materialismus gerät, sucht verzweifelt nach Hilfe und Heilung – nach einem kreativen und erneuernden Lebensgeist, nach Kraft und Heilung, die direkt von Gott kommen. Und genau jetzt lässt 'Abdu'l-Bahá, der Botschafter des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit, Seinen rettenden Ruf an die Völker der Welt mit himmlischen Worten ertönen, die von einer treibenden, dynamischen geistigen Kraft gestärkt und vom reinen Odem des Heiligen Geistes erfüllt sind. Der göttliche Bund, der seinen Zweck und Plan in der Geschichte und Bestimmung der Menschheit entfaltet, wurde entsprechend den Erfordernissen des Zeitalters und dem Grad des menschlichen Fassungsvermögens schrittweise offenbart.

In jeder Sendung seiner Gnadengaben hat er einen neuen geistigen Impuls durch die Kanäle religiösen Glaubens in Verstand und Herz der Menschen gesetzt.

Diese sprudelnden Ströme waren die Quelle des Lebens für die Menschheit und der einzige wahre Antrieb ihrer kulturellen Entwicklung.

In jedem Zeitalter wurde dem Menschen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und der göttlichen Absicht sowie Festigkeit und Standhaftigkeit im ewigen Bund Gottes abverlangt.

Die Geschichte zeigt, dass ausnahmslos und unausweichlich das Volk des Bundes wie in der Zeit Abrahams, Moses, Jesus und Muḥammads zur mächtigsten kulturbildenden Kraft und zum prägenden Einfluss auf den Fortschritt der Menschheit wurde und wie es durch Gehorsam und Treue gegenüber dem Sendboten des Bundes die Herausforderungen, mit denen es zu seiner Zeit konfrontiert war, bewältigte, seine Schwierigkeiten überwand, seine Fragen klärte und Ungewissheit ausräumte, sodass sich ihm stets weitere Perspektiven auf noch edlere Errungenschaften und erhabenere Visionen an den Horizonten menschlicher Bestimmung eröffneten.

Entwicklung und Fortschritt sind wahrhaftig die Gaben des Gottesbundes, sie sind die göttliche Gabe einer höheren Befähigung zur Entwicklung, für Entdeckungen und Fortschritt.

Das heißt, in jeder Epoche wurde das Volk des Bundes durch die Geschenke und Gaben des Bundes mit einer Macht belebt, die es ihm ermöglichte, die es umgebenden Bedrohungen zu überwinden, sein Umfeld zu beherrschen, die Bedingungen für Fortschritt und Wachstum zu schaffen, Lebenswandel und Gesetze zu läutern, Institutionen zu stärken und sich selbst mit der Glückseligkeit des Friedens, mit Wohlstand und der Einheit aufzurichten.

Diejenigen hingegen, die den Bund ablehnten und seiner Wohltaten beraubt blieben, erlagen äußerlichen Kräften und Daseinsbedingungen, gerieten in Vergessenheit und waren unfähig, dauerhaft fortzubestehen.

Dies ist die innere, durchdringende Kraft der reinen Religion Gottes, der göttliche Sauerteig des Geistes des Bundes, der sich in jedem Zeitalter durch einen ernannten gemeinsamen Mittelpunkt offenbart hat, dem alle in Treue und Standhaftigkeit Gefolgschaft zu leisten hatten, um nicht der herbeiströmenden und überfließenden Gaben Gottes verlustig zu gehen. Da dieses wunderbare Jahrhundert, dieser Tag Gottes, hinsichtlich seiner Lebensbedingungen und Anforderungen weltumspannend ist und von Wechselbeziehungen und gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist, wie sie zwischen den Nationen der Welt noch nie zuvor ersichtlich waren, und da Seine Heiligkeit Bahá'u'lláh an diesem Tag durch Sein Wort und Seine Feder das Buch des Bundes ohne jegliche Bevorzugung allen Völkern, Religionen und Menschen offenbarte und in heiligen Worten und Texten denjenigen benennt, dem sich alle in Gehorsam und Treue zuwenden müssen, folgt daraus, dass die Quelle strahlender Macht und himmlischer Gaben, der gemeinsame Mittelpunkt und der Punkt der Einheit, von dem aus die Gaben des Bundes nun der Menschheit zufließen, 'Abdu'l-Bahá ist, der Diener Bahás, der Mittelpunkt des Bundes Gottes. Er ist der Kanal des läuternden, vereinigenden religiösen Glaubens, der neue Impuls und die neue Kraft, der schöpferische Geist der Erneuerung, Kraft und Heilung, die direkt von Gott kommt, der erfrischende Lebensstrom für die Menschheit, der auf alle Fragen Antwort gibt, der Erklärer des Buches, der Verleiher geistiger Fähigkeiten, der erhebende Impuls der Kultur, der Diener der gesamten Menschheit, der Mittelpunkt der Eintracht und Versöhnung aller Religionen, der Bannerträger des Weltfriedens und der Überbringer der Frohen Botschaft von der Einheit der Menschheit. 'Abdu'l-Bahás Stufe des Dienens in der göttlichen Sache gilt daher weltweit und umfasst alles, weit hinaus über die Beschränkungen von Hautfarbe und Herkunft, Bekenntnis, Glauben oder Nationalität; eine Stufe höchster Erhabenheit und zugleich vollkommener Demut: Diener der Diener Gottes. Sein Besuch an den Küsten der westlichen Welt ist in der Tat von großer Bedeutung; Seine Worte, gerichtet an die hochorganisierte materielle Zivilisation des Abendlandes, sind wahrhaft bedeutungsvoll; Seine Botschaft des Friedens und der Einheit der Menschheit, die den Osten und den Westen in geistiger Zusammengehörigkeit fest verbindet und die alte und die neue Welt unter den wohltätigen Gesetzen des himmlischen Königreichs vereint, ist wahrhaft machtvoll. Auf direktes Geheiß 'Abdu'l-Bahás wurde diese Einführung von einem bescheidenen Anhänger Seines Lichtes und einem hingebungsvoll Liebenden Seiner Schönheit verfasst. Möge die Herrlichkeit Gottes dieses Herz erleuchten und seine Feder leiten, damit sie in dieser größten Aufgabe Seinem Willen gerecht werde.

Auszüge aus zwei Sendschreiben 'Abdu'l-Bahás

An den geschätzten Mr. Howard MacNutt, Brooklyn, New York, USA.

Mein lieber Freund! … Deine Absicht, die von dir zusammengestellten Ansprachen 'Abdu'l-Bahás zu drucken und zu veröffentlichen, ist wirklich sehr begrüßenswert. Dieser Dienst wird dein Angesicht im Abhá-Königreich erstrahlen lassen und dir das Lob und die Dankbarkeit der Freunde im Osten wie im Westen sichern. Aber lass äußerste Sorgfalt walten, damit der Text genau wiedergegeben wird und alle Fehler und Abweichungen, die früheren Dolmetschern unterlaufen sind, ausgeschlossen werden. 'Abdu'l-Bahá'Abbás Haifa, Palästina, 13. April 1919

An den geschätzten Mr. Albert R. Windust, Chicago, Illinois, USA.

O Diener Seiner Heiligkeit Bahá'u'lláh! … Der Titel des Buches, das Mr. MacNutt zusammenstellt, soll lauten: The Promulgation of Universal Peace (Die Verkündigung des Weltfriedens). Die Einleitung soll von Mr. MacNutt selbst verfasst werden, während er sich in seinem Herzen dem Abhá-Königreich zuwendet. So wird er eine bleibende Spur hinterlassen. Schicke ein Exemplar davon ins Heilige Land. 'Abdu'l-Bahá'AbbásBahjí, 'Akká, Palästina, 20. Juli 1919

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in New York und Brooklyn

11. bis 19. April 1912

– 1 –

11. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Hooper Harris Wie geht es euch? Herzlich willkommen! Herzlich willkommen! Trotz der Erschöpfung von der Reise spürte ich heute nach der Ankunft die größte Sehnsucht, euch zu sehen, und konnte der Teilnahme an dieser Zusammenkunft nicht widerstehen. Nun, da ich euch treffe, ist all meine Erschöpfung verflogen, denn eure Zusammenkunft ist die Ursache geistiger Freude. Ich war in Ägypten und mir ging es nicht gut, aber ich wollte zu euch nach Amerika kommen. Meine Freunde sagten: »Es ist eine lange Reise; der Ozean ist sehr groß; du solltest hier bleiben.« Aber je hartnäckiger sie mir davon abrieten, desto mehr sehnte ich mich danach, die Reise zu unternehmen, und jetzt bin ich nach Amerika gekommen, um die Freunde Gottes zu treffen. Diese lange Reise wird beweisen, wie groß meine Liebe zu euch ist. Es gab viele Probleme und Widrigkeiten, aber beim Gedanken daran, euch zu treffen, sind all diese Dinge verschwunden und vergessen. Mir gefällt die Stadt New York ganz außerordentlich. Ihre Hafeneinfahrt, ihre Landungsbrücken, die Gebäude und die breiten Straßen sind prachtvoll und schön. Es ist eine wirklich wunderbare Stadt. Da New York hinsichtlich der materiellen Zivilisation so fortschrittlich ist, hoffe ich, dass die Stadt auch geistig im Königreich und Bund Gottes voranschreiten möge, sodass Amerika durch die hiesigen Freunde erleuchtet wird, dass diese Stadt die Stadt der Liebe wird und dass sich der göttliche Wohlgeruch von diesem Ort aus in alle Welt verbreitet. Zu diesem Zweck bin ich gekommen. Ich bete darum, dass ihr zu Offenbarungen der Liebe Bahá'u'lláhs werdet, dass jeder von euch wie ein klarer Kristallleuchter werde, von dem die Strahlen der Gaben der Gesegneten Vollkommenheit hin zu allen Völkern und Nationen scheinen mögen. Dies ist meine größte Sehnsucht. Es war eine wirklich lange Reise. Je länger sie dauerte, desto weiter schien sich das Meer auszudehnen. Das Wetter war die ganze Zeit über hervorragend; es gab keinen Sturm und das Meer wirkte grenzenlos. Ich bin sehr glücklich, euch heute alle hier zu treffen. Preis sei Gott, dass eure Angesichter in der Liebe zu Bahá'u'lláh erstrahlen. Ihr Anblick ist eine Quelle großen geistigen Glücks. Wir haben vereinbart, euch jeden Tag bei den Freunden zu Hause zu treffen. Im Osten fragten mich die Menschen: »Warum unternimmst du diese lange Reise? Dein Körper kann die Anstrengungen einer solchen Reise nicht ertragen.« Wenn es nötig ist, kann mein Körper alles ertragen. Er hat vierzig Jahre Gefängnis überstanden und kann immer noch größte Belastungen ertragen. Wir werden uns wiedersehen. Jetzt werde ich jeden von euch persönlich begrüßen. Ich hoffe, dass ihr alle glücklich seid und dass wir uns sehr oft wiedersehen werden.

– 2 –

12. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Howard MacNutt 935 Eastern Parkway, Brooklyn, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Dies ist ein höchst erfreulicher Besuch. Vom Orient aus habe ich das Meer überquert, um die Freude zu haben, den Freunden Gottes zu begegnen. Obwohl ich nach meiner langen Reise erschöpft bin, erfrischt und belohnt mich das Licht des Geistes, das aus euren Angesichtern leuchtet. In dieser Begegnung erstrahlt die Empfänglichkeit für das Göttliche. Dieses Haus ist geistig gesinnt, es ist die Heimstätte des Geistes. Hier gibt es keine Zwietracht, nur Liebe und Einheit. Versammeln sich Menschen auf diese Weise, so kommen die göttlichen Gaben auf sie nieder. Der Zweck der Erschaffung des Menschen liegt im Erlangen der erhabensten menschlichen Eigenschaften durch die herabströmenden himmlischen Gaben. Die Absicht bei der Erschaffung des Menschen ist somit Einheit und Harmonie, nicht Zwietracht und Trennung. Bestünde zwischen den Atomen, die das Mineralreich bilden, keine Bindungskraft, so wäre die Erde niemals entstanden und das Universum hätte nicht erschaffen werden können. Weil eine Bindungskraft zwischen ihnen besteht, kann sich die Kraft des Lebens zeigen und die Lebewesen der Erscheinungswelt können entstehen. Wenn diese Anziehung, diese atomare Bindungskraft zerstört wird, schwindet die Lebenskraft und Tod und Nichtsein sind die Folge. Auch in der geistigen Welt ist es so. Jene Welt ist das Königreich der vollkommenen Anziehung und Bindungskraft. Es ist das Reich des Einen Göttlichen Geistes, das Königreich Gottes. Daher entstammen die Verbundenheit und die Liebe, die sich bei diesem Treffen zeigt, und die Empfänglichkeit für das Göttliche, die wir hier erleben, nicht dieser Welt, sondern dem Königreich. Wenn die Seelen sich voneinander absondern und egoistisch werden, kommen die göttlichen Gaben nicht hernieder, und die Lichtstrahlen der Höchsten Heerscharen werden nicht mehr widergespiegelt, auch wenn die Körper noch beisammen sind. Ein Spiegel, dessen Rückseite der Sonne zugewandt ist, vermag die Sonnenstrahlen nicht widerzuspiegeln. Preis sei Gott! Diese Versammlung hat Liebe und Einheit zum Ziel. Die göttlichen Propheten kamen, um die Einheit des Königreichs in den Herzen der Menschen zu verankern.

Sie alle verkündeten der Menschheit die frohe Botschaft göttlicher Gaben.

Alle brachten der Welt dieselbe Botschaft der göttlichen Liebe.

Für die Einheit der Menschheit gab Jesus Christus Sein Leben am Kreuz hin.

Die an Ihn glaubten, opferten ebenfalls Leben, Ehre, Besitz, Familie, schlicht alles, damit diese menschliche Welt aus der Hölle der Zwietracht, Feindschaft und des Streites befreit werden möge.

Seine Grundlage war die Einheit der Menschheit.

Nur wenige fühlten sich zu Ihm hingezogen.

Sie waren nicht die Könige und Herrscher Seiner Zeit.

Sie waren keine reichen und wichtigen Menschen.

Einige von ihnen waren Fischer.

Die meisten von ihnen waren ungebildete Männer, ungeschult in weltlichem Wissen.

Einer der größten von ihnen, Petrus, konnte sich nicht einmal die Wochentage merken.

Alle diese Männer erschienen in den Augen der Welt als völlig bedeutungslos.

Ihre Herzen aber waren rein und hingezogen zum Feuer des Heiligen Geistes, der sich in Christus offenbarte.

Mit dieser kleinen Heerschar eroberte Christus den Osten und den Westen.

Könige und Völker erhoben sich gegen Ihn.

Philosophen und die bedeutendsten Gelehrten griffen Seine Sache an und verunglimpften sie.

Sie alle wurden besiegt und überwunden, zum Schweigen gebracht, ihr Licht wurde ausgelöscht, ihr Hass gebannt, und es blieb keine Spur von ihnen.

Sie wurden zu Nichts, Sein Reich jedoch triumphiert und besteht ewig. Der leuchtende Stern Seiner Sache ist zum höchsten Punkt emporgestiegen, während das Dunkel der Nacht Seine Feinde eingehüllt und verfinstert hat. Sein Name, der nur von wenigen Jüngern geliebt und verehrt wurde, ruft heute die Verehrung von Königen und Völkern in der ganzen Welt hervor. Seine Macht besteht ewig. Seine Herrschaft wird für immer fortbestehen, während diejenigen, die sich Ihm widersetzten, namenlos und vergessen im Staube schlafen. Das kleine Heer der Jünger ist zu einer mächtigen Schar von Millionen angewachsen. Diese himmlischen, höchsten Heerscharen sind Seine Legionen. Das Wort Gottes ist Sein Schwert. Die Macht Gottes gewährleistet Seinen Sieg. Jesus Christus wusste, dass dies geschehen würde, und war bereit, zu leiden. Seine Erniedrigung war Seine Verherrlichung; Seine Dornenkrone ein himmlisches Diadem. Als sie Ihm die Dornenkrone auf Sein gesegnetes Haupt drückten und in Sein hehres Antlitz spien, legten sie damit die Grundlage Seines ewigen Reiches. Er herrscht noch immer, während sie und ihre Namen verschwunden und vergessen sind. Er ist ewig und herrlich. Sie gibt es nicht mehr. Sie trachteten danach, Ihn zu vernichten, doch sie vernichteten sich selbst. Durch die Stürme ihrer Gegnerschaft nährten sie nur Seine Flamme. Durch Seinen Tod und durch Seine Lehren sind wir in Sein Königreich eingetreten.

Seine wesentliche Lehre war die Einheit der Menschheit und das Erlangen der höchsten menschlichen Tugenden durch die Liebe.

Er kam, um das Reich des Friedens und des ewigen Lebens zu errichten.

Könnt ihr in Seinen Worten eine Rechtfertigung für Zwietracht und Feindseligkeit finden?

Die Bestimmung Seines Lebens und der Ruhm Seines Todes bestanden darin, die Menschheit von den Sünden des Streits, des Krieges und des Blutvergießens zu befreien.

Die großen Völker der Welt rühmen sich, dass ihre Gesetze und Kultur auf der Religion Christi beruhen.

Warum führen sie dann Krieg gegeneinander?

Das Reich Christi kann nicht bewahrt werden, indem man es zerstört und ungehorsam ist.

Die Banner Seiner Armeen können nicht die Streitkräfte Satans anführen.

Bedenkt das traurige Bild, wie Italien Krieg nach Tripolis trägt.

Solltet ihr öffentlich verkünden, Italien sei ein barbarisches und kein christliches Land, so würde dies vehement abgestritten.

Aber würde Christus das, was sie in Tripolis tun, gutheißen?

Bedeutet diese Zerstörung menschlichen Lebens Gehorsam gegenüber Seinen Gesetzen und Lehren?

Wo gebietet Er das?

Wo stimmt Er dem zu?

Er wurde von Seinen Feinden getötet; Er hat nicht getötet.

Er liebte sogar jene, die Ihn ans Kreuz hängten, und betete für sie.

Diese Kriege und Grausamkeiten, dieses Blutvergießen und dieser Kummer gehören zum Antichrist, nicht zu Christus.

Es sind die Kräfte von Tod und Teufel, nicht die der Himmlischen Heerscharen. Nicht weniger bitter ist der Konflikt zwischen Sekten und Konfessionen. Christus war ein göttlicher Mittelpunkt der Einheit und Liebe. Wann immer Zwietracht statt Einheit herrscht, wo immer Hass und Streit den Platz der Liebe und geistigen Verbundenheit einnehmen, herrscht der Antichrist statt Christus. Wer hat recht in diesem Streit und Hass zwischen den Sekten? Hat Christus ihnen befohlen, einander zu lieben oder zu hassen? Er liebte sogar Seine Feinde und betete in der Stunde Seiner Kreuzigung für jene, die Ihn töteten. Um ein Christ zu sein, genügt es darum nicht, Seinen Namen zu tragen und zu sagen: »Ich gehöre zu einer christlichen Regierung.« Ein wirklicher Christ zu sein bedeutet, Diener Seiner Sache und Seines Reiches zu sein, unter Seinem Banner des Friedens und der Liebe zu allen Menschen voranzuschreiten, sein Selbst aufzuopfern und gehorsam zu sein, vom Odem des Heiligen Geistes belebt zu werden, ein Spiegel für die Strahlen der Göttlichkeit Christi zu sein, ein fruchtbeladener Baum in Seinem Garten zu sein, die Welt mit dem Lebenswasser Seiner Lehren zu erfrischen – Ihm in allem ähnlich zu werden und erfüllt zu sein vom Geiste Seiner Liebe. Preis sei Gott! Das Licht der Einheit und Liebe strahlt aus diesen Gesichtern. Diese geistige Empfänglichkeit ist fürwahr die Frucht des Himmels. Der Báb und Bahá'u'lláh verkündeten vor über sechzig Jahren die frohe Botschaft des Weltfriedens. Der Báb starb als Märtyrer für die Sache Gottes. Bahá'u'lláh litt vierzig Jahre als Gefangener und im Exil, damit das Königreich der Liebe im Osten und Westen errichtet werden möge. Er hat ermöglicht, dass wir uns in Liebe und Einheit hier treffen. Weil Er Gefangenschaft ertrug, können wir in aller Freiheit die Einheit der Menschheit verkünden, für die Er so lange und beständig eintrat. Er war angekettet in Kerkern, Er hatte nichts zu essen, Seine Mitgefangenen waren Diebe und Verbrecher, Er wurde jeder Art von Misshandlung und Quälerei ausgesetzt, aber während alledem ließ Er nie davon ab, die Wahrheit des Wortes Gottes und die Einheit der Menschheit zu verkünden. Die Macht Seines Wortes hat uns hier zusammengeführt – euch aus Amerika und mich aus Persien – alle in geistiger Liebe und Einheit. War dies in früheren Jahrhunderten möglich? Wenn es jetzt nach fünfzig Jahren des Opfers und Lehrens möglich ist, was können wir in den kommenden wundervollen Jahrhunderten erwarten? Lasst darum eure Gesichter noch stärker vor Hoffnung und himmlischer Entschlossenheit erstrahlen, um der Sache Gottes zu dienen, den Duft des göttlichen Rosengartens der Einheit zu verbreiten, geistige Empfänglichkeit in den Herzen der Menschen zu wecken, den Geist der Menschlichkeit erneut mit göttlichem Feuer zu entzünden und die Herrlichkeit des Himmels auf diese dunkle Welt des Materialismus zu übertragen. Wenn ihr diese geistige Empfänglichkeit besitzt, werdet ihr sie auch in anderen erwecken und entwickeln können. Wir können nur dann unseren Reichtum mit den Armen teilen, wenn wir selbst welchen besitzen. Wie können die Armen den Armen etwas geben? Wie kann eine Seele, die der himmlischen Gaben beraubt ist, in anderen Seelen die nötige Fassungskraft entwickeln, um solche Gaben zu empfangen? Schmückt euch selbst mit der Vollkommenheit göttlicher Tugenden. Ich hoffe, dass ihr durch den Odem des Heiligen Geistes belebt und erfrischt werdet. Dann werdet ihr tatsächlich zu den himmlischen Engeln, die gemäß der Verheißung Christi an diesem Tag erscheinen werden, um die Ernte der göttlichen Saat einzubringen. Das ist meine Hoffnung. Das ist mein Gebet für euch.

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12. April 1912 Ansprache im Studio von Miss Phillips 39 West Sixty-seventh Street, New York Aufzeichnungen von John G. Grundy Ich grüße euch in Liebe und Einheit. Die Angelegenheiten dieser Welt sind vollkommen nichtig verglichen mit der Freude und dem himmlischen Glück, den Freunden Gottes zu begegnen. Obwohl ich erschöpft bin von meiner langen Seereise, bin ich hierhergekommen, um diese große Freude und diesen großen Segen zu erleben. Der heutige Abend erfüllt mich mit größtem Glück, da ich auf diese göttliche Versammlung blicke. Eure Zusammenkunft ist gewiss ein Zeichen dafür, dass ihr die Sache Gottes unterstützt und helft, das Reich Gottes aufzubauen. Darum fühle ich mich in höchstem Maße beglückt, in eure Gesichter zu blicken und zu sehen, dass ihr durch die Macht der Gesegneten Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, zusammengekommen seid. Durch diese Versammlung haltet ihr Sein Banner hoch und helft Seiner Sache. So sehe ich, wie durch euch ein prächtiger Baum entsteht, der göttliche Früchte hervorbringen wird, um die Menschheit zu nähren. Mit Herzen, die vom Feuer der Liebe Gottes entfacht sind, und Seelen, die die Nahrung des himmlischen Geistes erfrischt, müsst ihr euch aufmachen wie die Jünger vor neunzehnhundert Jahren, um mit dem Licht Gottes auf eurem Angesicht, befreit von allem außer Gott, die Menschenherzen durch die frohe Botschaft zu beleben. Gestaltet darum euer Leben in Übereinstimmung mit dem ersten Grundsatz der göttlichen Lehre – der Liebe. Dienst für die Menschheit ist Dienst für Gott. Lasst die Liebe und das Licht des Königreiches durch euch hindurchstrahlen, bis alle, die euch sehen, durch seinen Widerschein erleuchtet werden. Seid wie Sterne, strahlend und funkelnd am Firmament des Himmels. Wisst ihr diesen Tag, an dem ihr lebt, zu schätzen? Dies ist das Jahrhundert der Gesegneten Vollkommenheit! Dies ist der Zyklus des Lichtes Seiner Schönheit! Dies ist der Tag der Erfüllung und Vollendung der Sendung aller Propheten! Dies sind die Tage der Aussaat. Dies sind die Tage, um Bäume zu pflanzen. Die Gnadengaben Gottes folgen aufeinander. Wer an diesem Tag einen Samen sät, wird seinen Lohn in den Früchten und der Ernte des himmlischen Reiches sehen. Zur rechten Zeit den Herzen der Geliebten Gottes eingepflanzt, wird diese Saat von Regenschauern der göttlichen Barmherzigkeit bewässert und vom Sonnenlicht göttlicher Liebe erwärmt. Seine Frucht und Blüte werden die Verbundenheit der Menschheit, die Vollkommenheit der Gerechtigkeit und die rühmenswerten Eigenschaften des Himmels sein, die sich in der Menschheit offenbaren werden. Alle, die einen solchen Samen säen und einen solchen Baum nach den Lehren Bahá'u'lláhs pflanzen, werden sicherlich dieses göttliche Ergebnis auf allen Stufen seiner Vollendung erleben und das Wohlgefallen des Barmherzigen erlangen. Heute handeln die Völker der Welt im Eigeninteresse, befassen sich mit vergänglichen und flüchtigen Errungenschaften und werden von den Flammen der Leidenschaft und des Selbstes verzehrt. Das Selbst bestimmt; Feindschaft und Hass setzen sich überall durch. Völker und Nationen denken nur an ihre weltlichen Interessen und Gewinne. Kriegslärm und Kampfgeschrei sind in ihren Reihen zu hören. Aber die Freunde der Gesegneten Vollkommenheit widmen sich ganz und gar den himmlischen Gedanken und der Liebe Gottes. Ihr müsst daher ohne zu zögern eure Kräfte für die Verbreitung des Lichtglanzes der Liebe Gottes einsetzen und euer Leben so gestalten, dass ihr als Beispiel für dessen Strahlen erkannt und gesehen werdet. Ihr müsst allen in liebevoller Güte begegnen, damit diese kostbare Saat, die eurer Pflege anvertraut ist, weiterwächst und ihre vollkommene Frucht hervorbringt. Dies wird die Liebe und Barmherzigkeit Gottes durch euch bewirken, sofern ihr Liebe in eurem Herzen hegt. Die Tore des Königreichs sind geöffnet. Das Licht der Sonne der Wahrheit scheint. Aus den Wolken göttlicher Barmherzigkeit regnen Edelsteine von unschätzbarem Wert herab. Die sanften Brisen eines neuen und göttlichen Frühlings tragen ihren duftenden Odem aus der unsichtbaren Welt herbei. Seid euch darum der Bedeutung dieser Tage bewusst. Erwacht und ergreift diese himmlische Gelegenheit. Strebt mit aller Kraft eurer Seele, euren Taten, Handlungen und Worten danach, die Verbreitung dieser frohen Botschaft und die Herabkunft dieser barmherzigen Gnade zu unterstützen. Ihr seid Ausdruck und Spiegel eurer Taten und Handlungen. Wenn ihr euch an die Gebote und Lehren der Gesegneten Vollkommenheit haltet, dann gehört euch die himmlische Welt und das altehrwürdige Königreich – ewiges Glück, Liebe und ewiges Leben. Die göttlichen Gaben strömen. Jedem von euch wurde die Gelegenheit gegeben, ein Baum zu werden, der reiche Früchte trägt. Dies ist die Frühlingszeit Bahá'u'lláhs. Das Grün und Blattwerk geistigen Wachstums zeigen sich in großer Fülle in den Gärten menschlicher Herzen. Erkennt den Wert dieser vorübergehenden Tage und flüchtigen Nächte. Strebt danach, eine Stufe vollkommener Liebe untereinander zu erreichen. Wo Liebe fehlt, nimmt Feindschaft zu. Wo Liebe ausgeübt wird, wird die Liebe stärker und Feindschaft schwindet dahin. Bedenkt, wie ich trotz meines fortgeschrittenen Alters und belastet durch körperliche Gebrechen den weiten Ozean überquere, um in eure Gesichter zu blicken. Ich hoffe, dass ihr alle durch das geistige Leben wie eine einzige Seele werdet, wie ein einziger Baum, der den Rosengarten des Königreichs ziert. Ich hoffe, dass die unendlichen Schätze der Gaben Gottes jetzt und immerdar euch gehören mögen. Ich bete, dass der Glanz eures Lichtes die Himmlischen Heerscharen erreicht und für immer in den Himmeln ewiger Herrlichkeit erstrahlt.

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13. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Alexander Morten 141 East Twenty-first Street, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Preis sei Gott! Dies ist eine strahlende Versammlung. Die Angesichter strahlen im Licht Gottes. Die Herzen sind hingezogen zum Reich Bahás. Ich bitte Gott, dass eure Angesichter Tag für Tag heller leuchten, dass ihr Tag für Tag Gott näherkommt, dass ihr Tag für Tag mehr von den Ausgießungen des Heiligen Geistes empfangt, sodass die Gaben des Himmels euch umhüllen. Die geistige Welt gleicht der Erscheinungswelt. Jede ist das genaue Spiegelbild der jeweils anderen. Jegliche Objekte, die in der Daseinswelt erscheinen, sind die Abbilder der himmlischen Welt. Betrachten wir die Erscheinungswelt um uns herum, so erkennen wir, dass sie in vier Jahreszeiten unterteilt ist. Eine ist die Frühlingszeit, eine weitere der Sommer, noch eine der Herbst und dann folgt auf diese drei Jahreszeiten der Winter. Wenn im Dasein die Frühlingszeit beginnt, wird die ganze Welt verjüngt und erlangt neues Leben. Die seelenerfrischende Brise weht aus allen Richtungen, die seelenbelebende Gunst ist überall, Regen fällt aus der Wolke der Barmherzigkeit herab, und die Sonne scheint auf alles. Tag für Tag bemerken wir überall um uns herum die Zeichen der Vegetation. Der Duft wunderbarer Blumen, Hyazinthen und Rosen umgibt uns. Die Bäume sind voller Blätter und Blüten, und auf die Blüten folgen Früchte. Auf Frühling und Sommer folgen Herbst und Winter. Die Blumen welken und verkümmern, die Blätter werden grau und das Leben ist dahin. Dann kommt ein weiterer Frühling; der vergangene Frühling wird erneuert und in allem erwacht wieder neues Leben. Das Erscheinen der Manifestationen Gottes ist die göttliche Frühlingszeit. Als Christus in dieser Welt erschien, war es wie der Frühlingssegen; die Ausgießung kam herab; der Strahlenglanz des Barmherzigen umgab alles; die Menschenwelt fand neues Leben. Selbst die stoffliche Welt hatte daran Teil. Die vollkommenen göttlichen Ideale wurden erhoben, Seelen wurden in den himmlischen Lehren unterrichtet, sodass das menschliche Dasein auf allen Ebenen belebt und erleuchtet wurde. Dann verflog dieser himmlische Wohlgeruch allmählich. Der Winter brach über die Welt herein. Die Schönheit des Frühlings schwand dahin. Vortrefflichkeit und Vollkommenheit vergingen. Es gab keine Anzeichen mehr von Licht und Leben. Die Erscheinungswelt mit ihren materiellen Aspekten eroberte alles. Die Geistigkeit des Lebens ging verloren. Diese Daseinswelt wurde zu einem leblosen Körper und vom Frühling verblieb keine Spur. In diese Welt ist Bahá'u'lláh gekommen. Er hat den Frühling erneuert. Der gleiche Wohlgeruch weht. Die gleiche Sonnenwärme spendet Leben. Die gleiche Wolke sendet Regen hernieder, und mit eigenen Augen sehen wir, dass die Daseinswelt große Fortschritte macht. Die Menschenwelt wird neu belebt. Ich hoffe, ihr werdet alle wie frische grüne Bäume, damit ihr durch die Brise des göttlichen Frühlings, die Ausgießung des Himmels, die Wärme der Sonne der Wahrheit auf ewig erfrischt werdet. Möget ihr Blüten hervorbringen und Früchte tragen und nicht wie unfruchtbare Bäume sein. Unfruchtbare Bäume bringen weder Früchte noch Blüten hervor. Ich hoffe, ihr werdet alle Freunde des Paradieses Abhá und erscheint in äußerster Frische und geistiger Schönheit. Ich bete für euch und bitte Gott um Beistand und Unterstützung.

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14. April 1912 Ansprache in der Church of the Ascension Fifth Avenue und Tenth Street, New York Aufzeichnungen von Aḥmad Sohráb und Howard MacNutt In seiner Schriftlesung zitierte der verehrte Doktor heute Morgen einen Vers aus dem Brief des heiligen Paulus an die Korinther: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.« A3 Das Licht der Wahrheit wurde bisher nur schwach durch verschiedenfarbige Gläser gesehen, doch nun soll der Glanz des Göttlichen durch die durchscheinenden Spiegel reiner Herzen und Seelen sichtbar werden. Das Licht der Wahrheit umfasst die göttliche Lehre, die himmlische Unterweisung, barmherzige Grundsätze und geistige Kultur. Seit meiner Ankunft in diesem Land stelle ich fest, dass die materielle Zivilisation große Fortschritte gemacht und der Handel im höchsten Maße zugenommen hat. Handwerkskunst, Landwirtschaft und alle Aspekte der materiellen Zivilisation haben die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht, aber die geistige Kultur ist zurückgeblieben. Die materielle Zivilisation gleicht der Lampe, während die geistige Kultur dem Licht der Lampe entspricht. Wenn sich die materielle Zivilisation und die geistige Kultur verbinden, dann haben wir Licht und Lampe beieinander, und das Ergebnis wird vollkommen sein. Denn die materielle Zivilisation ist wie ein schöner Körper, und die geistige Kultur gleicht dem Geist des Lebens. Wenn der wundersame Geist des Lebens in den schönen Körper eintritt, wird der Körper zum Kanal für die Verbreitung und Entwicklung der menschlichen Vollkommenheit. Jesus Christus kam, um den Menschen dieser Welt die himmlische Kultur und nicht die materielle Zivilisation zu lehren. Er hauchte den Odem des Heiligen Geistes in den Körper der Welt und stiftete eine erleuchtete Kultur. Zu den Grundsätzen der göttlichen Kultur, die Er verkündete, gehört der Größte Frieden der Menschheit. Zu Seinen Grundsätzen geistiger Kultur gehört die Einheit des Menschenreichs. Zu den Prinzipien der himmlischen Kultur, die Er brachte, gehören die Tugenden der Menschenwelt. Zu den Grundsätzen der himmlischen Kultur, die Er ankündigte, zählt die Verbesserung und Vervollkommnung der menschlichen Sitten. Die Menschheit braucht heute internationale Einheit und Versöhnung. Um diese großartigen, grundlegenden Prinzipien einzuführen, ist eine treibende Kraft nötig. Es versteht sich von selbst, dass die Einheit der Menschheit und der Größte Frieden nicht mit materiellen Mitteln herbeigeführt werden können. Sie können nicht mittels politischer Macht verankert werden, denn die politischen Interessen der Völker sind vielfältig und ihre Leitlinien sind uneinheitlich und widersprüchlich. Sie können nicht durch rassistische oder patriotische Kräfte gegründet werden, denn dies sind menschliche Faktoren, selbstsüchtig und schwach. Rassenkonflikte und patriotische Vorurteile verhindern schon allein durch ihren Charakter die Verwirklichung dieser Einheit und Verständigung. Daher ist erwiesen, dass die Förderung der Einheit der Menschheit, die das Wesen der Lehren aller Manifestationen Gottes ausmacht, ausschließlich durch göttliche Macht und den Odem des Heiligen Geistes erreichbar ist. Andere Kräfte sind zu schwach und dazu nicht in der Lage. Der Mensch braucht zwei Flügel. Der eine Flügel besteht aus körperlicher Kraft und materieller Zivilisation; der andere besteht aus geistiger Kraft und göttlicher Kultur. Mit nur einem Flügel ist das Fliegen unmöglich. Zwei Flügel sind notwendig. Deshalb kann die materielle Zivilisation, wie sehr sie auch voranschreitet, nur durch den Aufschwung der geistigen Kultur zur Vollkommenheit gelangen. Alle Propheten sind gekommen, um göttliche Gaben zu verbreiten, um eine geistige Kultur zu stiften und ethische Grundsätze zu lehren. Wir müssen uns darum mit ganzer Kraft bemühen, dass geistige Einflüsse den Sieg erringen mögen. Denn materielle Kräfte haben die Menschheit angegriffen. Die Menschenwelt ist in einem Meer des Materialismus versunken. Die Strahlen der Sonne der Wahrheit werden wie durch trübe Gläser nur schwach und dunkel wahrgenommen. Die durchdringende Kraft der göttlichen Gnade offenbart sich nicht vollständig. In Persien gab es zwischen den verschiedenen Religionen und Sekten heftige Differenzen.

Bahá'u'lláh erschien in jenem Land und stiftete eine geistige Kultur.

Er stellte die Verbindung zwischen den verschiedenen Völkern her, förderte die Einheit der Menschheit und entfaltete das Banner des Größten Friedens.

Er schrieb besondere Sendbriefe über diese Zusammenhänge an alle Könige und Herrscher der Völker.

Vor sechzig Jahren übermittelte Er den politischen Führern und den hohen geistlichen Würdenträgern der Welt Seine Botschaft.

Daher schreitet die geistige Kultur im Orient voran und Schritt für Schritt werden die Einheit der Menschheit und der Frieden zwischen den Völkern erreicht.

Jetzt sehe ich, dass von Amerika eine starke Bewegung für den Weltfrieden ausgeht.

Ich hoffe, dass dieses Banner der Einheit der Menschheit mit äußerster Entschlossenheit gehisst wird, sodass Orient und Okzident vollständig versöhnt werden und in eine vollendete Wechselbeziehung treten; dass die Herzen im Osten und im Westen vereint und zueinander hingezogen werden; dass sich echte Einheit offenbart; dass das Licht der Führung scheint; dass der göttliche Strahlenglanz Tag für Tag zu sehen ist, damit die Menschheit völlige Ruhe findet; dass das immerwährende Glück des Menschen offenbar wird und die Herzen der Völker der Welt wie Spiegel werden, die die Strahlen der Sonne der Wahrheit wiedergeben.

Daher meine Bitte, dass durch Ihr Bemühen das Licht der Wahrheit leuchte und die ewige Glückseligkeit der Menschenwelt sichtbar werde. Ich werde für Sie beten, dass Sie dieses ewig währende Glück erlangen. Als ich in dieser Stadt ankam, war ich sehr glücklich, denn ich nahm wahr, dass die Menschen hier für göttliche Gaben empfänglich und der himmlischen Kultur würdig sind. Ich bete darum, dass Sie in den Genuss aller barmherzigen Gaben gelangen mögen. O Allmächtiger! O Gott! O Du Mitleidvoller! Dein Diener ist aus den fernen Gegenden des Ostens in die Regionen des Westens geeilt, damit der Duft Deiner Gaben hier alle Sinne umschmeichelt; damit die Brise des Rosengartens der Führung über diese Städte weht; damit die Menschen die Fähigkeit erlangen, Deine Gunst zu empfangen; damit die Herzen sich an Deiner frohen Botschaft erfreuen; damit die Augen das Licht der Wahrheit erblicken; damit die Ohren auf den Ruf des Königreichs hören. O Allmächtiger! Erleuchte die Herzen. O gütiger Gott! Lass jeden Rosengarten und jede Aue diese Seelen beneiden. O unvergleichlicher Geliebter! Lass den Wohlgeruch Deiner Gaben herbeiwehen. Lass das Licht des Mitgefühls erstrahlen, damit die Herzen gereinigt und geläutert werden und damit sie Deiner Ermutigung teilhaftig werden. Wahrlich, diese Versammlung strebt nach Deinem Pfad, sucht Dein Geheimnis, erblickt Dein Antlitz und sehnt sich danach, durch Deine Eigenschaften gekennzeichnet zu werden. O Allmächtiger! Gewähre uns grenzenlose Gaben. Verleihe uns Deinen unerschöpflichen Schatz, sodass diese Hilflosen stark werden. Wahrlich, du bist der Gütige. Du bist der Freigebige. Du bist der Allwissende, der Allmächtige.

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14. April 1912 Ansprache beim Unionstreffen des Advanced Thought Centers Carnegie Lyceum West Fifty-seventh Street, New York Aufzeichnungen von Mountfort Mills und Howard MacNutt Ich bin aus fernen Landen gekommen, um Treffen und Versammlungen in diesem Land zu besuchen. Bei jedem Treffen sehe ich, wie sich Menschen versammeln, die einander lieben; darüber bin ich sehr froh. Das Band der Einheit zeigt sich heute in dieser Versammlung, in der die Macht Gottes diejenigen in Glaube, Einigkeit und Eintracht zusammengeführt hat, die sich für die Fortentwicklung der Menschheit einsetzen. Ich hoffe, die gesamte Menschheit wird in gleicher Weise durch das Band der Liebe und Eintracht vereint. Einheit ist der Ausdruck der liebevollen Macht Gottes und spiegelt die Wirklichkeit des Göttlichen wider. Sie erstrahlt an diesem Tag durch das Licht, das der Menschheit geschenkt wird. Überall im Universum erstrahlt die göttliche Macht in unendlichen Formen und Ausdrucksweisen. Die Schöpfung, die Menschenwelt, kann mit der Erde selbst verglichen werden, und die göttliche Kraft entspricht der Sonne. Diese Sonne scheint auf die ganze Menschheit. In der endlosen Vielfalt ihres Widerscheins manifestiert sich der göttliche Wille. Bedenken Sie, wie alle die Freigebigkeit derselben Sonne empfangen. Allenfalls gibt es einen Unterschied in der Intensität, denn das Strahlen ist ein einziges Strahlen – das eine Licht, das aus der Sonne hervorgeht. Dies wird die Einheit der Menschheit zum Ausdruck bringen. Der Staat, also die gesellschaftliche Einheit der Menschenwelt, kann mit einem Ozean verglichen werden, und jeder Teil, jede Einzelperson ist wie eine Welle dieses Ozeans. Das Licht der Sonne erscheint in jedem Objekt entsprechend seiner Aufnahmefähigkeit. Der Unterschied liegt einfach in der Intensität und in der Empfänglichkeit. Der Stein kann nur begrenzt Empfänger sein, während etwas anderes Erschaffenes wie ein Spiegel sein kann, in dem die Sonne vollständig reflektiert wird – doch auf beide scheint dasselbe Licht. Das Wichtigste ist, die Spiegel der Herzen so zu polieren, dass sie erleuchtet und für das göttliche Licht empfänglich werden. Das eine Herz mag die Fähigkeit des polierten Spiegels besitzen, ein anderes vom Staub und Schmutz dieser Welt bedeckt und trüb sein. Obwohl dieselbe Sonne auf beide scheint, kann man in dem polierten, reinen und geheiligten Spiegel die Sonne in ihrer ganzen Fülle, Herrlichkeit und Macht erblicken, wie sie ihre Majestät und ihren Strahlenglanz offenbart. Aber ein rostiger, trüber Spiegel hat kein Reflexionsvermögen, obwohl die Sonne selbst keineswegs schwächer oder eingeschränkt auf ihn scheint. Darum müssen wir danach trachten, die Spiegel unserer Herzen zu polieren, damit wir dieses Licht reflektieren und Empfänger der göttlichen Gnadengaben werden, die sich so gänzlich offenbaren können. Dies bedeutet die Einheit der Menschenwelt. Das heißt, wenn dieses menschliche Staatswesen einen Zustand völliger Einheit erreicht, wird der Glanz der ewigen Sonne die ganze Fülle ihres Lichtes und ihrer Wärme offenbaren. Darum dürfen wir keine Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern der Menschheitsfamilie machen. Wir dürfen niemanden als nutzlos oder unzulänglich betrachten. Wir haben die Pflicht, für die Bildung und Erziehung der Menschen zu sorgen, sodass die Sonne der Gaben Gottes in ihnen erstrahlt, und dies wird durch die Macht der Einheit der Menschheit möglich. Je mehr Liebe unter den Menschen zum Ausdruck kommt und je stärker die Macht der Einheit ist, desto umfassender wird diese Spiegelung und Offenbarung sein, denn die größte Gabe Gottes ist die Liebe. Liebe ist der Ursprung aller Gaben Gottes. Solange die Liebe nicht vom Herzen Besitz ergreift, kann sich keine andere göttliche Gabe darin offenbaren. Alle Propheten setzten sich dafür ein, in den Herzen der Menschen Liebe entstehen zu lassen. Jesus Christus strebte danach, diese Liebe in den Herzen hervorzubringen. Er ertrug alle Schwierigkeiten und Qualen, damit des Menschen Herz zur Quelle der Liebe werde. Darum sollten auch wir mit ganzem Herzen und ganzer Seele danach streben, dass diese Liebe von uns Besitz ergreift, sodass die ganze Menschheit, ob im Osten oder Westen, durch dieses Band göttlicher Liebe verbunden wird, denn wir alle sind die Wellen eines einzigen Meeres. Wir wurden alle durch dieselbe Gabe erschaffen und werden vom selben Mittelpunkt beschenkt. Die irdischen Lichter sind alle annehmbar, aber der Mittelpunkt des Glanzes ist die Sonne, und wir müssen unseren Blick auf die Sonne richten. Gott ist der alles überragende Mittelpunkt. Je mehr wir uns diesem Mittelpunkt des Lichtes zuwenden, desto größer wird unsere Aufnahmefähigkeit sein. Im Orient gab es große Unterschiede zwischen Völkern verschiedener Hautfarbe und Herkunft. Sie hassten einander, und sie pflegten keinen Umgang miteinander. Etliche Sekten standen einander feindlich und unversöhnlich gegenüber. Die verschiedenen Menschen befanden sich in ständigem Krieg und Streit. Vor ungefähr sechzig Jahren erschien Bahá'u'lláh im Orient. Er sorgte dafür, dass sich Liebe und Einheit zwischen diesen verfeindeten Völkern zeigten. Er einte sie mit dem Band der Liebe. Ihr früherer Hass und ihre Feindseligkeit legten sich, stattdessen herrschten Liebe und Einheit. Die Welt war dunkel – nun begann sie zu strahlen. Ein neuer Frühling erschien durch Ihn, denn die Sonne der Wahrheit war wieder aufgegangen. Auf den Feldern und Wiesen der Menschenherzen erblühten bunte Blumen innerer Bedeutung und die guten Früchte des Reiches Gottes wurden offenbar. Ich bin mit folgendem Auftrag hierhergekommen: Durch Ihre Bemühungen, durch Ihre himmlische Ethik, durch Ihre hingebungsvollen Bemühungen möge ein vollkommenes Band der Einheit und Liebe zwischen dem Osten und dem Westen geknüpft werden, sodass die Gaben Gottes auf alle herabkommen und alle als Teil desselben Baumes angesehen werden mögen – des großen Baumes der menschlichen Familie. Denn die Menschheit kann mit den Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten dieses Baumes verglichen werden. Die Gunstbezeigungen Gottes sind unendlich und grenzenlos. Endlose Gnadengaben umgeben die Welt. Wir müssen den Gaben Gottes nacheifern, und so wie jede von ihnen – wie etwa die Gabe des Lebens – alle umgibt und umfasst, müssen auch wir verbunden und miteinander verwoben sein, bis jeder Teil zum Ausdruck des Ganzen wird. Stellen Sie sich vor, wir pflanzen einen Samen. Daraus entsteht ein vollständiger und vollkommener Baum, und aus jedem Samen dieses Baumes kann ein weiterer Baum entstehen. Darum ist der Teil ein Ausdruck des Ganzen, denn dieser Same war ein Teil des Baumes, aber darin war der ganze Baum als Möglichkeit vorhanden. So kann jeder von uns die Fülle der Gaben des Lebens für die Menschheit sichtbar machen und verkörpern. Das ist die Einheit der Menschheit. Das ist die Gabe Gottes. Das ist das Glück der Menschenwelt und die Offenbarung göttlicher Gunst.

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15. April 1912 Ansprache im Haus von Mountfort Mills 327 West End Avenue, New York Zusammengestellt aus stenografischen Notizen von Howard MacNutt Vor einigen Tagen kam ich direkt aus Alexandria nach New York. Eine frühere Reise führte mich nach Europa, wo ich Paris und London besuchte. Paris ist der äußeren Erscheinung nach überaus schön. Die materielle Zivilisation ist dort sehr stark ausgeprägt, aber die geistige Kultur liegt weit zurück. Ich sah die Bewohner dieser Stadt in einem Meer des Materialismus versunken und darin ertrinken. Ihre Gespräche und Diskussionen drehten sich nur um natürliche und physikalische Phänomene, die Erwähnung Gottes spielte dabei keine Rolle. Ich war sehr erstaunt. Die meisten Gelehrten, Professoren und Gebildeten erwiesen sich als Materialisten. Ich sagte zu ihnen: »Ich bin überrascht und erstaunt, dass Menschen mit solchem Scharfblick und offensichtlichem Wissen immer noch Gefangene der Natur sind und die offensichtliche Wahrheit nicht erkennen.« Die Erscheinungswelt unterliegt vollständig der Herrschaft und Kontrolle der Naturgesetze.

Diese Myriaden von Sonnen, Planeten und Himmelskörpern im endlosen Raum sind alle Gefangene der Natur.

In keinem Punkt oder Bereich können sie von den unveränderlichen Gesetzen abweichen, die das stoffliche Universum regieren.

Die Sonne in ihrer gewaltigen Größe, der Ozean in seiner Weite sind nicht in der Lage, diesen universellen Gesetzen zuwiderzuhandeln.

Alle Wesen in der Erscheinungswelt – die Pflanzen in ihrem Reich, sogar die Tiere trotz ihrer Intelligenz – sind der Natur untergeben und ihr ausgeliefert.

Alle leben innerhalb der Grenzen der Naturgesetze, und die Natur ist Herrscher über alles, mit Ausnahme des Menschen.

Der Mensch ist kein Gefangener der Natur, denn obwohl er nach dem Naturgesetz ein Lebewesen der Erde ist, führt er Schiffe über den Ozean, fliegt in Flugzeugen durch die Luft und taucht mit U-Booten hinab.

Er hat also die Naturgesetze überwunden und sie seinen Wünschen unterworfen.

Er schließt zum Beispiel in eine Glühlampe die unbegrenzte Naturenergie ein, die wir Elektrizität nennen – eine materielle Kraft, die Berge spalten kann – und gebietet ihr, ihm Licht zu geben.

Er nimmt die menschliche Stimme zu seinem Nutzen und Vergnügen im Phonographen auf.

Seinem natürlichen Leistungsvermögen zufolge sollte der Mensch nur über eine geringe Entfernung kommunizieren können, aber indem er die Beschränkungen der Natur überwindet, kann er räumliche Entfernungen aufheben und telefonische Nachrichten über Tausende von Kilometern senden.

Alle Wissenschaften, Künste und Entdeckungen waren Naturgeheimnisse und nach dem Naturgesetz sollten diese Geheimnisse versteckt und verborgen bleiben, aber dem Menschen ist es gelungen, dieses Gesetz auszuhebeln, sich von dieser Regel zu befreien und alles in das Reich des Sichtbaren zu holen.

Er ist also der Herrscher und Befehlshaber der Natur.

Der Mensch besitzt Verstand – die Natur nicht.

Der Mensch besitzt Willen – die Natur nicht.

Der Mensch besitzt Erinnerungsvermögen – die Natur nicht.

Der Mensch besitzt Denkvermögen – die Natur ist davon ausgeschlossen.

Der Mensch besitzt die Wahrnehmungsfähigkeit – die Natur kann nicht wahrnehmen.

Es ist also klar bewiesen, dass der Mensch erhabener als die Natur ist. Wenn wir der Annahme zustimmen, dass der Mensch lediglich ein Teil der Natur ist, müssen wir uns mit einer unlogischen Aussage auseinandersetzen, denn dies wäre gleichbedeutend mit der Behauptung, ein Teil könne Eigenschaften besitzen, die dem Ganzen fehlen. Denn der Mensch, der ein Teil der Natur ist, besitzt Wahrnehmung, Intelligenz, Gedächtnis, bewusstes Nachdenken und Empfänglichkeit, während die Natur selbst keine dieser Eigenschaften besitzt. Wie ist es dem Teil möglich, Eigenschaften oder Fähigkeiten zu besitzen, die dem Ganzen fehlen? Die Wahrheit ist, dass Gott dem Menschen gewisse Kräfte gegeben hat, die über die Naturgesetze hinausreichen. Wie kann dann der Mensch als Gefangener der Natur angesehen werden? Beherrscht und kontrolliert er die Natur nicht zunehmend zu seinem eigenen Nutzen? Ist er nicht nahezu göttlich in Bezug auf die Natur? Könnten wir sagen, die Natur sei blind, die Natur könne nicht wahrnehmen, die Natur habe keinen Willen und sei nicht lebendig, und dann den Menschen auf die Natur und ihre Begrenzungen herabstufen? Wie können wir auf diese Frage antworten? Wie werden die Materialisten und gelehrten Atheisten eine solche Annahme beweisen und unterstützen? Tatsächlich unterwerfen sie selbst die Naturgesetze ihren eigenen Wünschen und Zielen. Damit ist der Nachweis erbracht, dass es im Menschen eine Fähigkeit gibt, die jenseits der Grenzen der Natur liegt, und diese Fähigkeit ist eine Gabe Gottes. In New York treffe ich auf Menschen mit größerer geistiger Empfänglichkeit. Sie sind nicht bloß Gefangene unter der Herrschaft der Natur; sie erheben sich über die Fesseln und die Last der Gefangenschaft. Aus diesem Grund bin ich sehr glücklich und hoffnungsvoll, dass die menschlichen Tugenden, so Gott will, in diesem bevölkerungsreichen Land, auf diesem riesigen Kontinent des Westens erstrahlen, dass die weltumspannende Macht der menschlichen Einheit, die Liebe Gottes, die Herzen entzündet, und dass der internationale Frieden seine Banner hisst und von hier aus alle anderen Regionen und Länder beeinflusst. Das ist meine Hoffnung.

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16. April 1912 Ansprache im Hotel Ansonia vor Bahá'í-Freunden aus New Jersey. Broadway and Seventy-third Street, New York Aufzeichnungen von Aḥmad Sohráb Menschen aus Ost und West wurden hier durch die Macht des Heiligen Geistes zusammengebracht. Durch materielle Mittel allein wäre eine solche Versammlung unmöglich. Ein solches Treffen hat es in New York noch nie gegeben, denn hier sind heute Abend Menschen aus fernen Weltgegenden mit den Menschen Amerikas in größter Liebe und geistiger Einheit verbunden. Das ist nur durch die Macht Gottes möglich. Vor neunzehnhundert Jahren erschien Christus in dieser Welt, um Bande der Einheit und Liebe zwischen den verschiedenen Völkern und unterschiedlichen Gemeinschaften zu knüpfen. Er verschmolz das Wissen Roms mit der Pracht griechischer Kultur. Er erreichte auch den Zusammenschluss des Assyrischen Reiches mit der Macht Ägyptens. Diese Völker in Einheit, Liebe und Eintracht zusammenzuführen, war unmöglich gewesen, aber Christus hat dies durch göttliche Macht zwischen den Menschenkindern vollbracht. Heute begegnen wir viel größeren Schwierigkeiten, wenn wir versuchen, die Einheit von Orient und Okzident herzustellen. Bahá'u'lláh hat durch die Macht des Himmels den Osten und den Westen zusammengebracht. Schon bald werden wir erkennen, dass sie durch die Macht Gottes fest miteinander verbunden sind. Die Einheit der Menschheit wird das Banner der Eroberung ersetzen und alle Gemeinschaften der Erde werden sich in ihrem Schutz versammeln. Es wird kein Land mehr geben, das so trennende und einschränkende Grenzen wie etwa Persien hat. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden nur noch als Name bekannt sein. Deutschland, Frankreich, England, die Türkei, Arabien – alle diese verschiedenen Nationen werden in Einheit verbunden sein. Wenn die Menschen in der Zukunft gefragt werden: »Zu welchem Land gehörst du?« wird die Antwort lauten: »Zum Land der Menschheit. Ich lebe unter dem Schatten Bahá'u'lláhs. Ich bin der Diener Bahá'u'lláhs. Ich gehöre zur Armee des Größten Friedens.« Die Menschen der Zukunft werden nicht sagen: »Ich gehöre dem englischen, französischen oder persischen Volk an«; denn alle werden Angehörige einer weltumfassenden Nation sein – dieser einen Familie, dieses einen Landes, dieser einen Menschheit – und dann werden Kriege, Hass und Streit vergehen. Bahá'u'lláh erschien in einem Land, das Mittelpunkt von Vorurteilen war. In diesem Land gab es viele verschiedene Gemeinschaften, Religionen, Sekten und Konfessionen. Zwischen ihnen herrschten alle erdenklichen Feindseligkeiten vergangener Jahrhunderte. Sie waren bereit, einander zu töten. Sie betrachteten das Töten Andersgläubiger als einen Akt des Gottesdienstes. Bahá'u'lláh stellte derartige Einheit und Eintracht zwischen diesen verschiedenen Gemeinschaften her, dass wir jetzt die größte Liebe und Freundschaft zwischen ihnen erleben. Heute sehnen sich die Bahá'í des Ostens aus tiefstem Herzen danach, euch von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Ihre größte Hoffnung und ihr größter Wunsch ist, dass der Tag komme, an dem sie sich mit euch an einem Ort versammeln. Bedenkt die Kraft, die diesen wunderbaren Wandel vollbracht hat. Der Körper der Menschheit ist krank.

Seine Arznei und Heilung wird die Einheit der Menschheit sein.

Sein Leben ist der Größte Frieden.

Seine Erleuchtung und Belebung ist die Liebe.

Sein Glück ist das Erlangen geistiger Vollkommenheit.

Es ist mein Wunsch und meine Hoffnung, dass wir in den Gaben und Gunstbezeugungen der Gesegneten Vollkommenheit neues Leben finden, daraus neue Kraft schöpfen und Zugang zu einer wunderbaren, überragenden Energiequelle erhalten, sodass der gottgewollte größte Frieden auf Grundlage der Verbundenheit der Menschheit mit Gott errichtet wird.

Möge die Liebe Gottes von dieser Stadt, von diesem Treffen aus in alle umliegenden Länder verbreitet werden.

Nein, möge Amerika zu einem Mittelpunkt werden, von dem aus sich die geistige Erleuchtung verbreitet und die ganze Welt diesen himmlischen Segen empfängt!

Denn Amerika hat größere und wunderbarere Kräfte und Fähigkeiten entwickelt als andere Nationen.

Es stimmt zwar, dass dieses Volk eine wunderbare materielle Zivilisation aufgebaut hat, aber ich hoffe, dass geistige Kräfte diesen großen Staatskörper beleben und eine entsprechende geistige Kultur hervorbringen werden.

Mögen die Bewohner dieses Landes wie Engel des Himmels werden, deren Antlitz fortwährend auf Gott gerichtet ist.

Mögen sie alle zu Dienern des Allmächtigen werden.

Mögen sie sich über ihre gegenwärtigen materiellen Errungenschaften hinaus zu solchen Höhen erheben, dass aus diesem Mittelpunkt allen Völkern der Welt himmlische Erleuchtung zuströmt. Das göttliche Jerusalem ist vom Himmel herabgekommen. Die Braut Zions ist erschienen. Die Stimme des Reiches Gottes wurde erhoben. Möget ihr höchste Befähigung und magnetische Anziehungskraft in diesem Reich der Macht und Kraft erlangen. Möget ihr neue Energie und wunderbare Ergebnisse hervorbringen, denn Gott ist euer Beistand und Helfer. Der Odem des Heiligen Geistes ist euer Tröster, und die Engel des Himmels umgeben euch. Ich wünsche euch diese Kraft. Seid versichert, dass diese himmlischen Gnadengaben euch jetzt beschirmen.

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17. April 1912 Ansprache im Hotel Ansonia Broadway und Seventy-third Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Bei meinen Besuchen in London und Paris letztes Jahr habe ich viele Gespräche mit den europäischen materialistischen Philosophen geführt.

Die Grundlage all ihrer Schlussfolgerungen ist, dass sich der Wissenserwerb über beobachtbare Vorgänge aus einem festen, unveränderlichen Gesetz ergibt – einem Gesetz, das mit mathematischer Genauigkeit durch unsere Sinne zur Anwendung kommt.

So sieht etwa das Auge einen Stuhl – darum gibt es keinen Zweifel an der Existenz des Stuhls.

Das Auge blickt in den Himmel und sieht die Sonne.

Ich sehe Blumen auf diesem Tisch und rieche ihren Duft.

Ich höre Geräusche draußen und so weiter.

Dies, so sagen sie, ist ein unumstößliches mathematisches Gesetz der Wahrnehmung und der Schlussfolgerung, dessen Anwendung keinerlei Zweifel zulässt; denn da das Universum durch unsere Sinneswahrnehmung zugänglich ist, erklärt sich von selbst, dass wir es auch über die Sinne erforschen müssen.

Die Materialisten sagen also, der Prüfstein und Maßstab menschlichen Wissens sei die Sinneswahrnehmung.

Bei den Griechen und Römern galt der Verstand als Maßstab des Wissens – alles, was für den Verstand beweisbar und annehmbar sei, müsse notwendigerweise wahr sein.

Ein dritter Maßstab oder Prüfstein ist die von Theologen vertretene Meinung, dass Traditionen, also die Aussagen der Propheten und ihre Interpretationen, die Grundlage menschlichen Wissens ausmachen.

Es gibt noch einen weiteren, einen vierten Prüfstein für religiöse Menschen und Metaphysiker, die sagen, dass die Quelle und der Kanal, um sich das Unbekannte zu erschließen, für den Menschen die Inspiration sei.

Kurz:

Gemäß menschlicher Erklärungsmodelle lauten die vier Prüfsteine: erstens Sinneswahrnehmung, zweitens Vernunft, drittens Traditionen und viertens Inspiration. In Europa habe ich den Philosophen und Wissenschaftlern des Materialismus gesagt, dass die Sinne als Maßstab nicht zuverlässig sind.

Denkt etwa an einen Spiegel und die darin reflektierten Bilder.

Diese Bilder haben keine wirkliche körperliche Existenz.

Wenn ihr aber nie einen Spiegel gesehen hättet, würdet ihr fest darauf beharren und daran glauben, sie wären real.

In der Wüste sieht das Auge in einer Fata Morgana einen See voller Wasser, aber das ist nicht die Wirklichkeit.

Wenn wir an Deck eines Dampfers stehen, scheint das Ufer sich zu bewegen, doch wir wissen, dass das Land stillsteht und wir uns bewegen.

Man war überzeugt, die Erde stünde fest und die Sonne würde sich um sie drehen, aber obwohl dies so zu sein scheint, ist heute das Gegenteil bewiesen.

Eine rotierende Fackel lässt vor dem Auge einen Feuerkreis erscheinen, doch wir sind uns bewusst, dass da nur ein Lichtpunkt vorhanden ist.

Wir sehen, wie sich ein Schatten über den Boden bewegt, aber er hat keine materielle Existenz, keine Substanz.

In den Wüsten erzeugen besondere atmosphärische Einflüsse Trugbilder, die das Auge täuschen.

Einmal sah ich eine Luftspiegelung, in der eine ganze Karawane in den Himmel hinaufzuziehen schien.

Im hohen Norden gibt es andere Trugbilder, die das menschliche Auge verwirren.

Manchmal erstrahlen drei oder vier Sonnen zur selben Zeit, die von den Wissenschaftlern Scheinsonnen genannt werden, während wir wissen, dass es nur das eine große Sonnengestirn gibt, das sich nicht bewegt oder vervielfältigt.

Kurz:

Die Sinne werden ständig getäuscht und wir sind unfähig, die Wirklichkeit vom Nicht-Wirklichen zu unterscheiden. Auch der zweite Prüfstein – die Vernunft – ist unzuverlässig und man sollte sich nicht von ihr abhängig machen. Diese Menschenwelt ist ein Meer verschiedener Ansichten. Wenn die Vernunft der vollkommene Maßstab und Prüfstein des Wissens ist, warum gibt es dann gegensätzliche Ansichten und warum stimmen die Philosophen so gar nicht miteinander überein? Das ist ein klarer Beweis, dass man sich auf die menschliche Vernunft als unfehlbaren Prüfstein nicht verlassen kann. Beispielsweise werden große Entdeckungen und Aussagen früherer Jahrhunderte von heutigen Wissenschaftlern laufend umgestoßen und verworfen. Mathematiker, Astronomen und Chemiker widerlegen und verwerfen fortwährend die Schlussfolgerungen ihrer Vorgänger. Nichts steht fest, nichts ist endgültig. Alles verändert sich ständig, weil die menschliche Vernunft auf neuen Forschungswegen voranschreitet und täglich zu neuen Schlussfolgerungen gelangt. In der Zukunft wird vieles verworfen und widerlegt werden, was jetzt verkündet und als wahr angenommen wird. Und so wird es endlos weitergehen. Auch der dritte Prüfstein – die Traditionen –, den Theologen als Erkenntnisweg und -norm ansehen, stellt sich bei näherer Betrachtung als gleichermaßen unzuverlässige Quelle und ungeeignete Grundlage heraus. Denn religiöse Traditionen sind der Bericht und die Aufzeichnung vom Verständnis und der Auslegung der Heiligen Schrift. Wie ist man zu diesem Verständnis, dieser Interpretation gekommen? Mittels Analyse durch den menschlichen Verstand. Wenn wir das Buch Gottes lesen, ist der Verstand die Fähigkeit, durch die wir zu Schlussfolgerungen gelangen. Der Verstand ist das Denkvermögen. Wie können wir die Bedeutungen des Wortes Gottes verstehen, wenn wir nicht mit vollkommenem Verstand begabt sind? Wie bereits dargelegt gilt, dass der menschliche Verstand seinem Wesen nach begrenzt und in seinen Schlussfolgerungen fehlbar ist. Er kann die Wahrheit Selbst, das Unendliche Wort, nicht umfassen. Da nun die Quelle der Traditionen und Interpretationen der menschliche Verstand ist und der menschliche Verstand fehlbar ist, wie können wir uns da auf seine Erkenntnisse verlassen, um wahres Wissen zu erlangen? Der vierte von mir genannte Prüfstein ist die Inspiration, die, so wird behauptet, Zugang zur Wirklichkeit des Wissens eröffnet. Was ist Inspiration? Sie ist der Einfluss des Menschenherzens. Aber was sind satanische Eingebungen, die die Menschheit heimsuchen? Auch sie sind der Einfluss des menschlichen Herzens. Wie sollen wir zwischen beiden unterscheiden? Das wirft die Frage auf, wie wir wissen können, ob wir einer Eingebung von Gott oder satanischen Einflüsterungen der menschlichen Seele folgen. Für die materielle Erscheinungswelt des Menschen heißt das zusammengefasst, dass es nur diese vier Prüfsteine oder Zugänge zum Wissen gibt, die aber alle mangelhaft und unzuverlässig sind. Was bleibt dann? Wie können wir zu wahrer Erkenntnis gelangen? Durch den Odem und die Eingebungen des Heiligen Geistes, der Inbegriff von Licht und Erkenntnis ist. Durch ihn wird der Menschengeist belebt und gelangt zu den richtigen Schlüssen und zu vollkommener Erkenntnis. Dieses schlüssige Argument zeigt, dass alle vorhandenen menschlichen Prüfsteine dem Irrtum unterliegen und mangelhaft sind, der göttliche Wissensmaßstab aber unfehlbar. Daher ist der Mensch nicht berechtigt zu sagen: »Ich weiß es, weil ich es durch meine Sinne wahrnehme«, oder: »Ich weiß es, weil mein Verstand es beweist«, oder: »Ich weiß es, weil es der Tradition und Interpretation der Heiligen Schrift entspricht«, oder: »Ich weiß es, weil ich inspiriert bin«. Alle menschlichen Maßstäbe sind fehlerbehaftet und beschränkt.

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17. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von John G. Grundy In den Heiligen Schriften ist verzeichnet: Wenn die Sonne der Wahrheit aufgeht, wird dies im Osten geschehen und ihr Licht wird im Westen widergespiegelt. Die Morgendämmerung hat den Osten bereits erfasst, und im Westen erscheinen ihre Zeichen. Ihr Licht wird sich schnell und weit im Okzident ausbreiten. Die Sonne der Wahrheit ist in Persien aufgegangen, und ihr Strahlenglanz offenbart sich hier und jetzt in Amerika. Dies ist der größte Beweis für Ihr Erscheinen am Horizont der Welt, so wie es in den himmlischen Büchern verzeichnet ist. Preis sei Gott! Was in den Heiligen Schriften prophezeit wurde, hat sich erfüllt. Die verehrte Seele, die am vergangenen Sonntag in der Carnegie Hall 'Abdu'l-Bahá vorstellte, erklärte, dass nach der Überlieferung Dämonen aus dem Land des Sonnenaufgangs auftauchen würden, aber nun sehen wir stattdessen Engel erscheinen. Es war nicht möglich, direkt darauf zu antworten, aber heute werden wir darüber sprechen. Die großen Lichtgestalten des Geistes sind immer im Osten erschienen. Die Gesegnete Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, erschien im Osten. Jesus Christus erschien am Horizont des Ostens. Moses, Aaron, Josef und alle israelitischen Propheten wie Jeremia, Hesekiel, Jesaja und andere erschienen im Orient. Das Licht Muḥammads und das des Báb schienen aus dem Osten. Der östliche Horizont wurde vom Glanz dieser großen Lichtgestalten überflutet, und sie sind alle im Osten aufgestiegen, um auf den Westen zu scheinen. Preis sei Gott! – Ihr lebt jetzt in der Morgendämmerung eines Zyklus, in dem die Sonne der Wahrheit erneut vom Osten her scheint und alle Gegenden erleuchtet. Die Welt ist zu einer neuen Welt geworden. Die Dunkelheit der Nacht, die die Menschheit umgab, ist vorbei. Ein neuer Tag ist angebrochen. Die Erziehung durch die Sonne der Wahrheit lässt Empfänglichkeit für das Göttliche und himmlische Fähigkeiten in den Seelen der Menschen aufkeimen. Die Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten. Ihre Lebensbedingungen sind vielfältig. Stellt euch beispielsweise bestimmte Mineralien aus steinigen Erdregionen vor. Alle sind sie Mineralien und entstanden unter derselben Sonne, aber eines bleibt ein simpler Stein, während ein anderes die Eigenschaften eines glitzernden Edelsteines oder Juwels entwickelt. Auf einem Stück Erde wachsen Tulpen und Hyazinthen, auf einem anderen Dornengestrüpp und Disteln. Jede Bodenfläche empfängt die Fülle der Sonnenstrahlen, aber ihre Aufnahmefähigkeit ist nicht die gleiche. Deshalb müssen wir Aufnahmefähigkeit und geistige Empfänglichkeit entwickeln, damit die für dieses Zeitalter und unsere Zeit bestimmten Gnadengaben der Sonne der Wahrheit von uns widergespiegelt werden wie Licht von einem reinen Kristall. Die Gaben der Gesegneten Vollkommenheit sind unermesslich. Wir müssen uns bemühen, unsere Fassungskraft täglich zu steigern, unsere Empfänglichkeit für diese Gaben zu stärken und zu erweitern, damit wir zu vollkommenen Spiegeln werden. Je besser ein Spiegel poliert und gereinigt ist, desto strahlender kann er das Licht der Sonne der Wahrheit widerspiegeln. Seid wie ein gut gepflegter Garten, in dem die Rosen und bunten Blumen des Himmels voller Duft und Schönheit wachsen. Ich hoffe, dass sich eure Herzen in aufnahmebereiten Boden verwandeln, sorgfältig gepflügt und vorbereitet, auf den die göttlichen Gabenschauer der Gesegneten Vollkommenheit herabregnen und über den die sanften Winde dieser göttlichen Frühlingszeit mit belebenden Brisen wehen. Dann wird der Garten eurer Herzen Blumen hervorbringen, die mit ihrem herrlichen Duft den himmlischen Gärtner erfrischen werden. Lasst eure Herzen die Herrlichkeit der Sonne der Wahrheit in ihren vielen Farben widerspiegeln, um das Auge des göttlichen Gärtners, der sie genährt hat, zu erfreuen. Sorgt dafür, dass ihr Tag für Tag stärker angezogen werdet, damit die Liebe Gottes alle erleuchtet, mit denen ihr in Kontakt kommt. Seid wie ein einziger Geist, eine einzige Seele, wie die Blätter eines einzigen Baumes, die Blumen eines einzigen Gartens, die Wellen eines einzigen Ozeans. Da die Menschenseelen über unterschiedliches Fassungsvermögen verfügen und sich die Fähigkeiten unterscheiden, unterscheiden sich auch persönliche Eigenarten. Tatsächlich ist dies ein Grund für Einheit, nicht für Zwietracht und Feindschaft. Wenn die Blumen eines Gartens alle eine einzige Farbe hätten, wäre dies für das Auge eintönig, aber es ist äußerst wohltuend und wunderbar, wenn die Farben bunt gemischt sind. Der vielfältige Farbenschmuck und die Unterschiede, wie die Blumen das Licht widerspiegeln, verleihen dem Garten seine Schönheit und seinen Zauber. Daher sollten wir, trotz aller Unterschiede in unserer Persönlichkeit, unseren Vorstellungen und unserer Ausstrahlung, wie die Blumen desselben göttlichen Gartens danach streben, in Harmonie zusammenzuleben. Auch wenn jede Seele ihren eigenen Duft und ihre eigene Farbe hat, spiegeln alle dasselbe Licht, tragen alle zum Wohlgeruch derselben Brise bei, die durch den Garten weht, und alle gedeihen in völliger Harmonie und Übereinstimmung. Werdet wie die Wellen eines einzigen Meeres, die Bäume eines einzigen Waldes, die sich in äußerster Liebe, Einvernehmen und Einheit entwickeln. Wenn Ihr ein solches Ausmaß an Liebe und Einheit erlangt, wird die Gesegnete Vollkommenheit unendliche Gnadengaben des Geistigen Königreiches zu euch herabströmen lassen, euch unter dem Schirm Seines Wortes führen, schützen und bewahren, euer Glück in dieser Welt mehren und euch in allen Schwierigkeiten beistehen. Deshalb hoffe ich, dass Ihr von Tag zu Tag immer heller am Horizont des Himmels erstrahlen werdet, dem Königreich Abhá immer näher kommt und immer größere Gaben der Gesegneten Vollkommenheit erlangt. Ich freue mich, denn ich spüre die Zeichen großer Liebe unter euch. Ich reise nach Chicago, und ich hoffe, dass die Liebe bis zu meiner Rückkehr grenzenlos gewachsen ist. Das wird eine immerwährende Freude für mich und die Freunde im Orient sein.

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18. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Marshall L. Emery 273 West Ninetieth Street, New York Aufzeichnungen von Miss Dixon Heute Abend möchte ich etwas über die Geschichte der Bahá'í-Offenbarung erzählen. Die Gesegnete Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, gehörte zum persischen Adel. Von frühester Kindheit an war Er unter Seinen Verwandten und Freunden etwas Besonderes. Sie sagten: »Dieses Kind hat außergewöhnliche Kräfte.« An Weisheit, Intelligenz und als Quelle neuer Erkenntnisse war Er Seinem Alter voraus und Seiner Umgebung überlegen. Alle, die Ihn kannten, waren erstaunt über Seine frühe Reife. Sie pflegten zu sagen: »So ein Kind wird nicht alt«, denn man glaubt gemeinhin, dass frühreife Kinder das Reifealter nicht erreichen. In der Jugend besuchte die Gesegnete Vollkommenheit keine Schule. Er wollte keinen Unterricht. Diese Tatsache ist unter den Persern in Teheran bekannt und belegt. Trotzdem konnte Er die schwierigen Probleme aller lösen, die zu Ihm kamen. Er wurde in jeder Zusammenkunft, wissenschaftlichen Versammlung oder theologischen Diskussion, in der man Ihn antraf, zur anerkannten Autorität für die Klärung komplizierter und verwirrender Fragen. Bis zum Tode Seines Vaters strebte Bahá'u'lláh keine Position oder politische Stellung an, trotz Seiner Beziehungen zur Regierung. Dies sorgte für Verwunderung und Gerede. Man sagte häufig: »Wie kommt es, dass ein junger Mann mit solch scharfer Intelligenz und feinem Verständnis kein lukratives Amt sucht? Ihm steht doch jede Position offen.« Dies ist eine historische Aussage, die von den Persern gänzlich bestätigt wird. Er war höchst freigebig und gab den Armen reichlich. Niemand, der zu Ihm kam, wurde zurückgewiesen. Sein Haus stand allen offen. Er hatte immer viele Gäste. Diese grenzenlose Großzügigkeit führte zu noch größerem Erstaunen angesichts der Tatsache, dass Er weder Amt noch Würden suchte. Seine Freunde meinten dazu, Er werde verarmen, denn Er hatte viele Ausgaben und Sein Vermögen schwand zusehends. »Warum kümmert er sich nicht um seine eigenen Angelegenheiten?«, fragten sie einander; aber einige Weise erklärten: »Diese Persönlichkeit ist mit einer anderen Welt verbunden; er hat etwas Erhabenes an sich, das jetzt noch nicht offenkundig ist. Der Tag wird kommen, da dies offenbar wird.« Die Gesegnete Vollkommenheit bot wahrhaftig jedem Schwachen Zuflucht, jedem Furchtsamen Schutz. Er war gütig zu jedem Bedürftigen, nachsichtig und liebevoll zu allen Geschöpfen. Er wurde bekannt für diese Eigenschaften, noch bevor der Báb erschien. Dann erklärte Bahá'u'lláh die Sendung des Báb für wahr und verbreitete Dessen Lehren. Der Báb verkündete, dass nach Ihm die größere Offenbarung erscheinen würde, und nannte den Verheißenen »Ihn, den Gott offenbaren wird«. Er sagte, dass neun Jahre später die Wahrheit von Seiner eigener Sendung offen zutage treten werde. In Seinen Schriften erklärte Er, dass im neunten Jahr dieser Verheißene erkannt werden würde; im neunten Jahr würden die Menschen zur vollen Herrlichkeit und Glückseligkeit gelangen; im neunten Jahr würden sie schnell vorankommen. Es gab eine persönliche Korrespondenz zwischen Bahá'u'lláh und dem Báb. Der Báb schrieb einen Brief mit dreihundertsechzig Ableitungen des Wortes ›Bahá‹. Der Báb starb in Tabríz den Märtyrertod und Bahá'u'lláh, der 1852 in den Irak verbannt wurde, verkündete Seine Sendung in Baghdád. Die persische Regierung war zu dem Schluss gekommen, solange Er in Persien weile, sei der Landesfrieden gefährdet. Daher wurde Er verbannt, in der Erwartung, dass Persien dadurch zur Ruhe kommen würde. Seine Verbannung führte jedoch zu einem gegenteiligen Effekt. Es kam zu erneuter Aufruhr, und überall im Land sprach man über Seine Größe und Seinen Einfluss. Die Verkündigung Seiner Offenbarung und Sendung erfolgte in Baghdád. Er rief dort Seine Freunde zusammen und sprach zu ihnen über Gott. Eines Tages verließ Er die Stadt und zog sich allein in die Berge Kurdistáns zurück, wo Er in Höhlen und Grotten wohnte. Einen Teil dieser Zeit verbrachte Er in der Stadt Sulaymáníyyih. Es vergingen zwei Jahre, in denen weder Seine Freunde noch Seine Familie wussten, wo Er sich befand. Obwohl Bahá'u'lláh während Seiner Zurückgezogenheit allein, abgeschieden und unerkannt lebte, verbreitete sich in ganz Kurdistán die Kunde von einer äußerst bemerkenswerten und gelehrten Persönlichkeit, begabt mit wunderbarer Anziehungskraft. In kurzer Zeit war Kurdistán von Seiner Liebe ergriffen. Während dieser Zeit lebte Bahá'u'lláh in Armut. Er trug die Kleidung der Armen und Bedürftigen. Er aß die Nahrung der Mittellosen und Geringen. Ihn umgab eine majestätische Ausstrahlung wie die Mittagssonne. Überall wurde Er sehr verehrt und geliebt. Nach zwei Jahren kehrte Er nach Baghdád zurück. Freunde aus Seiner Zeit in Sulaymáníyyih besuchten Ihn dort. Sie fanden Ihn in Seiner gewohnten, bequemen und von Wohlstand geprägten Umgebung wieder und staunten über die gesellschaftliche Stellung dieses Einen, der in Kurdistan abgeschieden unter so ärmlichen Bedingungen gelebt hatte. Die persische Regierung glaubte, dass die Verbannung der Gesegneten Vollkommenheit aus Persien die Ausrottung Seiner Sache in diesem Land bedeuten würde. Diese Herrscher mussten nun erkennen, dass sie sich noch schneller ausbreitete. Sein Ansehen nahm zu; Seine Lehren wurden weiter verbreitet. Also nutzten die Führer Persiens ihren Einfluss, um Bahá'u'lláh aus Baghdád verbannen zu lassen. Er wurde von den türkischen Behörden nach Konstantinopel zitiert. Während Seiner Zeit in Konstantinopel sah Er über jede Beeinträchtigung hinweg, insbesondere über die Feindseligkeit seitens der staatlichen und geistlichen Obrigkeit. Die offiziellen Vertreter Persiens übten erneut Druck auf die türkischen Behörden aus und erreichten, dass Bahá'u'lláh von Konstantinopel nach Adrianopel verbannt wurde. Das Ziel war, Ihn so weit wie möglich von Persien fernzuhalten und Seine Kommunikation mit diesem Land zu erschweren. Trotzdem breitete sich die Sache immer noch aus und nahm an Stärke zu. Schließlich berieten sie sich und sprachen: »Wir haben Bahá'u'lláh von Ort zu Ort verbannt, aber jedes Mal, wenn er verbannt wird, breitet sich seine Sache weiter aus, seine Botschaft gewinnt an Kraft, und Tag für Tag scheint sein Licht heller. Das liegt daran, dass wir ihn in große Städte und bevölkerungsreiche Gebiete verbannt haben. Wir werden ihn deshalb als Gefangenen in eine Strafkolonie schicken, sodass alle erfahren mögen, dass er der Komplize von Mördern, Räubern und Kriminellen ist. In kurzer Zeit werden er und seine Anhänger umkommen.« Der türkische Sulṭán verbannte Ihn daraufhin in das Gefängnis von 'Akká in Syrien. A4 Als Bahá'u'lláh in 'Akká ankam, konnte Er durch die Macht Gottes Sein Banner hissen. Sein Licht war anfangs ein Stern gewesen. Jetzt wurde es zu einer mächtigen Sonne, und das Licht Seiner Sache breitete sich vom Osten in den Westen aus. Innerhalb der Gefängnismauern schrieb Er Sendbriefe an alle Könige und Herrscher der Völker und rief sie zu Aussöhnung und Weltfrieden auf. Einige der Könige begegneten Seinen Worten mit Verachtung und Geringschätzung. Einer davon war der Sulṭán des Osmanischen Reiches. Napoleon III. von Frankreich antwortete nicht. Ein zweites Sendschreiben wurde an ihn geschickt. Darin stand: »Ich habe dir zuvor einen Brief geschrieben, der dich zur Sache Gottes ruft, aber du gehörst zu den Achtlosen. Du hast verkündet, du seiest der Verteidiger der Unterdrückten. Nun ist klar geworden, dass du das nicht bist. Du bist auch nicht gütig gesinnt gegenüber deinem eigenen leidenden und unterdrückten Volk. Deine Handlungen sind deinen eigenen Interessen entgegengesetzt, und dein königlicher Stolz muss zu Fall kommen. Wegen deiner Arroganz wird Gott in Kürze deine Oberherrschaft vernichten. Frankreich wird dir entgleiten und du wirst von einer großen Niederlage überwältigt werden. Wehklagen und Trauer werden die Folge sein und Frauen werden den Verlust ihrer Söhne beweinen.« Diese Anklage gegen Napoleon III. wurde veröffentlicht und verbreitet. Lest sie und überlegt: Ein Gefangener, allein und einsam, ohne Beistand oder Verteidiger, ein Ausländer und Fremder, eingekerkert in der Festung 'Akkás, schrieb solche Briefe an den Kaiser von Frankreich und den Sulṭán der Türkei. Denkt darüber nach, wie Bahá'u'lláh das Banner Seiner Sache im Gefängnis gehisst hat. Studiert die Menschheitsgeschichte. Es gibt keine Parallele dazu. Weder vor noch nach dieser Zeit ist jemals etwas Derartiges geschehen – ein Gefangener und Verbannter, der Seine Sache voranbringt und Seine Lehren weit verbreitet, sodass Er schließlich mächtig genug wird, eben den König zu besiegen, der Ihn verbannt hatte. Seine Sache verbreitete sich mehr und mehr. Die Gesegnete Vollkommenheit war fünfundzwanzig Jahre lang ein Gefangener. Während dieser ganzen Zeit war Er den Demütigungen und Schmähungen der Menschen ausgesetzt. Er wurde verfolgt, verspottet und in Ketten gelegt. In Persien wurden Seine Anwesen geplündert und Seine Besitztümer beschlagnahmt. Zuerst wurde Er aus Persien nach Baghdád verbannt, dann nach Konstantinopel, dann nach Adrianopel und schließlich aus Rumelien in die Gefängnisfestung von 'Akká. Zu Seinen Lebzeiten war Er unermüdlich tätig. Seine Tatkraft kannte keine Grenzen. Kaum eine Nacht verbrachte Er in erholsamem Schlaf. Er ertrug diese Torturen, erduldete diese Schicksalsschläge und Schwierigkeiten, damit sich auf diese Weise die Verkörperung der Selbstlosigkeit und des Dienstes in der Menschenwelt zeige; damit der Größte Frieden Wirklichkeit werde; damit Menschenseelen zu Engeln des Himmels werden; damit himmlische Wunder unter den Menschen gewirkt werden; damit der menschliche Glaube gestärkt und vervollkommnet werde; damit die kostbare, unschätzbare Gabe Gottes – der menschliche Geist – sich im Tempel des Körpers zu seiner höchsten Fähigkeit entwickle; und damit der Mensch zum Spiegel und Ebenbild Gottes werde, so wie es in der Bibel offenbart wurde: »Lasset Uns Menschen machen nach unserem Ebenbild.« Kurz, die Gesegnete Vollkommenheit ertrug all diese Qualen und Schicksalsschläge, damit unsere Herzen entflammen und erstrahlen, unser Geist veredelt werde, unsere Fehler sich in Tugenden und unsere Unwissenheit sich in Wissen wandele; auf dass wir die wahren Früchte der Menschenwelt erlangen und uns himmlische Gnade zuteilwerde; auf dass wir, obwohl Pilger auf Erden, auf der Straße des himmlischen Königreiches reisen und, obwohl bedürftig und arm, die Schätze des ewigen Lebens empfangen. Dafür hat Er diese Mühen und Leiden auf sich genommen. Vertraut alles Gott an. Das Licht Gottes erstrahlt in vollem Glanze. Die gesegneten Sendschreiben verbreiten sich. Die gesegneten Lehren werden in Ost und West verkündet. Bald werdet ihr sehen, dass die himmlischen Worte die Einheit der Menschheit bewirkt haben. Das Banner des Größten Friedens wurde entfaltet, und die große Gemeinschaft tritt in Erscheinung.

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19. April 1912 Ansprache in der Earl Hall der Columbia University, New York Nach einer stenografischen Mitschrift Betrachten wir die Welt der Schöpfung eingehend, so erkennen wir, dass alle existierenden Dinge wie folgt klassifiziert werden können: Erstens das Mineral, das heißt die in vielfältiger Zusammensetzung erscheinende Materie oder Substanz; zweitens die Pflanze – sie besitzt die Vorzüge des Minerals und darüber hinaus die Kraft der Vermehrung und des Wachstums, was auf eine höhere und spezialisiertere Stufe als die des Minerals hinweist; drittens das Tier – es besitzt die Eigenschaften des Minerals und der Pflanze und zusätzlich die Kraft der Sinneswahrnehmung; viertens der Mensch – der am weitesten spezialisierte Organismus der sichtbaren Schöpfung. Er umfasst die Eigenschaften des Minerals, der Pflanze und des Tieres und besitzt darüber hinaus eine geistige Fähigkeit, die den niederen Reichen völlig fehlt – die Kraft der Erforschung der Geheimnisse äußerer Erscheinungen mittels des Verstandes. Aus dieser Verstandeskraft entwickelte sich die Wissenschaft, die für den Menschen so besonders charakteristisch ist. Dieses wissenschaftliche Können erforscht und erfasst Schöpfungselemente und deren Gesetzmäßigkeiten. Sie entdeckt die verborgenen und rätselhaften Geheimnisse des stofflichen Universums und ist nur dem Menschen vorbehalten. Die edelste und lobenswerteste Errungenschaft des Menschen ist darum, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und zu nutzen. Die Wissenschaft gleicht einem Spiegel, der die Geheimnisse der äußeren Erscheinungen reflektiert. Er holt alle Errungenschaften der Vergangenheit hervor und zeigt sie uns auf der Bühne des Wissens. Er verbindet Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Die philosophischen Schlussfolgerungen vergangener Jahrhunderte, die Lehren der Propheten und die Weisheit der früheren Weisen kristallisieren sich heraus und finden sich im wissenschaftlichen Fortschritt von heute wieder. Die Wissenschaft entdeckt die Vergangenheit. Aus ihren Aussagen der Vergangenheit und Gegenwart ziehen wir Schlussfolgerungen für die Zukunft. Die Wissenschaft herrscht über die Natur und ihre Geheimnisse, sie ist das eine Mittel, durch das der Mensch die Gegebenheiten der stofflichen Schöpfung erforscht. Alle erschaffenen Dinge sind in der Natur gefangen und ihren Gesetzen unterworfen. In keinem Punkt oder Bereich können sie die Herrschaft dieser Gesetze überwinden. Die unendlichen Sternenwelten und Himmelskörper sind folgsame Untertanen der Natur. Die Erde und ihre zahllosen Organismen, sämtliche Mineralien, Pflanzen und Tiere sind Sklaven ihrer Herrschaft. Aber der Mensch kann diesen Zustand durch den Einsatz seiner wissenschaftlichen, intellektuellen Kräfte überwinden. Er kann die Natur gemäß seiner eigenen Wünsche und seines eigenen Bedarfs umwandeln, verändern und beherrschen. Die Wissenschaft hebelt gewissermaßen die Naturgesetze aus. Bedenken Sie zum Beispiel, dass sich der Mensch in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen auf der Erdoberfläche aufhalten sollte. Indem er dieses Gesetz und diese Einschränkung überwindet, segelt er auf Schiffen über den Ozean, erhebt sich in Flugzeugen in den Himmel und taucht in Unterseebooten in die Tiefen des Meeres hinab. Das steht dem Befehl der Natur entgegen und ist ein Verstoß gegen ihre Oberherrschaft. Die Gesetze und Methoden der Natur, die verborgenen Geheimnisse und Rätsel des Universums, die menschlichen Erfindungen und Entdeckungen, all unsere wissenschaftlichen Errungenschaften sollten naturgemäß eigentlich verborgen und unentdeckt bleiben, aber der Mensch macht sie durch seinen Scharfsinn im Unsichtbaren ausfindig, zieht sie in den Bereich des Sichtbaren, enthüllt und erklärt sie. So ist etwa die Elektrizität ein Geheimnis der Natur. Gemäß der Natur sollte diese Kraft, diese Energie ungenutzt und verborgen bleiben, aber der Mensch durchdringt mit Hilfe der Wissenschaft genau diese Naturgesetze, nimmt sie in Gewahrsam und hält sie zu seinem Gebrauch in seiner Gewalt. Kurz, durch den Besitz dieser geistigen Fähigkeit zur wissenschaftlichen Forschung ragt der Mensch aus allen Geschöpfen heraus, ist der Herrscher über die Natur.

Er nimmt der Natur das Schwert aus der Hand und richtet es gegen sie.

Gemäß dem Naturgesetz ist die Nacht eine Zeit der Dunkelheit und Finsternis, aber indem der Mensch die Elektrizität nutzt, indem er dieses elektrische Schwert schwingt, überwindet er die Finsternis und vertreibt das Dunkel.

Der Mensch ist der Natur überlegen und lässt sie seinen Willen befolgen.

Der Mensch ist ein fühlendes Wesen; die Natur ist ohne Empfindung.

Der Mensch hat Gedächtnis und Verstand, die Natur nicht.

Der Mensch ist aus der Natur herausgehoben.

Er besitzt Kräfte, die die Natur nicht hat.

Man mag behaupten, diese Kräfte stammten aus der Natur selbst und der Mensch sei ein Teil der Natur.

Unsere Antwort auf diese Aussage ist:

Wenn die Natur das Ganze und der Mensch ein Teil dieses Ganzen ist, wie kann es möglich sein, dass ein Teil Eigenschaften und Fähigkeiten besitzt, die dem Ganzen fehlen?

Ein Teil muss doch zweifellos mit denselben Qualitäten und Eigenschaften ausgestattet sein wie das Ganze.

Beispielsweise sind Haare Teil des menschlichen Körpers.

Sie können keine Elemente enthalten, die sich nicht auch in anderen Teilen des Körpers finden, denn überall im Körper sind die Bestandteile gleich.

Obwohl der Mensch körperlich ein Teil der Natur ist, besitzt er doch offenkundig und bewiesenermaßen in seinem Geiste eine Kraft, die über die Natur hinausreicht; denn wenn er bloß ein Teil der Natur und durch materielle Gesetze beschränkt wäre, könnte er nur die Dinge besitzen, die in der Natur verkörpert sind.

Gott hat dem Menschen eine besondere zusätzliche Kraft verliehen – die Fähigkeit, mit dem Verstand die Geheimnisse der Schöpfung zu erforschen und höheres Wissen zu erlangen – deren größter Vorzug die wissenschaftliche Aufklärung ist. Diese Fähigkeit ist die rühmenswerteste Kraft des Menschen, denn durch ihren Einsatz und ihre Anwendung erfolgt die Besserung der Menschheit, wird die Entwicklung menschlicher Tugenden ermöglicht und der Geist Gottes und Seine Geheimnisse offenbaren sich. Daher freue ich mich besonders über meinen Besuch an dieser Universität. Preis sei Gott, dass es in diesem Land viele solche Bildungseinrichtungen gibt, in denen ohne Weiteres Wissenschaften und Künste gelernt werden können. So wie hier Naturwissenschaften gelehrt werden und sich ihr Kenntnisstand ständig erweitert, bin ich zuversichtlich, dass auch die geistige Entwicklung folgt und mit diesen äußeren Vorzügen Schritt hält. Wie das materielle Wissen die Menschen innerhalb der Mauern dieses großen Tempels der Gelehrsamkeit erleuchtet, so möge auch das Licht des Geistes, das innere göttliche Licht der wahren Philosophie, dieser Institution zum Ruhme gereichen. Das wichtigste Prinzip der göttlichen Philosophie ist das Einssein der Menschenwelt, die Einheit der Menschheit, der Bund, der Ost und West vereinigt, das Band der Liebe, das die Menschenherzen verbindet. Darum ist es unsere Pflicht, die größten Anstrengungen zu unternehmen und all unsere Energien aufzubieten, damit Bande der Einheit und des Einvernehmens innerhalb der Menschheit geknüpft werden können.

Tausende von Jahren hatten wir Streit und Blutvergießen.

Es ist genug, es reicht!

Jetzt ist es an der Zeit, sich in Liebe und Harmonie zu verbinden.

Seit Tausenden von Jahren haben wir Schwert und Krieg erprobt; die Menschheit soll wenigstens eine Zeit lang in Frieden leben.

Betrachten Sie die Geschichte und bedenken Sie, wie viel Grausamkeit, wie viel Blutvergießen und Kampf die Welt erlebt hat.

Es war entweder religiöser Krieg, politischer Krieg oder ein anderer Zusammenprall menschlicher Interessen.

Die Menschheit hat nie den Segen des Weltfriedens genossen.

Jahr für Jahr wurden Kriegsgeräte ausgebaut und perfektioniert.

Denken Sie an die Kriege vergangener Jahrhunderte.

Vielleicht wurden zehn-, fünfzehn- oder höchstens zwanzigtausend Menschen getötet.

Aber jetzt ist es möglich, an einem einzigen Tag hunderttausend Menschen zu töten.

In alten Zeiten wurde mit dem Schwert Krieg geführt; heute ist es das rauchlose Gewehr.

Früher waren die Kriegsschiffe Segelschiffe; heute sind es Schlachtschiffe.

Bedenken Sie die Zunahme und die Weiterentwicklung der Kriegswaffen.

Gott hat uns alle als Menschen erschaffen und alle Länder der Welt sind Teile derselben Erde.

Wir sind alle Seine Diener.

Er ist gütig und gerecht zu allen.

Warum sollten wir grausam und ungerecht zueinander sein?

Er sorgt für alle.

Warum sollten wir einander berauben?

Er beschützt und bewahrt alle.

Warum sollten wir unsere Mitgeschöpfe töten?

Wenn Krieg und Streit um der Religion willen geführt werden, verletzt das offensichtlich den Geist und die Grundlage jeder Religion.

Alle göttlichen Manifestationen haben die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit verkündet.

Sie lehrten, dass die Menschen einander lieben und sich gegenseitig helfen müssen, um voranzuschreiten.

Wenn nun diese Auffassung von Religion stimmt, ist ihr wesentliches Prinzip die Einheit der Menschheit.

Die Grundwahrheit der Manifestationen ist Frieden.

Dies liegt aller Religion und jeglicher Gerechtigkeit zugrunde.

Der göttlichen Absicht gemäß sollten die Menschen in Einheit, Eintracht und Einklang leben und einander lieben.

Denken Sie an die menschlichen Tugenden und werden Sie sich bewusst, dass sie alle auf der Einheit der Menschheit beruhen.

Lesen Sie das Evangelium und die anderen Heiligen Bücher.

Sie werden feststellen, dass ihre Grundsätze ein und dieselben sind.

Einheit ist somit die wesentliche Wahrheit der Religion und wenn sie so verstanden wird, umfasst sie alle Tugenden der menschlichen Welt.

Preis sei Gott!

Dieses Wissen wurde verbreitet, die Augen wurden geöffnet und die Ohren wurden aufmerksam.

Wir müssen uns also bemühen, die von allen Propheten gegründete Religion Gottes zu verbreiten und auszuüben.

Und die Religion Gottes ist absolute Liebe und Einheit.

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19. April 1912 Ansprache in der Bowery Mission 227 Bowery, New York Nach einer stenografischen Mitschrift Heute Abend bin ich sehr glücklich, denn ich bin hier, um meine Freunde zu treffen. Für mich seid ihr meine Verwandten, meine Begleiter, und ich bin euer Gefährte. Ihr solltet Gott dankbar sein, dass ihr arm seid, denn Jesus Christus hat gesagt:

»Gesegnet sind die Armen.« Er sagte nie:

»Gesegnet sind die Reichen.« Er sagte auch, dass das Königreich für die Armen ist und dass ein Kamel einfacher durch ein Nadelöhr gelangt, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.

Darum müsst ihr Gott dankbar sein, dass die Schätze Gottes in eurer Reichweite liegen, obwohl ihr in dieser Welt bedürftig seid, und dass ihr trotz eurer Armut in der materiellen Welt im Reich Gottes wertvoll seid.

Jesus Selbst war arm.

Er gehörte nicht zu den Reichen.

Er verbrachte Seine Zeit in der Wüste, weilte unter den Armen und lebte von Feldfrüchten.

Er hatte keinen Ort, um Sein Haupt zur Ruhe zu betten, kein Zuhause.

Er war unter freiem Himmel Hitze, Kälte und Frost ausgesetzt – Wetterunbilden aller Art – und doch zog Er dieses Leben dem Reichtum vor.

Wenn Reichtum als Ehre erachtet würde, hätte der Prophet Moses sich dafür entschieden; Jesus wäre ein reicher Mann gewesen.

Als Jesus Christus erschien, erkannten Ihn zuerst die Armen an, nicht die Reichen.

Deshalb seid ihr die Jünger Jesu Christi, Seine Gefährten, denn Er war äußerlich betrachtet arm, nicht reich.

Nicht einmal auf dieser Erde hängt das Glück vom Reichtum ab.

Viele Reiche sind Gefahren ausgesetzt und von Schwierigkeiten geplagt und auf dem Sterbebett bleibt in ihren letzten Augenblicken das Bedauern, dass sie sich von allem trennen müssen, an dem ihr Herz so hängt.

Sie kommen nackt in diese Welt und müssen sie nackt wieder verlassen.

Alles, was sie besitzen, müssen sie zurücklassen und einsam und allein dahinscheiden.

Oft ist ihre Seele zum Todeszeitpunkt voller Reue; und das Schlimmste ist, dass ihre Hoffnung auf die Gnade Gottes geringer ist als unsere.

Preis sei Gott!

Unsere Hoffnung ruht auf der Barmherzigkeit Gottes, und es besteht kein Zweifel daran, dass den Armen das göttliche Mitgefühl zuteilwird.

Jesus Christus sagte das und Bahá'u'lláh sagte das.

Während Bahá'u'lláh in Baghdád war, besaß Er immer noch großen Reichtum; doch Er ließ seinen ganzen Besitz hinter sich, verließ die Stadt allein und lebte zwei Jahre unter den Armen.

Sie waren Seine Gefährten.

Er aß mit ihnen, übernachtete bei ihnen und freute sich, einer von ihnen zu sein.

Als einen Seiner Beinamen wählte Er den Titel ›Der Arme‹ und bezeichnete sich in Seinen Schriften oft Selbst als ›Darvísh‹, was auf Persisch ›arm‹ bedeutet.

Auf diesen Titel war Er sehr stolz.

Er ermahnte uns alle, Diener der Armen zu sein, Helfer der Armen, uns der Sorgen der Armen bewusst zu sein, uns zu den Armen zu gesellen, denn dadurch können wir das Himmelreich erlangen.

Gott sagte nicht, im Himmelreich seien Wohnungen für uns bereitet, wenn wir unsere Zeit in Gesellschaft der Reichen verbringen, sondern Er sagte, dass viele Wohnungen für die Diener der Armen bereitet seien, denn die Armen sind Gott sehr nahe.

Gottes Gunst und Gnadengaben sind mit ihnen.

Die Reichen sind größtenteils nachlässig, unaufmerksam, vom Weltlichen durchdrungen und von ihren Geldmitteln abhängig.

Die Armen hingegen sind von Gott abhängig und verlassen sich auf Ihn und nicht auf sich selbst.

Deshalb sind die Armen der Schwelle Gottes und Seinem Throne näher. Jesus war ein armer Mann. Eines Nachts, als Er draußen auf den Feldern war, begann es zu regnen. Er konnte nirgendwo Zuflucht finden, also hob Er den Blick zum Himmel und sprach: »O Vater! Den Vögeln des Himmels hast Du Nester erschaffen, den Schafen einen Pferch, den Tieren Höhlen, den Fischen Zufluchtsorte, aber Mir hast Du keinen Unterschlupf gewährt. Es gibt keinen Ort, an dem Ich Mein Haupt zur Ruhe betten könnte. Mein Bett ist der kalte Boden, Meine Lampen in der Nacht sind die Sterne, und Meine Nahrung ist das Gras auf dem Feld. Doch wer auf Erden ist reicher als Ich? Denn den größten Segen hast Du nicht den Reichen und Mächtigen gewährt, sondern Mir, denn Du hast Mir die Armen anvertraut. Mir hast Du diesen Segen gewährt. Sie sind Mein. Darum bin Ich der reichste Mensch auf Erden.« Also, meine Gefährten, ihr folgt den Spuren Jesu Christi. Eure Leben ähneln Seinem Leben; eure Haltung ist wie Seine; ihr ähnelt Ihm mehr als die Reichen. Deshalb lasst uns Gott danken, dass wir so mit wahrem Reichtum gesegnet wurden. Und so bitte ich euch zum Abschluss, 'Abdu'l-Bahá als euren Diener anzunehmen. Am Ende dieses Treffens stand 'Abdu'l-Bahá am Bowery Eingang vor der Missionshalle, schüttelte vier- oder fünfhundert Menschen die Hand und legte in jede Handfläche eine Silbermünze.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Washington, D.C.

20. bis 25. April 1912

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20. April 1912 Ansprache während der Konferenz zur Einheit des Ostens und des Westens Saal der Öffentlichen Bibliothek, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ich bin überglücklich, heute Abend einem Publikum wie diesem zu begegnen. Ich komme aus dem Osten und bin in den Westen gereist, um die Menschen hier zu treffen. Preis sei Gott! In den Gesichtern der hier Versammelten nehme ich das Licht Gottes wahr. Ich sehe dies als einen Beweis für die Möglichkeit, den Osten und den Westen zu vereinen und eine perfekte Verbindung zwischen Persien und Amerika herzustellen – eines der Ziele dieser Konferenz. Für die Perser gibt es keine geeignetere Regierung als die der Vereinigten Staaten von Amerika, um zur Entwicklung ihrer natürlichen Ressourcen und zur Unterstützung bei ihren nationalen Bedürfnissen in einem wechselseitigen Bündnis beizutragen, und für die Amerikaner könnte es kein besseres industrielles Absatzgebiet und keinen besseren Markt geben als den noch nicht erschlossenen Wirtschaftsraum Persiens. Der Reichtum an Bodenschätzen in Persien ist immer noch unerschlossen und unberührt. Ich hoffe, dass die große amerikanische Demokratie entscheidend zur Erschließung dieser verborgenen Ressourcen beiträgt und dass zwischen der amerikanischen Republik und der Regierung Persiens ein Band der vollkommenen Freundschaft und Einheit geknüpft wird. Möge diese Verbindung, ob materiell oder geistig, gut gefestigt werden. Möge die materielle Zivilisation Amerikas sich in Persien zur vollen Wirksamkeit entfalten und verankern, und möge die geistige Kultur Persiens in Amerika Akzeptanz und Resonanz finden. Einige Lebewesen können abgeschieden und allein leben. Ein Baum etwa vermag ohne die Hilfe und Zusammenarbeit mit anderen Bäumen zu leben. Manche Tiere leben isoliert und fernab von ihren Artgenossen. Für den Menschen ist dies jedoch nicht möglich. Für sein Leben und Wesen sind Zusammenarbeit und Gemeinschaft unverzichtbar. Durch Gemeinschaft und Begegnung erfahren wir Glück und Entwicklung, einzeln und als Gesellschaft. Wenn zum Beispiel zwei Dörfer Kontakt miteinander pflegen und zusammenarbeiten, wird der Fortschritt jedes der beiden gesichert sein. Genauso werden zwei Städte davon profitieren und voranschreiten, wenn zwischen ihnen Austausch besteht. Und wenn eine Grundlage für gegenseitiges Verständnis zwischen zwei Ländern geschaffen wird, werden sie sich in ihren individuellen und gemeinsamen Belangen großartig entwickeln. Darum sehe ich in der Einheit dieser strahlenden Versammlung die Verbindung zwischen dem Orient und dem Okzident. Diese Einheit ist das Mittel und Instrument der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern des Ostens und des Westens. Man sieht also deutlich, dass die Ergebnisse, die auf grundlegender Übereinstimmung und Einvernehmen beruhen, zahllos und grenzenlos sind. Persien und Amerika werden dadurch gewiss reichlich Früchte ernten. Persien wird eine Blütezeit materiellen Fortschritts erleben und für den amerikanischen Handel werden die Türen weit geöffnet sein. Darüber hinaus sollen große Liebe und ein Strom der Zuneigung diese beiden in großer Entfernung voneinander lebenden Völker verbinden und vereinen, denn Bahá'u'lláh hat der Welt die Solidarität der Völker und die Einheit der Menschheit verkündet. An die ganze Menschheit gewandt sagte Er: »Ihr seid alle die Blätter eines Baumes und die Tropfen eines Meeres.« Die Menschenwelt wurde von Ihm als eine Einheit bezeichnet, als eine Familie. Es ist daher zu hoffen, dass das amerikanische und das persische Volk in gegenseitiger Liebe verbunden und vereint werden. Mögen sie zu einem Volk werden, ausgestattet mit der gleichen Empfänglichkeit. Mögen diese Bande der Freundschaft und des Einvernehmens fest verankert werden. Bahá'u'lláh verbrachte vierzig Jahre Seines Lebens in Gefängnis und Verbannung, um das Banner der Einheit der Menschheit zu erheben. Dafür ertrug Er all diese Qualen und Schwierigkeiten. Er war der Herrschaft 'Abdu'l-ḤamídsA5 unterworfen. Auch ich war im Gefängnis 'Abdu'l-Ḥamíds, bis das Komitee für Einheit und Fortschritt die Standarte der Freiheit hisste und meine Fesseln entfernt wurden. Sie erwiesen mir große Freundlichkeit und Liebe. Ich wurde befreit und konnte so in dieses Land reisen. Ohne das Zutun dieses Komitees wäre ich heute Abend nicht hier bei Ihnen. Darum sollten Sie alle Beistand und Ermutigung für dieses Komitee erbitten, durch das die Freiheit der Türkei ausgerufen wurde. Kurzum, ich bin diese weite Strecke gereist, habe auf dem Weg zu diesem westlichen Kontinent den Atlantik überquert, in dem Wunsch und in der Hoffnung, dass das stärkste Band, das der Einheit, zwischen Amerika und Persien errichtet werde. Ich weiß, dass dies auch Ihr Wunsch und Ihre Absicht ist, und ich bin mir Ihrer Zusammenarbeit gewiss. Lassen Sie uns darum an der göttlichen Schwelle dafür beten, dass eine große Liebe die Herzen der Menschen ergreife und die Völker der Welt vereine. Wir werden beten, dass das Banner des Weltfriedens erhoben und die Einheit der Menschenwelt verwirklicht wird. Durch Ihre Bemühungen wird all dies möglich und durchführbar. Möge diese amerikanische Demokratie die erste Nation werden, die die Grundlage für eine internationale Einigung legt. Möge sie als erste Nation den alle umfassenden Charakter der Menschheitsfamilie verkünden. Möge sie die erste sein, die das Banner des Größten Friedens hisst, und möge diese demokratische Nation diese menschenfreundlichen Absichten und Lehren in der ganzen Welt verbreiten. Wahrlich, dies ist eine große und angesehene Nation. Hier hat die Freiheit ihren höchsten Grad erreicht. Die Absichten ihrer Bürger sind überaus lobenswert. Sie sind würdig, die Ersten zu sein, die das Thronzelt des Größten Friedens errichten und die Einheit der Menschheit verkünden. Ich flehe zu Gott, Sie zu ermutigen und Ihnen beizustehen.

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21. April 1912 Ansprache im Studio Hall 1219 Connecticut Avenue, Washington D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ich bin hierhergekommen, um euch zu besuchen.

Mit größter Sehnsucht habe ich mir gewünscht, euch zu sehen.

Als mir klar wurde, dass ihr nur sehr schwer zu mir kommen könntet und nur sehr wenige solch eine Reise unternehmen könnten, beschloss ich, zu euch zu kommen, damit sich alle über die Begegnung freuen können.

Preis sei Gott!

Ich bin hier und schaue in eure Gesichter – Gesichter, die vor innerer Schönheit strahlen, Herzen, die vom Königreich Abhá angezogen sind, und Seelen, die durch die frohen Botschaften Gottes beschwingt sind.

Daher erlebe ich die größtmögliche Freude.

Natürlich beruht diese Freude auf Gegenseitigkeit, denn unsere Herzen sind miteinander verbunden und von denselben Schwingungen erfüllt.

Die Flamme und das Licht der Liebe spiegeln sich in allen.

Jedes Herz ist erfüllt von geistigen Empfänglichkeiten und sehnlichen Wünschen.

Selbst wenn wir in jedem Augenblick an der Schwelle Gottes hunderttausend Danksagungen für diese Liebe darbringen würden, die Orient und Okzident zusammengeführt hat, könnten wir unsere Dankbarkeit nicht angemessen zum Ausdruck bringen.

Wenn alle Mächte der Erde versuchen sollten, diese Liebe zwischen Ost und West hervorzubringen, würden sie sich als unfähig erweisen.

Diese Einheit zu errichten wäre ihnen unmöglich, selbst wenn sie es wollten.

Aber durch die Macht des Heiligen Geistes hat Bahá'u'lláh beides vollbracht, und dieses Band der Liebe und Einheit ist unauflöslich.

Es wird für alle Zeit bestehen bleiben, und von Tag zu Tag wird seine Macht zunehmen.

Bald wird es die Welt umspannen, und schließlich werden die Herzen aller Völker der Welt durch seine feste Umarmung zusammengebracht werden.

Die Menschenwelt wird zur Offenbarung des göttlichen Lichtes werden, und die Gaben Gottes werden alle umhüllen.

Sowohl in der materiellen als auch in der geistigen Kultur werden wir außergewöhnliche Fortschritte und Entwicklungen erleben.

Im gegenwärtigen Zyklus wird eine in der Geschichte beispiellose kulturelle Entwicklung stattfinden.

Bisher befand sich die Menschheit im Kindheitsstadium; jetzt nähert sie sich der Reife.

Der Mensch erlangt sein höchstes Maß an körperlicher Stärke und ausgereiften intellektuellen Fähigkeiten, sobald er das Alter der Reife erreicht.

In nur einem Jahr dieser Reifezeit kann eine beispiellose Entwicklung beobachtet werden.

In gleicher Weise wird die Menschenwelt in diesem Zyklus ihrer Vervollkommnung und Vollendung einen unermesslichen Aufschwung erleben.

Die Fähigkeit zur Vollendung, die Gott, dieser überall wirkende Universelle Geist, in jedem Individuum angelegt hat, wird sich wie etwa die verstandesmäßigen Anlagen in unendlichen Stufen der Vervollkommnung offenbaren. Danket deshalb Gott, dass ihr in diesem strahlenden Jahrhundert ins Dasein gekommen seid, in dem die Gaben Gottes aus allen Richtungen erscheinen, die Tore des Königreichs für euch geöffnet wurden, der Ruf Gottes verkündet wird und sich die Tugenden der menschlichen Welt fortlaufend entfalten. Der Tag ist gekommen, an dem alle Dunkelheit beseitigt werden und die Sonne der Wahrheit strahlend aufleuchten wird. Diese Zeit auf Erden kann man mit der Tagundnachtgleiche im Jahreszyklus vergleichen. Denn dies ist wahrlich die Frühlingszeit Gottes. In den Heiligen Büchern wurde verheißen, dass die Frühlingszeit Gottes sich offenbaren, die Heilige Stadt Jerusalem vom Himmel herniederkommen, dass Zion frohlocken und tanzen und das Heilige Land in das Meer göttlichen Strahlenglanzes eintauchen wird. Zur Zeit der Frühlingstagundnachtgleiche kann man in der materiellen Welt im gesamten Pflanzenreich eine wunderbar pulsierende, belebende Energie beobachten.

Das Tierreich und die Menschenwelt werden wiederbelebt und entwickeln sich mit neuem Antrieb weiter.

Die ganze Welt wird neu geboren und auferweckt.

Sanfte Frühlingsbrisen erheben sich, wehen und duften, Blumen und Bäume erblühen, die Luft ist mild und angenehm.

Wie entzückend und schön werden die Berge, Wiesen und Auen.

Ebenso beleben die geistigen Gaben und die Frühlingszeit Gottes die Menschenwelt mit einem neuen Geist und neuer Lebenskraft.

Alle Tugenden, die im menschlichen Herzen als Möglichkeit angelegt sind, werden von dieser Wirklichkeit wie Blumen und Blüten göttlicher Gärten enthüllt.

Es ist ein Tag der Freude, eine Zeit der Glückseligkeit, eine Phase geistigen Wachstums.

Ich flehe zu Gott, dass diese geistige Kultur Gottes den höchsten Einfluss und die größte Wirkung auf euch haben möge.

Möget ihr wie wachsende Pflanzen werden.

Mögen die Bäume eurer Herzen neue Blätter und vielfältige Blüten hervorbringen.

Mögen aus ihnen vollkommene Früchte hervorgehen, damit die Menschenwelt, die in der materiellen Zivilisation weit fortgeschritten und entwickelt ist, durch die Verwirklichung geistiger Ideale belebt werden kann.

So wie der menschliche Verstand die Geheimnisse der Materie gelüftet und die Mysterien der Natur aus dem Bereich des Unsichtbaren hervorgeholt hat, mögen ebenso Geist und Seele des Menschen das Wissen um die göttlichen Wahrheiten erlangen und sich die Wirklichkeit des Königreichs in den Herzen der Menschen offenbaren.

Dann wird die Welt zum Paradies Abhá, das Banner des Größten Friedens wird erhoben werden und die Einheit der Menschenwelt wird in ihrer ganzen Schönheit, Herrlichkeit und Bedeutsamkeit sichtbar werden.

Und jetzt, da ich in eurer Gegenwart bin, möchte ich für euch beten.

Richtet eure Herzen aufmerksam auf das Königreich Abhá. Gebet auf Persisch Ich hoffe, dass das Gebet, mit dem ich mich in eurem Namen an das Königreich Abhá gewandt habe, bald beantwortet wird und sich seine Ergebnisse und Wirkungen in euren Herzen und in eurem Leben zeigen.

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21. April 1912 Ansprache in der Universalist Church Thirteenth and L Streets, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Die Lehren dieser Kirche und ihr Glaubensbekenntnis, von ihrem verehrten Pfarrer so treffend vorgebracht, sind wirklich zu begrüßen, geheiligt und des Lobes und der Verherrlichung wert, denn diese Grundsätze stehen im Gegensatz zu den tief verwurzelten religiösen Vorurteilen dieser Zeit. Vorurteile, die sich aus dem Festhalten an religiösen Bräuchen und der Nachahmung angestammter Glaubenssätze ergeben, haben offensichtlich den Fortschritt der Menschheit über Jahrtausende hinweg behindert. Wie viele Kriege und Schlachten wurden ausgetragen, wie viel Spaltung, Zwietracht und Hass entstanden durch solche Vorurteile! Da aber dieses Jahrhundert ein Jahrhundert der Offenbarung der Wahrheit ist, werden – Preis sei Gott – die Gedanken der Menschen auf die Wohlfahrt und Einheit der Menschheit gelenkt. Tag für Tag schwindet das Trugbild der Nachahmung dahin, und das Meer der Wahrheit brandet heftiger. Alle Völker hatten ursprünglich eine göttliche Grundlage der Wahrheit oder Wirklichkeit. Dadurch sollten Einheit und Eintracht der Menschheit gefördert werden, aber das Licht dieser Wahrheit wurde allmählich verdüstert. Die Dunkelheit des Aberglaubens und der Nachahmung trat an seine Stelle und schlug die Welt der Menschheit in Ketten und Fesseln der Unwissenheit. Feindschaft erhob sich unter den Menschen und wuchs zu solch einem Ausmaß, dass die Völker einander voller Hass und Gewalt bekämpften. Kriege wurden zum religiösen und politischen Menschheitserbe. Jetzt ist es genug! Wir müssen die Wahrheit erforschen. Wir müssen jeden Aberglauben beseitigen. Es ist eine offensichtliche Wahrheit, dass die ganze Menschheit Gottes Schöpfung ist. Alle sind Seine Diener und stehen unter Seinem Schutz. Alle sind Empfänger Seiner Gaben. Gott ist gütig zu allen Seinen Dienern. Allenfalls sind einige unwissend; sie brauchen Bildung, damit sie verständig werden. Manche sind unreif wie Kinder; sie brauchen Hilfe und Unterstützung, damit sie zur Reife gelangen. Einige sind krank und leiden; sie brauchen Heilung. Aber ein leidender Patient darf nicht durch eine falsche Behandlung belastet werden. Ein Kind darf in seiner Entwicklung nicht verbogen oder behindert werden. Ein Unwissender darf nicht durch Tadel und Kritik eingeschränkt werden. Wir müssen nach dem echten, wahren Heilmittel suchen. Alle Propheten Gottes, einschließlich Jesus Christus, erschienen auf der Welt, um die Menschheit zu erziehen, unreifen Seelen zur Reife zu verhelfen, Unwissende in Wissende zu verwandeln und so durch göttliche Erziehung und Ausbildung Liebe und Einheit zu stiften. Die Propheten sind nicht gekommen, um Zwietracht und Feindseligkeit zu säen. Denn Gott wünscht für Seine Diener nur Gutes, und wer den Dienern Gottes Böses will, ist gegen Gott; er hat dem Willen Gottes nicht gehorcht und ist nicht Seinem Beispiel gefolgt, vielmehr folgt er teuflischen Weisungen und Wegen. Die Eigenschaften Gottes sind Liebe und Gnade. Die Eigenschaft des Teufels ist Hass. Daher zeigt derjenige, der barmherzig und gütig zu seinen Mitmenschen ist, göttliche Eigenschaften, und wer hasserfüllt und feindselig gegen ein Mitgeschöpf ist, ist teuflisch. Wie Jesus Christus erklärte, ist Gott vollkommene Liebe und der Teufel tiefster Hass. Seien Sie versichert, dass sich die Barmherzigkeit Gottes offenbart, wann immer Liebe sich zeigt. Wann immer Ihnen Hass und Feindschaft begegnet, seien Sie versichert, dass dies die Zeichen und Eigenschaften des Teufels sind. Die Propheten sind in dieser Welt mit dem Auftrag erschienen, dass die menschlichen Seelen zu Erscheinungen des Barmherzigen werden, dass sie erzogen werden und sich entwickeln, Liebe und Freundschaft erlangen und Frieden und Eintracht stiften. In der Welt des Seins ist das Tier ein Gefangener der Natur. Sein Verhalten richtet sich nach den Zwängen und Bedingungen der Natur. Es hat weder Bewusstsein noch Verständnis für Gut und Böse. Es folgt einfach seinem natürlichen Instinkt und seiner Neigung. Die Propheten Gottes sind gekommen, um dem Menschen den Weg der Rechtschaffenheit zu zeigen, damit er nicht seinem natürlichen Trieb folgt, sondern sein Handeln vom Licht Ihrer Gebote und Ihres Beispiels leiten lässt. Entsprechend Ihrer Lehren sollte der Mensch das tun, was nach der Maßgabe der Vernunft und dem Urteil des Verstandes als lobenswert erachtet wird, selbst wenn es seiner natürlichen menschlichen Neigung widerspräche. Er sollte nichts tun, was nach diesem Maßstab für unwürdig befunden wird, auch wenn es seinem natürlichen Impuls und seinem Verlangen entspräche. Deshalb muss der Mensch den Eigenschaften des Barmherzigen folgen und sie verwirklichen. Die unvollkommenen Mitglieder der Gesellschaft, die schwachen Seelen unter den Menschen, folgen ihrer natürlichen Neigung. Ihr Leben und Handeln stimmen mit ihren Neigungen überein; sie sind Gefangene ihrer körperlichen Bedürfnisse; sie stehen nicht in Verbindung und im Einklang mit den geistigen Gaben. Der Mensch hat zwei Seiten: die körperliche Seite, die der Natur unterstellt ist, und die barmherzige oder göttliche Seite, die mit Gott verbunden ist. Wenn die körperlichen oder natürlichen Anlagen im Menschen die Oberhand über die himmlischen und barmherzigen gewinnen, wird er zum niedrigsten aller tierischen Geschöpfe. Wenn jedoch das Göttliche und Geistige in ihm über die menschliche und natürliche Seite triumphiert, dann ist er wahrhaftig ein Engel. Die Propheten kommen in diese Welt, um die Menschheit zu führen und zu erziehen, damit die tierische Natur des Menschen schwinde und das Himmlische in seinen Kräften erweckt werde. Die göttliche Seite oder die geistige Natur besteht aus dem Odem des Heiligen Geistes. Die Wiedergeburt, von der Jesus sprach, bezieht sich auf das Erscheinen dieser himmlischen Natur im Menschen. Sie kommt in der Taufe mit dem Heiligen Geist zum Ausdruck, und wer mit dem Heiligen Geist getauft ist, ist eine wahre Offenbarung der göttlichen Barmherzigkeit für die Menschheit. Dann wird er gerecht und gütig gegenüber der ganzen Menschheit; niemandem begegnet er mit Vorurteilen oder bösem Willen und er verschmäht keine Nation und kein Volk. Die Grundlagen der göttlichen Religionen sind eins. Wenn wir diese Grundlagen untersuchen, entdecken wir viel Nährboden für Übereinstimmung, aber wenn wir auf die Nachahmung von Bräuchen und überlieferten Glaubenssätzen schauen, finden wir manche Uneinigkeit und Spaltung, denn diese Nachahmungen unterscheiden sich voneinander, während Ursprung und Grundlagen der Religionen ein und dieselben sind. Das heißt, die Grundlagen fördern Einheit, Nachahmung jedoch bewirkt Uneinigkeit und Trennung. Wer die Menschheit nicht liebt oder einem Teil davon mit Hass und Fanatismus begegnet, verletzt die Grundlage und den Ursprung seines eigenen Glaubens und hält an Äußerlichkeiten und Nachahmungen fest. Jesus Christus erklärte, dass die Sonne auf die Schlechten und die Guten scheint und der Regen auf die Gerechten und die Ungerechten niedergeht – auf die ganze Menschheit ohne Unterschied. Christus war die göttliche Barmherzigkeit, die auf die ganze Menschheit schien. Er war der Mittler, durch den die Gaben Gottes herniederkamen. Und die Gaben Gottes überschreiten Bewusstsein und Erfahrung, sind unbeschränkt und allumfassend. Der verehrte Pfarrer las aus den Worten des Evangeliums:

»Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.« A6 Das Jahrhundert ist angebrochen, in dem der Geist der Wahrheit der Menschheit diese Wahrheiten offenbaren kann; er kann dieses Wort verkünden, die wahren Grundlagen des Christentums begründen und die Nationen und Völker von den Fesseln äußerlicher Formen und Nachahmungen befreien.

Die Ursachen von Zwietracht, Vorurteilen und Feindseligkeiten werden beseitigt und die Grundlagen für Liebe und Freundschaft gelegt.

Deshalb müssen Sie alle mit Herz und Seele danach streben, dass Feindseligkeit gänzlich aufhört und Streit und Hass völlig aus der Mitte der Menschenwelt verschwinden.

Sie müssen auf die Ermahnung dieses Geistes der Wahrheit hören.

Sie müssen dem Beispiel und den Spuren Jesu Christi folgen.

Lesen Sie die Evangelien.

Jesus Christus war die Gnade selbst, war die Liebe selbst.

Er betete sogar für Seine Henker – für diejenigen, die Ihn kreuzigten – mit den Worten:

»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« A7 Wenn sie gewusst hätten, was sie tun, hätten sie es nicht getan.

Bedenken Sie, wie gütig Jesus Christus war, dass Er selbst am Kreuz für Seine Unterdrücker betete.

Wir müssen Seinem Beispiel folgen.

Wir müssen den Propheten Gottes nacheifern.

Wir müssen Jesus Christus folgen.

Wir müssen uns von all den Nachahmungen befreien, die die Ursache für das Dunkel in dieser Welt sind. Ich will Ihnen eine Frage stellen:

Hat Gott uns für Liebe erschaffen oder für Feindseligkeit?

Hat Er uns für Frieden erschaffen oder für Zwietracht?

Natürlich hat Er uns für die Liebe erschaffen.

Darum sollten wir in Übereinstimmung mit Seinem Willen leben.

Hören Sie auf nichts, was einem Vorurteil entspringt, denn Eigennutz veranlasst Menschen, Vorurteilen nachzugeben.

Sie verfolgen dann nur ihre eigenen Wünsche und Ziele.

Sie leben und wandeln im Dunkeln.

Bedenken Sie, wie viele verschiedene Völker und unterschiedliche religiöse Überzeugungen es gab, als Christus erschien.

Es herrschte Feindschaft und Streit zwischen den Römern, Griechen, Assyrern, Ägyptern, sie alle bekämpften und bekriegten einander.

Christus einte sie durch den Odem des Heiligen Geistes und verwandelte sie in eine Gemeinschaft, sodass keine Spur des Streites zurückblieb.

Unter Seinem Banner wurden sie geeint und lebten dank Seiner Lehren in Frieden.

Was ist vorzuziehen und löblicher?

Dem Beispiel Jesu Christi zu folgen oder teuflische Neigungen an den Tag zu legen?

Lassen Sie uns mit aller Kraft danach streben, den Osten und den Westen zu vereinen, sodass die Völker vorangebracht werden und alle nach der einen Grundlage der Religionen Gottes leben können.

Der Wesenskern der göttlichen Religion besteht aus einer einzigen Wahrheit, unteilbar und nicht aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt.

Sie ist eine Einzige.

Und wenn wir das untersuchen und feststellen, dass sie eine einzige ist, haben wir eine Grundlage für die Einheit der Menschenwelt.

Ich werde für Sie beten und um Ermutigung und Unterstützung für Sie bitten.

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22. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Seht, wie gut Bahá'u'lláh zu uns ist, wie groß die Kraft Seines Wortes! Aus welch fernen Teilen der Welt hat Er uns in diesem Haus zusammengeführt und an diesem himmlischen Tisch zusammenkommen lassen, denn die Liebe hat ein Festmahl bereitet und 'Abdu'l-Bahá gebeten, dieses in Seinem Namen stattfinden zu lassen. Welch eine Vereinigung der Herzen ist hier zwischen Ost und West entstanden und welch eine Bestärkung durch Bahá'u'lláh zeigt sich hier! Wie hat Seine Güte alle umfangen! Wie hat sich Seine Gunst für alle vollendet! Als die Muslime Persien eroberten, ging der oberste zoroastrische Hohepriester zum Weintrinken. Gemäß islamischem Gesetz ist Wein verboten, und wer Wein trinkt, muss mit einundachtzig Peitschenhieben bestraft werden. Darum nahmen die Muslime den Hohenpriester fest und peitschten ihn aus. Zu jener Zeit standen die Araber bei den Persern in sehr niedrigem und geringem Ansehen und wurden kaum als Menschen betrachtet. Da Muḥammad Araber war, schauten die Perser mit Verachtung auf Ihn herab; als aber der Hohepriester die Beweise der Macht Muḥammads sah, von der diese verachteten Leute beherrscht wurden, rief er aus: »O du arabischer Muḥammad, wie hast du das gemacht? Was hast du gemacht, dass dein Volk den Obersten Hohepriester der Zoroastrier festnehmen ließ, weil er etwas begangen hat, was in deiner Religion ungesetzlich ist?« Durch diesen Umstand wurde das Vorurteil überwunden, dessentwegen der Zoroastrier die Muslime gemieden hatte, denn er erkannte in den Geschehnissen den großen Einfluss, den Muḥammad auf diese Menschen ausübte. Das heutige Treffen ist ein Beweis dafür, wie Bahá'u'lláh durch die Macht der Liebe Gottes einen wunderbaren geistigen Einfluss auf die ganze Welt ausübt. Aus den entlegensten Regionen Persiens und des Orients hat Er Menschen an diesen Tisch kommen lassen, damit sie sich mit den Menschen des Westens in höchster Liebe und Zuneigung, Einheit und Harmonie treffen. Seht, wie die Macht Bahá'u'lláhs den Osten und den Westen zusammengebracht hat. Und 'Abdu'l-Bahá steht bereit und dient euch. Es gibt weder Stock noch Schläge, weder Peitsche noch Schwert; allein die Macht der Liebe Gottes hat dies vollbracht. In dieser Welt beurteilen wir eine Sache oder eine Bewegung nach ihrem Fortschritt und ihrer Entwicklung. Manche Bewegungen erscheinen, sind eine kurze Zeit lang aktiv und verschwinden dann wieder. Andere zeigen ein größeres Maß an Wachstum und Stärke, aber bevor ihre Entwicklung den Reifezustand erreicht, werden sie schwächer, lösen sich auf und fallen der Vergessenheit anheim. Keine der erwähnten Bewegungen ist fortschrittlich und dauerhaft. Es gibt noch eine andere Art von Bewegung oder Sache, die von einem sehr kleinen, unauffälligen Anfang an mit sicherem und stetigem Fortschritt voranschreitet und sich allmählich verbreitet und ausweitet, bis sie weltweite Dimensionen angenommen hat. Die Bahá'í-Bewegung ist von dieser Art. Als Bahá'u'lláh beispielsweise mit 'Abdu'l-Bahá und dem Rest Seiner Familie aus Persien verbannt wurde, reisten sie durch viele Städte und Dörfer den langen Weg von Teheran nach Baghdád. Während der gesamten Reise trafen sie auf dem weiten Weg nicht einen einzigen Gläubigen der Sache, um derentwillen sie verbannt worden waren. Zu jener Zeit war weltweit nur sehr wenig über diese Bewegung bekannt. Selbst in Baghdád gab es nur einen Gläubigen, der noch in Persien von Bahá'u'lláh Selbst gelehrt worden war. Später tauchten zwei oder drei weitere auf. Ihr seht also, dass die Sache Bahá'u'lláhs anfangs nahezu unbekannt war, aber weil sie eine göttliche Bewegung ist, wuchs und entwickelte sie sich bis heute mit unwiderstehlicher geistiger Kraft. Wohin ihr auch reist – gen Ost oder West – und in welches Land auch immer, ihr werdet auf Bahá'í-Räte und -Institutionen treffen. Das ist ein Beweis dafür, dass die Bahá'í die Segnungen der Einheit und der fortschrittlichen Entwicklung in der ganzen Welt unter göttlicher Führung und Zielsetzung verbreiten, während andere Bewegungen, deren Aktivitäten und Erfolge nur von kurzer Dauer sind, keine wirkliche, universelle Bedeutung haben.

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23. April 1912 Ansprache an der Howard University Washington, D.C. Übersetzt von Amin Banani Heute bin ich sehr glücklich, denn ich besuche hier eine Versammlung der Diener Gottes. Ich sehe Weiß und Schwarz zusammensitzen. Vor Gott gibt es keine Weißen und Schwarzen. Alle Farben sind eine, und das ist die Farbe der Dienstbarkeit für Gott. Duft und Farbe sind unwichtig. Das Herz ist wichtig. Wenn das Herz rein ist, spielen Weiß, Schwarz oder jegliche andere Farbe keine Rolle. Gott schaut nicht auf Farben, Er schaut auf die Herzen. Wessen Herz rein ist, der ist besser. Wessen Charakter besser ist, der ist wohlgefälliger. Wer sich stärker dem Königreiche Abhá zuwendet, der ist weiter fortgeschritten. Im Reich des Daseins spielen Farben keine Rolle. Im Mineralreich führen Farben offensichtlich nicht zu Zwietracht. Im Pflanzenreich führen die Farben bunter Blumen nicht zu Zwietracht. Die Farben sorgen vielmehr für die Schönheit des Gartens, weil eine einzelne Farbe keinen Reiz hat. Aber wenn ihr viele bunte Blumen betrachtet, wirken sie reizvoll und prächtig. Ebenso ist die Menschenwelt wie ein Garten, und die Menschen sind wie die bunten Blumen. Verschiedene Farben sind also eine Zier. Genauso gibt es im Tierreich viele Farben. Tauben haben viele Farben; trotzdem leben sie in völliger Harmonie. Sie schauen niemals auf die Farbe; stattdessen schauen sie auf die Art. Wie oft fliegen weiße Tauben zusammen mit schwarzen. Desgleichen schauen andere Vögel und an Farben reiche Tiere nie auf die Farbe – sie schauen auf die Art. Überlegen Sie jetzt einmal: Obwohl die Tiere weder Vernunft noch Verstand haben, machen sie die Farben nicht zur Ursache von Konflikten. Warum sollte der Mensch, der über Vernunft verfügt, deswegen Konflikte entstehen lassen? Dies ist seiner gänzlich unwürdig. Weiß und Schwarz sind die Nachkommen desselben Adam. Sie gehören zu einem einzigen Haushalt. Ursprünglich waren sie eins, sie waren von der gleichen Farbe. Adam hatte nur eine Hautfarbe. Eva hatte nur eine Hautfarbe. Die ganze Menschheit stammt von ihnen ab. Darum sind sie ihrer Herkunft nach eins. Die Hautfarben entwickelten sich später aufgrund des Klimas und des Lebensraums. Sie haben überhaupt keine Bedeutung. Deshalb bin ich heute sehr glücklich, dass sich Weiß und Schwarz zu diesem Treffen versammelt haben. Ich hoffe, dass dieses Zusammentreffen und diese Harmonie einen solchen Grad erreichen, dass keine Unterschiede zwischen ihnen bestehen bleiben und sie in größter Harmonie und Liebe zusammen sein werden. Aber ich möchte eines sagen, damit die Schwarzen den Weißen ihre Anerkennung zeigen und die Weißen den Schwarzen mit Liebe begegnen. Wenn Sie nach Afrika gehen und die Schwarzen Afrikas sehen, werden Sie gewahr werden, wie viel Fortschritt sie gemacht haben. Preis sei Gott! Sie sind wie die Weißen, es gibt keine großen Unterschiede mehr. Die Schwarzen Afrikas hingegen werden wie Knechte behandelt. Die erste Gleichberechtigungserklärung der Schwarzen wurde von weißen Amerikanern verkündet. A8 Wie haben sie gekämpft und Opfer gebracht, bis sie die Schwarzen befreiten! Dann verbreitete sich diese Befreiungsbewegung. Die Schwarzen Afrikas waren in völliger Knechtschaft, aber Ihre Gleichberechtigung führte auch zu deren Freiheit – das heißt, die europäischen Staaten ahmten die Amerikaner nach, und die Gleichberechtigungserklärung erlangte weltweit Gültigkeit. Die weißen Amerikaner bemühten sich um Ihretwillen darum. Ohne diese Bestrebungen wäre die allumfassende Gleichberechtigung nicht verkündet worden. Deshalb müssen Sie den weißen Amerikanern sehr wertschätzend begegnen und die Weißen müssen Ihnen gegenüber sehr liebevoll sein, damit Sie in allen menschlichen Belangen voranschreiten können. Streben Sie gemeinsam danach, außerordentliche Fortschritte zu machen und sich völlig miteinander zu mischen. Kurz gesagt, Sie müssen sehr dankbar gegenüber den Weißen sein, die die Ursache für Ihre Freiheit in Amerika waren. Wären Sie nicht befreit worden, wären auch andere Schwarze nicht befreit worden. Jetzt sind – Preis sei Gott! – alle frei und leben in Ruhe. Ich bete dafür, dass Ihr guter Charakter und Ihr Verhalten eine Stufe erreichen, auf der die Bezeichnungen ›Schwarz‹ und ›Weiß‹ verschwinden werden. Alle sollen schlicht ›Mensch‹ genannt werden, so wie in einem Taubenschwarm jedes Tier ›Taube‹ heißt. Es wird nicht Schwarz oder Weiß genannt. Mit anderen Vögeln ist es genauso. Ich hoffe, dass Sie eine so hohe Stufe erreichen – und das ist nur möglich durch Liebe. Sie müssen versuchen, Liebe zwischen Ihnen entstehen zu lassen. Diese Liebe kommt nur zustande, wenn Sie Anerkennung gegenüber den Weißen zeigen und die Weißen Sie liebevoll behandeln und sich bemühen, Ihr Voranschreiten zu fördern und Ihr Ansehen zu steigern. Das wird Liebe erzeugen. Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß werden völlig getilgt werden; ja, ethnische und nationale Unterschiede werden alle verschwinden. Ich freue mich sehr, bei Ihnen zu sein, und danke Gott, dass dieses Treffen aus Menschen beider Hautfarben besteht und beide in perfekter Liebe und Harmonie versammelt sind. Ich hoffe, dass dies zum Beispiel umfassender Harmonie und Liebe wird, bis es keine Bezeichnung mehr gibt außer ›Menschheit‹. Eine solche Bezeichnung zeigt die Vollkommenheit der Menschenwelt und ist die Ursache für ewigen Ruhm und menschliches Glück. Ich bete, dass Sie sich in größter Harmonie und Liebe begegnen und danach streben, einander ein angenehmes Leben zu ermöglichen.

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23. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Seit dem Tagesanbruch heute Morgen bis jetzt habe ich gesprochen; aber aus Liebe, Verbundenheit und dem Wunsch, bei euch zu sein, bin ich hergekommen, um noch einmal kurz zu sprechen.

In den letzten Tagen hat sich ein schreckliches Ereignis in der Welt zugetragen, ein Ereignis, das jedes Herz betrübt und jeden Geist bekümmert.

Ich meine damit die Titanic-Katastrophe, bei der viele unserer Mitmenschen ertranken, etliche wunderbare Seelen dieses irdische Leben verließen.

Obwohl ein solches Ereignis wirklich beklagenswert ist, müssen wir erkennen, dass hinter allem, was geschieht, irgendeine Weisheit steht und nichts ohne Grund geschieht.

Darin liegt ein Geheimnis; aber welcher Grund, welches Geheimnis auch immer – es war ein sehr trauriger Vorfall, der viele Augen mit Tränen gefüllt und viele Seelen in Verzweiflung gestürzt hat.

Ich war sehr betroffen von dieser Katastrophe.

Einige von denen, die umgekommen sind, reisten mit uns auf der Cedric bis Neapel und stiegen danach auf das andere Schiff um.

Wenn ich an sie denke, bin ich wirklich sehr traurig.

Aber wenn ich dieses Unglück aus einem anderen Blickwinkel betrachte, tröstet mich die Erkenntnis, dass die Welten Gottes unendlich sind.

Obwohl die Verstorbenen dieses Daseins beraubt wurden, haben sie andere Möglichkeiten im Leben danach, wie auch Christus sagte:

»In Meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen.« A9 Sie wurden aus dem Zeitlichen abberufen und in die Ewigkeit versetzt.

Sie gaben dieses stoffliche Dasein auf und traten durch die Tore der geistigen Welt.

Nach den Vergnügungen und Annehmlichkeiten des Irdischen genießen sie jetzt eine viel dauerhaftere und echtere Freude und Glückseligkeit, denn sie sind zum Reiche Gottes geeilt.

Die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos, und es ist unsere Pflicht, in unseren Gebeten und unserem Flehen dieser verstorbenen Seelen zu gedenken, damit sie der Quelle selbst immer näher kommen. Die menschlichen Lebensbedingungen können mit dem Mutterleib verglichen werden, aus dem ein Kind in die Weite der irdischen Welt hineingeboren werden soll.

Dem kleinen Kind fällt es zunächst sehr schwer, sich auf sein neues Leben einzustellen.

Es weint, als ob es nicht von seiner engen Wohnstätte getrennt werden möchte, denn in seiner Vorstellung ist das Leben auf diesen begrenzten Raum beschränkt.

Es sträubt sich, sein Heim zu verlassen, aber die Natur zwingt es in diese Welt hinein.

Nachdem es in seinem neuen Umfeld angekommen ist, stellt es fest, dass es aus der Dunkelheit in eine Sphäre des Lichtes gelangt ist, aus einer düsteren und begrenzten Umgebung wurde es in eine weiträumige und wunderbare Umgebung versetzt.

Seine Nahrung erhielt es durch das Blut der Mutter; jetzt kann es sich an köstlichen Speisen erfreuen.

Sein neues Leben ist voller Helligkeit und Schönheit.

Mit Staunen und Entzücken erblickt es Berge, Wiesen und grüne Felder, Flüsse und Brunnen, die wunderbaren Sterne.

Es atmet die belebende Luft und dann preist es Gott für seine Befreiung aus der Enge seiner früheren Umgebung und dafür, dass es die Freiheit des neuen Reiches erlangt hat.

Diese Analogie beschreibt das Verhältnis der vergänglichen Welt zum Jenseits – den Übergang der menschlichen Seele aus dem Dunkel und der Ungewissheit in das Licht und die Wirklichkeit des ewigen Königreichs.

Zuerst ist es sehr schwierig, den Tod willkommen zu heißen, aber nachdem die Seele in ihr neues Umfeld gelangt ist, ist sie dankbar dafür, denn sie wurde aus den Fesseln der Begrenzungen erlöst, um sich der Freiheiten der Grenzenlosigkeit zu erfreuen.

Sie wurde aus einer Welt der Sorge, des Kummers und der Prüfungen befreit, um in einer Welt unendlicher Glückseligkeit und Freude zu leben.

Sie hat das mit den Sinnen Erfassbare und Stoffliche hinter sich gelassen, um die Möglichkeiten der vollkommenen und geistigen Welt zu erlangen.

Darum sind die Seelen derer, die von der Erde schieden und ihre sterbliche Pilgerreise in der Katastrophe der Titanic beendeten, in eine Welt geeilt, die dieser überlegen ist.

Sie sind aus dieser Dunkelheit und diesem getrübten Blickfeld in das Reich des Lichtes aufgestiegen.

Dies sind die einzigen Überlegungen, die ihre Hinterbliebenen beruhigen und trösten können. Darüber hinaus haben diese Ereignisse tiefere Gründe. Ihr Ziel und Zweck ist es, dem Menschen bestimmte Erkenntnisse zu vermitteln. Wir leben in einer Zeit, in der man sich ganz auf materielle Gegebenheiten verlässt. Die Menschen wähnen, die gewaltige Größe und Stärke eines Schiffes, die perfekten Maschinen oder das Geschick eines Steuermannes würden Sicherheit garantieren. Doch zuweilen ereignen sich solche Unglücksfälle, damit die Menschen erkennen, dass Gott der wahre Beschützer ist. Wenn Gott den Menschen beschützen will, kann ein kleines Boot der Zerstörung entgehen, während das größte und bestgebaute Schiff mit dem erfahrensten und geschicktesten Steuermann einer Gefahr, wie sie kürzlich das Meer barg, nicht zu entrinnen vermag. Das geschieht, damit sich die Menschen in dieser Welt Gott zuwenden, dem Einzigen Beschützer; damit sich die Menschenseelen auf Seinen Schutz verlassen mögen und erkennen, dass dass Er die wahre Sicherheit ist. Diese Ereignisse geschehen, um den Glauben des Menschen wachsen zu lassen und zu stärken. Deshalb müssen wir, auch wenn wir uns traurig und hoffnungslos fühlen, Gott anflehen, dass Er unsere Herzen dem Königreich zuwende, und im Glauben an Seine grenzenlose Gnade für diese verstorbenen Seelen beten, damit sie sich, obgleich dieses irdischen Lebens beraubt, eines neuen Daseins in den erhabenen Wohnstätten des Himmlischen Vaters erfreuen mögen. Niemand soll jedoch denken, diese Worte besagten, dass der Mensch nicht sorgfältig und vorsichtig in seinen Unternehmungen sein sollte. Gott hat den Menschen mit Vernunft ausgestattet, damit er sich selbst sichern und beschützen kann. Deshalb muss er sich mit allem versorgen und umgeben, was wissenschaftliche Sachkenntnis hervorbringen kann. Er muss besonnen, umsichtig und gründlich in seinen Vorhaben sein, die besten Schiffe bauen und die erfahrensten Kapitäne einsetzen, doch obendrein muss er Gott vertrauen und an Ihn als den alleinigen Erhalter glauben. Unter Gottes Schutz kann nichts die Sicherheit des Menschen gefährden; und wenn dieser Schutz nicht Seinem Willen entspricht, werden keinerlei Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen nützen.

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23. April 1912 Ansprache in der Bethel Literary Society der Metropolitan African Methodist Episcopal Church M Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Der Anblick dieser Versammlung heute Abend erinnert mich unwillkürlich an einen wunderschönen Strauß Veilchen, der in verschiedenen Farben, dunkel und hell, gebunden ist. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine gerechte und freie Regierung haben, denn ich sehe Schwarze und Weiße in völliger Harmonie und Übereinstimmung zusammensitzen. Die Herzen sind vereint. Diese gerechte Regierung ermöglicht ein solches Treffen. Sie sollten Gott fortwährend danken, dass Sie die Sicherheit und den Schutz einer Regierung genießen, die Ihre Entwicklung fördert und mit unparteiischer Gerechtigkeit und Gleichheit wie ein Vater alle regiert – es gibt keinen größeren Segen in der Menschenwelt. Heute Abend werde ich über wissenschaftliche Themen zu Ihnen sprechen. Die Menschheit verfügt über zahlreiche Vorzüge, aber am vortrefflichsten von allen ist die Wissenschaft. Der Unterschied, der den Menschen über die Stufe des Tieres emporhebt, ist auf dieses herausragende Merkmal zurückzuführen. Es ist eine Gabe Gottes, nicht materiell, sondern göttlich. Die Wissenschaft ist der Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Fähigkeit, die Wirklichkeit des Universums zu entdecken und zu erforschen, das Mittel, mit dem der Mensch einen Weg zu Gott findet. Der Ursprung aller Kräfte und Eigenschaften des Menschen ist irdisch und ererbt – Ergebnisse der Naturprozesse – mit Ausnahme des Verstandes, der über der Natur steht. Durch kluges und vernünftiges Forschen entdeckt die Wissenschaft alles. Sie schlägt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, deckt die Geschichte längst vergangener Völker und Ereignisse auf und vermittelt dem heutigen Menschen das Wesentliche aller menschlichen Erkenntnisse und Errungenschaften über Jahrhunderte hinweg. Durch rationale Überlegungen und logische Folgerungen der Vernunft kann diese Superkraft des Menschen die Geheimnisse der Zukunft durchdringen und Geschehnisse vorwegnehmen. Die Wissenschaft ist das, was Gott dem Menschen als Erstes übertragen hat. Alle erschaffenen Wesen besitzen die Fähigkeit, sich körperlich zu vervollkommnen. Aber die Fähigkeit, etwas mit dem Verstand zu untersuchen und zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu gelangen, ist eine höhere Kraft, die dem Menschen vorbehalten ist. Andere Wesen und Organismen sind von dieser Möglichkeit und dieser Fähigkeit ausgeschlossen. Gott hat diese Liebe zur Wahrheit im Menschen erschaffen und angelegt. Entwicklung und Fortschritt eines Landes hängen vom Maß seiner wissenschaftlichen Errungenschaften ab. Dadurch nimmt seine Großartigkeit stetig zu und Wohlstand und Wohlergehen der Bevölkerung werden täglich sichergestellt. Alle Wohltaten sind göttlichen Ursprungs, aber keine ist vergleichbar mit dieser Kraft der verstandesbasierten Untersuchung und Forschung.

Sie ist ein unvergängliches Geschenk, das Früchte immerwährender Freude hervorbringt.

Der Mensch profitiert beständig von diesen Früchten.

Alle anderen Wohltaten sind vorübergehender Natur; diese aber ist ein unvergängliches Gut.

Selbst die höchste Herrschaft hat ihre Grenzen und kann gestürzt werden.

Dies aber ist ein Königreich und eine Herrschaft, die niemand an sich reißen oder zerstören kann.

Kurz, es ist ein ewiger Segen, eine göttlich verliehene Wohltat, die höchste Gabe Gottes an den Menschen.

Deshalb sollten Sie äußerst gewissenhaft darum bemüht sein, sich Wissenschaften und Künste anzueignen.

Je mehr Sie dabei erreichen, desto größer ist Ihr Beitrag zum göttlichen Plan.

Der Wissenschaftler besitzt Einsicht und Weitblick, wer jedoch diese Entfaltungsmöglichkeit nicht erkennt und sie missachtet, ist blind.

Der forschende Geist ist aufmerksam und lebendig.

Der abgestumpfte und desinteressierte Geist ist taub und tot.

Ein Wissenschaftler ist ein wahrer Prüfstein und Vertreter der Menschheit, denn durch logisches Denken und Forschen weiß er über alles Bescheid, was die Menschheit, ihren Zustand, ihre Lebensbedingungen und die aktuellen Ereignisse betrifft.

Er untersucht das Staatswesen, versteht soziale Probleme und gestaltet die Kultur.

Tatsächlich kann die Wissenschaft mit einem Spiegel verglichen werden, in dem die unzähligen Erscheinungsformen des Daseins enthüllt und gespiegelt werden.

Sie ist die wahre Grundlage jeder persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Ohne diese Forschungsgrundlage ist keine Entwicklung möglich.

Bemühen Sie sich daher eifrig darum, alles zu erkennen und zu erreichen, was in der Macht dieser wunderbaren Gabe liegt. Wir haben bereits festgestellt, dass die Wissenschaft, also die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Erforschung, über die Natur hinausgeht und dass alle anderen Wohltaten Gottes innerhalb der Grenzen der Natur liegen.

Welchen Beweis haben wir dafür?

Alles Erschaffene außer dem Menschen ist in der Natur gefangen.

Die Sterne und Sonnen, die durch den unendlichen Raum ziehen, alle irdischen Lebens- und Daseinsformen – ob mineralisch, pflanzlich oder tierisch – stehen unter der Herrschaft und Kontrolle der Naturgesetze.

Kraft wissenschaftlicher Erkenntnisse und deren Anwendung beherrscht der Mensch die Natur und macht sich ihre Gesetze zunutze.

Gemäß der natürlichen Begrenzungen ist er ein Geschöpf der Erde, auf ein Leben auf ihrer Oberfläche beschränkt, aber durch den wissenschaftlichen Gebrauch der Naturgesetze erhebt er sich in den Himmel, segelt auf dem Ozean und taucht in dessen Tiefe.

Die Erfindungen und Entdeckungen, die uns im täglichen Leben so vertraut sind, waren einst Geheimnisse der Natur.

So brachte der Mensch die Elektrizität aus dem Bereich des Unsichtbaren ins Sichtbare, fing diese geheimnisvolle Naturkraft ein und machte sie als Dienerin für seine Bedürfnisse und Wünsche nutzbar.

Es gibt viele ähnliche Beispiele, aber wir wollen das nicht in die Länge ziehen.

Der Mensch nimmt der Natur sozusagen das Schwert aus der Hand und nutzt es als sein Zepter der Autorität, um die Natur selbst zu beherrschen.

Der Natur fehlt die Krone menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften.

Während der Mensch vernunftbegabt ist und nachdenken kann, ist dies der Natur nicht gegeben.

Das ist unter den Philosophen vollkommen unstrittig.

Der Mensch ist mit Willenskraft und Erinnerungsvermögen ausgestattet, die Natur nicht.

Der Mensch kann die in der Natur schlummernden Geheimnisse erforschen, während die Natur sich ihrer eigenen verborgenen Phänomene nicht bewusst ist.

Der Mensch ist fortschrittlich; die Natur ändert sich nicht, sie besitzt nicht die Fähigkeit des Fort- oder Rückschritts.

Der Mensch ist mit geistigen Kräften ausgestattet – wie etwa Verstand, Willenskraft, Glaube, Bekenntnis und Gotteserkenntnis –, während die Natur bar all dessen ist.

Die geistigen Fähigkeiten des Menschen, einschließlich der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, überschreiten den Horizont der Natur.

Dies sind Kräfte, durch die der Mensch sich von allen anderen Lebensformen unterscheidet und sich ihnen gegenüber auszeichnet.

Dies ist die Gabe des göttlichen Geistes, die Krone, die das Haupt des Menschen schmückt.

Es ist sehr erstaunlich, dass sich die Materialisten, ungeachtet der Gabe übernatürlicher Kraft, immer noch in den Fesseln und in der Gefangenschaft der Natur sehen.

In Wahrheit hat Gott den Menschen mit Tugenden, Kräften und geistigen Fähigkeiten ausgestattet, die der Natur gänzlich fehlen, und durch die der Mensch emporgehoben, ausgezeichnet und überlegen wird.

Wir müssen Gott danken für diese Gaben und Fähigkeiten, die Er uns verliehen hat, und für diese Krone, die Er auf unser Haupt gesetzt hat. Wie sollen wir diese Gaben und Geschenke nutzen? Indem wir unsere Anstrengungen auf die Einigung der Menschheitsfamilie richten. Wir müssen diese Fähigkeiten zur Verwirklichung der Einheit der Menschheit einsetzen; wir müssen diese Kräfte würdigen, indem wir die Einheit von Weißen und Schwarzen herbeiführen; wir müssen diese göttliche Verstandeskraft der Vervollkommnung von Freundschaft und Einklang zwischen allen Zweigen der Menschheitsfamilie widmen, so dass Ost und West einander unter dem Schutz und der Vorsehung Gottes die Hand reichen und wie Liebende werden. Dann wird die Menschheit wie eine Nation, ein Volk und eine Familie sein – wie die Wellen eines Ozeans. Obwohl diese Wellen in Form und Gestalt verschieden sein mögen, sind sie doch Wellen desselben Meeres. Blumen mögen sich farblich unterscheiden, aber sie sind alle die Blumen eines Gartens. Bäume sind verschieden, obwohl sie im selben Obstgarten wachsen. Alle werden durch die Gabenfülle desselben Regens genährt und zum Leben erweckt, alle wachsen und entwickeln sich durch die Wärme und das Licht der einen Sonne, alle werden durch dieselbe Brise erfrischt und belebt, damit sie unterschiedliche Früchte hervorbringen können. Dies entspricht der schöpferischen Weisheit. Wenn alle Bäume dieselbe Art von Früchten trügen, wäre das nicht mehr so köstlich. Ihre unerschöpfliche Vielfalt verschafft dem Menschen Genuss statt Eintönigkeit. Und wenn ich jetzt in Ihre Gesichter blicke, erinnert mich das an verschiedenfarbige und vielgestaltige Bäume, die alle prächtige und köstliche Früchte tragen und mit ihrem Wohlgeruch die inneren und äußeren Sinne entzücken. Dieses Treffen verdankt sein Strahlen und seine Geistigkeit der Gunst Gottes. Unsere Herzen erheben sich in Dankbarkeit zu Ihm. Preis sei Gott! Sie leben auf dem großen westlichen Kontinent und genießen die vollkommene Freiheit, die Sicherheit und den Frieden dieser gerechten Regierung. Nirgends gibt es einen Grund zur Sorge oder Traurigkeit. Ihnen steht jedes Mittel für Glück und Freude zur Verfügung, denn in der Menschenwelt gibt es keinen größeren Segen als die Freiheit. Sie wissen das nicht. Ich aber, der vierzig Jahre lang ein Gefangener war, weiß es. Ich kenne den Wert und den Segen der Freiheit. Sie leben schon immer in Freiheit und fürchten sich vor niemandem. Gibt es einen größeren Segen als diesen? Freiheit! Unabhängigkeit! Sicherheit! Dies sind die großen Gaben Gottes. Preisen Sie darum Gott! Ich werde jetzt für Sie beten.

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24. April 1912 Ansprache beim Kinderempfang Studio Hall 1219 Connecticut Avenue, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Welch wunderbare Versammlung! Dies sind die Kinder des Königreichs. Sowohl die Melodie als auch die Worte des Liedes, dem wir gerade gelauscht haben, waren sehr schön. Musik ist eine göttliche Kunst mit großer Wirkung. Sie ist Nahrung für Seele und Geist. Durch die Macht und den Zauber der Musik wird der Geist des Menschen erhoben. Sie besitzt eine wunderbar bewegende Wirkung auf die Herzen der Kinder, denn ihre Herzen sind rein, und Melodien haben großen Einfluss auf sie. Die Musik bringt die verborgenen Talente zum Ausdruck, mit denen die Herzen dieser Kinder begabt sind. Darum müsst ihr euch anstrengen, um ihre Kunstfertigkeit zu fördern. Lehrt sie, vortrefflich und eindrucksvoll zu singen. Jedes Kind sollte etwas von Musik verstehen, denn ohne Kenntnis dieser Kunst kann man sich an Instrumentalmusik und Gesang nicht richtig erfreuen. Genauso wichtig ist es, dass an Schulen Musik unterrichtet wird, damit die Herzen und Seelen der Schüler belebt und beflügelt werden und Freude ihr Leben erhellt. Heute sind bei diesem Treffen erleuchtete und geistig gesinnte Kinder versammelt.

Sie sind die Kinder des Reiches Gottes.

Für solche Seelen ist das Himmelreich bestimmt, denn sie sind Gott nahe.

Sie haben reine Herzen.

Ihre Gesichter strahlen Geistigkeit aus.

Die Wirkung der göttlichen Lehren zeigt sich in der vollkommenen Reinheit ihrer Herzen.

Darum sprach Christus zur Welt:

»Wenn ihr nicht umkehret und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich gelangen.« A10 Das bedeutet, dass die Menschen ein reines Herz entwickeln müssen, um Gott zu erkennen.

Diese Lehren hatten eine große Wirkung.

Geistige Seelen!

Sanfte Seelen!

Die Herzen aller Kinder sind von größter Reinheit.

Sie sind Spiegel, auf die kein Staub gefallen ist.

Doch diese Reinheit beruht auf Unvollkommenheit und Unschuld, nicht auf irgendeiner Stärke oder Erfahrung, denn in der Frühzeit ihrer Kindheit sind ihre Herzen und ihr Verstand noch unbefleckt von weltlichen Dingen.

Sie können noch keine großartige Klugheit entfalten.

Sie kennen weder Heuchelei noch Betrug.

Dies liegt an der Unvollkommenheit des Kindes, während ein Erwachsener durch seine Stärke rein wird.

Dank seiner Einsicht wird er schlicht; er gelangt durch die große Macht der Vernunft und des Verstandes zu Aufrichtigkeit, nicht durch die Kraft der Unvollkommenheit.

Wenn er die Stufe der Vervollkommnung erreicht, wird er diese Eigenschaften annehmen; sein Herz wird geläutert, sein Geist erleuchtet, seine Seele feinfühlig und zart – und all dies durch seine große Stärke.

Dies ist der Unterschied zwischen dem vervollkommneten Menschen und dem Kind.

Beide besitzen die zugrunde liegenden Eigenschaften der Einfachheit und Aufrichtigkeit – das Kind durch Unvollkommenheit und der Erwachsene durch Stärke. Ich bete für diese Kinder und bitte für sie um Ermutigung und Beistand aus dem Abhá-Königreich, sodass jedes im Schatten des Schutzes Gottes erzogen und wie eine leuchtende Kerze in der Menschenwelt, wie eine zarte heranwachsende Pflanze im Rosengarten Abhás wird; dass diese Kinder so erzogen und gebildet werden, dass sie die Menschenwelt beleben; dass sie Einsicht gewinnen; dass sie den Völkern der Welt Hörvermögen verleihen; dass sie die Saat des ewigen Lebens säen und an der Schwelle Gottes aufgenommen werden; dass sie sich durch solche Tugenden, Vervollkommnung und Eigenschaften auszeichnen, dass ihre Mütter, Väter und Verwandten voll Freude und Hoffnung Gott danken. Dies ist mein Wunsch und mein Gebet. Ich möchte euch folgenden Rat geben: Erzieht diese Kinder mit göttlicher Ermutigung. Vermittelt ihren Herzen von klein auf die Liebe Gottes, sodass sie in ihrem Leben Gottesfurcht zeigen und auf die Gaben Gottes vertrauen. Lehrt sie, sich von den menschlichen Unvollkommenheiten zu befreien und sich die göttliche Vervollkommnung anzueignen, die im Menschenherzen verborgen ist. Das Leben des Menschen ist dann von Nutzen, wenn er diese Vervollkommnung erreicht. Wenn er zum Inbegriff der Unvollkommenheiten der Menschenwelt wird, wäre der Tod für ihn besser als das Leben und das Nichtsein besser als das Sein. Strengt euch darum an, damit diese Kinder richtig erzogen und gebildet werden und damit jedes von ihnen in der Menschenwelt Vervollkommnung erlangt. Seid euch des Wertes dieser Kinder bewusst, denn sie sind alle meine Kinder.

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24. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ihr seid heute Nachmittag willkommen, ganz herzlich willkommen.

Ich freue mich immer, euch zu treffen.

Ich bitte Gott, dass unser Treffen zu Erfolgen führt; es möge nicht wie gewöhnliche Versammlungen sein, denn Veranstalter von Gruppentreffen möchten üblicherweise damit eigene Interessen fördern.

Preis sei Gott!

Ich habe keine Eigeninteressen.

Ich habe ein Interesse am Königreich Gottes und dies ist eine aufrichtige Absicht.

Ich hege vollkommene Liebe für euch, deshalb bin ich so weit gereist, um euch kennenzulernen.

Ich hoffe, dass diese Zusammenkünfte großartige Ergebnisse hervorbringen, und es gibt kein großartigeres Ergebnis als die Liebe Gottes.

Es gibt im göttlichen Königreich kein großartigeres Ergebnis als Dienstbarkeit und das Wohlgefallen des Herrn.

Deshalb wünsche ich mir, dass ihr eure Herzen auf das Reich Gottes richtet, dass eure Absichten rein und aufrichtig sind und ihr uneigennützige Ziele verfolgt, ohne auf euer eigenes Wohlergehen zu achten.

Nein, vielmehr möget ihr das Wohl der Menschheit in den Mittelpunkt all eurer Absichten stellen und danach trachten, euch selbst auf dem Pfad der Hingabe an die Menschheit zu opfern.

So, wie Jesus Christus Sein Leben hingab, so möget auch ihr euch an der Schwelle des Opfers für die Besserung der Welt darbringen; und wie Bahá'u'lláh fast fünfzig Jahre lang schwere Qualen und Not für euch ertrug, so möget auch ihr bereit sein, um der ganzen Menschheit willen Schwierigkeiten zu ertragen und Schicksalsschlägen standzuhalten.

Möget ihr diese Heimsuchungen und Prüfungen bereitwillig und freudig ertragen, denn auf jede Nacht folgt ein Tag, und auf jeden Tag eine Nacht.

Auf jeden Frühling folgt ein Herbst und auf jeden Herbst folgt ein Frühling.

Das Kommen einer Manifestation Gottes ist eine Zeit des geistigen Frühlings.

Beispielsweise war das Erscheinen Christi ein göttlicher Frühling.

Entsprechend sorgte es in der Menschenwelt für großen Aufruhr und eine lebhafte Entwicklung.

Die Sonne der Wahrheit dämmerte, die Wolke der Gnade goss ihren Regen herab, die Brisen der Vorsehung wehten, die Welt wurde zu einer neuen Welt, in der Menschheit spiegelte sich ein außergewöhnliches Strahlen, Menschen wurden erzogen, ihr Geist entwickelte sich, ihr Verstand wurde geschärft und die Menschenwelt erlangte eine neue Frische wie beim Kommen des Frühlings.

Dann folgte allmählich auf diesen Frühling der Herbst des Todes und des Verfalls.

Die Lehren Christi wurden vergessen.

Die christlichen Segnungen verebbten.

Die göttlichen Sitten verschwanden.

Der Tag endete in der Nacht.

Das Volk wurde nachlässig und achtlos.

Der Verstand wurde geschwächt, bis die Lage in eine solche Krise geriet, dass die rein materialistische Wissenschaft die Oberhand gewann.

Das Wissen und die Erkenntnisse des Königreiches wurden als überholt betrachtet, die Geheimnisse Gottes wurden undurchdringlicher und die Spuren der Gaben Christi wurden völlig unkenntlich.

Die Völker verstrickten sich in Aberglauben und blinde Nachahmung.

Zwietracht und Uneinigkeit wuchsen und gipfelten in Streit, Krieg und Blutvergießen.

Die Herzen wurden gewaltsam auseinandergerissen.

Verschiedene Sekten entstanden, unterschiedliche Glaubensbekenntnisse bildeten sich, und die ganze Welt wurde in Finsternis getaucht. Zu solch einer Zeit erschien Bahá'u'lláh am Horizont Persiens. Er reformierte und erneuerte die Grundlagen und wesentlichen Elemente der Lehren Christi. Er erduldete die größten Schwierigkeiten und nahm die schwersten Qualen auf sich. Preis sei Gott, die Lehren Gottes wurden wieder verkündet, das Licht der Wahrheit ist wieder aufgegangen, der Glanz nimmt täglich zu und das Strahlen leuchtet noch herrlicher im Zenit. Aus der Wolke der Gnade strömt eine große Flut herab; die Sonne der Wahrheit erstrahlt an ihrem ewigen Ort. Wieder hoffen wir, dass der gleiche Frühling Einzug hält und diese grenzenlosen Gaben uns einmal mehr gewährt werden. Dies wird durch eure Bemühungen und eure Aufrichtigkeit ermöglicht. Wenn ihr euch in der Sache Gottes mit göttlicher Kraft, himmlischer Gnade, der Aufrichtigkeit des Königreichs, einem barmherzigen Herzen und entschlossen erhebt, ist es gewiss, dass die Menschenwelt vollständig erleuchtet und ihre Gesinnung barmherzig wird, dass der Grundstein für den größten Frieden gelegt und die Einheit der Menschheit Wirklichkeit wird. Dies ist die große Gabe, die ich für euch wünsche, und ich bete und flehe an der göttlichen Schwelle für euch. O Du barmherziger Gott! O Du, der Du mächtig und stark bist! O Du gütigster Vater! Diese Diener haben sich versammelt, sie wenden sich Dir zu und flehen an Deiner Schwelle im Verlangen nach Deinen unendlichen Gaben aus Deiner großen Verheißung. Sie haben kein Ziel außer Deinem Wohlgefallen. Sie haben keine Absicht außer dem Dienst für die Menschenwelt. O Gott! Mache diese Versammlung strahlend. Mache die Herzen barmherzig. Verleihe ihnen die Gnadengaben des Heiligen Geistes. Gewähre ihnen himmlische Kraft. Segne sie mit himmlischem Geist. Lass ihre Aufrichtigkeit wachsen, bis sie sich voller Demut und Bußfertigkeit Deinem Königreich zuwenden und sich dem Dienst an der Menschenwelt hingeben. Möge jeder von ihnen eine leuchtende Kerze werden. Möge jeder von ihnen ein strahlender Stern werden. Möge jeder von ihnen der duftenden Farbenpracht des göttlichen Königreiches teilhaftig werden. O gütiger Vater! Verleihe uns Deine Segnungen. Sieh nicht auf unsere Schwächen. Behüte uns in Deinem Schutz. Erinnere Dich nicht unserer Sünden. Heile uns mit Deinem Erbarmen. Wir sind schwach, Du aber bist machtvoll. Arm sind wir, Du aber bist reich. Wir sind krank, Du aber bist der Arzt. Bedürftig sind wir, Du aber bist der Freigebigste. O Gott! Beschenke uns mit Deiner vorausschauenden Fürsorge. Du bist der Kraftvolle. Du bist der Schenkende. Du bist der Wohltätige.

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24. April 1912 Ansprache im Haus von Frau Andrew J. Dyer 1937 Thirteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ein Treffen wie dieses ist wie eine wunderschöne Sammlung kostbarer Juwelen – Perlen, Rubine, Diamanten, Saphire. Es ist eine Quelle der Freude und des Entzückens. Was immer der Einheit der Menschheit förderlich ist, ist höchst willkommen und lobenswert. Was auch immer die Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit ist, macht traurig und ist beklagenswert. Denkt nach über den tieferen Sinn von Einheit und Harmonie. Heute Abend werde ich zu euch über das Thema Existenz und Nichtexistenz, Leben und Tod sprechen. Existenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Zusammensetzung und Verbindung. Nichtexistenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Teilung und Zerfall. Wenn wir die Existenzformen im stofflichen Universum untersuchen, stellen wir fest, dass alle erschaffenen Dinge das Ergebnis einer Zusammensetzung sind. Stoffliche Elemente haben sich in unendlicher Vielfalt und endlosen Formen gruppiert. Jeder Organismus ist eine Verbindung; jedes Objekt ist ein Ausdruck der Verbundenheit von Elementen. Wir sehen, dass der komplizierte menschliche Organismus einfach eine Anhäufung von Zellstrukturen ist; der Baum ist eine Zusammensetzung von Pflanzenzellen; das Tier eine Verbindung und Gruppierung einzelner zellulärer Bestandteile und so weiter. Die Existenz, also der Ausdruck des Seins, ist daher Zusammensetzung und Nichtexistenz ist Zersetzung, Teilung, Zerfall. Wenn Elemente nach einem gewissen Verbindungsplan zusammengebracht werden, ist das Ergebnis der menschliche Organismus. Wenn sich diese Elemente trennen und auflösen, ist das Ergebnis Tod und Nichtexistenz. Das Leben ist also das Ergebnis einer Zusammensetzung und der Tod bedeutet Zersetzung. So ist es auch in der Welt der Gedanken und Seelen.

Gemeinschaft ist ein Ausdruck der Zusammensetzung und dem Leben förderlich; Zwietracht dagegen ist ein Ausdruck der Zersetzung und kommt dem Tod gleich.

Ohne Zusammenhalt der einzelnen Bestandteile, die das Gemeinwesen bilden, müssen unweigerlich Auflösung und Zerfall folgen und das Leben wird ausgelöscht.

Wilde Tiere haben keine Gemeinschaft.

Geier und Tiger sind einsam, während Haustiere in völliger Harmonie zusammenleben.

Schwarze und weiße Schafe leben konfliktfrei zusammen.

Unterschiedliche bunte Vogelarten fliegen und fressen gemeinsam, ohne eine Spur von Feindschaft oder Uneinigkeit.

Deshalb ist es in der Menschenwelt klug und geziemend, dass jeder Einzelne Einheit und Verbundenheit ausdrückt.

In der Sammlung von Juwelen der verschiedenen Völker mögen die Schwarzen wie Saphire und Rubine und die Weißen wie Diamanten und Perlen sein.

Die zusammengesetzte Schönheit der Menschheit wird von ihrer Einheit und Mischung bezeugt.

Wie herrlich ist der Anblick echter Einheit zwischen den Menschen!

Wie förderlich für Frieden, Zuversicht und Glück wäre es, wenn die Völker und Nationen in Gemeinschaft und Einklang vereint wären!

Die Propheten Gottes wurden mit der Aufgabe in die Welt gesandt, Einheit und Eintracht zu stiften, damit diese lange voneinander getrennten Schafe eine Herde bilden mögen.

Wenn sich die Schafe trennen, sind sie Gefahren ausgesetzt, aber in einer Herde und unter dem Schutz des Hirten sind sie vor dem Angriff aller wilden Feinde sicher. Wenn sich die verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen der amerikanischen Nation in echter Gemeinschaft und Eintracht vereinen, werden die Lichter der Einheit der Menschheit erstrahlen, der Tag ewiger Herrlichkeit und Glückseligkeit wird anbrechen, der Geist Gottes wird alle einschließen und die göttlichen Gunstbeweise werden herabkommen. Unter der Führung und durch die Schulung Gottes, des wahren Hirten, werden alle beschützt und bewahrt. Er wird sie auf die grünen Auen des Glücks und des Wohlbefindens führen, und sie werden das wahre Ziel der Existenz erreichen. Darin besteht der Segen und Nutzen der Einheit. Dies ist die Folge der Liebe. Dies ist das Zeichen des größten Friedens. Dies ist das Gestirn der Einheit in der Menschenwelt. Denkt darüber nach, wie gesegnet dieser Zustand sein wird. Ich bete für euch und bitte in eurem Namen um die Ermutigung und Unterstützung Gottes.

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25. April 1912 Ansprache vor der Theosophischen Gesellschaft Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Die größte Macht im gesamten menschlichen Dasein ist der Geist – der göttliche Odem, der alle Dinge belebt und durchdringt.

Er zeigt sich in der ganzen Schöpfung in verschiedenen Ausprägungen und Lebenswelten.

Im Pflanzenreich ist dieser Geist der Vermehrungsimpuls oder die Kraft des Wachstums, der Antrieb des Lebens und der Entwicklung in Pflanzen, Bäumen und der Blumenwelt.

Auf dieser Entwicklungsstufe ist sich der Geist der Kräfte nicht bewusst, die das Tierreich kennzeichnen.

Das Tier verfügt als unterscheidenden Vorzug zusätzlich über die Sinneswahrnehmung.

Es sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt.

Es ist jedoch unfähig, sich Zusammenhänge vorzustellen oder darüber nachzudenken, was wiederum das Menschenreich charakterisiert und auszeichnet.

Diese unverkennbar menschliche Befähigung und Gabe wird vom Tier weder angewendet, noch begreift es sie.

Es kann keine Rückschlüsse vom Sichtbaren auf das Unsichtbare ziehen, während der menschliche Geist aus sichtbaren und bekannten Vorgaben Wissen über das Unbekannte und Unsichtbare erlangt.

Zum Beispiel zog Christoph Kolumbus aus bekannten und nachweisbaren Tatsachen Schlussfolgerungen, die ihn über den weiten Ozean hinweg zielsicher zum unbekannten Kontinent Amerika führten.

Eine solche Leistungskraft überschreitet das tierische Denkvermögen.

Darum ist diese Fähigkeit ein unverwechselbares Merkmal des Menschengeistes und des Menschenreiches.

Der tierische Geist kann die Geheimnisse der Dinge weder durchdringen noch entdecken.

Er wird von der Sinneswahrnehmung beherrscht.

Keine noch so gute Belehrung würde ihn zum Beispiel je befähigen, die Tatsache zu erfassen, dass die Sonne feststeht und die Erde sich um sie herum bewegt.

Doch der menschliche Geist hat ebenfalls seine Grenzen.

Die Phänomene des Himmlischen Königreiches, die die menschliche Stufe überschreiten, kann er nicht erfassen, denn er ist in Einflüssen und Zwängen gefangen, die auf seiner eigenen Daseinsebene wirken, und er kann diese Begrenzung nicht überschreiten. Es gibt jedoch einen anderen Geist, der als der Göttliche bezeichnet werden kann. Jesus Christus bezieht sich auf ihn mit Seiner Erklärung, dass der Mensch von ihm beseelt und mit seinem lebendigen Feuer getauft werden muss. Seelen, die dieses Geistes beraubt sind, werden zu den Toten gezählt, obwohl der Menschengeist in ihnen lebt. Jesus Christus nannte sie tot, weil sie keinen Anteil am Göttlichen Geist haben. Er sagt: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.« A11 Er sagt auch: »Was aus dem Fleisch geboren wurde, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren wurde, ist Geist.« A12 Damit sagte Er, dass Seelen ohne diesen besonderen Geist göttlicher Belebung tot sind, selbst wenn sie im Menschenreich leben. Sie haben keinen Anteil am göttlichen Leben des höheren Königreichs, denn nur die Seele, die vom Einfluss des göttlichen Geistes durchdrungen ist, lebt wirklich. Dieser belebende Geist entströmt von selbst der Sonne der Wahrheit, aus der Wirklichkeit des Göttlichen, und ist keine Offenbarung oder Manifestation.

Er gleicht den Strahlen der Sonne.

Die Strahlen entströmen der Sonne.

Dies bedeutet nicht, dass die Sonne teilbar und ein Teil von ihr in den Weltraum gelangt wäre.

Diese Pflanze neben mir ist aus dem Samen hervorgegangen; daher ist sie eine Erscheinung und Entfaltung des Samens.

Wie Sie sehen können, hat sich der Same in dieser Erscheinung entfaltet, und das Ergebnis ist diese Pflanze.

Jedes Blatt der Pflanze ist ein Teil des Samens.

Aber die Wirklichkeit des Göttlichen ist unteilbar, und ein einzelner Mensch kann kein Teil davon sein, wie oft behauptet wird.

Nein, vielmehr sind die einzelnen Menschen nach ihrer geistigen Geburt Strahlen der Göttlichen Wirklichkeit, so wie die Flamme, Wärme und das Licht der Sonne Ausstrahlungen der Sonne und nicht ein Teil der Sonne selbst sind.

Aus der göttlichen Wirklichkeit ist also ein Geist hervorgegangen, und dessen Ausstrahlungen wurden in menschlichen Wesen und ihrer Wirklichkeit sichtbar.

Diese Strahlen und diese Hitze bestehen dauerhaft.

Es gibt kein Ende der Ausstrahlung.

Solange die Sonne besteht, werden Hitze und Licht bestehen, und da Ewigkeit eine Eigenschaft des Göttlichen ist, besteht diese Ausstrahlung ewig.

Es gibt kein Ende dieser Ausgießung.

Je weiter sich die Menschenwelt entwickelt, desto mehr werden der Glanz und die Ausstrahlung des Göttlichen offenbar, so wie der Stein die Pracht und Herrlichkeit der Sonne in höherem Maße reflektiert, wenn er poliert und rein wie ein Spiegel wird. Die Sendung der Propheten, die Offenbarung der Heiligen Bücher, die Manifestation der Himmlischen Lehrer und der Zweck göttlicher Philosophie sind alle auf die Erziehung der menschlichen Wirklichkeit ausgerichtet. Die Menschen sollen so klar und rein wie Spiegel werden und Licht und Liebe der Sonne der Wahrheit reflektieren. Deshalb hoffe ich, dass Sie – ob in Ost oder West – mit Herz und Seele danach streben, dass die Menschenwelt Tag für Tag edler, geistiger und heiliger werde, und dass der Glanz der Sonne der Wahrheit in den Menschenherzen wie in einem Spiegel vollständig sichtbar werde. Das ist der Menschenwelt angemessen. Das bedeutet wahre Entwicklung und Fortschritt der Menschheit. Das ist die größte Gabe. Auf andere Weise, allein durch die Entwicklung materieller Bereiche, wird der Mensch nicht vervollkommnet. Allenfalls mag der menschliche Körper, sein naturgegebenes, stoffliches Sein, gestützt und verbessert werden, jedoch bleiben ihm geistige oder göttliche Gaben vorenthalten. Dann ist er wie ein Körper ohne Geist, eine Lampe ohne Licht, ein Auge ohne Sehkraft, ein Ohr ohne Hörvermögen, ein Bewusstsein ohne Wahrnehmung, ein Verstand ohne die Kraft der Vernunft. Der Mensch hat zwei Fähigkeiten und seine Entwicklung zwei Aspekte. Die eine Fähigkeit ist mit der stofflichen Welt verbunden und durch sie ist er zu materiellem Fortschritt fähig. Die andere Fähigkeit ist geistig, und durch ihre Entwicklung wird seine innere Veranlagung geweckt. Diese Fähigkeiten sind wie zwei Flügel. Beide müssen entwickelt werden, denn mit nur einem Flügel ist das Fliegen unmöglich. Preis sei Gott! Der materielle Fortschritt ist offenkundig in der Welt, jedoch bedarf es in gleichem Maße des geistigen Fortschritts. Wir müssen unablässig und ohne Rast danach streben, die geistige Seite des Menschen zu entwickeln, und uns mit unermüdlicher Energie bemühen, die Menschheit zur Würde ihrer wahren und für sie bestimmten Stufe voranzubringen. Denn der Körper des Menschen ist nebensächlich; er ist ohne Belang. Die Zeit seiner Auflösung wird unvermeidlich kommen. Aber der Geist des Menschen ist sein Wesenskern und darum ewig. Er ist eine göttliche Gabe. Er ist der Glanz der Sonne der Wahrheit und darum wichtiger als der stoffliche Körper. Ich bete für Sie. Sie sind gekommen, um mich zu besuchen, und ich bin sehr dankbar. Ich werde Gott, den Freigebigen, den Schenkenden, um Ermutigung und Unterstützung für Sie bitten, auf dass Ihnen beim Dienst für die Menschenwelt geholfen werde.

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25. April 1912 Botschaft an Esperantisten im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons, 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Heutzutage besteht die dringendste Aufgabe der Menschheit in der Beseitigung der Missverständnisse zwischen den Völkern und Nationen.

Dies kann durch die Einheit der Sprache erreicht werden.

Ohne Einheit der Sprachen können der Größte Frieden und die Einheit der Menschheit nicht erfolgreich organisiert und verankert werden, denn es ist die Aufgabe der Sprache, die Rätsel und Geheimnisse der Menschenherzen zum Ausdruck zu bringen.

Das Herz gleicht einer Truhe und die Sprache ist ihr Schlüssel.

Nur mit dem Schlüssel können wir die Truhe öffnen und die Edelsteine darin entdecken.

Eine internationale Hilfssprache ist daher von größter Bedeutung.

Sie ermöglicht weltweit Bildung und Ausbildung und die Zeugnisse und Ereignisse der Vergangenheit können zugänglich gemacht werden.

Die Verbreitung der Erkenntnisse über die Menschenwelt hängt von der Sprache ab.

Göttliche Lehren können nur durch dieses Mittel erklärt werden.

Solange Sprachenvielfalt und der Mangel an gegenseitigem Sprachverständnis fortbestehen, können diese wunderbaren Ziele nicht erreicht werden.

Darum ist der allererste Dienst für die Menschenwelt, dieses internationale Kommunikationshilfsmittel bereitzustellen.

Es wird zur Ursache der Ruhe im menschlichen Gemeinwesen werden.

Wissenschaften und Künste werden dadurch unter den Völkern verbreitet und es wird sich als Mittel für den Fortschritt und die Entwicklung aller Völker und Ethnien erweisen.

Wir müssen uns mit allen Kräften dafür einsetzen, dass diese internationale Hilfssprache weltweit eingeführt wird.

Ich hoffe, dass diese Aufgabe durch die Gnade Gottes zur Vollendung gebracht wird.

Mögen kluge Menschen aus den verschiedenen Ländern der Welt mit der Organisation eines internationalen Kongresses beauftragt werden, dessen Hauptziel die Förderung dieses universellen Kommunikationsmittels sein wird.

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25. April 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Die größten Gaben Gottes in der Welt des Daseins sind Seine Lehren. Die anderen Gaben Gottes sind in Nutzen und Umfang begrenzt. Das menschliche Dasein selbst ist eine göttliche Gabe, aber es ist mit Einschränkungen versehen. Sehen und Hören sind Gaben Gottes aber beide sind begrenzt. Und so ist es auch mit all den anderen Gaben. Ihr Wirkkreis ist begrenzt und eingeschränkt, die Sphäre der göttlichen Lehren ist hingegen grenzenlos. Jahrhunderte und Zeitalter vergehen, aber ihre Wirkung dauert an wie der Geist des Lebens, der die Welt des Daseins belebt. Ohne die Lehren Gottes gleicht das Menschenreich dem Tierreich. Wie unterscheidet sich das Tier vom Menschen? Der Unterschied besteht in der Unfähigkeit des Tieres, die göttlichen Lehren zu begreifen, während der Mensch ihrer würdig ist und die Fähigkeit besitzt, sie zu verstehen. Im Tierreich gibt es keine solche Gabe, deshalb ist dort der Fortschritt begrenzt. Evolution in diesem Reich beschränkt sich auf die Entwicklung des Körpers. Anfangs ist er klein, unentwickelt; er entwickelt sich und wird größer, aber sein geistiges Wachstum ist begrenzt. Die Lehren Gottes sind somit eigens dem Menschen bestimmte Gaben. Obwohl die göttlichen Lehren die Wahrheit und Wirklichkeit sind, werden sie doch im Laufe der Zeit von dichten Wolken umhüllt und verdunkelt. Es sind die Wolken der Nachahmung und des Aberglaubens. Sie entsprechen nicht den Grundlagen. Dann geht die Sonne der Wahrheit – das Wort Gottes – wieder auf, erstrahlt erneut in der Herrlichkeit ihrer Macht und vertreibt die umgebende Finsternis. Lange Zeit verdeckten Wolken des Aberglaubens und Irrtums die göttlichen Weisungen des strahlenden Wortes, bis Bahá'u'lláh am Horizont der Menschheit erschien, die Schatten zerriss, die Wolken vertrieb und erneut die Grundlagen der Lehren Gottes offenbarte. Die erste Lehre Bahá'u'lláhs ist die allen obliegende Pflicht, die Wahrheit zu erforschen.

Was bedeutet es, die Wahrheit zu erforschen?

Es bedeutet, dass der Mensch alles Hörensagen vergessen und die Wahrheit eigenständig prüfen muss, denn er weiß nicht, ob Aussagen, die er hört, mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht.

Wo immer er Wahrheit oder Wirklichkeit findet, muss er sich daran halten und alles andere aufgeben und ablegen; denn außerhalb der Wahrheit gibt es nichts als Aberglaube und Einbildung.

Beispielsweise erwarteten die Juden in den Tagen Jesu Christi das Erscheinen des Messias, beteten Tag und Nacht zu Gott und flehten, der Verheißene möge erscheinen.

Warum wiesen sie Ihn zurück, als Er erschien?

Sie verleugneten Ihn gänzlich und weigerten sich, an Ihn zu glauben.

Es gab keine Beschimpfung und keine Anfeindung, die sie nicht gegen Ihn vorgebracht hätten.

Sie schmähten Ihn mit Flüchen, setzten Ihm eine Dornenkrone aufs Haupt, führten Ihn unter Spott und Hohn durch die Straßen und schließlich kreuzigten sie Ihn.

Warum taten sie das?

Weil sie die Wahrheit und Wirklichkeit Christi nicht erforschten und nicht fähig waren, Ihn als den Messias Gottes anzuerkennen.

Hätten sie selbst aufrichtig nachgeforscht, dann hätten sie sicher an Ihn geglaubt, Ihn geachtet und sich in Ehrfurcht vor Ihm verbeugt.

Sie hätten Seine Offenbarung als die größte Gabe für die Menschheit erachtet.

Sie hätten Ihn als den wahren Erlöser der Menschen empfangen.

Aber leider waren sie in Schleier gehüllt, hielten sich an Nachahmungen überkommener Glaubenssätze und an Hörensagen und erforschten die Wahrheit Christi nicht.

Sie waren in das Meer des Aberglaubens getaucht und somit davon ausgeschlossen, Zeugen dieser herrlichen Gabe zu werden.

Ihnen wurden der Duft oder Odem des Heiligen Geistes vorenthalten und sie selbst erlitten die größte Erniedrigung und Schmach. Die Wirklichkeit oder Wahrheit ist nur eine, dennoch gibt es heutzutage viele religiöse Richtungen, Sekten, Bekenntnisse und unterschiedliche Meinungen auf der Welt. Warum gibt es diese Unterschiede? Weil die Menschen die grundlegende Einheit, die nur eine und unveränderlich ist, nicht erforschen und untersuchen. Wenn sie nach der eigentlichen Wahrheit suchen, werden sie einander zustimmen und geeint sein; denn die Wahrheit ist unteilbar und nicht aus vielen Teilen zusammengesetzt. Daran kann man erkennen, dass für die Menschheit nichts von größerer Bedeutung ist als die Erforschung der Wahrheit. Die zweite Lehre Bahá'u'lláhs ist die Einheit der Menschheit. Jedes menschliche Geschöpf ist ein Diener Gottes. Alle wurden durch Gottes Macht und Gunst erschaffen und aufgezogen; alle wurden mit den Gaben derselben Sonne der Wahrheit gesegnet; alle haben vom Quell der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes getrunken und nach Seinem Urteil und in Seiner Liebe sind alle als Diener gleich. Er ist großzügig und gütig zu allen. Darum sollte sich niemand vor anderen rühmen; niemand sollte anderen mit Stolz oder Überheblichkeit begegnen; niemand sollte auf andere mit Spott oder Verachtung blicken; und niemand sollte einen Mitmenschen übervorteilen oder unterdrücken. Wir müssen alle als in den Ozean der Barmherzigkeit Gottes eingetaucht ansehen. Wir müssen mit der ganzen Menschheit liebenswürdig und freundlich zusammenleben. Wir müssen alle von Herzen lieben. Einige sind unwissend; sie benötigen Erziehung und Ausbildung. Manch einer ist krank; er muss geheilt werden. Ein anderer ist wie ein Kind; wir müssen ihm zur Reife verhelfen. Wir dürfen den Kranken weder verabscheuen noch meiden, verspotten oder verfluchen, sondern müssen mit äußerster Freundlichkeit und Sanftheit für ihn sorgen. Ein Kind darf nicht geringschätzig behandelt werden, nur weil es ein Kind ist. Wir sind für seine Erziehung, Ausbildung und Förderung verantwortlich, damit es zur Reife gelangen kann. Die dritte Lehre oder das dritte Prinzip Bahá'u'lláhs ist, dass Religion und Wissenschaft in völligem Einklang stehen.

Jede Religion, die nicht der anerkannten Wissenschaft entspricht, ist Aberglaube.

Religion muss vernünftig sein.

Wenn sie nicht mit der Vernunft übereinstimmt, ist sie Aberglaube und ohne Grundlage.

Sie ist wie eine Fata Morgana, die dem Menschen vormacht, sie sei eine Oase.

Gott hat den Menschen mit Vernunft begabt, damit er die Wahrheit erkennt.

Wenn wir darauf bestehen, dass dieses oder jenes Thema nicht durchdacht und gemäß den bestehenden logischen, verstandesbasierten Verfahren geprüft werden sollte, wozu hat Gott dem Menschen dann die Vernunft gegeben?

Das Auge ist das Sinnesorgan, mit dem wir die äußere Erscheinungswelt betrachten.

Das Hören ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Geräuschen.

Das Schmecken erfasst Eigenschaften wie bitter oder süß.

Das Riechen erkennt und unterscheidet Gerüche.

Das Tasten offenbart stoffliche Eigenschaften und vervollkommnet unsere Kommunikation mit der Welt um uns herum.

Dennoch sind Umfang und Reichweite der Wahrnehmung aller fünf Sinne außerordentlich begrenzt.

Aber die geistigen Fähigkeiten des Menschen sind in ihrem Wirkungsbereich unbegrenzt.

Das Auge kann Einzelheiten vielleicht über eine Entfernung von einer Meile (ca.

1,5 km) sehen, aber der Verstand kann den Fernen Osten und Westen begreifen.

Das Ohr mag Tonschwingungen in tausend Fuß (ca.

300 m) Entfernung hören, aber der menschliche Verstand kann die Harmonien der himmlischen Sphären entdecken, die auf ihren Bahnen schwingen.

Der Verstand macht geologische Entdeckungen in unterirdischen Tiefen und ermittelt die Schöpfungsprozesse in den untersten Schichten der Erde.

Die Wissenschaften und Künste, alle Erfindungen, Handwerkskünste, Gewerbe und ihre Erzeugnisse entstammen dem Verstand des Menschen.

Der Verstand nimmt innerhalb des menschlichen Organismus unzweifelhaft die höchste Stufe ein.

Wenn also religiöser Glaube, Grundsätze oder Glaubensbekenntnisse nicht mit dem Verstand und der Macht der Vernunft übereinstimmen, sind sie sicherlich Aberglaube. Ich werde ein anderes Mal weiter auf die Grundsätze eingehen, die in den Lehren Bahá'u'lláhs offenbart sind.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Chicago, Wilmette und Evanston

30. April bis 5. Mai 1912

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30. April 1912 Ansprache beim Abschlusskongress der öffentlichen Versammlung der Bahá'í-Tempel-Vereinigung Drill Hall, Freimaurertempel, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Zu den Einrichtungen, die in den Heiligen Schriften gestiftet werden, gehören Andachtsstätten.

Das bedeutet, Gebäude oder Gotteshäuser zu errichten, damit alle Menschen einen Versammlungsort finden mögen, und dies soll ihre Einheit und Verbundenheit fördern.

Das wahre Andachtshaus ist das Wort Gottes selbst, denn ihm muss sich die ganze Menschheit zuwenden.

Es ist der Mittelpunkt der Einheit für die ganze Menschheit.

Es ist der gemeinschaftliche Mittelpunkt, die Ursache des Einklangs und der Gemeinschaft der Herzen, das Zeichen der Verbundenheit der Menschheitsfamilie, die Quelle des ewigen Lebens.

Andachtshäuser sind die Symbole der einigenden göttlichen Kraft, damit die Menschen sich bei ihren Zusammenkünften im Haus Gottes daran erinnern, dass die Gebote für sie offenbart wurden, um sie zu einen.

Sie werden erkennen, dass dieses Andachtshaus für die Vereinigung der Menschheit errichtet wurde und das Gesetz, das ihm voranging und es erschuf, aus dem offenbarten Wort hervorging.

Jesus Christus sagte zu Petrus:

»Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.« A13 Diese Äußerung weist auf den Glauben des Petrus hin und besagt:

Dein Glaube, o Petrus, ist die Botschaft an die Völker und die Ursache ihrer Einheit; er soll das Band der Vereinigung zwischen den Herzen der Menschen und die Grundlage der Einheit der Menschheit sein.

Kurz, der ursprüngliche Zweck der Gotteshäuser und der Häuser der Andacht ist schlicht die Einheit – es sind Versammlungsorte, in denen verschiedene Völker und Menschen unterschiedlicher Herkunft und jeglicher Befähigung zusammenkommen können, damit die Liebe und das Einvernehmen zwischen ihnen offenkundig werden.

Deshalb hat Bahá'u'lláh geboten, Andachtsstätten für alle Gläubigen der Welt zu errichten; auf dass alle Religionen, Völker und Glaubensgemeinschaften unter ihrem alles beschirmenden Dach zusammenkommen können; auf dass von ihren weit geöffneten Höfen der Heiligkeit die Verkündigung der Einheit der Menschheit ausgehen werde – die Kunde, dass alle Menschen Diener Gottes sind und in den Ozean Seiner Barmherzigkeit getaucht sind.

Das ist der Mashriqu'l-Adhkár.

Die Welt des Daseins kann mit diesem Gotteshaus und Andachtsort verglichen werden.

Denn wie die äußere Welt ein Ort ist, an dem die Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe, verschiedener Glaubensrichtungen, Bekenntnisse und Lebensumstände zusammenkommen – so wie sie ja auch in dasselbe Meer göttlicher Gunst eingetaucht sind – so können alle unter der Kuppel des Mashriqu'l-Adhkár zusammenkommen und den einen Gott im gleichen Geist der Wahrheit anbeten.

Denn die Zeiten der Finsternis sind vorüber und das Jahrhundert des Lichtes ist gekommen.

Auf Unwissenheit beruhende Vorurteile werden zerstreut, und das Licht der Einheit scheint.

Die bestehenden Unterschiede zwischen Nationen und Völkern werden schon bald getilgt, und die Grundlagen der göttlichen Religionen, die nichts anderes als die Einheit und Verbundenheit des Menschengeschlechts sind, werden verankert.

Tausende von Jahren führte die Menschheit Krieg.

Es ist genug.

Nun lasst die Menschheit wenigstens für eine Zeit in Freundschaft und Frieden miteinander leben.

Feindschaft und Hass haben geherrscht.

Lasst die Welt sich eine Weile in Liebe üben.

Seit Jahrtausenden haben die Völker einander abgelehnt und sich gegenseitig als ungläubig und minderwertig angesehen.

Es ist genug.

Wir müssen jetzt erkennen, dass wir uns dem einen gütigen Vater zuwenden, unter dem einen göttlichen Gesetz leben, nach der einen Wahrheit suchen und die eine Sehnsucht hegen.

Lasst uns also in innigster Freundschaft und Liebe leben, und im Gegenzug werden uns Gottes Gunst und Gaben umgeben.

Die Menschenwelt wird erneuert.

Die Menschheit wird sich eines neuen Lebens erfreuen.

Ewiges Licht wird leuchten und himmlische Ethik wird sich offenbaren. Dann wird das göttliche Prinzip die Welt regieren, denn das göttliche Prinzip ist die Einheit der Menschheit. Gott ist gerecht und gütig zu allen. Er betrachtet alle als Seine Diener. Er schließt niemanden aus, und Sein Urteil ist richtig und wahr. Wie vollendet die menschliche Vorgehensweise und Weitsicht auch erscheinen mögen, sie sind unvollkommen. Wenn wir nicht den Rat Gottes suchen oder uns weigern, Seine Gebote zu befolgen, so ist dies ein klares Zeichen dafür, dass wir uns für wissend und weise halten und zugleich Gott für unwissend; so als wären wir scharfsinnig, Gott aber nicht. Gott bewahre! Möge Seine Barmherzigkeit uns vor solch einer Vorstellung schützen! Wie weit sich der menschliche Verstand auch entwickeln mag, bleibt er doch nur ein Tropfen, während die göttliche Allwissenheit der Ozean ist. Meinen wir etwa, ein Tropfen sei mit Eigenschaften begabt, die der Ozean nicht besitzt? Glauben wir etwa, dass Vorgehensweise und Plan dieses Staubkorns Mensch der Weisheit des Allwissenden überlegen sind? Es gibt keine größere Dummheit als diese. Kurz gesagt, einige sind nur Kinder. Wir sollten sie mit größter Liebe erziehen, um ihnen zu Weisheit zu verhelfen. Andere sind krank und leiden. Wir müssen sorgsam mit ihnen umgehen, bis sie sich erholt haben. Einige haben fragwürdige Sitten. Wir müssen ihnen den Maßstab wahrer Ethik vermitteln. Aber davon abgesehen sind wir alle Diener des einen Gottes und stehen alle unter der Vorsehung und dem Schutz des einen Vaters. Das sind die Maßgaben Gottes und die Grundlagen Seines Hauses, des Mashriqu'l-Adhkár. Das äußere Gebäude ist ein Symbol für das Innere. Mögen die Menschen daraus lernen. Ich bete für Sie, dass Ihre Herzen mit dem Licht der Liebe Gottes erleuchtet werden, dass Ihr Verstand sich täglich entwickeln möge, dass Ihr Geist im Feuer und Licht Seiner frohen Botschaften erglüht, bis in der ganzen Menschenwelt diese göttlichen Grundlagen gelegt werden. Die Erste dieser Maßgaben und Grundlagen ist die Einheit der Menschheit und die Liebe unter den Menschen. Dann folgt der Größte Frieden. Preis sei Gott! Diese amerikanische Demokratie erweist sich als fähig und bereit, zum Bannerträger des Größten Friedens zu werden. Mögen ihre Heerscharen zu Heerscharen der Einheit der Menschheit werden. Mögen sie an der Schwelle Gottes dienen und die Botschaft von Gottes Wohlgefallen verbreiten. O Du gütiger Herr! Diese Versammlung wendet sich Dir zu. Diese Herzen erstrahlen in Deiner Liebe. Verstand und Geist dieser Menschen werden von Deinen frohen Botschaften beglückt. O Gott! Lass diese amerikanische Demokratie in gleichem Maße geistigen Ruhm erlangen, wie sie ihn im Materiellen angestrebt hat, und mache diese gerechte Regierung siegreich. Hilf diesem geschätzten Land, das Banner der Einheit der Menschheit zu erheben, den Größten Frieden zu verbreiten und dadurch unter allen Völkern der Welt höchst ruhmreich und lobenswert zu werden. O Gott! Dieses amerikanische Volk ist Deiner Gunst würdig und verdient Deine Barmherzigkeit. Veredele es und lass es durch Deine Freigebigkeit und Gabe Dir nahekommen.

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30. April 1912 Ansprache im Hull House Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Beim Betrachten der Schöpfung stellen wir fest, dass alle Lebewesen nach zwei Daseinsaspekten eingeordnet werden können. Zum einen besitzen sie Körper, die bei allen aus der gleichen stofflichen Substanz bestehen, ob es nun Pflanzen, Tiere oder Menschen sind. Dies ist ihr Übereinstimmungsmerkmal, oder wie man es in der Philosophie bezeichnet, ihr Berührungspunkt. Zweitens unterscheiden sie sich in ihrer Stufe und ihrer Aufgabe, also nach ihrem jeweiligen Lebensbereich. Dies ist ihr Unterscheidungs- und Abgrenzungsmerkmal. Zum Beispiel sind Pflanzen und Tiere aus den gleichen stofflichen Elementen zusammengesetzt, aber sie unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer Lebensbereiche und Fähigkeiten. Der Mensch gleicht in seinem körperlichen Aufbau dem Tier, aber im Übrigen ist er vollkommen anders und überlegen. Im menschlichen Dasein selbst gibt es auch Berührungspunkte, allen Menschen gemeinsame Eigenheiten; ebenso gibt es Unterscheidungsmerkmale, die Menschen je nach Herkunft, Hautfarbe und Individualität trennen.

Wenn die Berührungspunkte, also die Gemeinsamkeiten der Menschen, stärker gewichtet werden als die jeweiligen Unterschiede, ist Einheit gewährleistet.

Gewinnen dagegen die Unterschiede die Oberhand über die Gemeinsamkeiten, führt das zu Uneinigkeit und Schwäche.

Eine der wichtigen Fragen, die Einheit und Zusammenhalt der Menschheit betreffen, ist die Gemeinschaft und Gleichstellung der Weißen und Farbigen.

Schwarz und Weiß beispielsweise stimmen in gewissen Punkten überein und unterscheiden sich in anderen Punkten, was eine gerechte gegenseitige Rücksichtnahme erfordert.

Die Berührungspunkte sind zahlreich; denn im materiellen oder körperlichen Dasein sind beide gleich beschaffen und unterliegen denselben Gesetzen des Wachstums und der körperlichen Entwicklung.

Darüber hinaus leben und bewegen sich beide im Rahmen der Sinneswahrnehmungen und sind mit dem menschlichen Verstand ausgestattet.

Es gibt viele andere Gemeinsamkeiten.

Hier in den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Liebe zum Vaterland beiden Hautfarben gemeinsam; alle haben das gleiche Recht auf Staatsbürgerschaft, sprechen eine Sprache, ihnen kommt die gleiche Kultur zugute und sie folgen den Grundsätzen derselben Religion.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen zwischen den beiden; das einzige Unterscheidungsmerkmal hingegen ist die Farbe.

Soll diesem geringsten aller Unterschiede erlaubt werden, euch als Ethnien und Individuen voneinander zu trennen?

Ihr seid in körperlicher Hinsicht, in Wachstum, Sinnesausstattung, Verstand, Vaterlandsliebe, Sprache, Staatsbürgerschaft, Kultur und Religion einander völlig gleich.

Es gibt nur einen einzigen Unterschied – die Hautfarbe.

Gott aber billigt keine Ungleichbehandlung von Menschen wegen dieses Unterschieds – und auch kein vernünftiger oder verständiger Mensch sollte dies gutheißen. Es bedarf allerdings einer übergeordneten Macht, um menschliche Vorurteile zu überwinden, einer Macht, der nichts in der Menschenwelt widerstehen kann und die den Einfluss aller Kräfte übertrifft, die auf das menschliche Dasein einwirken. Diese unwiderstehliche Macht ist die Liebe Gottes. Ich hoffe und bete, dass diese Liebe das Vorurteil wegen dieses einen Unterscheidungsmerkmals zwischen euch vollkommen ausräume und euch alle dauerhaft unter ihrem geheiligten Schutz vereine. Bahá'u'lláh verkündete die Einheit der Menschenwelt. Er bewirkte die Einigung verschiedener Völker und unterschiedlicher Bekenntnisse. Er erklärte, dass der Unterschied zwischen Herkunft und Hautfarbe der Schönheit bunter Blumen in einem Garten gleicht. In Gärten seht ihr gelbe, weiße, blaue, rote Blüten in Pracht und Fülle – jede strahlt für sich und verleiht zugleich den anderen ihren eigenen Zauber, obwohl sie sich von ihnen unterscheidet. Im Menschenreich verhält es sich ähnlich mit unterschiedlichen Hautfarben. Wenn alle Blumen in einem Garten die gleiche Farbe hätten, wäre die Wirkung auf das Auge monoton und ermüdend. Darum hat Bahá'u'lláh gesagt, dass die verschiedenen Hautfarben durch ihre Mischung der Menschheit als Ganzes Harmonie und Farbenschönheit verleihen. So mögen alle in diesem großen menschlichen Garten zusammenkommen und wie Blumen Seite an Seite wachsen und gedeihen, frei von Zwietracht und Uneinigkeit.

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30. April 1912 Ansprache auf der vierten Jahreskonferenz der Nationalen Vereinigung zur Förderung der Farbigen Handel Hall, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Im Alten Testament heißt es: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« A14 Der Mensch entspricht somit dem Ebenbild Gottes – gewissermaßen spiegeln und offenbaren sich in der Wirklichkeit des Menschen die Vollkommenheit Gottes und die göttlichen Tugenden. So, wie der Lichterglanz der Sonne in voller Herrlichkeit reflektiert wird, wenn er auf einen polierten Spiegel fällt, genauso strahlen die Eigenschaften und Merkmale des Göttlichen aus des Menschen reinem Herzensgrund. Dies belegt, dass der Mensch das edelste unter Gottes Geschöpfen ist. Jedes Reich der Schöpfung ist mit der notwendigen Fülle an Fähigkeiten und Kräften ausgestattet. Das Mineral besitzt die seinem eigenen Reich innewohnenden Vorzüge in der Rangordnung des Daseins. Die Pflanze besitzt die Eigenschaften des Minerals und als zusätzliche Fähigkeit das Wachstumsvermögen. Das Tier ist mit den Eigenschaften sowohl des Mineral- als auch des Pflanzenreiches und darüber hinaus mit Denkvermögen ausgestattet. Das Menschenreich umfasst die Fähigkeiten aller niedrigeren Reiche und obendrein Kräfte, die dem Menschen allein vorbehalten sind. Der Mensch als das höchste und herrlichste Wesen der Schöpfung ist daher allen niedrigeren Geschöpfen überlegen. Der Mensch ist der Mikrokosmos und das unendliche Universum der Makrokosmos. Die Geheimnisse der größeren Welt oder des Makrokosmos offenbaren sich in der kleineren Welt, dem Mikrokosmos, und finden da ihren Ausdruck. Der Baum ist sozusagen die größere Welt, und der Same im Verhältnis zum Baum ist die kleinere Welt. Aber der ganze große Baum ist der Anlage nach in dem kleinen Samen enthalten und verborgen. Wenn dieser Samen gepflanzt und gepflegt wird, wird der Baum sichtbar. Ebenso ist die größere Welt, der Makrokosmos, in der kleineren Welt oder dem Mikrokosmos des Menschen verborgen und in verkleinerter Form enthalten. Daraus besteht das Umfassende, also die Vollkommenheit der Kräfte, die in der Menschheit angelegt sind. Daher heißt es, der Mensch sei nach dem Ebenbild Gottes erschaffen worden. Wir wollen nun genauer herausfinden, inwiefern er das Ebenbild Gottes ist und nach welchem Maßstab oder Kriterium er bewertet und beurteilt werden kann. Dieser Maßstab kann nichts anderes sein als die göttlichen Tugenden, die sich in ihm offenbaren. Jeder mit göttlichen Eigenschaften erfüllte Mensch, der himmlische Werte und Vervollkommnung erkennen lässt und vorbildliche, lobenswerte Eigenschaften verkörpert, ist wahrlich das Ebenbild Gottes. Können wir einen reichen Menschen als Ebenbild Gottes bezeichnen? Sind vielleicht menschlicher Ruhm und Bekanntheit das Kriterium für die Nähe zu Gott? Können wir nach der Hautfarbe gehen und sagen, ein Mensch dieser oder jener Hautfarbe – weiß, schwarz, braun, gelb, rot – sei das wahre Abbild seines Schöpfers? Wir müssen zu dem Schluss kommen, dass Hautfarbe weder Beurteilungsmaßstab noch Richtschnur ist. Sie ist zufälliger Natur und deshalb bedeutungslos. Geist und Verstand des Menschen gehören zu seinem Wesen. Darin offenbaren sich göttliche Tugenden, die barmherzigen Gaben Gottes, das ewige Leben und die Taufe durch den Heiligen Geist. So sollen alle wissen, dass Hautfarbe oder Herkunft unwichtig sind. Wer das Ebenbild Gottes ist, wer die Gaben Gottes zum Ausdruck bringt, wird an der Schwelle Gottes Annahme finden – gleich ob seine Farbe weiß, schwarz oder braun ist, das ist belanglos. Der Mensch ist nicht nur wegen körperlicher Merkmale Mensch. Maßstab für die göttliche Einstufung und Beurteilung sind sein Verstand und sein Geist. Daher lasst dies als einziges Bewertungskriterium und einzigen Maßstab gelten, denn das ist das Ebenbild Gottes. Eines Menschen Herz kann rein und weiß sein, obwohl seine Hautfarbe schwarz ist; oder sein Herz kann finster und sündig sein, obwohl seine Hautfarbe weiß ist. Von entscheidender Bedeutung sind der Charakter und die Reinheit des Herzens. Das vom Licht Gottes erleuchtete Herz ist Gott das nächste und liebste. Gott hat dem Menschen die besondere Gunst erwiesen, als Ebenbild Gottes bezeichnet zu werden, und das bedeutet wahrlich den höchsten Vollendungsgrad dessen, was erreicht werden kann – eine göttliche Stufe, die nicht für einen bloßen Zufall der Farbe geopfert werden darf.

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1. Mai 1912 Ansprache bei der Einweihung des Mashriqu'l-Adhkár-Geländes Wilmette, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Die Macht, die euch heute trotz des kalten und windigen Wetters hier versammelt hat, ist in der Tat gewaltig und großartig. Euch hat die Macht Gottes zusammengeführt, die göttliche Gunst Bahá'u'lláhs. Preis sei Gott, dass durch Seine bezwingende Liebe die Menschenseelen auf diese Weise versammelt und verbunden werden. Künftig werden in Ost und West tausende Mashriqu'l-Adhkárs gebaut, die Aufgangsorte des Lobpreises und des Gedenkens Gottes für alle frommen Menschen.

Aber dieser, der erste im Westen errichtete, hat eine große Bedeutung.

In Zukunft wird es sehr viele geben, hier und anderswo – in Asien, Europa, auch in Afrika, Neuseeland und Australien –, aber dieses Gebäude in Chicago hat eine herausragende Bedeutung.

Es ist ebenso wichtig wie der Mashriqu'l-Adhkár in 'Ishqábád (Kaukasus, Russland), der erste dort gebaute.

In Persien gibt es viele; einige sind für diesen Zweck genutzte Häuser, andere sind ausschließlich der göttlichen Sache gewidmete Privatwohnungen, und an einigen Orten wurden vorläufige Gebäude errichtet.

In allen persischen Städten gibt es Mashriqu'l-Adhkárs, aber der erhabene Aufgangsort der Anbetung wurde in 'Ishqábád errichtet.

Er hat eine überragende Bedeutung, da es der erste je gebaute Mashriqu'l-Adhkár ist.

Alle Bahá'í-Freunde waren sich einig und erwiesen ihre größtmögliche Unterstützung und Tatkraft.

Der AfnánA15 setzte dafür seinen Reichtum ein und spendete seinen gesamten Besitz.

Durch diese gewaltige gemeinsame Leistung entstand ein wunderschönes Gebäude.

Ungeachtet ihrer Beiträge zu diesem Gebäude haben sie auch die Spendensammlung hier in Chicago unterstützt.

Der Mashriqu'l-Adhkár in 'Ishqábád ist fast fertiggestellt.

Er ist zentral gelegen, mit neun darauf zulaufenden Alleen, neun Gärten, neun Brunnen; die gesamte Anordnung und Konstruktion folgt dem Ordnungsprinzip und Zahlenverhältnis der Zahl Neun.

Es ist wie ein schöner Blumenstrauß.

Stellt euch ein sehr edles, eindrucksvolles Gebäude vor, ganz von Gärten voller bunter Blumen umgeben, mit neun hindurchführenden Alleen und neun Springbrunnen und Wasserbecken.

So unvergleichlich schön ist es gestaltet.

Jetzt bauen sie ein Krankenhaus, eine Schule für Waisenkinder, ein Heim für Menschen mit Behinderungen, ein Hospiz und eine große Apotheke.

So Gott will, wird das alles nach der Fertigstellung ein Paradies sein. Ich hoffe, dass der Mashriqu'l-Adhkár in Chicago dem gleichen wird. Bemüht Euch, die Anlage kreisförmig zu gestalten. Passt möglichst die Pläne an und tauscht sie aus, damit die Abmessungen und Begrenzungen eine Kreisform bekommen. Der Mashriqu'l-Adhkár kann keine dreieckige Form haben. Er muss kreisförmig sein.

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2. Mai 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen In dieser Sache Gottes ist Beratung von grundlegender Bedeutung, aber damit ist geistiger Austausch, nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten gemeint. In Frankreich wohnte ich einer Sitzung des Senats bei, jedoch war diese Erfahrung nicht beeindruckend. Das Ziel des parlamentarischen Verfahrens sollte sein, zum Licht der Wahrheit über die vorgelegten Fragen zu gelangen, es sollte keineswegs als Schlachtfeld für Streit und Rechthaberei dienen. Feindseligkeit und Widerspruchsgeist sind schädlich und verheerend für die Wahrheitsfindung. In der zuvor erwähnten Parlamentssitzung kam es häufig zu Zank und nutzlosen Haarspaltereien; größtenteils führte das zu Verwirrung und Tumult; einmal griffen sich zwei Senatsmitglieder sogar tätlich an. Es war keine Beratung, sondern eine Farce. Das soll nachdrücklich betonen, dass das Ziel einer Beratung das Erforschen der Wahrheit sein muss.

Wer eine Ansicht äußert, sollte sie nicht als wahr und richtig hinstellen, sondern als einen Beitrag zur einmütigen Meinungsbildung darlegen; denn das Licht der Wahrheit wird erkennbar, wenn zwei Meinungen aufeinandertreffen.

Wenn Feuerstein und Stahl zusammenprallen, entsteht ein Funke.

Der Mensch sollte seine Ansichten mit äußerster Klarheit, mit Ruhe und Gelassenheit abwägen.

Bevor er seine eigene Meinung äußert, sollte er die bereits von anderen dargelegten Ansichten sorgfältig in Betracht ziehen.

Findet er, dass eine der zuvor geäußerten Meinungen näher an der Wahrheit und von größerem Wert ist, sollte er sie sofort annehmen und nicht absichtlich auf seiner eigenen Meinung beharren.

Mit dieser ausgezeichneten Methode bemüht er sich, zur Einheit und Wahrheit zu gelangen.

Widerspruchsgeist und Spaltung sind beklagenswert.

Man sollte also besser die Haltung eines weisen, klugen Menschen einnehmen.

Denn wenn verschiedene, voneinander abweichende Ansichten in einer von Widerspruchsgeist und Streitsucht geprägten Haltung vorgetragen werden, wird am Ende ein Gericht über diese Frage entscheiden müssen.

Selbst eine Mehrheitsmeinung oder mehrheitliche Übereinstimmung können falsch sein.

Tausend Menschen können der gleichen Ansicht sein und irren, während ein einziger Scharfsinniger recht haben kann.

Deshalb ist wahre Beratung ein geistiger Austausch in einer Haltung und Atmosphäre der Liebe.

Die Mitglieder müssen liebevoll im Geiste der Gemeinschaft miteinander umgehen, damit gute Ergebnisse erzielt werden.

Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl sind die Grundlage. Das denkwürdigste Beispiel für eine Beratung in geistiger Haltung war die Versammlung der Jünger Jesu Christi auf einem Berg nach Seiner Himmelfahrt.

Sie sagten:

»Seine Heiligkeit Jesus Christus ist gekreuzigt worden und wir haben nicht länger Umgang und Verbindung mit Ihm in Seiner Körperlichkeit.

Deshalb müssen wir Ihm treu und ergeben sein, wir müssen Ihm danken und Ihn verehren, denn Er hat uns von den Toten erweckt, Er hat uns Weisheit und ewiges Leben verliehen.

Was sollen wir tun, um Ihm Treue zu erweisen?« Und so berieten sie miteinander.

Einer von ihnen sagte:

»Wir müssen uns von den Ketten und Fesseln der Welt lösen; anders können wir nicht treu sein.« Die anderen antworteten:

»So ist es.« Ein anderer sagte:

»Entweder sollten wir heiraten und unseren Frauen und Kindern treu sein, oder frei von diesen Bindungen unserem Herrn dienen.

Wir können nicht für eine Familie sorgen und zugleich das Reich Gottes in der Wildnis verkünden.

Daher sollten die Unverheirateten unverheiratet bleiben, und die Verheirateten für den Lebensunterhalt und das Wohl ihrer Familien sorgen und sich sodann aufmachen, die Frohe Botschaft zu verkünden.« Es gab keine abweichenden Meinungen; alle stimmten zu und sprachen:

»Das ist richtig.« Ein dritter Jünger sagte:

»Um Taten zu vollbringen, die dem Reich Gottes würdig sind, müssen wir weitere Opfer bringen.

Von nun an sollten wir aller Bequemlichkeit und körperlichen Behaglichkeit entsagen, jede Schwierigkeit auf uns nehmen, das Selbst vergessen und die Sache Gottes lehren.« Dies fand bei allen anderen Zustimmung und Beifall.

Schließlich sagte ein vierter Jünger:

»Es gibt noch etwas zu bedenken in Bezug auf unseren Glauben und unsere Einheit.

Um Jesu willen wird man uns schlagen, einkerkern und verbannen.

Möglicherweise töten sie uns.

Lasst uns daraus folgende Lehre ziehen.

Halten wir uns vor Augen, dass wir geschlagen, verbannt, verflucht, bespuckt und hingerichtet werden, und lasst uns beschließen, all dies dennoch freudig hinzunehmen und jene zu lieben, die uns hassen und verletzen.« Alle Jünger erwiderten:

»Das werden wir gewiss tun – wir sind einverstanden; das ist richtig.« Dann stiegen sie vom Gipfel des Berges herab und jeder ging seines Weges und folgte seinem göttlichen Auftrag. Dies war echte Beratung. Dies war eine geistige Beratung und nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten in parlamentarischer Kontroverse und Debatte.

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2. Mai 1912 Ansprache beim Bund der Frauenvereine Hotel La Salle, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Eine der Funktionen der Sonne besteht darin, die verborgenen Wirklichkeiten im Reiche des Daseins zum Leben zu erwecken und zu offenbaren. Durch das Licht und die Wärme dieses großen zentralen Leuchtkörpers wird alles, was in der Erde angelegt ist, erweckt und tritt ins Reich des Sichtbaren. Die im Baum verborgene Frucht erscheint an seinen Zweigen als Antwort auf die Kraft der Sonne; der Mensch und alle anderen Organismen leben und bewegen sich durch ihre anregenden Strahlen; die Natur strahlt prachtvoll durch ihren durchdringenden Impuls in zahllosen evolutionären Ausprägungen – so können wir feststellen, dass eine Funktion der Sonne die Enthüllung der Geheimnisse und der schöpferischen Ziele ist, die in der Erscheinungswelt verborgen sind. Die äußere Sonne ist Zeichen und Symbol der inneren vollkommenen Sonne der Wahrheit, des Wortes Gottes. In diesem Jahrhundert des Lichtes wird offensichtlich, dass die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, sich dem ganzen Menschengeschlecht offenbart hat. Eine der im Menschenreich verborgenen Anlagen war das Leistungsvermögen beziehungsweise die Befähigung der Frau. Der Strahlenglanz göttlicher Erleuchtung hat die Fähigkeiten der Frau in diesem Zeitalter so weit erweckt und in Erscheinung treten lassen, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine anerkannte Tatsache ist. In früheren Zeiten wurde die Frau benachteiligt und unterdrückt. Dies war insbesondere in Asien und Afrika der Fall. In manchen Gegenden Asiens wurden Frauen nicht einmal als Menschen angesehen. Man betrachtete sie als minderwertige, wertlose Geschöpfe, dem Mann unterlegen und untertan. Das Volk der Nusayris glaubte lange Zeit, dass die Frau die Verkörperung des bösen Geistes, also des Teufels sei und dass ausschließlich der Mann das Ebenbild Gottes, des Barmherzigen sei. Schließlich brach dieses Jahrhundert des Lichtes an, die Wahrheit erstrahlte, und Geheimnisse, die lange vor der menschlichen Erkenntnis verborgen waren, wurden enthüllt. Zu diesen enthüllten Wahrheiten gehörte das wunderbare Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau, das jetzt in der ganzen Welt Anerkennung findet – im Orient wie im Okzident. Die Geschichte berichtet über das Auftreten von Frauen in der Welt, die Sinnbilder der Führung, Stärke und des Erfolgs waren. Manche waren bekannte Dichterinnen, manche Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen, andere waren mutig auf dem Schlachtfeld. Qurratu'l-'Ayn, eine Bahá'í, war Dichterin. Sie brachte die gelehrten Männer Persiens durch ihre Brillanz und ihre Leidenschaft in Verlegenheit. Wenn sie eine Versammlung betrat, verstummten sogar die Gelehrten. Sie war in Philosophie und Wissenschaft so bewandert, dass die Anwesenden immer zuerst ihre Ansicht und ihren Rat einholten. Ihr Mut war ohnegleichen. Sie trat ihren Feinden furchtlos entgegen, bis sie getötet wurde. Sie widerstand einem despotischen König, dem Sháh von Persien, der über die Macht verfügte, jeden seiner Untertanen zum Tode zu verurteilen. Es gab keinen Tag, an dem er nicht die Hinrichtung einiger Menschen befahl. Diese Frau hielt einem solchen Despoten ganz allein bis zu ihrem letzten Atemzug stand und gab schließlich ihr Leben für ihren Glauben. Bedenken Sie die Geheimnisse, die während des letzten halben Jahrhunderts offenbart wurden, die alle zurückzuführen sind auf den Glanz der Sonne der Wahrheit, die sich in diesem Zeitalter und Zyklus so herrlich manifestierte.

In der heutigen Zeit muss der Mensch die Wahrheit unparteiisch und vorurteilslos erforschen, um zu wahrer Erkenntnis und den richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Worin besteht dann die Ungleichheit zwischen Mann und Frau?

Beide sind Menschen.

In ihren Fähigkeiten und Aufgaben ergänzen sie sich gegenseitig.

Der Unterschied liegt vor allem darin, dass der Frau die Möglichkeiten vorenthalten wurden, deren sich der Mann so lange erfreute, insbesondere das Vorrecht der Bildung.

Aber auch das ist nicht immer ein Mangel.

Sollen wir es für eine Unvollkommenheit und Schwäche ihres Wesens halten, dass sie keine Kriegstaktik beherrscht, nicht in die Schlacht ziehen und töten kann und dass sie nicht in der Lage ist, mit einer tödlichen Waffe umzugehen?

Nein, ist es nicht eher ein Kompliment, wenn wir sagen, dass sie hinsichtlich Hartherzigkeit und Grausamkeit dem Mann unterlegen ist?

Die Frau, die aufgefordert wird, sich zu bewaffnen und ihre Mitgeschöpfe zu töten, wird sagen:

»Ich kann das nicht.« Sollte man dies als Fehler ansehen und als fehlende Tauglichkeit zur Gleichberechtigung mit dem Mann?

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Frau, sofern sie militärisch im Niedermetzeln geschult und ausgebildet worden wäre, auch auf diesem Gebiet dem Mann entsprochen hätte.

Aber davor möge Gott uns bewahren!

Möge die Frau nie diese Fertigkeit erlangen, möge sie nie Kriegswaffen führen, denn die Zerstörung der Menschheit ist keine rühmenswerte Leistung.

Ein Heim aufzubauen, den Menschenherzen Freude und Trost zu bringen, dies sind wahre Ruhmestaten der Menschheit.

Möge sich kein Mann dessen rühmen, dass er seine Mitgeschöpfe töten kann; nein, lasst ihn sich dessen rühmen, dass er sie lieben kann. Wenn wir die Reiche des Daseins unterhalb des Menschen betrachten, finden wir keine Unterscheidung oder Bewertung der Über- und Unterlegenheit von Männlichem oder Weiblichem. Bei unzähligen Organismen des Pflanzen- und Tierreichs existiert zwar das Geschlecht, aber es gibt keinerlei Unterscheidung hinsichtlich seiner vergleichsweisen Bedeutung und seines Wertes in der Gleichung des Lebens. Wenn wir unparteiisch nachforschen, können wir sogar Arten finden, bei denen das Weibliche dem Männlichen übergeordnet oder vorzuziehen ist. So gibt es Bäume wie den Feigenbaum, dessen männliche Exemplare fruchtlos, die weiblichen aber fruchtbar sind. Die männliche Dattelpalme ist wertlos, während die weibliche reiche Früchte trägt. Da wir nach der schöpferischen Weisheit in den niederen Reichen keinen Anhaltspunkt für eine Unterscheidung oder Überlegenheit finden, ist es da logisch oder angemessen für den Menschen, eine solche Unterscheidung in Bezug auf sich selbst zu treffen? Im Tierreich rühmt sich kein Männchen, dem Weibchen überlegen zu sein. Tatsächlich herrscht Gleichheit und sie wird anerkannt. Warum sollte der Mensch, der ein höheres und intelligenteres Geschöpf ist, diese Gleichheit, derer sich die Tiere erfreuen, verleugnen und sich ihrer berauben? Der sicherste Hinweis für die schöpferische Absicht in Bezug auf den Menschen selbst sind die Verhältnisse und Ähnlichkeiten der Daseinsebenen unter ihm, in denen die Gleichstellung der Geschlechter von grundlegender Bedeutung ist. In Wahrheit besteht die ganze Menschheit aus Geschöpfen und Dienern des einen Gottes und in Seinen Augen sind alle Menschen. Mensch ist ein Gattungsbegriff, der auf die ganze Menschheit zutrifft. Die biblische Aussage »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei« bedeutet nicht, dass die Frau nicht erschaffen wurde. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt auch für sie. Im Persischen und Arabischen gibt es zwei verschiedene Begriffe, die ins Englische mit ›man‹ übersetzt werden: Der eine bezieht sich auf Mann und Frau gleichermaßen, der andere unterscheidet den Mann als männlich von der Frau als weiblich. Der erste Begriff und sein Pronomen bilden einen die Gattung betreffenden Sammelbegriff; der andere bezieht sich ausschließlich auf das Männliche. Im Hebräischen ist es genauso. Eine Unterscheidung, die Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen hat, gelten zu lassen und an ihr festzuhalten, ist Unwissenheit und Aberglaube.

Worauf es hier jedoch ankommt, ist, dass der Frau, die früher benachteiligt wurde, heute die gleichen Chancen für Erziehung, Bildung und Ausbildung wie dem Mann eingeräumt werden müssen.

Es darf keinen Unterschied in ihrer Erziehung und Bildung geben.

Solange die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vollständig verwirklicht ist, kann sich die menschliche Gesellschaft nicht zur Reife entwickeln.

Selbst wenn man annähme, dass die Frau dem Mann zu einem gewissen Grad an Fähigkeit oder an Leistung unterlegen sei, so würde diese oder jede andere Unterscheidung doch nur weiterhin Zwietracht und Leid erzeugen.

Das einzige Heilmittel sind Erziehung und Bildungschancen, denn Gleichstellung bedeutet gleiche Befähigung.

Kurzum, anzunehmen, der Mann sei überlegen, wird den Eifer der Frau weiterhin unterdrücken, so als sei ihr Streben nach Gleichberechtigung schöpfungsbedingt unmöglich.

Das Streben der Frau nach Fortschritt wird dadurch behindert und sie wird allmählich die Hoffnung verlieren.

Wir müssen also ganz im Gegenteil erklären, dass ihre Leistungsfähigkeit gleich ist, sogar größer als die des Mannes.

Dies wird sie mit Hoffnung und Ehrgeiz beflügeln und ihre Entwicklungsbemühungen werden kontinuierlich zunehmen.

Ihr darf nicht gesagt und beigebracht werden, dass sie in Bezug auf ihr Leistungsvermögen und ihre Befähigung schwächer und unterlegen ist.

Wenn man einem Schüler sagt, er sei weniger intelligent als seine Mitschüler, wirft ihn das sehr stark zurück und behindert seinen Fortschritt.

Er muss in seiner Entwicklung ermutigt werden, mit der Aussage:

»Du bist sehr fähig, und wenn du dich anstrengst, wirst du den höchsten Abschluss erreichen.« Ich hoffe, dass überall auf den fünf Kontinenten, wo die Gleichberechtigung bis heute noch nicht vollständig anerkannt und verwirklicht ist, ihr Banner gehisst wird. Die Frau in dieser aufgeklärten westlichen Welt ist den Frauen des Orients einen gewaltigen Schritt voraus. Und es sollte noch einmal deutlich gesagt werden: Bevor Mann und Frau nicht die Gleichberechtigung anerkennen und verwirklichen, ist kein gesellschaftlicher und politischer Fortschritt möglich, weder hier noch irgendwo sonst. Denn die Menschenwelt teilt sich in zwei Hälften: zum einen die Frauen, zum anderen die Männer. Erst wenn diese beiden Teile gleich stark sind, kann die Einheit der Menschheit erreicht werden und Glück und Wohl der Menschheit werden verwirklicht. So Gott will, wird es so kommen.

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2. Mai 1912 Ansprache beim Empfang der Bahá'í-Frauen Hotel La Salle, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Wenn wir die Reiche der Schöpfung unterhalb des Menschen betrachten, so finden wir drei Formen beziehungsweise Ebenen der Existenz, die der Bildung und Entwicklung bedürfen.

Die Aufgabe eines Gärtners besteht zum Beispiel darin, den Boden des Mineralreichs zu bearbeiten und einen Baum zu pflanzen, dem unter seiner Pflege und Kultivierung ein perfektes Wachstum ermöglicht wird.

Wenn er wild und unfruchtbar ist, kann er durch Veredelung fruchtbar gemacht werden.

Wenn er klein und unansehnlich ist, wird er durch die Pflege des Gärtners groß, schön und grün, während ein Baum, der keine Kultivierung erfährt, täglich Rückschritte macht, scharfe und bittere Früchte wie die von Dschungelbäumen trägt oder gar völlig unfruchtbar wird und seiner Früchte beraubt bleibt.

Ebenso beobachten wir, dass Tiere, die innerhalb ihrer Möglichkeiten dressiert werden, sichtliche Fortschritte machen, schöner ausschauen und schlauer sind.

Wie schlau und geschickt, ja sogar vornehm, ist zum Beispiel das Araberpferd durch die Erziehung und Ausbildung geworden.

Was die Welt der Menschen betrifft:

Sie brauchen mehr Führung und Erziehung als die niederen Geschöpfe.

Denke über den großen Unterschied zwischen der Bevölkerung Afrikas und der Amerikas nach.

Hier sind die Menschen zivilisiert und weit entwickelt, dort befinden sie sich in einem äußerst erbärmlichen und unzivilisierten Zustand.

Aus welchem Grund sind sie unzivilisiert und ihr so zivilisiert?

Es ist offensichtlich, dass dieser Unterschied zum einen auf Bildung und zum anderen auf den Mangel daran zurückzuführen ist.

Denkt also darüber nach, wie wirkungsvoll Erziehung und Bildung im Menschenreich sind.

Durch sie wird der Unwissende verständig, der Tyrann gnädig, der Blinde sehend, der Taube aufmerksam und sogar der Einfältige klug.

Wie groß ist dieser Unterschied; wie groß ist die Kluft, die den Gebildeten vom Ungebildeten trennt.

Dies ist die Wirkung, wenn der Lehrer nur ein gewöhnlicher Lehrer ist. Aber – Preis sei Gott! – euer Lehrer und Ausbilder ist Bahá'u'lláh. Er ist der Lehrmeister von Orient und Okzident. Er ist der Lehrer der Welt, des Göttlichen und des Geistigen, die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes. Das Licht Seiner Erziehung leuchtet wie die Sonne. Seht, was sie bewirkt hat, wie sich die ganze Menschheit durch sie entwickelt, sodass ich, ein Perser, zu diesem Treffen geschätzter Menschen auf dem amerikanischen Kontinent gekommen bin, hier stehe und in größter Liebe zu euch spreche. Dies geschieht durch die Unterweisung Bahá'u'lláhs, die diese Herzen einen kann und schon geeint hat. Auf diese Weise hat sie die Welt erleuchtet. Genau so hat sie den Menschen den Geist Gottes eingehaucht. Genau so hat sie die Herzen der Menschen wiederbelebt. Darum sei Gott gepriesen, dass ihr die Erziehung Dessen erhaltet, Der die wahre Sonne der Wahrheit ist, Der strahlend auf die ganze Menschheit scheint und allen ein Leben verleiht, das ewig währt. Gott sei tausendfach gepriesen!

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2. Mai 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Heute morgen ist die Stadt in Dunst und Nebel gehüllt. Wie schön ist eine Stadt, wenn die Sonne scheint. So, wie dieser Nebel und Dunst die Sonnenpracht verbergen, so verdunkeln menschliche Vorstellungen die Sonne der Wahrheit. Betrachtet die glänzende Herrlichkeit der großen Sonne mitten in unserem Planetensystem: Wie wunderbar ist der Anblick, wie sorgt ihr Licht für klare Sicht, bis Nebel und Wolken sie vor dem Auge verhüllen. Auf die gleiche Weise wird die Sonne der Wahrheit durch Aberglauben und Einbildungen des menschlichen Geistes verhüllt und verborgen. Wenn die Sonne aufgeht, zerstreuen sich Dunst und Nebel, ob sie nun im Nordosten, Osten oder im Südosten erscheint, und wir haben klare Sicht auf ihre Herrlichkeit, während sie sich zum Zenit erhebt. In ähnlicher Weise sind die Völker zu den Aufgangsorten der Sonne der Wahrheit geführt worden, ein jedes zu einem bestimmten Aufgangsort, von dem aus sich das Licht der Religion manifestierte. Aber nach einiger Zeit ist der Aufgangsort zum Gegenstand der Anbetung geworden, und nicht die Sonne selbst, die immer als die eine Sonne am Himmel des göttlichen Willens feststeht. Dadurch kam es zu Meinungsverschiedenheiten, die dazu führten, dass dunkle Wolken den herrlichen Glanz der Wahrheit wieder überschatteten. Wenn sich Nebel und Dunkelheit des Aberglaubens und des Vorurteils aufgelöst haben, werden alle gleichermaßen die Sonne erblicken. Dann werden alle Völker in ihrem Strahlenglanz vereint sein. Da diese Wolken und Hirngespinste menschlichen Aberglaubens das Licht der geistigen Sonne verdecken, müssen wir uns mit aller Kraft bemühen, sie zu zerstreuen. Mögen wir uns dafür verbinden und erleuchtet werden, das zu vollbringen, denn die Sonne ist eine und ihr Strahlen und ihre Freigebigkeit sind allumfassend. Alle Erdenbewohner empfangen die Gaben einer einzigen stofflichen Sonne und niemand wird anderen vorgezogen. Ebenso empfangen alle die himmlischen Gaben des Wortes Gottes. Niemand wird bevorzugt, alle stehen unter seinem Schutz und allumfassenden Licht. Zwischenmenschliche Streitigkeiten und religiöse Meinungsverschiedenheiten verkomplizieren und entstellen die einfache Reinheit und Schönheit der göttlichen Sache, bis Wolken das Licht der Wahrheit verdunkeln und Uneinigkeit entsteht. Nutzt daher Verstand und Vernunft, um diese dichten Wolken vom Horizont des menschlichen Herzens zu vertreiben, sodass alle an der einen Wahrheit aller Propheten festhalten. Wenn Menschen ihre jeweilige Vernunft und ihren Verstand auf die göttlichen Fragen anwenden, dann wird ganz sicher die Macht Gottes alle Schwierigkeiten ausräumen und die ewigen Wahrheiten werden als ein einziges Licht, eine einzige Wahrheit, eine einzige Liebe, ein einziger Gott und ein universeller Frieden erscheinen.

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2. Mai 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnung von Henrietta C. Wagner Untersuchen wir eingehend die Reiche des Daseins und beobachten die uns umgebenden Phänomene des Universums, so entdecken wir die vollkommene Ordnung und absolute Vollkommenheit der Schöpfung.

Die einfachen Mineralien in ihren stofflichen Verbindungen, Pflanzen und Gemüse mit Wachstumsvermögen, Tiere mit ihren Instinkten, Menschen mit bewusstem Verstand und Himmelskörper, die sich ergeben durch den grenzenlosen Raum bewegen, unterliegen alle dem allumfassenden, dem vollständigsten und vollkommensten Gesetz.

Deshalb hat ein weiser Philosoph gesagt:

»Es gibt kein großartigeres oder vollkommeneres Schöpfungssystem als das bereits existierende.« Die Materialisten und Atheisten erklären, diese Ordnung und Symmetrie sei der Natur und ihren Kräften zuzuschreiben.

Zusammensetzung und Auflösung, die das Leben und das Dasein ausmachen, seien naturgegeben.

Der Mensch selbst sei naturgegeben.

Die Natur beherrsche und regiere die Schöpfung, und alle existierenden Dinge seien in der Natur gefangen.

Lasst uns diese Aussagen betrachten.

Wir stellen fest, dass alle Phänomene einer genauen Ordnung unterliegen und unter der Kontrolle eines allumfassenden Gesetzes stehen.

Insofern stellt sich die Frage, ob dies auf die Natur oder auf göttliche und allmächtige Herrschaft zurückzuführen ist.

Die Materialisten glauben, dass Regenfälle ein Erfordernis der Natur sind und dass die Erde ohne diesen Regen nicht grünen würde.

Sie argumentieren:

Wenn die Wolken einen Regenguss verursachen, wenn die Sonne Wärme und Licht ausstrahlt und die Erde über die nötige Beschaffenheit verfügt, müsse unausweichlich die Vegetation folgen.

Das Leben der Pflanzen sei darum eine Eigenschaft dieser natürlichen Kräfte und ein Zeichen der Natur, so wie der Verbrennungsvorgang die natürliche Eigenschaft des Feuers sei, das Feuer darum brenne und Feuer ohne Brennen für uns undenkbar sei. Unsere Antwort auf diese Aussagen ist, dass aus den von Materialisten vorgebrachten Annahmen die Schlussfolgerungen gezogen werden, dass die Natur das Dasein steuert und beherrscht und dass alle Vortrefflichkeit und Vollkommenheit natürliche Erfordernisse und Ergebnisse sind. Daraus folgt ferner, dass der Mensch nur ein Teil oder Element dessen ist, was die Natur als Ganzes ausmacht. Der Mensch besitzt bestimmte Kräfte, die es in der Natur so nicht gibt.

Er setzt seine Willenskraft ein, die Natur hingegen hat keinen Willen.

So ist es ein Wesensmerkmal der Sonne, Licht zu geben.

Das ist so geregelt – sie kann nichts anderes tun, als Licht auszustrahlen –, aber sie tut dies nicht willentlich.

Ein Wesensmerkmal des Phänomens Elektrizität besteht darin, dass sie sich unter bestimmten Bedingungen in Funken und Blitzen zeigt, aber sie kann nicht willentlich Licht erzeugen.

Ein Wesensmerkmal oder eine Eigenschaft des Wassers ist Feuchtigkeit.

Es kann sich von dieser Eigenschaft nicht durch eigenen Willen trennen.

In gleicher Weise gehören alle Merkmale der Natur zu ihrem Wesen und folgen diesem unwillkürlich.

Aus philosophischer Perspektive ist die Natur also ohne Willen und ohne Begriffsvermögen.

In dieser Feststellung, diesem Grundsatz stimmen wir mit den Materialisten überein.

Aber die Frage, die zum Nachdenken anregt, lautet:

Wie kommt es, dass der Mensch, der doch Teil des universellen Plans ist, bestimmte Eigenschaften besitzt, die der Natur fehlen?

Ist es denkbar, dass ein Tropfen mit Eigenschaften erfüllt ist, die dem Ozean gänzlich fehlen?

Der Tropfen ist ein Teil, der Ozean ist das Ganze.

Kann es das Phänomen eines Verbrennungsvorganges oder einer Beleuchtung geben, das der große Himmelskörper, die Sonne selbst, nicht hervorbringt?

Ist es möglich, dass ein Stein Eigenschaften besitzt, die dem gesamten Mineralreich fehlen?

Kann beispielsweise der Fingernagel, der Teil der menschlichen Anatomie ist, mit Zelleigenschaften ausgestattet sein, die dem Gehirn fehlen? Der Mensch ist intelligent, sowohl instinktiv als auch bewusst intelligent.

Die Natur ist dies nicht.

Der Mensch besitzt Erinnerungsvermögen, die Natur nicht.

Der Mensch entdeckt die Geheimnisse der Natur, die Natur ist sich dieser Geheimnisse nicht bewusst.

Es ist daher offensichtlich, dass der Mensch aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden muss:

Als Tier ist er der Natur unterworfen, aber in seinem geistigen beziehungsweise bewussten Wesen überschreitet er die Grenzen materiellen Daseins.

Seine geistigen Kräfte, die edler und höher sind, besitzen Qualitäten, auf die es in der Natur selbst keine Hinweise gibt.

Deshalb siegen die geistigen Kräfte des Menschen über die Naturgegebenheiten.

Diese vollkommenen Qualitäten und Kräfte im Menschen übersteigen die Natur oder schließen sie ein, begreifen die Gesetze und Phänomene der Natur, durchdringen die Geheimnisse des Unbekannten und Unsichtbaren und holen sie hervor in den Bereich des Bekannten und Sichtbaren.

Alle vorhandenen Künste und Wissenschaften waren einmal verborgene Naturgeheimnisse.

Durch seine Beherrschung und Steuerung der Natur entlockte der Mensch sie der Ebene des Unsichtbaren und brachte sie in den Bereich des Sichtbaren, obwohl diese Geheimnisse den Naturgesetzen zufolge unentdeckt und verborgen geblieben wären.

Entsprechend den Naturgesetzen wäre Elektrizität eine verborgene, geheime Kraft.

Aber der durchdringende Verstand des Menschen hat sie entdeckt, aus dem Bereich des Geheimen herausgeholt und sie zu einem gehorsamen Diener des Menschen gemacht.

Was den Körper und seine Funktionen betrifft, so ist der Mensch ein Gefangener der Natur.

Er kann naturgemäß nicht ohne Schlaf auskommen, und er muss essen und trinken, wie es die Natur fordert.

Aber durch sein geistiges Wesen und seinen Verstand beherrscht und kontrolliert der Mensch die Natur, die über sein körperliches Dasein herrscht.

Dessen ungeachtet gibt es anderslautende Meinungen und materialistische Sichtweisen, die den Menschen völlig auf die körperliche Unterwerfung unter die Naturgesetze eingrenzen würden.

Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, die erste Steigerungsstufe übertreffe die Höchststufe, das Unvollkommene schließe das Vollkommene ein, der Schüler überrage den Lehrer – was alles unlogisch und unmöglich ist.

Wenn klar und offensichtlich ist, dass der Verstand des Menschen, seine schöpferische Fähigkeit, seine Fähigkeit zur Durchdringung und Entdeckung die Natur überschreiten, wie können wir dann behaupten, er sei Sklave und Gefangener der Natur?

Dies würde bedeuten, dass der Mensch der Gaben Gottes beraubt ist, dass er auf die Stufe des Tieres zurückfällt, dass sein scharfer Superverstand keine Funktion hat und dass er sich selbst als Tier einschätzt, ohne Unterscheidung zwischen seinem eigenen Reich und dem Reich des Tieres. Ich habe mich einmal mit einem berühmten Philosophen der materialistischen Schule in Alexandria unterhalten. Er vertrat nachdrücklich die Ansicht, dass der Mensch und die anderen Reiche des Daseins unter der Kontrolle der Natur stehen und dass der Mensch letztlich nur ein soziales Wesen ist, und zwar oft ein sehr tierisches. Als er sich in einer Auseinandersetzung unterlegen fühlte, sagte er impulsiv: »Ich sehe keinen Unterschied zwischen mir und einem Esel, und ich bin nicht bereit, Unterscheidungen einzuräumen, die ich nicht wahrnehmen kann.« 'Abdu'l-Bahá antwortete: »Nein, ich betrachte Sie als etwas grundsätzlich anderes; ich bezeichne Sie als Menschen, den Esel aber als Tier. Ich erkenne, dass Sie sehr klug sind, was der Esel nicht ist. Ich weiß, dass Sie sich mit Philosophie gut auskennen, und ich weiß auch, dass der Esel dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Daher bin ich nicht bereit, Ihre Aussage zu akzeptieren.« Betrachtet die Frau neben mir, die in dieses kleine Buch schreibt. Das scheint eine sehr belanglose, gewöhnliche Tätigkeit zu sein, aber aufgrund vernünftiger Überlegung werdet ihr zum Schluss kommen, dass das Geschriebene die Existenz eines Schreibers voraussetzt und beweist. Diese Worte haben sich nicht selbst geschrieben, und diese Buchstaben sind nicht durch ihren eigenen Willen zusammengekommen. Es ist offensichtlich, dass es einen Schreiber geben muss. Und jetzt betrachtet dieses unendliche Universum. Hätte es ohne einen Schöpfer erschaffen werden können? Oder ist es möglich, dass der Schöpfer und die Ursache dieser unendlichen Vielzahl an Welten nicht intelligent wäre? Ist der Gedanke haltbar, dass der Schöpfer keinen Begriff davon hat, was sich in der Schöpfung zeigt? Der Mensch, das Geschöpf, besitzt Willenskraft und gewisse Eigenschaften. Ist es dann möglich, dass der Schöpfer sie nicht besitzt? Selbst ein Kind könnte diese Annahme und Aussage nicht akzeptieren. Es ist völlig offensichtlich, dass der Mensch sich nicht selbst erschaffen hat und dass er dies auch nicht kann. Wie könnte der Mensch, schwach wie er ist, ein so mächtiges Wesen erschaffen? Daher muss der Schöpfer des Menschen vollkommener und mächtiger sein als der Mensch. Wenn die Schöpfungsursache des Menschen einfach auf derselben Ebene wie der Mensch stünde, dann sollte der Mensch fähig sein, eine Schöpfung hervorzubringen, dabei wissen wir sehr wohl, dass wir nicht einmal etwas erschaffen können, das uns ähnlich ist. Daher muss der Schöpfer des Menschen in allen Punkten, die die Schöpfung beinhaltet und voraussetzt, mit allerhöchster Intelligenz und Macht ausgestattet sein. Wir sind schwach, Er ist mächtig, denn wenn Er nicht mächtig wäre, hätte Er uns nicht erschaffen können. Wir sind unwissend, Er ist weise. Wir sind arm, Er ist reich. Andernfalls wäre Er unfähig gewesen, uns zu erschaffen. Zu den Belegen für die Existenz einer göttlichen Kraft gehört, dass manche Dinge oft durch ihr Gegenteil erkannt werden. Ohne Dunkelheit könnte kein Licht wahrgenommen werden. Ohne den Tod könnte man nichts vom Leben wissen. Wenn es keine Unwissenheit gäbe, gäbe es kein Wissen. Es ist notwendig, dass das eine existiert, damit das andere vorhanden sein kann. Es muss Nacht und Tag geben, damit beide unterschieden werden können. Die Nacht selbst ist ein Hinweis auf und ein Zeugnis für den folgenden Tag, und der Tag selbst deutet auf die kommende Nacht. Gäbe es keine Nacht, könnte es keinen Tag geben. Ohne den Tod könnte es kein Leben geben. Die Dinge werden durch ihr Gegenteil erkannt. Daher ist unsere Schwäche ein Beweis dafür, dass es eine Macht gibt, unsere Unwissenheit beweist das Vorhandensein von Wissen, unser Bedarf weist auf Versorgung und Wohlstand hin. Ohne Wohlstand würde dieser Bedarf nicht bestehen, ohne Wissen wäre Unwissenheit unbekannt, ohne Macht würde es keine Schwäche geben. Mit anderen Worten: Bedarf und Bereitstellung sind das Gesetz, und zweifellos haben alle Kräfte einen Ursprung und einen Mittelpunkt. Dieser Ursprung ist Gott, von Dem alle diese Gaben stammen.

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3. Mai 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Ich befand mich im Orient, und der Orient ist von diesem Teil der Welt sehr weit entfernt. Das Reisen ist beschwerlich, besonders für mich, wegen meiner körperlichen Gebrechen, die in vierzig Jahren Gefängnishaft zugenommen haben. Meine körperlichen Kräfte sind schwach; es ist die Willenskraft, die mich aufrechterhält. Das zeigt euch, wie groß meine Anstrengung und wie fest mein Vorsatz war, diese Reise durch den Willen Gottes zu bewerkstelligen. Möge sie dem Abendland zu großer Erleuchtung verhelfen. In dieser westlichen Welt mit ihrem anregenden Klima, ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten und ihren hohen Idealen sollte sich die Botschaft des Friedens leicht verbreiten. Die Menschen hier sind weniger von blinder Nachahmung und Vorurteilen beeinflusst, und da sie zwischen Schein und Sein unterscheiden, sollten sie die Wahrheit erkennen können. Sie sollten führend sein im Bemühen, die Einheit der Menschheit zu verwirklichen. Welche Verantwortung ist größer als diese? Im Reich Gottes gibt es keinen größeren Dienst, und in den Augen der Propheten, Jesus Christus eingeschlossen, gibt es keine wertvollere Tat. Doch bis zum heutigen Tage herrscht Krieg. Zwischen den Völkern sind Neid und Hass entstanden. Da ich aber das amerikanische Volk für so leistungsfähig halte und die gegenwärtige Regierung als die redlichste der westlichen Regierungen erachte und ihre Institutionen als denen anderer überlegen, ist meine sehnliche Hoffnung, dass das Banner der internationalen Versöhnung zuerst auf diesem Kontinent gehisst und die Standarte des Größten Friedens hier entfaltet werde. Mögen das amerikanische Volk und seine Regierung sich in ihren Bemühungen zusammenschließen, damit dieses Licht an diesem Ort aufleuchte und in alle Gebiete ausstrahle, denn dies ist eine der größten Gaben Gottes. Damit Amerika diese Gelegenheit ergreift, bitte ich darum, dass ihr euch mit Herz und Seele bemüht, betet und alle eure Kräfte diesem Ziel widmet: Dass das Banner des Weltfriedens hier gehisst wird und diese Demokratie dazu führt, dass in allen anderen Ländern der Krieg beendet wird. Seht, was in Tripolis geschieht: Menschen, die einander zerstückeln, Bombardierungen vom Meer aus, Angriffe vom Land aus und Dynamithagel direkt vom Himmel. Die gegeneinander kämpfenden Armeen dürsten nach dem Blut der jeweils anderen. Unfassbar, dass sie das tun können. Sie haben Väter, Mütter, Kinder. Sie sind Menschen. Was ist mit ihren Frauen und Familien? Denkt nur an deren Qualen und Leiden. Wie ungerecht, wie schrecklich! Menschliche Wesen sollten dies verhindern und untersagen. Diese Könige, Herrscher und Oberhäupter sollten sich um das Wohl ihrer Untertanen bemühen statt um ihre Vernichtung. Diese Hirten sollten ihre Schafe in der Herde sammeln, sie hüten und weiden, anstatt sie zu töten und zu schlachten. Ich flehe zum Königreich Gottes und bitte darum, dass ihr in diesem Land maßgeblich an der Errichtung des großen Friedens mitwirkt und dass diese Regierung und Nation ihn auf der ganzen Welt verbreitet.

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3. Mai 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Nach Aussage der Philosophen ist der Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten Stufe des Menschseins auf Erziehung und Bildung zurückzuführen. Folgende Beweise bringen sie vor: Die Zivilisation Europas und Amerikas ist Zeugnis und Ergebnis der Bildung und Erziehung, während an den halbzivilisierten und rohen Völkern Afrikas sichtbar wird, dass ihnen die damit verbundenen Vorteile vorenthalten wurden. Erziehung und Bildung machen den Unwissenden weise, den Tyrannen gerecht, sie fördern das Glück, schärfen den Verstand, entwickeln den Willen und machen die fruchtlosen Bäume der Menschheit wieder fruchtbar. Darum haben einige Menschen eine hohe Stufe erreicht, während andere im Abgrund der Verzweiflung herumtappen. Trotzdem kann jeder Mensch die höchsten geistigen Fähigkeiten erlangen, sogar bis zur Stufe der Propheten. Dies ist die Sichtweise und Erklärung der Philosophen. Die Propheten Gottes sind die ersten Erzieher. Sie verhelfen dem Menschen zu umfassender Erziehung und Bildung und lassen ihn von den niedrigsten Ebenen der Rohheit zu den höchsten Gipfeln geistiger Entwicklung emporsteigen. Auch Philosophen sind Erzieher, und zwar hinsichtlich der Schulung des Verstandes. Sie waren jedoch allenfalls in der Lage, sich selbst und eine begrenzte Zahl anderer dazu zu bringen, ihre Ethik zu verbessern und sich sozusagen selbst zu zivilisieren; aber sie waren außerstande, universelle Erziehung zu bewirken. Sie haben es nicht vermocht, irgendein Volk aus der Wildheit in die Zivilisation zu führen. Obwohl Erziehung die Ethik der Menschheit verbessert, die Vorzüge der Zivilisation hervorbringt und den Menschen von den niedrigsten Ebenen auf einen erhabenen Rang emporhebt, gibt es trotzdem Unterschiede in den wesenhaften, angeborenen Fähigkeiten der Einzelnen. Zehn gleichaltrige Kinder der gleichen sozialen Herkunft, die in der gleichen Schule unterrichtet, auf die gleiche Weise ernährt, in jeder Hinsicht dem gleichen Umfeld ausgesetzt sind und gleiche gemeinsame Interessen haben, werden in unterschiedlichem Grad verschiedene Fähigkeiten und Begabungen aufweisen und sich unterschiedlich entwickeln; manche werden überaus scharfsinnig sein und rasch vorankommen, manche werden durchschnittliche Fähigkeiten haben, andere werden eingeschränkt und unfähig sein. Einer mag ein gelehrter Professor werden, während ein anderer mit der gleichen Erziehung sich als beschränkt und einfältig erweist. Die Chancen waren in jeder Hinsicht gleich, aber die Erfolge und Ergebnisse variieren vom höchsten bis zum niedrigsten Reifegrad. Offensichtlich gibt es also zwischen den Menschen Unterschiede bezüglich der angeborenen Fähigkeiten und der geistigen Begabungen. Und dennoch ist jeder Mensch, trotz unterschiedlicher Fähigkeiten, zur Bildung fähig. Jesus Christus war ein Erzieher der Menschheit. Seine Lehren waren selbstlos, Seine Gaben allumfassend. Er lehrte die Menschheit durch die Kraft des Heiligen Geistes und nicht mit menschlichen Mitteln, denn die menschliche Kraft ist begrenzt, während die göttliche Kraft unbegrenzt und unendlich ist. Der Einfluss und die Erfolge Christi bezeugen dies. Galenos, der griechische Arzt und Philosoph, der im zweiten Jahrhundert nach Christus lebte, schrieb eine Abhandlung über die Kultur der Völker. Er war kein Christ, aber er bezeugte, dass Glaubensüberzeugungen eine außerordentliche Wirkung auf Zivilisationsprobleme haben. Im Wesentlichen sagte er: »Es gibt unter uns bestimmte Menschen, Anhänger von Jesus von Nazareth, der in Jerusalem getötet wurde. Diese Menschen sind wahrhaft durchdrungen von moralischen Prinzipien, um die Philosophen sie beneiden. Sie glauben an Gott und haben Ehrfurcht vor Ihm. Sie hoffen auf Seine Gunst; darum meiden sie alle unwürdigen Taten und Handlungen und neigen zu einer lobenswerten Ethik und Moral. Tag und Nacht streben sie danach, dass ihre Taten vorbildlich sind und dass sie zur Wohlfahrt der Menschheit beitragen; darum ist eigentlich jeder von ihnen ein Philosoph, denn diese Menschen haben das erreicht, was Wesen und Zweck der Philosophie ist. Diese Menschen haben lobenswerte Sitten, mögen sie auch ungebildet sein.« All dies soll zeigen, dass die heiligen Manifestationen Gottes, die göttlichen Propheten, die ersten Lehrer der Menschheit sind.

Sie sind universelle Erzieher, und die Grundsätze, die sie aufgestellt haben, bedingen und beeinflussen den Fortschritt der Völker.

Nichts von den Bräuchen und blinden Nachahmungen, die sich später einschleichen, dient diesem Fortschritt.

Im Gegenteil, sie zerstören die Grundlagen, die die himmlischen Erzieher für die Menschheit eingeführt haben.

Sie sind Wolken, die die Sonne der Wahrheit verdunkeln.

Wenn ihr über die grundlegenden Lehren Jesu nachdenkt, werdet ihr erkennen, dass sie das Licht der Welt sind.

Niemand kann ihre Wahrheit bezweifeln.

Sie sind die wahre Quelle des Lebens und die Ursache für das Glück der Menschheit.

Die entstandenen Gebräuche und der Aberglaube, die das Licht verdunkelten, hatten keinen Einfluss auf die Wahrheit Christi.

So sprach Jesus Christus:

»Stecke dein Schwert in die Scheide.« A16 Dies besagt, dass Krieg verboten und abgeschafft ist.

Betrachtet aber die Kriege der Christenheit, die später geführt wurden.

Feindseligkeit und Inquisition im Namen des Christentums verschonten nicht einmal die Gelehrten.

Wer verkündete, dass die Erde um die Sonne kreist, wurde eingesperrt.

Wer das neue astronomische System verkündete, wurde als Ketzer verfolgt.

Gelehrte und Wissenschaftler wurden zur Zielscheibe für fanatischen Hass, und viele wurden getötet oder gefoltert.

Wie passen diese Taten zu den Lehren Jesu Christi, und welchen Bezug haben sie zu Seinem Beispiel?

Denn Christus verkündete:

»Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.

Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte.« A17 Wie lassen sich Hass, Feindseligkeit und Verfolgung mit Christus und Seinen Lehren vereinbaren? Darum ist es notwendig, sich wieder der ursprünglichen Grundlage zuzuwenden. Die grundlegenden Prinzipien der Propheten sind richtig und wahr. Blinde Nachahmung und Aberglaube, die sich eingeschlichen haben, stehen in schroffem Gegensatz zu den ursprünglichen Vorschriften und Geboten. Die Quintessenz der Lehren aller Propheten wurde von Bahá'u'lláh nochmals verkündet und neu festgelegt, wobei Er das Beiwerk verwarf und die Religion von menschlicher Auslegung reinigte. Er schrieb ein Buch mit dem Titel Die Verborgenen Worte. Zu Anfang heißt es darin, es enthalte den Wesenskern der Worte der Propheten der Vergangenheit, gekleidet in das Gewand der Kürze, zur Belehrung und geistigen Rechtleitung der Menschheit. Lest es, auf dass ihr die wahren Grundlagen der Religion verstehen und über die Inspiration der Boten Gottes nachsinnen möget. Es ist Licht über Licht. Wir dürfen die Wahrheit nicht in den Taten und Handlungen der Völker suchen; wir müssen die Wahrheit an ihrer göttlichen Quelle erforschen und die gesamte Menschheit zu wahrhaftiger Einheit rufen.

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4. Mai 1912 Ansprache in der Theosophischen Gesellschaft Northwestern University Hall, Evanston, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Treffen teilnehmen kann. Preis sei Gott! Ich sehe vor mir die Gesichter von aufnahmefähigen Menschen, die sich danach sehnen, die Wahrheit zu erforschen. Das führt zu größter Freude. Der göttlichen Philosophie zufolge gibt es in der stofflichen Erscheinungswelt zwei bedeutsame und universelle Zustände:

Einer betrifft das Leben, der andere den Tod; einer bezieht sich auf das Dasein, der andere auf das Nichtsein; einer zeigt sich als Zusammensetzung, der andere als Auflösung.

Manche definieren Dasein als den Ausdruck von Wirklichkeit oder Vorhandensein und Nichtexistenz als Nichtvorhandensein, wobei sie sich vorstellen, der Tod sei völlige Auslöschung.

Dies ist eine irrige Annahme, denn völlige Auslöschung ist unmöglich.

Man kann allenfalls sagen, dass alles Zusammengesetzte einer Auflösung oder Zersetzung unterliegt.

Dasein bedeutet nämlich die Gruppierung materieller Bestandteile in einer Form oder einem Körper, während Nichtsein einfach die Auflösung dieser Gruppierungen ist.

Das ist das Gesetz der Schöpfung in seiner grenzenlosen Formenvielfalt und seinen unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten.

Bestimmte Elemente haben durch Zusammensetzung das Geschöpf Mensch geformt.

Diese Zusammensetzung der Elemente in der Form eines menschlichen Körpers unterliegt daher dem Zerfall, den wir Tod nennen, doch nach dem Zerfall bleiben die Elemente selbst unverändert.

Darum ist gänzliche Auslöschung unmöglich und Dasein kann nie Nichtsein werden.

Das wäre gleichbedeutend mit der Aussage, Licht könne Finsternis werden, was offensichtlich unwahr und unmöglich ist.

Weil Dasein niemals zu Nichtsein werden kann, gibt es für den Menschen keinen Tod; vielmehr ist der Mensch unvergänglich und ewig lebend.

Der rationale Beweis dafür ist, dass die Atome der stofflichen Bestandteile von einer Form des Daseins zu einer anderen wechseln können, von einer niedrigeren oder höheren Stufe zu einer anderen, von einem Reich zu einem anderen.

Zum Beispiel kann ein einzelnes Atom aus dem Staub der Erde die Reiche vom Mineral bis zum Menschen durchlaufen, indem es nacheinander einem Organismus des jeweiligen Reichs eingegliedert wird.

Einmal geht es in die Bildung eines Minerals oder Gesteins ein; dann wird es vom Pflanzenreich aufgenommen und wird Bestandteil des Körpers und der Faser eines Baumes; schließlich wird es dem Tier zu eigen, und noch später findet man es im Körper des Menschen.

Im Verlauf dieser allmählichen Reise durch verschiedene Reiche von einer Daseinsform zur nächsten behält es stets sein atomares Dasein und wird weder ausgelöscht noch in das Nichtsein zurückversetzt. Nichtsein ist daher ein Ausdruck, der auf Änderungen der Form angewendet wird, aber diese Umformung kann niemals korrekt als Auslöschung angesehen werden; denn wie wir auf der Reise des Atoms durch aufeinanderfolgende Reiche gesehen haben, sind die Elemente der Zusammensetzung immer und unvermindert vorhanden.

So gesehen gibt es keinen Tod, das Leben währt ewig.

Wenn das Atom Teil der Zusammensetzung des Baumes wird, stirbt es sozusagen für das Mineralreich, und wenn es vom Tier verzehrt wird, stirbt es für das Pflanzenreich, und so weiter bis zu seiner Überführung oder Umwandlung in das Reich des Menschen; doch während seiner Reise wurde es umgestaltet, aber nicht ausgelöscht.

Tod ist deshalb im Wesentlichen ein Übergang von einer Stufe oder einem Zustand in einen anderen.

Im Mineralreich gab es einen Geist des Daseins; in der Pflanzenwelt erschien er wieder als Geist des Wachstums; von dort ging er in den tierischen Geist über, und schließlich strebte er zum menschlichen Geist empor.

Dies sind Stufen und Veränderungen, aber keine Auslöschung, und das ist ein rationaler Beweis dafür, dass der Mensch unvergänglich ist und ewig lebt.

Daher ist der Tod nur ein relativer Begriff, der Veränderung bedeutet.

Sagen wir zum Beispiel, dass dieses Licht vor mir, wenn es in einer anderen Glühlampe wieder erscheint, in dieser Lampe gestorben ist und in der anderen weiterlebt.

Das ist aber kein wirklicher Tod.

Die Vorzüge des Minerals werden in die Pflanzen übertragen und von dort in das Tier, wobei ihr Wert im Aufwärtswandel immer weiter gesteigert wird.

In jedem Reich finden wir die gleichen Vorzüge vollständiger ausgeprägt, was beweist, dass ihre Wirklichkeit von einer niedrigeren in eine höhere Form und ein höheres Reich des Seins übertragen wurde.

Nichtsein ist darum nur relativ und absolutes Nichtsein undenkbar.

Diese Rose in meiner Hand wird sich auflösen und ihre ausgewogene Beschaffenheit wird zerstört, aber die elementaren Bestandteile des Gefüges bleiben unverändert; nichts beeinträchtigt ihre grundsätzliche Unversehrtheit.

Sie können ihr Dasein nicht verlieren; sie werden einfach von einem Zustand in einen anderen überführt. Wegen seiner Unwissenheit fürchtet der Mensch den Tod, aber der Tod, vor dem er zurückschreckt, ist nur eingebildet und völlig unwirklich; er ist nur eine menschliche Vorstellung. Die Gaben und die Gnade Gottes haben die Schöpfung mit Leben und Sein erfüllt. Für das Dasein gibt es weder Veränderung noch Umbildung. Dasein ist immer Dasein; niemals kann es in Nichtsein umgewandelt werden. Es geht um eine Abstufung; eine Stufe unterhalb einer höheren Stufe wird als Nichtsein angesehen. Dieser Staub unter unseren Füßen ist im Vergleich zu unserem Sein nicht vorhanden. Wenn der menschliche Körper zu Staub zerfällt, können wir sagen, dass er nicht mehr vorhanden ist. Daher ist sein Staub, verglichen mit einem lebenden Menschen, so, als sei er nicht vorhanden, aber in seiner eigenen Sphäre ist er vorhanden, er hat sein mineralisches Dasein. So ist hinreichend bewiesen, dass absolutes Nichtsein unmöglich ist; es ist nur relativ. Es geht darum, dass die ewigen Gaben Gottes, die dem Menschen zuteilgeworden sind, niemals der Vergänglichkeit unterliegen. Da Gott die sichtbare Welt mit Dasein ausgestattet hat, ist es für diese Welt unmöglich, zu Nichtsein zu werden, denn Gott ist ihr Ursprung; die Welt ist durch Ihn entstanden; sie ist eine erschaffene, keine aus sich selbst entstandene Welt, und die Gaben, die auf sie herabkommen, sind beständig und dauerhaft. Deshalb ist der Mensch, das höchste Geschöpf der materiellen Welt, durch göttliche Freigebigkeit unaufhörlich mit dieser fortwährenden Gabe ausgestattet. Die Sonne zum Beispiel strahlt beständig, ihre Wärme strömt ohne Unterlass; eine Unterbrechung ist nicht vorstellbar. Ebenso kommen die Gaben Gottes auf die Menschenwelt herab, unaufhörlich, fortlaufend, für immer. Wenn wir sagen, die Gabe des Seins höre auf oder stocke, dann ist das gleichbedeutend mit der Aussage, die Sonne könne existieren, auch wenn ihre Strahlkraft aufhört. Ist das möglich? Ebenso ist der Strahlenglanz des Seins immer vorhanden und hört nicht auf. Die Vorstellung der Auslöschung trägt zur Herabsetzung des Menschen bei, wird zur Ursache seiner Entwürdigung und Erniedrigung, ist eine Quelle der Furcht und Niedergeschlagenheit. Sie führt zur Zerstreutheit und Schwächung des menschlichen Denkens, während die Erkenntnis des Daseins und Fortbestehens dem Menschen erhabene Gedanken eingibt, die Grundlagen des menschlichen Fortschritts schafft und die Entwicklung himmlischer Tugenden fördert. Darum ist es die Pflicht des Menschen, Vorstellungen von Nichtsein und Tod, die reine Einbildung sind, aufzugeben und sich entsprechend der göttlichen Schöpfungsabsicht als ewig lebend, ewig fortbestehend anzusehen. Er muss sich von Vorstellungen abwenden, die die menschliche Seele herabsetzen, sodass er Tag für Tag und Stunde für Stunde höher zur geistigen Wahrnehmung des Fortbestehens der menschlichen Wirklichkeit aufsteigen kann. Wenn er bei der Vorstellung vom Nichtsein verweilt, wird er vollkommen handlungsunfähig; sein Entwicklungsstreben wird aufgrund geschwächter Willenskraft nachlassen und die Aneignung menschlicher Tugenden wird enden. Darum müssen Sie Gott danken, dass Er Ihnen den Segen des Lebens und Daseins im Menschenreich verliehen hat.

Streben Sie emsig danach, Tugenden zu entwickeln, die Ihrer Stufe und Ihrem Rang angemessen sind.

Seien Sie wie das Licht der Welt, das nicht verborgen werden kann und nicht am dunklen Horizont untergeht.

Steigen Sie zum Zenit eines Daseins auf, das niemals von Ängsten und bösen Vorahnungen bezüglich des Nichtseins getrübt wird.

Wenn der Mensch keine innere Wahrnehmung besitzt, ist er sich über diese wichtigen Geheimnisse nicht im Klaren.

Die Netzhaut des äußeren Sehvermögens kann, wenngleich hochempfindlich, dennoch ein Hindernis sein für das innere Auge, mit dem allein wir wahrnehmen können.

Die Gaben Gottes, die sich in allen Erscheinungsformen des Lebens offenbaren, werden bisweilen durch trennende Schleier einer gedanklichen und sterblichen Sichtweise verborgen, die den Menschen geistig blind und hilflos machen; werden aber diese Ablagerungen beseitigt und die Schleier zerrissen, so werden die großartigen Zeichen Gottes sichtbar und der Mensch wird des ewigen Lichtes gewahr, das die Welt erfüllt.

Die Gaben Gottes sind immer und überall offenbar.

Die Verheißungen des Himmels sind allgegenwärtig.

Die Gnadengaben Gottes umgeben uns allezeit; aber sollte das erkenntnisfähige Auge der menschlichen Seele verhüllt und verdunkelt bleiben, wird der Mensch dazu verleitet, diese allumfassenden Zeichen zu leugnen, und bleibt dieser Offenbarungen göttlicher Gnade beraubt.

Darum müssen wir mit Herz und Seele danach streben, dass der Schleier, der das Auge innerer Schau verhüllt, beseitigt werde, damit wir die Offenbarungen der Zeichen Gottes erschauen mögen, Seine geheimnisvollen Gunstbezeugungen entdecken und erkennen, dass materielle Wohltaten im Vergleich zu geistigen Gnadengaben ein Nichts sind.

Die geistigen Segnungen Gottes sind überaus groß.

Als wir im Mineralreich waren, waren wir zwar mit bestimmten Gaben und Kräften ausgestattet, aber mit den Segnungen für das Menschenreich waren sie nicht vergleichbar.

Im Mutterleib waren wir Empfänger von Gaben und Segnungen Gottes, doch diese waren nichts im Vergleich zu den Kräften und Gnadengaben, die uns nach der Geburt in diese menschliche Welt verliehen wurden.

Desgleichen werden wir, wenn wir aus dem Gefüge dieser stofflichen Erscheinungswelt in die Freiheit und Erhabenheit des geistigen Lebens und seiner Schau hineingeboren werden, diese sterbliche Existenz und ihre Segnungen als vergleichsweise wertlos betrachten. In der geistigen Welt sind die göttlichen Gaben unbegrenzt, denn in jenem Reich gibt es weder Trennung noch Auflösung, die die stoffliche Welt des Daseins kennzeichnen.

Geistiges Dasein ist absolute Unsterblichkeit, Vollständigkeit und unveränderliches Sein.

Darum müssen wir Gott danken, dass Er sowohl materielle Segnungen als auch geistige Gaben für uns erschaffen hat.

Er hat uns materielle Gaben und geistige Gnaden verliehen, das äußere Auge, um das Licht der Sonne zu sehen, und das innere Sehvermögen, durch das wir die Herrlichkeit Gottes wahrnehmen können.

Er hat das äußere Ohr gestaltet, damit wir uns an Musik erfreuen, und das innere Hörvermögen, womit wir die Stimme unseres Schöpfers hören können.

Wir müssen entschlossen mit Herz, Seele und Verstand danach streben, die Fertigkeiten und Tugenden zu entwickeln und aufzuweisen, die im Inneren der sichtbaren Welt schlummern, denn die menschliche Wirklichkeit kann mit einem Samen verglichen werden.

Wenn wir den Samen säen, entsteht daraus ein mächtiger Baum.

Die Eigenschaften des Samens werden im Baum enthüllt:

Er bringt Äste, Blätter, Blüten und Früchte hervor.

All diese Kräfte waren als Anlagen im Samen verborgen.

Durch den Segen und die Gabe der Kultivierung wurden diese Kräfte sichtbar.

In ähnlicher Weise hat der gnädige Gott, unser Schöpfer, in der menschlichen Wirklichkeit bestimmte verborgene Eigenschaften angelegt.

Durch Erziehung und Bildung werden diese vom liebenden Gott angelegten Eigenschaften in der menschlichen Wirklichkeit sichtbar, so wie sich der Baum aus dem keimenden Samen heraus entfaltet.

Ich werde für Sie beten. O Du gütiger Herr! Dies sind Deine Diener, die in dieser Versammlung zusammengekommen sind. Sie wenden sich Deinem Königreich zu und bedürfen Deiner Gnadengaben und Deines Segens. O Gott! Offenbare die Zeichen Deiner Einheit, die in allen Lebenswirklichkeiten verwahrt sind, und lass sie sichtbar werden. Enthülle und entfalte die Tugenden, die Du in der Wirklichkeit des Menschen angelegt und verborgen hast. O Gott! Wir sind wie Pflanzen, und Deine Großmut gleicht dem Regen. Erfrische diese Pflanzen und lass sie wachsen durch Deine Gaben. Wir sind Deine Diener; befreie uns aus den Fesseln des stofflichen Seins. Wir sind unwissend; mache uns weise. Wir sind tot; mache uns lebendig. Wir sind stofflich; verleihe uns Geist. Wir sind ausgeschlossen; mache uns zu Vertrauten Deiner Geheimnisse. Wir sind bedürftig; schenke uns Reichtum und Segen aus Deiner unermesslichen Schatzkammer. O Gott! Errette uns; schenke uns Sehvermögen; schenke uns Gehör. Mache uns vertraut mit den Geheimnissen des Lebens, damit uns in dieser Welt des Seins die Mysterien des Königreiches offenbart werden und wir Deine Einheit bekennen. Alle Gaben kommen von Dir; aller Segen ist Dein. Du bist mächtig. Du bist gewaltig. Du bist der Geber und Du bist der Ewig-Freigebige.

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5. Mai 1912 Ansprache auf einem Kindertreffen im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Ihr seid die Kinder, von denen Christus sagte: »Solchen gehört das Reich Gottes«. Und gemäß den Worten Bahá'u'lláhs seid ihr die wahren Lampen und Kerzen in der Welt der Menschen, denn eure Herzen sind äußerst rein und euer Geist ist sehr feinfühlig. Ihr seid der Quelle nahe; ihr seid noch nicht verunreinigt. Ihr seid die jungen Schafe des himmlischen Hirten. Ihr gleicht polierten Spiegeln, die das Licht unverfälscht reflektieren. Ich hoffe, dass eure Eltern euch in den geistigen Dingen erziehen und euch eine gründliche Ausbildung in moralischem Handeln vermitteln. Möget ihr euch so entwickeln, dass jeder von euch von allen Tugenden der Menschenwelt durchdrungen wird. Möget ihr auf allen materiellen und geistigen Ebenen Fortschritte machen. Möget ihr Wissenschaften erlernen, euch Künste und Handwerk aneignen, euch als nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft erweisen und am Fortschritt der menschlichen Kultur mitarbeiten. Möget ihr eine Ursache für das Sichtbarwerden göttlicher Gaben sein – jeder Einzelne von euch ein leuchtender Stern, der das Licht der Einheit der Menschheit zum Horizont des Ostens und Westens ausstrahlt. Möget ihr euch der Liebe zur Menschheit und ihrer Einheit hingeben, und möge durch eure Bemühungen das, was im menschlichen Herzen angelegt ist, seinen göttlichen Ausdruck finden. Ich bete für euch und bitte in eurem Namen um den Beistand und die Ermutigung Gottes. Ihr alle seid meine Kinder, meine Kinder im Geiste. Kinder im Geiste sind wertvoller als leibliche Kinder, denn leibliche Kinder können sich vom Geist Gottes abwenden, aber ihr seid Kinder im Geiste und daher werdet ihr aufs Höchste geliebt. Ich wünsche euch Fortschritt auf allen Entwicklungsebenen. Möge Gott euch beistehen. Möge das gütige Licht Seines Antlitzes euch umgeben, und möget ihr unter Seiner Fürsorge und Seinem Schutz Reife erlangen. Ihr seid alle gesegnet. (Zu den erwachsenen Freunden) Ich gehe fort, aber ihr müsst euch erheben, um dem Wort Gottes zu dienen. Eure Herzen müssen rein und eure Absichten aufrichtig sein, damit ihr Empfänger der göttlichen Gaben werdet. Bedenkt: Die Sonne scheint gleichermaßen auf alle Dinge, aber es ist nicht der schwarze Stein, sondern der reine Spiegel, der sie aufs Glanzvollste widerspiegelt. Dieser helle Strahlenglanz und diese Wärme setzen kristallklares Glas voraus. Wenn es keine Klarheit und Reinheit gäbe, könntet ihr diesen Effekt nicht beobachten. Wenn der Regen auf salzige, steinige Erde fällt, wird er keine Wirkung haben; wenn er aber auf guten, reinen Boden fällt, folgt grünes, üppiges Wachstum und Früchte werden gedeihen. Dies ist der Tag, an dem reine Herzen einen Anteil an den unvergänglichen Gaben erhalten und geheiligte Seelen durch die ewigen Offenbarungen erleuchtet werden.

Preis sei Gott!

Ihr glaubt an Gott, seid ermutigt von den Worten Gottes und wendet euch dem Reich Gottes zu.

Ihr habt den göttlichen Ruf vernommen.

Eure Herzen werden durch die Brisen des Paradieses Abhá bewegt.

Eure Absichten sind rein.

Euer Ziel ist das Wohlgefallen Gottes.

Ihr sehnt euch danach, im Reich des Barmherzigen zu dienen.

Deshalb erhebt euch mit äußerster Kraft.

Lebt in vollkommener Einheit.

Werdet niemals wütend aufeinander.

Richtet eure Augen auf das Reich der Wahrheit und nicht auf die Welt der Schöpfung.

Liebt die Geschöpfe um Gottes willen und nicht um ihrer selbst willen.

Ihr werdet niemals wütend oder ungeduldig sein, wenn ihr sie um Gottes willen liebt.

Menschen sind nicht vollkommen.

In jedem Menschen gibt es Unvollkommenheiten, und ihr werdet immer unglücklich, wenn ihr auf die Menschen selbst schaut.

Wenn ihr aber auf Gott schaut, werdet ihr sie lieben und freundlich zu ihnen sein; denn die Welt Gottes ist die Welt der Vollkommenheit und vollendeter Barmherzigkeit.

Schaut daher auf niemandes Schwächen; schaut mit dem Auge der Vergebung.

Das unvollkommene Auge sieht Unvollkommenheiten.

Das Auge, das nicht auf die Fehler achtet, schaut auf den Schöpfer der Seelen.

Er erschuf sie, erzieht und versorgt sie, verleiht ihnen Fähigkeiten und Leben, Sehvermögen und Gehör; darum sind sie Zeichen Seiner Größe.

Ihr müsst alle lieben und gütig zu ihnen sein, sorgt euch um die Armen, schützt die Schwachen, heilt die Kranken, erzieht und lehrt die Unwissenden. Ich hoffe, dass die Einheit und Harmonie unter den Freunden in Chicago zur Ursache für die Einheit der Freunde in ganz Amerika wird und dass alle Menschen ihre Liebe und Güte erfahren werden. Mögen sie ein Vorbild für die Menschheit sein. Dann werden die Bestätigungen durch das Königreich Abhá und die Gaben der Sonne der Wahrheit alles umfassen.

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5. Mai 1912 Ansprache in der Plymouth Congregational Church 935 East Fiftieth Street Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Ich danke Gott für das Vorrecht, einer Versammlung beizuwohnen, die Seiner gedenkt, deren Teilnehmer keinen anderen Gedanken und keine andere Absicht hegen, als Seinem Wohlgefallen zu entsprechen und die Wahrheit unvoreingenommen zu erforschen. Ich preise Gott für diese Zusammenkunft von Menschen, die frei sind von den Fesseln der Nachahmung und des Vorurteils, bereit, sorgfältig zu prüfen und anzunehmen, was als wahr erkannt wird. In unserem Sonnensystem ist der Mittelpunkt allen Lichtes die Sonne. Dieser zentrale Lichtkörper ist nach dem Willen Gottes der Ursprung des Daseins und der Entwicklung alles Sichtbaren. Wenn wir die Lebewesen der stofflichen Reiche betrachten, stellen wir fest, dass ihr Wachstum und ihre Entwicklung von der Wärme und dem Licht der Sonne abhängen. Ohne diesen belebenden Impuls würden Pflanzen und Bäume nicht wachsen, noch würden Tiere oder Menschen leben; tatsächlich würde keine Art erschaffenen Lebens auf der Erde entstehen. Wenn wir jedoch gründlich nachdenken, werden wir erkennen, dass Gott der erhabene Lebensspender und -geber ist; die Sonne vermittelt nur, was Er will und plant. Ohne die Freigebigkeit der Sonne läge die Welt in Finsternis. Alles Licht im Planetensystem geht aus der Sonne im Zentrum hervor. Ebenso muss es im geistigen Reich von Vernunft und Edelsinn einen Mittelpunkt der Erleuchtung geben, und dieses Zentrum, diese unvergängliche, ewig strahlende Sonne ist das Wort Gottes. Sein Licht ist das Licht der Wahrheit, das die Menschheit erleuchtet, das Reich des Denkens und der Ethik erhellt und dem Menschen die Gaben der göttlichen Welt verleiht. Dieses Licht ist die Ursache der Erziehung der Seelen und die Quelle der Erleuchtung der Herzen; in strahlendem Glanz verbreitet es die frohe Botschaft des Reiches Gottes. Kurz, der Fortschritt von Sitten und Ethik sowie die geistige Erneuerung der Welt hängen von diesem himmlischen Zentrum der Erleuchtung ab. Es spendet das Licht der Religion und verleiht das Leben des Geistes, stattet die Menschheit mit grundlegenden Tugenden aus und gewährt ewigen Glanz. Diese Sonne der Wahrheit, dieser Mittelpunkt des Strahlenglanzes, ist der Prophet, die Manifestation Gottes. So, wie die sichtbare Sonne auf die stoffliche Welt scheint, Leben hervorbringt und Wachstum bewirkt, so verleiht die geistige, prophetische Sonne dem Denken und der Vernunft des Menschen Erleuchtung; und ginge sie nicht über dem Horizont menschlichen Seins auf, würde das Reich des Menschen verfinstern und erlöschen. Die Sonne der Wahrheit ist eine einzige Sonne, aber sie hat verschiedene Aufgangsorte, so wie die sichtbare Sonne eine einzige ist, obwohl sie an verschiedenen Punkten des Horizontes erscheint. Bei ihrer Reise durch den Himmelskreis geht die stoffliche Sonne im Sommer weit nördlich des Äquators auf, im Frühjahr und im Herbst in der Mitte, und im Winter am weitesten im Süden. Diese Dämmerungs- oder Aufgangsorte sind weit voneinander entfernt, aber die Sonne ist immer dieselbe Sonne – sei es die sichtbare oder die geistige Sonne. Seelen, die ihren Blick auf die Sonne der Wahrheit richten, werden Empfänger des Lichtes sein, egal an welchem Punkt sie aufgeht, wer aber durch die Anbetung des Aufgangsortes gefesselt ist, geht ihres Lichtes verlustig, wenn sie an einer anderen Stelle des geistigen Horizonts erscheint. Auch der Zyklus der Sonne der Wahrheit hat seine unterschiedlichen, aufeinander folgenden Phasen, so wie der Sonnenzyklus seine vier Jahreszeiten hat.

Jeder Zyklus bringt einen Frühling mit sich.

Wenn die Sonne der Wahrheit wiederkehrt, um die Menschenwelt zu beleben, strömt göttliche Gnade aus dem Himmel der Freigebigkeit hernieder.

Die Welt der Gedanken und des Geistes wird in Bewegung gesetzt und mit neuem Leben gesegnet.

Der Geist entwickelt sich, Hoffnungen leben auf, Bestrebungen werden geistig, menschliche Tugenden erscheinen mit aufgefrischter Wachstumskraft und das Ebenbild Gottes wird im Menschen sichtbar.

Das ist der Frühling der inneren Welt.

Nach dem Frühling kommt der reichhaltige Sommer mit seinen geistigen Früchten.

Der Herbst folgt mit seinen auszehrenden Winden, die die Seele erkalten lassen.

Die Sonne scheint zu verschwinden, bis sich zuletzt der Mantel des Winters ausbreitet und nur schwache Spuren des Glanzes dieser göttlichen Sonne zurückbleiben.

So, wie die stoffliche Welt an der Oberfläche dunkel und trostlos wird, der Boden karg, die Bäume nackt und kahl werden und weder Schönheit noch Frische bleiben, um die Düsternis und Trostlosigkeit aufzuheitern, so erlebt auch der Winter des geistigen Zyklus den Tod und das Versiegen des göttlichen Wachstums und das Erlöschen des Lichtes und der Liebe Gottes.

Doch dann beginnt der Kreislauf von Neuem und ein neuer Frühling bricht an.

Damit ist der vorherige Frühling zurückgekehrt; die Welt wird wiederbelebt, erleuchtet und erlangt Geistigkeit; die Religion wird erneuert und umgestaltet, die Herzen wenden sich Gott zu, der Ruf Gottes wird gehört, und den Menschen wird erneut Leben geschenkt.

Lange Zeit war das religiöse Leben geschwächt und Materialismus gedieh; die geistigen Lebenskräfte schwanden dahin, die Sitten verfielen, Ruhe und Frieden der Seelen schwanden und satanische Eigenschaften beherrschten die Herzen; Streit und Hass überschatteten die Menschheit, Blutvergießen und Gewalt gewannen die Oberhand.

Gott wurde vergessen; die Sonne der Wahrheit schien völlig untergegangen zu sein; der Verlust der himmlischen Gaben war eine Tatsache und so brach die Winterzeit über die Menschheit herein.

Aber Gott ließ in Seiner Großmut einen neuen Frühling anbrechen, das Licht Gottes erstrahlte erneut, die glänzende Sonne der Wahrheit kehrte zurück und offenbarte sich, die Gedankenwelt und das Königreich der Herzen wurden beflügelt, dem Körper der Welt wurde ein neuer Lebensgeist eingehaucht und stetiger Fortschritt zeichnete sich ab. Ich hoffe, dass das Licht der Sonne der Wahrheit die ganze Welt erleuchtet, sodass es keinen Streit und Krieg, keine Gefechte und kein Blutvergießen mehr gibt. Mögen Fanatismus und religiöse Intoleranz gänzlich vergehen und die ganze Menschheit in den Bund einträchtiger Gemeinschaft eintreten, mögen die Seelen in vollkommenem Einklang miteinander verkehren, die Völker auf Erden endlich das Banner der Wahrheit hissen und die Religionen der Welt die göttliche Stätte der Einheit betreten; denn die Grundlage der himmlischen Religionen ist ein und dieselbe Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht teilbar, sie erlaubt keine Vieldeutigkeit. Alle heiligen Manifestationen Gottes haben die gleiche Wahrheit verkündet und verbreitet. Sie haben die Menschheit zur Wahrheit gerufen, und die Wahrheit ist nur eine. Die Wolken und der Nebel blinder Nachahmung haben die Sonne der Wahrheit verdunkelt. Wir müssen diese Nachahmungen aufgeben, diese Wolken und diesen Nebel zerstreuen und die Sonne von der Finsternis des Aberglaubens befreien. Dann wird die Sonne der Wahrheit auf das Herrlichste leuchten; dann werden alle Bewohner der Welt geeint sein, die Religionen werden eine sein, die Sekten und Konfessionen werden sich versöhnen, alle Völker werden in Anerkennung des gemeinsamen Vaters zusammenströmen, und Menschen jeglichen Schlages werden sich unter dem Schutz desselben Schirms, unter demselben Banner versammeln. Solange diese himmlische Kultur nicht ins Leben gerufen wurde, kann die materielle Zivilisation, wie Sie sehen, kein brauchbares Ergebnis hervorbringen. Schauen Sie, welche Katastrophen die Menschheit überwältigen. Denken Sie an die Kriege, die die Welt erschüttern. Denken Sie an die Feindschaft und den Hass. Das Fortbestehen dieser Kriege und Zustände zeigt und beweist, dass die himmlische Kultur noch nicht errichtet wurde. Wenn die Kultur des Gottesreiches unter allen Völkern verbreitet ist, wird der Staub der Uneinigkeit hinweggefegt, werden sich diese Wolken verziehen und die Sonne der Wahrheit wird in ihrer größten Herrlichkeit und Pracht auf die Menschheit scheinen. O Gott! O Du Gebender! Die hier Versammelten wenden sich Dir zu, schauen auf Dein Reich und Deine Gunst und sehnen sich danach, das Leuchten Deines Antlitzes zu schauen. O Gott! Segne dieses Volk. Bestärke diese Regierung. Offenbare diesem Volk Deine Herrlichkeit und schenke den Menschen ewiges Leben. O Gott! Erleuchte die Gesichter, lass die Herzen strahlen, erheitere ihr Gemüt, kröne die Häupter mit der Krone Deiner Vorsehung und lass sie in Deine reine Gegenwart aufsteigen, damit sie den höchsten Gipfel Deiner Herrlichkeit erreichen. Stehe ihnen bei, damit diese Welt stets das Licht und den Glanz Deiner Gegenwart findet. O Gott! Beschütze die hier Versammelten und lehre dieses Volk. Lass sie auf allen Ebenen voranschreiten. Mögen sie zu Leitfiguren für die Menschenwelt werden. Mögen sie ein Beispiel Deiner Lehren für die Menschen sein. Mögen sie die Zeichen Deiner Gnade sein. Mögen sie erfüllt sein vom belebenden Einfluss Deines Wortes. Du bist der Kraftvolle. Du bist der Mächtige. Du bist der Geber und Du bist der Allwissende.

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5. Mai 1912 Ansprache in der All-Souls-Church Lincoln Center, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Marzieh Moss Die göttlichen Religionen wurden gestiftet, um die Menschheit zu vereinen und um den Weltfrieden zu errichten. Jede Bewegung, die Frieden und Übereinstimmung in der menschlichen Gesellschaft bewirkt, ist in der Tat eine göttliche Bewegung; jede Reform, die dazu führt, dass Menschen unter dem Schutz desselben Heiligtums zusammenkommen, ist gewiss von himmlischen Beweggründen beseelt. Zu allen Zeiten und in allen Epochen war Religion ein Mittel, um die Herzen der Menschen zusammenzuschweißen und die unterschiedlichen und gegensätzlichen Überzeugungen zu vereinen. Es ist das Element des Friedens in der Religion, das die Menschheit verbindet und für Einheit sorgt. Krieg war immer die Ursache für Trennung, Uneinigkeit und Zwietracht. Überlegen Sie, wie Jesus Christus die unterschiedlichen Völker, Glaubensgemeinschaften und Bekenntnisse der frühen Tage vereinte. Offensichtlich sind die Grundlagen der Religion dafür gedacht, zu vereinen und miteinander zu verbinden; ihr Zweck ist universeller, immerwährender Frieden. Vor der Zeit Jesu Christi hatte das Wort Gottes bestehende Gegensätze und widerstreitende Elemente der menschlichen Gesellschaft vereint, und seit Seinem Erscheinen haben die himmlischen Lehrer der Grundlagen des göttlichen Gesetzes dieses umfassende Ziel angestrebt. In Persien konnte Bahá'u'lláh Menschen verschiedener Überzeugungen, Denkrichtungen und Konfessionen zusammenführen. Die Bewohner dieses Landes waren Christen, Muslime, Juden, Zoroastrier und eine Vielzahl weiterer Ausprägungen und Glaubensbekenntnisse, überdies waren alle von unterschiedlicher Herkunft: Semiten, Araber, Perser, Türken etc. Aber durch die Macht und Wirkung der Religion vereinte Bahá'u'lláh diese unterschiedlichen Völker und veranlasste sie, miteinander in vollkommener Einigkeit zu verkehren. Unter ihnen zeigte sich solche Einheit und Eintracht, dass sie als ein einziges Volk und eine einzige Familie angesehen wurden. Die Ursache für diese Gemeinschaft und Einheit liegt in der Tatsache, dass das göttliche Gesetz auf zwei verschiedenen Ebenen wirkt: Die eine ist wesentlich und grundlegend, die andere stofflich und wandelbar. Die erste Ebene der offenbarten Religion Gottes betrifft die ethische Entwicklung und den geistigen Fortschritt der Menschheit, das Erwecken der im Menschen angelegten Empfänglichkeit und das Herabkommen göttlicher Gaben. Diese Bestimmungen sind unwandelbar, wesentlich, ewig. Die zweite Ebene der göttlichen Religion befasst sich mit stofflichen Bedingungen, den Gesetzen des menschlichen Umgangs und Regelungen im sozialen Bereich. Diese sind dem Wandel und der Veränderung unterworfen, entsprechend den Anforderungen von Zeit, Ort und Umständen. Die wesentlichen Gebote der Religion waren die gleichen zur Zeit Abrahams, am Tag von Moses und zur Zeit Jesu, aber die unwesentlichen oder stofflichen Gesetze wurden gemäß den Notwendigkeiten und Erfordernissen eines jeden der aufeinanderfolgenden Zeitalter aufgehoben oder ersetzt. Zum Beispiel gab es in Moses Gesetz zehn verschiedene Gebote zum Thema Mord, die gemäß den Bedürfnissen und der Aufnahmefähigkeit des Volkes offenbart wurden, aber in den Tagen Jesu wurden diese in Übereinstimmung mit den veränderten und weiterentwickelten menschlichen Lebensumständen aufgehoben und ersetzt. Der Hauptzweck der göttlichen Religionen ist die Stiftung von Frieden und Einheit unter den Menschen.

Ihre Wahrheit ist eine einzige; daher gibt es für sie nur eine einzige und allumfassende Erfüllung – sei es durch die wesentlichen oder die auf das Stoffliche bezogenen Gebote Gottes.

Es gibt nur ein Licht der sichtbaren Sonne, einen Ozean, einen Regen, eine Atmosphäre.

In ähnlicher Weise gibt es in der geistigen Welt eine einzige göttliche Wirklichkeit, die den Mittelpunkt und die allen gerecht werdende Grundlage für Frieden und Versöhnung zwischen verschiedenen und widerstreitenden Nationen und Völkern bildet.

Betrachten Sie, wie das Römische Reich und Griechenland vor der Erscheinung Jesu Christi voller Feindschaft und Hass Krieg miteinander führten und wie die Feindseligkeiten Ägyptens und Assyriens, wenn auch weniger heftig, immer wieder zu Kriegen zwischen diesen im Niedergang befindlichen alten Völkern führten.

Aber die Lehren Jesu Christi erwiesen sich als der Kitt, durch den sie verbunden wurden; der Krieg hörte auf, Streit und Hass vergingen, und diese kriegerischen Völker begegneten einander in Liebe und Freundschaft.

Denn Streit und Krieg sind die wahren Zerstörer menschlicher Grundlagen, während Frieden und Freundschaft die Baumeister und Bewahrer menschlichen Wohlergehens sind.

Ein Beispiel:

Zwei Völker, die seit Jahrhunderten in Frieden lebten, erklären einander den Krieg.

Welche Zerstörung und welcher Verlust widerfährt beiden in nur einem Jahr Kampf und Streit – Jahrhunderte werden zunichte.

Wie dringend brauchen und fordern sie Frieden, mit seiner Ruhe und seinem Fortschritt, anstelle des Krieges, der die Grundlage aller menschlichen Errungenschaften sprengt und zerstört. Der Staatskörper kann mit dem menschlichen Organismus verglichen werden. Solange die verschiedenen Glieder und Teile dieses Organismus aufeinander abgestimmt sind und in Harmonie zusammenarbeiten, haben wir als Ergebnis das blühendste Leben. Wenn diesen Gliedern Koordination und Harmonie fehlen, bekommen wir das Gegenteil; im menschlichen Organismus entspricht das Krankheit, Auflösung und Tod. Ebenso sind im Gemeinwesen der Menschheit Uneinigkeit, Zwietracht und Krieg stets zerstörerisch und unweigerlich todbringend. Alle erschaffenen Wesen sind auf Frieden und Zusammenwirken angewiesen, denn jedes abhängige irdische Wesen besteht aus verschiedenen Elementen. Solange zwischen diesen Bestandteilen Verbundenheit und Zusammenhalt bestehen, zeigen sich Stärke und Leben; aber wenn zwischen ihnen Zwietracht und Abstoßung auftreten, folgen Zerfall und Auflösung. Das beweist, dass Frieden und Freundschaft, die Gott Seinen Kindern bestimmt hat, die schützenden Faktoren für die menschliche Gesellschaft sind, während Krieg und Streit, die Seine Gesetze verletzen, die Ursache für Tod und Zerstörung sind. Deshalb hat Gott Seine Propheten gesandt, um der Menschenwelt die Botschaft des Wohlwollens, des Friedens und des Lebens zu verkünden. Die grundlegende Wahrheit der Religionen ist nur eine einzige und ihre scheinbaren Widersprüche und vielfältigen Abweichungen sind nur ein Festhalten an hinzugekommenen Bräuchen und blinden Nachahmungen. Deshalb liegt es auf der Hand, dass diese Ursachen von Uneinigkeit und Meinungsverschiedenheiten aufgegeben werden müssen, damit die zugrundeliegende Wahrheit die Menschheit in ihrer Erleuchtung und ihrem Aufbau vereinen kann. Alle, die an dieser einen Wahrheit festhalten, werden in Einklang und Einheit miteinander leben. Dann werden die Religionen die Menschen zur Einheit der Menschheit und zu universeller Gerechtigkeit aufrufen; dann werden sie die Gleichheit der Rechte verkünden, die Menschen zur Tugend anspornen und zum Glauben an die liebende Barmherzigkeit Gottes führen. Die Grundlage der Religionen ist eine einzige; es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen ihnen. Wenn also die wesentlichen und grundlegenden Gebote der Religionen befolgt werden, wird es zu Frieden und Einheit kommen, und alle Unterschiede der Sekten und Konfessionen werden verschwinden. Lassen Sie uns jetzt die vielfältigen Völker der Welt betrachten.

Alle Völker – das amerikanische, britische, französische, deutsche, türkische, persische, arabische – sind Kinder desselben Adam, Mitglieder derselben menschlichen Familie.

Warum sollte es Zwist zwischen ihnen geben?

Die Erde ist eine einzige Heimat und diese Heimat ist für alle bestimmt.

Gott hat weder Begrenzungen noch Rassenunterschiede festgelegt.

Warum sollten eingebildete Grenzen, die Gott nie vorgesehen hat, zur Ursache von Streit gemacht werden?

Gott hat alle erschaffen und für alle gesorgt.

Er ist der Bewahrer aller, und alle sind eingetaucht in den Ozean Seiner Barmherzigkeit.

Nicht eine einzige Seele ist davon ausgeschlossen.

Wenn wir so einen liebenden Gott und Schöpfer haben, warum sollten wir dann einander bekriegen?

Jetzt, da Sein Licht für alle scheint, warum sollten wir uns in Finsternis stürzen?

Da Sein Tisch für alle Seine Kinder gedeckt ist, warum sollten wir uns gegenseitig diese Nahrung verwehren?

Warum sollten wir im Schatten leben wollen, da doch Sein Glanz auf alle scheint?

Es besteht kein Zweifel, dass die einzige Ursache Unwissenheit ist und das Ergebnis Verderben.

Zwietracht beraubt die Menschheit der ewigen Gunst Gottes.

Deshalb müssen wir alle eingebildeten Streitursachen vergessen und die wahren Grundlagen der göttlichen Religionen suchen, damit wir uns in vollkommener Liebe und Eintracht verbinden und das Menschengeschlecht als eine Familie, die Erde als ein einziges Land und Menschen jeglicher Herkunft als eine Menschheit ansehen.

Mögen wir alle unter dem Schutz Gottes leben, immerwährendes Glück in dieser Welt und ewiges Leben in der kommenden Welt erlangen. O Du gütiger Herr! Du hast die ganze Menschheit aus dem gleichen Stamm erschaffen. Du hast bestimmt, dass alle der gleichen Familie angehören. In Deiner heiligen Gegenwart sind sie alle Deine Diener, die ganze Menschheit findet Schutz in Deinem Heiligtum. Alle sind um Deinen Gabentisch versammelt; alle sind erleuchtet vom Lichte Deiner Vorsehung. O Gott! Du bist gütig zu allen, Du sorgst für alle, Du beschützest alle, Du verleihst allen Leben. Du hast einen jeden mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind in das Meer Deines Erbarmens getaucht. O Du gütiger Herr! Vereinige alle. Gib, dass die Religionen in Einklang kommen und vereinige die Völker, auf dass sie einander ansehen wie eine einzige Familie und die ganze Erde wie eine einzige Heimat. O dass sie doch in vollkommener Harmonie zusammenlebten! O Gott! Erhebe das Banner der Einheit der Menschheit. O Gott! Errichte den größten Frieden. Schmiede Du, o Gott, die Herzen zusammen. O Du gütiger Vater, Gott! Erfreue unsere Herzen durch den Duft Deiner Liebe. Erhelle unsere Augen durch das Licht Deiner Führung. Erquicke unsere Ohren mit dem Wohlklang Deines Wortes und beschütze uns alle in der Feste Deiner Vorsehung. Du bist der Mächtige und der Kraftvolle, Du bist der Vergebende und Du bist der, Der die Mängel der ganzen Menschheit übersieht.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Cleveland

6. Mai 1912

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6. Mai 1912 Ansprache in der Euclid Hall Cleveland, Ohio Nach einer stenografischen Mitschrift Dies ist ein sehr beglückender Abend, ein Zeugnis der Möglichkeit, Ost und West zu vereinen – ein Mann aus dem Osten, der vor einer Versammlung von respektvollen westlichen Menschen auftritt. Der Osten und der Westen, der Orient und der Okzident sollen eine Einheit bilden. In der Geschichte werden wir keinen Bericht über ein solches Ereignis finden, bei dem jemand aus dem fernen Osten in den fernen Westen gereist ist, um zu einer Versammlung von so universellem Charakter zu sprechen. Das ist ein Wunder des zwanzigsten Jahrhunderts und beweist, dass das scheinbar Unmögliche in der Menschenwelt Wirklichkeit werden kann. Preis sei Gott! Die finsteren Zeiten sind dahin und das Zeitalter des Lichtes ist endlich gekommen. Die Sonne der Wahrheit ist aufgegangen und strahlt in voller Pracht, die Wirklichkeit aller Dinge wird erkennbar und erneuert, die verborgenen Geheimnisse wurden enthüllt, und bedeutende Erfindungen und Entdeckungen zeichnen diese Ära als ein höchst wundervolles Zeitalter aus. Durch den Einfallsreichtum und die Erfindungen des Menschen ist es möglich, die großen Ozeane zu überqueren, durch die Luft zu fliegen und in die Meerestiefen zu reisen.

Jederzeit können Orient und Okzident miteinander kommunizieren.

Züge durchqueren die Kontinente.

Die menschliche Stimme kann festgehalten und wiedergegeben werden, und jetzt kann der Mensch über große Entfernungen hinweg von jedem Punkt aus sprechen.

Das sind einige der Kennzeichen dieses glorreichen Jahrhunderts.

Dieser erwähnte große Fortschritt hat in der materiellen Welt stattgefunden.

Bemerkenswerte Zeichen und Beweise sind zutage getreten.

Verborgene Wirklichkeiten und Geheimnisse wurden enthüllt.

Jetzt müssen die Menschen ihre größten Anstrengungen auf das Geistige richten.

Die materielle Zivilisation hat ein hohes Niveau erreicht, und nun wird die geistige Kultur gebraucht.

Die materielle Zivilisation allein wird nicht genügen; sie kann den Lebensumständen und Bedürfnissen des heutigen Zeitalters nicht gerecht werden; ihr Nutzen ist auf die materielle Welt begrenzt.

Dem Geist des Menschen sind keine Grenzen gesetzt, denn der Geist selbst entwickelt sich weiter, und wenn die göttliche Kultur geschaffen ist, wird der Geist des Menschen voranschreiten.

Jede neu entwickelte Empfänglichkeit wird die Leistungsfähigkeit des Menschen erhöhen.

Es wird immer leichter fallen, die Wahrheit zu entdecken, und der Einfluss göttlicher Führung wird zunehmend verstanden und anerkannt werden.

All dies trägt zur göttlichen Kultur bei.

Das ist es, was die Bibel als die Herabkunft des Neuen Jerusalem bezeichnet.

Das himmlische Jerusalem ist nichts anderes als die göttliche Kultur, und es ist jetzt soweit.

Sie soll und wird errichtet werden, und das Einssein der Menschheit wird eine sichtbare Tatsache sein.

Die Menschheit wird dann zu einer Einheit zusammengeführt.

Die verschiedenen Religionen werden geeint sein, und Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe werden als Angehörige der gleichen Familie erkannt.

Orient und Okzident werden miteinander verbunden sein, und das Banner weltweiten Friedens wird entfaltet.

Die Welt wird endlich Frieden finden, und Gleichberechtigung sowie Menschenrechte werden fest verankert sein.

Die Leistungsfähigkeit der Menschheit wird erprobt, und es wird eine Stufe erreicht werden, auf der Gleichberechtigung verwirklicht ist. Alle Völker der Welt werden gleich wichtig sein, und die Armen werden an den Annehmlichkeiten des Lebens teilhaben. So, wie die Reichen in Palästen von Luxus umgeben sind, werden die Armen zumindest ihre behagliche Wohnung haben; und so wie die Reichen eine Vielfalt an Nahrungsmitteln genießen, sollen die Bedürftigen alles Notwendige erhalten und nicht länger in Armut leben. Kurz gesagt, es wird eine Neuausrichtung der Wirtschaftsordnung geben, die göttliche Sohnschaft wird anziehend wirken, die Sonne der Wahrheit wird erstrahlen und alles sichtbare Sein wird seinen Anteil erhalten. Überlegt: Was bringt die materielle Zivilisation heutzutage hervor? Hat sie nicht die Werkzeuge für Krieg und Zerstörung erzeugt? Die Kriegswaffe in alten Zeiten war das Schwert; heute ist es das rauchlose Gewehr. Vor einem Jahrhundert waren Segelschiffe die Kriegsschiffe; jetzt haben wir dampfgetriebene Schlachtschiffe. Menschengemachte Werkzeuge und Mittel zur Zerstörung haben sich in diesem Zeitalter materieller Zivilisation enorm vervielfacht. Wenn aber die materielle Zivilisation in Verbindung mit göttlicher Kultur gestaltet wird, wenn rechtschaffene und kluge Menschen mit vergeistigten Menschen für die Veredelung und Weiterentwicklung aller zusammenarbeiten, dann werden Glück und Fortschritt der Menschheit sichergestellt. Alle Völker der Welt werden kameradschaftlich und eng verbunden sein und die Religionen werden zu einer einzigen verschmelzen, da die göttliche Wahrheit in ihnen allen nur eine einzige Wahrheit ist. Abraham verkündete diese Wahrheit; Jesus verbreitete sie; alle Propheten, die in der Welt erschienen, gründeten darauf Ihre Lehren. Dadurch besitzen die Menschen diese eine wahre, unveränderliche Grundlage für Frieden und Verständigung, und der Krieg, der Tausende von Jahren wütete, wird vergehen. Über Jahrhunderte hinweg war die Menschheit immer wieder in Kriege und Konflikte verwickelt.

Als Vorwand für den Krieg diente mal die Religion, ein anderes Mal Patriotismus, Rassenvorurteile, nationalistische Politik, Gebietseroberung oder wirtschaftliche Expansion; kurz, die Menschheit lebte niemals während der gesamten bekannten Geschichte in Frieden.

Wie viel Blut wurde vergossen!

Wie viele Väter haben den Verlust von Söhnen betrauert; wie viele Söhne haben um ihre Väter geweint und wie viele Mütter um ihre Lieben!

Menschen dienten als Kanonenfutter und Zielscheiben auf dem Schlachtfeld; Krieg und Streit waren das vorherrschende Thema und die historische Bürde.

Menschen übertrafen in ihrer Wildheit sogar die Tiere.

Für Löwe, Tiger, Bär und Wolf ist Wildheit eine Notwendigkeit.

Wären sie nicht wild, roh und unerbittlich, würden sie verhungern.

Der Löwe kann nicht grasen; seine Zähne eignen sich nur für fleischliche Nahrung.

Das gilt auch für andere Raubtiere.

Für sie ist Wildheit natürlich, weil sie damit ihr Überleben sichern.

Aber die Grausamkeit des Menschen beruht auf Selbstsucht, Gier und Unterdrückung.

Sie entspringt keiner natürlichen Notwendigkeit.

Der Mensch tötet ohne Not tausend Mitmenschen, wird ein ›Held‹ und wird von der Nachwelt jahrhundertelang gepriesen.

Eine große Stadt wird auf Befehl eines Generals an nur einem Tag zerstört.

Wie dumm, wie widersprüchlich ist die Menschheit!

Wenn ein Mann einen anderen tötet, brandmarken wir ihn als Mörder und Verbrecher und verurteilen ihn zum Tode.

Tötet er jedoch hunderttausend Menschen, ist er ein militärisches Genie, eine große Berühmtheit, ein Napoleon, der von seinem Volk vergöttert wird.

Wenn ein Mann einen Dollar stiehlt, wird er Dieb genannt und ins Gefängnis gesteckt; wenn er ein unschuldiges Land durch militärische Invasion in seine Gewalt bringt und plündert, wird er zum Helden gekrönt.

Wie dumm ist die Menschheit!

Grausamkeit gehört nicht ins Menschenreich.

Der Mensch hat die Aufgabe, Leben zu schenken, nicht den Tod.

Es ist seine Pflicht, sich für das Wohlergehen der Menschen einzusetzen.

Dass er sich tierischer Wildheit rühmt, beweist, dass die göttliche Kultur noch nicht in der menschlichen Gesellschaft Fuß gefasst hat.

Die materielle Zivilisation hat unverkennbare Fortschritte gemacht, aber da sie nicht mit der göttlichen Kultur verbunden ist, grassieren Unheil und Niedertracht.

Wenn in alten Zeiten zwei Völker zwölf Monate lang gegeneinander Krieg führten, wurden vielleicht zwanzigtausend Männer getötet; inzwischen wurde die Tötungsmaschinerie derart ausgeweitet und perfektioniert, dass hunderttausend an einem Tag vernichtet werden können.

Während des russisch-japanischen Kriegs fielen in drei Monaten eine Million Menschen.

Das war in früheren Zeiten unvorstellbar.

Die Ursache ist das Fehlen göttlicher Kultur. Dieses verehrte amerikanische Volk zeigt Zeichen der Größe und Würde. Es ist meine Hoffnung, dass diese gerechte Regierung für den Frieden eintreten wird, damit der Krieg auf der ganzen Welt abgeschafft und die Banner der Einheit und Völkerverständigung gehisst werden. Das ist die größte Errungenschaft der Menschenwelt. Dieses amerikanische Volk ist ausgerüstet und befähigt, zu erreichen, was die Seiten der Geschichtsschreibung schmücken wird. Die Welt wird das amerikanische Volk beneiden und es wird in Ost und West wegen des Triumphes seiner Demokratie gerühmt werden. Ich bete dafür, dass dies eintreffen möge, und erbitte für Sie alle Gottes Segen.

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6. Mai 1912 Ansprache im Sanatorium von Dr. C. M. Swingle, Cleveland, Ohio Aufzeichnungen von Sigel T. Brooks Dies ist eine wunderschöne Stadt.

Das Klima ist angenehm, die Aussicht bezaubernd.

Alle Städte Amerikas wirken weitläufig und schön und es scheint den Menschen gutzugehen.

Der amerikanische Kontinent weist sichtbare Zeichen für enormen Fortschritt auf; seine Zukunft ist noch vielversprechender, denn sein Einfluss und seine Ausstrahlung haben eine große Reichweite, und er wird alle Völker in geistiger Hinsicht anführen.

Das Banner der Freiheit wurde hier entfaltet, aber der Wohlstand und der Fortschritt einer Stadt, das Glück und die Bedeutung eines Landes hängen davon ab, dass dort der Ruf Gottes gehört und befolgt wird.

In ihm muss das Licht der Wahrheit leuchten und die göttliche Kultur aufgebaut werden; dann wird sich der Glanz des Königreichs verbreiten und himmlische Einflüsse werden alles umfangen.

Die materielle Zivilisation gleicht dem Körper, während die göttliche Kultur der Geist in diesem Körper ist.

Ein Körper ohne Geist ist tot; ein fruchtloser Baum ist wertlos.

Jesus erklärt, dass einige Menschen geistige Fähigkeiten haben, denn nicht alle sind im Meer des Materialismus versunken.

Sie suchen den göttlichen Geist; sie wenden sich Gott zu; sie sehnen sich nach dem Königreich.

Ich hoffe, dass die verehrten Anwesenden sowohl materiellen als auch geistigen Fortschritt erzielen.

So, wie sie sich in materieller Hinsicht wunderbar entwickelt haben, können sie auch in ihrer geistigen Entwicklung voranschreiten, bis der materielle Körper durch den Reichtum geistiger Möglichkeiten und geistiger Wirksamkeit veredelt und schön wird. Preis sei Gott! Die Sonne der Wahrheit ist aufgegangen, und ihr Glanz erstrahlt an jedem Horizont. Die Zeichen Gottes leuchten, und die Lehren der himmlischen Boten werden verbreitet. Mögen die Herzen zum Reich Gottes geführt und durch die Wahrnehmung des Lichtes Gottes erleuchtet werden, sodass alle erschaffenen Wesen einen Anteil an den göttlichen Gnadengaben erhalten. Möge der Geist des Lebens durch die göttliche Gnade des Allmächtigen erneuert werden, und mögen Ost und West miteinander verbunden werden. Mögen Einheit und Harmonie überall verwirklicht werden. Mögen alle Menschen dieser Welt wie eine einzige Familie werden und diese unvergängliche Gabe erhalten. Mögen sich die Tore des Königreichs überall öffnen und der Lobpreis des Namens Abhá auf der ganzen Erde gehört werden.

Ansprache 'Abdu'l-Bahás in Pittsburgh

7. Mai 1912

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7. Mai 1912 Ansprache im Hotel Schenley Pittsburgh, Pennsylvania Aufzeichnungen von Suzanne Beatty Ich bin aus dem Orient gekommen, um euer Land zu besuchen. Sicherlich ist dieser Kontinent in jeder Hinsicht lobenswert und überall gibt es Zeichen des Wohlstands. Die Menschen sind gesittet und es gibt sehr viele Anzeichen einer fortschrittlichen Kultur. Ich werde euch eine kurze Darlegung der Grundprinzipien der Lehren Bahá'u'lláhs geben, damit ihr Kenntnis über Natur und Bedeutung der Bahá'í-Bewegung erhaltet. Vor ungefähr sechzig Jahren herrschten zwischen den verschiedenen Völkern und religiösen Konfessionen Persiens größte Feindschaft und Zwietracht.

Überall auf der Welt nahmen Krieg und Auseinandersetzungen überhand.

Zu dieser Zeit erschien Bahá'u'lláh in Persien und begann, sich der Förderung und Erziehung der Menschen zu widmen.

Er vereinte unterschiedliche Sekten und Glaubensbekenntnisse, beseitigte religiöse, ethnische, patriotische und politische Vorurteile und knüpfte ein starkes Band der Einheit und Versöhnung zwischen den verschiedenen Schichten und Klassen der menschlichen Gesellschaft.

Damals bestand eine so heftige und bittere Feindschaft zwischen den Menschen, dass selbst ein normaler Umgang nicht infrage kam.

Weder trafen sie sich, noch berieten sie miteinander.

Durch die Kraft der Lehren Bahá'u'lláhs kam es zu den wunderbarsten Erfolgen.

Er beseitigte Vorurteile und Hass aus den Herzen der Menschen und verwandelte ihre Einstellung zueinander so sehr, dass heute in Persien vollkommenes Einvernehmen zwischen ehemals fanatischen Religionsanhängern, unterschiedlichen Sekten und verschiedenen Gesellschaftsschichten herrscht.

Das war eine große Leistung, denn Bahá'u'lláh musste schwere Herausforderungen, große Schwierigkeiten und brutale Verfolgung erdulden.

Er wurde ins Gefängnis gesperrt, gefoltert und schließlich aus Seinem Heimatland verbannt.

Frohgemut ertrug Er jede Qual und alles, was Ihm zugefügt wurde.

Während Er von Land zu Land verbannt wurde, war es Ihm bis zu Seinem Hinscheiden möglich, Seine Lehren zu verkünden, sogar aus dem Gefängnis.

Wohin auch immer Seine Unterdrücker Ihn trieben, hisste Er die Standarte des Einsseins der Menschenwelt und verkündete die Prinzipien der Einheit der Menschheit.

Einige dieser Prinzipien sind folgende:

Erstens haben alle Menschen die Pflicht, die Wahrheit zu erforschen.

Solchen Untersuchungen sollten alle zustimmen und einig sein, denn die Wahrheit, also die Wirklichkeit, ist nicht vielfach – sie ist nicht teilbar.

Den verschiedenen Religionen liegt eine einzige Wahrheit zugrunde, deshalb ist ihre Wirklichkeit eine. Jede der göttlichen Religionen enthält zweierlei Arten von Geboten. Die ersten betreffen die geistige Empfänglichkeit, die Entwicklung der ethischen Grundsätze und die Sensibilisierung des menschlichen Gewissens. Sie sind wesentlich und grundlegend, die gleichen in allen Religionen, unveränderlich und ewig – eine Wirklichkeit, die keiner Veränderung unterworfen ist. Abraham war der Vorbote dieser Wahrheit, Moses hat sie verkündet, und Jesus Christus hat sie in der Menschenwelt verankert. Alle göttlichen Propheten und Boten waren die Werkzeuge und Kanäle derselben ewigen, wesentlichen Wahrheit. Die zweite Art von Geboten in den göttlichen Religionen bezieht sich auf die materiellen Belange der Menschheit. Sie sind die auf das Stoffliche bezogenen oder zweitrangigen Gesetze, die sich mit jeder neuen Offenbarung ändern können, entsprechend den Erfordernissen der Zeit, den Lebensbedingungen und der unterschiedlichen Aufnahmefähigkeit der Menschheit. Beispielsweise offenbarte Moses Seinerzeit zehn Gesetze hinsichtlich Mordes. Diese Gesetze standen im Einklang mit den Erfordernissen jener Zeit. Andere von Moses erlassene Gesetze sahen drastische Strafen vor – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Strafe für Diebstahl war das Abtrennen der Hand. Diese Gesetze und Strafen entsprachen der Stufe des jüdischen Volkes, das zu jener Zeit in der Wildnis und der Wüste unter Bedingungen lebte, unter denen Strenge notwendig und gerechtfertigt war. Aber zur Zeit Jesu Christi war diese Art von Gesetzen nicht angebracht; darum hob Christus die Gebote von Moses auf und ersetzte sie. Kurz gesagt, jede der göttlichen Religionen enthält wesentliche Gebote, die keiner Veränderung unterworfen sind, und auf das Stoffliche bezogene Gebote, die gemäß den Erfordernissen der Zeit aufgehoben werden. Aber die Menschen auf Erden haben die göttlichen Lehren vernachlässigt und sind bloßen Riten und blinden Nachahmungen der Wahrheit gefolgt. Da diese menschlichen Interpretationen und abergläubischen Annahmen voneinander abweichen, entstanden Zwietracht und religiöse Intoleranz, und Kampf und Krieg gewannen die Oberhand. Durch die Erforschung der Wahrheit, also der Grundlage der Wirklichkeit, die ihren eigenen Überzeugungen und denen der anderen zugrunde liegt, würden alle vereint und versöhnt, denn diese Wahrheit ist nur eine; sie ist nicht vielfach und nicht teilbar. Das zweite Prinzip, also die zweite Lehre Bahá'u'lláhs, ist die Verkündigung der Einheit der Menschheit – dass alle Menschen Diener Gottes sind und einer Familie angehören; dass Gott alle erschaffen hat und Seine Gaben deshalb allumfassend sind; und dass Seine Fürsorge, Seine Erziehung, Seine Unterstützung und Seine liebende Güte die gesamte Menschheit umfangen. Das ist die göttliche Leitlinie, und es ist für den Menschen unmöglich, einen besseren Plan und eine bessere Leitlinie aufzustellen als die, die Gott eingesetzt hat. Deshalb müssen wir die Absicht unseres ruhmreichen Herrn erkennen und unterstützen. Da Gott zu allen gütig und liebevoll ist, warum sollten wir herzlos sein? Da diese Menschenwelt eine Familie ist, warum sollten ihre Mitglieder sich anfeinden und miteinander streiten? Deshalb müssen alle Menschen gleichermaßen wertgeschätzt und mit der gleichen liebevollen Einstellung angesehen werden. Der edelste Mensch ist, wer der Menschheit dient. Der Schwelle Gottes am nächsten ist der Geringste Seiner Diener. Ehre und Würde des Menschen hängen von seiner Dienstbarkeit gegenüber seinen Mitgeschöpfen ab und nicht davon, dass er ihnen mit Feindseligkeit und Hass begegnet. Das dritte Prinzip, also die dritte Lehre Bahá'u'lláhs, ist die Einheit von Religion und Wissenschaft. Jede religiöse Überzeugung, die unvereinbar ist mit wissenschaftlichen Beweisen und Untersuchungsergebnissen, ist Aberglaube, denn wahre Wissenschaft ist Vernunft und Wahrheit, und die Religion ist ihrem Wesen nach Wahrheit und reine Vernunft; daher müssen beide einander entsprechen. Eine religiöse Lehre, die im Widerspruch zu Wissenschaft und Vernunft steht, ist eine menschliche Erfindung und Einbildung und der Annahme nicht wert, denn die Antithese und das Gegenteil von Wissen ist Aberglaube, der aus menschlicher Unwissenheit entsteht. Wenn wir behaupten, die Religion stehe im Gegensatz zur Wissenschaft, dann verstehen wir weder etwas von echter Wissenschaft noch von wahrer Religion, denn beide beruhen auf Grundannahmen und Schlussfolgerungen der Vernunft, und beide müssen sich ihrer Überprüfung stellen. Das vierte Prinzip, also die vierte Lehre Bahá'u'lláhs, ist die Neuordnung und Anpassung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschheit. Dabei geht es um den menschlichen Lebensunterhalt. Offensichtlich sind die Armen unter den derzeitigen Verhältnissen und Regierungssystemen äußerster Not und größtem Elend ausgesetzt, während andere, die mehr Glück hatten, weit über ihre wirklichen Bedürfnisse hinaus in Luxus und Fülle leben. Diese Ungleichheit hinsichtlich der Anteile und Vorrechte gehört zu den tiefgreifenden und entscheidenden Problemen der menschlichen Gesellschaft. Dass ein Ausgleich und eine Güterverteilung notwendig sind, durch die alle Menschen an den Annehmlichkeiten und Vorrechten des Lebens teilhaben können, ist offenkundig. Das Heilmittel ist eine gesetzliche Neuordnung der Verhältnisse. Die Reichen müssen Mitgefühl mit den Armen zeigen, indem sie bereitwilligen Herzens zu deren Bedarf beisteuern, ohne dazu gezwungen oder verpflichtet zu werden. Durch die Einführung dieses Prinzips in das religiöse Leben der Menschheit wird die Stabilität der Welt gewährleistet. Das fünfte Prinzip, also die fünfte Lehre Bahá'u'lláhs, ist die Aufgabe religiöser, ethnischer, patriotischer und politischer Vorurteile, die die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft zerstören. Alle Menschen sind Geschöpfe und Diener des einen Gottes. Die Erdoberfläche ist eine einzige Heimat; die Menschheit ist eine einzige Familie und ein Haushalt. Unterscheidungen und Grenzen sind künstlich und menschengemacht. Warum sollte es Zwietracht und Streit zwischen Menschen geben? Alle müssen sich zum Dienst an der Menschheit in Einklang verbinden. Das sechste Prinzip, oder die sechste Lehre Bahá'u'lláhs, betrifft die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Er erklärt, dass es in den Augen Gottes keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt.

Wer das reinste Herz besitzt, wessen Taten und Dienste für die Sache Gottes besser und edler sind, ist an der göttlichen Schwelle höchst willkommen – egal, ob Mann oder Frau.

Im Pflanzen- und Tierreich leben die Geschlechter vollkommen gleichberechtigt und ohne Unterschied oder Diskriminierung.

Obwohl das Tier dem Menschen an Vernunft und Verstand unterlegen ist, erkennt es die Gleichstellung der Geschlechter an.

Warum sollte der Mensch, der mit einem Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet ist und ein empfindsames Gewissen hat, bereit sein, eines der Mitglieder der menschlichen Familie als zweitrangig und untergeordnet zu betrachten?

Eine solche Unterscheidung ist weder vernünftig noch mit dem Gewissen vereinbar; Bahá'u'lláh hat deshalb als religiöses Prinzip offenbart, dass der Frau das gleiche Recht auf Erziehung und Ausbildung zusteht wie dem Mann und sie das volle Anrecht auf seine Privilegien bekommt.

Das heißt, in der Erziehung und Ausbildung von Mann und Frau darf es keinen Unterschied geben, damit die Frau in sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen die gleiche Befähigung und Bedeutung wie der Mann entwickeln kann.

Dann wird die Welt zu Einheit und Harmonie gelangen.

In früheren Zeiten war die Menschheit mängelbehaftet und unfähig, weil sie noch unvollständig war.

Der Krieg und seine Verwüstungen haben die Welt zerstört; die Bildung der Frau wird ein gewaltiger Schritt sein, um den Krieg zu beseitigen und zu beenden, denn sie wird ihren ganzen Einfluss gegen den Krieg nutzen.

Die Frau zieht das Kind auf und erzieht den Jugendlichen bis zur Reife.

Sie wird sich weigern, ihre Söhne auf dem Schlachtfeld zu opfern.

Sie wird tatsächlich der stärkste Faktor bei der Schaffung des Weltfriedens und eines internationalen Schiedsgerichts sein.

Die Frau wird sicherlich den Krieg zwischen Menschen abschaffen.

Da die menschliche Gesellschaft aus zwei Teilen – Männern und Frauen – besteht, die einander ergänzen, können Glück und Stabilität der Menschheit nicht gewährleistet werden, solange nicht beide ihr volles Potenzial entfalten.

Daher müssen der Bildungsgrad und die rechtliche Stellung von Mann und Frau einander angeglichen werden. Neben anderen Lehren und Grundsätzen empfiehlt Bahá'u'lláh die Erziehung und Bildung für alle Mitglieder der Gesellschaft. Niemandem sollte die Ausbildung verweigert oder vorenthalten werden, auch wenn jeder entsprechend seiner Fähigkeiten daran teilhaben sollte. Niemand darf ungebildet zurückgelassen werden, denn Unwissenheit ist in der Menschenwelt ein Mangel. Allen Menschen müssen wissenschaftliche und philosophische Kenntnisse vermittelt werden – zumindest so viel wie nötig. Es können nicht alle Wissenschaftler und Philosophen werden, aber jeder sollte eine Ausbildung erhalten, die seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten entspricht. Bahá'u'lláh lehrt, dass die Menschheit des Odems des Heiligen Geistes bedarf, denn in der geistigen Belebung und Erleuchtung entsteht die wahre Einheit zwischen Gott und dem Menschen. Der Größte Friede kann nicht durch rassistische Kräfte und Bestrebungen gewährleistet werden. Er kann nicht durch patriotische Hingabe und Opferbereitschaft errichtet werden, denn die Völker sind sehr unterschiedlich und lokaler Patriotismus hat Grenzen. Darüber hinaus ist es offensichtlich, dass politische Macht und diplomatisches Geschick nicht zu umfassender Verständigung führen, da die Interessen der Regierungen verschieden und eigennützig sind; ebenso wenig werden internationale Harmonie und Versöhnung das Ergebnis menschlicher Überzeugungen sein, die sich damit befassen, denn Überzeugungen sind fehlerhaft und von Natur aus unterschiedlich. Weltfrieden kann unmöglich durch menschliche und materielle Mittel erreicht werden; er kann nur durch geistige Macht entstehen. Es bedarf einer universellen treibenden Kraft, die die Einheit der Menschheit stiftet und die Grundlagen von Krieg und Streit auslöscht. Nichts anderes als die göttliche Macht ist dazu in der Lage; daher wird dies durch den Odem des Heiligen Geistes vollbracht werden. Wie weit sich die materielle Welt auch entwickelt, sie kann das Glück der Menschheit nicht sicherstellen. Nur wenn die materielle und die geistige Kultur miteinander verbunden und in Einklang gebracht werden, wird das Glück gesichert. Dann wird die materielle Zivilisation mit ihrer Energie nicht zur Zerstörung der Einheit der Menschheit durch schädliche Kräfte beitragen, denn in der materiellen Zivilisation schreiten das Gute und das Schädliche zusammen im selben Tempo voran. Betrachtet zum Beispiel den materiellen Fortschritt im letzten Jahrzehnt. Schulen und Universitäten, Krankenhäuser, menschenfreundliche Organisationen, wissenschaftliche Akademien und philosophische Einrichtungen wurden gegründet, aber Hand in Hand mit diesen Belegen für Entwicklung und Aufbau haben die Erfindung und Produktion von Werkzeugen und Waffen zur Vernichtung von Menschen gleichermaßen zugenommen. Früher war die Kriegswaffe das Schwert, jetzt ist es das Sturmgewehr. In der Antike fochten die Menschen mit Speeren und Dolchen; jetzt verwenden sie Granaten und Bomben. Schlachtschiffe wurden gebaut, Torpedos erfunden und alle paar Tage neuartige Munition. All dies ist das Ergebnis der materiellen Zivilisation; obwohl materieller Fortschritt also gute Lebensaufgaben unterstützt, dient er gleichzeitig schädlichen Zwecken. Die göttliche Kultur ist gut, weil sie Ethik kultiviert. Man bedenke, was die Propheten Gottes zur menschlichen Ethik beigetragen haben. Jesus Christus rief alle durch die Annahme makelloser Sitten zum Größten Frieden. Wenn die ethischen Lehren und Grundlagen der göttlichen Kultur sich mit dem materiellen Fortschritt des Menschen vereinigen, wird zweifellos das Glück der Menschenwelt erreicht, und aus allen Richtungen wird die frohe Botschaft vom Frieden auf Erden verkündet. Dann wird die Menschheit außergewöhnliche Fortschritte erzielen, der Wirkungsbereich des menschlichen Verstandes wird enorm erweitert, wunderbare Erfindungen werden gemacht und der Geist Gottes wird sich offenbaren; alle Menschen werden in Freude und Harmonie miteinander verkehren und den Kindern des Königreichs wird ewiges Leben verliehen. Dann wird die Kraft des Göttlichen ihre Wirkung zeigen und der Odem des Heiligen Geistes wird das Wesen aller Dinge durchdringen. Darum müssen die materielle und die göttliche oder barmherzige Kultur gemeinsam voranschreiten, bis die höchsten Bestrebungen und Wünsche der Menschheit verwirklicht werden. Dies sind, kurz vorgestellt, einige der Lehren und Grundsätze Bahá'u'lláhs, damit ihr etwas über ihre Bedeutung und ihren Zweck erfahrt und in ihnen Anregungen für eure Erkenntnis und euer Handeln findet. Ich bitte Gott, diesem erfolgreichen und fortschrittlichen Volk zu helfen und dieser gerechten Regierung und diesem wunderbaren Kontinent des Westens Seinen Segen zu verleihen.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in New York, Montclair und Jersey City

11. bis 20. Mai 1912

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11. Mai 1912 Ansprache in Riverside Drive 227 in New York Aufzeichnungen von John G. Grundy Wir waren nur drei Wochen von den New Yorker Freunden getrennt, aber die Sehnsucht, euch zu sehen, war so groß, als wären es drei Monate gewesen. Seit wir euch verließen, hatten wir keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht – entweder waren wir unterwegs oder wir haben gesprochen –, aber alles verlief so erfreulich und wir waren überaus glücklich. Preis sei Gott! Immer und überall hieß es: »harakat, harakat, harakat« (weiter, weiter, weiter). Die Freunde in Amerika sind sehr gut. All die Menschen, die wir hier getroffen haben, sind liebenswürdig und freundlich. Sie sind höflich, nicht ablehnend, jedoch recht wissbegierig. Eine kleine Minderheit von ihnen scheint Vorurteile zu haben, doch selbst sie haben ihre guten Seiten. Die Amerikaner lieben den Fortschritt. Sie begnügen sich nicht mit Stillstand. Sie sind äußerst tatkräftig und fortschrittlich. Wenn ihr einen Baum wachsen und gedeihen seht, könnt ihr auf einen guten Ertrag hoffen. Dereinst wird er blühen und Früchte tragen. Wenn ihr trockenes Holz oder alte Bäume seht, gibt es keinerlei Hoffnung auf irgendwelchen Ertrag. Die Fragen, die uns gestellt wurden, waren angebracht und sachlich. Unsere Antworten wurden nicht für Kontroversen und Streitgespräche verwendet. Wir trafen Gelehrte und sie waren mit unseren Erklärungen zufrieden. Bedeutende Menschen äußerten ihre Zufriedenheit und Freude über unsere Antworten auf ihre Fragen. Kurz, es wäre schwierig, unter den vielen Leuten, die wir trafen, jemanden zu finden, der unzufrieden war. Einige gelehrte Köpfe waren nur auf fruchtlose Diskussionen aus. In Chicago trafen wir zwei Geistliche – in der Kirche des einen hielten wir eine Ansprache und mit dem anderen aßen wir zu Abend. Beide bekundeten große Liebe. Desgleichen hat sich unter all den Menschen, denen wir begegneten, kein einziger zum Widerspruch erhoben oder ist enttäuscht weggegangen. Gestern haben wir in Washington eine Gruppe wichtiger Leute getroffen. Ein bekannter Politiker kam zusammen mit einem Richter des Obersten Gerichtshofs. Es waren viele Damen aus Diplomatenkreisen anwesend. Nachdem wir gesprochen hatten, bezog sich der genannte Politiker auf die Aussage, dass die Grundlage aller Religionen seit undenklichen Zeiten Frieden, Liebe und Einklang gewesen sei – Grundsätze, die zu Gemeinschaft und Vereinigung führen –, und erklärte, dass Jesus »die Ursache für Zwietracht und Streit gewesen sei und nicht zur Verwirklichung von Einheit beigetragen hätte«. »Darum«, sagte er, »kann ich Ihre Aussagen und Erklärungen nicht akzeptieren, dass Religion die Quelle für die Besserung des Menschen gewesen sei.« Nach weiteren Erklärungen unsererseits sagte er: »Was Sie ausgeführt haben, kann mich veranlassen, meine Ansichten zu ändern und ihnen zuzustimmen.« Währenddessen verharrte der Richter in Schweigen. Aus Sorge, er könnte unzufrieden sein, fragten wir ihn, ob etwas von dem Vorgebrachten seiner Meinung widerspräche. »Ganz und gar nicht!«, antwortete er. »Ganz und gar nicht! Alles ist gut! Alles ist gut.« Dies ist eine typische Äußerung des Abendlandes – »Alles ist gut! Alles ist gut.« Bei diesem Treffen waren auch mehrere Kabinettsmitglieder, US-Senatoren, viele aus dem auswärtigen diplomatischen Dienst, Armee- und Marinevertreter und andere Würdenträger anwesend. Die Dienerin Gottes, unsere Gastgeberin, hatte für Vorbereitung und Bewirtung große Mühe auf sich genommen, war aber immer tatkräftig und dienstbereit und lud bedeutende und einflussreiche Leute zu den Versammlungen ein. Im Vordergrund unserer Gespräche standen die Ansichten der Anwesenden, was zu höchst zufriedenstellenden Ergebnissen führte; wir arbeiteten Tag und Nacht, sodass nur sehr wenig Zeit für einzelne persönliche Gespräche blieb. Ebenfalls in Washington haben wir ein Treffen von Schwarzen und Weißen organisiert. Die Besucherzahl war sehr groß, wobei die Schwarzen überwogen. Bei unserem zweiten Treffen war es umgekehrt, aber bei der dritten Zusammenkunft konnten wir nicht sagen, welche Farbe vorherrschte. Diese Treffen boten großartige praktische Beispiele für die Einheit von Menschen jeglicher Hautfarbe und Herkunft in der Bahá'í-Lehre. Wir sagten unter anderem:

Der Schwarze muss dem Weißen seine Anerkennung zeigen wegen dessen großen Mutes und der Selbstaufopferung für die Schwarzen.

Vier Jahre kämpften die Weißen für die Sache der Schwarzen, ertrugen schwere Nöte, opferten Leben, Familie und Vermögen, alles für ihre schwarzen Brüder, bis der große KriegA18 mit der Verkündigung der Freiheit endete.

Diese Anstrengungen und Errungenschaften beeinflussten schwarze Mitmenschen weltweit und kamen ihnen zugute.

Wäre dies nicht erreicht worden, lägen die Schwarzen in Afrika noch immer in den Ketten der Sklaverei.

Das sollten die Schwarzen überall anerkennen, denn es könnte kein größerer Beweis der Menschlichkeit und mutigen Hingabe erbracht werden, als ihn die Weißen an den Tag gelegt haben.

Wenn die Schwarzen der Vereinigten Staaten dieses Opfer, diesen Eifer und diese Tapferkeit seitens der Weißen vergessen würden, wäre das der größte Undank und tadelnswert.

Wenn sie die elenden Lebensbedingungen und die desolate Umwelt der schwarzen Menschen in Afrika heute sehen könnten, wäre der Gegensatz offensichtlich und klar erwiesen, dass die Schwarzen in Amerika demgegenüber unvergleichliche Vorteile genießen.

Die Annehmlichkeiten und die Kultur, die ihnen das Leben hier bietet, verdanken sie den Bemühungen und Opfern der Weißen.

Wäre dieses Opfer nicht erbracht worden, würden sie sich noch immer in den Fesseln und Ketten der Sklaverei befinden, kaum den primitiven, unentwickelten Lebensbedingungen enthoben.

Zeigt daher den Weißen immer eure Anerkennung.

Letztlich werden alle Unstimmigkeiten verschwinden und ihr werdet ihre Freundschaft vollständig gewinnen. Gott unterscheidet nicht zwischen Weiß und Schwarz. Wenn die Herzen rein sind, sind Ihm beide annehmbar. Gott lässt sich nicht von Farbe oder Herkunft beeindrucken. Alle Farben, ob weiß, schwarz oder gelb, sind Ihm willkommen. Da alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurden, müssen wir uns vor Augen halten, dass jeder Mensch göttliche Möglichkeiten in sich birgt. Wenn man in einem Garten lauter Blumen der gleichen Form, Art und Farbe vorfindet, dann wirkt das ermüdend für das Auge. Der Garten ist schöner, wenn die Blumen bunt und unterschiedlich sind; die Vielfalt macht den Reiz und die Zierde aus. In einem Taubenschwarm sind manche weiß, manche schwarz, rot oder blau; aber untereinander achten sie nicht auf solche Unterschiede. Alle sind Tauben, egal welcher Farbe. Diese Vielfalt der Formen und Farbtöne, die sich in allen Reichen der Schöpfung zeigt, entspricht der schöpferischen Weisheit und hat einen göttlichen Zweck. Und ob die Geschöpfe alle gleich oder alle verschieden sind, sollte keine Ursache für Unfrieden und Streit zwischen ihnen sein. Warum sollte die Hautfarbe oder Herkunft eines Mitmenschen zu Uneinigkeit führen? Kein gebildeter oder erleuchteter Verstand wird diese Unterscheidung und Uneinigkeit zulassen oder behaupten, dass es dafür einen Grund gibt. Daher sollten die Weißen gerecht und freundlich zu den Schwarzen sein, die wiederum ein gleiches Maß an Wertschätzung und Anerkennung aufweisen sollten. Dann wird die Welt zu einem einzigen großen Garten blühender Menschlichkeit werden, vielfältig und bunt, voller Menschen, die nur hinsichtlich ihrer geistigen Tugenden und guten Eigenschaften miteinander wetteifern.

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12. Mai 1912 Ansprache in der Unity Church Montclair, New Jersey Aufzeichnungen von Esther Foster Vor dieser verehrten Versammlung möchte ich über das Thema der göttlichen Einheit, der Einzigkeit Gottes, sprechen. Es ist eine offensichtliche Tatsache, dass die Erscheinungswelt niemals die urewige, allem zugrunde liegende Wirklichkeit begreifen oder verstehen kann.

Völlige Schwäche kann nicht absolute Stärke verstehen.

Wenn wir die Schöpfung betrachten, entdecken wir Stufenunterschiede, die es unmöglich machen, dass das Niedrigere das Höhere begreift.

Zum Beispiel kann das Mineralreich, egal wie weit es sich entwickelt, niemals die Phänomene des Pflanzenreiches erfassen.

Und egal wie weit sich die Pflanze entwickelt, sie kann weder Informationen aus dem Tierreich erhalten, noch mit ihm in Verbindung treten.

Wie vollkommen ein Baum auch gewachsen sein mag, er kann die Empfindung des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und der Berührung nicht verstehen; das liegt jenseits seiner Möglichkeiten.

Obwohl er in der Welt der Schöpfung sein Dasein hat, weiß ein Baum dennoch nichts über die höhere Stufe des Tierreichs.

Ebenso kann das Tier, egal wie weit entwickelt es ist, keine Vorstellung von der menschlichen Ebene erlangen, kein Wissen über Verstand und Geist.

Der Stufenunterschied verhindert ein solches Verständnis.

Eine niedrigere Stufe kann eine höhere nicht begreifen, obwohl alle zu derselben Welt der Schöpfung gehören – ob Mineral, Pflanze oder Tier.

Die Stufe ist Barriere und Begrenzung.

Auf der menschlichen Stufe des Daseins können wir sagen, wir kennen eine Pflanze, ihre Eigenschaften und ihre Frucht; aber die Pflanze weiß nichts über uns, sie versteht uns gar nicht.

Wie sehr sich die Rose in ihrer eigenen Sphäre auch der Vollkommenheit nähern mag, nie wird sie hören und sehen können.

Da in der Schöpfung, in der Erscheinungswelt, Stufenunterschiede ein Hindernis für das Begreifen sind, wie soll dann der Mensch, der nur ein Geschöpf ist, die allem zugrundeliegende altehrwürdige göttliche Wirklichkeit begreifen können?

Das ist unmöglich, weil die Wirklichkeit des Göttlichen über das Begreifen des Menschen, des erschaffenen Wesens, geheiligt ist. Was der Mensch begreifen kann, ist auf sein Fassungsvermögen begrenzt, und diesem Fassungsvermögen erscheint der Mensch selbst unbegrenzt.

Ist es dann möglich, dass die Wirklichkeit des Göttlichen begrenzt und der geschaffene Mensch unbegrenzt ist?

Im Gegenteil, das Umgekehrte ist wahr; der Mensch ist begrenzt, während das Wesen des Göttlichen unbegrenzt ist.

Was auch immer in den Bereich des menschlichen Verständnisses fällt, muss begrenzt und endlich sein.

Da das Wesen des Göttlichen das Verständnis des Menschen übersteigt, erschafft Gott Manifestationen der göttlichen Wirklichkeit, denen Er himmlische Ausstrahlung verleiht, damit Sie Mittler zwischen der Menschheit und Seinem Selbst sein können.

Diese heiligen Manifestationen oder Propheten Gottes sind wie Spiegel, die von der Sonne der Wahrheit erleuchtet sind, aber die Sonne steigt nicht von ihrem hohen Zenit herab und tritt nicht in die Spiegel ein.

Diese Spiegel haben tatsächlich eine solch makellose Politur und völlige Reinheit erlangt, dass sich ihr Reflexionsvermögen im höchsten Maß entwickelt hat; darum zeigt sich die Sonne der Wahrheit in ihnen in ihrer äußersten Pracht und Herrlichkeit.

Diese Spiegel sind erdgebunden, die Wirklichkeit des Göttlichen hingegen bleibt auf ihrer höchsten Höhe.

Obwohl in ihnen das Licht der Sonne leuchtet und ihre Wärme zu spüren ist, obwohl diese Spiegel die Geschichte ihres Glanzes erzählen, bleibt die Sonne doch in ihrer eigenen, erhabenen Sphäre; sie steigt nicht herab; sie erscheint nicht selbst, da sie über alles geheiligt ist. Die Sonne der Göttlichkeit und Wahrheit hat sich in mancherlei Spiegeln offenbart.

Obwohl es viele solche Spiegel gibt, ist die Sonne nur eine.

Die Gaben Gottes sind eins; die Wahrheit der göttlichen Religion ist eine einzige.

Bedenken Sie, wie ein und dasselbe Licht in den verschiedenen Spiegeln oder Manifestationen reflektiert wird.

Manche Seelen lieben die Sonne selbst; sie nehmen den Glanz der Sonne in jedem Spiegel wahr.

Sie sind nicht an die Spiegel gefesselt oder hängen an ihnen; sie sind der Sonne selbst verbunden und verehren sie, von welchem Punkt aus sie auch scheinen mag.

Aber jene, die den Spiegel verehren und an ihn gebunden sind, werden des Lichtes der Sonne beraubt und sehen es nicht mehr, wenn es in einem anderen Spiegel aufleuchtet.

So hat sich beispielsweise die Sonne der Wahrheit im mosaischen Spiegel offenbart.

Die aufrichtigen Menschen nahmen es an und glaubten daran.

Als dieselbe Sonne im Spiegel des Messias erstrahlte, nahmen die Juden, die nicht die Sonne selbst liebten und durch ihre Verehrung des Spiegels Moses gefesselt waren, das Licht und den Glanz der Sonne der Wahrheit in Jesus nicht wahr; deshalb blieben sie ihrer Gnadengaben beraubt.

Doch die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, erstrahlte im messianischen Spiegel durch das großartige Sprachrohr Jesus Christus noch vollständiger und wunderbarer.

Sein Strahlenglanz war offensichtlich, aber bis heute halten die Juden am mosaischen Spiegel fest.

Deshalb können sie das Licht der Ewigkeit nicht in Jesus sehen. Kurz, die Sonne ist eine einzige Sonne, das Licht ist ein einziges Licht, das auf alle bestehenden Wesen scheint. Jedes Geschöpf hat daran Teil, aber der reine Spiegel kann ihre Gaben vollkommener und vollständiger enthüllen. Deshalb müssen wir das Licht der Sonne verehren, welcher Spiegel auch immer es offenbart. Wir dürfen keine Vorurteile hegen, denn Vorurteile sind ein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Da das Strahlen ein einziges Strahlen ist, müssen alle Menschen Empfänger desselben Lichtes werden und in ihm die unwiderstehliche Macht erkennen, die sie mit ihrem Glanz vereint. Da dies das Jahrhundert des Lichtes ist, hoffe ich, dass die Sonne der Wahrheit die ganze Menschheit erleuchten wird. Mögen die Augen geöffnet und die Ohren aufmerksam werden; mögen die Seelen wiederbelebt werden und in völliger Harmonie als Empfänger desselben Lichtes miteinander verkehren. So Gott will, wird Er diese seit Jahrtausenden bestehenden Zwistigkeiten und Kriege beseitigen. Möge dieses Blutvergießen aufhören, diese Tyrannei und Unterdrückung vergehen, dieser Krieg beendet werden. Möge das Licht der Liebe erstrahlen und die Herzen erleuchten, und mögen Menschenleben fest und dauerhaft verbunden werden, bis wir alle unter demselben Schirm Einvernehmen und Ruhe finden und unter dem Banner des Größten Friedens ständig voranschreiten. O Du gütiger Herr! O Du, Der Du freigebig und barmherzig bist! Wir sind Diener an Deiner Schwelle und sind versammelt im schützenden Schatten Deiner göttlichen Einheit. Die Sonne Deines Erbarmens scheint auf alle und die Wolken Deiner Großmut regnen auf alle. Deine Gaben umfassen alle, Deine liebende Vorsehung erhält alle, Dein Schutz beschirmt alle, und Du richtest die Blicke Deiner Gunst auf alle. O Herr! Gewähre uns Deine unendlichen Gaben und lass das Licht Deiner Führung scheinen. Erleuchte die Augen, erfreue die Herzen mit bleibender Freude. Verleihe allen Menschen einen neuen Geist und schenke ihnen ewiges Leben. Öffne die Tore wahren Verstehens und lass das Licht des Glaubens strahlen. Sammle alle Menschen im Schatten Deiner Großmut und gib, dass sie sich einträchtig vereinen, auf dass sie wie die Strahlen einer einzigen Sonne, die Wellen eines einzigen Meeres und die Früchte eines einzigen Baumes werden. O dass sie doch alle trinken vom selben Born; O dass sie doch erfrischt werden von derselben Brise; O dass sie doch vom selben Lichtquell erleuchtet werden! Du bist der Gebende, der Barmherzige, der Allmächtige.

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12. Mai 1912 Ansprache beim Treffen des Internationalen Friedensforums in der Grace Methodist Episcopal Church West 104th Street, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Wenn wir die Geschichte vom Anbeginn bis zum heutigen Tage betrachten, stellen wir fest, dass überall in der Menschenwelt Streit und Krieg herrschten. Kriege, ob religiös, rassistisch oder politisch motiviert, entstanden aus Unwissenheit, Missverständnissen und Mangel an Bildung und Erziehung. Als Erstes wollen wir den religiös motivierten Streit und Konflikt betrachten. Offensichtlich sind die göttlichen Propheten in der Welt erschienen, um Liebe und Einigkeit unter den Menschen zu stiften. Sie waren Hirten, keine Wölfe. Der Hirte tritt auf, um seine Herde zu sammeln und zu führen, und nicht, um sie durch Konflikte zu zerstreuen. Jeder göttliche Hirte hat eine zuvor versprengte Herde gesammelt. Unter den Hirten war Moses. Zu einer Zeit, da die Stämme Israels getrennt voneinander umherzogen, sammelte und einte Er sie und führte sie zu höheren Stufen des Könnens und des Fortschritts, bis sie die Wüste der Zucht hinter sich ließen und in das Heilige Land der Besitznahme gelangten. Er wandelte ihre Erniedrigung in Herrlichkeit, ihre Armut in Wohlstand und ersetzte ihre Laster durch Tugenden, bis sie sich zu einer solchen Höhe erhoben, dass die Herrlichkeit des Königtums Salomos möglich wurde und sich der Ruhm ihrer Kultur in Ost und West verbreitete. Daher ist klar, dass Moses ein göttlicher Hirte war, denn Er sammelte die Stämme Israels und einte sie in der Macht und Stärke eines großen selbständigen Volkes. Als der messianische Stern Jesu Christi aufging, erklärte Er, Er sei gekommen, um die verlorenen Stämme, Moses zerstreute Schafe, zu sammeln. Er hütete nicht nur die Herde Israels, sondern brachte auch Menschen aus Chaldäa, Ägypten, Syrien, dem ehemaligen Assyrien und aus Phönizien zusammen. Diese Menschen waren zueinander äußerst feindselig, blutrünstig wie wilde Tiere; aber Jesus Christus brachte sie zusammen, verband und vereinte sie in Seiner Sache und knüpfte ein so starkes Band der Liebe zwischen ihnen, dass Feindschaft und Krieg beendet wurden. Das zeigt, dass die göttlichen Lehren dazu gedacht sind, in der Menschenwelt ein Band der Einheit zu schaffen und die Grundlagen für Liebe und Gemeinschaft zwischen den Menschen zu schaffen. Die Göttliche Religion ist keine Ursache für Zwist und Zwietracht. Wenn Religion zur Quelle von Feindschaft und Streit wird, ist Religionslosigkeit vorzuziehen. Religion sollte das belebende Element des Staatswesens sein; bringt sie der Menschheit den Tod, so wäre ihr Nichtsein segensreich und förderlich für die Menschen. Heutzutage muss man sich den göttlichen Lehren zuwenden, denn sie sind das Heilmittel für die gegenwärtigen Zustände in der Menschenwelt. Der Zweck eines Heilmittels ist, zu heilen und zu kurieren. Wenn es die Symptome verschlimmert, ist es besser, es nicht zu verwenden beziehungsweise abzusetzen. Zu einer Zeit, als die arabischen Stämme und Nomadenvölker vereinzelt und gesetzlos in der Wüste lebten, als Streit und Blutvergießen an der Tagesordnung waren und kein Stamm sicher vor Angriff und Zerstörung durch einen anderen war – zu einer so kritischen Zeit erschien Muḥammad. Er brachte diese wilden Wüstenstämme zusammen, stiftete Frieden zwischen ihnen, einte sie und führte sie zur Versöhnung, sodass Feindschaft und Krieg aufhörten. Schon bald breitete sich das arabische Volk aus, bis sich sein Herrschaftsbereich westwärts bis Spanien und Andalusien erstreckte. Aus diesen Gegebenheiten können wir schließen, dass die göttlichen Religionen offenbart wurden, um Frieden zu stiften, nicht für Krieg und Blutvergießen. Da sie alle auf einer einzigen Wahrheit beruhen, auf Liebe und Einheit, sind die für die Religionsgeschichte so charakteristischen Kriege und Spaltungen den blinden Nachahmungen und dem Aberglauben zuzuschreiben, die erst später entstanden. Religion ist Wahrheit, und die Wahrheit ist nur eine. Die Grundlagen der Religion Gottes sind deshalb in Wirklichkeit eins. Bei den Grundlagen gibt es weder Unterschiede noch Veränderungen. Abweichungen und Widersprüche haben ihre Ursache in blinder Nachahmung, Vorurteilen und im Festhalten an Gebräuchen, die erst später auftreten. Und wenn diese voneinander abweichen, kommt es zu Zerwürfnissen und Streit. Wenn die Religionen der Welt diese Ursachen für Konflikte aufgäben und zu den Grundlagen zurückkehrten, so würden sich alle einig sein und Streit und Zwietracht würden vergehen; denn Religion und Wahrheit sind eins und nicht vielerlei. Andere Kriege entstehen durch rassistische Unterscheidungen, die auf bloßer Einbildung beruhen; denn die Menschheit ist eine einzige Familie, ein Stamm aus einer gemeinsamen Wurzel, und Bewohner desselben Planeten.

Im Schöpfungsplan gibt es keine ethnischen Unterscheidungen oder Abgrenzungen nach Völkern wie Franzosen, Engländern, Amerikanern, Deutschen, Italienern oder Spaniern; alle gehören zu einer einzigen Hausgemeinschaft.

Die Abgrenzungen und Unterscheidungen sind menschengemacht und künstlich, nicht ursprünglich und natürlich.

Alle Menschen sind die Früchte eines Baumes, die Blumen desselben Gartens, die Wellen eines Meeres.

Im Tierreich kann man keine derartige Unterscheidung und Abgrenzung erkennen.

Die Schafe des Ostens und die Schafe des Westens würden friedlich zusammenleben.

Die orientalische Herde würde nicht überrascht aufblicken, wie um zu sagen:

»Das sind Schafe des Abendlands; sie gehören nicht in unser Land.« Alle würden sich in Harmonie zusammentun und sich derselben Weide erfreuen, ohne dass Unterschiede der Herkunft zu bemerken wären.

Vögel aus verschiedenen Ländern vermischen sich freundschaftlich.

Im Tierreich finden wir diese Tugenden.

Soll der Mensch diese Tugenden ablehnen?

Der Mensch ist mit überlegener Urteilskraft und Erkenntnisfähigkeit ausgestattet; in ihm sind die göttlichen Gaben sichtbar.

Sollen rassistische Vorstellungen die Oberhand gewinnen und die schöpferische Absicht der Einheit in seiner Welt verdunkeln?

Soll er sagen:

»Ich bin ein Deutscher«, »Ich bin ein Franzose« oder ein »Engländer« und wegen dieser eingebildeten und menschengemachten Unterscheidung den Krieg erklären?

Gott bewahre!

Diese Erde ist ein einziger Haushalt und die Heimat aller Menschen; deshalb sollte die Menschheit Unterschiede und Grenzen, die künstlich sind und zu Uneinigkeit und Feindseligkeit führen, ignorieren.

Wir sind aus dem Osten gekommen.

Preis sei Gott!

Wir sehen, wie dieser Kontinent blüht und gedeiht, das Klima ist gesund und angenehm, die Bewohner sind freundlich und zuvorkommend, die Regierung ist fair und gerecht.

Sollen wir andere Gedanken und Gefühle als die der Liebe zu euch hegen?

Sollen wir sagen:

»Das ist nicht unser Geburtsland, darum ist alles verwerflich«?

Das wäre eine krasse Dummheit, der sich der Mensch nicht unterwerfen darf.

Der Mensch besitzt die Fähigkeit, die Wahrheit zu erforschen, und die Wahrheit ist, dass die Menschheit eine Familie ist und im Schöpfungsplan alle gleich sind.

Darum müssen falsche Unterscheidungen der Herkunft oder Hautfarbe, die Gründe und Ursachen für Krieg sind, aufgegeben werden. Bedenken Sie, was in Tripolis geschieht:

Wie die Armen getötet werden und das Blut der Hilflosen auf beiden Seiten vergossen wird; Kinder werden ihrer Väter beraubt, Väter beklagen den Tod ihrer Söhne, Mütter beweinen den Verlust ihrer Lieben.

Und was ist letztlich der Gewinn?

Nichts Nennenswertes.

Ist das irgendwie zu rechtfertigen?

Haustiere sind zueinander weder gehässig noch grausam; das ist nämlich das Kennzeichen blutrünstiger wilder Bestien.

In einer Herde von tausend Schafen wird man kein Blutvergießen erleben.

Zahllose Vogelarten leben friedlich in Schwärmen.

Wölfe, Löwen, Tiger sind wild, weil das gemäß ihrer Natur für die Nahrungsbeschaffung nötig ist.

Der Mensch braucht solche Wildheit nicht; er bekommt seine Nahrung auf andere Weise.

Es ist also offensichtlich, dass Krieg, Grausamkeit und Blutvergießen im Menschenreich durch menschliche Gier, Hass und Selbstsucht verursacht werden.

Die Könige und Herrscher der Nationen genießen Luxus und Komfort in ihren Palästen und schicken das gemeine Volk aufs Schlachtfeld – opfern es als Kanonenfutter.

Jeden Tag erfinden sie neue Geräte für die noch vollständigere Zerstörung der Grundlagen der Menschheit.

Gegen ihre Mitgeschöpfe sind sie hart und gnadenlos.

Was soll all das Leid und den Kummer von Müttern wieder gutmachen, die so zärtlich für ihre Söhne gesorgt haben?

Wie viele schlaflose Nächte verbrachten sie, und wie viele Tage der Hingabe und Liebe boten sie auf, um ihre Kinder großzuziehen!

Aber die Barbarei dieser kriegerischen Herrscher hinterlässt an einem einzigen Tag so viele ihrer Opfer zerfetzt und verkrüppelt.

Welche Ignoranz und Entartung, fürwahr schlimmer noch als die blutrünstigen Bestien!

Denn ein Wolf wird nur ein Schaf auf einmal wegtragen und fressen, während ein ehrgeiziger Tyrann in einer Schlacht den Tod von hunderttausend Männern herbeiführen kann und sich noch seines militärischen Könnens rühmt und sagt:

»Ich bin Oberbefehlshaber; ich habe diesen mächtigen Sieg errungen.« Betrachten Sie die Unwissenheit und Widersprüchlichkeit der Menschen.

Wenn ein Mensch einen anderen tötet, wird er ungeachtet des Grundes Mörder genannt, eingesperrt oder hingerichtet.

Aber der brutale Unterdrücker, der hunderttausend erschlagen hat, wird als Held, Eroberer oder militärisches Genie vergöttert.

Ein Mensch stiehlt eine kleine Summe Geld; er wird Dieb genannt und ins Zuchthaus gesteckt.

Aber ein militärischer Führer, der in ein ganzes Königreich einmarschiert und es plündert, wird als Held, als mächtiger und tapferer Mann bejubelt.

Wie niedrig und unwissend ist der Mensch! Vor der Mitte des 19.

Jahrhunderts herrschten in Persien größte Feindseligkeit, Zwietracht und Hass zwischen den verschiedenen Stämmen und Völkern, religiösen Gruppen und Konfessionen.

Auch alle anderen Völker des Ostens waren damals im gleichen Zustand.

Religionsanhänger waren feindselig und fanatisch, die Sekten waren untereinander verfeindet, die Völker hassten einander, die Stämme befanden sich ständig im Krieg; überall herrschten Zwietracht und Streit.

Die Männer mieden einander und misstrauten sich gegenseitig.

Ein Mann, der eine Reihe seiner Mitgeschöpfe umbringen konnte, wurde für sein Heldentum und seine Stärke gepriesen.

Unter den Religionsanhängern galt es als lobenswerte Tat, jemandem, der eine gegensätzliche Überzeugung vertrat, das Leben zu nehmen.

Zu dieser Zeit erhob sich Bahá'u'lláh und verkündete Seine Sendung.

Er stiftete die Einheit der Menschheit, verkündete, alle seien Diener des liebenden und barmherzigen Gottes, Der alle erschaffen, genährt und für alle vorgesorgt hat; warum also sollten die Menschen ungerecht und unfreundlich zueinander sein, somit ein Verhalten zeigen, das Gott zuwider ist?

Warum sollten wir gegeneinander Feindschaft und Hass hegen, wenn Er uns liebt?

Würde Gott nicht alle lieben, dann hätte Er nicht alle erschaffen, erzogen und für sie gesorgt.

Liebevolle Güte ist die göttliche Leitlinie.

Sollen wir menschliche Leitlinien und Standpunkte für besser halten als die Weisheit und Leitlinien Gottes?

Das wäre unvorstellbar, unmöglich.

Darum müssen wir den göttlichen Leitlinien folgen, indem wir uns mit tiefster Liebe und Sanftmut umeinander kümmern. Bahá'u'lláh verkündete den Größten Frieden und verordnete die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts. Er äußerte diese Prinzipien in zahlreichen Sendschreiben, die im gesamten Osten verbreitet wurden. Er schrieb an alle Könige und Herrscher, ermutigte sie, erteilte Ratschläge, ermahnte sie hinsichtlich der Friedensstiftung und zeigte mit schlüssigen Beweisen, dass Glück und Ruhm der Menschheit nur durch Abrüstung und Schlichtung gewährleistet werden können. Das war vor fast fünfzig Jahren. Weil Er die Botschaft weltweiten Friedens und internationaler Verständigung verkündete, erhoben sich die Könige des Orients gegen Ihn, denn sie sahen in Seinen Ermahnungen und Lehren keinerlei persönliche oder nationale Vorteile. Erbarmungslos verfolgten sie Ihn, luden auf Ihn jede Pein, warfen Ihn ins Gefängnis, setzten ihn der Bastonade aus, verbannten Ihn und kerkerten Ihn schließlich in eine Festung ein. Dann gingen sie gegen Seine Anhänger vor. Um der Stiftung des internationalen Friedens willen wurde das Blut von zwanzigtausend Bahá'í vergossen. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Kinder gefangen genommen und ihre Besitztümer geplündert, aber die Hingabe keines dieser Menschen wankte oder ließ nach. Bis zum heutigen Tag werden die Bahá'í verfolgt, und erst kürzlich wurden etliche getötet, denn überall, wo es Bahá'í gibt, unternehmen sie die größten Anstrengungen, den Weltfrieden herzustellen. Sie verkünden Prinzipien nicht nur, sie setzen sie tatkräftig um. Durch die Lehren Bahá'u'lláhs sieht man heute in Persien Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Bekenntnisse in größtem Frieden und bestem Einvernehmen zusammenleben.

Frühere Feindschaft und Hass sind verschwunden und sie erweisen allen Menschen größte Liebe, denn sie begreifen und wissen, dass alle die Geschöpfe und Diener des einen Gottes sind.

Das ist unmittelbar den göttlichen Lehren zu verdanken.

Im Grunde geht es nur darum, dass die Unwissenden Bildung erhalten, die Kranken geheilt werden und jene, die auf der Entwicklungsstufe eines Kindes sind, Hilfe bekommen, das Reifealter zu erreichen.

Wir dürfen niemanden aufgrund seiner Unwissenheit unfreundlich behandeln, noch die Unreifen zurückweisen oder uns von den Kranken abwenden, vielmehr müssen wir das Heilmittel für jede menschliche Not verabreichen, bis alle in der Fürsorge Gottes vereint sind.

Es ist also offensichtlich, dass die wesentlichen Grundlagen göttlicher Religionen Einheit und Liebe sind.

Wenn Religion zu Zwietracht unter den Menschen führt, ist sie zerstörerisch und nicht göttlich, denn Religion bedeutet Einheit und Zusammenschluss, nicht Spaltung.

Bloße Kenntnis der Grundsätze genügt nicht.

Wir alle wissen und geben zu, dass Gerechtigkeit gut ist, aber es bedarf des Willens und der Tat, um Gerechtigkeit auszuüben und sichtbar werden zu lassen.

Ein Beispiel.

Wir denken vielleicht, es sei gut, eine Kirche zu bauen; aber bloß zu denken, es sei eine gute Sache, wird nichts zu ihrer Errichtung beitragen.

Die Mittel und Wege müssen bereitet werden; wir müssen sie bauen wollen und dann den Bau durchführen.

Wir wissen alle, dass der Weltfrieden eine gute Sache ist, dass er dem Wohl und Ruhm des Menschen dient, aber Willenskraft und Taten sind nötig, um ihn zu verwirklichen.

Auf das Handeln kommt es an.

Dieses Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Lichtes, daher ist gewährleistet, dass die Menschheit die Fähigkeit zum Handeln hat.

Die göttlichen Prinzipien müssen unter den Menschen verbreitet werden, bis die Zeit zum Handeln kommt.

So ist es geschehen und Zeit und Umstände sind jetzt wirklich reif zum Handeln.

Alle Menschen wissen, dass Krieg tatsächlich die menschlichen Grundlagen zerstört, und in jedem Land der Welt wird dies zugegeben und leuchtet ein.

Ich sehe in den Vereinigten Staaten von Amerika eine überaus fortschrittliche Nation; die Regierung ist gerecht, das Volk bereit und das Prinzip der Gleichberechtigung ist außerordentlich gut verwirklicht.

Und weil das Banner des Weltfriedens gehisst werden muss, hoffe ich, dass das auf diesem Kontinent geschieht, denn diese Nation verdient es mehr und hat größere Fähigkeiten für einen solchen ersten Schritt als irgendeine andere.

Würden andere Nationen versuchen, das zu tun, würde ihre Motivation missverstanden.

Wenn etwa Großbritannien den Weltfrieden ausriefe, würde man sagen, das geschehe, um die Sicherheit seiner Kolonien zu gewährleisten.

Wenn Frankreich dieses Banner hisste, würden andere Nationen sagen, irgendeine versteckte diplomatische Taktik liege diesem Akt zugrunde; Russland würde nationaler Absichten verdächtigt, wenn sein Volk den ersten Schritt machte, und Gleiches gilt für alle europäischen und östlichen Regierungen.

Aber die Vereinigten Staaten von Amerika könnten keines solchen Eigeninteresses bezichtigt werden.

Ihre Regierung hat genau genommen keine Kolonien, die sie schützen muss.

Sie trachten nicht danach, Ihr Herrschaftsgebiet auszudehnen, noch brauchen Sie territoriale Expansion.

Wenn darum Amerika den ersten Schritt zur Errichtung des Weltfriedens tut, ist das sicherlich seiner Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit zuzuschreiben.

Die Welt wird sagen:

»Für diesen Schritt der Vereinigten Staaten gibt es kein anderes Motiv als Uneigennützigkeit und Dienst an der Menschheit.« Deshalb hoffe ich, dass Sie als der erste Herold des Friedens vortreten und dieses Banner hissen, denn dieses Banner wird gehisst werden.

Heben Sie es empor, denn Sie sind die geeignetste Nation, die es am meisten verdient.

Die anderen Länder warten auf diesen Ruf, hoffen auf dieses Signal zur Versöhnung, denn die ganze Welt leidet unter der maßlosen Bürde und den nicht wiedergutzumachenden Schäden des Krieges.

Steuern werden zur Deckung der Kosten erhoben.

Jedes Jahr wächst die Last, und die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte.

Europa ist zurzeit ein explosives Pulverfass, und ein einziger Funke wird die ganze Welt in Flammen setzen.

Bevor es zu diesen Verwicklungen und katastrophalen Ereignissen kommt, unternehmen Sie diesen Schritt, um sie zu verhindern. Die Grundlagen aller göttlichen Religionen sind Frieden und Einigkeit, aber es kam zu Missverständnissen und Unwissenheit. Wenn diese zum Verschwinden gebracht werden, werden Sie sehen, dass alle religiösen Kräfte für den Frieden arbeiten und die Einheit der Menschheit fördern werden. Denn die Grundlage von allem ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist nicht vielerlei oder teilbar. Moses legte die Grundlage, Jesus errichtete ihr Zelt, und ihr strahlendes Licht leuchtete in allen Religionen. Bahá'u'lláh verkündete diese eine Wahrheit und verbreitete die Botschaft des Größten Friedens. Selbst im Gefängnis ruhte Er nicht, bis Er dieses Licht im Osten entzündet hatte. Preis sei Gott! Alle, die Seine Lehren angenommen haben, lieben den Frieden, sind Friedensstifter, bereit, dafür ihr Leben zu opfern und ihr Hab und Gut dafür herzugeben. Möge dieses Banner jetzt im Westen gehisst werden, dann werden viele dem Ruf folgen. Amerika ist berühmt für seine Entdeckungen, Erfindungen und seine Kunstfertigkeit, es ist bekannt für eine gerechte Regierung und erstaunliche Vorhaben; jetzt möge es auch als Herold und Bote des Weltfriedens bekannt und gefeiert werden. Möge dies seine Berufung und Aufgabe sein, und möge sich dieser gesegnete Impuls in alle Länder verbreiten. Ich bete für Sie alle, dass Sie der Menschenwelt diesen Dienst erweisen.

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13. Mai 1912 Ansprache bei einem Empfang der New Yorker Friedensgesellschaft Hotel Astor, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Ich habe mich heute Nachmittag zwar unwohl gefühlt, aber weil ich dieser Versammlung große Bedeutung beimesse und mich danach gesehnt habe, Ihre Gesichter zu sehen, bin ich gekommen. Die freundlichen Worte und die herzliche Gastfreundschaft, die die Vorredner bekundet haben, sind sehr wohltuend. Ich bin dankbar, dass Ihre Herzen so empfänglich sind, denn es ist offensichtlich, dass Ihr größter Wunsch die Errichtung des Weltfriedens ist. Sie lieben die Einheit der Menschheit, Sie suchen das Wohlgefallen des Herrn, Sie erforschen die Grundlagen der göttlichen Religionen. Heute gibt es nichts Rühmlicheres für den Menschen, als der Sache des Größten Friedens zu dienen.

Frieden ist Licht, Krieg jedoch ist Dunkelheit.

Frieden ist Leben, Krieg ist Tod.

Frieden weist den Weg, Krieg führt in die Irre.

Frieden ist die göttliche Grundlage, Krieg ist ein satanischer Brauch.

Frieden erleuchtet die Menschenwelt, Krieg vernichtet die Grundlagen der Menschheit.

Wenn wir die Auswirkungen auf diese Welt betrachten, dann stellen wir fest, dass Frieden und Gemeinschaft Faktoren für Aufbau und Vervollkommnung sind, Krieg und Streit dagegen die Ursachen von Zerstörung und Verfall.

Alles Erschaffene ist Ausdruck der Verbundenheit und des Zusammenhalts von Grundsubstanzen, und Nichtsein ist das Fehlen dieser Anziehung und Übereinstimmung.

In einer Komposition verbinden sich unterschiedliche Elemente harmonisch; aber wenn diese Elemente nicht mehr harmonieren und sich gegenseitig abstoßen, sind Zerfall und Nichtsein die Folge.

Alles besitzt diese Eigenschaft und ist diesem Gesetz unterworfen, denn die Grundlage der Schöpfung, auf allen ihren Stufen und in allen Reichen, ist ein Ausdruck oder das Ergebnis der Liebe.

Bedenken Sie die Unruhe und Erschütterung, die heutzutage der Krieg in der Menschenwelt hervorruft.

Frieden ist Gesundheit und Aufbau; Krieg ist Krankheit und Auflösung.

Wenn das Banner der Wahrheit gehisst wird, dann wird der Frieden zur Ursache für Wohl und Fortschritt der Menschheit.

In allen Zeiten und Epochen führte Krieg zu Zerrüttung und Leid, während Frieden und Gemeinschaft zu Sicherheit und Berücksichtigung der Interessen der Menschen führten.

Ganz besonders gilt dieser Unterschied für die heutige Weltlage, denn der Krieg hatte in früheren Jahrhunderten nie den Grad an Grausamkeit und Zerstörungskraft, die ihn heute kennzeichnen.

Wenn in alten Zeiten zwei Völker gegeneinander Krieg führten, so wurden dabei zehn- oder zwanzigtausend Menschenleben geopfert; aber in diesem Jahrhundert ist es gut möglich, dass an einem einzigen Tag hunderttausend Leben vernichtet werden.

Die Wissenschaft des Tötens wurde so perfektioniert und das von ihr entwickelte Instrumentarium so wirksam, dass ein ganzes Volk in kurzer Zeit ausgelöscht werden kann.

Ein Vergleich mit den Methoden und Folgen antiker Kriegsführung ist somit nicht möglich. Alle Erscheinungsformen erreichen durch ein ihnen innewohnendes Gesetz einen Höhepunkt, eine Stufe der Vollendung, und erst danach entstehen eine neue Ordnung und neue Verhältnisse. Da die Kriegsinstrumente und die Kriegswissenschaft diese Stufe der Gründlichkeit und Effizienz erreicht haben, ist zu hoffen, dass die Umgestaltung der Menschenwelt unmittelbar bevorsteht und dass in den kommenden Jahrhunderten alle Energien und Erfindungen des Menschen dazu genutzt werden, die Interessen von Frieden und Gemeinschaft zu unterstützen. Möge daher diese werte und geschätzte Gesellschaft in ihren aufrichtigen Absichten für die Errichtung des Weltfriedens unterstützt und von Gott gestärkt werden. So kommt die Zeit schneller, da das Banner weltweiter Eintracht erhoben und weltweites Wohlergehen verkündet und verwirklicht wird, sodass das Dunkel, das die Welt jetzt umhüllt, verschwinden wird. Vor sechzig Jahren lebte Bahá'u'lláh in Persien. Vor siebzig Jahren erschien dort der Báb. Diese beiden Heiligen Seelen widmeten Ihr Leben der Stiftung des internationalen Friedens und der Liebe unter den Menschen. Sie strebten mit Herz und Seele danach, die Lehren ins Leben zu rufen, durch die unterschiedliche Menschen zusammengebracht werden können und Streit, Groll oder Hass verschwinden. Bahá'u'lláh wandte sich an alle Menschen und sagte, dass Adam, der Stammvater der Menschheit, mit dem Lebensbaum verglichen werden kann, dessen Blätter und Blüten Sie sind. Da Ihr Ursprung ein einziger war, müssen Sie jetzt vereint und einig sein; Sie müssen in Freude und angenehmer Atmosphäre miteinander verkehren. Er nannte Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch – die Zerstörer des Staatswesens. Er sagte, dass der Mensch die Einheit der Menschheit anerkennen muss, denn alle gehören der Abstammung nach zu demselben Haushalt, und alle sind Diener desselben Gottes. Deshalb muss die Menschheit hinfort im Geiste der Verbundenheit und Liebe leben, die Verordnungen Gottes umsetzen und sich abwenden von satanischen Einflüsterungen, denn die göttlichen Gaben bringen Einigkeit und Einvernehmen hervor, die satanischen Weisungen dagegen führen zu Hass und Krieg. Diese außergewöhnliche Persönlichkeit konnte durch diese Grundsätze ein Band der Einheit zwischen den verschiedenen Sekten und unterschiedlichen Völkern Persiens knüpfen.

Diejenigen, die Seinen Lehren folgten, gleich welcher Konfession oder Gruppierung sie angehörten, wurden durch die Bande der Liebe verbunden, und bis jetzt arbeiten und leben sie in Frieden und Einigkeit zusammen.

Sie sind fürwahr Brüder und Schwestern.

Sie nehmen keine Klassenunterschiede untereinander wahr und es herrscht völlige Harmonie.

Täglich wird dieses Band der Zuneigung stärker und ihre geistige Gemeinschaft entfaltet sich fortwährend.

Um den Fortschritt der Menschheit sicherzustellen und diese Prinzipien fest zu verankern, ertrug Bahá'u'lláh jede Qual und Widrigkeit.

Der Báb wurde zum Märtyrer, und mehr als zwanzigtausend Männer und Frauen opferten ihr Leben für ihren Glauben.

Bahá'u'lláh wurde eingekerkert und schwerer Drangsal ausgesetzt.

Schließlich wurde Er von Persien nach Mesopotamien verbannt; von Baghdád wurde Er nach Konstantinopel und Adrianopel geschickt und von dort in das Gefängnis von 'Akká in SyrienA19.

Während all dieser Torturen bemühte Er sich Tag und Nacht, die Einheit der Menschheit zu verkünden und die Botschaft des Weltfriedens zu verbreiten.

Aus dem Gefängnis in 'Akká wandte Er sich in ausführlichen Briefen an die Könige und Herrscher der Erde.

Er rief sie zu internationaler Verständigung auf und erklärte ausdrücklich, dass das Banner des Größten Friedens ganz gewiss in der Welt erhoben werde. Das ist geschehen.

Die irdischen Mächte haben den Vorzügen und Gaben, die Gott diesem bedeutenden und herrlichen Jahrhundert bestimmt hat, nichts entgegenzusetzen.

Sie sind eine Notwendigkeit, ein dringendes Erfordernis der Zeit.

Der Mensch kann sich allem widersetzen, nur nicht dem, was gottgewollt ist und dem Zeitalter und dessen Erfordernissen entspricht.

Jetzt finden sich gottlob in allen Ländern der Erde Menschen, die den Frieden lieben, und diese Prinzipien werden unter den Menschen verbreitet, besonders in diesem Land.

Preis sei Gott!

Diese Gedanken setzen sich durch, es erheben sich fortwährend Seelen, die für die Einheit der Menschheit eintreten und sich bemühen, den Weltfrieden zu fördern und zu verwirklichen.

Zweifellos kann diese wunderbare Demokratie das erreichen und das Banner internationaler Verständigung wird hier entfaltet werden, um die Botschaft unter allen Völkern der Welt zu verbreiten.

Ich danke Gott, dass ich Sie so empfänglich und voll hehrer Bestrebungen sehe, und ich hoffe, dass sich dieses Licht durch Sie hin zu allen Menschen verbreitet.

So möge die Sonne der Wahrheit auf Ost und West scheinen.

Die dichten Wolken werden sich auflösen und die Wärme der göttlichen Strahlen wird den Nebel vertreiben.

Die menschliche Wirklichkeit wird sich entfalten und als Ebenbild Gottes, seines Schöpfers, hervortreten.

Die Gedanken der Menschen werden sich so hoch aufschwingen, dass frühere Errungenschaften wie kindische Spielereien erscheinen, denn die Vorstellungen und Überzeugungen der Vergangenheit sowie rassistische und religiöse Vorurteile haben die menschliche Entwicklung immer eingeschränkt und waren immer schädlich und zerstörerisch.

Ich bin höchst zuversichtlich, dass diese hehren Gedanken in diesem Jahrhundert zum menschlichen Wohlergehen beitragen werden.

Lassen Sie dieses Jahrhundert die Sonne der früheren Jahrhunderte sein, deren Glanz ewig währen wird, sodass man das zwanzigste Jahrhundert in künftigen Tagen mit diesen Worten verherrlichen wird:

»Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lichtes, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lebens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des internationalen Friedens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert göttlicher Gaben, das zwanzigste Jahrhundert hinterließ Spuren, die ewig währen.«

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19. Mai 1912 Ansprache in der Divine Paternity Church Central Park West in New York Aufzeichnungen von Esther Foster Es gibt viele Religionen, aber das Wesen der Religion ist nur eines. Es gibt viele Tage, aber die Sonne ist nur eine. Es gibt viele Brunnen, aber der Urquell ist nur einer. Es gibt viele Zweige, aber der Baum ist nur einer. Das Fundament der göttlichen Religionen ist die Wahrheit; wäre da keine Wahrheit, gäbe es keine Religionen. Abraham verkündete die Wahrheit. Moses machte die Wahrheit bekannt. Christus hat die Wahrheit verankert. Muḥammad war der Gesandte der Wahrheit. Der Báb war das Tor zur Wahrheit. Bahá'u'lláh war der Glanz der Wahrheit. Die Wahrheit ist eine einzige; sie erlaubt keine Vielzahl oder Teilung. Die Wahrheit ist wie die Sonne, die von verschiedenen Aufgangsorten aus scheint; sie ist wie das Licht, das viele Lampen erhellt. Wenn daher die Religionen die Wahrheit untersuchen und die wesentliche Wahrheit ihrer eigenen Grundlagen suchen, werden sie sich versöhnen und man wird keinen Unterschied finden. Aber da die Religionen in dogmatische Nachahmung abgetaucht sind und die ursprünglichen Grundlagen aufgegeben haben, und da diese Nachahmungen sehr unterschiedlich sind, weichen die Religionen voneinander ab und widersprechen sich. Diese Nachahmungen können mit Wolken verglichen werden, die den Sonnenaufgang verdunkeln; die Wahrheit aber ist die Sonne. Wenn sich die Wolken auflösen, scheint die Sonne der Wahrheit auf alle, und es gibt keine unterschiedlichen Sichtweisen mehr. Die Religionen werden übereinstimmen, denn im Grunde sind sie gleich. Ihr Inhalt ist ein einziger, aber die Beschreibungen sind vielfältig. Die göttlichen Religionen sind wie der Lauf der Jahreszeiten.

Wenn die Erde leblos wird und verödet, weil Frost und Kälte jede Spur des letzten Frühlings getilgt haben, bricht eine neue Frühlingszeit an und kleidet alles in ein neues Gewand des Lebens.

Die Wiesen werden saftig und grün, die Bäume schmücken sich mit frischem Laub und bringen Früchte hervor.

Dann kommt wieder der Winter und alle Spuren des Frühlings verschwinden.

Das ist der beständige Kreislauf der Jahreszeiten – Frühling, Winter, dann die Rückkehr des Frühlings.

Aber obwohl sich der Kalender ändert und die Jahre vorrücken, ist doch jeder neue Frühling die Rückkehr des vergangenen Frühlings; dieser Frühling ist die Erneuerung des vorherigen Frühlings.

Frühling ist immer Frühling, wann und wie oft er auch kommt.

Die göttlichen Propheten sind wie das Kommen des Frühlings: jeder erneuert und belebt die Lehren des Propheten, der vor Ihm kam.

So, wie alle Frühlingszeiten bezüglich Erneuerung des Lebens, Frühlingsschauern und Schönheit im Grunde eins sind, so ist das Wesen der Sendung und des Wirkens aller Propheten ein und dasselbe.

Jetzt haben die Anhänger der Religionen die Wahrheit aus den Augen verloren, die dem geistigen Frühling zugrunde liegt.

Sie halten hartnäckig an den überlieferten Formen und Nachahmungen fest, und deswegen gibt es zwischen ihnen Meinungsverschiedenheiten, Unfrieden und heftige Auseinandersetzungen.

Deshalb müssen wir uns jetzt von diesen Nachahmungen abwenden und die Grundlage der göttlichen Lehren suchen; und da die Grundlage eine einzige Wahrheit ist, müssen die Gläubigen der verschiedenen Religionen sich darauf einigen, damit Liebe und Einheit zwischen allen Menschen und Konfessionen entstehen. Zu einer Zeit, als der Orient durch religiöse Zwietracht zerrissen war, erschien Bahá'u'lláh. Er stiftete Lehren, durch die die vielen sehr unterschiedlichen Völker vereint wurden. Er verkündete Grundsätze, die die Ursache ihrer Uneinigkeit beseitigten, und jene, die zuvor ständig Krieg führten, sind heute in Persien geeint. Christen, Muslime, Zoroastrier, Juden – Menschen jeden Glaubens und jeder Konfession, die den Lehren Bahá'u'lláhs gefolgt sind – sind zu vollkommener Gemeinschaft und geistiger Eintracht gelangt. Frühere Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten sind gänzlich verschwunden. Hier sind einige der Prinzipien der Lehre Bahá'u'lláhs: Erstens: Die Einheit der Menschheit muss anerkannt und umgesetzt werden. Alle Menschen sind die Diener Gottes. Er hat alle erschaffen; Er ist der Versorger und Bewahrer; Er liebt alle. Warum sollten wir zueinander ungerecht sein, da Er doch so gerecht und gütig ist? Da Gott uns mit Leben beseelt hat, warum sollten wir einander den Tod bringen? Er hat uns getröstet, warum sollten wir Angst auslösen und Leid verursachen? Kann die Menschheit Pläne und Regeln ersinnen, die besser als die göttlichen und ihnen überlegen sind? So fähig der Mensch auch sein mag, Pläne zu schmieden und Absichten zu verwirklichen, ist doch gewiss, dass seine Anstrengungen im Vergleich zum göttlichen Plan und den göttlichen Absichten völlig ungenügend sind, denn der Ratschluss Gottes ist vollkommen. Daher müssen wir dem Willen und Plan Gottes folgen. Weil Er zu allen gütig ist, müssen wir es auch sein, und das wird Gott sicherlich höchst wohlgefällig sein. Zweitens muss nach Wahrheit geforscht werden; denn die Wahrheit ist eine einzige, und wenn man sie erforscht, werden alle die Liebe und Einheit entdecken. Die Unwissenden müssen erzogen werden, die Kranken müssen geheilt werden, die schwach Entwickelten müssen zur Reife geführt werden. Sollen wir die Unwissenden, Kranken oder Unreifen wegen ihrer Schwäche zurückweisen oder ablehnen? Ist es nicht besser, freundlich und sanft zu sein und für das Heilmittel zu sorgen? Unter gar keinen Umständen sollten wir daher eine andere Haltung einnehmen als die der Güte und Demut. Drittens: Die Religion steht im Einklang mit der Wissenschaft. Die grundlegenden Lehren der Propheten entsprechen wissenschaftlichen Prinzipien, aber die Bräuche und Nachahmungen, die sich innerhalb der Religionen entwickelt haben, widersprechen der Wissenschaft. Wenn Religion nicht mit der Wissenschaft im Einklang steht, ist sie Aberglaube und Unwissenheit, denn Gott hat den Menschen mit Vernunft ausgestattet, damit er die Wahrheit erkennen kann. Die Grundlagen der Religion sind sinnvoll und vernünftig. Gott hat uns mit Vernunft begabt, um diese Grundlagen zu erkennen und zu verstehen. Wenn sie der Wissenschaft und Vernunft widersprechen, wie könnte man an sie glauben und ihnen folgen? Viertens:

Die Religion muss zu Liebe und Einheit zwischen den Menschen führen; denn wenn die Religion zur Ursache von Feindseligkeit und Streit wird, wäre ihr Nichtvorhandensein vorzuziehen.

Als Moses erschien, waren die von den Pharaonen gefangengehaltenen Stämme Israels gespalten.

Moses führte sie zusammen und das göttliche Gesetz stiftete Gemeinschaft unter ihnen.

Sie wurden zu einem Volk, geeint und gefestigt; dann wurden sie aus der Knechtschaft befreit.

Sie zogen ins gelobte Land, machten in jeder Hinsicht Fortschritte, entwickelten Wissenschaften und Künste, kamen auf materiellem Gebiet voran und erstarkten in der göttlichen oder geistigen Kultur, bis ihr Volk unter der Herrschaft Salomos seinen Entwicklungshöhepunkt erreichte.

Damit wird deutlich, dass Religion Einheit, Gemeinschaft und Fortschritt unter den Menschen bewirkt.

Die Aufgabe eines Hirten ist, die Schafe zusammenzuscharen, und nicht, sie zu zerstreuen.

Dann erschien Christus.

Er einte die verschiedenen und voneinander abweichenden Glaubensbekenntnisse und die kriegerischen Völker Seiner Zeit.

Er brachte Griechen und Römer zusammen, versöhnte Ägypter und Assyrer, Chaldäer und Phönizier.

Christus schuf Einheit und Eintracht unter den Menschen dieser verfeindeten und sich bekriegenden Völker.

So wird einmal mehr deutlich, dass der Zweck der Religion Frieden und Harmonie ist.

Ähnlich erschien Muḥammad zu einer Zeit, als die Völker und Stämme Arabiens uneins waren und sich ständig im Kriegszustand befanden.

Sie töteten einander, plünderten und verschleppten Frauen und Kinder.

Muḥammad einte diese gewalttätigen Stämme und schuf eine gemeinsame Grundlage für sie, sodass sie von ihren Kriegen gegeneinander völlig abließen und stattdessen Gemeinschaften gründeten.

Das Ergebnis war, dass sich die arabischen Stämme vom persischen Joch und von der römischen Herrschaft befreiten und ein unabhängiges Staatswesen schufen, das zu einer hohen Kulturstufe aufstieg, Fortschritte in Handwerkskunst und Wissenschaft machte, die Herrschaft der Sarazenen weit westwärts bis Spanien und Andalusien ausdehnte und in der ganzen Welt berühmt wurde.

Somit ist einmal mehr bewiesen, dass die Religion Gottes die Ursache für Fortschritt und Zusammenhalt sein soll, nicht für Feindschaft und Zerfall.

Wenn sie zur Ursache von Hass und Kampf wird, ist ihr Nichtvorhandensein zu bevorzugen.

Ihr Zweck ist Einheit, und ihre Grundlagen sind eins. Als Bahá'u'lláh in Persien erschien, spalteten gewalttätige Auseinandersetzungen und Hass die Völker und Stämme dieses Landes. Sie kamen nur zusammen, um gegeneinander Krieg zu führen; sie hätten weder dasselbe Essen gegessen noch vom selben Wasser getrunken; Gemeinschaft und Umgang miteinander waren unmöglich. Bahá'u'lláh stiftete die Einheit der Menschheit bei diesen Menschen und verband ihre Herzen mit solchen Banden der Liebe, dass sie völlig geeint wurden. Er stellte die Grundlagen der Offenbarungen wieder her; Er reformierte und erneuerte die Grundlagen, die von den Ihm vorangegangenen Gesandten Gottes gelegt worden waren. Und jetzt werden hoffentlich der Osten und der Westen durch Sein Leben und Seine Lehren so vereint werden, dass von Feindschaft, Streit und Zwietracht keine Spur übrig bleibt.

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19. Mai 1912 Ansprache in der Brotherhood Church Bergen and Fairview Avenues, Jersey City, New Jersey Aufzeichnungen von Esther Foster Da diese Kirche Bruderschaftskirche genannt wird, möchte ich über die Brüderlichkeit der Menschheit sprechen. Der Menschheit liegt vollkommene Brüderlichkeit zugrunde, denn alle sind Diener des einen Gottes und gehören zu einer einzigen Familie, die unter dem Schutz der göttlichen Vorsehung steht. Dieses Band der Brüderlichkeit existiert in der Menschheit, weil alle vernunftbegabte Wesen sind, erschaffen im Reich des evolutionären Wachstums. In der Menschheit gibt es ein Potenzial für Brüderlichkeit, weil alle auf dieser Erdkugel unter dem einen himmlischen Baldachin wohnen. Brüderlichkeit ist in der Menschheit angelegt, denn alle sind Teil einer einzigen menschlichen Gesellschaft, die auf Einigung und Zusammenarbeit angewiesen ist. Für die Menschheit ist Brüderlichkeit vorgesehen, weil alle Menschen Wellen eines einzigen Meeres, Blätter und Früchte eines einzigen Baumes sind. Das ist die Gemeinschaft auf stofflicher Ebene, die für materielles Wohlergehen in der Menschenwelt sorgt. Je stärker sie wird, desto weiter schreitet die Menschheit voran und der Horizont materieller Entwicklung weitet sich. Die wahre Brüderlichkeit hingegen ist geistig, denn die körperliche Brüderlichkeit kann sich auflösen. Die Kriege der äußeren Daseinswelt spalten die Menschheit, aber in der ewigen Welt geistiger Brüderlichkeit gibt es keine Trennung. Materielle oder körperliche Verbindungen beruhen auf irdischen Interessen, aber göttliche Verbundenheit verdankt ihr Dasein dem Odem des Heiligen Geistes. Geistige Brüderlichkeit kann mit dem Licht verglichen werden, während die Seelen der Menschen wie Laternen sind. Hier sind viele leuchtende Lampen, aber das Licht ist eines. Zu einer Zeit, als Brüderlichkeit im Orient nicht einmal auf körperlicher Ebene existierte, erschien Bahá'u'lláh.

Zunächst legte Er die Prinzipien der Brüderlichkeit auf körperlicher Ebene dar, und danach stiftete Er geistige Brüderlichkeit.

Er hauchte den Ländern des Orients einen solchen Geist ein, dass viele Völker und einander bekriegende Stämme zu einer Einheit verschmolzen.

Ihr Können und Wollen wurden eins, ihre Absichten eine Absicht, ihre Wünsche ein Wunsch, in einem solchen Ausmaß, dass sie sich füreinander opferten und auf Ansehen, Besitz und Bequemlichkeit verzichteten.

Ihre Gemeinschaft wurde unauflöslich.

Das ist die ewige, geistige Gemeinschaft, die himmlische und göttliche Bruderschaft, die sich der Auflösung widersetzt.

Materielle Zivilisation kommt durch den äußerlichen Zusammenschluss der Menschheit voran.

Der Fortschritt, den ihr in der Außenwelt beobachtet, beruht hauptsächlich auf der Bruderschaft in Bezug auf materielle Interessen.

Ohne diese materielle und gedankliche Verbindung hätte sich die Kultur kaum fortentwickelt.

Nun ist gottlob die unauflösliche geistige Verbindung offensichtlich; daher ist es sicher, dass die göttliche Kultur ins Leben gerufen wurde und die Welt sich geistig fortentwickeln und vorankommen wird.

In diesem strahlenden Jahrhundert werden göttliches Wissen, Barmherzigkeit und geistige Tugenden die höchste Entwicklungsstufe erreichen.

In Persien wurden ihre Spuren sichtbar.

Manche Menschen haben eine solche Stufe erreicht, dass sie Leben und Besitz füreinander opferten.

Ihre geistige Wahrnehmung hat sich entfaltet; ihr Verstand wurde belebt; ihre Seelen wurden erweckt.

Es hat sich ein Höchstmaß an Liebe gezeigt.

Darum hoffe ich, dass geistige Brüderlichkeit den Osten und den Westen vereinen und zur vollständigen Beseitigung des Krieges zwischen Menschen führen wird.

Möge sie die einzelnen Mitglieder der Menschheitsfamilie verbinden und zur Ursache der Entwicklung von Geist und Verstand und der Erleuchtung der Herzen werden und es ermöglichen, dass himmlische Gaben uns von allen Seiten umgeben.

Möge geistige Empfänglichkeit für die frohen Botschaften die Herzen erglühen lassen.

Möge geistige Brüderlichkeit zu Wiedergeburt und Erneuerung führen, denn ihre schöpferische Belebung entspringt dem Odem des Heiligen Geistes und wird durch die Macht Gottes erschaffen.

Sicherlich ist das durch die göttliche Kraft des Heiligen Geistes Erschaffene dauerhaft stark und anhaltend in seiner Wirkung. Weltliche Bruderschaft kann Krieg weder verhindern noch beseitigen; sie löst die Unstimmigkeiten zwischen den Menschen nicht auf.

Aber geistige Gemeinschaft zerstört die eigentliche Ursache des Krieges, beseitigt alle Unstimmigkeiten, verkündet die Einheit der Menschheit, erfüllt die Menschenwelt mit neuem Leben, veranlasst die Herzen, sich dem Reich Gottes zuzuwenden, und tauft die Seelen mit dem Heiligen Geist.

Durch diese göttliche Bruderschaft wird die materielle Welt hell im göttlichen Licht erstrahlen, wird der Spiegel des Irdischen sein Licht vom Himmel empfangen und Gerechtigkeit in der Welt herrschen, sodass keine Spur von Finsternis, Hass und Feindschaft mehr sichtbar sein wird.

Die Menschheit wird Sicherheit und Geborgenheit finden, die Prophetenschaft aller Gottesboten wird anerkannt werden, Zion wird jubeln und tanzen, Jerusalem wird frohlocken, die mosaische Flamme wird entzündet werden, das messianische Licht wird scheinen, die Welt wird eine andere Welt werden und die Menschheit wird neue Kräfte erhalten.

Das ist die größte göttliche Gabe; das ist der Glanz des Reiches Gottes; das ist der Tag der Erleuchtung; das ist das gnadenvolle Jahrhundert.

Wir müssen diese Dinge schätzen und uns darum bemühen, dass der sehnlichste Wunsch der Propheten sich jetzt erfülle und alle frohen Botschaften umgesetzt werden.

Vertrauen Sie auf Gottes Unterstützung.

Schauen Sie nicht auf Ihre eigenen Fähigkeiten, denn die göttlichen Gaben können einen Tropfen in einen Ozean verwandeln; sie können einen winzigen Samen zu einem hochaufragenden Baum heranwachsen lassen.

Fürwahr, göttliche Gnadengaben sind wie das Meer, und wir sind die Fische in diesem Meer.

Die Fische dürfen nicht auf sich selbst schauen; sie müssen auf den Ozean schauen, der weit und wunderbar ist.

In diesem Ozean ist für alle gesorgt; deshalb umgeben die göttlichen Gaben alle und ewige Liebe scheint auf alle. Es wurde die Frage gestellt:

Wird der geistige Fortschritt der Welt in Zukunft dem materiellen Fortschritt entsprechen und mit ihm Schritt halten?

Das volle Ausmaß der Entwicklung eines lebendigen Organismus ist bei seiner Empfängnis oder seiner Geburt weder erkennbar noch vorhersehbar.

Entwicklung und Fortschritt vollziehen sich schrittweise und in Stufen.

Zum Beispiel kann geistige Entwicklung mit dem Licht der frühen Morgendämmerung verglichen werden.

Obwohl dieses Dämmerlicht schwach und blass ist, kann ein weiser Mann, der den Sonnenaufgang vom ersten Beginn an betrachtet, den Aufstieg der Sonne zu ihrer vollen, glänzenden Pracht vorhersagen.

Er weiß mit Sicherheit, dass dies der Beginn ihres Erscheinens ist und sie später große Kraft und Macht besitzen wird.

Wenn er, um ein anderes Beispiel zu nehmen, einen Samen nimmt und beobachtet, wie er sprießt, dann weiß er gewiss, dass dieser schließlich zu einem Baum heranwächst.

Jetzt stehen wir am Beginn der Entfaltung der geistigen Kraft, und sie wird unweigerlich ein immer größeres Ausmaß an Stärke entwickeln.

Daher ist dieses zwanzigste Jahrhundert die Morgendämmerung, der Beginn der geistigen Erleuchtung, und es ist offensichtlich, dass sie Tag für Tag voranschreiten wird.

Sie wird einen solchen Grad erreichen, dass der Strahlenglanz des Geistigen den des Stofflichen übertreffen wird, sodass die Empfänglichkeit für das Göttliche den weltlichen Geist überwiegen und das himmlische Licht die irdische Finsternis auflösen und beseitigen wird.

Göttliche Heilung wird alle Schwierigkeiten lösen, und die Wolken der Gnade werden ihren Regen spenden.

Die Sonne der Wahrheit wird scheinen und die gesamte Erde wird sich in ihren schönen grünen Teppich kleiden.

Zu den Auswirkungen der Entfaltung geistiger Kräfte wird gehören, dass sich die Menschenwelt an eine neue Gesellschaftsform anpasst, die Gerechtigkeit Gottes in den menschlichen Angelegenheiten zum Ausdruck kommt und die Gleichberechtigung aller Menschen weltweit durchgesetzt wird.

Die Armen werden große Zuwendungen erhalten, und die Reichen ewiges Glück erlangen.

Denn obwohl sich die Reichen gegenwärtig des größten Luxus und Komforts erfreuen, sind sie dennoch des ewigen Glücks beraubt; denn ewiges Glück hängt vom Geben ab, und die Armen sind überall in einem Zustand bitterer Not.

Durch die Entfaltung der großen Gerechtigkeit Gottes werden die Armen der Welt belohnt und umfassend unterstützt und die wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschheit werden angepasst, sodass es in Zukunft weder abnorm reiche noch bitterarme Menschen geben wird.

Die Reichen wie die Armen werden sich gleichermaßen der Vorteile dieser neuen wirtschaftlichen Verhältnisse erfreuen, denn durch bestimmte Bestimmungen und Beschränkungen können die Reichen keinen derartig großen Reichtum ansammeln, dass sie durch dessen Verwaltung belastet werden, während die Armen von der Belastung durch Not und Elend befreit werden.

Der Reiche wird seinen Prachtbau genießen, und der Arme wird sein komfortables Häuschen haben. Das Wesentliche dabei ist, dass sich göttliche Gerechtigkeit in den Verhältnissen und Angelegenheiten der Menschen ausdrückt und die gesamte Menschheit Wohlergehen und Freude im Leben findet. Das bedeutet nicht, dass alle gleich sein werden, denn Ungleichheit bei Begabungen und Fähigkeiten ist ein Naturmerkmal. Es wird zwangsläufig vermögende Leute geben und auch solche, die ein knappes Auskommen haben, aber in der Gesellschaft als Ganzes wird es einen Ausgleich und eine Neuausrichtung von Wertvorstellungen und Interessen geben. In Zukunft wird es weder sehr Reiche noch extrem Arme geben. Es wird ein Gleichgewicht zwischen den Interessen bestehen, und es wird ein Zustand erreicht werden, in dem Reich und Arm sorgenfrei und zufrieden leben können. Das wird ein immerwährendes und gesegnetes Ergebnis des glorreichen zwanzigsten Jahrhunderts sein, das weltweit umgesetzt werden wird. Das bedeutet, dass sich die Verheißung großer Freude erfüllt, die in den Heiligen Schriften offenbart wurde. Erwarten Sie diese Erfüllung.

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20. Mai 1912 Ansprache beim Suffragettentreffen Metropolitan Temple Seventh Avenue and Fourteenth Street, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Heute sieht sich die Menschheit mit Fragen von größter Tragweite konfrontiert, Fragen, die charakteristisch für dieses strahlende Jahrhundert sind. In früheren Jahrhunderten kamen sie nicht einmal auf. Da dies das Jahrhundert der Erleuchtung, das Jahrhundert der Menschlichkeit, das Jahrhundert der göttlichen Gnadengaben ist, werden diese Fragen als Ausdruck der öffentlichen Meinung gestellt, und in allen Ländern der Erde werden sie erörtert und wird nach Lösungen gesucht. Eine dieser Fragen betrifft die Rechte der Frau und ihre Gleichberechtigung mit dem Mann.

Früher war man der Ansicht, Frauen und Männer seien nicht gleichwertig – das heißt, die Frau galt als dem Manne unterlegen, sogar im Hinblick auf ihre Anatomie und Erschaffung.

Insbesondere galt sie als weniger intelligent und ganz allgemein herrschte die Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass sie sich an wichtigen Angelegenheiten beteiligt.

In manchen Ländern gingen die Männer so weit, zu glauben und zu lehren, die Frau gehöre einer Ebene unterhalb der menschlichen an.

Aber in diesem Jahrhundert, dem Jahrhundert des Lichtes und der Offenbarung von Geheimnissen, beweist Gott der Menschheit hinreichend, dass dies alles Unwissenheit und Irrtum ist; nein, vielmehr steht fest, dass Mann und Frau als Teil der gesamten Menschheit gleichrangig sind und keine Unterschiede in der Wertschätzung zulässig sind, denn alle sind Menschen.

Die Missstände in vergangenen Jahrhunderten beruhten auf dem Mangel an Möglichkeiten für die Frau.

Ihr wurden das Recht und die Vorteile der Bildung versagt und sie konnte sich nicht entfalten.

Selbstverständlich konnte sie sich dadurch nicht entwickeln und kam nicht voran.

Gott aber hat die ganze Menschheit erschaffen, und in den Augen Gottes gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.

Wessen Herz rein ist, ist vor Seinen Augen annehmbar, sei es Mann oder Frau.

Gott fragt nicht:

»Bist du eine Frau oder bist du ein Mann?« Er beurteilt die Taten der Menschen.

Sind diese an der Schwelle des Allherrlichen annehmbar, werden Mann und Frau dafür in gleicher Weise anerkannt und belohnt. Die Bildung der Frau ist zudem notwendiger und wichtiger als die des Mannes, denn die Frau ist die Erzieherin des Kindes von Geburt an. Ist sie selbst fehlerbehaftet und voller Mängel, wird unausweichlich auch das Kind unzulänglich sein; die Mangelhaftigkeit der Frau führt zur Mangelhaftigkeit der ganzen Menschheit, denn die Mutter erzieht, versorgt und betreut das Kind, während es aufwächst. Das liegt nicht in der Verantwortung des Vaters. Ist der Erzieher unfähig, so wird der Heranwachsende entsprechende Mängel haben. Das ist offensichtlich und unbestreitbar. Kann der Schüler hervorragend gebildet sein, wenn der Lehrer ungelehrt und unwissend ist? Die Mütter sind die ersten Erzieherinnen der Menschheit; wenn sie unentwickelt sind, dann ist es schlimm um die Menschheit und ihre Zukunft bestellt. Wie gesagt, in der Geschichte hat sich gezeigt: Wenn die Frau nicht an der Gestaltung menschlicher Angelegenheiten beteiligt war, erreichten die Ergebnisse niemals den Zustand der Vollendung und Reife. Andererseits hat jedes einflussreiche Vorhaben der Menschenwelt, an dem die Frau beteiligt war, Bedeutung erlangt. Das ist historisch belegt und selbst in der Religion nicht zu widerlegen. Jesus Christus hatte zwölf Jünger und unter Seinen Anhängern eine Frau, die als Maria Magdalena bekannt ist. Judas Ischariot wurde zum Verräter und Heuchler, und nach der Kreuzigung waren die verbliebenen elf Jünger wankelmütig und unentschlossen. Die Evangelien bezeugen eindeutig, dass es Maria Magdalena war, die sie tröstete und ihren Glauben wiederherstellte. Die Menschheit besteht aus zwei Teilen: männlich und weiblich. Jeder ist die Ergänzung des anderen. Wenn daher ein Teil unentwickelt ist, wird der andere notwendigerweise unvollständig sein und Vervollkommnung kann nicht erreicht werden. Beim menschlichen Körper gibt es eine rechte und eine linke Hand, die funktionell gleiche Aufgaben übernehmen. Erweist sich eine von beiden als unentwickelt, so wird sich der Mangel natürlich auf die andere auswirken und die Vollständigkeit des Ganzen beeinträchtigen; denn sie können nicht normal arbeiten, solange nicht beide vollständig entwickelt sind. Wenn wir sagen, eine Hand sei unzulänglich, dann ist damit die Unfähigkeit und das Unvermögen der anderen Hand belegt; denn einhändig gibt es kein vollwertiges Ergebnis. So, wie ein körperliches Unterfangen nur mit zwei Händen gelingt, so müssen auch beide Teile des Gesellschaftskörpers, Mann und Frau, vollständig entwickelt sein. Es entspricht nicht der Natur, dass ein Teil unentwickelt bleibt. Erst wenn beide vervollkommnet sind, kann die Menschheit Glück finden. Das bedeutsamste Anliegen dieser Zeit ist der internationale Frieden und ein internationaler Schiedsgerichtshof, und der Weltfrieden ist ohne allgemeines Wahlrecht nicht erreichbar. Kinder werden von den Frauen erzogen. Die Mutter erduldet die Sorgen und Schwierigkeiten, die mit dem Aufziehen des Kindes verbunden sind, sie erträgt die Qualen seiner Geburt und die Mühsal bei seiner Erziehung. Daher ist es äußerst schwer für Mütter, diejenigen, die sie mit solcher Liebe und Fürsorge hegten, auf das Schlachtfeld zu schicken. Stellen Sie sich einen Sohn vor, der zwanzig Jahre lang von einer hingebungsvollen Mutter aufgezogen und herangebildet wurde. Wie viele schlaflose Nächte und rastlose, sorgenvolle Tage hat sie durchlebt! Nachdem sie ihn durch Gefahren und Schwierigkeiten bis zum Reifealter gebracht hat – welch eine Qual, ihn dann auf dem Schlachtfeld zu opfern! Daher werden die Mütter den Krieg weder billigen, noch sich mit ihm abfinden. Die Zeit wird kommen, in der die Frauen sich völlig gleichberechtigt an den Angelegenheiten der Welt beteiligen, selbstsicher und kompetent die große Bühne von Recht und Politik betreten, und dann wird der Krieg enden, denn die Frau wird sich ihm in den Weg stellen und ihn verhindern. Das ist wahr und daran gibt es keinen Zweifel. Einige haben eingewandt, die Frau sei in ihren Fähigkeiten dem Mann nicht ebenbürtig und schöpfungsbedingt unzulänglich.

Das ist reine Einbildung.

Die unterschiedliche Befähigung bei Mann und Frau beruht allein auf unterschiedlichen Chancen und Bildungsvoraussetzungen.

Bisher blieben der Frau das Recht und die Vorteile einer gleichberechtigten Entwicklung versagt.

Bekäme sie die gleichen Chancen, wäre sie dem Manne zweifellos ebenbürtig.

Das wird die Geschichte beweisen.

In früheren Zeitaltern haben sich namhafte Frauen für die Belange der Völker erhoben und damit die Leistungen der Männer übertroffen.

Zu ihnen gehörte Zenobia, die Königin des Ostens mit seiner Hauptstadt Palmyra.

Noch heute zeugen die Ruinen dieser Stadt von ihrer Größe, ihrer Befähigung und ihrer Hoheit; denn dort trifft der Reisende auf äußerst widerstandsfähige und stabile Palast- und Befestigungsruinen, die von dieser bemerkenswerten Frau im dritten Jahrhundert nach Christus erbaut wurden.

Sie war die Frau des Generalgouverneurs von Athen.

Nach dem Tode ihres Mannes übernahm sie an seiner Stelle die Herrschaft und regierte ihre Provinz äußerst effizient.

Danach eroberte sie Syrien, bezwang Ägypten und gründete mit politischer Klugheit und Geschick ein wunderbares Königreich.

Das Römische Reich schickte eine große Armee gegen sie aus.

Als diese Armee in kriegerischer Pracht Syrien erreichte, erschien Zenobia selbst auf dem Schlachtfeld und führte ihre Streitkräfte an.

Am Tag der Schlacht schmückte sie sich mit königlichem Ornat, setzte eine Krone auf ihr Haupt und ritt voran, das Schwert in der Hand, um den eindringenden Legionen entgegenzutreten.

Durch ihren Mut und ihre Militärstrategie wurde die römische Armee so weit auseinandergetrieben, dass sie sich im Rückzug nicht neu organisieren konnte.

Die römische Regierung beriet sich und sagte:

»Welchen Kommandeur wir auch immer einsetzen, wir können sie nicht besiegen; deshalb muss Kaiser Aurelian persönlich die Legionen Roms gegen Zenobia anführen.« Aurelian marschierte mit zweihunderttausend Soldaten in Syrien ein.

Zenobias Armee war erheblich kleiner.

Zwei Jahre lang belagerten die Römer sie erfolglos in Palmyra.

Schließlich gelang es Aurelian, den Nachschub für die Stadt abzuschneiden, sodass sie und ihr Volk sich ergeben mussten, um nicht zu verhungern.

Sie wurde nicht im Kampf besiegt.

Aurelian brachte sie als Gefangene nach Rom.

Am Tage seines Einzugs in die Stadt veranstaltete er einen Triumphzug – zuerst Elefanten, dann Löwen, Tiger, Vögel, Affen – und nach den Affen Zenobia.

Sie trug eine Krone auf ihrem Haupt und eine goldene Kette um ihren Hals.

Mit der Würde einer Königin, die Demütigung nicht beachtend, wandte sie sich nach links und rechts und sagte:

»Wahrlich, mein Ruhm liegt darin, dass ich als Frau dem römischen Imperium standgehalten habe.« (Zu jener Zeit umfasste das Herrschaftsgebiet Roms die Hälfte des bekannten Erdkreises.) »Und diese Kette um meinen Hals ist kein Zeichen der Demütigung, sondern der Verherrlichung.

Sie ist ein Symbol meiner Stärke, nicht meiner Niederlage.« Zu anderen Frauen, die in die Geschichte eingegangen sind, gehörte Katharina die Erste, die Gemahlin Peters des Großen. Russland und die Türkei befanden sich im Krieg. Der Befehlshaber der türkischen Streitkräfte, Muḥammad Páshá, besiegte Peter und stand kurz davor, St. Petersburg einzunehmen. Die Russen befanden sich in einer äußerst kritischen Lage. Katharina, die Gemahlin Peters des Großen, sagte: »Ich werde diese Angelegenheit regeln.« Sie hatte eine Unterredung mit Muḥammad Páshá, handelte einen Friedensvertrag aus und brachte ihn dazu, umzukehren. So rettete sie ihren Mann und ihr Volk. Das war eine großartige Leistung. Später wurde sie zur Kaiserin von Russland gekrönt und regierte mit Weisheit bis zu ihrem Tod. Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus erfolgte während der Herrschaft Isabellas von Spanien, auf deren Klugheit und Unterstützung dieses wunderbare Unternehmen weitgehend beruhte. Kurz gesagt, in der Weltgeschichte gab es viele bemerkenswerte Frauen, aber eine weitere Aufzählung ist nicht erforderlich. Heute gibt es unter den Bahá'í in Persien viele Frauen, die der Stolz der Männer sind und von ihnen geradezu beneidet werden. Sie sind durchdrungen von allen menschlichen Tugenden und Vortrefflichkeiten. Sie sind sprachgewandt; sie sind Dichterinnen und Gelehrte und verkörpern die Quintessenz der Demut. An politischen Fähigkeiten und Scharfsinn können sie es mit maßgeblichen Männern aufnehmen und mit ihnen wetteifern. Sie opfern ihr Leben im Martyrium für die Menschheit und geben ihren Besitz dafür hin; die Erinnerung an ihren Ruhm wird ewig währen. Die Berichte über das Leben dieser Frauen schmücken die Geschichte Persiens. Kurz, dies soll deutlich machen, dass die Frau, sofern sie umfassend gebildet ist und all ihre Rechte erhält, die Fähigkeit zu wunderbaren Leistungen entwickeln und sich dem Mann als ebenbürtig erweisen wird. Sie ist die Partnerin des Mannes, seine Ergänzung und Gefährtin. Beide sind Menschen; beide sind mit Verstandeskraft ausgestattet und beide verkörpern die Tugenden der Menschheit. In allem menschlichen Können und Wirken sind sie ebenbürtige Partner. Gegenwärtig kann die Frau in den menschlichen Tätigkeitsbereichen ihre angeborenen Vorzüge nicht zum Ausdruck bringen, da es ihr an Bildung und Möglichkeiten mangelt. Zweifellos werden Erziehung und Bildung der Frau ihre Gleichberechtigung mit dem Mann durchsetzen. Schauen Sie auf das Tierreich, in dem kein Unterschied zwischen männlich und weiblich zu erkennen ist. Sie sind gleich an Fähigkeiten und Rechten. Bei den Vögeln in der Luft ist kein Unterschied festzustellen. Ihre Fähigkeiten sind gleich; sie leben in vollkommener Einheit und wechselseitiger Anerkennung ihrer Rechte zusammen. Sollten wir uns nicht entsprechender Gleichheit erfreuen? Ihr Fehlen bekommt der Menschheit nicht gut.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Cambridge und Boston

22. bis 25. Mai 1912

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22. Mai 1912 Ansprache im Tremont-Tempel auf der Konferenz der Unitarier in Boston, Massachusetts Nach einer stenografischen Mitschrift Die Schöpfung ist der sichtbare Ausdruck von Bewegung. Bewegung ist Leben. Was sich bewegt, lebt, wohingegen alles Bewegungslose und Träge wie tot ist. Angetrieben vom Geist und den Kräften des Lebens entwickelt sich alles Erschaffene auf seiner jeweiligen Daseinsebene, in seinem Lebensbereich. Die allgegenwärtige Lebenskraft wirkt dynamisch. Nichts verharrt unveränderlich, weder in der stofflichen Welt der äußeren Erscheinung noch in der inneren Welt des Verstandes und des Bewusstseins. Religion ist der äußere Ausdruck der göttlichen Wahrheit.

Deshalb muss sie lebendig, kraftvoll, in Bewegung und fortschrittlich sein.

Ohne Bewegung und Fortschritt fehlt ihr die göttliche Lebenskraft und sie ist tot.

Die göttlichen Grundlehren sind fortwährend wirksam und entwickeln sich weiter, darum muss ihre Offenbarung beständig voranschreiten.

Alle Dinge unterliegen der Weiterentwicklung.

Dies ist ein Jahrhundert des Lebens und der Erneuerung.

Wissenschaften und Künste, Industrie und Erfindungen wurden weiterentwickelt.

Recht und Ethik wurden wiederhergestellt und umgestaltet.

Die Welt des Denkens wurde erneuert.

Wissenschaften früherer Zeiten und Philosophien der Vergangenheit sind heute nutzlos.

Die heutigen Anforderungen verlangen neue Lösungsmethoden; für die Probleme dieser Welt gibt es keine Musterbeispiele.

Alte Ideen und Denkweisen sind schnell überholt.

Altertümliche Gesetze und archaische Ethiksysteme werden den Anforderungen heutiger Lebensumstände nicht mehr gerecht; denn dies ist eindeutig das Jahrhundert eines von Grund auf neuen Lebens, das Jahrhundert der Offenbarung der Wahrheit und darum das größte aller Jahrhunderte.

Man denke nur daran, wie die wissenschaftliche Entwicklung der letzten fünfzig Jahre das gesamte Wissen und die Errungenschaften aller früheren Zeiten übertroffen und in den Schatten gestellt hat.

Können die Aussagen und Theorien der früheren Astronomen unser heutiges Wissen über die Sonnen und die Planetensysteme erklären?

Kann die Finsternis, die das Mittelalter einhüllte, dem Bedarf an klarer Einsicht und tiefem Verstehen genügen, der die Welt von heute auszeichnet?

Kann die Willkürherrschaft früherer Regierungen die Forderung nach Freiheit erfüllen, die sich in diesem Zyklus der Erleuchtung im Herzen der Menschheit erhoben hat?

Es ist offensichtlich, dass den Sitten, Bräuchen und Standpunkten der Vergangenheit heute keine wesentlichen Fortschritte mehr entspringen.

In diesem Licht betrachtet stellt sich die Frage:

Soll dennoch weiterhin die blinde Nachahmung überlieferter Gebräuche und theologischer Auslegungen das religiöse Leben und die geistige Entwicklung der heutigen Menschheit lenken und beherrschen?

Soll der Mensch, der doch mit der Kraft des Verstandes begabt ist, gedankenlos Dogmen, Glaubenssätzen und Überlieferungen folgen und anhaften, die der Prüfung durch die Vernunft in diesem vom Licht der Wahrheit erleuchteten Jahrhundert nicht standhalten?

Fraglos wird das die Wissenschaftler nicht zufriedenstellen; denn wenn sie feststellen, dass eine Vorannahme oder eine Schlussfolgerung dem heutigen Standard der Beweisführung widerspricht oder einer wahren Grundlage entbehrt, dann weisen sie früher übliche Standards zurück, korrigieren sie und gehen von neuen Grundlagen aus. Die göttlichen Propheten haben die Religion offenbart und gestiftet. Sie haben bestimmte Gesetze und himmlische Richtlinien als Führung für die Menschheit festgelegt. Sie haben die Erkenntnis Gottes gelehrt und verbreitet, lobenswerte ethische Ideale eingesetzt und der Menschenwelt höchste Tugendmaßstäbe eingeprägt. Allmählich wurden diese himmlischen Lehren, diese Grundlagen der Wahrheit, durch menschliche Auslegung und dogmatische Nachahmung der überlieferten Glaubensinhalte verdunkelt. Diese wesentlichen Wahrheiten, um deren Verankerung in den Herzen und Köpfen der Menschen sich die Propheten so sehr mühten, für die Sie Leiden ertrugen und Qualen der Verfolgung erlitten, sind heute beinahe verschwunden. Einige dieser himmlischen Boten wurden getötet, einige ins Gefängnis geworfen. Sie alle wurden verachtet und abgelehnt, obwohl Sie die göttliche Wahrheit verkündeten. Bald nach Ihrem Hinscheiden aus dieser Welt verlor man die wesentliche Wahrheit Ihrer Lehren aus den Augen und hielt sich an dogmatischen Nachahmungen fest. Weil menschliche Auslegungen und blinde Nachahmungen weit voneinander abweichen, kam es zwischen den Menschen zu religiösem Streit und Uneinigkeit; das Licht wahrer Religion wurde ausgelöscht und die Einheit der Menschenwelt zerstört. Die Propheten Gottes haben den Geist der Einheit und Eintracht verkündet. Sie waren die Stifter der göttlichen Wahrheit. Wenn also die Völker der Welt ihre Nachahmungen aufgeben und die dem offenbarten Wort Gottes zugrunde liegende Wahrheit erforschen, werden sie sich einigen und versöhnen. Denn es gibt nur eine einzige Wahrheit, nicht mehrere. Die Völker und Religionen sind tief in blinden und scheinheiligen Nachahmungen eingetaucht. Ein Mann ist Jude, weil sein Vater Jude war. Ein Muslim folgt stillschweigend den Überzeugungen und Bräuchen seiner Vorfahren. Ein Buddhist ist seinem buddhistischen Erbe treu. Das heißt, sie bekennen ihren religiösen Glauben blindlings und ohne eigenes Forschen und machen dadurch Einheit und Eintracht unmöglich. Es ist also offensichtlich, dass dieser Zustand ohne eine Erneuerung im Bereich der Religion nicht geheilt werden kann. Mit anderen Worten: Die grundlegende Wahrheit der göttlichen Religionen muss erneuert, reformiert und der Menschheit neu verkündet werden. Aus dem Samen der Wahrheit wuchs die Religion zu einem Baum heran, der Blätter und Zweige, Blüten und Früchte hervorbrachte.

Nach einer gewissen Zeit verfaulte dieser Baum.

Blätter und Blüten welkten und fielen ab; der Baum wurde krank und trug keine Früchte mehr.

Es wäre unvernünftig, wollte sich der Mensch an diesen alten Baum klammern und behaupten, dessen Lebenskräfte seien ungebrochen, seine Früchte ohnegleichen, sein Dasein ewig.

Der Same der Wahrheit muss erneut in die Herzen der Menschen gesät werden, damit daraus ein neuer Baum wachsen kann und neue göttliche Früchte die Welt erquicken.

Dadurch werden die Nationen und Völker, die heute noch unterschiedlichen Religionen anhängen, zur Einheit geführt, bloße Nachahmungen werden aufgegeben und in der Wahrheit selbst wird eine weltweite Gemeinschaft entstehen.

Krieg und Streit unter den Menschen werden aufhören; alle werden als Diener Gottes miteinander versöhnt werden.

Denn alle werden vom Baum Seiner Vorsehung und Gnade beschirmt.

Gott ist gütig zu allen; Er schenkt allen gleichermaßen Seine Gnadengaben – wie Jesus Christus sagte:

Gott »lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte«.

Das heißt, die Barmherzigkeit Gottes ist allumfassend.

Die ganze Menschheit steht unter dem Schutz Seiner Liebe und Gunst; allen hat Er den Weg der Führung und des Fortschritts gewiesen.

Fortschritt ist von zweierlei Art: materiell und geistig.

Ersterer wird durch die Beobachtung des äußeren Daseins erreicht und ist die Grundlage der Zivilisation.

Geistiger Fortschritt wird durch den Odem des Heiligen Geistes bewirkt; er erweckt das Bewusstsein des Menschen, damit dieser die Wirklichkeit des Göttlichen erkennt.

Materieller Fortschritt gewährleistet das Glück der Menschenwelt.

Geistiger Fortschritt gewährleistet das Glück und das ewige Leben der Seele.

Die Propheten Gottes haben die Gesetze der göttlichen Kultur gestiftet.

Sie waren Wurzel und Urquell aller Erkenntnis.

Sie haben die Grundsätze menschlicher Gemeinschaft und Vereinigung festgeschrieben, die sich in verschiedenen Bereichen zeigen, wie in der Vereinigung von Menschen einer Familie, einer Ethnie, eines Volkes und ethischer Beweggründe.

Diese Formen der Vereinigung, diese Bande der Gemeinschaft bieten nur vorübergehende und vergängliche Bindungen.

Sie verbürgen keine Harmonie und führen gewöhnlich zu Spannungen.

Sie verhindern keinen Krieg und Streit; im Gegenteil, sie sind selbstsüchtige, beschränkte und ergiebige Ursachen von Feindschaft und Hass zwischen den Menschen.

Die geistige Gemeinschaft jedoch, die durch den Odem des Heiligen Geistes gestiftet und gebildet wird, vereint die Völker und beseitigt die Ursache von Krieg und Streit.

Sie verwandelt die Menschheit in eine große Familie und schafft die Grundlagen für ihre Einheit.

Sie verbreitet den Geist internationaler Verständigung und sichert den Weltfrieden.

Deshalb müssen wir die Grundlage dieser himmlischen Verbrüderung erforschen.

Wir müssen alle Nachahmungen aufgeben und die Wahrheit der göttlichen Lehren verbreiten.

In Übereinstimmung mit diesen Grundsätzen und Handlungen wird mit der Hilfe des Heiligen Geistes materielles ebenso wie geistiges Glück verwirklicht werden.

Solange nicht alle Nationen und Völker durch die Bande des Heiligen Geistes in dieser wahren Vereinigung verbunden werden, solange nationale und internationale Vorurteile nicht durch die Verwirklichung dieser geistigen Gemeinschaft ausgelöscht werden, können die Menschen keinen wahren Fortschritt, keinen Wohlstand und kein dauerhaftes Glück erlangen.

Dies ist das Jahrhundert einer neuen und weltweiten Völkergemeinschaft.

In Wissenschaft und Technik wurden Fortschritte erzielt; die Politik wurde reformiert; Freiheit wurde ausgerufen; Gerechtigkeit erwacht.

Dies ist das Jahrhundert der Bewegung, des göttlichen Ansporns und der Erfüllung, das Jahrhundert menschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls und selbstlosen Dienstes, das Jahrhundert des Weltfriedens und der Wirklichkeit des Reiches Gottes.

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23. Mai 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Francis W. Breed 367 Harvard Street, Cambridge, Massachusetts Nach einer stenografischen Mitschrift Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die höchste Errungenschaft auf der menschlichen Ebene, denn die Wissenschaft erschließt die Wirklichkeit. Sie sind von zweierlei Art: materiell und geistig. Die materielle Wissenschaft befasst sich mit der Untersuchung von Naturphänomenen; göttliche Wissenschaft enthüllt und erkennt geistige Wahrheiten. Die Menschenwelt muss sich beide aneignen. Ein Vogel hat zwei Schwingen; mit einer allein kann er nicht fliegen. Materielle und geistige Wissenschaft sind die beiden Schwingen, den Menschen zu erheben und ihn zum Erfolg zu führen. Beide sind notwendig – die eine ist natürlich, die andere übernatürlich; die eine ist materiell, die andere göttlich. Mit göttlicher Wissenschaft ist die Entdeckung der Geheimnisse Gottes gemeint, das Verstehen geistiger Wirklichkeiten, die Weisheit Gottes, die inneren Bedeutungen der himmlischen Religionen und die Grundlage des Gesetzes. Heute ist der 23. Mai, der Jahrestag der Verkündigung des Báb. Es ist ein gesegneter Tag, der Anbruch der Offenbarung, denn das Erscheinen des Báb war das Frühlicht des wahren Morgens, während mit der Offenbarung der Gesegneten Schönheit Bahá'u'lláh die strahlende Sonne selbst erschien. Darum ist es ein gesegneter Tag, der Beginn himmlischer Freigebigkeit und göttlichen Glanzes. An diesem Tag im Jahr 1844 wurde der Báb ausgesandt, das Reich Gottes anzukündigen und auszurufen, die frohe Botschaft des Kommens Bahá'u'lláhs zu verkünden und dem Widerstand des gesamten persischen Volkes standzuhalten. Einige Perser folgten Ihm. Dafür erlitten sie die größten Schwierigkeiten und schwersten Qualen. Sie hielten diesen Prüfungen mit wundersamer Kraft und größtem Heldenmut stand. Tausende wurden ins Gefängnis geworfen, geschunden, gequält und erlitten den Märtyrertod. Ihre Häuser wurden geplündert und zerstört, ihre Besitztümer beschlagnahmt. Bereitwillig opferten sie ihr Leben und bis ans Ende blieben sie unerschütterlich in ihrem Glauben. Diese wunderbaren Seelen sind die Leuchten Gottes, die Sterne der Heiligkeit, die ruhmreich vom ewigen Horizont des Willens Gottes scheinen. Der Báb war in Shíráz, wo Er zuerst Seinen Auftrag und Seine Botschaft verkündete, bitterer Verfolgung ausgesetzt. Eine Hungersnot traf diese Gegend schwer, und der Báb reiste nach Iṣfahán. Dort erhoben sich die Gelehrten äußerst feindselig gegen Ihn. Er wurde verhaftet und nach Tabríz geschickt. Von dort wurde Er nach Máh-Kú überführt und schließlich in der Festung von Chihríq inhaftiert. In Tabríz starb Er schließlich den Märtyrertod. Das ist nur eine Kurzfassung der Geschichte des Báb. Er hielt allen Verfolgungen stand und ertrug alles Leid und jede Pein mit unbeirrbarer Stärke. Je mehr Seine Feinde danach trachteten, diese Flamme auszulöschen, desto heller erstrahlte sie. Tag für Tag verbreitete sich Seine Sache und gewann an Stärke. Während Seiner Zeit unter den Menschen kündigte Er immer wieder das Kommen Bahá'u'lláhs an. In all Seinen Büchern und Sendschreiben erwähnte Er Bahá'u'lláh, verkündete die frohe Botschaft Seiner Offenbarung und prophezeite, dass Er sich im neunten Jahr offenbaren werde. Er sagte, im neunten Jahr »werdet ihr alles Glück erreichen«. Im neunten Jahr »werdet ihr gesegnet durch die Begegnung mit dem Verheißenen, von Dem ich gesprochen habe.« Er sprach von der Gesegneten Vollkommenheit Bahá'u'lláh als »Er, Den Gott offenbaren wird«. Kurzum, diese gesegnete Seele opferte Ihr gesamtes Leben auf dem Pfad Bahá'u'lláhs, so wie es in historischen Schriften und Aufzeichnungen festgehalten ist. In Seinem ersten Buch »Die Beste aller Geschichten« sagt Er: »O Du Spur Gottes! Ich habe mich ganz für Dich geopfert. Ich habe um Deinetwillen Verfluchungen auf mich genommen. Ich ersehne nichts als den Märtyrertod auf dem Pfad Deiner Liebe. Gott, der Allhöchste, genügt als ewiger Schutz.« Denkt darüber nach, wie der Báb Prüfungen und Schwierigkeiten ertrug, wie Er Sein Leben für die Sache Gottes hingab, wie Er von der Liebe der Gesegneten Schönheit Bahá'u'lláh angezogen war und wie Er die frohe Botschaft Seiner Offenbarung verkündete. Wir müssen Seinem himmlischen Beispiel folgen; wir müssen aufopferungsvoll sein und im Feuer der Liebe Gottes erglühen. Wir müssen die Freigebigkeit und Gnade des Herrn in uns aufnehmen, denn der Báb hat uns aufgefordert, uns zum Dienst an der Sache Gottes zu erheben, am Tag der Gesegneten Vollkommenheit Bahá'u'lláh von allem außer Gott vollkommen losgelöst zu sein, in jeder Hinsicht von der Liebe zu Bahá'u'lláh angezogen zu sein, die ganze Menschheit um Seinetwillen zu lieben, um Seinetwillen nachsichtig und barmherzig mit allen zu sein und die Einheit der Menschheit aufzubauen. Deshalb ist dieser Tag, der 23. Mai, der Jahrestag eines gesegneten Ereignisses.

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25. Mai 1912 Huntington Chambers Boston, Massachusetts Nach einer stenografischen Mitschrift Ich verlasse eure Stadt, aber mein Herz bleibt bei euch. Mein Geist wird hier sein; ich werde euch nicht vergessen. Ich erbitte für euch Beistand aus dem Königreich Bahá'u'lláhs. Ich bete dafür, dass eure geistige Empfänglichkeit stetig wachsen möge, dass ihr Tag für Tag strahlender werdet und Gott näher kommt, bis ihr zu Werkzeugen für die Erleuchtung der Menschenwelt werdet. Möget ihr auf diese Weise aus dem Reiche Gottes bestärkt werden. Das ist meine Hoffnung, das ist mein Gebet. In den Augen der Historiker entspricht dieses strahlende Jahrhundert hundert Jahrhunderten der Vergangenheit.

Vergleicht man die Entdeckungen, den wissenschaftlichen Fortschritt und die materielle Zivilisation dieses Jahrhunderts mit der Summe aller früheren menschlichen Errungenschaften, wird man feststellen, dass sie dem Fortschritt und den Erfolgen von hundert früheren Jahrhunderten gleichkommen, ja sie weit übertreffen.

Allein schon die Buchproduktion und die Literaturzusammenstellungen beweisen, dass der Ertrag menschlicher Geistestätigkeit in diesem Jahrhundert bedeutender war und größere Erkenntnisse brachte als alle vergangenen Jahrhunderte zusammen.

Es ist deshalb offensichtlich, dass dieses Jahrhundert von überragender Bedeutung ist.

Denkt über die wunderbaren Errungenschaften nach, die es schon jetzt auszeichnen:

Entdeckungen in allen Bereichen menschlicher Forschung.

Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, ethische Reformen und Bestimmungen zum Wohle der Menschheit, die Erforschung der Naturgeheimnisse, unsichtbare Kräfte, die sichtbar gemacht und beherrscht werden – eine wahre Wunderwelt neuer Phänomene und Zusammenhänge, die dem Menschen bisher unbekannt waren und die er nun nutzen und weiter erforschen kann.

Ost und West können unmittelbar kommunizieren.

Der Mensch kann sich in den Himmel aufschwingen oder in Meerestiefen hinabtauchen.

Die Dampfkraft hat die Kontinente verbunden.

Züge durchqueren die Wüsten und durchdringen die Bergbarrieren; Schiffe finden auf den weglosen Ozeanen zielsicher ihren Kurs.

Die Entdeckungen mehren sich von Tag zu Tag.

Welch ein wunderbares Jahrhundert!

Es ist ein Zeitalter umfassender Neuerungen.

Gesetze, Staatsverfassungen und Bürgerrechte werden allmählich verändert und umgestaltet.

Wissenschaften und Künste nehmen völlig neue Formen an.

Das Denken wandelt sich.

Die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft ändern sich und gewinnen an Kraft.

Heutzutage sind die Wissenschaften der Vergangenheit nutzlos.

Das ptolemäische System der Astronomie und zahllose andere Systeme und Theorien wissenschaftlicher und philosophischer Weltdeutung wurden verworfen und als falsch und wertlos erkannt.

Die bisherigen ethischen Grundsätze und Prinzipien lassen sich nicht auf die Bedürfnisse der modernen Welt anwenden.

Überlegungen und Theorien vergangener Epochen fruchten nicht mehr.

Throne und Regierungen bröckeln und stürzen.

Alle Bedingungen und Anforderungen der Vergangenheit, die für die heutige Zeit ungeeignet und unzureichend sind, werden radikal umgestaltet.

Es ist deshalb klar, dass verfälschte und scheinbar religiöse Lehren, veraltete Glaubensformen und überkommene Nachahmungen, die den Grundlagen der göttlichen Wahrheit widersprechen, ebenfalls vergehen und erneuert werden müssen.

Sie müssen aufgegeben und neue Gegebenheiten müssen anerkannt werden.

Die Ethik der Menschen muss sich wandeln.

Für die menschlichen Probleme müssen neue Heilmittel und neue Lösungen angenommen werden.

Der menschliche Verstand selbst muss sich verändern und umfassend erneuern.

So, wie die Überlegungen und Hypothesen vergangener Zeiten heute nicht mehr fruchten, so sind auch die von Menschen erdachten religiösen Dogmen und Vorschriften überholt und nutzlos.

Nein, sie sind sogar die Ursache für Feindschaft und Streit zwischen den Menschen; Krieg und Blutvergießen gehen von ihnen aus, und die Einheit der Menschheit wird bei ihrer Befolgung nicht berücksichtigt.

Darum ist es unsere Pflicht in diesem strahlenden Jahrhundert, den Wesenskern der göttlichen Religion zu erforschen, nach der Wahrheit zu suchen, die der Einheit der Menschenwelt zugrunde liegt, und die Quelle der Gemeinschaft und Eintracht zu finden, die die Menschheit im Bund himmlischer Liebe vereinen wird.

Diese Einheit ist das Leuchten der Ewigkeit, die göttliche Spiritualität, der Glanz Gottes und die Gabe des Königreiches.

Wir müssen die göttliche Quelle dieser himmlischen Gaben erforschen und unerschütterlich an ihnen festhalten.

Denn wenn menschliche Konstrukte und Dogmen uns gefesselt halten und weiterhin einschränken, wird die Menschheit Tag für Tag weiter entwürdigt, werden Kampf und Krieg Tag für Tag zunehmen und satanische Kräfte werden sich zur Zerstörung der Menschheit zusammenschließen. Wenn in einer Familie Liebe und Einvernehmen herrschen, wird sie Fortschritte machen, erleuchtet und vergeistigt werden; aber wenn Feindschaft und Hass in ihr bestehen, sind ihre Zerstörung und Auflösung unvermeidlich.

Gleiches gilt für eine Stadt.

Wenn ihre Bewohner im Geist des Einklangs und der Gemeinschaft zusammenleben, wird sie sich stetig weiterentwickeln und die Lebensbedingungen der Menschen werden sich verbessern.

Zwist und Feindschaft hingegen führen zu ihrem Niedergang und ihre Einwohner werden auseinandergetrieben.

Durch Liebe und Einklang entwickeln sich gleichermaßen auch die Menschen eines Volkes und schreiten der Kultur und Erleuchtung entgegen, während sie durch Krieg und Streit gespalten werden.

Schließlich gilt das auch für die Menschheit als Ganzes.

Wenn Liebe verwirklicht wird, wenn starke geistige Bande die Herzen der Menschen vereinen, dann wird die ganze Menschheit moralisch aufgerichtet, die Welt wird immer vergeistigter und strahlender und Glück und Friedlichkeit der Menschen werden unermesslich zunehmen.

Krieg und Streit werden ausgemerzt, Meinungsverschiedenheiten und Zwietracht werden vergehen und weltumfassender Frieden wird die Nationen und Völker der Welt vereinen.

Die ganze Menschheit wird wie eine Familie zusammenwohnen, sich wie die Wellen eines Meeres vermischen, strahlen wie die Sterne eines Firmamentes und wie Früchte desselben Baumes erscheinen.

Das ist die Freude und das Glück der Menschheit.

Das ist die Erleuchtung des Menschen, unvergänglicher Ruhm und ewiges Leben; das ist die göttliche Gabe.

Das ist die Stufe, die ich euch wünsche, und ich bete zu Gott, dass die Menschen Amerikas dieses große Ziel erreichen mögen, auf dass der Erfolg dieser Demokratie sichergestellt und ihre Namen ewig gepriesen werden.

Möge der Beistand Gottes sie in allem unterstützen und möge ihr Andenken in Ost und West geehrt werden.

Mögen sie Diener Gottes, des Höchsten, werden, Ihm in der Einheit des himmlischen Königreichs nah und teuer sein. Bahá'u'lláh ertrug sechzig Jahre lang Drangsale und Nöte. Es gab keine Qual, keinen Schicksalsschlag und kein Leid, die Ihm nicht von Seinen Feinden und Unterdrückern angetan worden wären. Er verbrachte alle Tage Seines Lebens in Schwierigkeiten und Drangsal – einmal im Gefängnis, ein anderes Mal in der Verbannung, manchmal in Ketten. Für die Einheit der Menschheit nahm Er diese Schwierigkeiten bereitwillig auf Sich und betete, dass die Menschenwelt den Strahlenglanz Gottes erkennen möge, dass die Einheit der Menschheit Wirklichkeit werde, Streit und Krieg aufhören und Frieden und Ruhe überall verwirklicht werden. Im Gefängnis hisste Er das Banner menschlicher Zusammengehörigkeit, verkündete den weltweiten Frieden, schrieb an die Könige und Herrscher der Nationen, rief sie zu internationaler Einigkeit auf und riet ihnen zur Errichtung eines Schiedsgerichtshofes. Sein Leben war ein einziger Strudel aus Verfolgungen und Mühsal; dennoch konnten Heimsuchungen, schlimmste Qualen und Schicksalsschläge den Erfolg Seines Schaffens und Seiner Sendung nicht verhindern. Im Gegenteil, Seine Macht wuchs und wuchs, Seine Wirkung und Sein Einfluss verbreiteten sich und nahmen zu, bis Sein ruhmreiches Licht den gesamten Orient erleuchtete, Liebe und Einheit gestiftet wurden und die unterschiedlichen Religionen einen Mittelpunkt für Austausch und Versöhnung fanden. Deshalb müssen auch wir uns auf diesem Pfad der Liebe und des Dienstes bemühen, indem wir Lebenszeit und Besitz opfern, unsere Tage in Andacht verbringen und all unsere Kräfte der Sache Gottes weihen, damit, so Gott will, das Banner allumfassender Religion in der Menschenwelt gehisst und die Einheit der Menschheit verwirklicht werden möge. In euren Herzen habe ich den Widerschein einer großen und wunderbaren Liebe gesehen. Die Amerikaner haben mir stets Freundlichkeit erwiesen und ich empfinde eine tiefe geistige Liebe für sie. Ich freue mich über die Empfänglichkeit eurer Herzen. Ich werde für euch beten und um göttlichen Beistand bitten, und danach werde ich euch Lebewohl sagen. O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, diese Diener wenden sich zu Dir und flehen demütig zum Königreich Deines Erbarmens. Wahrlich, sie sind hingezogen zu Deiner Heiligkeit und entflammt vom Feuer Deiner Liebe. So suchen sie Ermutigung aus Deinem wundersamen Königreich und hoffen, in Dein himmlisches Reich aufgenommen zu werden. Wahrlich, sie sehnen sich danach, dass Deine Gnadengaben auf sie niederkommen, dass die Sonne Deines Seins sie erleuchte. O Herr! Mache sie zu strahlenden Leuchten, zu Zeichen der Barmherzigkeit, zu früchtebeladenen Bäumen und leuchtenden Sternen. Lass sie sich hervortun in Deinem Dienste, mit Dir verbunden durch die Bande Deiner Liebe, voll Sehnsucht nach den Lichtern Deiner Gunst. O Herr! Mache sie zu Zeichen der Führung, zu Bannern Deines unsterblichen Reiches, zu Wogen aus dem Meere Deines Erbarmens, zu Spiegeln Deines majestätischen Lichtes. Wahrlich, Du bist der Freigebige. Wahrlich, Du bist der Barmherzige. Wahrlich, Du bist der Kostbare, der Geliebte.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in New York und in Fanwood

26. Mai – 8. Juni 1912

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26. Mai 1912 Ansprache in der Mount Morris Baptist Church Fifth Avenue and 126th Street, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Als ich heute Abend diese Kirche betrat, hörte ich die Hymne »Näher, mein Gott, zu Dir«.

Das Höchste, was die Menschenwelt erreichen kann, ist Nähe zu Gott.

Jeder bleibende Ruhm, jede Ehre, Anmut und Schönheit, die dem Menschen zuteilwird, kommt durch die Nähe zu Gott.

Alle Propheten und Apostel sehnten sich nach der Nähe zu ihrem Schöpfer und beteten darum.

Wie viele Nächte verbrachten sie in schlafloser Sehnsucht nach dieser Stufe; wie viele Tage widmeten sie sich dem flehentlichen Bitten, Ihm immer näher zu kommen!

Aber Nähe zu Gott ist nicht leicht zu erreichen.

Als Jesus Christus auf Erden weilte, suchten die Menschen die Nähe zu Gott, doch damals gelang das niemandem außer einigen wenigen – Seinen Jüngern.

Dank der Liebe Gottes wurden diese gesegneten Seelen durch die Nähe zu Gott gefestigt.

Die Nähe zu Gott hängt vom Erreichen der Erkenntnis Gottes und von der Loslösung von allem außer Gott ab.

Sie setzt die Hingabe des Selbstes voraus und kann nur durch Überwindung des Verlangens nach Reichtum und weltlichem Besitz erlangt werden.

Sie wird ermöglicht durch die in den Evangelien offenbarte Taufe mit Wasser und Feuer.

Das Wasser steht für das Wasser des Lebens, das heißt für die Erkenntnis, und das Feuer ist das Feuer der Liebe Gottes; deshalb muss der Mensch mit dem Wasser des Lebens, dem Heiligen Geist und dem Feuer der Liebe zum Reich Gottes getauft werden.

Solange diese drei Schritte nicht vollzogen werden, ist die Nähe zu Gott nicht möglich.

Auf diese Weise haben die Bahá'í in Persien sie erreicht.

Sie gaben ihr Leben für dieses Ziel, opferten Ehre, Bequemlichkeit und Besitz, eilten mit größter Freude zum Ort des Martyriums; ihr Blut wurde vergossen, ihre Körper wurden gefoltert und vernichtet, ihre Häuser geplündert, ihre Kinder als Gefangene verschleppt.

All dies ertrugen sie bereitwillig und mit Freude.

Ein solches Opfer kann die Nähe zu Gott ermöglichen.

Und diese Nähe ist unabhängig von Zeit oder Ort.

Nähe zu Gott hängt ab von der Reinheit des Herzens und vom beschwingten Geist, hervorgerufen durch die frohe Botschaft vom Reich Gottes.

Man bedenke, wie ein reiner, polierter Spiegel den Glanz der Sonne vollständig widerspiegelt, egal wie weit die Sonne entfernt sein mag.

Sobald der Spiegel gesäubert und gereinigt ist, wird sich die Sonne in ihm zeigen.

Je reiner und geheiligter das Herz des Menschen wird, desto stärker wird es von Gott angezogen, und das Licht der Sonne der Wahrheit offenbart sich in ihm.

Dieses Licht lässt Herzen im Feuer der Liebe Gottes erglühen, öffnet in ihnen die Tore der Erkenntnis und entsiegelt die göttlichen Geheimnisse, sodass geistige Entdeckungen möglich werden.

Alle Propheten sind durch Loslösung in die Nähe Gottes gelangt.

Wir müssen diesen Heiligen Seelen nacheifern und unseren eigenen Wünschen und Sehnsüchten entsagen.

Wir müssen uns vom Schlamm und Schmutz weltlicher Anhaftungen reinigen, bis unsere Herzen klar wie Spiegel werden und das Licht der größten Führung sich in ihnen offenbart. Bahá'u'lláh schrieb in den Verborgenen Worten, dass Gott Seine Diener inspiriert und Sich durch sie zeigt. Er sagt: »Dein Herz ist Meine Wohnstatt; heilige es für Mein Kommen. Dein Geist ist der Ort Meines Erscheinens; läutere ihn für Meine Offenbarung.« A20 Wir lernen also, dass Nähe zu Gott durch Hingabe an Ihn, durch Eintritt in Sein Reich und durch den Dienst für die Menschheit möglich ist. Sie wird durch Verbundenheit mit allen Menschen erreicht und durch liebevolle Güte gegenüber allen; sie hängt vom Forschen nach Wahrheit, vom Erwerb lobenswerter Tugenden, vom Dienst für die Sache des Weltfriedens und von persönlicher Heiligung ab. Mit einem Wort: Nähe zu Gott verlangt Selbstaufopferung, Loslösung und alles aufzugeben für Ihn. Nähe schafft Ähnlichkeit. Seht, wie die Sonne auf die ganze Schöpfung scheint.

Aber nur reine, polierte Oberflächen können ihre Herrlichkeit und ihr Licht spiegeln.

Die verdunkelte Seele hat keinen Anteil an der Offenbarung des herrlichen Glanzes der Wahrheit und der Boden des Selbst bringt kein Wachstum hervor, da er unfähig ist, dieses Licht zu nutzen.

Die Augen des Blinden können die Sonnenstrahlen nicht wahrnehmen; nur reine Augen mit gutem und einwandfreiem Sehvermögen sind dazu in der Lage.

Grüne und lebendige Bäume können die Gaben der Sonne aufnehmen; tote Wurzeln und dürre Äste werden durch sie zerstört.

So muss auch der Mensch seine Fähigkeiten ausbauen und die nötige Bereitschaft entwickeln.

Solange ihm die Empfänglichkeit für göttliche Einflüsse fehlt, ist er nicht in der Lage, das Licht zu reflektieren und seine Wohltaten in sich aufzunehmen.

Ein unfruchtbarer Boden bringt nichts hervor, selbst wenn die Wolke der Gnade es tausend Jahre lang mit ihrem Regen begießt.

Wir müssen den Boden unseres Herzens empfänglich und fruchtbar machen, indem wir ihn so bestellen, dass der Regen göttlichen Segens ihn nährt und himmlische Rosen und Hyazinthen darin wachsen.

Wir müssen wahrnehmungsfähige Augen haben, um das Licht der Sonne zu sehen.

Wir müssen die Nase reinigen, um den Duft des göttlichen Rosengartens zu riechen.

Wir müssen die Ohren spitzen, um den Ruf des höchsten Königreichs zu hören.

Wie schön die Melodie auch sein mag, das taube Ohr kann sie nicht hören und kann den Ruf der Himmlischen Heerscharen nicht vernehmen.

Die verstopfte Nase kann den lieblichen Duft der Blumen nicht einatmen.

Darum müssen wir uns bemühen, stets unsere Fähigkeiten zu erweitern und die nötige Bereitschaft zu entwickeln.

Solange es uns an Empfänglichkeit mangelt, können uns die Schönheiten und Gaben Gottes nicht erreichen.

Christus sagte in einem Gleichnis, Seine Worte seien wie die Samen des Sämanns; einige fallen auf steinigen Grund, andere auf unfruchtbaren Boden, andere werden von Dornen und Disteln erstickt, aber einige fallen auf den bereiten, empfänglichen und fruchtbaren Boden menschlicher Herzen.

Wenn Samen auf unfruchtbaren Boden ausgesät werden, wachsen sie nicht.

Jene, die auf steinigen Grund fallen, werden kurze Zeit wachsen, aber ohne tiefreichende Wurzeln werden sie verdorren.

Andere werden von Dornen und Disteln völlig zerstört, aber die Saat, die auf guten Boden fällt, bringt Ertrag und Frucht. Ebenso kann es sein, dass die Worte, die ich heute Abend hier zu euch spreche, überhaupt keine Wirkung haben. Manche Herzen mögen berührt werden, aber dann vergessen sie das Gesagte bald. Andere mögen infolge abergläubischer Vorstellungen und Einbildungen sogar unfähig sein, zu hören und zu verstehen. Aber die gesegneten Seelen, die meinem Aufruf und meiner Ermunterung Aufmerksamkeit schenken, die mit dem Ohr der Annahme zuhören und meine Worte wirksam eindringen lassen, werden Tag für Tag ihrer vollen Entfaltung entgegenschreiten, ja sogar zu den Himmlischen Heerscharen gelangen. Bedenkt, wie das Gleichnis Erfolg von Befähigung abhängig macht. Ohne die Entwicklung der notwendigen Fähigkeiten kann der Ruf des Königreichs das Ohr nicht erreichen, wird das Licht der Sonne der Wahrheit nicht wahrgenommen und die Düfte des Rosengartens der inneren Bedeutung gehen verloren. Bemühen wir uns, fähig, empfänglich und würdig zu werden, damit wir den Ruf der frohen Botschaft aus dem Königreich hören, durch den Odem des Heiligen Geistes wiederbelebt werden, das Banner der Einheit der Menschheit erheben, menschliche Gemeinschaft schaffen und unter dem Schutz der göttlichen Gnade das unvergängliche ewige Leben erlangen. O Du verzeihender Gott! Diese Diener wenden sich Deinem Königreich zu und streben nach Deiner Gnade und Gunst. O Gott! Mach ihre Herzen gut und rein, dass sie Deiner Liebe würdig werden. Läutere und heilige ihren Geist, dass das Sonnenlicht der Wirklichkeit über ihnen scheine. Läutere und heilige ihre Augen, dass sie Dein Licht wahrnehmen. Läutere und heilige ihre Ohren, dass sie den Ruf Deines Königreiches hören. O Herr! Wahrlich, wir sind schwach, Du aber bist machtvoll. Wahrlich, wir sind arm, Du aber bist reich. Wir sind Suchende, Du aber bist der Gesuchte. O Herr! Habe Mitleid mit uns und vergib uns. Verleihe uns solche Fähigkeit, solche Fassungskraft, dass wir Deines Wohlwollens würdig sein mögen und hingezogen werden zu Deinem Königreich; dass wir in diesem strahlenden Jahrhundert tief aus dem Wasser des Lebens trinken, im Feuer Deiner Liebe aufflammen und vom Odem des Heiligen Geistes neu belebt werden. O Gott, mein Gott! Richte Deinen gnädigen Blick auf diese Versammlung. Bewahre einen jeden in Deiner Obhut und Deinem Schutz. Sende Deine himmlischen Segnungen auf diese Seelen herab. Tauche sie in das Meer Deines Erbarmens und belebe sie mit dem Odem des Heiligen Geistes. O Herr! Verleihe dieser rechtmäßigen Regierung Deine gnädige Hilfe und Bestätigung. Dieses Land liegt im schirmenden Schatten Deines Schutzes, dieses Volk steht in Deinem Dienst. O Herr! Gewähre ihnen die Fülle Deiner himmlischen Gaben, Deiner Gunstbezeigungen und Gnadenströme. Gib, dass diese geschätzte Nation in Ehren gehalten wird und Zutritt in Dein Königreich erlangt. Du bist der Gewaltige, der Allmächtige, der Barmherzige; Du bist der Freigebige, der Wohltäter, der Herr der überreichen Gnade.

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28. Mai 1912 Ansprache beim Empfang im Metropolitan Temple Seventh Avenue und Fourteenth Street in New York Aufzeichnungen von Esther Foster Gottes Vaterschaft, Seine liebevolle Güte und Sein Wohlwollen sind für alle sichtbar. In Seiner Barmherzigkeit versorgt Er Seine Geschöpfe umfassend und reichlich, und wenn eine Seele sündigt, so entzieht Er ihr nicht Seine Freigebigkeit. Alle erschaffenen Dinge sind sichtbare Offenbarungen Seiner Vaterschaft, Seiner Barmherzigkeit und Seiner himmlischen Gaben. Die menschliche Gemeinschaft ist ebenfalls so klar und offensichtlich wie die Sonne, denn alle sind die Diener eines Gottes, gehören einer Menschheit an, bewohnen denselben Erdball, leben unter demselben schützenden Himmelsgewölbe und sind ins Meer göttlicher Gnade getaucht. Menschliche Gemeinschaft und gegenseitige Abhängigkeit bestehen, weil wechselseitige Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit die beiden unerlässlichen Grundsätze sind, die dem Wohlergehen des Menschen zugrunde liegen. Das ist die äußerliche Beziehung zwischen den Menschen. Es gibt noch eine andere Gemeinschaft – die geistige –, die höher und heiliger ist und alle anderen überragt. Sie ist himmlisch; sie entspringt dem Odem des Heiligen Geistes und der strahlenden Barmherzigkeit; sie gründet sich auf geistige Empfänglichkeit. Diese Gemeinschaft wird von den Manifestationen des Allheiligsten geschaffen. Seit Adams Zeiten haben die göttlichen Manifestationen danach gestrebt, die Menschen zu vereinen, damit alle als eine einzige Seele angesehen werden mögen.

Aufgabe und Zweck eines Hirten ist, seine Herde zusammenzuführen und nicht, sie auseinanderzutreiben.

Die Propheten Gottes waren immer göttliche Hirten der Menschheit.

Sie haben ein Band der Liebe und Eintracht unter den Menschen geknüpft, machten aus zerstreuten Völkern eine einzige Nation und aus wandernden Stämmen ein mächtiges Reich.

Sie haben die Grundlage gelegt, die auf der Einheit Gottes beruht, und haben alle zum Weltfrieden aufgerufen.

Alle diese heiligen, göttlichen Manifestationen sind eins.

Sie haben dem einen Gott gedient, die gleiche Wahrheit verkündet, die gleichen Institutionen gestiftet und das gleiche Licht widergespiegelt.

Sie erschienen nacheinander und bezogen Sich aufeinander; jede hat die nachfolgende Manifestation angekündigt und hochgepriesen, und alle legten das Fundament der Wahrheit.

Sie riefen die Menschen auf, einander zu lieben, und machten die Menschenwelt zu einem Spiegel des Wortes Gottes.

Darum haben die von Ihnen gestifteten göttlichen Religionen eine einzige Grundlage; Ihre Lehren, Darlegungen und Beweise sind eins; Ihre Namen und Ihre äußere Gestalt sind verschieden, aber in Ihrem Wesen stimmen Sie überein und sind identisch.

Diese heiligen Manifestationen waren dem Anbruch des Frühlings in der stofflichen Welt vergleichbar.

Obwohl der Frühling dieses Jahres – weil sich das Datum ändert – anders benannt wird, so ist er doch hinsichtlich seiner lebensspendenden und erneuernden Wirkung der gleiche wie der Frühling des vorigen Jahres.

Denn jeder Frühling ist die Zeit einer neuen Schöpfung; seine Wirkungen, Segnungen, seine Vortrefflichkeit und seine lebensspendenden Kräfte sind die gleichen wie in früheren Frühlingszeiten, obwohl sie viele unterschiedliche Namen haben.

Jetzt haben wir 1912, letztes Jahr war 1911 und so weiter, aber in ihrem grundlegenden Wesen sieht man keinen Unterschied.

Es gibt nur eine Sonne, aber sie hat viele unterschiedliche Aufgangsorte.

Das Meer ist eine einzige Wassermasse, aber seine verschiedenen Teile haben eigene Namen:

Atlantik, Pazifik, Mittelmeer, Südliches Eismeer usw.

Achten wir auf die Namen, so bestehen Unterschiede; aber das Wasser, das Meer selbst, ist eine einzige Wirklichkeit. Ebenso sind die göttlichen Religionen der heiligen Manifestationen Gottes in ihrem Wesen eine einzige Religion, obwohl sie sich im Namen und in ihren Begriffen unterscheiden.

Der Mensch muss das Licht lieben, egal an welchem Punkt des Horizonts es erscheint.

Er muss die Rose lieben, egal in welcher Erde sie wächst.

Er muss die Wahrheit suchen, egal welcher Quelle sie auch entspringt.

Eine Bindung an die Lampe ist nicht gleichbedeutend mit Liebe zum Licht.

Eine Bindung an die Erde ist unangebracht, aber die Rose ist es wert, sich an ihr zu erfreuen.

Den Baum zu verehren, bringt keinen Nutzen, aber es tut gut, seine Früchte zu essen.

Köstliche Früchte sollte man genießen, egal auf welchem Baum sie wachsen oder wo sie zu finden sind.

Dem wahren Wort muss man zustimmen, egal welche Zunge es äußert.

Unumstößliche Wahrheiten muss man anerkennen, egal in welchem Buch sie stehen.

Hegen wir Vorurteile, so entstehen daraus Missstände und Unwissenheit.

Der Unfrieden zwischen Religionen, Völkern, Hautfarbe und Herkunft entsteht durch Missverständnisse.

Wenn wir die Religionen erforschen, um die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu entdecken, werden wir feststellen, dass sie im Einklang stehen; denn die Wahrheit, auf der sie beruhen, ist nur eine und keine mehrfache.

Auf diesem Weg werden die Gläubigen dieser Welt Einigkeit und Versöhnung erreichen.

Sie werden die Wahrheit herausfinden, dass der Zweck der Religion die Aneignung lobenswerter Tugenden ist, die Verbesserung der Moral, die geistige Entwicklung der Menschheit, das wahre Leben sowie göttliche Gaben.

Alle Propheten haben diese Grundsätze verkündet; keiner von Ihnen unterstützte Verderbtheit, Laster oder schlechte Taten.

Sie riefen die Menschheit zu allem Guten auf.

Sie einten die Menschen in der Liebe zu Gott, luden sie ein zur Religion der Einheit der Menschheit und hielten sie zu Freundschaft und Eintracht an.

Nehmen wir beispielsweise Abraham und Moses.

Damit beziehen wir uns nicht auf die begrenzte Wirklichkeit Ihrer Namen, sondern auf die Tugenden, die mit ihnen verbunden sind.

Wenn wir sagen:

»Abraham«, so meinen wir damit eine Offenbarung göttlicher Führung, einen Mittelpunkt menschlicher Tugenden, eine Quelle himmlischer Gaben für die Menschheit, einen Aufgangsort göttlicher Eingebung und Vollkommenheit.

Diese Vollkommenheit, diese Gnadengaben sind nicht auf einzelne Namen beschränkt, sie lassen sich nicht begrenzen.

Wenn wir diese Tugenden, Qualitäten und Eigenschaften bei irgendeiner Persönlichkeit entdecken, so erkennen wir in ihr dieselbe strahlende Wahrheit und verneigen uns in Anerkennung der abrahamitischen Vollkommenheit.

Ebenso anerkennen und verehren wir Moses Schönheit.

Manche haben den Namen Abraham geliebt und liebten dabei die Lampe statt des Lichtes, und als sie das gleiche Licht in einer anderen Lampe scheinen sahen, hingen sie so sehr an der früheren Lampe, dass sie die Wiederkehr dieses strahlenden Lichtes nicht erkannten.

Dadurch blieben jene, die sich an den Namen Abraham klammerten, zurück, als die Tugenden Abrahams in Moses wiedererschienen.

In ähnlicher Weise glaubten die Juden an Moses und erwarteten das Kommen des Messias.

Moses Tugenden und Seine Vollkommenheit erschienen strahlend hell in Jesus Christus, aber die Juden hielten am Namen Moses fest und verehrten nicht die Tugenden und die Vollkommenheit, die Er verkörperte.

Hätten sie diese Tugenden verehrt und diese Vollkommenheit gesucht, so hätten sie sicherlich an Jesus Christus geglaubt, als die gleichen Tugenden und die gleiche Vollkommenheit in Ihm erstrahlten.

Wenn wir das Licht lieben, dann verehren wir es, gleich in welcher Lampe es scheint; wenn wir aber die Lampe selbst lieben und das Licht in eine andere Lampe übertragen wird, dann werden wir es weder annehmen noch gutheißen.

Deshalb müssen wir die Tugenden beherzigen und ehren, die sich in den Boten Gottes offenbaren – sei es in Abraham, Moses, Jesus oder in anderen Propheten.

Wir dürfen uns nicht nur an die Lampe klammern und sie verehren.

Wir müssen die Sonne erkennen, egal wo sie aufgeht, ob in Moses, Abraham oder in irgendeiner anderen Orientierungsperson, denn wir lieben das Sonnenlicht und nicht Orientierungspersonen.

Wir lieben das Licht, nicht die Lampen und die Kerzen.

Wir suchen nach Wasser, ganz gleich aus welchem Felsen es sprudelt.

Wir brauchen Früchte, in welchem Garten sie auch immer reifen mögen.

Wir sehnen uns nach Regen, aus welcher Wolke er sich auch immer ergießt.

Wir dürfen uns nicht fesseln lassen.

Wenn wir uns von diesen Fesseln lösen, werden wir Einigkeit erzielen, denn alle suchen die Wahrheit.

Die Verfälschung oder Nachahmung der wahren Religion hat den menschlichen Glauben entstellt und ihre Grundlagen sind dem Blick entschwunden.

Die Widersprüche zwischen diesen Nachahmungen haben zu Feindschaft und Streit, Krieg und Blutvergießen geführt.

Nun ist das glorreiche und strahlende zwanzigste Jahrhundert angebrochen und die göttliche Gnade strahlt über alle Welt.

Die Sonne der Wahrheit erstrahlt in heller Glut.

Dies ist wahrlich das Jahrhundert, in dem diese Nachahmungen aufgegeben, dieser Aberglaube über Bord geworfen und Gott allein verehrt werden muss.

Wir müssen auf die Wahrheit der Propheten und Ihrer Lehren schauen, um einig zu sein. Preis sei Gott!

Die göttliche Frühlingszeit ist angebrochen.

Dieses Jahrhundert ist fürwahr die Zeit des Frühlings.

Durch seine Gaben wurden die Welt des Geistes und das Reich der Seele frisch und grün.

Das ganze Dasein wurde dadurch wiederbelebt.

Zum einen strahlt das Licht der Wahrheit, zum anderen lassen die Wolken göttlicher Barmherzigkeit die Fülle himmlischer Gnadengaben herabströmen.

Wunderbarer materieller Fortschritt ist sichtbar, und große geistige Entdeckungen werden gemacht.

Dies kann wahrlich das Wunder unter den Jahrhunderten genannt werden, denn es ist erfüllt von Offenbarungen des Wundersamen.

Die Zeit ist gekommen, da die ganze Menschheit geeint sein wird, da alle Menschen jeglicher Herkunft einem Vaterland treu ergeben sein werden, da alle Religionen zu einer werden und ethnische und religiöse Voreingenommenheit verschwinden werden.

Es ist der Tag, da die Einheit der Menschheit ihr Banner erheben und weltweiter Frieden gleich dem wahren Morgen die Erde mit seinem Licht fluten wird.

Darum flehen wir zu Gott und bitten Ihn, diese düsteren Wolken zu zerstreuen und diese Nachahmungen auszumerzen, damit Ost und West in Liebe und Einheit erstrahlen, die Völker der Welt einander umarmen und vorbildliche geistige Gemeinschaft die Welt erhelle, so wie die herrliche Sonne in himmlischen Gefilden.

Dies ist unsere Hoffnung, unser Wunsch und unsere Sehnsucht.

Wir beten, dass wir dies durch die Großzügigkeit und Gnade Gottes erreichen.

Ich bin sehr glücklich, bei diesem Treffen anwesend zu sein, das von solchem Glanz gekennzeichnet ist, von Einsicht, Empfänglichkeit und dem Bestreben, die Wahrheit zu erforschen.

Solche Versammlungen sind der Ruhm der Menschenwelt.

Ich erbitte für Sie Gottes Segen.

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29. Mai 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Die göttlichen Manifestationen waren in Ihren Lehren wie Bilderstürmer: Sie entwurzelten Irrtümer, zerstörten falsche religiöse Vorstellungen und riefen die Menschheit von Neuem zur grundlegenden Einheit Gottes. Desgleichen haben Sie alle die Einheit der Menschheit verkündet. Die wesentliche Lehre von Moses war das Gesetz des Sinai, die Zehn Gebote. Christus erneuerte und offenbarte nochmals die Gebote des einen Gottes und die Vorschriften für das menschliche Handeln. Obgleich die Lehren Muḥammads weitreichender waren, war ihr Ziel ebenfalls, die Menschheit geistig aufzubauen und in der Erkenntnis Gottes zu vereinen. Beim Báb wurde der Offenbarungsinhalt noch einmal stark erweitert, aber die zentralen Lehren waren die gleichen. Von Bahá'u'lláh gibt es über hundert Bücher. Jedes einzelne ist ein sichtbarer Beweis, der der Menschheit genügen sollte; jedes einzelne, vom ersten bis zum letzten, verkündet die wesenhafte Einheit Gottes und die der Menschheit, die Liebe Gottes, die Abschaffung des Krieges und die göttliche Richtschnur für den Frieden. Jedes von ihnen vermittelt auch göttliche Ethik, den sichtbaren Ausdruck der vom Herrn gewährten Gnade; jedes Wort ist selbst ein Buch an Bedeutungen. Denn das Wort Gottes ist gesammelte Weisheit, absolutes Wissen und ewige Wahrheit. Nehmen wir die Aussage aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Diese Aussage ist kurz, aber überreich an tiefen Bedeutungen. Ja, die Bandbreite möglicher Bezüge ist unermesslich und jenseits dessen, was Bücher oder Worte enthalten und ausdrücken können. Bisher haben die Doktoren der Theologie diese Aussage nicht ausführlich erklärt, sondern sie allein auf Jesus als das »fleischgewordene Wort« bezogen, auf die Trennung Jesu von Gott, dem Vater, und auf Sein Herabkommen auf die Erde. Auf diese Weise wurde die Aufspaltung der Gottheit in Einzelpersonen gelehrt. Die wesenhafte Einheit von Vater, Sohn und Geist hat viele Bedeutungen und bildet die Grundlage des Christentums. Heute werden wir lediglich eine zusammenfassende Erklärung geben. Warum war Jesus das Wort? In der gesamten Schöpfung sind alle erschaffenen Wesen wie Buchstaben. Buchstaben an sich sind bedeutungslos und drücken keinerlei Gedanken oder Vorstellungen aus – wie etwa a, b usw. Ebenso haben alle erschaffenen Wesen für sich keine unabhängige Bedeutung. Aber ein Wort, zusammengesetzt aus Buchstaben, besitzt einen eigenen Sinn und hat eine unabhängige Bedeutung. Deshalb war Christus das Wort, weil Er die Bedeutung der göttlichen Wirklichkeit in vollkommener Weise übermittelte und diese Bedeutung selbst verkörperte. Im Vergleich zur Ebene bloßer Metaphern entsprach Er der Ebene der Wirklichkeit. Die Seiten eines Buches haben an sich keinen Sinngehalt, aber die Gedanken, die sie vermitteln, lassen uns über die Wirklichkeit nachdenken. Die Wirklichkeit Jesu entsprach der vollständigen Bedeutung, Sein Christus-Sein, das in den Heiligen Büchern symbolisch »das Wort« genannt wird. »Das Wort war bei Gott.« Das Christus-Sein meint nicht den Leib Jesu, sondern die in Ihm in höchster Vollendung sichtbaren göttlichen Tugenden. Deshalb steht geschrieben: »Er ist Gott.« Das impliziert keine Trennung von Gott, so wie es auch nicht möglich ist, die Sonnenstrahlen von der Sonne zu trennen. Die Wirklichkeit Christi war die Verkörperung göttlicher Tugenden und der Attribute Gottes. In der Gottheit gibt es keine Aufspaltung. Alle Adjektive, Substantive und Pronomen sind eins an diesem heiligen Hofe; es gibt hier weder Vielheit noch Teilung. Mit dieser Erklärung soll gezeigt werden, dass die Worte Gottes unzählige Bedeutungen und Geheimnisse bergen – jedes einzelne tausend und mehr. Bahá'u'lláh hat viele Schriften offenbart.

Die darin enthaltenen Gebote und Lehren sind universell und erstrecken sich auf alle Bereiche.

Er hat wissenschaftliche Erklärungen offenbart, die sich auf alle Gebiete der menschlichen Forschung erstrecken – Astronomie, Biologie, Medizin usw.

Im Kitáb-i-Íqán hat Er Teile des Evangeliums und anderer himmlischer Bücher ausgelegt.

Er verfasste umfangreiche Schriften über Kultur und Zivilisation, Soziologie und Staatsführung.

Jedes Thema wurde berücksichtigt.

Seine Schriften sind unvergleichlich schön und tiefgründig.

Sogar Seine Feinde erkennen die Größe Bahá'u'lláhs an und sagen, Er sei ein Wunder unter den Menschen.

Dies war ihr Eingeständnis, obwohl sie nicht an Ihn glaubten.

Er wurde gepriesen von Christen, Juden, Zoroastriern und Muslimen, die Seinen Anspruch bestritten.

Sie sagten oft:

»Er ist unvergleichlich, einzigartig.« Ein christlicher Dichter im Orient schrieb:

»Glaubt nicht an Ihn als Manifestation Gottes, aber Seine Wunder sind erhaben wie die Sonne.« Mírzá Abu'l-Faḍl hat zahlreiche Gedichte dieser Art erwähnt, und es gibt viele weitere.

Das Zeugnis Seiner Feinde zeigte, dass Er das »Wunder der Menschheit« war, dass Er »auf einem besonderen Pfad der Erkenntnis wandelte« und »in Seiner Persönlichkeit unvergleichlich« war.

Seine Lehren sind allumfassend und der Maßstab für menschliches Handeln.

Sie sind keine bloße Theorie, dazu bestimmt, in Büchern zu bleiben.

Sie sind die Richtlinien für konkretes Handeln.

Erfolg kommt vom Handeln.

Bloße Theorie führt zu nichts.

Welchen Nutzen hat ein Buch über Medizin, wenn es nie aus dem Regal genommen wird?

Die Lehren Gottes haben Früchte getragen, wenn sie sich in der Praxis bewährt haben. Die großen und grundlegenden Lehren Bahá'u'lláhs sind die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit. Das ist das Band der Einheit zwischen den Bahá'í auf der ganzen Welt. Sie einen sich zunächst selbst, dann vereinen sie andere. Solange man nicht einig ist, kann man andere nicht vereinen. Christus sagte: »Ihr seid das Salz der Erde; aber wenn das Salz seinen Geschmack verloren hat, womit soll man dann salzen?« Daran sieht man, dass es unter Seinen Anhängern Meinungsverschiedenheiten gab und es an Einheit mangelte. Daher Seine Ermahnung zur Einheit im Handeln. Nun ist es an uns, uns ebenfalls in vollkommener Einheit miteinander zu verbinden, gütig und liebevoll zueinander zu sein und all unseren Besitz, unsere Ehre, ja selbst unser Leben füreinander zu opfern. Dann wird sich erweisen, dass wir nach den Lehren Gottes gehandelt haben, dass wir wirklich an die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit glauben.

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30. Mai 1912 Ansprache in der Theosophischen Loge Broadway und neunundsiebzigste Straße in New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Ich freue mich sehr über diese freundlichen Gefühlsbekundungen und die Beweise geistiger Empfänglichkeit. Heute Abend bin ich sehr glücklich, weil ich sehe, dass unsere Ziele und Absichten dieselben und unser Wünschen und Sehnen eins sind. Das ist ein Ausdruck und Beweis für die Einheit der Menschenwelt und die Absicht, den Größten Frieden zu verwirklichen. Somit sind wir in Willen und Absicht vereint. In der Welt des Daseins gibt es keine größeren Fragen als diese. Die Einheit der Menschheit führt zum Ruhm des Menschen. Der internationale Frieden garantiert das Wohlergehen der gesamten Menschheit. In der Menschenseele gibt es keine bedeutenderen Motive und Absichten. Da wir darin übereinstimmen, ist die Gewissheit der Einheit und Eintracht zwischen Bahá'í und Theosophen höchst vielversprechend. Ihre Ziele sind dieselben, ihre Wünsche dieselben und geistige Aufnahmefähigkeit ist beiden gemeinsam. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf das göttliche Reich und haben in gleicher Weise Anteil an seinen Wohltaten. Die Menschheit braucht heute eine große Macht, die diese herrlichen Grundsätze und Ziele verwirklichen kann.

Die Sache des Friedens ist eine sehr große Sache; sie ist die Sache Gottes, und alle Mächte der Welt stellen sich ihr entgegen.

Die Regierungen etwa betrachten den Militarismus als eine Stufe des menschlichen Fortschritts.

Sie sind der Ansicht, dass Spaltung unter Menschen und Nationen zu Patriotismus und Ehre führt; dass eine Nation, die eine andere angreift und erobert und dadurch Wohlstand, Land und Ruhm gewinnt, mit diesen Kriegen und Eroberungen, diesem Blutvergießen und dieser Grausamkeit Fortschritt und Gedeihen der siegreichen Nation bewirkt.

Das ist ein völliger Irrtum.

Vergleichen Sie die Nationen der Welt mit den Mitgliedern einer Familie.

Eine Familie ist eine Nation im Kleinen.

Erweitern Sie nur den Kreis des Haushalts, und Sie haben die Nation.

Erweitern Sie den Kreis der Nationen und Sie haben die ganze Menschheit.

Die Bedingungen, die für die Familie gelten, gelten auch für die Nation.

Was in der Familie geschieht, geschieht auch im Leben der Nation.

Hilft es dem Fortschritt und dem Vorankommen der Familie, wenn ihre Mitglieder uneins werden, wenn Streit ausbricht, jeder den anderen ausnützt, Eifersucht und Rachegefühle vorherrschen, wenn jeder selbstsüchtig seinen Vorteil sucht?

Nein, Fortschritt und Vorankommen wären dahin.

So ist es auch mit der großen Familie der Nationen, denn Nationen bestehen aus einer Ansammlung von Familien.

Wie also Streit und Uneinigkeit eine Familie zerstören und ihren Fortschritt behindern, so werden auch Nationen zerstört und ihr Fortschritt behindert. Alle himmlischen Bücher, die göttlichen Propheten, Weisen und Philosophen stimmen darin überein, dass Krieg für die menschliche Entwicklung zerstörerisch, Frieden hingegen förderlich und aufbauend ist. Sie sind sich darüber einig, dass Krieg und Kampf die Grundlagen der Menschheit angreifen. Es bedarf daher einer Macht, die Kriege verhindert und die Einheit der Menschheit verkündet und herstellt. Zu wissen, dass diese Macht notwendig ist, reicht jedoch nicht aus. Allein zu erkennen, dass Wohlstand wünschenswert ist, führt noch nicht zum Wohlstand. Anzuerkennen, dass wissenschaftliche Errungenschaften lobenswert sind, bringt noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse hervor. Die Ehre als etwas Herausragendes zu würdigen, macht einen Menschen nicht ehrenhaft. Die Kenntnis der menschlichen Lebensumstände und des benötigten Heilmittels sorgt für keine Besserung. Die Feststellung, dass Gesundheit gut ist, bewirkt noch keine Gesundheit. Um den gegenwärtigen Zustand der Menschheit zu heilen, braucht es einen fähigen Arzt. Wie man von einem Arzt verlangt, dass er vollständige Kenntnis der Pathologie, Diagnostik, Therapie und Behandlung hat, so muss auch dieser ›Welt-Arzt‹ weise, geschickt und kompetent sein, damit Gesundheit sich einstellen wird. Sein bloßes Wissen führt noch nicht zu Gesundheit; es muss auch angewendet und das Heilmittel muss verabreicht werden. Das Erreichen jedes Zieles hängt ab von Wissen, Wollen und Handeln.

Wenn diese drei Bedingungen nicht erfüllt sind, gibt es keine Ergebnisse.

Bei der Errichtung eines Hauses muss man zuerst das Grundstück kennen und das dazu passende Haus entwerfen; ferner muss man die Mittel beschaffen, die für den Bau nötig sind; dann erst kann man es bauen.

Um also durchzuführen und umzusetzen, was als Heilmittel für die menschlichen Verhältnisse bekannt und anerkannt ist – nämlich die Einigung der Menschheit –, bedarf es einer Macht.

Des Weiteren ist offensichtlich, dass das nicht durch materielle Prozesse und Mittel verwirklicht werden kann.

Die Kraft gleicher Herkunft und Hautfarbe genügt nicht, um diese Einigung zu erreichen, denn die Völker sind verschieden und haben unterschiedliche Neigungen.

Die Kraft des Patriotismus genügt ebenso wenig, denn die Nationalitäten sind voneinander verschieden.

Auch politische Macht führt sie nicht herbei, da die politischen Strategien der Regierungen und Staaten sehr uneinheitlich sind.

Das heißt, jede Bemühung zur Einigung mithilfe dieser materiellen Mittel würde die einen begünstigen und andere schädigen, wegen unterschiedlicher Einzelinteressen.

Manche mögen glauben, dieses große Heilmittel könne in dogmatischem Beharren auf bestimmten Nachahmungen und Auslegungen gefunden werden.

Das entbehrte ebenfalls jeder Grundlage und brächte kein Ergebnis.

Darum ist es offensichtlich, dass kein anderes Mittel außer einem vollkommenen Mittel, einer geistigen Kraft, göttlichen Gaben und dem Odem des Heiligen Geistes diese Weltkrankheit des Krieges, der Zwietracht und der Uneinigkeit heilen wird.

Nichts anderes ist denkbar, nichts sonst kann ersonnen werden.

Aber durch geistige Mittel und die göttliche Kraft ist es möglich und machbar. Denken Sie über die Geschichte nach. Was hat den Nationen Einheit, den Völkern Moral und der Menschheit Nutzen gebracht? Wenn wir darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass die Stiftung der göttlichen Religionen das beste Mittel dafür war, sich der Einheit der Menschheit anzunähern. Die Verankerung der göttlichen Wahrheit in der Religion hat dies bewirkt, nicht die Nachahmungen überlieferter religiöser Formen. Nachahmungen stehen zueinander im Gegensatz und haben immer zu Kampf, Feindschaft, Missgunst und Krieg geführt. Die göttlichen Religionen sind Sammelpunkte, wo sich unterschiedliche Standpunkte treffen, versöhnen und einen können. Sie schaffen Einheit für Stammesgebiete, Volksgruppen und politische Richtungen. So einte etwa Christus verschiedene Nationen, brachte kriegerischen Völkern den Frieden und stiftete die Einheit der Menschheit. Die eroberungsfreudigen Griechen und Römer, die vorurteilsbehafteten Ägypter und Assyrer waren alle kämpferisch, feindselig und kriegerisch, aber Christus sammelte diese unterschiedlichen Völker und beseitigte die tieferen Ursachen der Zwietracht – nicht durch ethnische, patriotische oder politische Macht, sondern durch göttliche Macht, durch die Kraft des Heiligen Geistes. Anders wäre das nicht möglich gewesen. Alle anderen Anstrengungen der Menschen und Nationen überdauern als Randnotiz der Geschichte, führten aber zu keinem bleibenden Ergebnis. Wenn dieses große Ergebnis von göttlicher Macht und göttlichen Gnadengaben abhängt, woher soll die Welt diese Kraft nehmen?

Gott ist der Urewige – kein neuer Gott.

Seine Oberherrschaft besteht von alters her, sie ist nicht neu; sie existiert nicht erst seit diesen fünf- oder sechstausend Jahren.

Dieses unendliche Universum existiert schon immer.

Die Oberherrschaft und Macht, die Namen und Attribute Gottes sind ewig und uralt.

Seine Namen setzen die Schöpfung voraus und sind Ausdruck Seiner Existenz und Seines Willens.

Wir sagen:

Gott ist der Schöpfer.

Dieser Name ›Schöpfer‹ taucht auf, wenn wir von Schöpfung sprechen.

Wir sagen, Gott ist der Versorger.

Dieser Name setzt voraus und beweist, dass jemand existiert, der versorgt wird.

Gott ist Liebe.

Dieser Name beweist die Existenz des Geliebten.

Ebenso ist Gott Gnade, Gerechtigkeit, Leben usw.

Da also Gott der Schöpfer ist, ewig und von alters her, gab es immer Geschöpfe, die existierten und für die gesorgt wurde.

Es gibt keinen Zweifel, dass die göttliche Oberherrschaft ewig währt.

Die Oberherrschaft setzt Untertanen, Minister, Verwalter und andere der Oberherrschaft unterstellte Personen voraus.

Kann es einen König ohne Land, Untertanen und Armeen geben?

Wenn wir eine Zeit annehmen, in der es keine Geschöpfe, keine Diener, keine Untertanen der göttlichen Herrschaft gab, entthronen wir Gott und behaupten, es gäbe eine Zeit, in der Gott nicht war.

Es wäre, als wenn Er erst kürzlich ernannt worden wäre und der Mensch Ihm diese Namen gegeben hätte.

Die göttliche Oberherrschaft besteht von alters her, ist ewig.

Gott war seit Ewigkeit Liebe, Gerechtigkeit, Kraft, Schöpfer, Versorger, der Allwissende, der Freigebige. Da das göttliche Sein ewig ist, sind die göttlichen Eigenschaften ebenfalls ewig. Die göttlichen Gaben sind daher ohne Anfang und ohne Ende. Gott ist unendlich; die Werke Gottes sind unendlich; die Gaben Gottes sind unendlich. Da Seine Göttlichkeit ewig ist, sind Seine Herrschaft und Vollkommenheit ohne Ende. Da die Gabe des Heiligen Geistes ewig ist, können wir niemals behaupten, dass Seine Gaben aufhören, ohne gleichzeitig zu behaupten, dass Er aufhört zu existieren. Wenn wir an die Sonne denken und versuchen, uns ein Erlöschen der Sonnenglut und ihrer Hitze vorzustellen, dann behaupten wir die Nichtexistenz der Sonne. Denn eine Trennung der Sonne von ihren Strahlen und ihrer Hitze ist nicht vorstellbar. Wenn wir also die Gaben Gottes begrenzen, begrenzen wir die Eigenschaften Gottes, begrenzen wir Gott. Lassen Sie uns darum auf die Güte und die Gaben Gottes vertrauen. Wir sollten uns vom göttlichen Odem beflügeln lassen und von der frohen Botschaft des Himmels erleuchtet und erhoben werden. Gott hat die Menschen immer barmherzig und wohlwollend behandelt. Er, Der den göttlichen Geist immer schon verströmte, kann dieselben Gaben zu allen Zeiten und zu jeder Stunde reichlich gewähren. Lassen Sie uns darum voll Hoffnung sein. Der Gott, Der die Welt früher beschenkte, wird dies auch jetzt und in Zukunft tun. Gott, Der Seinen Dienern den Odem des Heiligen Geistes eingehaucht hat, wird ihnen auch jetzt und in Zukunft den Odem einhauchen. Seine Güte hört nie auf. Der Göttliche Geist durchdringt alles von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn er ist die Gabe Gottes, und Gottes Gabe ist ewig. Können Sie sich eine Begrenzung der göttlichen Macht im Bereich der Atome oder ein Versiegen der göttlichen Gaben für die lebenden Organismen vorstellen? Können Sie sich vorstellen, dass die Kraft, die die Atome dieses Glases zusammenhält, aufhört zu bestehen? Dass die Energie, die das Meerwasser entstehen lässt, aufhört zu wirken, sodass das Meer verschwindet? Dass es heute Regen gibt, es aber dann nie wieder regnet? Dass die Sonne aufhört zu strahlen und es hinfort weder Licht noch Wärme gibt? Wenn wir sehen, dass die göttlichen Gaben im Mineralreich ununterbrochen verfügbar sind, um wie viel mehr dürfen wir das im göttlichen, geistigen Königreich erwarten und erkennen! Wie viel größer ist das strahlende göttliche Licht und die Gabe des ewigen Lebens für die menschliche Seele! So wie das materielle Universum dauerhaft und unzerstörbar ist, halten die Gaben des göttlichen Geistes ebenfalls ewig an. Ich preise Gott für das Privileg, an dieser verehrten Versammlung teilzunehmen, die durch geistige Empfänglichkeit beflügelt und vom Himmel angezogen ist, deren Mitglieder die Wirklichkeit erforschen, deren höchste Hoffnung die Errichtung des Weltfriedens ist und deren größter Vorsatz es ist, der Menschheit zu dienen. Wenn wir die Welt der Schöpfung beobachten, entdecken wir, dass sich jedes Atom der stofflichen Welt durch die verschiedenen Stufen und Bereiche des organischen Lebens bewegt. Denken Sie zum Beispiel an den Äther, der alle bedingten Wirklichkeiten durchdringt und durchwandert. Wenn es im Äther Schwingungen oder Bewegung gibt, wird das Auge von diesen Schwingungen beeinflusst und nimmt wahr, was als Licht bekannt ist. Auf dieselbe Weise bewegen sich die göttlichen Gaben und zirkulieren durch alle erschaffenen Dinge. Diese grenzenlose göttliche Gabe hat keinen Anfang und wird kein Ende haben. Sie bewegt sich und zirkuliert und wird überall dort wirksam, wo die Fähigkeit, sie zu empfangen, entwickelt ist. Jede Stufe hat ihre besonderen Fähigkeiten. Darum müssen wir hoffen und erwarten, dass durch die Gnade und Gunst Gottes dieser Geist des Lebens, der alles Erschaffene durchdringt, die Menschheit beleben wird und die Menschenwelt durch seine Gaben eine göttliche Welt, dieses irdische Reich ein Spiegelbild des Gottesreiches wird, die Tugenden und Vollkommenheit der Menschenwelt sichtbar werden und das Ebenbild Gottes von diesem Tempel widergespiegelt wird. Ich bin dem Präsidenten dieser Gesellschaft sehr dankbar und entbiete ihm meine hochachtungsvollen Grüße. Es ist meine Hoffnung, dass Ihnen allen geholfen werde, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Die geistige Empfänglichkeit der Anwesenden hat mich sehr glücklich gemacht, und für Sie alle erbitte ich Gottes Beistand und Ermutigung.

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31. Mai 1912 Ansprache im Rathaus Fanwood, New Jersey Nach Aufzeichnungen aus dem Persischen Die materielle Welt unterliegt einem stetigen Wechsel und Wandel.

Die Sache des Reiches Gottes ist ewiger Natur, deshalb ist sie das Wichtigste.

Aber leider wird der Einfluss des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen täglich schwächer, und materielle Kräfte gewinnen die Oberhand.

Die göttlichen Zeichen lassen nach, und rein menschliche Zeugnisse treten stärker hervor.

Sie sind mittlerweile so weit gekommen, dass die Materialisten vorrücken und zum Angriff übergehen, während die göttlichen Kräfte abnehmen und schwinden.

Der Unglaube hat die Religion besiegt.

Die Ursache dieses chaotischen Zustands sind Unterschiede zwischen den Religionen.

Diese Ursache hat ihren Ursprung in der Feindseligkeit und dem Hass zwischen Sekten und Konfessionen.

Die Materialisten haben von dieser Zwietracht unter den Religionen profitiert und attackieren sie ständig mit dem Ziel, diesen göttlich gepflanzten Baum zu entwurzeln.

Die Streitigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Religionen schwächen sie und führen zu ihrem Untergang.

Wenn ein Kommandant und seine Armee beim Ausführen taktischer militärischer Maßnahmen uneins sind, wird zweifellos der Feind siegen.

Heute sind die Religionen uneins; zwischen ihnen herrschen Feindschaft, Streit und gegenseitige Anschuldigungen; sie weigern sich, zusammenzuarbeiten – schlimmer noch, im Ernstfall vergießen sie sogar das Blut der jeweils anderen.

Lest die Geschichtsbücher und ihr werdet sehen, welche schrecklichen Ereignisse sich im Namen der Religion abgespielt haben.

Zum Beispiel wurden die hebräischen Propheten gesandt, um Christus anzukündigen, aber unglücklicherweise wurde das durch den Talmud und den daraus entstandenen Aberglauben so vollständig verschleiert, dass sie ihren verheißenen Messias kreuzigten.

Hätten sie sich von den Überlieferungen des Talmud losgesagt und die Wahrheit der Religion von Moses erforscht, dann hätten sie an Christus geglaubt.

Dass sie an den Formen ihres ererbten Glaubens in blinder Nachahmung festhielten, beraubte sie der Gnadengaben ihres Messias.

Sie wurden weder vom herabströmenden Regen der Gnade erquickt, noch durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet. Nachahmung zerstört die Grundlage der Religion, tilgt die Spiritualität in der Menschenwelt, wandelt himmlische Erleuchtung in Finsternis und beraubt den Menschen der Erkenntnis Gottes. Nachahmung lässt Materialismus und Unglauben über die Religion siegen; sie leugnet das Göttliche und das Gesetz der Offenbarung; sie lehnt das Prophetentum ab und weist das Gottesreich zurück. Wenn Materialisten mit vernünftiger Analyse durch den Verstand solchen Nachahmungen auf den Grund gehen, finden sie nichts als Aberglauben; deshalb lehnen sie Religion ab. Zum Beispiel haben die Juden Vorstellungen von religiöser Reinheit und Unreinheit, aber wenn man diese Vorstellungen wissenschaftlich untersucht, sieht man, dass sie jeder Grundlage entbehren. Ist es uns unmöglich, die grenzenlosen Gnadengaben Gottes zu empfangen?

Ist es unmöglich, die Vorzüge der geistigen Welt zu erlangen, weil wir nicht zur Zeit Moses leben, in der Epoche der Propheten oder der Ära Christi?

Das waren geistige Zyklen.

Können wir uns nicht geistig entwickeln, weil wir weit weg von ihnen sind und in einem materialistischen Zeitalter leben?

Der Gott Moses und Jesu kann Seinem Volk an diesem Tag die gleichen, nein, größere Gnadengaben schenken.

Zum Beispiel hat Er Seine Diener in früheren Zeiten mit Vernunft, Verstand und Einsicht ausgestattet.

Können wir sagen, Er sei nicht fähig, auch in diesem Jahrhundert Seine Wohltaten zu gewähren?

Wäre es gerecht, wenn Er Moses als Führung für die damaligen Völker sandte, aber die jetzt Lebenden völlig vernachlässigte?

Wäre es möglich, dass das jetzige Zeitalter der göttlichen Wohltaten beraubt ist, obwohl frühere Zeitalter, voll Tyrannei und Barbarei, einen unerschöpflich großen Anteil davon erhielten?

Derselbe barmherzige Gott, Der in der Vergangenheit Seine Gunst gewährt hat, hat auch uns die Türen zu Seinem Königreich geöffnet.

Die Strahlen Seiner Sonne scheinen, der Odem des Heiligen Geistes belebt und beflügelt uns.

Dieser allwissende Gott hilft und bestärkt uns immer noch, erleuchtet unsere Herzen, erfreut unsere Seelen und erfüllt uns mit dem Wohlgeruch der Heiligkeit.

Die göttliche Weisheit und Vorsehung hat alle umschlossen und die himmlische Tafel für uns gedeckt.

Wir müssen eine reichliche Portion dieser großzügigen Gunst in uns aufnehmen. Die Arbeit eines Hirten besteht darin, die zerstreuten Schafe zu sammeln. Wenn er die vereinte Herde auseinander treibt, ist er kein Hirte. Da die Propheten Ihren diesbezüglichen Auftrag erfüllt haben, sind Sie die wahren Hirten. Als Moses erschien, war das israelitische Volk zerrüttet. Feindschaft und Zwietracht steigerten ihre Uneinigkeit. Mit göttlicher Macht sammelte und einte Er diese verstreute Herde, legte die Perle der Liebe in ihre Herzen, befreite sie aus der Gefangenschaft und führte sie aus Ägypten ins Heilige Land. Sie erzielten wunderbare Fortschritte in Wissenschaft und Kunstfertigkeit. Bande sozialer und nationaler Stärke schweißten sie zusammen. Ihre Weiterentwicklung menschlicher Tugenden verlief so wunderbar, dass sie rasch zur Blütezeit Salomons emporstiegen. Könnte man sagen, dass Moses kein wahrer Hirte war und dass Er dieses verstreute Volk nicht zusammengebracht hat? Christus war ein wahrer Hirte. Zur Zeit Seines Erscheinens waren die Griechen, Römer, Assyrer und Ägypter wie viele verstreute Herden. Christus hauchte ihnen den Geist der Einheit ein und brachte sie in Einklang. Daher ist es offensichtlich, dass die Propheten Gottes gekommen sind, um die Menschenkinder zu vereinen, und nicht, um sie zu zerstreuen; um das Gesetz der Liebe einzuführen und nicht Feindschaft. Folglich müssen wir alle Vorurteile beiseitelegen – seien sie religiös, ethnisch, politisch oder patriotisch. Wir müssen zur Ursache der Vereinigung der Menschheit werden. Streben Sie nach Weltfrieden, suchen Sie die Wege der Liebe und zerstören Sie die Grundlagen der Uneinigkeit, sodass diese materielle Welt göttlich, die Welt der Materie zum Reich Gottes werde und die Menschheit zur Vollendung gelange.

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2. Juni 1912 Ansprache in der Church of the Ascension Fifth Avenue und Tenth Street, New York Aufzeichnungen von Esther Foster In der Sprache der Heiligen Bücher wurde die Kirche das ›Haus des Bundes‹ genannt, weil die Kirche ein Ort ist, an dem Menschen unterschiedlicher Denkrichtungen mit voneinander abweichenden Ansichten – Menschen aller Hautfarben und Völker – in einem Bund dauerhafter Gemeinschaft zusammenkommen können.

Im Tempel des Herrn, im Hause Gottes, muss der Mensch gottergeben sein.

Er muss einen Bund mit seinem Herrn eingehen, um den göttlichen Geboten zu folgen und sich mit seinen Mitmenschen zu verbinden.

Er darf weder Unterschiede der Hautfarbe noch die Unterschiede der Nationalität beachten; er darf weder auf Unterschiede in Konfessionen und Glaubensüberzeugungen sehen noch sollte er auf die verschiedenen Denkrichtungen achten.

Vielmehr sollte er alle als Menschen ansehen und anerkennen, dass sich alle zusammenschließen und einigen müssen.

Er muss alle als eine einzige Familie, ein einziges Menschengeschlecht, ein einziges Heimatland anerkennen; er muss alle als Diener des einen Gottes ansehen, die unter dem Schutz Seiner Barmherzigkeit wohnen.

Das heißt, die Kirche sollte ein Sammelpunkt sein.

Gotteshäuser sind Symbole der Wahrheit und Göttlichkeit Gottes – der Sammelpunkt für alle Menschen.

Denken Sie darüber nach, wie in einem Gotteshaus Menschen jeglicher Hautfarbe und Herkunft vertreten sind – alle in der Gegenwart des Herrn, alle geloben, sich zusammen in einem gemeinsamen Bund der Liebe zu verbinden, alle mit der gleichen Melodie, dem gleichen Gebet und Flehen zu Gott.

So ist ganz offensichtlich, dass die Kirche ein Sammelpunkt für die Menschheit ist.

In allen göttlichen Religionen gab es daher Kirchen und Gotteshäuser; aber die wahren Sammelpunkte sind die Manifestationen Gottes, deren Symbol und Ausdruck die Kirchen und Gotteshäuser sind.

Die Manifestation Gottes ist sozusagen das wahre Haus Gottes und der Sammelpunkt, und das Kirchengebäude ist nur ein Symbol. Denken Sie an die Aussage Jesu Christi im Evangelium. Zu Petrus sagte Er: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.« Es ist also klar, dass die Kirche Gottes das Gesetz Gottes und das sichtbare Gebäude nur ein Symbol dafür ist. Denn das Gesetz Gottes ist ein gemeinsamer Mittelpunkt, der unterschiedliche Völker, Länder, Sprachen und Anschauungen vereint. Im Schutz dieses Gesetzes finden alle Zuflucht und alle werden davon angezogen. Moses und das mosaische Gesetz waren beispielsweise der vereinende Sammelpunkt für die verstreuten Schafe Israels. Er vereinte diese umherirrenden Herden, führte bei ihnen das Regelwerk des göttlichen Gesetzes ein, erzog und einte sie, sorgte für ihren Zusammenschluss und erhob sie auf eine überragende Entwicklungsstufe. Zu einer Zeit, in der sie erniedrigt waren, wurden sie erhöht; sie waren unwissend und wurden zu Wissenden; sie lagen in Fesseln und erhielten Freiheit; kurz, sie wurden geeint. Sie kamen Tag für Tag voran und erreichten schließlich die höchste Entwicklungsstufe ihrer Zeit. Damit ist gezeigt, dass die Manifestation Gottes und das Gesetz Gottes Einheit schaffen. Offensichtlich ist die Menschheit uneins. Die Geschmäcker der Menschen sind unterschiedlich. Es gibt viele Denkweisen, Herkunftsorte, Hautfarben und Sprachen. Es liegt auf der Hand, dass ein gemeinsamer Mittelpunkt nötig ist, durch den diese Unterschiede ausgeglichen und die Völker der Welt geeint werden können. Denken Sie darüber nach, dass nichts außer einer geistigen Macht diese Vereinigung herbeiführen kann, denn die materiellen Verhältnisse und die Denkweisen unterscheiden sich so sehr, dass durch äußere Mittel kein Einklang und keine Einheit herbeigeführt werden kann. Aber durch einen gemeinsamen Geist können alle geeint werden, so wie alle von einer einzigen Sonne ihr Licht empfangen. Darum können wir mithilfe des gemeinsamen göttlichen Mittelpunkts – dem Gesetz Gottes und der Wahrheit Seiner Manifestation – diesen Zustand überwinden, bis er ganz verschwindet und die Völker sich weiterentwickeln. Denken Sie an die Zeit Christi.

Es gab viele Völker, Ethnien und Regierungen und viele verschiedene Religionen, Sekten und Konfessionen.

Als aber Christus erschien, erwies sich die messianische Wahrheit als der gemeinsame Mittelpunkt, der sie unter demselben Baldachin der Eintracht versammelte.

Denken Sie darüber nach.

Hätte Jesus Christus durch politische Macht diese unterschiedlichen Einflüsse vereinen oder solche Erfolge erzielen können?

Konnte diese Einheit und Eintracht durch weltliche Kräfte zustande kommen?

Offensichtlich nicht; vielmehr wurden diese verschiedenen Völker durch eine göttliche Macht zusammengebracht, durch den Odem des Heiligen Geistes.

Sie wurden durch das neue Leben, das ihnen eingeflößt wurde, vermischt und erfrischt.

Durch die Geistigkeit Christi wurden ihre Probleme überwunden, sodass ihre Streitigkeiten vollständig verschwanden.

So wurden diese verschiedenen Völker geeint und zusammengeschweißt in einem Bund der Liebe, die als einzige Herzen einen kann.

Es zeigt sich also, dass die göttlichen Manifestationen, die heiligen Sprachrohre Gottes, die Sammelpunkte Gottes sind.

Diese himmlischen Boten sind die wahren Hirten der Menschheit, denn wann immer Sie in der Welt erscheinen, versammeln Sie die verstreuten Schafe.

Dieser Sammelpunkt ist immer im Orient erschienen.

Abraham, Moses, Jesus Christus und Muḥammad waren die Sammelpunkte Ihres Tages und Ihrer Zeit, und alle erhoben sich im Osten.

Heute ist Bahá'u'lláh der Sammelpunkt für die Einheit der ganzen Menschheit, und der Glanz Seines Lichtes ist ebenfalls im Osten aufgegangen.

Er stiftete die Einheit der Menschheit in Persien.

Er stellte Harmonie und Eintracht zwischen den Anhängern unterschiedlicher religiöser Überzeugungen, Konfessionen, Sekten und Kulte her, indem Er sie von den Fesseln überholter Nachahmungen und des Aberglaubens befreite und sie zur wahren Grundlage der göttlichen Religionen führte.

Von dieser Grundlage strahlt die Geistigkeit aus:

Einheit, die Liebe zu Gott, das Wissen um Gott, lobenswerte Ethik und die guten Eigenschaften der Menschenwelt.

Bahá'u'lláh erneuerte diese Prinzipien, so wie das Kommen des Frühlings die Erde erquickt und allen irdischen Wesen neues Leben bringt.

Denn die Frische vergangener Frühlingszeiten war entschwunden, der Duft der lebensspendenden Brisen war verflogen, mit dem Winter war die Zeit der Dunkelheit gekommen.

Bahá'u'lláh kam, um das Leben der Welt mit diesem neuen und göttlichen Frühling zu erneuern, der mit höchster Macht und Herrlichkeit sein Zelt in den Ländern des Orients aufgeschlagen hat.

Das hat den Orient wiederbelebt; und zweifellos würden immerwährende Freude und Glück erlangt, wenn die Welt des Abendlandes die Dogmen der Vergangenheit aufgäbe, sich von Aberglauben und bloßer Nachahmung abwendete, das Wesen der göttlichen Religionen erforschte, am Beispiel Jesu Christi festhielte, nach den Lehren Gottes handelte und sich mit dem Orient vereinte. In der westlichen Welt hat die materielle Zivilisation den höchsten Entwicklungsstand erreicht, aber die göttliche Kultur hat ihren Ursprung im Osten.

Der Osten muss sich die materielle Zivilisation vom Westen aneignen, und der Westen muss die geistige Kultur vom Osten empfangen.

So entsteht eine wechselseitige Verbindung.

Wenn sich beide zusammentun, wird die Menschheit ein herrliches Bild abgeben und außergewöhnliche Fortschritte erzielen.

Das ist klar und offensichtlich und braucht keinen Beweis.

Die hohe Stufe materieller Zivilisation im Westen kann nicht geleugnet werden, genauso wie niemand die geistige Kultur des Ostens bestreiten kann, denn alle göttlichen Grundlagen menschlichen Aufschwungs erschienen im Osten.

Das ist genauso klar und offensichtlich.

Deshalb müssen Sie den Osten beim materiellen Fortschritt unterstützen.

In gleicher Weise muss der Osten die Grundlagen der geistigen Kultur in der westlichen Welt verbreiten.

Durch diese Verschmelzung und Vereinigung wird die Menschheit ein Höchstmaß an Wohlstand und Entwicklung erlangen.

Materielle Zivilisation allein genügt nicht und wird sich als nicht zielführend erweisen.

Das mit materiellen Gegebenheiten verbundene körperliche Glück wurde dem Tier bestimmt.

Denken Sie darüber nach, wie das Tier den höchsten Grad irdischen Glücks erreicht hat.

Ein Vogel sitzt auf dem höchsten Ast und baut dort äußerst schön und geschickt sein Nest.

All die Körner und Samen der Wiesen sind sein Reichtum und seine Nahrung; all das frische Wasser aus den Bergquellen und den Flüssen der Ebene dient seinem Genuss.

Das ist wahrlich der Gipfel irdischen Glücks, zu dem nicht einmal der Mensch gelangen kann.

Das ist der besondere Vorzug des Tierreichs.

Der Vorzug des Menschen hingegen ist, geistiges Glück in der Menschenwelt zu erlangen, Gott zu erkennen und zu lieben.

Die dem Menschen bestimmte Auszeichnung ist, die höchsten Tugenden der Menschenwelt zu erreichen.

Das ist sein wahres Glück und seine Glückseligkeit.

Wenn sich jedoch materielles Glück und geistige Glückseligkeit verbinden, ergibt sich »Entzücken über Entzücken«, wie die Araber sagen.

Wir beten, dass Gott Ost und West einen möge, damit es zum Austausch zwischen diesen beiden Kulturen kommt und die Menschen sich daran erfreuen mögen.

Ich bin sicher, dass es so kommen wird, denn dies ist das Jahrhundert des Lichtes.

Dies ist eine Zeit, in der sich die göttliche Barmherzigkeit über das dringendste Bedürfnis dieses neuen Jahrhunderts ergießt: die Einheit von Ost und West.

Sie wird gewiss verwirklicht werden. Frage: Welche Stellung hat die Frau im Orient? Antwort:

Früher befand sich die Frau in einer höchst beklagenswerten Lage, denn im Orient glaubte man, es sei für die Frau am besten, unwissend zu sein.

Man hielt es für besser, dass sie weder lesen noch schreiben konnte, damit sie nichts über das Weltgeschehen erfuhr.

Man war der Meinung, dass die Frau erschaffen wurde, um Kinder zu erziehen und den Haushaltspflichten nachzukommen.

Nach einer Ausbildung zu streben, galt als unkeusch; und so wurden Frauen zu Gefangenen des Haushalts gemacht.

Die Häuser hatten nicht einmal Fenster, die sich zur Außenwelt öffneten.

Bahá'u'lláh hat diese Vorstellungen zunichtegemacht und die Gleichberechtigung von Mann und Frau verkündet.

Er verhalf der Frau zu Ansehen durch das Gebot, dass alle Frauen Bildung erhalten sollen, dass es keinen Unterschied in der Erziehung und Bildung beider Geschlechter geben darf und Mann und Frau die gleichen Rechte genießen.

In der Wertschätzung Gottes besteht kein Geschlechterunterschied.

Wessen Gedanken rein sind, wer ausgezeichnet erzogen und gebildet ist, wer mehr in seinem Fachgebiet leistet und wer sich durch menschenfreundliche Taten hervortut, hat Anspruch auf alle Rechte und Anerkennung, gleich ob Mann oder Frau, weiß oder schwarz; es gibt keinen wie auch immer gearteten Unterschied.

Die Stellung der Frau im Orient hat sich also gewandelt.

Heute besuchen Frauen Schulen und Hochschulen, gehen dem regulären Lehrplan nach und werden den Männern Tag für Tag unentbehrlicher und ihnen ebenbürtig.

Das ist die derzeitige Lage der Frauen Persiens. Frage: In welcher Beziehung stehen Sie zum Stifter Ihres Glaubens? Sind Sie sein Nachfolger, in derselben Weise wie der römische Papst? Antwort: Ich bin der Diener Bahá'u'lláhs, des Stifters, und das ist mein Ruhm und meine Ehre. Keine Ehre halte ich für größer als diese, und ich hoffe, dass mein Dienst für Bahá'u'lláh von Ihm angenommen wird. Das ist meine Stufe. Frage: Ist es nicht eine Tatsache, dass weltweiter Frieden nicht erreicht werden kann, ehe nicht alle Länder der Welt demokratisch regiert werden? Antwort: Es ist ganz klar, dass es in Zukunft in den Ländern der Welt keine Zentralisierung geben wird, egal ob sie konstitutionell-monarchisch, republikanisch oder demokratisch regiert werden. Die Vereinigten Staaten könnten ein Beispiel für eine künftige Regierung sein – das heißt, jede Provinz wird unabhängig sein, aber es wird einen föderalistischen Bund geben, der die Interessen der verschiedenen unabhängigen Staaten schützt. Das muss nicht zwangsläufig eine republikanische oder demokratische Staatsform sein. Die Abschaffung der Zentralisierung, die den Despotismus begünstigt, ist ein Erfordernis unserer Zeit. Das wird zu internationalem Frieden führen. Ebenso wichtig für die Schaffung des Weltfriedens ist das Frauenwahlrecht. Das heißt, Frieden kann verwirklicht werden, wenn zwischen Männern und Frauen völlige Gleichberechtigung hergestellt sein wird, aus dem einfachen Grund, dass im Allgemeinen Frauen niemals Krieg befürworten werden. Frauen werden nicht bereit sein, jenen, für die sie so zärtlich gesorgt haben, zu erlauben, das Schlachtfeld zu betreten. Wenn sie eine Stimme haben, werden sie sich gegen jeden Kriegsanlass aussprechen. Ein weiterer Faktor, der zu universellem Frieden führen wird, ist die Verbindung von Orient und Okzident. Frage: Was denken Sie über Reinkarnation? Antwort:

Das Thema Reinkarnation hat zwei Aspekte.

Das eine ist, woran die Inder glauben, und selbst das ist in zwei Teile unterteilt:

Reinkarnation und Seelenwanderung.

Gemäß der einen Lehre geht die Seele und kehrt dann in bestimmten Reinkarnationen zurück; sie sagen, eine kranke Person sei wegen ihrer Taten in einer früheren Inkarnation krank, und das sei die Bestrafung.

Die andere Schule des Hinduismus glaubt, dass der Mensch manchmal als Tier wiederkommt – zum Beispiel als Esel – und das sei die Strafe für frühere Taten.

Ich beziehe mich dabei auf die Glaubenslehren in jenem Land, wie sie in den Schulen gelehrt werden.

Es gibt eine Wiederkehr des prophetischen Auftrags.

Als Jesus Christus von Johannes dem Täufer sprach, erklärte Er, dieser sei Elias.

Als Johannes der Täufer gefragt wurde:

»Bist du Elias?«, antwortete er:

»Nein.« Diese beiden Aussagen scheinen widersprüchlich zu sein, aber in Wirklichkeit widersprechen sie sich nicht.

Das Licht ist immer das gleiche Licht.

Das Licht, das gestern Abend in dieser Lampe leuchtete, lässt sie auch heute Abend erstrahlen.

Das heißt nicht, dass dieselben Lichtstrahlen zurückgekehrt sind, sondern die Eigenschaft des Leuchtens.

Das Licht, das sich im Glas gezeigt hat, zeigt sich wieder, sodass wir sagen können, dass das Licht dieses Abends das erneut entzündete Licht des letzten Abends ist.

Das betrifft seine Eigenschaften, aber nicht seine frühere Identität.

Dies ist unsere Sicht zum Thema Reinkarnation.

Wir glauben das, was auch Jesus Christus und alle Propheten geglaubt haben.

Zum Beispiel sagt der Báb:

»Ich bin die Wiederkunft aller Propheten.« Dies bezieht sich auf die Einheit der prophetischen Kräfte, die Einheit der Macht, die Einheit der Gnadengaben, die Einheit der Ausstrahlung, die Einheit des Ausdrucks, die Einheit der Offenbarung. Frage: Wie steht Ihr Glaube zur Familie? Antwort: Nach den Lehren Bahá'u'lláhs muss die Familie als menschliche Einheit nach den Regeln der Heiligkeit erzogen werden. Alle Tugenden müssen der Familie nahegebracht werden. Die Unversehrtheit der Familienbande ist stets zu berücksichtigen; die Rechte der Familienmitglieder dürfen nicht übergangen werden. Niemandes Rechte, weder die des Sohnes, noch des Vaters oder der Mutter dürfen übergangen oder willkürlich ausgelegt werden. So, wie der Sohn bestimmte Pflichten gegenüber seinem Vater hat, hat auch der Vater bestimmte Pflichten gegenüber seinem Sohn. Die Mutter, die Schwester und andere Haushaltsmitglieder haben ihre eigenen Vorrechte. All diese Rechte und Vorrechte müssen gewahrt werden, die Einheit der Familie muss jedoch erhalten bleiben. Die Verletzung eines Familienmitglieds soll als Verletzung aller angesehen werden, das Wohl von einem als das Wohl aller, die Auszeichnung eines einzelnen als Auszeichnung aller. Frage: In welchem Verhältnis steht die Bahá'í-Lehre zur alten zoroastrischen Religion? Antwort:

Die Religionen Gottes haben dieselbe Grundlage, aber die später auftretenden Dogmen sind unterschiedlich.

Jede der göttlichen Religionen hat zwei Aspekte.

Der Erste ist der Wesentliche.

Er betrifft die Ethik und die Entwicklung der menschlichen Tugenden.

Dieser Aspekt ist allen gemeinsam.

Er ist grundlegend.

Er ist ein und derselbe.

Es gibt darin keinen Unterschied, keine Veränderung.

Bezüglich der ethischen Erziehung und der Entwicklung menschlicher Tugenden gibt es keinerlei Unterschied zwischen den Lehren Zarathustras, Jesu und Bahá'u'lláhs.

Darin stimmen sie überein, darin sind sie eins.

Der zweite Aspekt der göttlichen Religionen ist nicht wesentlich.

Er betrifft die menschlichen Bedürfnisse und ändert sich in jedem Zyklus entsprechend den Erfordernissen der Zeit.

Zum Beispiel war Scheidung zu Moses Zeiten mit den Bedürfnissen und Verhältnissen vereinbar; Moses führte sie deshalb ein.

Aber in der Zeit Christi kamen Scheidungen häufig vor und waren die Ursache des Verfalls; da Scheidung zu dieser Zeit nicht mehr passte, erklärte Er sie für ungesetzlich.

Aus ähnlichen Gründen änderte Er auch andere Gesetze.

Dabei geht es um Bedürfnisse und Lebensumstände, die mit dem Verhalten der Gesellschaft zusammenhängen; deshalb werden sie entsprechend den Anforderungen der Zeit geändert.

Moses hielt sich in der Wüste auf.

Da es in der Wüste und Wildnis keine Gefängnisse und keine Mittel zur Wiedergutmachung gab, galt als Gesetz Gottes »Auge um Auge, Zahn um Zahn«.

Könnte man das heute anwenden?

Wenn jemand das Auge eines anderen zerstört, würdet ihr das Auge des Täters zerstören wollen?

Wenn einem Mann die Zähne gebrochen werden oder das Ohr abgeschnitten wird, würdet ihr dann eine entsprechende Verstümmelung seines Angreifers fordern?

Das entspräche nicht den Verhältnissen in der heutigen menschlichen Gesellschaft.

Wenn ein Mann stiehlt, sollte ihm dann die Hand abgetrennt werden?

Diese Strafe war gerecht und richtig im mosaischen Gesetz, aber es passte zur Wüste, wo es keine Gefängnisse und Besserungsanstalten gab wie in späteren, weiter entwickelten Regierungsformen.

Heute habt ihr eine Regierung und eine Ordnung, ein Polizeisystem, einen Richter und ein Schwurgerichtsverfahren.

Strafen und Strafmaße sind jetzt anders.

Darum wird das Unwesentliche, das die einzelnen Gesellschaftsaspekte regelt, gemäß den Erfordernissen der Zeit und der Umstände verändert.

Aber die wesentliche Grundlage der Lehren von Moses, Zarathustra, Jesus und Bahá'u'lláh ist identisch, ist eine einzige; es gibt keinerlei Unterschied. Frage: Ist Frieden ein erhabeneres Wort als Liebe? Antwort: Nein! Liebe ist großartiger als Frieden, denn Frieden beruht auf Liebe. Die Liebe ist die Grundlage des Friedens, und Frieden entsteht aus Liebe. Solange man keine Liebe erlangt, kann es keinen Frieden geben; aber es gibt einen sogenannten Frieden ohne Liebe. Die Liebe, die von Gott kommt, ist das Grundlegende. Diese Liebe ist das Ziel jeder menschlichen Errungenschaft, der Glanz des Himmels, das Licht des Menschen. Frage: Könnten Sie uns die Grundsätze Ihres Glaubens nennen? Antwort: Erstens: Erforscht die Wahrheit. Der Mensch muss bloße Nachahmung aufgeben und die Wahrheit suchen. Die gegenwärtigen religiösen Ansichten weichen voneinander ab, weil sie Dogmen folgen. Es ist daher nötig, solche Nachahmungen aufzugeben und die Wahrheit zu suchen, die allem zugrunde liegt. Zweitens: die Einheit der Menschheit. Alle menschlichen Geschöpfe sind Diener Gottes. Alle sind in das Meer Seiner Gnade getaucht. Der Schöpfer aller ist der eine Gott; der Versorger, der Geber, der Beschützer aller ist ein und derselbe Gott. Er ist gütig zu allen; warum sollten wir herzlos sein? Alle leben unter dem Schirm Seiner Liebe; warum sollten wir einander hassen? Es gibt unwissende Menschen; sie benötigen Erziehung und Bildung. Manche sind wie Kinder; sie müssen bis zur Reife unterrichtet und erzogen werden. Andere sind körperlich, psychisch oder geistig krank; sie müssen behandelt und geheilt werden. Aber alle sind Diener Gottes. Drittens: Die Religion muss Liebe zu allen fördern, muss die Ursache von Gemeinschaft, Einheit und Licht sein. Wenn sie zur Ursache von Feindschaft, Blutvergießen und Hass wird, ist ihr Nichtsein besser als ihr Sein, ihre Abwesenheit besser als ihre Anwesenheit. Religion und Wissenschaft stehen in Eintracht und Einklang. Wenn eine Aussage der Religion gegen die Vernunft verstößt und nicht mit der Wissenschaft vereinbar ist, ist sie bloße Einbildung und nicht glaubwürdig. Viertens: Gleichberechtigung von Mann und Frau. In jeder Hinsicht sind sie gleichwertig. Die Wirtschaftsgesetze für den menschlichen Lebensunterhalt müssen so umgestaltet werden, dass alle Menschen entsprechend ihrer jeweiligen Verdienste in größtem Glück leben können. Fünftens: geistige Gemeinschaft. Die ganze Menschheit muss zu einer geistigen Verbindung gelangen – das heißt, zu einer Vereinigung im Heiligen Geist –, denn patriotische, ethnische und politische Verbindungen nützen nichts. Ihre Erfolge sind dürftig; aber göttliche Verbindung, die geistige Verbindung, stiftet Einheit und Freundschaft zwischen den Menschen. So, wie bisher die materielle Zivilisation ausgebaut wurde, muss nun die göttliche Kultur verbreitet werden. Solange diese beiden nicht in Einklang stehen, wird die Menschheit kein wahres Glück erfahren. Durch rein verstandesmäßige Entwicklung und die Kraft der Vernunft kann der Mensch nicht zu seiner höchsten Stufe gelangen – denn mit dem Verstand allein kann er den durch Religion bewirkten Fortschritt nicht zustande bringen. Die Philosophen in der Vergangenheit mühten sich vergeblich, die Menschheit mittels Verstandesfähigkeiten wiederzubeleben. Sie waren höchstens dazu in der Lage, sich selbst und eine begrenzte Schülerzahl zu erziehen; sie selbst haben ihr Scheitern eingestanden. Daher muss die Menschheit durch den Odem des Heiligen Geistes gestärkt werden, um universelle Bildung und Erziehung zu erhalten. Durch das Einfließen göttlicher Kraft werden alle Nationen und Völker belebt und weltweites Glück ist möglich. Das sind einige Grundsätze der Bahá'í. Frage: Werden Frauen oder Männer dieser neuen Religion am meisten helfen? Welches Geschlecht wird geeigneter sein? Antwort: In Persien haben ihr die Männer mehr geholfen, aber im Westen eher die Frauen. Im Westen haben offenbar die Frauen in der Religion den Vorrang, aber im Osten übertreffen die Männer die Frauen. Frage: Was wird die Nahrung des geeinten Volkes sein? Antwort: Mit dem Fortschritt der Menschheit wird immer weniger Fleisch gegessen werden, denn die Zähne des Menschen sind anders als die der Fleischfresser. Die Zähne des Löwen zum Beispiel sind Fleischfresserzähne, für das Fressen von Fleisch bestimmt; wenn er kein Fleisch findet, verhungert er. Der Löwe kann nicht grasen, die Form seiner Zähne ist dafür nicht geeignet. Das Verdauungssystem des Löwen kann durch nichts als Fleisch Nährstoffe aufnehmen. Der Adler hat einen krummen Schnabel, dessen unterer Teil kürzer ist als der obere. Er kann keine Körner aufpicken, er kann nicht grasen; deshalb muss er Fleisch zu sich nehmen. Die Haustiere haben Pflanzenfresserzähne, geformt, um Gras zu fressen, woraus ihr Futter besteht. Die Backenzähne des Menschen sind so geformt, dass sie Körner zermahlen können. Die Schneidezähne sind für Früchte usw. Aufgrund der Kauwerkzeuge ist es deshalb ziemlich offensichtlich, dass die Nahrung des Menschen Getreide sein sollte und nicht Fleisch. Wenn die Menschheit weiterentwickelt sein wird, wird der Fleischverzehr allmählich aufhören.

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8. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von John G. Grundy Das Staatswesen braucht heutzutage dringend einen Arzt. Es ist einem menschlichen Körper vergleichbar, der von schweren Krankheiten befallen ist. Ein Arzt stellt die Diagnose und verordnet die Behandlung. Er verschreibt jedoch nichts, bevor er nicht die Diagnose gestellt hat. Die Krankheit, die das Staatswesen befallen hat, ist der Mangel an Liebe und Selbstlosigkeit. In den Herzen der Menschen findet sich keine wirkliche Liebe; in einem solchen Zustand ist keine Heilung, keine Einigung der Menschheit möglich, außer wenn eine Macht ihre Empfänglichkeit erweckt, sodass sich unter den Menschen Einheit, Liebe und Eintracht entwickeln können. Was das Staatswesen heute braucht, ist Liebe und Einheit. Ohne sie kann weder Fortschritt noch Wohlstand erreicht werden. Darum müssen die Freunde Gottes an der Macht festhalten, die diese Liebe und Einheit in den Herzen der Menschenkinder erschaffen wird. Wissenschaft kann die Krankheit des Staatswesens nicht heilen. Wissenschaft kann in den Menschenherzen keine Freundschaft und Verbundenheit erzeugen. Weder Vaterlandsliebe noch Volkszugehörigkeit können Abhilfe schaffen. Es muss allein durch die Freigebigkeit Gottes und die geistigen Gaben erreicht werden, die für diesen Zweck an diesem Tag von Gott herabgesandt wurden. Dies ist ein dringendes Bedürfnis dieser Zeit, und das göttliche Heilmittel steht zur Verfügung. Nur die geistigen Lehren der Religion Gottes können diese Liebe, Einheit und Eintracht in den Menschenherzen schaffen. Haltet euch darum an diese von Gott bereitgestellten himmlischen Mittel, sodass durch die Liebe Gottes diese Seelenbande geknüpft, diese Herzensverbindungen verwirklicht werden und das Licht wahrer Einheit durch euch in das ganze Weltall gespiegelt werde. Wenn wir uns nicht fest an diese göttlichen Mittel und Wege halten, wird kein Erfolg möglich sein. Beten wir zu Gott, dass Er unseren Geist beflügle, sodass wir das Kommen Seiner Gnadengaben wahrnehmen; dass Er unsere Augen erleuchte, sodass sie Seine großartige Führung sehen und dass Er unser Gehör darauf einstimme, sich an den himmlischen Melodien des göttlichen Wortes zu erfreuen. Das ist unsere größte Hoffnung. Das ist unser höchstes Ziel.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Philadelphia

9. Juni 1912

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9. Juni 1912 Ansprache in der Unitarian Church Fifteenth Street und Girard Avenue in Philadelphia, Pennsylvania Aufzeichnungen von Edna McKinney Ich bin aus fernen Ländern des Orients gekommen, wo seit jeher die Himmelslichter aufleuchteten, aus jenen Gegenden, wo die Manifestationen Gottes erschienen und der Glanz und die Macht Gottes den Menschen offenbart worden sind. Ziel und Absicht meines Besuches ist es, dass dadurch das Band der Einheit und Einigkeit zwischen Ost und West geknüpft werde, dass göttliche Liebe alle Völker umfasse, göttlicher Glanz beide Kontinente erleuchte und die Gaben des Heiligen Geistes den Körper der Welt beleben mögen. Deshalb flehe ich an der Göttlichen Schwelle, dass Orient und Okzident eins werden, dass die verschiedenen Völker und Religionen sich vereinen und die Seelen verschmelzen wie die Wellen eines Meeres. Mögen sie wie Bäume, Blumen und Rosen werden, die denselben Garten schmücken und verschönern. Das Reich Gottes ist eine unteilbare Einheit, gänzlich geheiligt über menschliches Begreifen; denn das verstandesmäßige Wissen über die Schöpfung ist begrenzt, wohingegen das göttliche Fassungsvermögen grenzenlos ist.

Wie kann das Begrenzte das Unbegrenzte begreifen?

Wir sind der Inbegriff der Armut, während die göttliche Wirklichkeit absoluter Reichtum ist.

Wie kann völlige Armut absoluten Reichtum verstehen?

Wir sind der Inbegriff der Schwäche, während die göttliche Wirklichkeit absolute Macht ist.

Völlige Schwäche kann niemals absolute Macht erlangen oder auch nur begreifen.

Die Wesen der Erscheinungswelt, die in Begrenzungen gefangen sind, unterliegen stets dem Wandel und Wechsel der Verhältnisse.

Wie können solche Wesen jemals die himmlische, ewige, unveränderliche Wirklichkeit erfassen?

Das ist ganz sicher unmöglich, denn wenn wir die erschaffene Welt erforschen, sehen wir, dass der Stufenunterschied solches Wissen verhindert.

Eine niedrigere Stufe kann niemals eine höhere Stufe oder ein höheres Reich begreifen.

Das Mineral, egal wie weit es voranschreitet, kann niemals das Pflanzenreich erkennen.

Wie weit ein Gewächs aus der Pflanzenwelt auch fortschreitet, es kann das Wesen des Tierreichs nicht verstehen – mit anderen Worten, es kann keine Lebenswelt begreifen, die mit Sinneskräften ausgestattet ist.

Das Tier mag ein wunderbares Maß an Intelligenz entwickeln, aber es kann niemals die Fähigkeiten der Vorstellung und des bewussten Nachdenkens erlangen, die dem Menschen zu eigen sind.

Es ist daher offensichtlich, dass der Stufenunterschied immer ein Hindernis für das Erfassen des Höheren durch das Niedrigere, des Überlegenen durch das Unterlegene ist.

Diese Blume, so schön, frisch, aromatisch und zart duftend, kann, auch wenn sie in ihrem eigenen Reich Vollkommenheit erlangt hat, trotzdem die menschliche Wirklichkeit nicht begreifen, kann weder sehen noch hören; darum bleibt ihr die Welt des Menschen verborgen, obwohl beide, der Mensch und sie, ein zufälliges, bedingtes Wesen sind.

Der Unterschied liegt in der Stufe.

Die Begrenztheit einer niedrigeren Stufe verhindert das Verständnis. Da dies so ist, wie kann dann ein menschliches Wesen, das begrenzt ist, den ewigen, verborgenen Schöpfer begreifen?

Wie kann der Mensch den allwissenden, allgegenwärtigen Herrn begreifen?

Zweifellos kann er es nicht, denn was auch immer der menschliche Geist erfasst, ist die begrenzte Vorstellung eines Menschen, während das göttliche Königreich unbegrenzt und unendlich ist.

Aber obwohl die Wirklichkeit des Göttlichen über das Verstehen ihrer Geschöpfe geheiligt ist, hat sie allen Reichen der stofflichen Welt ihre Gaben verliehen, und Beweise geistiger Offenbarung werden in allen Reichen des bedingten Seins bezeugt.

Das Licht Gottes erleuchtet die Welt des Menschen, so wie die Sonnenstrahlen herrlich auf die materielle Schöpfung scheinen.

Die Sonne der Wahrheit ist eine einzige; ihre Gabe ist eine einzige; ihre Wärme ist eine einzige; ihre Strahlen sind eins.

Sie scheint auf die gesamte stoffliche Welt, aber die Fähigkeit, sie zu erfassen, ist je nach Reich verschieden, wobei jedes Reich seinen Fähigkeiten entsprechend das Licht und die Gaben der ewigen Sonne empfängt.

Der schwarze Stein empfängt das Licht der stofflichen Sonne, auch die Bäume und Tiere empfangen es.

Alle existieren und entwickeln sich durch diese eine Gabe.

Die vollkommene Seele des Menschen – das heißt das vollkommene Individuum – ist wie ein Spiegel, in dem sich die Sonne der Wahrheit spiegelt.

Die Vollkommenheit, das Abbild und Licht dieser Sonne wurden in diesem Spiegel offenbart; ihre Wärme und ihr Licht manifestieren sich darin, denn in dieser reinen Seele findet die Sonne einen vollkommenen Ausdruck. Diese Spiegel sind die Boten Gottes, die uns von Gott erzählen, so wie der materielle Spiegel das Licht der am Himmel sichtbaren Sonnenscheibe reflektiert. Auf diese Weise erscheinen das Bild und der Glanz der Sonne der Wahrheit in den Spiegeln der Manifestationen Gottes. Dies meinte Jesus Christus, als Er erklärte: »Der Vater ist im Sohn«, was heißt, dass die Wahrheit der ewigen Sonne und ihre Herrlichkeit sich in Christus Selbst spiegelte. Es bedeutet nicht, dass die Sonne der Wahrheit von ihrem Ort am Himmel herabgestiegen oder ihr Wesenskern in den Spiegel eingetreten wäre, denn für die göttliche Wirklichkeit gibt es weder Eingang noch Ausgang; es gibt kein Eintreten oder Austreten; sie ist über alle Dinge geheiligt und nimmt immer nur ihre eigene heilige Stufe ein. Wandel und Wechsel betreffen diese ewige Wirklichkeit nicht. Der Übergang von einem Zustand zum anderen ist das Kennzeichen bedingter Daseinsformen. Zu einer Zeit, als Krieg und Streit unter den Völkern vorherrschten, als Feindschaft und Hass Sekten und Konfessionen trennten und menschliche Gegensätze besonders ausgeprägt waren, erschien Bahá'u'lláh am Horizont des Ostens und verkündete die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit.

Er verbreitete die Lehre, dass alle Menschen Diener eines einzigen Gottes sind, dass alle durch die Gnade des einen Schöpfers ins Dasein gekommen sind, dass Gott zu allen gütig ist, sie alle ernährt, aufzieht und beschützt, für alle sorgt und Seine Liebe und Sein Erbarmen sich auf alle Menschen und alle Völker erstrecken.

Da Gott liebevoll ist, warum sollten wir ungerecht und herzlos sein?

Da Gott Treue und Barmherzigkeit erweist, warum sollten wir Feindschaft und Hass zeigen?

Sicherlich ist die göttliche Vorgehensweise perfekter als menschliches Planen und menschliche Theorien; egal wie weise und klug der Mensch werden mag, er kann niemals eine Vorgehensweise ersinnen, die der Vorgehensweise Gottes überlegen ist.

Deshalb müssen wir nach dem Vorbild Gottes handeln, alle Menschen lieben und gerecht und gütig zu jedem menschlichen Geschöpf sein.

Wir müssen alle Menschen als Blätter, Zweige und Früchte eines einzigen Baumes betrachten, als Kinder eines einzigen Haushalts, denn alle sind die Nachkommen Adams.

Wir sind Wellen eines einzigen Meeres, Gräser derselben Wiese, Sterne am selben Himmel und wir finden Obhut beim allumfassenden göttlichen Beschützer.

Wenn jemand krank ist, muss er behandelt werden; die Unwissenden müssen geschult werden; die Schlafenden müssen aufgeweckt werden; die Toten müssen wieder mit Leben erfüllt werden.

Das sind Grundsätze aus den Lehren Bahá'u'lláhs. Mit der Verkündigung der Einheit der Menschheit lehrte Er, dass Männer und Frauen vor Gott gleich sind und kein Unterschied zwischen ihnen gemacht werden darf.

Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist der Mangel an Erziehung und Bildung.

Wenn die Frau die gleichen Bildungschancen bekommt, werden Unterscheidung und Geringschätzung verschwinden.

Die Menschenwelt hat sozusagen zwei Flügel:

Der eine ist weiblich, der andere männlich.

Wenn ein Flügel schwach ist, kann der starke und vollendete Flügel allein nicht fliegen.

Die Menschenwelt hat zwei Hände.

Wenn eine schwach ist, ist die tüchtige Hand eingeschränkt und nicht in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen.

Gott ist der Schöpfer der Menschheit.

Er hat beide Geschlechter mit Vortrefflichkeiten und Verstand ausgestattet, ihnen Körperteile und Sinnesorgane gegeben, ohne Spezialisierung oder Unterscheidung hinsichtlich Über- oder Unterlegenheit.

Warum also sollte man denken, die Frau sei weniger wert?

Das entspricht nicht dem Plan und der Gerechtigkeit Gottes.

Er hat sie gleich erschaffen; nach Seiner Einschätzung spielt das Geschlecht keine Rolle.

Wessen Herz rein und wessen Taten vollendet sind, ist Gott willkommen, sei es Mann oder Frau.

In der Geschichte waren oft Frauen der Stolz der Menschheit – zum Beispiel Maria, die Mutter Jesu.

Sie war die Ehre der Menschheit.

Maria Magdalena, Ásíyih, die Tochter des Pharao, Sarah, die Frau Abrahams, und unzählige andere haben der Menschheit durch ihre Vortrefflichkeit Ehre gebracht.

An diesem Tag gibt es Frauen unter den Bahá'í, die die Männer weit überragen.

Sie sind weise, talentiert, gebildet, fortschrittlich, höchst intelligent und das Licht der Welt.

Sie übertreffen Männer an Mut.

Wenn sie in Versammlungen sprechen, hören die Männer mit großem Respekt zu.

Zudem ist die Erziehung und Bildung der Frauen von größerer Bedeutung als die der Männer, denn sie sind die Mütter der Menschheit, und die Kinder werden von Müttern erzogen.

Die Mütter sind die ersten Lehrerinnen der Kinder.

Daher müssen sie gut ausgebildet sein, um sowohl Söhne als auch Töchter entsprechend erziehen zu können.

In den Schriften Bahá'u'lláhs gibt es viele diesbezügliche Vorgaben. Er forderte den gleichen Bildungsweg für Mann und Frau. Töchter und Söhne müssen den gleichen Lehrplan durchlaufen und dadurch die Einheit der Geschlechter fördern. Wenn alle Menschen die gleichen Bildungschancen haben und die Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht ist, werden die Kriegsgrundlagen völlig vernichtet. Ohne Gleichberechtigung ist dies unmöglich, weil alle trennenden Unstimmigkeiten und Unterscheidungen zu Zwietracht und Streit führen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau trägt zur Abschaffung von Krieg bei, denn Frauen werden niemals bereit sein, ihn zu billigen. Mütter werden ihre Söhne nicht auf dem Schlachtfeld als Opfer hergeben, nachdem sie sie von klein auf zwanzig Jahre lang umsorgt und umhegt haben, gleichgültig, welche Sache die Söhne verteidigen sollen. Es besteht kein Zweifel, dass Krieg unter den Menschen gänzlich aufhören wird, sobald Frauen gleiche Rechte erhalten. Bahá'u'lláh verkündete die grundlegende Einheit der Religion. Er lehrte, dass die Wahrheit nur eine ist und nicht vielfach, dass sie allen göttlichen Geboten zugrunde liegt und dass die Grundlage aller Religionen daher dieselbe ist. Nach und nach haben sich bestimmte Ausprägungen und Abwandlungen herausgebildet. Da sie voneinander abweichen, führen sie zu Konflikten zwischen den Religionsanhängern. Wenn wir diese Verfälschungen beiseite lassen und uns an die wesentliche Wahrheit halten, die unseren Überzeugungen zugrunde liegt, schaffen wir eine Basis für Einigkeit, denn diese Wahrheit ist eine einzige und nicht vielfach. Ein weiterer Grundsatz der Lehren Bahá'u'lláhs ist die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion.

Die Religion muss einer Analyse durch die Vernunft standhalten.

Sie muss mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Beweisen in Einklang stehen, damit die Wissenschaft die Religion anerkennt und die Religion die Wissenschaft bestärkt.

Beide sind in Wirklichkeit untrennbar miteinander verschmolzen und verbunden.

Wenn die Aussagen und Lehren der Religion sich als unvernünftig erweisen und der Wissenschaft widersprechen, sind sie das Ergebnis von Aberglauben und Einbildung.

In der Vergangenheit sind unzählige derartige Doktrinen und Glaubenslehren entstanden.

Nehmen wir den Aberglauben und die Mythen der Römer, Griechen und Ägypter; sie standen alle im Widerspruch zur Religion und zur Wissenschaft.

Es ist jetzt offensichtlich, dass die Glaubensvorstellungen dieser Völker Aberglauben waren, aber zu ihrer Zeit hielt man äußerst hartnäckig an ihnen fest.

So war einer der vielen ägyptischen Götzen für jene Menschen ein verbürgtes Wunder, obwohl er in Wirklichkeit ein Stück Stein war.

Da die Wissenschaft die Erschaffung eines Gesteinsstücks durch ein Wunder sowie dessen wundersame Eigenschaften nicht bestätigen kann, muss der Glaube daran Aberglaube gewesen sein.

Es ist jetzt offensichtlich, dass es Aberglaube war.

Deshalb müssen wir solche Überzeugungen vollkommen ablegen und die Wahrheit erforschen.

Das, was sich als wahr und mit der Vernunft vereinbar herausstellt, muss akzeptiert werden, und was Wissenschaft und Vernunft nicht bestätigen können, muss als Verfälschung ohne Bezug zur Wirklichkeit abgelehnt werden.

Dann werden Glaubensunterschiede verschwinden.

Alle werden zu einer einzigen Familie, einem einzigen Volk werden und bei allen Menschen wird sich die gleiche Aufnahmefähigkeit für die göttliche Freigebigkeit und Erziehung erweisen. O Du vergebender Herr! Du bist aller Deiner Diener Zuflucht. Du kennst die Geheimnisse und bist aller Dinge gewahr. Wir alle sind hilflos, Du aber bist der Machtvolle, der Allmächtige. Wir alle sind Sünder, Du aber bist der Vergeber der Sünden, der Barmherzige, der Mitleidvolle. O Herr! Sieh nicht auf unsere Fehler. Verfahre mit uns nach Deiner Gnade und Großmut. Groß ist die Zahl unserer Mängel, doch unendlich ist das Meer Deiner Vergebung. Schlimm ist unsere Schwäche, doch Deine Hilfe und Dein Beistand sind offensichtlich. Darum stärke und festige uns. Mache uns fähig, zu vollbringen, was Deiner heiligen Schwelle würdig ist. Erleuchte unsere Herzen, verleihe uns scharfe Augen und aufmerksame Ohren. Erwecke die Toten und heile die Kranken. Verleihe den Armen Wohlstand, den Furchtsamen Frieden und Sicherheit. Nimm uns auf in Dein Reich und erleuchte uns mit dem Lichte der Führung. Du bist der Starke, der Allmächtige. Du bist der Freigebige. Du bist der Sanftmütige. Du bist der Gütige.

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9. Juni 1912 Ansprache im Baptisten-Tempel Broad and Berks Street, Philadelphia, Pennsylvania Aufzeichnungen von Edna McKinney Es freut mich sehr, heute Abend hier zu sein. Dies ist ein wirklich hochgeistiges Treffen. Ich nehme den Wohlgeruch des himmlischen Königreichs bei Ihnen wahr – Hingabe an Gott, aufrichtige Absichten und geistige Liebe. Das ist höchst erfreulich! Seit der Erschaffung Adams bis zum heutigen Tag hat es für die Menschheit zwei Wege gegeben: den naturbezogenen oder materialistischen und den religiösen oder spirituellen. Der erste Weg, der der Natur, ist der Weg des Tierreiches. Das Tier handelt in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Natur, es folgt seinen eigenen Instinkten und Begierden. Was auch immer sein Antrieb und seine Vorlieben sein mögen, es hat die Freiheit, sie auszuleben; dennoch ist es ein Gefangener der Natur. Es kann nicht im Geringsten von dem Weg abweichen, den die Natur festgelegt hat. Jegliche Aufnahmefähigkeit für Geistiges fehlt ihm völlig; es weiß nichts von der göttlichen Religion oder vom Reich Gottes. Das Tier besitzt weder Vorstellungsvermögen noch bewussten Verstand; es ist ein Gefangener der Sinne und all dessen beraubt, was darüber hinaus geht. Es ist dem unterworfen, was das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, der Geschmack empfindet und der Tastsinn verrät. Diese Sinneswahrnehmungen passen zum Tier und genügen ihm. Was aber außerhalb der Sinneswahrnehmung liegt – die Erscheinungswelt, durch die der bewusste Weg zum Reich Gottes führt, die Welt der Geistigkeit und der göttlichen Religion –, davon weiß das Tier absolut nichts, denn auch auf seiner höchsten Entwicklungsstufe ist es ein Gefangener der Natur. Es ist sehr befremdlich, dass die heutigen Materialisten stolz auf ihre angeborenen Instinkte und ihre Unfreiheit sind. Sie behaupten, dass nichts geglaubt und akzeptiert werden darf außer dem, was erfahrbar oder greifbar ist. Nach ihren eigenen Aussagen sind sie Gefangene der Natur und wissen nichts über die geistige Welt, das Reich Gottes und die Gaben des Himmels. Wenn das ein besonderer Vorzug ist, dann hat das Tier ihn im höchsten Maß erreicht, denn das Tier weiß absolut nichts über das Reich des Geistes und hat keinen Zugang zur inneren Welt der bewussten Erkenntnis. Das Tier würde dem Materialisten in der Ablehnung all dessen, was außerhalb der Sinne liegt, zustimmen. Wenn wir annehmen, es sei ein Vorzug, auf die Ebene der Sinne beschränkt zu sein, dann stünde das Tier über dem Menschen, denn ihm fehlt komplett das, was über die Sinnesebene hinausgeht, und es nimmt das Reich Gottes und seine Zeichen nicht wahr, während Gott in den Menschen eine grenzenlose Kraft gelegt hat, mit deren Hilfe er die Welt der Natur beherrschen kann. Denken Sie darüber nach, wie alle anderen Dinge und Wesen der Erscheinungswelt Gefangene der Natur sind.

Die Sonne, dieser gewaltige Mittelpunkt unseres Sonnensystems, die riesigen Sterne und Planeten, die hoch aufragenden Berge, selbst die Erde und ihre Reiche des Lebens unterhalb der menschlichen Stufe – sie alle sind Gefangene der Natur, mit Ausnahme des Menschen.

Kein anderes Geschöpf kann sich auch nur im Geringsten den Naturgesetzen widersetzen.

Die Sonne in ihrer Pracht und Größe, Millionen von Meilen von der Erde entfernt, wird auf ihrer Bahn im Orbit festgehalten, eine Gefangene der universell gültigen Naturgesetze.

Der Mensch ist jedoch Herrscher über die Natur.

Nach den Naturgesetzen und ihren Beschränkungen sollte er auf der Erde bleiben, aber seht, wie er diese Regel bricht und sich in Flugzeugen hoch über die Berge erhebt.

Er kreuzt mit Schiffen auf dem Ozean und taucht in Unterseebooten in seine Tiefen.

Der Mensch macht die Natur zu seiner Dienerin; beispielsweise zähmt er die mächtige Energie der Elektrizität und sperrt sie zu seinem Nutzen in eine kleine Lampe.

Aus dem Osten spricht er durch einen Draht mit dem Westen.

Er kann seine Stimme in einem Grammophon speichern und aufbewahren.

Obgleich ein Erdenbewohner, durchdringt er doch die Geheimnisse unvorstellbar weit entfernter Sternenwelten.

Er findet im Schoß der Erde verborgene Güter, legt Schätze frei, durchschaut die Geheimnisse der stofflichen Welt und bringt ans Licht, was nach den streng gehüteten Gesetzen der Natur verborgen, unbekannt und unergründlich bleiben sollte.

Durch seine innere Vorstellungskraft bringt der Mensch diese Wahrheiten von der unsichtbaren auf die sichtbare Ebene.

Dies steht im Gegensatz zu den Naturgesetzen. Das verdeutlicht, dass der Mensch über die Domäne der Natur herrscht. Die Natur ist träge, der Mensch schreitet voran. Die Natur hat kein Bewusstsein, der Mensch ist damit begabt. Die Natur hat keinen Willen und funktioniert durch Zwang, während der Mensch einen mächtigen Willen besitzt. Die Natur ist unfähig, Geheimnisse und Wahrheiten zu entdecken, während der Mensch eigens dazu befähigt ist. Die Natur ist nicht in Kontakt mit dem Reich Gottes; der Mensch ist auf Seine Zeichen eingestimmt. Die Natur weiß nichts von Gott; der Mensch ist sich Seiner bewusst. Der Mensch erwirbt göttliche Tugenden; der Natur sind sie versagt. Der Mensch kann willentlich von seinen Lastern ablassen; die Natur hat keine Macht, den Einfluss ihrer Instinkte zu verändern. Alles in allem ist es offensichtlich, dass der Mensch edler und erhabener ist, dass in ihm eine geistige Kraft existiert, die über die Natur hinausgeht. Er hat Bewusstsein, Willen, Gedächtnis, Denkvermögen, göttliche Eigenschaften und Tugenden, von denen die Natur gänzlich ausgeschlossen ist. So steht der Mensch aufgrund der geistigen und himmlischen Kraft, die ihm innewohnt und in ihm offenbar ist, auf einer höheren und edleren Stufe. Wie seltsam erscheint es da, dass der Mensch trotz dieser ihm geschenkten geistigen Macht auf eine Ebene unterhalb seiner eigenen hinabsteigen will und erklärt, er sei nicht größer als das, was deutlich niedriger ist als sein wahrer Rang. Gott hat in ihm einen so bewussten Geist geschaffen, dass er das wunderbarste unter allen erschaffenen Wesen ist. Wenn er diese Vorzüge missachtet, steigt er auf die materielle Ebene hinab, sieht in der Materie die beherrschende Kraft des Seins und leugnet, was über sie hinausgeht. Ist das ein Vorzug? Es ist ganz und gar tierisch, denn das Tier bringt nichts darüber hinaus zustande. So gesehen ist das Tier in Wahrheit der größere Philosoph, da es vom Reich Gottes keine Ahnung hat, keine spirituelle Empfänglichkeit besitzt und nichts von der himmlischen Welt weiß. Soweit ein Blick auf den Weg der Natur. Der zweite Weg ist der Weg der Religion, der Pfad des göttlichen Königreichs. Dazu gehören die Entwicklung lobenswerter Eigenschaften, himmlische Erleuchtung und rechtschaffene Taten in der Menschenwelt. Dieser Weg trägt zum Fortschritt und zur Erbauung der Welt bei. Er ist die Quelle menschlicher Erleuchtung, der Erziehung und der Weiterentwicklung der Ethik – der Magnet für die Liebe Gottes, weil er uns das Wissen über Gott vermittelt. Das ist der Pfad der heiligen Manifestationen Gottes; denn Sie sind in Wahrheit die Grundlage der göttlichen Religion der Einheit. Auf diesem Weg gibt es weder Wechsel noch Wandel. Er ist die Ursache für die Veredelung der Menschen, die Aneignung himmlischer Tugenden und die Erleuchtung der Menschheit. Doch leider ist die Menschheit völlig in blinde Nachahmung und bloße Einbildungen verstrickt, obwohl die Wahrheit der göttlichen Religion immer dieselbe geblieben ist.

Abergläubische Vorstellungen haben die grundlegende Wahrheit verdeckt, die Welt hat sich verfinstert und das Licht der Religion ist nicht zu sehen.

Dieses Dunkel führt zu Zwist und Streit.

Es gibt vielerlei Riten und Dogmen, deshalb ist unter den religiösen Systemen Zwietracht entstanden, obwohl Religion zur Vereinigung der Menschheit bestimmt ist.

Wahre Religion ist die Quelle von Liebe und Einvernehmen zwischen den Menschen und bewirkt die Entfaltung lobenswerter Eigenschaften; aber die Menschen halten sich an Fälschungen und Nachahmungen und missachten die einende Wahrheit; so bringen sie sich um das strahlende Licht der Religion.

Sie folgen dem Aberglauben, den sie von ihren Vätern und Vorfahren übernommen haben.

Das hat ein solches Ausmaß angenommen, dass sie das himmlische Licht der göttlichen Wahrheit beseitigt haben und in der Finsternis ihrer blinden Nachahmungen und Einbildungen verharren.

Was eigentlich Leben hervorbringen sollte, führt jetzt zum Tod; was Wissen beweisen sollte, ist jetzt ein Ausdruck der Unwissenheit; was zur Erhabenheit der menschlichen Natur beitrug, führt jetzt zu ihrer Erniedrigung.

So wurde die Welt der religiösen Menschen immer enger und dunkler und der Einflussbereich der Materialisten hat sich ausgedehnt und erweitert, denn die Anhänger der Religionen haben sich an Nachahmungen und Fälschungen gehalten und dabei die Heiligkeit und Wahrheit der Religion ignoriert und verworfen.

Wenn die Sonne untergeht, beginnt der Flug der Fledermäuse.

Sie kommen hervor, weil sie Geschöpfe der Nacht sind.

Wenn das Licht der Religion nur noch schwach leuchtet, erscheinen die Materialisten.

Sie sind die Fledermäuse der Nacht.

Mit dem Niedergang der Religion kommt ihre aktive Zeit; sie suchen den Schatten auf, wenn sich die Welt verdunkelt und von Wolken bedeckt wird. Bahá'u'lláh hat sich vom östlichen Horizont aus erhoben. Wie die Herrlichkeit der Sonne ist Er in die Welt gekommen. Er spiegelte die Wahrheit der göttlichen Religion, vertrieb die Finsternis blinder Nachahmungen, legte die Grundlage neuer Lehren und erweckte die Welt zu neuem Leben. Die erste Lehre Bahá'u'lláhs ist das Erforschen der Wahrheit. Der Mensch muss eigenständig die Wahrheit suchen und sich nicht länger an Nachahmungen und Überlieferungen klammern. Da sich die Völker der Welt an Nachahmungen anstatt an die Wahrheit halten und da es viele verschiedene Nachahmungen gibt, führten die Glaubensunterschiede zu Kampf und Krieg. Solange es diese Nachahmungen gibt, ist die Einheit der Menschheit nicht erreichbar. Darum müssen wir die Wahrheit erforschen, damit ihr Licht die Wolken und die Finsternis vertreiben kann. Die Wahrheit ist eine einzige Wahrheit; man kann sie nicht teilen oder vervielfältigen. Wenn die Völker der Welt die Wahrheit erforschen, werden sie einer Meinung sein und sich vereinen. Viele Menschen und Sekten in Persien haben mittels der Führung und Lehre Bahá'u'lláhs die Wahrheit gesucht. Sie wurden vereint und leben jetzt in Einvernehmen und Liebe; bei ihnen gibt es nicht mehr die geringste Spur von Feindschaft und Streit. Die Juden erwarteten voller Hingabe, mit Herz und Seele das Erscheinen des Messias, aber weil sie in blinder Nachahmung versunken waren, glaubten sie nicht an Jesus Christus, als Er erschien. Letztlich erhoben sie sich gegen Ihn, verfolgten Ihn sogar und vergossen Sein Blut. Hätten sie die Wahrheit erforscht, so hätten sie den ihnen verheißenen Messias angenommen. Diese blinden Nachahmungen und übernommenen Vorurteile bewirkten immer nur Bitterkeit und Hass und erfüllten die Welt mit der Dunkelheit und Gewalttätigkeit des Krieges. Deshalb müssen wir die zugrunde liegende Wahrheit suchen, um uns von solchen Zuständen zu befreien und dann mit leuchtendem Antlitz den Pfad zum Reich Gottes zu finden. Die zweite Lehre Bahá'u'lláhs betrifft die Einheit der Menschheit. Alle sind Diener Gottes und Mitglieder einer einzigen menschlichen Familie. Gott hat alle erschaffen und alle sind Seine Kinder. Er erzieht alle, nährt alle, sorgt für alle und ist gütig zu allen. Warum sollten wir ungerecht und lieblos sein? Dies ist der Weg Gottes, das Licht, das die ganze Welt erleuchtet. Seine Sonne schenkt allen freigebig ihren Glanz; Seine Wolken senden Regen ohne Unterscheidung oder Bevorzugung herab; Seine Brisen erfrischen die ganze Erde. Offensichtlich ist die Menschheit ohne Ausnahme unter Seiner Gnade und Seinem Schutz geborgen. Einige sind mängelbehaftet; sie müssen vervollkommnet werden. Die Unwissenden müssen unterrichtet, die Kranken geheilt, die Schläfer geweckt werden. Das Kind darf nicht unterdrückt oder getadelt werden, weil es unentwickelt ist; es muss geduldig erzogen und ausgebildet werden. Die Kranken dürfen nicht wegen ihrer Krankheit benachteiligt werden; vielmehr müssen wir Mitleid mit ihnen haben und für ihre Heilung sorgen. Kurzum, die alten Zustände der Feindseligkeit, der Intoleranz und des Hasses zwischen den religiösen Systemen müssen beseitigt und die neuen Zustände der Liebe, des Einvernehmens und der geistigen Gemeinschaft müssen zwischen ihnen hergestellt werden. Die dritte Lehre Bahá'u'lláhs besagt, dass Religion eine Quelle der Freundschaft, die Ursache für Einheit und für die Nähe Gottes zu den Menschen sein muss. Wenn sie Hass und Streit hervorruft, dann ist Religionslosigkeit offensichtlich vorzuziehen und ein Mensch ohne Religion ist besser als einer, der sich zu ihr bekennt. Nach Gottes Willen und Absicht sollte Religion die Ursache für Liebe und Einvernehmen sein, ein verbindendes Element, um die gesamte Menschheit zu vereinen, denn sie ist eine Botschaft des Friedens und des Wohlwollens von Gott an die Menschen. Die vierte Lehre Bahá'u'lláhs ist der Einklang von Religion und Wissenschaft. Gott hat den Menschen mit Verstand und Vernunft begabt, weshalb dieser gefordert ist, die hinter den Fragen und Lehrsätzen liegende Wahrheit herauszufinden. Wenn religiöse Überzeugungen und Ansichten wissenschaftlichen Maßstäben widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und Einbildung; denn das Gegenteil von Wissen ist Unwissenheit, und das Kind der Unwissenheit ist der Aberglaube. Zweifellos müssen wahre Religion und Wissenschaft in Einklang stehen. Wenn etwas völlig widersinnig ist, dann ist es unmöglich, daran zu glauben und darauf zu vertrauen, und nichts anderes als Wankelmut und Unentschlossenheit sind das Ergebnis. Bahá'u'lláh lehrte auch, dass Vorurteile – ob religiös, ethnisch, patriotisch oder politisch – die Grundlagen der menschlichen Entwicklung zerstören. Vorurteile jeglicher Art zerstören Glück und Wohlfahrt der Menschen. Solange sie nicht ausgeräumt sind, kann sich die Menschheit nicht weiterentwickeln. Dennoch sind rassistische, religiöse und nationalistische Vorbehalte überall zu beobachten. Seit Tausenden von Jahren wird die Menschheit von Vorurteilen aufgewühlt und verstört. Solange sie weiterbestehen, werden Krieg, Feindseligkeit und Hass andauern. Wenn wir also Frieden schaffen wollen, müssen wir dieses Hindernis beseitigen, andernfalls sind Eintracht und Ruhe nicht zu erreichen. Sechstens brachte Bahá'u'lláh Leitlinien und Lehren für eine Neuordnung der Wirtschaft. Er hat Verordnungen offenbart, die die Wohlfahrt der Staatengemeinschaft sichern. So, wie der Reiche ein unbeschwertes Leben im Luxus genießt, muss auch der Arme ein Zuhause haben und seinen Bedürfnissen entsprechend mit einem Lebensunterhalt und Annehmlichkeiten versorgt werden. Diese Neuordnung der Sozialwirtschaft ist von größter Bedeutung, da sie die Stabilität der Menschenwelt sicherstellt, und solange dies nicht erfolgt, sind Glück und Gedeihen unmöglich. Siebtens lehrte Bahá'u'lláh, dass ein einheitlicher Menschenrechtsstandard anerkannt und angenommen werden muss. In den Augen Gottes sind alle Menschen gleich; keine Seele genießt eine Sonderstellung oder einen Vorrang unter der Herrschaft Seiner Gerechtigkeit und Seiner Rechtsnormen. Achtens: Erziehung ist wesentlich, und alle Standards für Bildung und Unterricht sollten überall auf der Welt in Einklang gebracht werden. Es sollte ein weltweiter Lehrplan eingeführt werden, und die ethischen Grundlagen sollten die gleichen sein. Neuntens: Eine Weltsprache sollte angenommen und in allen Schulen und Institutionen der Welt unterrichtet werden. Ein von den nationalen Bildungseinrichtungen ernanntes Komitee sollte eine geeignete Sprache für die internationale Kommunikation auswählen. Alle müssen diese Sprache erlernen. Dies ist eine der wichtigen Voraussetzungen, um zur Einheit der Menschheit zu gelangen. Zehntens betonte Bahá'u'lláh die Gleichberechtigung von Mann und Frau und führte sie ein. Verschiedene Geschlechter gibt es nicht nur bei Menschen; es gibt sie überall im Tier- und Pflanzenreich – aber ohne dass ein Geschlecht bevorzugt wird. Im Pflanzenreich gibt es völlige Gleichwertigkeit zwischen männlichen und weiblichen Exemplaren. Ebenso besteht Gleichberechtigung im Tierreich; alle stehen unter dem Schutz Gottes. Geziemt es dem Menschen, dass er, das edelste Geschöpf, eine solche Unterscheidung trifft und darauf besteht? Dass die Frau nicht vorankam und ihre Fähigkeiten nicht ausschöpfte, lag an der fehlenden Bildungs- und Chancengleichheit. Hätte man ihr die gleichen Rechte zugestanden, wäre sie zweifellos in ihren Fähigkeiten und ihrem Leistungsvermögen dem Manne ebenbürtig. Das Glück der Menschheit wird Wirklichkeit, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenwirken und voranschreiten, denn jeder ist Ergänzung und Helfer des anderen. Die Menschheit kann nicht allein durch körperliche Kräfte und intellektuelle Leistungen vorankommen; entscheidend ist vielmehr der Heilige Geist. Der göttliche Vater muss der Menschenwelt helfen, zur Reife zu gelangen. Der Körper des Menschen braucht körperliche und geistige Energie, aber seine Seele braucht die Belebung und Stärkung durch den Heiligen Geist. Ohne seinen Schutz und seine Belebung würde die Menschenwelt ausgelöscht. Jesus Christus sagte: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Er sagte auch: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Nach den Worten Christi ist also offensichtlich, dass der menschliche Geist, der nicht durch die Gegenwart des Heiligen Geistes gestärkt wird, tot ist und durch eben diese göttliche Macht wiederbelebt werden muss; anders kann der Mensch, obwohl er materiell eine hohe Stufe erreicht hat, keinen vollständigen Fortschritt erreichen.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in New York und Brooklyn

11. bis 20. Juni 1912

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11. Juni 1912 Ansprache in der offenen Ausschusssitzung Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Ich hoffe, dass die Treffen des Bahá'í-Rates in New York so werden, als würden die Höchsten Heerscharen selbst zusammenkommen.

Wenn ihr zusammenkommt, müsst ihr das Licht des Himmelreichs widerspiegeln.

Lasst eure Herzen wie Spiegel sein, in denen der Glanz der Sonne der Wahrheit zu sehen ist.

Jedes Herz muss wie ein Telegraphenanschluss sein – ein Ende des Anschlusskabels ist mit der Seele verbunden, das andere mit den Höchsten Heerscharen –, damit Inspiration aus dem Königreich Abhá herabkommen kann und die Fragen, die die Wirklichkeit betreffen, diskutiert werden können.

Dann werden die Meinungen mit der Wahrheit übereinstimmen; Tag für Tag wird es Fortschritte geben und die Treffen werden immer strahlender und geistiger werden.

Voraussetzung dafür sind Einheit und Einigkeit.

Je vollendeter Liebe und Einigkeit sind, desto mehr göttliche Bestärkungen und Beistand der Gesegneten Vollkommenheit werden herabkommen.

Möge dies ein göttliches Treffen werden, und mögen unermessliche Segnungen auf euch herabkommen.

Bemüht euch von ganzem Herzen und mit eurer ganzen Lebenskraft, dass Einheit und Liebe kontinuierlich wachsen.

Orientiert euch bei euren Beratungen an der Wahrheit, ohne auf eurer Meinung zu beharren.

Niemand sollte nur die eigene Meinung verfechten und auf ihr bestehen; vielmehr sollte jeder mit größter Liebe und Kameradschaft die Tatsachen prüfen.

Beratet über jede Angelegenheit und wenn jemand den Standpunkt der Wahrheit selbst vertritt, wird das für alle annehmbar sein.

Dann wird geistige Einheit unter Euch wachsen, individuelle Erleuchtung wird zunehmen, ihr werdet noch glücklicher und zufriedener sein und ihr werdet dem Reiche Gottes immer näher kommen.

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11. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Wir sind gerade von einem Besuch in Philadelphia zurückgekehrt, wo wir zweimal übernachtet und in zwei großen Kirchen gesprochen haben.

Das Wetter war unfreundlich und hat meine Gesundheit angegriffen.

Dieses Reisen hierhin und dorthin hat einen einzigen Zweck: das Licht der Wahrheit in dieser dunklen Welt zu verbreiten.

In meinem Alter ist das Reisen beschwerlich.

Manchmal lasten die Anstrengungen schwer auf mir, aber aus Liebe zu den Freunden Gottes und in dem Wunsch, mich auf dem Pfade Gottes zu opfern, nehme ich sie freudig auf mich.

Der Zweck ist das erreichte Ziel – die Liebe und Einheit unter den Menschen.

Denn die Welt ist verdunkelt durch Zwietracht und Selbstsucht, die Herzen sind nachlässig, die Seelen sind von Gott und Seinen himmlischen Gaben abgeschnitten.

Der Mensch ist versunken in den Angelegenheiten dieser Welt.

Seine Absichten, Ziele und Erfolge sind vergänglich, während Gott für ihn unsterbliche Errungenschaften wünscht.

In seinem Herzen ist kein Gedanke an Gott.

Er hat seinen Anteil und sein Geburtsrecht an göttlicher Geistigkeit aufgegeben.

Begierde und Leidenschaft haben ihm wie zwei unkontrollierbare Pferde die Zügel entrissen und galoppieren wie toll in der Wildnis herum.

Das ist die Ursache für den Niedergang der Menschheit.

Das ist die Ursache der Rückentwicklung zu den Begierden und Leidenschaften des Tierreichs.

Statt göttlichen Fortschritts finden wir die Fesseln sinnlicher Verhaftung und die Entwertung himmlischer Tugenden der Seele vor.

Durch die Hingabe an die fleischliche, sterbliche Welt sinkt das menschliche Feingefühl auf die Ebene des Animalischen. Wonach trachtet das Tier?

Fressen, trinken, umherstreifen und schlafen.

Darauf ist das Sinnen und Trachten der Tiere beschränkt.

Sie sind in den Fesseln dieser Begierden gefangen.

Der Mensch wird deren Gefangener und Sklave, wenn sein größtes Verlangen auf nichts Höheres gerichtet ist als auf sein Wohlergehen in dieser Welt der Sinne.

Bedenkt, wie schwierig es für den Menschen ist, in dieser sterblichen Welt Vergnügen und Glück zu erlangen.

Wie einfach ist es für das Tier!

Schaut auf die Wiesen und Blumen, Felder und Bäche, Wälder und Berge.

Die grasenden Tiere, die Vögel der Luft, die Fische erleiden weder Mühsal noch Entbehrungen; sie säen nicht, noch sorgen sie sich um die Ernte; sie haben keine Befürchtungen in Bezug auf Geschäfte oder Politik – keinerlei Ärger oder Sorgen.

Alle Felder und Gräser, alle Obstwiesen, alles Getreide, alle Berghänge und Flüsse mit bekömmlichem Wasser gehören ihnen.

Sie arbeiten nicht für ihren Lebensunterhalt und ihr Glück, weil alles zur Verfügung steht und ihnen ermöglicht wird.

Wenn das Leben des Menschen auf diese irdische, materielle Sichtweise beschränkt ist, dann ist das Leben des Tieres hundertmal besser, einfacher und reicher an Wohlbefinden und Zufriedenheit.

Das Tier ist edler, heiterer und zuversichtlicher, weil jede Stunde frei ist von Angst und Plage; der Mensch aber hetzt ruhelos und unzufrieden von morgens bis abends umher, befährt die Meere, taucht in Unterseebooten in seine Tiefen, fliegt in Flugzeugen hoch durch die Lüfte, durchforscht die tiefsten Schichten der Erde auf der Suche nach seinem Lebensunterhalt – alles mit größter Mühe, Sorge und Rastlosigkeit.

Deshalb ist das Tier in dieser Hinsicht edler, heiterer, ausgeglichener und zuversichtlicher.

Denkt an die Vögel in Forst und Wald:

Sie bauen ihre Nester hoch in wogenden Baumkronen, bauen sie mit größter Geschicklichkeit und Schönheit; sie schaukeln und wiegen sich in der morgendlichen Brise, trinken klares, frisches Wasser, genießen die bezauberndsten Ausblicke, während sie hoch droben hierhin und dorthin fliegen und fröhlich singen – alles ohne Mühe, frei von Sorgen und Bedenken.

Wenn sich das Leben des Menschen auf die rein körperliche Welt des Genusses beschränkt, ist eine Lerche edler und bewundernswerter als die gesamte Menschheit, denn ihr Lebensunterhalt steht bereit, ihre Lebensbedingungen sind ideal, ihre angeborenen Fähigkeiten sind vollkommen. Aber das Leben des Menschen ist nicht so begrenzt; es ist göttlich und ewig, nicht vergänglich und auf die Sinne beschränkt. Ihm ist im göttlichen Schöpfungsplan ein geistiges Dasein und Auskommen bestimmt und bereitet. Sein Leben ist dazu bestimmt, ein Leben geistiger Freude zu sein, zu dem das Tier keinen Zugang hat. Diese Freude hängt von der Aneignung himmlischer Tugenden ab. Die Erhabenheit des Menschen besteht darin, zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Die Segnungen für den Menschen liegen im Empfang himmlischer Gaben, die durch die Freigebigkeit Gottes auf ihn herabströmen. Das Glück des Menschen liegt im Duft der Liebe Gottes. Das ist der höchste Gipfel dessen, was der Mensch auf dieser Welt erreichen kann. Wie sehr ist dies dem Tier und seinem Reich, das keine solche Hoffnung kennt, vorzuziehen! Bedenkt daher, welch niedere Natur der Mensch an den Tag legt, wenn er sich – trotz der Gnadengaben, die Gott über ihn ergießt – auf die Ebene des Tieres erniedrigt, sich ausschließlich mit materiellen Bedürfnissen beschäftigt und, dem Reich des Vergänglichen verhaftet, sich einbildet, das größte Glück bestehe darin, in dieser Welt Reichtum zu erwerben. Wie sinnlos! Wie unwürdig ist eine solche Gesinnung! Gott hat den Menschen dazu erschaffen, eine Taube des Gottesreiches zu sein, eine himmlische Kerze, ein Empfänger ewigen Lebens. Gott hat den Menschen erschaffen, damit der Odem des Heiligen Geistes ihn belebe und er zum Licht der Welt werde. Wie verdorben ist die Seele, die sich an der Finsternis erfreuen kann, die nur mit sich selbst beschäftigt ist, gefangen im Selbst und der Leidenschaft, sich im Sumpf der materiellen Welt suhlt! Wie entartet ist ein solches Wesen! Welches Unwissen und welche Ignoranz! Was für eine Blindheit! Wie herrlich dagegen die Stufe des Menschen, der teilhat an der himmlischen Nahrung und den Tempel seines ewigen Wohnsitzes im Himmel errichtet hat! Die Manifestationen Gottes sind in die Welt gekommen, um den Menschen von diesen Banden und Ketten einer materiellen Wesensart zu befreien. Obwohl Sie auf der Erde wandelten, lebten Sie im Himmel. Sie sorgten sich nicht um Ihren Lebensunterhalt und Ihr Wohlergehen in dieser Welt. Ihr Körper war unvorstellbarem Leiden ausgesetzt, aber Ihr Geist schwebte in den höchsten Gefilden der Verzückung. Der Zweck Ihres Kommens, Ihrer Lehre und Ihres Leidens war, den Menschen von sich selbst zu befreien. Sollen wir Ihren Spuren folgen und dem Gefängnis des Körpers entfliehen – oder weiterhin seiner Tyrannei unterworfen sein? Sollen wir dem Phantom vergänglichen Glücks nachjagen, das nicht existiert, oder uns dem Baum des Lebens und dem Genuss seiner ewigen Früchte zuwenden? Ich bin in fortgeschrittenem Alter in dieses Land gekommen und habe wegen meiner übergroßen Liebe zu den Freunden Gottes gesundheitliche und klimabedingte Probleme auf mich genommen. Ich wünsche, dass euch dabei geholfen wird, Diener des himmlischen Reiches zu werden, Gefangene im Dienst für den Willen Gottes. Diese Gefangenschaft ist Freiheit; dieses Opfer ist Verherrlichung; diese Mühe ist Lohn; diese Bedrängnis ist ein Geschenk. Denn der Dienst aus Liebe zur Menschheit ist Einklang mit Gott. Wer dient, ist schon ins Gottesreich gelangt und sitzt zur Rechten seines Herrn.

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11. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Emma C. Melick Der Mensch muss nach erhabenen Zielen streben. Er muss sich bemühen, eine himmlische und geistige Gesinnung zu erlangen, den Pfad zur Schwelle Gottes zu finden und vor Gott annehmbar zu sein. Das ist ewige Herrlichkeit – Gott nahe zu sein. Das ist ewige Hoheit – von den Tugenden der menschlichen Welt durchdrungen zu sein. Das ist grenzenloser Segen – völlig geheiligt zu sein von jedem Schmutz und jedem Makel. Denkt über die Menschenwelt nach. Seht, wie Nationen kamen und gingen. Sie hatten alle möglichen Gesinnungen und Absichten. Einige waren nur Gefangene ihres Selbstes und ihrer Begierden, verstrickt in die Leidenschaften der niederen Natur. Sie gelangten zu Reichtum, zu einem bequemen Leben und zu Ruhm. Und was kam letztlich dabei heraus? Völliges Verschwinden und Vergessen. Denkt darüber nach. Lasst es euch eine Warnung sein. Keine Spur blieb von ihnen übrig, keine Frucht, kein Erfolg, kein Nutzen; sie sind völlig verschwunden – gänzlich ausgelöscht. In der Welt sind reine und unbefleckte Seelen erschienen, die ihre Aufmerksamkeit auf Gott richteten, ihren Lohn bei Gott suchten, in die Nähe der Schwelle Gottes gelangten und Gott wohlgefällig waren. Sie waren Leuchten der Führung und Sterne der Himmlischen Heerscharen. Denkt über diese Seelen nach, die auf ewig wie Sterne am Horizont der Heiligkeit leuchten. Das darf nicht heißen, dass jemand Beruf und Broterwerb aufgeben sollte. Im Gegenteil, in der Sache Bahá'u'lláhs werden Mönchtum und Askese nicht gebilligt. Aus dieser großen Sache scheint und strahlt das Licht der Führung. Bahá'u'lláh sagte sogar, Beruf und Arbeit seien Gottesdienst. Jeder Mensch muss seinen Lebensunterhalt im Schweiße seines Angesichts und mit körperlicher Anstrengung verdienen; zugleich muss er versuchen, die Last anderer zu mindern, indem er sich bemüht, den Menschen eine Quelle des Trostes zu sein und ihre Lebensumstände zu erleichtern. Das allein ist schon Gottesdienst. Bahá'u'lláh hat damit zum Handeln ermutigt und zum Dienen angeregt. Aber das Herz darf nicht diesen Dingen verhaftet sein; die Seele darf nicht gänzlich damit beschäftigt sein. Wenn auch der Verstand beschäftigt ist, so muss doch das Herz zum Reich Gottes hingezogen sein, damit die menschlichen Tugenden auf jede Weise und aus jeder Quelle gewonnen werden. Wir haben den Pfad Gottes verlassen. Wir richten die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Reich Gottes. Wir haben das Herz nicht von irdischen Reizen gelöst. Wir sind besudelt mit Eigenschaften, die in den Augen Gottes nicht lobenswert sind. Wir sind so vollständig in irdische Belange und Ziele versunken, dass wir keinen Anteil haben an den Tugenden der Menschheit. Nur wenig Überlegung, nur wenig Erinnerung ist nötig, damit wir erkennen, wozu wir erschaffen wurden. Welch himmlisches Potenzial hat Gott in uns angelegt! Welche Macht hat Gott unserem Geist gegeben! Er hat uns die Kraft verliehen, die Wirklichkeit der Dinge zu durchdringen; aber wir müssen uns selbst entsagen, einen reinen Geist und reine Absichten haben und, solange wir auf Erden weilen, mit Herz und Seele danach streben, immerwährenden Ruhm zu erlangen. Ich bin gekommen, um zu mahnen und die Lehren Bahá'u'lláhs zu verkünden. Ich hege die Hoffnung, dass Sein Wille und Seine Führung euren Geist, eure Seelen und Herzen beeinflussen, damit sie rein, gottgeweiht und erleuchtet werden, sodass ihr zu Lampen werdet, die der Welt himmlische Erleuchtung bringen. Ich hoffe und wünsche, dass dies mit Gottes Beistand gelingen möge.

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12. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Mary J. MacNutt Ihr seid alle überaus willkommen.

Wisst ihr, wie sehr ihr Gott für Seine Segnungen danken solltet?

Wenn ihr Ihm mit jedem Atemzug tausendmal dankt, würde es nicht genügen, denn Gott hat euch erschaffen und unterwiesen.

Er hat euch vor aller Not bewahrt und euch jede Gabe und jedes Geschenk bereitet.

Bedenkt, was für ein gütiger Vater Er doch ist.

Er beschenkt euch mit Seinen Gaben, bevor ihr darum bittet.

Wir waren noch nicht in der Welt des Seins, aber sobald wir geboren wurden, stand alles, was wir brauchten, für uns und unser Wohlbefinden bereit, ohne dass wir darum gebeten hätten.

Er hat uns einen gütigen Vater und eine mitfühlende Mutter gegeben, uns mit zwei Quellen nahrhafter Milch versorgt, mit reiner Luft, frischem Wasser, sanften Brisen und der Sonne, die über unseren Häuptern scheint.

Kurz, Er sorgte für alles Lebensnotwendige, obwohl wir um keine dieser großartigen Gaben gebeten hatten.

Aus reiner Barmherzigkeit und Güte hat Er diese üppige Tafel bereitet.

Diese Barmherzigkeit ist da, bevor wir darum bitten.

Es gibt noch eine andere Art von Barmherzigkeit, die gewährt wird, wenn wir darum bitten und flehen.

Er schenkt uns beides – Gaben, um die wir nicht bitten, und Gaben, um die wir bitten.

Er hat uns in diesem strahlenden Jahrhundert erschaffen, einem Jahrhundert, das von allen geheiligten Seelen vergangener Zeiten erwartet wurde und nach dem sie sich gesehnt haben.

Es ist ein gesegnetes Jahrhundert; es ist ein gesegneter Tag.

Die Geschichtsphilosophen sind sich darin einig, dass dieses Jahrhundert hundert vergangenen Jahrhunderten entspricht.

Dies gilt in jeder Hinsicht.

Dies ist das Jahrhundert der Wissenschaft, der Erfindungen, der Entdeckungen und universeller Gesetze.

Dies ist das Jahrhundert der Offenbarung der Geheimnisse Gottes.

Dies ist das Jahrhundert, in dem die Sonne der Wahrheit erstrahlt.

Deshalb müsst ihr Gott danken und Ihn dafür preisen, dass ihr in dieser Zeit geboren wurdet.

Mehr noch:

Ihr habt den Ruf Bahá'u'lláhs gehört.

Ihr seid vom Wohlgeruch des Abhá-Paradieses umgeben.

Ihr habt einen flüchtigen Blick auf das Licht erhascht, das vom Horizont des Ostens ausstrahlt.

Ihr habt geschlafen, nun seid ihr erwacht.

Eure Ohren lauschen aufmerksam, eure Herzen haben die Kunde empfangen.

Ihr habt die Liebe Gottes erhalten.

Ihr habt die Erkenntnis Gottes erreicht.

Dies ist die größte Gabe Gottes.

Es ist der Odem des Heiligen Geistes und besteht aus Glauben und Gewissheit.

Dieses ewige Leben ist die zweite Geburt; es ist die Taufe durch den Heiligen Geist.

Diese Stufe hat Gott euch allen bestimmt.

Er hat sie für euch bereitet.

Ihr müsst den Wert dieser Gnadengabe schätzen und eure Zeit damit verbringen, des Einen Wahren zu gedenken und Ihm zu danken.

Ihr müsst in größter Freude leben.

Wenn euch Probleme oder die Wechselfälle des Lebens begegnen, wenn Sorgen um Gesundheit, Auskommen oder Beruf euer Herz bedrücken, so lasst euch davon nicht betrüben.

All dies sollte euch nicht unglücklich machen, denn Bahá'u'lláh hat euch göttliche Glückseligkeit gebracht.

Er hat euch himmlische Nahrung bereitet.

Er hat euch ewige Gnade bestimmt.

Er hat euch immerwährende Herrlichkeit geschenkt.

Darum sollten diese frohen Botschaften euch für immer und ewig in wonnevolle Freude versetzen.

Seid Gott immerzu dankbar, damit der Beistand Gottes Euch alle umgeben möge.

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15. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Ich habe euch eine Weile warten lassen, aber ich war so müde, dass ich eingeschlafen bin. Im Schlaf habe ich mich mit euch unterhalten, so als würde ich laut sprechen. Dann bin ich durch meine eigene Stimme aufgewacht. Als ich aufwachte, lag mir ein Wort auf den Lippen – das Wort ›Imtíyáz‹ (›Unterschied‹). Darum will ich heute Morgen zu euch über dieses Thema sprechen. Wenn wir die Welt des Seins betrachten, erkennen wir, dass alle stofflichen Dinge etwas gemeinsam haben; dass es aber andererseits zwischen ihnen bestimmte Unterscheidungsmerkmale gibt. Zum Beispiel besitzen alle irdischen Objekte gemeinsame materielle Verbindungen. Die Mineralien, Pflanzen und Tiere haben Elementarteilchen als Gemeinsamkeit. Desgleichen haben sie in der Schöpfungsordnung einen bestimmten Platz. Dies ist die Verbindung zwischen ihnen, ihr gemeinsamer Berührungspunkt. Sie alle durchlaufen einen Prozess von Zusammensetzung und Auflösung – ein Naturgesetz, dem alle unterworfen sind. Dieses Gesetz herrscht in der ganzen Schöpfung und verbindet alle erschaffenen Dinge. Aber zugleich gibt es zwischen diesen Objekten auch bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Beispielsweise gibt es zwischen Mineral und Pflanze, Pflanze und Tier, Tier und Mensch unübersehbare und maßgebliche Unterscheidungsmerkmale. Aber auch innerhalb jedes dieser Reiche gibt es Unterschiede zwischen den Arten und Gattungen. Wenn wir das Mineralreich im Detail betrachten, sehen wir zwischen den Objekten nicht nur Ähnlichkeiten, sondern auch Unterscheidungsmerkmale. Manche Körper sind unbeweglich, manche hart und stabil; manche haben die Fähigkeit, sich auszudehnen und zusammenzuziehen; manche sind flüssig, andere gasförmig; manche haben Gewicht; andere, wie Feuer und Elektrizität, haben es nicht. Es gibt also viele Unterscheidungsmerkmale zwischen diesen verschiedenen Elementen. Auch im Pflanzenreich erkennen wir Unterschiede zwischen den verschiedenen Gattungen und Arten von Organismen. Jede Pflanze hat ihre eigene Form und Farbe und ihren eigenen Duft. Im Tierreich herrscht das gleiche Gesetz, da es viele auffällige Unterschiede der Form, Farbe und Funktion gibt. Im Reich der Menschen ist es genauso. Hinsichtlich der Farbe gibt es weiße, schwarze, gelbe und rote Menschen. Bezüglich der Physiognomie gibt es je nach Herkunft große Unterschiede. Die Asiaten, Afrikaner und Amerikaner haben unterschiedliche Physiognomien; die Menschen des Nordens und die des Südens sind bezüglich Typ und äußerer Erscheinung sehr verschieden. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es im Lebensstandard große Unterschiede. Einige sind arm, andere reich; einige sind klug, andere ungebildet; einige sind geduldig und gelassen, andere ungeduldig und reizbar; einige streben nach Gerechtigkeit, andere handeln ungerecht und tyrannisch; einige sind bescheiden, andere herablassend. Kurzum, es gibt viele Unterscheidungsmerkmale bei den Menschen. Ich wünsche mir, dass ihr euch auszeichnet. Die Bahá'í müssen sich von anderen Menschen unterscheiden. Dieser Unterschied darf jedoch nicht auf Wohlstand beruhen, dass sie etwa wohlhabender als andere Menschen werden sollen. Ich wünsche nicht, dass ihr euch in finanzieller Hinsicht auszeichnet. Es ist keine gewöhnliche Unterscheidung, die ich wünsche; keine wissenschaftliche, keine wirtschaftliche, keine gewerbliche Unterscheidung. Für euch wünsche ich mir Unterscheidung in geistiger Hinsicht – das heißt, ihr müsst euch durch euer ethisches Verhalten auszeichnen. In der Liebe Gottes müsst ihr euch von allen anderen unterscheiden. Ihr müsst euch unterscheiden durch die Liebe zur Menschheit, durch Einheit und Eintracht, durch liebevolle Verbundenheit und Gerechtigkeit. Kurz, ihr müsst euch in allen menschlichen Tugenden auszeichnen – durch Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit, durch Gerechtigkeit und Treue, durch Festigkeit und Standhaftigkeit, durch menschenfreundliche Taten und Dienst an der Menschheit, durch Liebe zu jedem Menschen, durch Einheit und Eintracht mit allen Menschen, durch die Beseitigung der Vorurteile und durch die Förderung des Weltfriedens. Schließlich müsst ihr euch durch himmlische Erleuchtung und das Erlangen der Gaben Gottes auszeichnen. Diese Auszeichnung wünsche ich für euch. Das muss euer Unterscheidungsmerkmal sein.

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16. Juni 1912 Ansprache in der Fourth Unitarian Church Beverly Road, Flatbush, Brooklyn, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Dies ist eine unitarische Kirche, und in der arabischen Sprache kann dieser Tag durchaus ›Yawm-al' Ittiḥád‹ (›Tag der Unitarier‹) genannt werden. Insofern ist dies eine gute Gelegenheit, zu Ihnen über das Thema Einheit zu sprechen. Was ist wahre Einheit?

Wenn wir die Menschenwelt beobachten, finden wir in ihr verschiedene gemeinschaftliche Ausdrucksformen von Einheit.

Zum Beispiel unterscheidet sich der Mensch vom Tier durch seine Stufe oder sein Reich.

Diese umfassende Unterscheidung schließt die gesamte Nachkommenschaft Adams ein und gründet einen einzigen großen Haushalt, die menschliche Familie, die wir als die grundlegende oder körperliche Einheit der Menschheit betrachten können.

Des Weiteren gibt es einen Unterschied zwischen verschiedenen Menschengruppen entsprechend ihrer Abstammung, wobei jede Gruppe eine eigene ethnische Einheit bildet.

Es gibt auch die Einheit der Sprache bei jenen, die für ihre Kommunikation dieselbe Sprache verwenden; die nationale Einheit, bei der verschiedene Menschen unter einer gemeinsamen Regierung leben, wie etwa die Franzosen, Deutschen, Briten usw.; und die politische Einheit, die die Bürgerrechte der Parteien oder Fraktionen derselben Regierung sichert.

Alle diese Einheiten existieren bloß in der Vorstellung, sie haben keine echte Grundlage, denn sie führen zu keinem wirklichen Erfolg.

Der Zweck wahrer Einheit sind wirkliche, göttliche Ergebnisse.

Die erwähnten begrenzten Einheiten bringen nur begrenzte Ergebnisse hervor, während unbegrenzte Einheit unbegrenzte Ergebnisse zeitigt.

So führt etwa die begrenzte Einheit der Ethnie oder Nationalität bestenfalls zu begrenzten Ergebnissen.

Es ist vergleichbar mit einer Familie, die allein und auf sich gestellt lebt; das führt nicht zu unbegrenzten oder universellen Ergebnissen. Die Einheit, die grenzenlose Erfolge hervorbringt, ist zuallererst die Einheit der Menschheit, die erkennt, dass alle unter dem allumfassenden Schutz der Herrlichkeit des Allherrlichen stehen, dass alle die Diener eines einzigen Gottes sind; denn alle atmen dieselbe Luft, leben auf derselben Erde, bewegen sich unter demselben Himmel, empfangen die Strahlen derselben Sonne und stehen unter dem Schutz dieses einen Gottes.

Das ist die größte Einheit und wenn die Menschheit daran festhält, sind ihre Erfolge von Dauer; aber bis jetzt hat die Menschheit dieser Einheit zuwidergehandelt und hängt an konfessionellen oder anderweitig begrenzten Einheiten wie jenen der Herkunft und der Hautfarbe, des Vaterlandes oder des Eigennutzes; deshalb gab es keine großen Erfolge.

Dennoch ist sicher, dass der Strahlenglanz und die Gunst Gottes allumfassend sind, dass sich der menschliche Verstand entwickelt und die Wahrnehmung geschärft hat, Wissenschaften und Kunstfertigkeit sich weit verbreitet haben und Fähigkeiten und Möglichkeiten vorhanden sind, um die wahre, endgültige Einheit der Menschheit, die zu wundervollen Ergebnissen führen wird, zu verkünden und zu verbreiten.

Sie wird alle Religionen versöhnen, sich bekriegende Völker in einander liebende verwandeln, feindselige Könige zu Freunden machen und der Menschenwelt Frieden und Glück bringen.

Sie wird Ost und West fest miteinander verbinden, die tieferen Ursachen des Krieges für immer beseitigen und das Banner des Größten Friedens erheben.

Deshalb sind die begrenzten Einheiten Zeichen jener großen Einheit, die die menschliche Familie einen wird, indem sie die Anziehungskräfte des Gewissens in der Menschheit hervorbringt. Eine weitere Einheit ist die geistige Einheit, die dem Odem des Heiligen Geistes entspringt.

Sie ist größer als die Einheit der Menschheit.

Menschliche Einheit oder Solidarität lässt sich mit dem Körper vergleichen, während die Einheit aus dem Odem des Heiligen Geistes der Geist ist, der den Körper belebt.

Das ist vollendete Einheit.

Sie bewirkt einen Zustand der Menschheit, in dem jeder für den anderen Opfer bringt, und es die höchste Sehnsucht sein wird, das Leben und alles, was dazugehört, zum Wohle anderer hinzugeben.

Das ist die Einheit, die unter den Jüngern Jesu Christi bestand und Propheten und Heilige der Vergangenheit miteinander verband.

Das ist die Einheit, die die Bahá'í durch den Einfluss des göttlichen Geistes so sehr durchdringt, dass jeder sein Leben für den anderen hingibt und aufrichtig danach strebt, dessen Wohlbefinden zu sichern.

Das ist die Einheit, die in Persien zwanzigtausend Menschen in Liebe und Ergebung ihr Leben hingeben ließ.

Sie machte den Báb zum Ziel von tausend Pfeilen und ließ Bahá'u'lláh vierzig Jahre lang Verbannung und Gefangenschaft ertragen.

Diese Einheit ist der wahre Geist für den Körper der Welt.

Ohne ihren belebenden Einfluss kann dem Körper der Welt niemals frisches Leben geschenkt werden.

Jesus Christus – möge mein Leben ein Opfer für Ihn sein – verkündete diese Einheit unter den Menschen.

Jede Seele, die an Jesus Christus glaubte, wurde durch diesen Geist zu neuem Leben erweckt, erreichte den Zenit ewiger Herrlichkeit, erlangte das ewige Leben, erlebte ihre zweite Geburt und stieg zum Gipfel der Glückseligkeit auf. In der Lehre Gottes gibt es noch eine weitere Einheit, die Einheit der Manifestationen Gottes – Abrahams, Moses, Jesu Christi, Muḥammads, des Báb und Bahá'u'lláhs. Das ist eine göttliche, himmlische, strahlende, barmherzige Einheit – die eine Wirklichkeit, die in ihren aufeinanderfolgenden Manifestationen in Erscheinung tritt. So ist die Sonne ein und dieselbe, aber ihre Aufgangsorte unterscheiden sich. Im Sommer geht sie weiter im Norden auf, im Winter weiter im Süden. In den Monaten dazwischen erscheint sie an bestimmten Stellen des Himmelskreises. Obwohl diese Aufgangsorte verschieden sind, ist es dieselbe Sonne, die jeweils erscheint. Die Sonne symbolisiert in diesem Bild die Wirklichkeit der Prophetenschaft, während die heiligen Manifestationen wie die Aufgangsorte oder die Positionen im Himmelskreis sind. Und schließlich gibt es die göttliche Einheit oder Wesenheit, die über jedes menschliche Begreifen erhaben ist.

Sie kann weder verstanden noch erfasst werden, denn sie ist eine grenzenlose Wirklichkeit und kann nicht eingegrenzt werden.

Der menschliche Geist ist nicht fähig, diese Wirklichkeit zu umfassen, weil alle diesbezüglichen Gedanken und Vorstellungen begrenzte Schöpfungen des Verstandes sind und nicht die Wirklichkeit des Göttlichen Wesens, die allein sich selbst erkennt.

Wenn wir uns zum Beispiel das Göttliche als ein lebendiges, allmächtiges, selbstbestehendes, ewiges Sein vorstellen, so ist das nur eine verstandesmäßige Vorstellung, wie sie ein menschliches Wesen begreifen kann.

Es wäre nicht die äußere, sichtbare Wirklichkeit – diese zu begreifen oder zu umfassen übersteigt die Kraft des menschlichen Verstandes.

Wir selbst haben ein äußerliches, sichtbares Dasein; aber sogar davon ist unsere Vorstellung nur das Produkt unseres eigenen Gehirns und unseres begrenzten Verständnisses.

Die Wirklichkeit des Göttlichen ist über diese Stufe des Wissens und der Erkenntnis geheiligt.

Sie war allezeit verborgen und verschlossen in ihrer eigenen Heiligkeit, jenseits unseres Begreifens.

Aber obwohl sie unser Verstehen übersteigt, sind doch ihr Licht, ihre Gaben, Spuren und Tugenden in der Wirklichkeit der Propheten offenbar geworden, so wie die Sonne in verschiedenen Spiegeln erstrahlt.

Diese heiligen Wesen sind wie Spiegel und das Wesen des Göttlichen ist wie die Sonne, die – auch wenn sie von den Spiegeln reflektiert wird und darin ihre Kräfte und Vollkommenheit erstrahlen – doch nicht von ihrer erhabenen, herrlichen Stufe herniedersteigt und in den Spiegeln Obdach sucht; sie bleibt in ihrem Himmel der Heiligkeit.

Man kann allenfalls sagen, dass ihr Licht in diesen Spiegeln oder Manifestationen offenkundig und sichtbar wird.

Deshalb sind die Gaben, die von diesen Spiegeln ausgehen, ein und dieselbe Gnadengabe, aber die Empfänger dieser Gnadengabe sind viele.

Das ist die Einheit Gottes; das ist Einzigkeit – Einheit des Göttlichen, geheiligt über Aufstieg oder Abstieg, über Menschwerdung, Begreifen oder menschliche Vorstellung – göttliche Einheit.

Ihr Spiegel sind die Propheten; ihr Licht wird durch Sie offenbart; ihre Tugenden erstrahlen in Ihnen, aber die Sonne der Wahrheit steigt niemals herab von ihrem höchsten Punkt und ihrer eigenen Stufe.

Das ist Einheit, Einzigkeit, Heiligkeit; das ist der Lobpreis, durch den wir Gott preisen und anbeten. O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, dies sind Diener an der Schwelle Deiner Barmherzigkeit und Dienerinnen an der Tür Deiner Einheit und Einzigkeit. Wahrlich, sie haben sich in dieser Kirche versammelt, um sich Deinem Antlitz der Herrlichkeit zuzuwenden, sich am Saum Deines Gewandes und an Deiner Einzigartigkeit festzuhalten, Dein Wohlgefallen zu suchen und in Dein Königreich aufzusteigen. Sie empfangen in diesem herrlichen Jahrhundert den Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit und sehnen sich in allen bedeutenden Angelegenheiten nach Deinem Wohlwollen. O Herr! Erleuchte ihre Augen durch den Anblick Deiner Zeichen und Deines Reichtums und erquicke ihre Ohren durch Dein Wort. Erfülle ihre Herzen mit Deiner Liebe und erfreue ihren Geist durch die Begegnung mit Dir. Verleihe ihnen in Deiner Huld auf Erden und im Himmel geistige Güter und mache sie zu Zeichen der Einheit unter Deinen Dienern, damit wahre Einheit erscheine und alle in Deiner Sache und Deinem Königreich eins werden mögen. Wahrlich, Du bist der Freigebige. Wahrlich, Du bist der Mächtige, der Geistige. Du bist der Barmherzige, der Gnädige. (Zu den Kindern in der Sonntagsschule) Ich bin froh, diese aufgeweckten, strahlenden Kinder zu sehen. So Gott will, werden sie alle die Hoffnungen und Erwartungen ihrer Eltern erfüllen. Preis sei Gott! Vor mir sehe ich diese wunderbaren Kinder des Königreiches. Ihre Herzen sind rein, ihre Gesichter strahlen. Bald werden sie die Söhne und Töchter des Königreichs. Dank sei Gott! Sie bemühen sich, Tugenden zu erlangen, und werden die Vortrefflichkeit der Menschheit bewirken. Das ist die Ursache der Einheit im Königreich Gottes. Preis sei Gott! Sie haben gütige und verehrte Lehrer, die sie gut ausbilden und erziehen und die Beistand ersehnen, damit diese Kinder, so Gott will, wie zarte Pflanzen im Garten Gottes von den Regenschauern aus den Wolken der Barmherzigkeit erfrischt werden, wachsen und gedeihen. Mögen sie schließlich höchst vollkommene, köstliche Früchte hervorbringen. Ich flehe zu Gott, dass diese Kinder unter Seinem Schutz heranwachsen mögen und durch Seine Gunst und Gnade genährt werden, bis alle wie schöne Blumen im Garten menschlicher Hoffnungen und menschlichen Strebens erblühen und Wohlgeruch verströmen. O Gott! Erziehe diese Kinder. Sie sind die Pflanzen Deines Haines, die Blumen Deiner Aue, die Rosen Deines Gartens. Lass Deinen Regen auf sie niedergehen; lass die Sonne der Wahrheit Deine Liebe auf sie scheinen. Lass Deinen Windhauch sie erfrischen, damit sie erzogen werden, wachsen, gedeihen und sich in strahlender Schönheit entfalten. Du bist der Schenkende. Du bist der Mitleidvolle.

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16. Juni 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Howard MacNutt 935 Eastern Parkway, Brooklyn, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Dies ist eine großartige Zusammenkunft, eine Versammlung der Dienerinnen des Barmherzigen und der Geliebten Gottes.

Immer wenn es solche Versammlungen auf dieser Welt gab, hatte das höchst bedeutsame Auswirkungen.

Sie haben die Welt der Herzen und Gedanken beeinflusst.

Wo immer in der Nacht eine Lampe angezündet wird, werden ganz selbstverständlich Menschen angezogen und versammeln sich um sie.

Wenn ihr eine Versammlung wie diese seht, dann wisset, dass da ein Licht ist, das die Dunkelheit erhellt.

Es gibt Lampen, deren Licht begrenzt ist.

Es gibt Lampen, deren Licht unbegrenzt ist.

Es gibt Lampen, die bloß einen kleinen Fleck anstrahlen, und Lampen, die die Horizonte erhellen.

Die Lampe der Führung Gottes hat, wo auch immer sie aufleuchtete, ihre Strahlen über Ost und West ergossen.

Preis sei Gott!

Sie wurde in diesem Land entzündet; Tag für Tag strahlt sie heller und ihr Glanz verbreitet sich weiter.

Das ist jetzt noch nicht bekannt, aber später werden ihre Spuren offensichtlich werden.

Denkt an die Tage Christi, als das Licht der Führung zwölf Herzen erleuchtete.

Wie begrenzt es zunächst erschien, doch wie hat es sich später verbreitet und die Welt erleuchtet!

Ihr seid eine kleine Schar, aber weil die Lampe der Führung in euren Herzen entzündet wurde, werden die Auswirkungen in den kommenden Jahren wunderbar sein.

Es ist offensichtlich, dass die Welt durch dieses Licht erleuchtet werden wird; darum müsst ihr Gott danken, dass – Preis sei Gott! – durch Seine Gnade und Gunst die Lampe der Größten Führung in euren Herzen entzündet wurde und Er euch zu Seinem Reich gerufen hat.

Er hat dafür gesorgt, dass der Ruf der himmlischen Heerscharen eure Ohren erreichte.

Die Türen des Himmels wurden für euch geöffnet.

Die Sonne der Wahrheit scheint auf euch, die Wolken der Barmherzigkeit regnen herab und die Brisen der Vorsehung durchwehen eure Seelen.

Die Gabe ist zwar groß und die Gnade herrlich – trotzdem sind Bereitschaft und Aufnahmefähigkeit erforderlich.

Ohne Aufnahmefähigkeit und Bereitschaft werden die göttlichen Gnadengaben nicht greifbar und sichtbar werden.

Wie viel die Wolke auch regnet, die Sonne scheint und die Winde wehen, auf einem unfruchtbaren Boden wird nichts wachsen.

Der Boden hingegen, der rein und frei ist von Dornen und Disteln, ist empfänglich und wird durch den Regen aus der Wolke der Gnade Frucht hervorbringen.

Wie sehr die Sonne auch scheinen mag, auf einen dunklen Felsen wird sie keinen Einfluss haben, aber in einem reinen, polierten Spiegel wird ihr Licht erstrahlen.

So müssen wir die Aufnahmefähigkeit entwickeln, damit die Zeichen der Gnade des Herrn in uns offenbar werden.

Wir müssen uns bemühen, den Grund des Herzens von nutzlosem Unkraut zu befreien und von den Dornen wertloser Gedanken zu heiligen, damit die Wolken der Gnade uns mit ihrer Kraft beschenken.

Die Tore Gottes sind offen, aber wir müssen bereit und fähig sein, einzutreten.

Das Meer der göttlichen Vorsehung wogt, aber wir müssen schwimmen können.

Die Gaben des Allmächtigen steigen aus dem Himmel der Gnade hernieder, aber es kommt auf die Fähigkeit an, sie empfangen zu können.

Der Quell göttlicher Großmut sprudelt unaufhörlich, aber wir müssen nach dem lebendigen Wasser dürsten.

Solange da kein Durst ist, kann das erfrischende Wasser ihn nicht stillen.

Solange die Seele nicht hungert, werden die köstlichen Speisen der himmlischen Tafel sie nicht sättigen.

Solange die Augen der Erkenntnis nicht geöffnet werden, wird das Licht der Sonne nicht erblickt.

Solange die Nase nicht frei ist, wird der Duft des göttlichen Rosengartens nicht wahrgenommen.

Solange das Herz nicht von Sehnsucht erfüllt ist, wird die Gunst des Herrn nicht sichtbar sein.

Solange keine vollkommene Melodie gesungen wird, werden die Zuhörer nicht aufhorchen.

Darum müssen wir uns Tag und Nacht bemühen, die Herzen von allen Schlacken zu reinigen, die Seelen über jede Begrenzung zu heiligen und frei zu werden von den Zwistigkeiten der Menschenwelt.

Dann werden die göttlichen Gaben in ihrer Fülle und Herrlichkeit offenkundig.

Wenn wir uns nicht bemühen und uns nicht von den Mängeln und schlechten Eigenschaften der menschlichen Natur heiligen, werden wir an den Gaben Gottes keinen Anteil haben.

Es ist, als würde die Sonne in ihrer vollen Pracht scheinen, aber von den Herzen, schwarz wie Stein, würde kein Schimmer zurückgeworfen.

Wenn ein Meer voll erquickendem Wasser wogt, wir aber nicht durstig sind, welchen Nutzen haben wir dann davon?

Wenn die Kerze brennt, wir aber keine Augen haben, welche Freude bringt es uns?

Wenn melodische Hymnen sich zu den Himmeln erheben, wir aber taub sind, wie können wir das dann genießen? Darum müssen wir uns stets bemühen, Gott anrufen und flehen und das Reich Gottes beschwören, uns umfassende Fähigkeiten zu gewähren, damit die Gaben Gottes in uns enthüllt und sichtbar werden.

Und sobald wir diese himmlischen Gaben erlangen, sollen wir unsere Dankbarkeit an der Schwelle der Einzigkeit darbringen.

Dann werden wir uns beim Herrn darüber freuen, dass wir in diesem wunderbaren Jahrhundert und in dieser herrlichen Zeit unter dem Schutz des Reiches Gottes in den Genuss dieser Gaben gekommen sind, und werden uns voll Lob und Dank erheben.

Deshalb mahne ich zuerst mich selbst und bitte euch dann inständig, diese große Gabe wertzuschätzen, diese größte Führung anzuerkennen und diese Gaben des Herrn anzunehmen.

Ihr müsst Tag und Nacht danach streben, würdig zu werden, einen großzügigen Anteil an diesen Gaben zu erhalten und die volle Aufnahmefähigkeit dafür zu erlangen.

Preis sei Gott!

Eure Herzen sind erleuchtet, eure Gesichter sind dem Reich Gottes zugewandt.

Ich hoffe, dass alle diese Stufen erreicht werden und die Freunde einen Stand erreichen, der Vorbild und Ansporn für alle Freunde weltweit ist.

Möge sich die Liebe zu Gott von hier aus weiter und weiter verbreiten; möge die Erkenntnis Gottes von diesem Ort aus weithin ausstrahlen; mögen geistige Kräfte hier wirksam werden; möge das Licht des Königreichs scheinen; mögen sich hier verständige Seelen finden, die sich mit ganzer Kraft dem Dienst Gottes hingeben und die Einheit der Menschenwelt und die Sache des Größten Friedens fördern.

Mögen diese Seelen brennende Kerzen und fruchttragende Bäume sein; mögen sie Perlen in den Muscheln der Vorsehung und Sterne des Himmels sein.

Darum flehe ich zu Gott.

Meine Bitte an die Abhá-Schönheit ist, dass Er euch alle in das Meer Seiner Gnade tauchen möge. (Danach, von Zahlen sprechend) Solche Vermutungen bezüglich Glücks- oder Unglückszahlen sind pure Einbildung. Der Aberglaube bezüglich der Dreizehn hatte seinen Ursprung in der Tatsache, dass Jesus Christus von zwölf Jüngern umgeben war und Judas Ischariot das dreizehnte Mitglied ihrer Gemeinschaft war. Das ist der Ursprung dieses Aberglaubens, aber es ist bloß eine Einbildung. Judas war zwar äußerlich gesehen ein Jünger, aber er war es nicht in Wirklichkeit. Zwölf ist ursprünglich die Zahl der Bedeutung und Vollendung. Jakob hatte zwölf Söhne, von denen zwölf Stämme abstammen. Die Jünger Jesu waren zwölf; die Imáme Muḥammads waren zwölf. Die Tierkreiszeichen sind zwölf; die Monate des Jahres sind zwölf, und so weiter. Die Geheimnisse der Heiligen Bücher wurden in der Offenbarung Bahá'u'lláhs erklärt. Bevor Er erschien, verstand man diese Geheimnisse nicht. Bahá'u'lláh enthüllte und entsiegelte diese Mysterien. Es war mein Wunsch, heute für dieses Treffen hierherzukommen.

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16. Juni 1912 Ansprache in der Central Congregational Church Hancock Street, Brooklyn, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Dies ist eine beeindruckende Kirche und eine wunderbare Gemeinde, denn – Preis sei Gott! – es ist ein Haus der Andacht, in dem Gewissensfreiheit herrscht. Jedes Glaubensbekenntnis und jedes religiöse Bestreben kann hier völlig frei zum Ausdruck gebracht werden. Wie in der Welt der Politik Gedankenfreiheit erforderlich ist, so sollte es auch in der Welt der Religion das Recht auf individuelle Glaubensfreiheit geben. Denken Sie an den großen Unterschied zwischen moderner Demokratie und den alten Herrschaftsformen der Willkür und Tyrannei. Unter einer autokratischen Regierung gibt es keine Meinungsfreiheit für die Menschen und Entwicklung wird unterdrückt, während in der Demokratie die größten Fortschritte zu verzeichnen sind, weil Denken und Meinungsäußerung nicht eingeschränkt sind. Ähnliches gilt für die Welt der Religion. Wenn Gewissensfreiheit, Gedankenfreiheit und Redefreiheit herrschen, das heißt, wenn jeder gemäß seinen Idealen seiner eigenen Überzeugung Ausdruck verleihen kann, sind Entwicklung und Wachstum unausweichlich. Darum ist dies hier eine gesegnete Kirche, denn ihre Kanzel steht jeder Religion offen und die jeweiligen Ideale können frei und offen dargelegt werden. Aus diesem Grund bin ich Hochwürden äußerst dankbar; ich erkenne in ihm in der Tat einen Diener der Einheit der Menschheit. Die heiligen Manifestationen, die Ursprung und Stifter der verschiedenen religiösen Systeme waren, sind in ihrer Absicht und in ihren Lehren eins und stimmen miteinander überein.

Abraham, Moses, Zarathustra, Buddha, Jesus, Muḥammad, der Báb und Bahá'u'lláh sind eins in Geist und Wesen.

Überdies erfüllte jeder Prophet die Verheißung Dessen, Der Ihm vorausgegangen war und ebenso kündigte Jeder Den an, Der nach Ihm kommen sollte.

Bedenken Sie, wie Abraham Moses Kommen vorausgesagt und Moses die abrahamitischen Darlegungen verkörpert hat.

Moses prophezeite den messianischen Zyklus, und Christus erfüllte Moses Gesetz.

So ist offensichtlich, dass die heiligen Manifestationen, die Stifter der religiösen Systeme, einig sind und übereinstimmen; Ihre Sendung und Ihre Lehren weisen keine Unterschiede auf; Sie alle sind Spiegel der Wahrheit und alle verkünden die Religion Gottes.

Die göttliche Religion ist die Wahrheit, und es gibt keine Vielzahl von Wahrheiten, sondern nur eine einzige.

Daher sind die Grundlagen der religiösen Systeme eins, weil alle von der unteilbaren Wahrheit ausgehen; aber die Anhänger dieser Systeme haben sich zerstritten; Zwietracht, Streit und Krieg sind zwischen ihnen ausgebrochen, denn sie haben die Grundlage aufgegeben und halten sich an bloßer Nachahmung und leeren Riten fest.

Weil diese Nachahmungen voneinander abweichen, sind Uneinigkeit und Feindschaft entstanden.

So hat zum Beispiel Jesus Christus – möge mein Geist ein Opfer für Ihn sein – die Grundlage ewiger Wahrheit gelegt, aber nach Seinem Hinscheiden entstanden in der Christenheit viele Sekten und Abspaltungen.

Wie ist es dazu gekommen?

Es besteht kein Zweifel, dass sie aus den Dogmen der Nachahmungen entstanden sind, denn die Grundlage Christi war die Wahrheit selbst, in der es keine Widersprüche gibt.

Wo solche Verfälschungen aufkamen, bildeten sich Sekten und Konfessionen. Wenn die Christen aller Richtungen und Konfessionen die Wahrheit erforschen, werden die grundlegenden Lehren Christi sie wieder vereinigen.

Keine Feindschaft, kein Hass wird verbleiben, weil sie alle von der Wahrheit selbst angeleitet werden.

Wenn sich ebenso im größeren Rahmen alle bestehenden religiösen Systeme von angestammten Nachahmungen abwenden, die Wahrheit erforschen und die wahre Bedeutung der Heiligen Bücher zu ergründen suchen, dann werden sie sich auf derselben Grundlage, der Wahrheit selbst, zusammenschließen und einig sein.

Solange sie jedoch verfälschten Lehrsätzen oder Nachahmungen folgen statt der Wahrheit, werden Feindseligkeit und Uneinigkeit fortbestehen und zunehmen.

Lassen Sie mich einige Beispiele nennen.

Moses und die Propheten Israels kündigten die Ankunft des Messias an, nutzten dazu jedoch die Sprache der Symbole.

Als Christus erschien, lehnten die Juden Ihn ab, obwohl sie Sein Erscheinen erwarteten und in ihren Tempeln und Synagogen flehten und wehklagten:

»O Gott, beschleunige das Kommen des Messias!« Warum wiesen sie Ihn zurück, als Er Sich erklärte?

Weil sie überkommenen Formen und Auslegungen folgten und blind waren für die Wirklichkeit Christi.

Die inneren Bedeutungen der Heiligen Schrift hatten sie nicht begriffen.

Sie hielten Ihm ihre Einwände entgegen und sagten:

»Ja, wir erwarten Christus, aber Sein Kommen hängt von der Erfüllung bestimmter prophetischer Verheißungen ab.

Zu den Zeichen Seines Erscheinens gehört, dass Er von einem unbekannten Ort kommen wird, während dieser, der beansprucht der Messias zu sein, aus Nazareth stammt.

Wir kennen sein Zuhause und seine Mutter. Ein zweites messianisches Zeichen ist, dass Sein Zepter ein eiserner Stab sein soll, aber dieser Christus hat nicht einmal einen Stock aus Holz. Drittens: Er sollte auf dem Throne Davids sitzen, wohingegen dieser messianische König in tiefster Armut lebt und nicht einmal eine Matte besitzt. Viertens: Er sollte den Osten und den Westen erobern. Diese Person hat nicht einmal ein Dorf erobert. Wie kann er der Messias sein? Fünftens: Er sollte die Gesetze der Bibel verkünden. Er hat es nicht nur versäumt, die Gesetze der Bibel zu verbreiten, er hat vielmehr sogar das Gesetz des Sabbats gebrochen. Sechstens: Der Messias soll alle in Palästina versprengt lebenden Juden sammeln und ihnen Ehre und Ansehen zurückgeben, aber dieser hat die Juden erniedrigt, statt sie aufzubauen. Siebtens: Während Seiner Herrschaft sollten sich sogar die Tiere an Segen und Wohlergehen erfreuen, denn nach den prophetischen Texten sollte Er in einem so universellen Ausmaß Frieden schaffen, dass Adler und Wachtel zusammenleben, Löwe und Hirsch auf derselben Wiese grasen und Wolf und Lamm sich auf derselben Weide zur Ruhe legen. Im Menschenreich sollte Krieg völlig aufhören, Speere sollten in Sicheln und Schwerter in Pflugscharen umgearbeitet werden. Nun sehen wir, dass in den Tagen dieses ›Möchtegern-Messias‹ solches Unrecht herrscht, dass sogar er selbst geopfert wurde. Wie könnte er da der verheißene Christus sein?« Und so sprachen sie in schändlicher Weise über Ihn. Da nun die Juden im Meer überkommener Nachahmungen versunken waren, konnten sie die Bedeutung dieser Prophezeiungen nicht verstehen. All die Worte der Propheten waren erfüllt, aber da die Juden hartnäckig an überlieferten Auslegungen festhielten, verstanden sie die tieferen Bedeutungen der Heiligen Schrift nicht; darum wiesen sie Jesus Christus, den Messias, zurück. Der Sinn der prophetischen Worte lag nicht in der äußeren oder wörtlichen Bedeutung, sondern in der inneren symbolischen Bedeutung. Es wurde ja zum Beispiel vorausgesagt, dass der Messias von einem unbekannten Ort kommen sollte. Dies bezog sich nicht auf den Ort der körperlichen Geburt Jesu. Es bezieht sich auf das Wesen Christi, das heißt, dass die Wirklichkeit Christi aus dem unsichtbaren Reich erscheinen sollte; denn die göttliche Wirklichkeit Christi ist erhaben und geheiligt über jeden Ort. Sein Schwert sollte ein eisernes Schwert sein. Das bezog sich auf Seine Zunge, die Wahres von Falschem scheiden sollte; mit diesem mächtigen Schwert sollte Er das Reich der Herzen erobern. Er eroberte nicht durch die physische Kraft eines eisernen Stabes – Er eroberte den Osten und den Westen mit dem Schwert Seiner Rede. Er saß auf dem Throne Davids, aber Seine Herrschaft war weder die Herrschaft eines Napoleon noch das vergängliche Reich eines Pharao. Das Königreich Christi war unvergänglich und ewig im Himmel des göttlichen Willens. Mit der Verkündigung der Gesetze der Bibel war die Wahrheit des mosaischen Gesetzes gemeint. Das Gesetz des Sinai ist die Grundlage der christlichen Wahrheit. Christus verkündete es und verlieh ihm eine höhere, geistige Ausprägung. Er eroberte und unterwarf den Osten und den Westen. Seine Eroberung erfolgte durch den Odem des Heiligen Geistes, der alle Grenzen beseitigte und von allen Horizonten erstrahlte. Gemäß der Prophezeiung sollten an Seinem Tag Wolf und Lamm aus derselben Quelle trinken. Das wurde in Christus verwirklicht. Die Quelle, auf die Bezug genommen wurde, war das Evangelium, aus dem das Wasser des Lebens sprudelt. Wolf und Lamm sind gegensätzliche und verfeindete Völker, die durch diese Tiere symbolisiert werden. Ein Zusammenschluss und Umgang miteinander waren unmöglich; aber als sie an Jesus Christus glaubten, wurden sie, die früher wie Wölfe und Lämmer waren, durch die Worte des Evangeliums vereint. Damit ist klar, dass der Sinn aller Prophezeiungen komplett erfüllt wurde; aber weil die Juden in überlieferten Nachahmungen gefangen waren und die wirkliche Bedeutung dieser Worte nicht verstanden, wiesen sie Christus zurück, ja, sie gingen so weit, Ihn zu kreuzigen. Sehen Sie nur, wie schädlich Nachahmung ist. Weil die Juden an diesen von Vätern und Vorfahren überlieferten Auslegungen festhielten, blieben sie ausgeschlossen. Es ist also klar, dass wir alle derartigen Nachahmungen und Glaubensvorstellungen aufgeben müssen, damit wir diesen Fehler nicht wiederholen. Wir müssen die Wahrheit erforschen, selbstsüchtige Vorstellungen ablegen und Gerüchte aus unserem Denken verbannen. Die Juden betrachten Christus als Moses Feind, während Christus im Gegenteil Moses Wort vorangebracht hat. Er verbreitete den Namen Moses überall in Ost und West. Er verkündete Moses Lehren. Wäre Christus nicht gewesen, ihr hättet den Namen Moses niemals gehört, und wäre die messianische Offenbarung nicht in Christus erschienen, hätten wir das Alte Testament nicht erhalten. Die Wahrheit ist, dass Christus das mosaische Gesetz erfüllt und Moses in jeder Hinsicht anerkannt hat; aber die Juden, verblendet von Nachahmungen und Vorurteilen, betrachteten Ihn als Moses Feind. Zu den großen religiösen Systemen der Welt gehört der Islám. Etwa dreihundert Millionen Menschen gehören ihm an. Seit über tausend Jahren gibt es Feindschaft und Streit zwischen Muslimen und Christen aufgrund von Missverständnissen und geistiger Blindheit. Wenn Vorurteile und Verfälschungen aufgegeben würden, gäbe es keinerlei Feindschaft zwischen ihnen, und diese hunderte Millionen zerstrittenen Religionsanhänger würden die Menschenwelt mit ihrer Einheit schmücken. Ich möchte Sie jetzt auf einen sehr wichtigen Punkt aufmerksam machen.

Alle Anhänger des Islám betrachten den Qur'án als das Wort Gottes.

In diesem heiligen Buch findet man eindeutige Texte – keine bloßen Überlieferungen –, die besagen, dass Christus das Wort Gottes war, dass Er der Geist Gottes war, dass Jesus Christus durch den lebensspendenden Odem des Heiligen Geistes in diese Welt kam und dass Maria, Seine Mutter, rein und heilig war.

Im Qur'án ist ein ganzes Kapitel der Geschichte Jesu gewidmet.

Dort wird berichtet, dass Er in Seiner Jugend im Tempel in Jerusalem Gott anbetete, dass Manna vom Himmel fiel, um Ihn zu speisen, und dass Er schon unmittelbar nach Seiner Geburt einige Worte sprach.

Kurzum, im Qur'án gibt es eine Lobpreisung und Huldigung Christi, wie ihr sie im Evangelium nicht findet.

Das Evangelium berichtet nicht, dass das Kind Jesus gleich nach der Geburt sprach oder dass Gott für Ihn Nahrung vom Himmel fallen ließ, aber im Qur'án wird wiederholt dargetan, dass Gott Ihm Tag für Tag Manna als Speise herabsandte.

Ferner ist es sehr bezeichnend und aufschlussreich, dass Muḥammad, als Er Sein Werk und Seine Sendung verkündete, Seinen eigenen Anhängern als erstes entgegenhielt:

»Warum habt ihr nicht an Jesus Christus geglaubt?

Warum habt ihr das Evangelium nicht angenommen?

Warum habt ihr nicht an Moses geglaubt?

Warum habt ihr die Vorschriften des Alten Testaments nicht befolgt?

Warum habt ihr die Propheten Israels nicht verstanden?

Warum habt ihr den Jüngern Christi nicht geglaubt?

Die erste Pflicht, o Araber, die euch obliegt, ist es, all das anzunehmen und daran zu glauben.

Ihr müsst Moses als Propheten ansehen.

Ihr müsst Jesus Christus als das Wort Gottes annehmen.

Ihr müsst das Alte und das Neue Testament als Wort Gottes anerkennen.

Ihr müsst an Jesus Christus als Frucht des Heiligen Geistes glauben.« Sein Volk antwortete:

»O Muḥammad!

Wir wollen Gläubige werden, obwohl unsere Väter und Vorfahren Ungläubige waren und wir auf sie stolz sind.

Sage uns, was aus ihnen wird.« Muḥammad antwortete:

»Ich sage euch, sie haben ihren Platz in der tiefsten Hölle, weil sie nicht an Moses und Christus glaubten und weil sie die Bibel nicht annahmen; und obwohl sie Meine eigenen Vorfahren sind, befinden sie sich in der Trostlosigkeit der Hölle.« So steht es im Qur'án; das ist keine Geschichte oder Überlieferung, sondern aus dem Qur'án selbst, den die Menschen in Händen halten.

Somit ist klar, dass Unwissenheit und Missverständnisse so viel Krieg und Streit zwischen Christen und Muslimen verursachten.

Wenn beide Seiten die ihren religiösen Überzeugungen zugrunde liegende Wahrheit erforschten, ergäben sich Einheit und Übereinstimmung; Streit und Erbitterung würden ein für alle Mal vergehen und die Menschheit würde Ruhe und Frieden finden.

Man muss bedenken, dass es zweihundertfünfzig Millionen Christen und dreihundert Millionen Muslime gibt.

Wie viel Blut ist in ihren Kriegen geflossen!

Wie viele Länder wurden zerstört!

Wie viele Kinder verloren ihren Vater!

Wie viele Väter und Mütter beweinten den Verlust ihrer Kinder und Lieben!

All das geschah aufgrund von Vorurteilen, Missverständnissen und dem Nachahmen überkommener Vorstellungen, ohne dass je die Wahrheit erforscht wurde.

Wären die Heiligen Bücher richtig verstanden worden, es hätte weder diese Zwietracht noch diesen Kummer gegeben; stattdessen hätten Liebe und Gemeinschaft geherrscht.

Das gilt auch für alle anderen Religionen.

Die Umstände, die ich schilderte, treffen gleichermaßen auf alle zu.

Der wesentliche Zweck der Religion Gottes ist, Einheit zwischen den Menschen zu schaffen.

Die göttlichen Manifestationen schufen die Mittel und Wege für Gemeinschaft und Liebe.

Sie kamen nicht, um Zwietracht, Streit und Hass in der Welt zu stiften.

Die Religion Gottes ist die Ursache von Liebe, aber wenn sie zur Quelle von Feindschaft und Blutvergießen gemacht wird, ist ihr Nichtvorhandensein sicherlich ihrem Vorhandensein vorzuziehen, denn dann wird sie satanisch, schädlich und ein Hindernis für die Menschenwelt. Im Orient befanden sich die verschiedenen Völker und Nationen in einem Zustand von Feindschaft und Streit und begegneten einander mit größter Feindseligkeit und Hass.

Dunkelheit umfing die Menschenwelt.

In einer solchen Zeit kam Bahá'u'lláh.

Er beseitigte all die Nachahmungen und Vorurteile, die zu Trennung und Missverständnissen geführt hatten, und legte den Grundstein für die eine Religion Gottes.

Als dies erreicht war, schlossen sich Muslime, Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten in wahrer Gemeinschaft und Liebe zusammen.

Die Anhänger Bahá'u'lláhs, gleich aus welchem Land, sind wie eine Familie geworden, leben in Einklang und Einigkeit und sind bereit, füreinander ihr Leben hinzugeben.

Der Muslim wird sein Leben für den Christen geben, der Christ für den Juden und beide ihr Leben für den Zoroastrier.

Sie leben in Liebe, Freundschaft und Einheit zusammen.

Sie sind zur Wiedergeburt im Geiste Gottes gelangt.

Sie wurden durch den Odem des Heiligen Geistes wiederbelebt und neu erschaffen.

Preis sei Gott!

Dieses Licht ist aus dem Osten gekommen und irgendwann wird es im Orient keine Zwietracht und keine Feindschaft mehr geben.

Durch die Macht Bahá'u'lláhs werden alle vereint sein.

Er hisste dieses Banner der Einheit der Menschheit im Gefängnis.

Von zwei Königen in die Verbannung gezwungen, auf der Flucht vor Feinden aus allen Völkern, schrieb Er während Seiner langen Gefangenschaft mit Worten von wunderbarer Sprachgewalt an die Könige und Herrscher der Welt.

Er tadelte sie aufs Schärfste und rief sie zum göttlichen Grundsatz der Einheit und Gerechtigkeit auf.

Er ermahnte sie zum Frieden und zu internationaler Einigung und gebot ihnen, ein internationales Schiedsgericht zu schaffen:

Von allen Nationen und Regierungen der Welt sollten Delegierte für einen Kongress der Nationen gewählt werden, der einen universellen Schiedsgerichtshof einsetzen sollte, um internationale Konflikte beizulegen.

Er schrieb an Königin Victoria von Großbritannien, an den russischen Zaren, an den deutschen Kaiser, an Napoleon III. von Frankreich und andere und forderte sie zu Welteinheit und Frieden auf.

Durch himmlische Macht war Er in der Lage, diese Ideale im Orient zu verbreiten.

Könige konnten Ihn nicht daran hindern.

Sie trachteten danach, Sein Licht auszulöschen, bewirkten aber nur, dass dessen Intensität und Leuchtkraft wuchsen.

Im Gefängnis stellte Er sich gegen den Sháh von Persien und den Sulṭán der Türkei und verkündete Seine Lehren, bis Er das Banner der Wahrheit und die Einheit der Menschheit fest verankert hatte.

Ich war vierzig Jahre lang mit Ihm gefangen, bis die Jungtürken des Komitees für Einheit und Fortschritt den Despoten 'Abdu'l-Ḥamíd stürzten, ihn entthronten und die Freiheit ausriefen.

Dieses Komitee befreite mich aus Tyrannei und Unterdrückung; sonst hätte ich bis ans Ende meiner Tage im Gefängnis bleiben sollen.

Mit anderen Worten:

Im Gefängnis war Bahá'u'lláh imstande, die Grundlagen des Friedens zu verkünden und zu verankern, obwohl zwei despotische Könige Seine Feinde und Unterdrücker waren.

Der persische König, Náṣiri'd-Dín Sháh, ließ zwanzigtausend Bahá'í töten, Märtyrer, die absolut losgelöst, bereitwillig und freudig ihr Leben für ihren Glauben hingaben.

Diese beiden mächtigen und tyrannischen Könige waren unfähig, einen Gefangenen aufzuhalten; dieser Gefangene hielt das Banner der Mitmenschlichkeit hoch und führte die Menschen des Orients zu Einvernehmen und Einheit.

Im Osten leben heute nur diejenigen in Opposition und Feindschaft, die Bahá'u'lláh nicht gefolgt sind.

Die Menschen, die Ihn als das Banner göttlicher Führung anerkannt haben, erfreuen sich in ihren Völkern eines Zustands wahrer Freundschaft und Liebe.

Wenn Sie an einer Versammlung im Osten teilnehmen sollten, könnten Sie nicht zwischen Christen und Muslimen unterscheiden; Sie würden nicht wissen, wer Jude, Zoroastrier oder Buddhist war, so vollständig haben sie sich vereint und ihren religiösen Streit beigelegt.

Sie verkehren miteinander in größter Liebe und in einer geistigen Atmosphäre, als gehörten sie zu einer einzigen Familie, als wären sie ein einziges Volk.

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17. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Emma C. Melick Wir alle sollten die Kranken besuchen. Wenn sie bekümmert sind und leiden, tut es ihnen ausgesprochen gut, von einem Freund besucht zu werden. Freude ist ein großartiges Heilmittel für die Kranken. Im Osten ist es üblich, den Patienten häufig aufzusuchen und ihn persönlich zu treffen. Die Menschen im Orient bringen Kranken und Leidenden größte Freundlichkeit und Mitgefühl entgegen. Das hat eine größere Wirkung als das Heilmittel selbst. Ihr müsst immer diese Gedanken der Liebe und Zuneigung hegen, wenn ihr die Kranken und Leidenden besucht. Mit der Menschenwelt ist es wie mit einem einzelnen Menschen; auch sie hat ihre Krankheiten und Gebrechen. Bei einem Patienten muss ein fähiger Arzt die Diagnose stellen. Die Propheten Gottes sind die wahren Ärzte. Zu welcher Zeit auch immer Sie erscheinen – Sie verordnen, was die menschlichen Lebensumstände erfordern. Sie kennen die Krankheiten, Sie erkennen ihre verborgenen Ursachen und verordnen das nötige Heilmittel. Wer immer durch dieses Mittel geheilt wird, erlangt ewige Gesundheit. Am Tag Jesu Christi zum Beispiel wurde die Menschenwelt von verschiedenen Krankheiten geplagt. Jesus Christus war der wahre Arzt. Er erschien, erkannte die Symptome und verschrieb das richtige Heilmittel. Was war dieses Mittel? Es war die von Ihm offenbarte Lehre, die besonders für jenes Zeitalter galt. Später traten viele neue Missstände und Störungen in der Gesellschaft auf. Die Welt erkrankte und weitere ernste Missstände zeigten sich, insbesondere auf der arabischen Halbinsel. Dort offenbarte Gott Muḥammad. Er kam und verordnete, was die Umstände erforderten, sodass die Araber dieser Zeit gesund, widerstandsfähig und stark wurden. Heutzutage ist die Menschenwelt von schweren Krankheiten und gravierenden Störungen befallen, die ihr Leben gefährden. Darum ist Bahá'u'lláh erschienen. Er ist der wahre Arzt, Der der Menschenwelt göttliche Arznei und Heilung bringt. Für jedes Gebrechen hat Er Lehren offenbart – die Verborgenen Worte, Ishráqát, Ṭarázát, Tajallíyát, Worte des Paradieses, Frohe Botschaften usw. Diese heiligen Worte und Lehren sind das Heilmittel für die Gesellschaft, das göttliche Rezept und die richtige Behandlung für die Störungen, die die Welt plagen. Darum müssen wir diese heilende Arznei annehmen und anwenden, um eine vollständige Genesung zu gewährleisten. Jede Seele, die nach den Lehren Bahá'u'lláhs lebt, ist frei von den Krankheiten und Unpässlichkeiten, die überall in der Menschenwelt vorherrschen; wenn sie nicht so lebt, wird sie von selbstsüchtigen Störungen, intellektuellen und spirituellen Übeln, von Unvollkommenheiten und Lastern befallen, und sie wird die lebensspendenden Gaben Gottes nicht empfangen. Bahá'u'lláh ist der wahre Arzt. Er hat die Krankheiten der Menschen diagnostiziert und die erforderliche Behandlung aufgezeigt. Die wesentlichen Prinzipien Seiner Heilmittel sind die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Ihm, Loslösung von allem außer Gott, aufrichtige Hinwendung zum Königreich Gottes, vorbehaltloser Glaube, Festigkeit und Treue, liebevolle Freundlichkeit gegenüber allen Geschöpfen und Aneignung der göttlichen Tugenden, die für die Menschenwelt vorgesehen sind. Das sind die Grundprinzipien für Fortschritt, Zivilisation, internationalen Frieden und die Einheit der Menschheit. Das sind die grundlegenden Lehren Bahá'u'lláhs, das Geheimnis ewiger Gesundheit, das Heilmittel und die Heilung für den Menschen. Ich hoffe, dass ihr dazu beitragen könnt, durch diese Lehren den kranken Körper der Welt zu heilen, damit ewiger Glanz alle Völker der Welt erleuchte.

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18. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Emma C. Melick Wie weit die Menschheit auch in der materiellen Zivilisation fortschreiten mag, so bedarf sie doch der im Evangelium erwähnten geistigen Entwicklung. Die Vorzüge der materiellen Welt sind begrenzt, während die göttlichen Tugenden grenzenlos sind. So begrenzt die materiellen Vorzüge sind, so grenzenlos ist der Bedarf des Menschen an der Vollkommenheit der göttlichen Welt. Obwohl menschliche Tugenden im Lauf der Menschheitsgeschichte mehrmals einen wahren Höhepunkt erreichten, waren sie doch begrenzt, während göttliche Errungenschaften immer grenzenlos und unendlich waren. Das Begrenzte braucht immer das Unbegrenzte. Das Materielle muss mit dem Geistigen zusammenwirken. Das Materielle mag mit dem Körper verglichen werden, aber göttliche Tugenden sind der Odem des Heiligen Geistes selbst. Der Körper ist ohne den Geist zu keiner echten Leistung fähig. Mag er auch überaus schön und vortrefflich sein, braucht er dennoch den Geist. Das Lampenglas mag perfekt poliert sein, es braucht dennoch das Licht. Ohne Licht kann die Lampe oder Kerze nichts beleuchten. Ohne den Geist kann der Körper nichts erreichen. Die Möglichkeiten des Lehrers materieller Prinzipien sind eingeschränkt. Die Philosophen, die beanspruchten, Lehrer und Erzieher der Menschheit zu sein, waren höchstens fähig, sich selbst zu erziehen. Wenn sie andere erzogen haben, geschah das innerhalb eines begrenzten Umfeldes. Sie versagten dabei, allgemeine Bildung und Entwicklung zu vermitteln. Diese wurden der Menschheit durch die Kraft des Heiligen Geistes zuteil. Christus zum Beispiel hat die Menschheit universell erzogen und gefördert. Er errettete Völker und Nationen aus der Knechtschaft von Aberglauben und Götzendienst. Er forderte sie auf, die Einheit Gottes zu erkennen. Sie waren umnachtet und wurden erleuchtet; sie waren materialistisch und wurden geistig; weltlich waren sie und wurden himmlisch. Er brachte Licht in die Welt der Ethik. Die Kraft der Philosophie kann keine allgemeingültige und umfassende Entwicklung bewirken. Das vermag allein der durchdringende Einfluss des Heiligen Geistes. Darum versagt die Menschheit, wie weit sie auch vorankommen mag, dabei, ihre höchste Stufe zu erklimmen, solange sie nicht durch die Erziehung und göttlichen Gaben des Heiligen Geistes belebt wird. Das garantiert menschlichen Fortschritt und Wohlstand. Deshalb rufe ich euch dazu auf, euch eurer geistigen Entwicklung zu widmen. Im gleichen Maß, in dem ihr euch auf materiellem Gebiet bemüht und eine hohe Stufe an weltlichem Fortschritt erreicht habt, könntet ihr auch in eurer Erkenntnis Gottes gefestigt und kundig werden. Möge die Aufnahmefähigkeit für das Göttliche erweckt werden und wachsen; möge sich eure Hingabe an das himmlische Königreich vertiefen und verstärken. Möget ihr Empfänger der Impulse des Heiligen Geistes werden, möget ihr auf dem Gebiet der Ethik unterstützt werden und vollendete Leistungen erbringen, auf dass die erhabene Stufe des Menschen in euch sichtbar werden möge. So möget ihr höchste Glückseligkeit, ewiges Leben, immerwährende Herrlichkeit, die zweite Geburt erlangen und zu Offenbarungen der Gaben Gottes werden.

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20. Juni 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Ich bin dabei, die Stadt zu verlassen, um mich ein paar Tage in Montclair zu erholen. Wenn ich zurückkomme, möchte ich ein großes Einigkeitsfest ausrichten. Der richtige Ort dafür wurde noch nicht gefunden. Es muss draußen unter den Bäumen sein, an einem Ort abseits des Stadtlärms – wie in einem persischen Garten. Es wird persisches Essen geben. Sobald der Ort feststeht, werden alle informiert, und wir werden ein Treffen für alle abhalten, bei dem die Herzen verbunden, die Seelen vereint werden und ein neues Fundament der Einheit gelegt wird. Alle Freunde werden kommen. Sie werden meine Gäste sein. Sie werden wie die Teile und Glieder eines einzigen Körpers sein. Der Geist des Lebens, der sich in diesem Körper zeigt, wird ein einziger Geist sein. Das Fundament dieses Tempels der Einheit wird ein einziges Fundament sein. Jeder wird ein Stein in diesem Fundament sein, fest und mit den anderen verbunden. Jeder wird wie ein Blatt, eine Blüte oder eine Frucht eines einzigen Baumes sein. Der Freundschaft und Einheit zuliebe wünsche ich mir dieses Fest, diese geistige Versammlung. Alles, was zur Einheit beiträgt, ist eine Gnade und entspringt der göttlichen Freigebigkeit.

Jede Angelegenheit, die alle umfasst, ist göttlich.

Alles, was zu Trennung und Entfremdung führt, ist teuflisch, weil es selbstsüchtigen Absichten entspringt.

Bedenkt, wie klar die Schöpfung aufzeigt, dass die Ursache des Daseins Einheit und Zusammenhalt ist und die Ursache des Nichtseins Trennung und Uneinigkeit.

Durch göttliche Schöpferkraft entsteht die Anziehung, die die Elemente verbindet, und das Ergebnis ist ein zusammengesetztes Sein.

Einige dieser Elemente haben sich so verbunden, dass der Mensch entstanden ist.

Bestimmte andere Kombinationen bringen Pflanzen und Tiere hervor.

Folglich ist diese Anziehung der unbelebten Elemente die Ursache für Leben und Sein.

Durch ihre Vermischung wird somit menschliche Verbundenheit, Liebe und Gemeinschaft ermöglicht.

Wären die Elemente nicht durch diese Anziehung verbunden, um den Körper des Menschen hervorzubringen, könnten die höheren Verstandeskräfte nicht im Körper sichtbar werden.

Aber wenn diese Elemente sich trennen, wenn ihre Anziehung und ihr Zusammenhalt wegfallen, folgen unweigerlich Tod und Auflösung des Körpers, den sie aufgebaut haben.

Daher bedeuten Anziehung und Einheit eben dieser materiellen Elemente Leben für den Körper des Menschen, und ihre Zwietracht und Unvereinbarkeit bedeuten Tod.

In der gesamten Schöpfung, in allen Reichen besteht dieses Gesetz:

Liebe und Anziehung sind die Ursache von Leben, und Zwietracht und Trennung führen zum Tod. Betrachtet die Körper aller natürlichen Organismen. Bestimmte Elemente treffen aufeinander und verbinden sich durch chemische Anziehung. Der Baum, der Mensch und der Fisch basieren auf dieser Anziehungskraft und dem Zusammenhalt, durch die die Elemente zusammengebracht wurden. Eine Komposition, ein zusammengesetztes Sein, ist daraus entstanden. Das Ergebnis einer bestimmten atomaren Anordnung ist beispielsweise ein Spiegel, ein Tisch oder eine Uhr, weil eine Verbindungskraft die Anziehung dieser Atome bewirkt und sie miteinander verbunden hat. Wenn diese Anziehungskraft wegfällt, folgen Auflösung und Zerfall; kein Spiegel, kein Tisch, keine Uhr bleiben zurück – keine Spur, kein Dasein. Darum bringt die Vermischung von Atomen Sein hervor, während ihre Auflösung oder Zerstreuung gleichbedeutend ist mit Nichtsein. Untersucht das Gesetz der Anziehung auch bei den Haustieren. Sie leben gemeinschaftlich in Herden zusammen; die Liebe zur Gemeinschaft ist bei ihnen offensichtlich. Wir sehen, dass Vögel einen natürlichen Sinn für Verbundenheit und Liebe zu besitzen scheinen. Aber die Raubtiere und Raubvögel sind das genaue Gegenteil der Haustiere. Schafe, Kühe und Pferde grasen einträchtig und einvernehmlich miteinander, aber Raubtiere sieht man nie in Liebe und Verbundenheit zusammen. Jedes lebt für sich allein oder mit einem einzigen Partner. Wenn sie einander sehen, gebärden sie sich überaus wild. Hunde stürzen sich auf Hunde; Wölfe, Tiger, Löwen toben, knurren und kämpfen auf Leben und Tod. Ihre Wildheit ist instinktgesteuert. Dafür gibt es in der Schöpfung einen Grund. Raubvögel wie Adler und Falken leben einzeln und bauen ihre Nester weit voneinander entfernt, aber Tauben fliegen in Schwärmen und nisten auf denselben Bäumen. Wenn ein Adler einen anderen Adler trifft, gibt es einen heftigen Kampf. Das Treffen zweier Tauben ist ein Friedenstreffen. Daher ist klar, dass bei den Geschöpfen eines niedrigeren Reiches sowohl diese gesegneten Eigenschaften als auch ihr Gegenteil anzutreffen sind. Die meisten Menschen legen keine wirkliche Liebe und Gemeinschaft an den Tag.

Die in Liebe und Einheit miteinander leben, gehören zu den erlesensten Menschen.

Vor Gott haben sie Vorrang, weil sich bereits die göttlichen Eigenschaften in ihnen zeigen.

Die höchste Liebe und Einheit offenbart sich in den göttlichen Manifestationen.

Die Einheit zwischen Ihnen ist unauflöslich, unveränderlich, ewig und dauerhaft.

Jede spricht für alle und vertritt alle.

Wenn wir eine der Manifestationen Gottes ablehnen, so lehnen wir alle ab.

Eine zu verfolgen, heißt auch, die anderen zu verfolgen.

Auf allen Stufen des Seins preist und heiligt Jede die Anderen.

Jede von Ihnen hält das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheit aufrecht und unterstützt die Einheit der Menschenherzen.

Nach den göttlichen Manifestationen kommen als Nächstes die Gläubigen, in denen sich die Merkmale der Einigkeit, der Gemeinschaft und der Liebe zeigen.

Die Bahá'í-Freunde in Persien erlangten eine solche Eintracht und Liebe, dass es regelrecht zu einem Hindernis in materiellen Angelegenheiten wurde.

Jeder, der in eines der Häuser der Freunde kam, empfand sich selbst gewissermaßen als Eigentümer des Hauses.

Bei ihren persönlichen Interessen und in ihrer Liebe bestand kein Gegensatz, sondern völlige Übereinstimmung.

Ein Freund, der zu Besuch kam, hätte bedenkenlos den Vorratsschrank öffnen und so viele Nahrungsmittel herausnehmen können, wie er brauchte.

Bei Bedarf trugen sie die Kleidung des anderen, als wäre es ihre eigene.

Wenn sie einen Hut oder Mantel brauchten, nahmen und trugen sie ihn.

Der Besitzer der Kleidung freute sich und war dankbar, dass das Kleidungsstück benutzt wurde.

Wenn er nach Hause zurückkam, wurde ihm vielleicht gesagt:

»Soundso war hier und hat deinen Mantel mitgenommen.« Er hätte geantwortet:

»Gelobt sei Gott!

Ich bin ihm so dankbar.

Preis sei Gott!

Ich freue mich so, dass ich diese Gelegenheit hatte, ihm meine Liebe zu zeigen.« Diese Liebe und Gemeinschaft wurden in einem so außergewöhnlichen Ausmaß zum Ausdruck gebracht, dass Bahá'u'lláh gebot, niemand dürfe etwas vom Besitz eines anderen an sich nehmen, wenn es ihm nicht geschenkt würde.

Diese Schilderung soll zeigen, welch großes Maß an Einheit und Liebe unter den Bahá'í-Freunden im Osten herrschte. Ich hoffe, dass hier in gleichem Ausmaß und gleicher Intensität Liebe offenkundig und greifbar werden möge; dass der Geist Gottes eure Herzen so durchdringe, dass jeder der Geliebten Gottes als eins mit allen betrachtet werde; dass jeder zur Ursache von Einheit und zu einem Mittelpunkt des Einklangs werde und die ganze Menschheit sich in wahrer Gemeinschaft und Liebe miteinander verbinden möge.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Montclair und West Englewood, New Jersey

23. bis 29. Juni 1912

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23. Juni 1912 Ansprache in Montclair, New Jersey Aufzeichnungen von Frank E. Osborne 'Abdu'l-Bahá: Ihr lächelt immer. Herr Osborne: Gewiss sollten bei dieser Begegnung unsere Gesichter vor Freude strahlen. 'Abdu'l-Bahá: Ja! Dies ist der Tag Bahá'u'lláhs, das Zeitalter der Gesegneten Vollkommenheit, der Zyklus des Größten Namens. Wenn ihr jetzt nicht lächelt, wie lange wollt ihr noch warten und welches größere Glück könnt ihr noch erhoffen? Dies ist die Frühlingszeit der Offenbarung. Aus den Wolken göttlicher Barmherzigkeit kommt der Frühlingsregen herab; die lebensspendende Brise des Heiligen Geistes verbreitet ihren Blütenduft. Von Wiesen und Feldern erhebt sich ein Dufthauch der Dankbarkeit wie reiner Weihrauch, der zum Thron Gottes aufsteigt. Die Welt ist eine neue Welt geworden, die Seelen sind belebt, der Geist ist erneuert und erfrischt. Es ist wahrhaftig eine Zeit des Glücks. (Zu Leuten, die hereinkommen:) Herzlich willkommen! Herzlich willkommen! Ihr seid höchst willkommen! (Die Kirchenglocken beginnen zu läuten.) Heute Morgen ging es mir nicht gut, sonst wäre ich in die Kirche gegangen. Überall hören wir den Ruf der geistigen Welt und in allem sehen wir die Werke Gottes. Die Kirchenglocken läuten zum Gedenken an Jesus Christus, obwohl über neunzehnhundert Jahre vergangen sind, seit Er auf Erden lebte. Das geschieht durch die Macht des Geistes. Keine irdische Macht könnte das bewirken. Und doch lehnen Menschen in ihrer Blindheit Christus ab und versuchen, ihre Namen durch weltliche Taten zu verewigen. Jeder möchte, dass man sich an ihn erinnert. Durch irdische und materielle Leistungen wird man kaum neun Jahre lang im Gedächtnis der Menschen bleiben, während das Angedenken und der Ruhm Christi weiterbestehen, obwohl neunzehnhundert Jahre vergangen sind. Denn Sein Name und Ruhm sind ewig und unvergänglich. Daher sollte der Mensch mit aufmerksamem Ohr auf den Ruf der geistigen Welt hören und zuerst das Reich Gottes und seine Vollkommenheit suchen. Das ist ewiges Leben; das ist immerwährendes Gedenken. Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Ruhm Christi und dem Ruhm eines irdischen Eroberers! Von Historikern wird berichtet, Napoleon Bonaparte I. sei heimlich bei Nacht mit dem Schiff von Ägypten aus aufgebrochen. Sein Ziel war Frankreich. Während seines Palästina-Feldzugs war die Revolution ausgebrochen und die Heimatregierung war in ernste Schwierigkeiten geraten. Christliche Gottesdienste waren von den Revolutionären verboten worden. Die christlichen Priester waren in Panik geflohen. Frankreich war atheistisch geworden und es herrschte Anarchie. Das Schiff segelte in die mondhelle Nacht hinaus. Napoleon ging auf Deck auf und ab. Seine Offiziere saßen beieinander und plauderten. Einer von ihnen sprach von der Ähnlichkeit zwischen Bonaparte und Christus. Napoleon blieb stehen und sagte grimmig: »Glaubt ihr, ich gehe zurück nach Frankreich, um die Religion wieder einzusetzen?« Jesus Christus stiftete die Religion Gottes durch Liebe.

Seine Herrschaft währt ewig.

Napoleon stürzte Regierungen durch Krieg und Blutvergießen.

Seine Herrschaft verging, er selbst wurde abgesetzt.

Bonaparte zerstörte menschliches Leben; Christus war ein Erretter.

Bonaparte beherrschte die Körper der Menschen; Christus eroberte die Menschenherzen.

Keiner der Propheten Gottes war ein berühmter Mann, aber Ihre geistige Macht war einzigartig.

Liebe ist ewige Herrschaft.

Liebe ist die Macht Gottes.

Durch sie werden alle Könige der Erde gestürzt und bezwungen.

Welchen größeren Beweis könnte es dafür geben als das, was Bahá'u'lláh bewirkt hat?

Er erhob sich im Osten und wurde verbannt.

Er wurde in das Gefängnis von 'Akká in Palästina geworfen.

Zwei mächtige, despotische Könige erhoben sich gegen Ihn.

In Seiner Verbannung und Gefangenschaft schrieb Er gebieterische Sendschreiben an die Könige und Herrscher der Welt, in denen Er ihnen Seine geistige Herrschaft verkündete, die Religion Gottes stiftete und das himmlische Banner der Sache Gottes hisste.

Eines dieser Sendschreiben wurde an Frankreichs Kaiser Napoleon III. gesandt.

Dieser empfing es mit Geringschätzung und warf es beiseite.

Bahá'u'lláh richtete ein zweites Sendschreiben an ihn, das diese Worte enthielt:

»Wären deine Worte aufrichtig gewesen, so hättest du das Buch Gottes nicht beiseite geworfen, als es dir übermittelt wurde. … Wir haben dich damit geprüft und fanden dich anders, als du vorgibst.

Mache dich auf und hole nach, was du versäumt hast.

Binnen kurzem werden die Welt und all dein Besitz vergehen, und das Reich wird Gottes sein … Zur Strafe für das, was du getan, wird dein Reich in Verwirrung gestürzt werden, und die Herrschaft wird deinen Händen entgleiten.

Dann wirst du erkennen, wie sehr du dich geirrt hast. … Dein Pomp … wird bald vergehen, es sei denn, du hältst dich an dieses starke Seil.

Wir sehen Erniedrigung dich ereilen …« All das geschah genau so, wie von Bahá'u'lláh angekündigt.

Napoleon III. wurde entthront und ins Exil geschickt.

Sein Reich verging und existiert nicht mehr, während die Oberherrschaft und höchste Autorität Bahá'u'lláhs, des Gefangenen, durch die Unterstützung Gottes ewig währen wird.

Das ist so offensichtlich wie das Sonnenlicht zur Mittagszeit – außer für jene, die geistig blind sind.

Wenn wir erkältet sind, können wir die zarten Düfte nicht wahrnehmen, die vom Rosengarten des göttlichen Königreichs ausgehen. Kurzum, die Völker der Welt werden unter der Oberherrschaft des göttlichen Königreichs vereint werden.

Ost und West umarmen sich hier und jetzt in Liebe und Zuneigung.

Das ist keine kommerzielle oder politische Einheit, sondern die Einheit durch die Liebe Gottes.

Wir haben das Meer überquert, um diese Liebe in Amerika zu verbreiten, den Ruf des Königreichs zu verkünden und die geistigen Grundlagen für den internationalen Frieden zu schaffen.

Es kann zwar sein, dass Menschen sich gegen das Königreich auflehnen, aber die Oberherrschaft und höchste Autorität Gottes wird errichtet werden.

Es ist ein ewiges Königreich, eine göttliche Oberherrschaft.

Christus wurde zu Seiner Zeit Satan und Beelzebub genannt, aber hört, wie jetzt die Glocken für Ihn läuten!

Er war das Wort Gottes und nicht Satan.

Sie verspotteten Ihn, führten Ihn auf einem Esel durch die Stadt, krönten Ihn mit Dornen, spuckten in Sein gesegnetes Antlitz und kreuzigten Ihn, aber Er ist jetzt bei Gott und in Gott, weil Er das Wort und nicht Satan war.

Vor fünfzig Jahren wollte in Persien niemand die christliche Bibel anfassen.

Bahá'u'lláh kam und fragte:

»Warum?« Sie sagten:

»Es ist nicht das Wort Gottes.« Er sagte:

»Ihr müsst sie mit Verständnis für ihre Bedeutung lesen, nicht wie jene, die nur ihre Worte rezitieren.« Jetzt lesen Bahá'í überall im Osten die Bibel und verstehen ihre geistige Lehre.

Bahá'u'lláh verbreitete die Sache Christi und öffnete das Buch der Christen und der Juden.

Er beseitigte die Beschränkungen durch Namen.

Er bewies, dass alle göttlichen Propheten dieselbe Wahrheit lehrten und dass die Ablehnung des Einen auch die Ablehnung der Anderen bedeutet, denn alle sind in vollkommener Einheit mit Gott. In London sagten einige Christen, wir würden Christus ablehnen. Wir hingegen sagen, Christus ist das Wort Gottes. Wir sind heute Morgen hier versammelt, um Seiner zu gedenken. Die Glocken haben uns zur Liebe und Einheit zusammengerufen. Dieses Haus ist das Haus Gottes. Jeder ist willkommen! Herzlich willkommen! Frage: Wie sollen wir entscheiden, ob bestimmte Bibelinterpretationen wahr oder falsch sind, wie zum Beispiel die historisch-kritische Methode und andere moderne christliche Lehren? 'Abdu'l-Bahá: Diese Frage ist schwierig, aber wichtig. Eine vollständige Antwort würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich will aber kurz darauf eingehen. Der einzig wahre Erklärer des Buches Gottes ist der Heilige Geist, denn keine zwei Menschen haben gleiche Gedanken, keine zwei haben das gleiche Verständnis, keine zwei nutzen die gleichen Worte. Das heißt, allein vom menschlichen Standpunkt der Interpretation aus kann es weder Wahrheit noch Einigkeit geben. Frage: Stimmen Sie den neuen Ansichten zu, bei denen die Herrschaft des Geistes über die Materie das zentrale Prinzip ist? 'Abdu'l-Bahá: Philosophie entwickelt den Verstand. Christus und das Wort Gottes werden durch den Heiligen Geist offenbart. Platon sagt: »Die gedanklichen Schlussfolgerungen sind so und so.« Christus sagt: »Lass dich leiten durch den Geist.« Frage: Sollten Kinder wissenschaftliche Interpretationen der Bibel lesen dürfen? 'Abdu'l-Bahá: Zuerst und als Grundlage soll ihnen die Wahrheit der Religion vermittelt werden. In der katholischen Kirche wird dem Kind beispielsweise beigebracht, dass bei der Feier des Abendmahls das Brot und der Wein durch das Handeln des Priesters zum Fleisch und Blut Jesu Christi werden. Der Verstand kann das nicht akzeptieren. Dem Kind muss beigebracht werden, dass diese Transformation ein Symbol ist für die Wahrheit, dass Christus die Nahrung vom Himmel ist, die ewiges Leben bewirkt, wenn man sie isst. Die Juden hatten die Bibel auswendig gelernt, aber ihre Bedeutung nicht verstanden. Wenn sie die geistige Bedeutung der Schriften verstanden hätten, wären sie die ersten gewesen, die an Christus glaubten. Ihr gehört zu den ersten Gläubigen in diesem Land. Ihr seid die Kinder des Gottesreiches. Bahá'u'lláh hat euch die Wahrheit der Religion gelehrt. Es gibt viele Bahá'í-Freunde in Persien, die wir nicht kennen, aber wir kennen euch hier in Amerika. Wendet eure Gesichter der Sonne der Wahrheit zu. Diese Sonne ist immer im Osten aufgegangen. Findet die Antwort auf eure Fragen in eurem Herzen. Seid wie kleine Kinder. Solange der Boden nicht vorbereitet ist, nutzt es nichts, ihn zu bepflanzen.

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29. Juni 1912 Ansprache beim Einigkeitsfest im Freien West Englewood, New Jersey Aufzeichnungen von Esther Foster Dies ist eine wunderbare Versammlung. Ihr seid mit besten Absichten hierhergekommen, und das Ziel aller Anwesenden ist es, göttliche Tugenden zu erlangen. Euer Beweggrund ist, dass ihr vom göttlichen Königreich angezogen seid. Da alle sich nach Einheit und Einmütigkeit sehnen, wird dieses Treffen gewiss großartige Erfolge hervorbringen. Es wird neuen Segen anziehen, denn wir wenden uns dem Abhá-Königreich zu und erbitten die unendlichen Gnadengaben des Herrn. Dies ist ein neuer Tag, und diese Stunde, zu der wir zusammengekommen sind, ist eine neue Stunde. Sicher wird uns die Sonne der Wahrheit mit ihrem Strahlenglanz erleuchten, und das Dunkel der Uneinigkeit wird verschwinden. Innigste Liebe und Einheit werden das Ergebnis sein; die Gunst Gottes wird uns umfangen und der Pfad des Königreichs wird uns leicht gemacht. Das Licht göttlicher Führung wird diese Seelen wie Kerzen entzünden und erstrahlen lassen. Versammlungen wie diese haben in dieser Welt, in der Menschen durch äußere Motive oder zur Förderung materieller Interessen zueinander hingezogen werden, nicht ihresgleichen, denn dieses Treffen ist ein Urbild der inneren, gänzlich geistigen Verbindung in der ewigen Welt des Seins. Echte Bahá'í-Treffen sind Spiegel des Königreichs, die das Abbild der Höchsten Heerscharen wiedergeben. Das Licht der größten Führung ist in ihnen sichtbar. Sie verkünden die Botschaft des himmlischen Königreichs und lassen den Ruf der Engelscharen in jedem hörenden Ohr erklingen. Die Auswirkungen solcher Treffen sind über die Jahrhunderte hinweg zu spüren. Diese Versammlung hat einen Namen und eine Bedeutung, die für immer bestehen bleiben. Hunderttausende von Treffen werden abgehalten werden, um an dieses Ereignis zu erinnern, und die Worte, die ich heute zu euch spreche, werden bei diesen Treffen in kommenden Zeitaltern wiederholt werden. Darum freut euch, denn ihr steht unter dem Schutz der göttlichen Vorsehung. Seid glücklich und fröhlich, denn die Gaben Gottes sind euch bestimmt und der Lebensodem des Heiligen Geistes strömt euch zu. Freut euch, denn die himmlische Tafel ist für euch gedeckt. Freut euch, denn die Engel des Himmels sind euer Beistand und eure Helfer. Freut euch, denn der Blick der Gesegneten Schönheit Bahá'u'lláh ist auf euch gerichtet. Freut euch, denn Bahá'u'lláh ist euer Beschützer. Freut euch, denn immerwährende Herrlichkeit ist euch bestimmt. Freut euch, denn das ewige Leben erwartet euch. Wie viele gesegnete Seelen haben sich nach diesem strahlenden Jahrhundert gesehnt, ihre größten Hoffnungen und Wünsche auf das Glück und die Freude eines solchen Tages gerichtet. Viele Nächte verbrachten sie schlaflos und klagten bis in den Morgen in sehnsüchtiger Erwartung dieses Zeitalters und wünschten, auch nur eine Stunde dieser Zeit zu erleben. Gott hat euch in diesem Jahrhundert Seine Gunst erwiesen und euch für die Verwirklichung Seiner Segnungen auserkoren. Deshalb müsst ihr Gott mit Herz und Seele loben und preisen, voller Dankbarkeit für diese großartige Gelegenheit und für diese grenzenlosen Gaben – dafür, dass solche Türen vor euren Augen geöffnet wurden, dass solche Fülle aus den Wolken der Barmherzigkeit herabströmte und dass euch diese erfrischenden Brisen aus dem Paradies Abhá neu beleben. Ihr müsst eins werden in Herz, Geist und Empfindsamkeit. Möget ihr wie Wellen eines Meeres, Sterne desselben Himmels, Früchte desselben Baumes, Rosen eines Gartens werden, auf dass durch euch die Einheit der Menschheit ihren Tempel in der Menschenwelt errichten möge, denn ihr seid es, die berufen sind, der Sache der Einheit unter den Völkern auf Erden Auftrieb zu geben. Als Erstes müsst ihr miteinander verbunden und euch einig sein.

Ihr müsst zueinander außerordentlich freundlich und liebevoll sein und bereit, euer Leben gegenseitig für euer Glück hinzugeben.

Ihr müsst bereit sein, euren Besitz füreinander zu opfern.

Die Reichen unter euch müssen den Armen ihr Mitgefühl erweisen und die Wohlhabenden müssen sich um die Notleidenden kümmern.

In Persien geben die Freunde ihr Leben füreinander hin und streben danach, den Interessen und dem Wohlergehen aller zu dienen.

Sie leben in einem Zustand völliger Einheit und Eintracht.

Wie die persischen Freunde müsst ihr völlig einig und vereint sein, so sehr, dass ihr euer Leben füreinander hingebt.

Euer größter Wunsch muss sein, gegenseitig für euer Glück zu sorgen.

Jeder muss der Diener des anderen sein und an dessen Wohlergehen denken.

Auf dem Pfade Gottes muss man sich selbst völlig vergessen.

Man darf nicht nach dem eigenen Vergnügen trachten, sondern muss auf die Freude der anderen bedacht sein.

Man darf weder Ruhm noch Gnadengaben für sich selbst begehren, sondern muss diese Gaben und Segnungen für seine Brüder und Schwestern erstreben.

Ich hoffe, dass ihr so werdet, dass ihr die höchste Gabe erlangt und von solchen geistigen Eigenschaften durchdrungen werdet, dass ihr euch ganz vergesst und euch mit Herz und Seele als Opfer für die Gesegnete Vollkommenheit darbietet.

Ihr solltet weder eigenen Willen noch eigene Wünsche haben, sondern alles für die Geliebten Gottes erstreben und in völliger Liebe und Gemeinschaft zusammenleben.

Möge euch die Gunst Bahá'u'lláhs von allen Seiten umgeben.

Das ist die größte Gabe und das höchste Geschenk.

Das ist die grenzenlose Gunst Gottes.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in New York

1. bis 15. Juli 1912

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1. Juli 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Was könnte vor Gott besser sein, als an die Armen zu denken?

Denn unser himmlischer Vater liebt die Armen.

Als Christus auf die Erde kam, waren es die Armen und Geringen, die an Ihn glaubten und Ihm nachfolgten und damit zeigten, dass die Armen Gott nahe sind.

Wenn ein Reicher an die Manifestation Gottes glaubt und ihr nachfolgt, ist das ein Beweis dafür, dass sein Reichtum kein Hindernis ist und ihn nicht davon abhält, den Weg des Heils zu erreichen.

Nachdem er geprüft und auf die Probe gestellt wurde, zeigt sich, ob sein Besitz ein Hindernis für sein religiöses Leben ist.

Aber die Armen werden von Gott besonders geliebt.

Ihr Leben ist voller Schwierigkeiten und ständiger Prüfungen, ihre ganze Hoffnung ruht allein auf Gott.

Darum müsst ihr den Armen so gut wie möglich beistehen, bis hin zur Selbstaufopferung.

Keine Tat des Menschen ist vor Gott größer, als den Armen zu helfen.

Spiritualität hängt nicht vom Besitz oder Nichtbesitz weltlicher Schätze ab.

In materieller Not ist es wahrscheinlicher, dass die Gedanken sich auf Geistiges beziehen.

Armut ist ein Ansporn hin zu Gott.

Jeder von euch muss große Rücksicht auf die Armen nehmen und ihnen beistehen.

Organisiert euch im Bemühen, ihnen zu helfen, und verhindert, dass Armut zunimmt.

Das beste Mittel, Armut zu verhindern, besteht darin, die Gesetze der Gesellschaft derart zu gestalten und umzusetzen, dass es unmöglich wird, dass einige wenige zu Millionären werden und viele mittellos bleiben.

Eine der Lehren Bahá'u'lláhs ist die Regulierung der Existenzgrundlagen in der menschlichen Gesellschaft.

Mit einer solchen Regulierung kann es keine Extreme der menschlichen Lebensverhältnisse hinsichtlich Wohlstand und Versorgung mehr geben.

Denn die Gesellschaft braucht Geldgeber, Bauern, Kaufleute und Arbeiter, wie auch eine Armee aus Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten bestehen muss.

Es können nicht alle Generäle sein; nicht alle können Offiziere oder Soldaten sein.

Jeder muss auf seinem Platz in der Gesellschaft kompetent und tüchtig sein – jeder in seiner Funktion und gemäß seinen Fähigkeiten, aber mit Chancengleichheit für alle. König Lykurg von Sparta, der lange vor der Zeit Christi lebte, erdachte das Konzept völliger Ausgewogenheit in der Regierung.

Er erließ Gesetze, die das Volk Spartas in bestimmte Schichten aufteilten.

Jede Schicht hatte eigene Rechte und Aufgaben.

Erstens:

Landwirte und Ackerbauern.

Zweitens:

Handwerker und Kaufleute.

Drittens:

Anführer oder Oberbefehlshaber.

Unter den Gesetzen Lykurgs verlangte man von Letzteren nicht, sich mit einer Arbeit oder einem Beruf zu beschäftigen, aber sie waren verpflichtet, das Land im Falle eines Krieges oder einer Invasion zu verteidigen.

Dann teilte er Sparta in neuntausend gleiche Teile oder Provinzen auf und bestellte neuntausend Oberbefehlshaber, um sie zu beschützen.

Dies garantierte den Bauern jeder Provinz Sicherheit, aber jeder Bauer war verpflichtet, eine Abgabe für den Unterhalt der Oberbefehlshaber zu entrichten.

Die Bauern und Kaufleute mussten das Land nicht verteidigen.

Statt zu arbeiten erhielten die Oberbefehlshaber die Abgaben.

Um das für immer als Gesetz zu etablieren, versammelte Lykurg die neuntausend Oberbefehlshaber und teilte ihnen mit, er gehe auf eine lange Reise und wünsche, dass diese Regierungsform bis zu seiner Rückkehr Geltung habe.

Sie leisteten einen Eid, sein Gesetz zu schützen und zu bewahren.

Daraufhin verließ er sein Reich, ging ins freiwillige Exil und kehrte nie zurück.

Niemand brachte je ein solches Opfer, um Gerechtigkeit unter seinen Mitmenschen sicherzustellen.

Nach einigen Jahren brach das Regierungssystem zusammen, das er gestiftet hatte, obwohl es auf einer so gerechten und weisen Grundlage errichtet worden war. Unterschiedliche Fähigkeiten einzelner Menschen sind von grundlegender Bedeutung. Es ist unmöglich, dass alle gleichartig, alle gleichrangig und alle weise sind. Bahá'u'lláh hat Grundsätze und Gesetze offenbart, die für einen Ausgleich der unterschiedlichen menschlichen Fähigkeiten sorgen. Er sagte, dass alles, was menschliche Staatsführung auch immer leisten könne, durch die Anwendung dieser Grundsätze bewirkt würde. Würden die von Ihm erlassenen Gesetze angewendet, so könnte es in der Gesellschaft weder Millionäre noch bitterarme Menschen geben. Das wird dadurch erreicht und geregelt, dass der unterschiedliche Grad menschlicher Leistungsfähigkeit ausgeglichen wird. Die wichtigste Grundlage der Gesellschaft ist die Landwirtschaft, die Bestellung des Bodens. Alle müssen produktiv sein. Jeder in der Gemeinde, dessen Bedarf seiner persönlichen Produktionsfähigkeit entspricht, sollte steuerfrei bleiben. Aber wenn sein Einkommen größer ist als sein Bedarf, muss er eine Steuer bezahlen, bis ein Ausgleich erreicht ist. Das heißt, die Produktionsfähigkeit eines Menschen und sein Bedarf werden durch Besteuerung ausgeglichen. Wenn sein Ertrag größer ist, wird er eine Abgabe leisten; wenn sein Bedarf größer ist als sein Ertrag, wird er eine entsprechend große Summe als Ausgleich erhalten. Darum wird die Besteuerung proportional zur Leistungsfähigkeit und zum Ertrag erfolgen, und es wird in der Gesellschaft keine Armen geben. Auch gebot Bahá'u'lláh den Reichen, die Armen großzügig zu behandeln. Im Kitáb-i-Aqdas hat Er ferner verfügt, dass diejenigen, die einen bestimmten Betrag erwirtschaften, ein Fünftel davon Gott geben müssen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

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1. Juli 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Nach einer stenografischen Mitschrift Ich will bei den Freunden in Amerika ein neues Licht entzünden, damit sie ein neues Volk werden mögen, damit ein neues Fundament geschaffen und völlige Harmonie erreicht werden kann, denn die Grundlage der Lehren Bahá'u'lláhs ist Liebe. Wenn ihr nach Green Acre geht, müsst ihr unendliche Liebe füreinander hegen, indem jeder den anderen sich selbst vorzieht. Die Menschen müssen sich so zu euch hingezogen fühlen, dass sie ausrufen: »Was für eine Freude herrscht unter euch!«, und in euren Gesichtern den Glanz des Königreichs sehen; dann werden sie sich euch verwundert zuwenden und die Ursache eurer Freude herausfinden wollen. Ihr müsst die Botschaft durch eure Taten weitergeben, nicht mit bloßen Worten. Worte müssen mit Taten verbunden sein. Ihr müsst euren Freund mehr lieben als euch selbst; ja seid bereit, euch selbst zu opfern. Die Sache Bahá'u'lláhs ist in diesem Land noch nicht in Erscheinung getreten. Ich wünsche, dass ihr bereit seid, alles füreinander hinzugeben, selbst das Leben; dann werde ich wissen, dass die Sache Bahá'u'lláhs Fuß gefasst hat. Ich werde für euch beten, dass sich durch euch das Licht Gottes verbreitet. Mögen alle auf euch zeigen und fragen: »Warum sind diese Leute so glücklich?« Ich möchte, dass ihr in Green Acre glücklich seid, lacht, strahlt und euch freut, damit andere durch euch glücklich werden. Ich werde für euch beten.

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5. Juli 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Frage: Sie haben erklärt, dass wir in einem universellen Zyklus leben, dessen erste Manifestation Adam war und dessen universelle Manifestation Bahá'u'lláh ist. Folgt daraus, dass diesem Zyklus andere universelle Zyklen vorangingen, deren Spuren aber komplett getilgt sind – Zyklen, deren höchstes Ziel die Vergeistigung des Menschen durch das Göttliche war, so wie auch in diesem Zyklus das die schöpferische Absicht ist? Antwort: Die Herrschaft Gottes ist ewig; sie ist keine bedingte Herrschaft. Wenn wir annehmen, dass diese Welt des Seins einen Anfang hat, dann können wir sagen, die göttliche Herrschaft sei bedingt – das heißt, es habe eine Zeit gegeben, in der sie nicht bestand. Ein König ohne Königreich ist undenkbar. Ohne Land, ohne Untertanen, ohne Armee und ohne Herrschaftsgebiet kann er nicht sein, sonst wäre er kein König. All diese Anforderungen oder Voraussetzungen der Herrschaft müssen für einen König gegeben sein. Wenn es sie gibt, können wir bei ihm von Herrschaft sprechen. Andernfalls ist seine Herrschaft unvollkommen, unvollständig. Ist keine dieser Voraussetzungen gegeben, dann gibt es auch keine Herrschaft. Wenn wir einräumen, dass diese Welt der Schöpfung einen Anfang hat, dann bestätigen wir damit, dass die Oberherrschaft Gottes bedingt ist – das heißt, wir räumen damit ein, dass es eine Zeit gab, in der die göttliche Wirklichkeit ohne Herrschaftsbereich war.

Die Namen und Attribute Gottes sind Voraussetzungen dieser Welt.

Die Namen ›der Machtvolle‹, ›der Lebendige‹, ›der Versorger‹, ›der Schöpfer‹ erfordern notwendigerweise die Existenz von Geschöpfen.

Gäbe es keine Geschöpfe, wäre der Name ›Schöpfer‹ bedeutungslos.

Wäre niemand da, für den man sorgen kann, könnten wir über keinen ›Versorger‹ nachdenken.

Gäbe es kein Leben, dann wäre ›der Lebendige‹ jenseits jeder Vorstellungskraft.

Darum setzen alle diese Namen und Attribute Gottes das Vorhandensein von Objekten oder Geschöpfen voraus, denen die entsprechenden Wohltaten erwiesen werden und an denen sie sichtbar werden.

Hätte es eine Zeit gegeben, in der nichts Erschaffenes existierte, niemand, für den gesorgt werden könnte, dann wäre diese Zeit ohne einen Bestehenden, ohne Erzieher gewesen, und diese Namen und Eigenschaften Gottes wären inhaltsleer und ohne Bedeutung gewesen.

Die Attribute Gottes lassen deshalb weder ein Aufhören noch eine Unterbrechung zu, denn die Namen Gottes bestehen wirklich und allezeit, nicht nur als Möglichkeit.

Weil diese Attribute Leben verleihen, wird Gott der Lebensspender genannt; weil sie alles bereitstellen, wird Er der Freigebige, der Versorger genannt; weil sie alles erschaffen, wird Er der Schöpfer genannt; weil sie heranbilden und herrschen, wird der Name Gott, der Herr verwendet.

Mit anderen Worten, die Namen Gottes entspringen den ewigen Attributen des Göttlichen.

Damit ist bewiesen, dass die Namen Gottes die Existenz von Dingen oder Wesen voraussetzen. Wie kann man sich dann eine Zeit ohne diese Oberherrschaft vorstellen? Diese göttliche Oberherrschaft lässt sich nicht mit sechstausend Jahren bemessen. Dieses unermessliche, grenzenlose Universum ist nicht das Ergebnis dieser so bemessenen Zeitspanne. Dieses gewaltige Labor, diese erstaunliche Werkstatt war in ihrer Produktivität nicht auf sechstausend Umkreisungen der Erde um die Sonne begrenzt. Der Mensch kann sich mit ein bisschen Nachdenken vergewissern, dass diese Berechnung und diese Behauptung kindisch sind, zumal es wissenschaftlich erwiesen ist, dass schon lange vor dem so begrenzten Zeitabschnitt Menschen diesen Erdball bewohnten. Was in der Bibel über Adam berichtet wird, wie Er ins Paradies kam, vom Baum der Erkenntnis aß und wegen der Verführung durch Satan vertrieben wurde: Das alles sind Symbole, hinter denen wunderbare göttliche Bedeutungen stehen, die nicht nach Jahren, Tagen und Zeiteinheiten bemessen werden können. Genauso ist die Aussage, Gott habe Himmel und Erde in sechs Tagen erschaffen, symbolisch gemeint. Wir werden das heute nicht weiter ausführen. Die Texte der Heiligen Bücher sind alle symbolisch und bedürfen einer autoritativen Auslegung. Wenn der Mensch nur einen flüchtigen Blick auf die Fragen wirft, die das Universum aufwirft, so entdeckt er, dass es sehr alt ist. Ein persischer Philosoph blickte staunend zum Himmel auf. Er sagte: »Ich habe ein Buch mit siebzig Beweisen für die zufällige Entstehung des Universums geschrieben, aber immer noch halte ich es für uralt.« Bahá'u'lláh sagt: »Das Universum hat weder Anfang noch Ende.« Er hat die ausgefeilten Theorien und weitschweifigen Ansichten von Wissenschaftlern und materialistischen Philosophen beiseite geschoben mit der einfachen Feststellung: »Es gibt weder Anfang noch Ende.« Die Theologen und die Anhänger der Religionen rücken mit plausiblen Beweisen dafür an, dass die Erschaffung des Universums sechstausend Jahre zurückliegt; aber die Wissenschaftler legen unleugbare Fakten vor und sagen: »Nein! Dieses Beweismaterial weist auf zehn-, zwanzig-, ja fünfzigtausend Jahre hin.« usw. Es gibt endlose Diskussionen für und wider. Bahá'u'lláh schiebt diese Diskussionen mit einem einzigen Wort, einer einzigen Feststellung beiseite. Er sagt: »Gottes Herrschaft hat weder Anfang noch Ende.« Mit dieser Aussage und der dazugehörigen Beweisführung hat Er einen Maßstab der Verständigung für alle geschaffen, die über diese Frage göttlicher Oberherrschaft nachdenken; Er hat in diesen Krieg widerstreitender Meinungen Versöhnung und Frieden gebracht. Kurz, es gab viele universelle Zyklen, die diesem, in dem wir leben, vorausgegangen sind. Sie wurden abgeschlossen und ihre Spuren wurden getilgt. Die göttliche, schöpferische Absicht in ihnen war die Entwicklung des vergeistigten Menschen, genau wie im jetzigen Zyklus. Der Zyklus des Lebens ist immer der gleiche; er wiederholt sich. Der Baum des Lebens hat immer die gleiche himmlische Frucht hervorgebracht.

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5. Juli 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Emma C. Melick und Howard MacNutt Ihr seid herzlich willkommen, alle seid ihr herzlich willkommen! In den göttlichen Heiligen Büchern verkünden eindeutige Prophezeiungen die frohe Botschaft eines bestimmten Tages, an dem der in allen Büchern Verheißene erscheinen werde und an dem eine strahlende Sendung offenbart, das Banner des Größten Friedens und der Versöhnung gehisst und die Einheit der Menschheit verkündet werde. Zwischen den verschiedenen Nationen und Völkern der Welt würde weder Feindschaft noch Hass verbleiben. Alle Herzen würden sich miteinander verbinden. Das alles steht in der Thora, dem Alten Testament, ferner im Evangelium, im Qur'án, in der Zend-Avesta und in den Büchern Buddhas. Kurz, in allen Heiligen Büchern sind diese frohen Botschaften enthalten. Sie verkünden, dass nach dem Dunkel, das die Welt umhüllt, ein strahlendes Licht erscheinen würde. So, wie die dunkelste Stunde der Nacht dem Anbruch eines neuen Tages vorangeht, gilt auch: Wenn die Finsternis religiöser Gleichgültigkeit und Achtlosigkeit über die Welt kommt, wenn die Menschenseelen Gott gegenüber nachlässig werden, wenn materialistische Ideen das geistige Leben verdunkeln, wenn die Völker in weltliche Belange versunken sind und Gott vergessen – zu einer solchen Zeit wird die göttliche Sonne aufgehen und der strahlende Morgen anbrechen. Bedenkt, in welch bemerkenswertem Ausmaß die Geistigkeit der Menschen vom Materialismus verdrängt wurde! Geistige Empfänglichkeit scheint ausgelöscht zu sein, die göttliche Kultur ist verfallen, und die Führung und Erkenntnis Gottes sind nicht mehr vorhanden. Alle sind versunken im Meer des Materialismus. Zwar besuchen manche die Kirchen und Tempel für Gottesdienst und Andacht, doch ahmen sie damit nur die Tradition ihrer Väter nach, statt nach der Wahrheit zu forschen. Denn es ist offensichtlich, dass sie die Wahrheit weder gefunden haben noch sie verehren. Sie halten sich an bestimmte Nachahmungen, die ihnen von ihren Vätern und Vorfahren überliefert wurden. Sie haben sich daran gewöhnt, eine gewisse Zeitspanne beim Gottesdienst in der Kirche zu verbringen und diesen Nachahmungen und Zeremonien zu entsprechen. Der Beweis dafür ist, dass der Sohn jedes jüdischen Vaters Jude und nicht Christ wird, der Sohn jedes Muslims ein Anhänger des Islám, der Sohn jedes Christen ein Christ, der Sohn jedes Zoroastriers ein Zoroastrier usw. Daher ist religiöser Glaube nur ein Überbleibsel jener blinden Nachahmung, die von Vätern und Vorfahren überliefert ist. Da der Vater dieses Mannes Jude war, sieht er sich selbst als Jude. Er hat nicht die Wahrheit untersucht und sich nicht selbst hinreichend davon überzeugt, dass das Judentum richtig ist – nein, er weiß lediglich, dass seine Vorväter diesem Weg gefolgt sind und darum hält auch er sich daran. Dieses Beispiel soll zeigen, wie die Finsternis der Nachahmungen die Welt umhüllt. Jedes Volk hält an seinen traditionellen religiösen Bräuchen fest. Das Licht der Wahrheit ist verdeckt. Würden diese verschiedenen Völker die Wahrheit erforschen, so würden sie zweifellos zu ihr gelangen. Da die Wahrheit eine einzige ist, würden somit alle Völker zu einem einzigen Volk werden. Solange sie an verschiedenen Nachahmungen hängen und die Wahrheit nicht erkennen, werden Streit und Krieg andauern und Unfrieden und Aufruhr herrschen. Wenn sie die Wahrheit erforschen, wird weder Feindschaft noch Unfrieden weiterbestehen und sie werden zu größtmöglicher Eintracht untereinander gelangen. In den Jahren, als im Orient das tiefste Dunkel der Achtlosigkeit herrschte und die Menschen so in Nachahmungen versunken waren, dass jedes Volk nach dem Blut des anderen dürstete, es als unrein ansah und jeden Umgang vermied – gerade zu dieser Zeit erschien Bahá'u'lláh. Er erhob sich im Orient, riss ebendiese Grundlagen der Nachahmung mit der Wurzel aus und brachte den Tagesanbruch des Lichtes der Wahrheit. Durch Ihn wurden verschiedene Völker vereint, weil alle nach der Wahrheit strebten. Weil sie in der Religion nach der Wahrheit suchten, stellten sie fest, dass alle Menschen Diener Gottes sind, Nachkommen Adams, Kinder einer Familie, und dass die Grundsätze aller Propheten übereinstimmen. Denn da die Lehren der Propheten der Wahrheit entsprechen, stimmen Ihre Grundsätze überein. Die Feindschaft und der Streit zwischen den Völkern entstehen also als Folge religiöser Nachahmungen und nicht wegen der Wahrheit, die den Lehren der Propheten zugrunde liegt. Durch Bahá'u'lláh lernten die Nationen und Völker, das zu verstehen und zu begreifen. So wurden Herzen verbunden und Lebenswege zusammengefügt. Nach Jahrhunderten des Hasses und der Verbitterung begegneten sich Christen, Juden, Zoroastrier, Muslime und Buddhisten in Gemeinschaft – alle in tiefster Liebe und Verbundenheit. Sie wurden miteinander verbunden und verschmolzen, weil sie die Wahrheit erkannt hatten. Die göttlichen Propheten sind in vollkommener Liebe miteinander verbunden.

Jeder von Ihnen hat die frohe Botschaft vom Kommen Seines Nachfolgers verkündet und jeder Nachfolger hat Den, Der Ihm vorausging, bestätigt.

Sie stimmten völlig überein, aber Ihre Anhänger liegen miteinander im Streit.

Ein Beispiel:

Moses verkündete die frohe Botschaft vom Kommen Christi, und Christus bestätigte Moses Prophetenschaft.

Daher gibt es zwischen Moses und Jesus keine Abweichung und keinen Widerspruch.

Sie stimmen völlig überein, aber zwischen den Juden und Christen herrschen Zwietracht und Streit.

Wenn also die christlichen und jüdischen Völker die den Lehren ihrer Propheten zugrundeliegende Wahrheit erforschen, werden sie einander freundlich gesinnt und in größter Liebe begegnen, denn die Wahrheit ist eine einzige und nicht zweifach oder mehrfach.

Wenn sich diese Erforschung der Wahrheit in aller Welt verbreitet, dann werden die unterschiedlichen Völker alle göttlichen Propheten anerkennen und die Wahrheit aller Heiligen Bücher bestätigen.

Streit und Zwietracht wird es dann nicht mehr geben, und die Welt wird geeint sein.

Dann werden wir einander in wahrer Liebe begegnen.

Wir werden wie Väter und Söhne sein, wie Brüder und Schwestern, die in völliger Einheit, in Liebe und Glück zusammenleben; denn dieses Jahrhundert ist das Jahrhundert des Lichtes.

Es ist nicht wie frühere Jahrhunderte.

Frühere Jahrhunderte waren Epochen der Unterdrückung.

Jetzt hat sich der Verstand des Menschen weiterentwickelt und seine Vernunft hat zugenommen.

Jede Seele erforscht die Wahrheit.

Heutzutage sollten wir keinen Krieg führen oder einander feindlich begegnen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir echte Freundschaft pflegen sollten. Vor fünfzig Jahren sandte Bahá'u'lláh Sendschreiben an alle Könige und Nationen der Welt, zu einer Zeit, als von internationalem Frieden noch keine Rede war. Eines dieser Sendschreiben sandte Er an den Präsidenten der amerikanischen Demokratie. In diesen Schreiben rief Er alle zum internationalen Frieden und zur Einheit der Menschheit auf. Er rief die Menschheit zu den Grundprinzipien der Lehren aller Propheten. Einige der europäischen Könige waren stolz und überheblich. Unter ihnen war Napoleon III. Bahá'u'lláh sandte ihm ein zweites Sendschreiben, das vor dreißig Jahren veröffentlicht wurde. Sinngemäß heißt es darin: »O Napoleon! Du bist wahrlich hochmütig geworden. Du bist stolz geworden. Du hast Gott vergessen. Du bildest dir ein, dass diese deine Hoheit von Dauer ist, dass deine Herrschaft beständig ist. Wir haben dir einen Brief geschickt, damit du ihn voll inniger Liebe annimmst; du aber warst stattdessen stolz und überheblich. Deshalb wird Gott das Gebäude deiner Herrschaft einstürzen lassen; dein Land wird dir entgleiten. Schmach wird dich ereilen, weil du dich nicht für das erhoben hast, was dir auferlegt war, obwohl die Pflicht, die dir oblag, die Ursache des Lebens für die Welt war. Bald schon wird dich die Strafe Gottes treffen.« Dieses Sendschreiben wurde im Jahre 1869 offenbart, und ein Jahr später waren die Fundamente der napoleonischen Herrschaft vollständig zerstört. Unter diesen Sendschreiben war ein sehr langes, an den Sháh von Persien gerichtetes. Es wurde gedruckt und in allen Ländern verbreitet. Dieses Sendschreiben wurde im Jahr 1870 offenbart. Darin ermahnte Bahá'u'lláh den Sháh von Persien, zu allen seinen Untertanen gütig zu sein, forderte ihn auf, Gerechtigkeit walten zu lassen, riet ihm, keinen Unterschied zwischen den Religionen zu machen, und verlangte von ihm, Juden, Christen, Muslime und Zoroastrier gleich zu behandeln und die in seinem Land herrschende Unterdrückung zu beseitigen. Damals wurden die Juden in Persien schwer unterdrückt. Bahá'u'lláh empfahl insbesondere, dass ihnen Gerechtigkeit erwiesen werde, indem Er sagte, alle Menschen seien Diener Gottes und sollten in den Augen der Regierung gleich geachtet werden. »Wenn keine Gerechtigkeit geübt wird, wenn diese Unterdrückung nicht beseitigt wird und wenn du Gott nicht gehorchst, dann werden die Grundfesten deiner Regentschaft zusammenbrechen und du selbst wirst dahinschwinden, zu einem Nichts werden. Du solltest alle Gelehrten versammeln und dann Mich vorladen. Ich werde da sein. Ich werde dann Fakten und Beweise für die Gültigkeit Meines Anspruchs vorlegen. Ich werde Meine Beweise und alles, wonach ihr fragen mögt, darlegen. Ich bin bereit. Aber wenn diesem Buch keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, wirst du genauso vergehen wie die Könige, die dahinschwanden.« Der Sháh antwortete nicht auf dieses Sendschreiben der Gesegneten Vollkommenheit. Daraufhin vernichtete Gott die Grundlagen seiner Herrschaft. Unter jenen, denen Bahá'u'lláh schrieb, war der Sulṭán der Türkei. In dem Schreiben klagte Er ihn mit folgenden Worten an: »Wahrlich, du hast Mich eingesperrt und zu einem Gefangenen gemacht. Denkst du, Gefangenschaft sei für Mich Erniedrigung oder Schmach? Diese Gefangenschaft ist Mein Ruhm, weil Ich sie auf dem Pfade Gottes erdulde. Ich habe keine Straftat begangen. Für Gott habe Ich diese Leiden auf Mich genommen. Deshalb bin Ich sehr glücklich und von übergroßer Freude erfüllt. Aber warte nur: Du wirst deine Strafe und Vergeltung von Gott erhalten. Bald wirst du erleben, wie Qual und Leid auf dich herabkommen wie Regen, und du wirst vergehen.« Und genau so geschah es auch. Gleichermaßen sandte Er Botschaften an die anderen Könige und gekrönten Häupter der Erde und rief sie alle zu Liebe, Gerechtigkeit, internationalem Frieden und zur Einheit der Menschheit auf, damit alle Menschen sich zusammenschließen und einig werden, sodass Zwist, Aufruhr und Kriege aufhören, Verbitterung und Feindschaft verschwinden und alle sich erheben, dem einen Gott zu dienen. Kurzum, zwei Könige erhoben sich gegen Bahá'u'lláh: der Sháh von Persien und der Sulṭán der Türkei. Sie kerkerten Ihn in der Festung von 'Akká ein, um Sein Licht auszulöschen und Seine Sache zu zerschlagen. Aber aus dem Gefängnis schrieb Bahá'u'lláh ihnen Briefe mit schweren Anschuldigungen. Er erklärte, dass Ihn die Gefangenschaft nicht aufhalte. Er sagte: »Diese Gefangenschaft wird sich als Mittel für die Förderung Meiner Sache erweisen. Diese Gefangenschaft wird der Antrieb für die Verbreitung Meiner Lehren sein. Mir soll kein Leid geschehen, denn Ich habe Mein Leben geopfert, Mein Blut geopfert, Meinen Besitz geopfert, Ich habe alles geopfert und für Mich ist diese Haft kein Verlust.« Und wie Er es verkündete, so ist es geschehen. Im Gefängnis hisste Er Sein Banner, und Seine Sache verbreitete sich in der ganzen Welt. Sie hat Amerika erreicht. Jetzt verbreitet sich die Sache Bahá'u'lláhs unter allen Völkern der Erde. Wenn ihr nach Asien oder wohin auch immer verreist, werdet ihr dort Bahá'í finden. Wenn ihr nach Afrika oder nach Europa geht, werdet ihr die Sache Bahá'u'lláhs dort finden. In Amerika beginnt sie gerade zu wachsen und sich zu verbreiten. Diese beiden Könige konnten nichts tun, um Bahá'u'lláh aufzuhalten, aber Gott konnte beide durch Ihn vernichten.

Auch ich war im Gefängnis.

Gott entfernte die Ketten von meinem Nacken und legte sie 'Abdu'l-Ḥamíd um den Hals.

Das geschah ganz plötzlich – ohne lange Verzögerung, fast gleichzeitig.

In derselben Stunde, in der die Jungtürken die Freiheit ausriefen, setzte mich das Komitee für Einheit und Fortschritt auf freien Fuß.

Sie hoben die Ketten von meinem Hals hinweg und warfen sie 'Abdu'l-Ḥamíd um den Hals.

Was er mir angetan hatte, wurde nun ihm auferlegt.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet.

Er verbringt seine Tage im Gefängnis, so wie ich die Tage im Gefängnis von 'Akká verbracht habe, mit einem Unterschied:

Ich war in der Gefangenschaft glücklich.

Ich war überaus glücklich, da ich kein Verbrechen begangen hatte.

Sie hatten mich auf dem Pfade Gottes eingesperrt.

Immer wenn ich daran dachte, dass ich Gefangener auf dem Pfade Gottes war, empfand ich höchste Freude. 'Abdu'l-Ḥamíd wird jetzt für seine Taten bestraft.

Wegen der Sünden, die er begangen hat, ist er jetzt in Haft.

Das ist die Vergeltung für seine Taten.

Jede Stunde wird er aufs Neue gedemütigt und an seine Schmach erinnert.

Er ist zutiefst betrübt und enttäuscht, während ich vollkommen glücklich bin.

Ich war froh, dass ich – Gott sei gepriesen! – wegen der Sache Gottes eingekerkert war, dass mein Leben nicht vergeudet war, dass ich es im Dienst für Gott verbracht habe.

Niemand, der mich sah, dachte, ich sei ein Gefangener.

Man sah mich in größter Freude, voll Dankbarkeit, bei bester Gesundheit und ohne das Gefängnis zu beachten.

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6. Juli 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Emma C. Melick In der Welt des Seins hat der Mensch verschiedene Stufen durchlaufen, bis er in das Menschenreich gelangt ist. Auf jeder Stufe seines Aufstiegs hat er die Befähigung entwickelt, zur nächsten Stufe und zum nächsten Entwicklungsstand voranzuschreiten. Während er sich im Mineralreich befand, erlangte er die Fähigkeit, zur Stufe der Pflanze aufzusteigen. Im Pflanzenreich hat er sich auf die Tierwelt vorbereitet, und von dort aus entwickelte er sich weiter zur menschlichen Stufe, also zum Reich des Menschen. Auf seiner gesamten Entwicklungsreise war er stets und schon immer seiner Anlage nach ein Mensch. Am Anfang seines menschlichen Lebens war der Mensch ein Embryo im Mutterleib. Dort erhielt er die Fähigkeiten und Gaben für sein menschliches Dasein. Die für diese Welt nötigen Kräfte und Fähigkeiten wurden ihm in jenem begrenzten Zustand geschenkt. In dieser Welt braucht er Augen; in jener anderen wurden sie angelegt. Er braucht Ohren; er erhielt sie dort als Vorbereitung und Rüstzeug für seine neue Existenz. Die in dieser Welt benötigten Kräfte wurden ihm im Mutterleib verliehen, sodass er beim Eintritt in dieses Reich wirklichen Daseins nicht nur alle nötigen Eigenschaften und Fähigkeiten besaß, sondern auch für seinen materiellen Lebensunterhalt gesorgt war. Gleicherweise muss er sich in dieser Welt auf das jenseitige Leben vorbereiten. Was er im Reich Gottes benötigt, muss er hier erwerben. Ebenso wie er sich im Mutterleib für diese Welt vorbereitete, indem er sich die in dieser Daseinssphäre notwendigen Kräfte aneignete, so müssen in dieser Welt die für das himmlische Leben unentbehrlichen Kräfte angelegt werden. Was braucht er im himmlischen Königreich, was geht über das begrenzte Leben dieser vergänglichen Sphäre hinaus? Die jenseitige Welt ist eine Welt der Heiligkeit und des Glanzes; darum muss man diese göttlichen Eigenschaften schon in dieser Welt erwerben. In jener Welt braucht es Geistigkeit, Glauben, Gewissheit, Gotteserkenntnis und Liebe zu Gott. All das muss er in dieser Welt erwerben, sodass er nach seinem Aufstieg vom irdischen zum himmlischen Reich alles vorfindet, was er in jenem ewigen Leben braucht. Jene himmlische Welt ist offenkundig eine Welt des Lichtes; deshalb braucht der Mensch schon hier Erleuchtung. Jene Welt ist eine Welt der Liebe; deshalb ist Liebe zu Gott unerlässlich. Jene Welt ist eine Welt der Vollkommenheit; deshalb müssen Tugenden und Vortrefflichkeit erworben werden. Jene Welt ist belebt durch den Odem des Heiligen Geistes; schon in dieser Welt müssen wir danach suchen. Jene Welt ist das Reich ewigen Lebens; es muss während dieses vergänglichen Daseins erreicht werden. Wodurch kann sich ein Mensch diese Dinge aneignen? Wie soll er diese Gnadengaben und Kräfte bekommen? Erstens durch die Erkenntnis Gottes. Zweitens durch die Liebe zu Gott. Drittens durch Glauben. Viertens durch menschenfreundliche Taten. Fünftens durch Selbstaufopferung. Sechstens durch Loslösung von dieser Welt. Siebtens durch Frömmigkeit und Heiligkeit. Solange er sich diese Kräfte nicht aneignet und diese Anforderungen nicht erfüllt, wird er gewiss das ewige Leben nicht erlangen. Aber wenn er die Erkenntnis Gottes besitzt, vom Feuer der Liebe Gottes entflammt ist, die großen und mächtigen Zeichen des Gottesreiches bezeugt, zur Ursache von Liebe unter den Menschen wird und im Zustand größter Heiligkeit lebt, wird er die zweite Geburt sicher erleben, mit dem Heiligen Geist getauft werden und sich immerwährenden Seins erfreuen. Der Mensch wurde für die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Gott, für die Tugenden der Menschenwelt, für Geistigkeit, himmlische Erleuchtung und ewiges Leben erschaffen.

Ist es nicht seltsam, dass er trotzdem unwissend bleibt und all dies vernachlässigt?

Denkt darüber nach, dass er jegliches Wissen begehrt – nur nicht das Wissen um Gott.

Zum Beispiel ist es sein größter Wunsch, die Geheimnisse der tiefsten Erdschichten aufzudecken.

Jeden Tag versucht er herauszufinden, was sich zehn Meter unter der Erdoberfläche befindet, was er im Gestein entdecken kann, was er durch archäologische Erforschung des Staubes lernen kann.

Er müht sich ab, die Geheimnisse des Erdreichs zu ergründen, aber er befasst sich überhaupt nicht damit, die Geheimnisse des Gottesreiches zu erkennen, die unbegrenzten Gefilde der ewigen Welt zu durchqueren, mit der göttlichen Wirklichkeit vertraut zu werden, die Geheimnisse Gottes zu erkunden, zur Erkenntnis Gottes zu gelangen, den Glanz der Sonne der Wahrheit zu bezeugen und sich der Herrlichkeit ewigen Lebens bewusst zu werden.

Diesbezüglich ist er unachtsam und gedankenlos.

Wie sehr locken ihn die Geheimnisse der Materie und wie gänzlich blind ist er für die Mysterien des Göttlichen!

Ja, wahrlich, die Geheimnisse des Göttlichen sind ihm völlig gleichgültig und er beachtet sie nicht.

Wie groß ist seine Unwissenheit!

Wie sehr erniedrigt sie ihn!

Es ist, als ob ein gütiger und liebevoller Vater seinem Sohn eine Bibliothek mit wunderbaren Büchern zur Verfügung gestellt hätte, damit er die Geheimnisse der Schöpfung kennenlernt, und ihn zugleich mit allen Annehmlichkeiten und Freuden umgeben hätte – aber der Sohn ergötzt sich an Kieselsteinen und Spielzeug, ohne auf all die fürsorglichen Gaben seines Vaters zu achten.

Wie unwissend und achtlos ist der Mensch!

Der Vater hat ewige Herrlichkeit für ihn gewollt, aber er ist zufrieden mit Blindheit und Verlust.

Der Vater hat einen königlichen Palast für ihn gebaut, aber er spielt im Staub; der Vater hat ihm seidene Kleider gefertigt, aber er zieht es vor, nackt zu bleiben; der Vater hat für köstliche Nahrung und Früchte gesorgt, aber er sucht seine Nahrung im Weidegras. Preis sei Gott! Ihr habt den Ruf des Gottesreiches gehört. Eure Augen sind geöffnet; ihr habt euch Gott zugewandt. Euer Ziel ist das Wohlgefallen Gottes, die Geheimnisse des Herzens zu verstehen und die Wahrheit zu erforschen. Tag und Nacht müsst ihr euch bemühen, damit ihr die Bedeutung des himmlischen Reiches versteht, die Zeichen des Göttlichen erkennt, sicheres Wissen erlangt und begreift, dass diese Welt einen Schöpfer, einen Lebensspender, einen Versorger, einen Baumeister hat; dies alles solltet ihr aufgrund von Belegen und Beweisen erkennen, nicht durch Ahnungen und Vermutungen, vielmehr durch schlüssige Argumente und wirkliches Sehvermögen, das heißt, ihr müsst es so klar vor euch sehen, wie das äußere Auge die Sonne sieht. Auf diese Weise könnt ihr die Präsenz Gottes sehen und zur Erkenntnis der heiligen, göttlichen Manifestationen gelangen. Durch Beweise und Belege müsst ihr zur Erkenntnis der göttlichen Manifestationen und Ihrer Lehren gelangen. Ihr müsst die Geheimnisse des höchsten Königreichs entschlüsseln und fähig werden, das innere Wesen der Dinge zu erkennen. Dann werdet ihr Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes und wahre Gläubige sein, fest und standhaft in der Sache Gottes. Preis sei Gott! Bahá'u'lláh hat die Tür zum göttlichen Wissen geöffnet, denn Er hat das Fundament dafür gelegt, dass der Mensch mit den Wahrheiten von Himmel und Erde vertraut werde, und hat diesem Tag die höchste Bestärkung verliehen. Er ist unser Lehrer und Ratgeber; Er ist unser Prophet und der Eine, Der gnädig zu uns ist. Er hat Seine Gaben bereitgestellt und Seine Wohltaten gewährt, jede Belehrung und jede Verheißung offenbart, für uns die Mittel zu ewigem Ruhm bereitgestellt, uns den lebensspendenden Odem des Heiligen Geistes zuströmen lassen, vor unseren Augen die Tore des Paradieses Abhá geöffnet und die Lichter der Sonne der Wahrheit auf uns scheinen lassen. Die Wolken der Gnade haben ihren kostbaren Regen auf uns ergossen. Das Meer der Gunst wogt und brandet uns entgegen. Der geistige Frühling ist gekommen. Unendliche Gaben und Gnaden sind erschienen. Welches Geschenk ist größer als dieses? Wir müssen die göttliche Freigebigkeit wertschätzen und in Übereinstimmung mit den Lehren Bahá'u'lláhs handeln, sodass alles Gute für uns bereitsteht, wir Gott in beiden Welten lieb und wert sind und von Ihm angenommen werden, ewige Segnungen erlangen, den Wohlgeschmack der Liebe Gottes kosten, die Süße der Erkenntnis Gottes finden, die himmlischen Gaben wahrnehmen und die Macht des Heiligen Geistes erleben. Das ist mein Rat und das ist meine Mahnung.

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14. Juli 1912 Ansprache in der All Souls Unitarian Church in der Fourth Avenue and Twentieth Street in New York Aufzeichnungen von John G. Grundy und Howard MacNutt Heute möchte ich zu Ihnen über das Thema ›Einheit der Menschheit‹ sprechen, denn in diesem großen Jahrhundert ist die Einheit der Menschheit die wichtigste Errungenschaft. Obwohl dieses Thema zu einem gewissen Maß auch in früheren Jahrhunderten erwähnt und erörtert wurde, ist es jetzt in Bezug auf die religiösen und politischen Gegebenheiten zum wichtigsten Thema geworden. Die Geschichte zeigt, dass es in der Vergangenheit zwischen den verschiedenen Nationen, Völkern und Sekten ständig Krieg und Streit gegeben hat; aber jetzt, in diesem Jahrhundert des Lichtes, neigen sich die Herzen – Preis sei Gott! – dem Einvernehmen und der Gemeinschaft zu, und die Gedanken kreisen um die Frage der Vereinigung der Menschheit. Wir erleben heute eine Ausstrahlung des universellen Bewusstseins, was ein deutlicher Hinweis auf die Morgendämmerung einer großen Einheit ist. Die richtige Vorgehensweise bei der Untersuchung eines Themas besteht in der sorgfältigen Prüfung der Ausgangsbedingungen. Deshalb müssen wir uns der Grundlage zuwenden, auf der die menschliche Solidarität beruht – nämlich dass alle Nachkommen Adams sind, Geschöpfe und Diener eines einzigen Gottes; dass Gott der Beschützer und Versorger ist; dass alle eingetaucht sind in das Meer göttlicher Barmherzigkeit und Gnade und dass Gott liebevoll zu allen ist. Allen Menschen wurden gleichermaßen als Gabe der Schöpfung intellektuelle und spirituelle Fähigkeiten verliehen. Alle unterliegen gleichermaßen den verschiedenen Anforderungen des menschlichen Lebens und sind in ähnlicher Weise damit beschäftigt, die Mittel für ihren Lebensunterhalt zu beschaffen. Aus der Schöpfungsperspektive stehen die Menschen in jeder Hinsicht auf derselben Grundlage, sind denselben Anforderungen unterworfen und streben nach den Freuden und Bequemlichkeiten des irdischen Daseins. Deshalb sind die Gemeinsamkeiten der Menschen zahlreich und offenkundig. Diese gleiche Teilhabe an den körperlichen, intellektuellen und spirituellen Problemen menschlichen Daseins ist eine solide Grundlage für die Einigung der Menschheit. Bedenken Sie, wie Zwietracht und Uneinigkeit seit Jahrtausenden in dieser großen menschlichen Familie herrschen.

Ihre Mitglieder waren immer in Krieg und Blutvergießen verstrickt.

Dem permanenten Zustand von Feindschaft und Streit ist geschuldet, dass die Menschheit bis heute in ihrer Geschichte Frieden weder erreichen noch genießen konnte.

Die Geschichte ist eine ununterbrochene Chronik aufeinanderfolgender Kriege aus religiösen, sektiererischen, rassistischen, patriotischen und politischen Gründen.

Die Menschenwelt hat keine Ruhe gefunden.

Die Menschheit war schon immer in Konflikte verwickelt, in denen es darum ging, Lebensgrundlagen zu zerstören, Eigentum zu plündern sowie Land und Territorium des jeweils anderen in Besitz zu nehmen, insbesondere in den früheren Zeiten der Wildheit und Barbarei, in denen ganze Stämme und Völker von ihren Eroberern verschleppt wurden.

Wer kann die ungeheure Vernichtung von Menschenleben ermessen oder beziffern, die sich aus dieser Feindseligkeit und diesem Kampf ergaben?

Wie viel Kraft und Energie setzten Menschen für die Kriegsführung ein, für menschenfeindliche Zwecke, für Schlachten und Blutvergießen?

In diesem strahlendsten Jahrhundert ist es notwendig geworden, diese Energien umzulenken und auf andere Weise zu nutzen, neue Wege der Verbundenheit und Einheit zu beschreiten, die Kriegswissenschaft zu verlernen und die höchsten menschlichen Kräfte den gesegneten Friedenskünsten zu widmen.

Nach langen Versuchen und Erfahrungen sind wir von den zerstörerischen und teuflischen Folgen der Zwietracht überzeugt; jetzt müssen wir nach Mitteln suchen, mit denen wir uns der Vorteile von Einvernehmen und Eintracht erfreuen können.

Wenn solche Mittel gefunden werden, müssen wir ihnen die Gelegenheit geben, sich zu bewähren. Denken Sie nur an die schädliche Wirkung von Zwietracht und Uneinigkeit in einer Familie; denken Sie dann darüber nach, welche Wohltaten und welcher Segen dieser Familie zuteilwerden, wenn zwischen ihren verschiedenen Mitgliedern Einigkeit herrscht. Welch unermessliche Vorteile und Segnungen würden dieser großartigen menschlichen Familie zuteilwerden, wenn Einheit und Gemeinschaftlichkeit verwirklicht würden! In diesem Jahrhundert, in dem die segensreichen Folgen der Einheit und die schlimmen Auswirkungen der Zwietracht so deutlich zutage treten, sind in der Welt auch die Mittel erschienen, um Verbundenheit unter den Menschen zu erreichen und zu vollenden. Bahá'u'lláh hat den Weg verkündet und bereitet, auf dem Feindschaft und Zwietracht aus der Menschenwelt getilgt werden können. Er hat weder Grund noch Möglichkeit für Streit und Uneinigkeit gelassen. Als Erstes hat Er die Einheit der Menschheit und religiöse Lehren speziell für den derzeitigen Zustand der Menschheit verkündet. Die ersten Meinungsverschiedenheiten entspringen religiöser Uneinigkeit. Bahá'u'lláh hat der Welt umfassende Lehren gegeben, die zu Gemeinschaft und Eintracht in der Religion führen. In allen vergangenen Jahrhunderten hat jedes religiöse Glaubenssystem sich seiner eigenen Überlegenheit und Vortrefflichkeit gerühmt und die Gültigkeit aller anderen herabgesetzt und verlacht. Jedes hat den eigenen Glauben zum Licht erklärt und alle anderen zur Dunkelheit. Religionsvertreter haben die Menschenwelt wie zwei Bäume gesehen: Der eine göttlich und segensreich, der andere satanisch; sich selbst betrachteten sie als Zweige, Blätter und Früchte des göttlichen Baums und alle anderen, die sich im Glauben von ihnen unterschieden, als Ausgeburt des satanischen Baums. Deshalb gab es zwischen ihnen fortwährend Aufruhr und Krieg, Kampf und Blutvergießen. Die Hauptursache menschlicher Entfremdung war die Religion, weil jede Seite den Glauben der anderen als etwas Hassenswertes und der Gnade Gottes beraubt ansah. Die speziell von Bahá'u'lláh gebrachten Lehren richten sich an die Menschheit. Er sagt: »Ihr seid alle die Blätter eines Baumes.« Er sagt nicht: »Ihr seid die Blätter zweier Bäume, eines göttlichen und eines satanischen.« Er hat erklärt, dass jedes einzelne Glied der menschlichen Familie ein Blatt oder Zweig am Baume Adams ist; dass alle unter der schützenden Gnade und Vorsehung Gottes stehen; dass alle Kinder Gottes sind, Früchte an dem einen Baum Seiner Liebe. Gott ist zu allen Blättern, Zweigen und Früchten dieses Baumes gleichermaßen mitfühlend und gütig. Deshalb gibt es nichts Derartiges wie einen satanischen Baum – denn Satan ist ein Produkt des menschlichen Denkens und der triebgesteuerten menschlichen Neigung, sich zu irren. Gott allein ist der Schöpfer, und alle sind Geschöpfe Seiner Macht. Darum müssen wir die Menschen als Seine Geschöpfe lieben und erkennen, dass alle auf dem Baum Seiner Gnade wachsen, Diener Seines allmächtigen Willens und Ausdruck Seines Wohlgefallens sind. Auch wenn wir an diesem Baum der Menschheit einen Ast oder ein Blatt fehlerhaft oder eine Blüte unvollkommen finden, gehören sie dennoch zu diesem Baum und nicht zu einem anderen.

Deshalb ist es unsere Pflicht, diesen Baum zu schützen und zu pflegen, bis zu seiner Vollkommenheit.

Wenn wir seine Früchte untersuchen und sie für unvollkommen halten, müssen wir uns bemühen, sie zu vervollkommnen.

Es gibt unwissende Menschen in der Welt; wir müssen ihnen Wissen vermitteln.

Einige Sprösslinge des Baumes sind schwach und krank; wir müssen ihnen helfen, sich zu erholen und gesund zu werden.

Wenn sie noch wie heranwachsende Kinder sind, müssen wir uns ihrer annehmen, bis sie zur Reife gelangen.

Wir sollten sie niemals verabscheuen oder sie meiden, weil wir sie als unangenehm und nichtswürdig empfinden.

Wir müssen sie ehren, respektieren und freundlich zu ihnen sein, denn sie wurden von Gott geschaffen und nicht vom Teufel.

Sie sind kein Ausdruck von Gottes Zorn, sondern Beweise Seiner göttlichen Gunst.

Gott, der Schöpfer, hat sie mit körperlichen, geistigen und spirituellen Eigenschaften ausgestattet, damit sie danach streben, Seinen Willen zu erkennen und danach zu handeln; sie sind also keineswegs Gegenstand Seines Zornes und Seiner Verdammung.

Kurz, alle Menschen müssen mit Liebe, Güte und Respekt betrachtet werden, denn was wir in ihnen erblicken, sind nichts anderes als die Zeichen und Spuren von Gott Selbst.

Alle sind Zeichen Gottes; wie sollten wir da das Recht haben, sie zu erniedrigen und herabzusetzen, sie zu verfluchen und daran zu hindern, sich Seiner Barmherzigkeit zu nähern?

Das ist Unwissenheit und Ungerechtigkeit, die Gott missfällt, denn in Seinen Augen sind alle Seine Diener. Ein weiterer Grund für Zwietracht und Streit ist die Tatsache, dass behauptet wurde, Religion stünde im Widerspruch zur Wissenschaft. Zwischen Wissenschaftlern und Religionsanhängern gab es immer Kontroversen und Streit, da letztere behaupteten, Religion sei der Wissenschaft übergeordnet und wissenschaftliche Aussagen stünden im Gegensatz zu den Lehren der Religion. Bahá'u'lláh erklärte, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in völligem Einklang stehe. Wenn religiöse Glaubenssätze und Doktrinen der Vernunft widersprechen, entspringt das dem begrenzten Verständnis des Menschen und stammt nicht von Gott; es ist nicht wert, geglaubt zu werden, und verdient keine Beachtung; das Herz findet darin keine Ruhe, und echter Glaube ist unmöglich. Wie kann ein Mensch etwas glauben, von dem er weiß, dass es der Vernunft widerspricht? Ist das möglich? Kann das Herz akzeptieren, was die Vernunft ablehnt? Die Vernunft ist die erste Fähigkeit des Menschen und die Religion Gottes steht damit in Einklang. Bahá'u'lláh hat diese Art von Zwietracht und Streit unter den Menschen getilgt und Wissenschaft und Religion versöhnt, indem Er die unverfälschten Lehren der göttlichen Wahrheit offenbarte. Diese Errungenschaft ist Ihm allein an diesem Tag zu verdanken. Eine weitere Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit war die Entstehung religiöser Sekten und Bekenntnisse.

Bahá'u'lláh sagte, dass Gott die Religion mit dem Ziel gesandt hat, unter den Menschen Gemeinschaft zu stiften und nicht, um Streit und Zwietracht zu säen, denn jede Religion beruht auf der Liebe zur Menschheit.

Abraham verkündete dieses Prinzip, Moses forderte alle auf, es anzuerkennen, Christus setzte es durch und Muḥammad führte die Menschheit zur Einhaltung dieses Prinzips.

Das ist die wahre Religion.

Wenn wir uns vom Hörensagen abwenden und die Wahrheit und innere Bedeutung der himmlischen Lehren erforschen, werden wir dieselbe göttliche Grundlage finden – die Liebe zur Menschheit.

Der Sinn der Religion besteht darin, Einheit, Liebe und Gemeinschaft zu stiften, nicht Zwietracht, Feindschaft und Entfremdung.

Der Mensch hat die Grundlage der göttlichen Religion aufgegeben und hält an blinder Nachahmung fest.

Jedes Volk hat sich an seine eigenen Nachahmungen geklammert, und weil diese voneinander abweichen, folgten darauf Krieg, Blutvergießen und die Zerstörung des Fundaments der Menschheit.

Wahre Religion gründet auf Liebe und Eintracht.

Bahá'u'lláh hat gesagt:

»Wenn Religion und Glaube zu Feindschaft und Aufruhr führen, ist es weit besser, nicht religiös zu sein, und das Fehlen von Religion wäre vorzuziehen; denn Wir wünschen, dass Religion die Ursache von Freundschaft und Gemeinschaft ist.

Wenn Feindschaft und Hass bestehen, ist Religionslosigkeit vorzuziehen.« Und so verdanken wir Bahá'u'lláh die Beseitigung dieser Zwietracht, denn Religion ist das göttliche Heilmittel für menschliche Gegensätze und Zwist.

Aber wenn wir das Heilmittel zur Ursache der Krankheit machen, wäre es besser, darauf zu verzichten. Andere Ursachen menschlicher Zwietracht sind politische, rassistische und patriotische Vorurteile. All dies hat Bahá'u'lláh abgeschafft. Er sagte – und untermauerte Seine Aussage mit rationalen Beweisen aus den Heiligen Schriften –, dass die Menschheit ein einziges Volk und die Erde ein gemeinsamer Wohnort ist; dass diese eingebildeten rassistischen Barrieren und politischen Grenzen keine Grundlage haben und unrechtmäßig sind. Der Mensch wird erniedrigt, wenn er der Gefangene seiner eigenen Trugbilder und Mutmaßungen wird. Die Erde ist eine einzige Erde und dieselbe Atmosphäre umgibt sie. Gott hat bei ihren menschlichen Bewohnern keinen Unterschied gemacht und niemanden bevorzugt; aber der Mensch hat die Grundlage für Vorurteile, Hass und Zwietracht zwischen seinen Mitmenschen gelegt, indem er der Staatsangehörigkeit unterschiedliche Bedeutung beimaß und der Hautfarbe unterschiedliche Rechte und Privilegien zuschrieb. Die Vielfalt der Sprachen war eine ergiebige Quelle für Unstimmigkeiten. Die Sprache dient dazu, Gedanken auszutauschen und Absichten zu übermitteln. Daher spielt es keine Rolle, welche Sprache der Mensch spricht oder verwendet. Vor sechzig Jahren forderte Bahá'u'lláh eine gemeinsame Sprache als wichtigstes Mittel für die Einheit und als Grundlage für internationale Konferenzen. Er schrieb an die Könige und Herrscher der verschiedenen Völker und empfahl, dass alle Regierungen eine gemeinsame Sprache auswählen und annehmen sollten. In diesem Sinne sollte sich jedes Volk zusätzlich zu seiner Muttersprache die Weltsprache aneignen. Auf der Welt würde dann ein enger Austausch gepflegt, Beratung wäre der Standard und Meinungsverschiedenheiten aufgrund von Sprachenvielfalt würden beseitigt werden. Eine weitere Lehre Bahá'u'lláhs bezieht sich auf den Weltfrieden: Die gesamte Menschheit muss wachgerüttelt werden und sich bewusst werden, wie unheilvoll Kriege sind; sie sollte dazu gebracht werden, die Vorteile des Friedens zu erkennen und zu wissen, dass Frieden von Gott, Krieg jedoch teuflisch ist. Der Mensch muss sich den barmherzigen Gott zum Vorbild nehmen, er muss sich von teuflischen Einflüssen abwenden, damit alle nach Frieden, Liebe und Einheit streben und die Zwietracht des Krieges verschwindet. Fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ebenfalls eine Ursache der Uneinigkeit zwischen Menschen.

Bahá'u'lláh nannte dies einen wesentlichen Auslöser von Zwietracht und Spaltung, denn solange in der Menschheit Rechte und Befugnisse von Mann und Frau ungleich verteilt sind, kann keine Einheit geschaffen werden.

In einem vollkommenen menschlichen Körper ist es unmöglich, dass ein Organ vollständig und ein anderes unzulänglich ist.

Im großen Gesellschaftskörper der Menschheit ist es unmöglich, Einheit und Zusammenarbeit zu erreichen, wenn ein Teil als vollkommen und der andere als unvollkommen angesehen wird.

Wenn beide Teile vollständig funktionieren, wird ein harmonisches Gleichgewicht herrschen.

Gott hat Mann und Frau mit gleichen Fähigkeiten geschaffen.

Er hat zwischen ihnen keinen Unterschied gemacht.

Die Frau hat bei ihren Leistungen nicht den Stand des Mannes erreicht, weil ihr Möglichkeiten und Bildung fehlten.

Wenn vergleichbare Bildungschancen geschaffen würden, würden beide Geschlechter, Mann und Frau, gleiche Leistungen erzielen.

Gott hat keinen Unterschied zwischen ihnen gewollt, der zu Unfrieden führen könnte.

Er hat alle mit menschlichen Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind Ausdruck Seiner Barmherzigkeit.

Wenn wir sagen würden, Mann und Frau seien von der Schöpfung in unterschiedlichem Grad mit Gaben ausgestattet worden, würde das der Absicht und der Gerechtigkeit Gottes widersprechen.

Beide sind Menschen.

Wenn Gott ein Geschlecht vollkommen und das andere unzulänglich erschaffen hätte, wäre Er ungerecht.

Aber Gott ist gerecht:

Alle sind vollkommen entsprechend Seiner Absicht und Schöpfungsgabe.

Wenn wir annehmen, das Geschöpf sei unvollkommen, dann bedeutet das die Unvollkommenheit des Schöpfers.

Wer sich auszeichnet durch die Erlangung Seiner Eigenschaften und Seiner Gnadengaben, ist vor Gott höchst willkommen. Schauen wir nun auf den göttlichen Plan zur Versöhnung der religiösen Systeme der Welt. Bahá'u'lláh sagte: Wenn aus jedem der verschiedenen religiösen Systeme ein einsichtsvolles Mitglied gewählt würde und diese Repräsentanten zusammenkämen, um die zugrunde liegende Wahrheit der Religion zu erforschen, würden sie ein interreligiöses Gremium bilden, dem alle Streitfragen und Glaubensunterschiede zur Prüfung und Schlichtung vorgelegt werden könnten. Solche Fragen könnten dann vom Standpunkt der Wahrheit aus erwogen und geprüft werden, und jede verfälschende Nachahmung könnte verworfen werden. Wenn man nach dieser Methode verfährt, würden alle Sekten, Konfessionen und religiösen Systeme vereint werden. Zweifeln Sie nicht an der Machbarkeit all dessen und wundern Sie sich nicht.

In Persien wurde es schon erfolgreich zustande gebracht.

In diesem Land haben sich die Anhänger verschiedener Religionen zusammengetan, um die Wahrheit zu untersuchen, und sie haben sich in vollkommener Gemeinschaft und Liebe vereint.

Jetzt gibt es bei ihnen keine Spur mehr von Zwietracht oder Meinungsverschiedenheiten; stattdessen zeigen sich Wohlwollen und Verbundenheit.

Sie leben in Harmonie und Eintracht zusammen wie eine einzige Familie.

Gegensätze und Streit sind verschwunden; an die Stelle von Hass und Feindseligkeit sind Liebe und Einigkeit getreten.

Jene, die Bahá'u'lláh gefolgt sind und solche Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit erreicht haben, waren Muslime, Juden, Christen, Zoroastrier, Buddhisten, Nestorianer, Sunniten, Schiiten und andere.

Unter ihnen gibt es keine Zwietracht.

Das beweist die Möglichkeit, dass sich die Angehörigen der Religionen der Welt durch praktische Mittel zusammenschließen.

Nachahmungen und Vorurteile, die die Menschen voneinander trennten, wurden abgelegt, und die religiöse Wahrheit umhüllt sie, sodass sie völlig einig sind.

Wenn Wahrheit die Seele des Menschen umhüllt, ist Liebe möglich.

Die göttliche Absicht in der Religion ist reine Liebe und Einigkeit.

Die Propheten Gottes verkörperten vollkommene Liebe zu allen.

Jeder von Ihnen verkündete die frohe Botschaft vom Kommen Seines Nachfolgers, und jeder Nachfolgende bestätigte die Lehren und Prophezeiungen des Propheten, Der Ihm voranging.

In den wesentlichen Teilen Ihrer Lehre und Sendung gab es weder Widerspruch noch Abweichungen.

Zwietracht entstand unter denen Ihrer Anhänger, die den Blick für die Wahrheit verloren hatten und sich an blinde Nachahmungen klammerten.

Wenn solche Nachahmungen überwunden werden und die strahlend leuchtende Wahrheit in den Seelen der Menschen erwacht, werden Liebe und Einigkeit herrschen.

So wird die Menschheit aus dem Streit und den Kriegen errettet werden, die schon tausende von Jahren geherrscht haben; Zwietracht wird vergehen und das Licht der Einheit wird heraufdämmern.

Man bedenke, wie alle Propheten Gottes verfolgt wurden und welche Not Sie ertrugen.

Jesus Christus ertrug Leid und nahm den Märtyrertod am Kreuz auf Sich, um die Menschheit zur Einheit und Liebe zu rufen.

Welches Opfer könnte größer sein?

Er brachte die Religion der Liebe und Gemeinschaft in die Welt.

Sollen wir sie etwa nutzen, um Zwietracht, Gewalt und Hass unter den Menschen zu schüren? Moses wurde verfolgt und in die Wüste getrieben, Abraham wurde verbannt, Muḥammad suchte Zuflucht in Höhlen, der Báb wurde getötet und Bahá'u'lláh wurde vierzig Jahre lang verbannt und eingekerkert. Aber Sie alle wünschten Gemeinschaft und Liebe unter den Menschen. Sie ertrugen Notlagen, erlitten Verfolgung und Tod um unseretwillen, damit wir lernen, einander zu lieben und geeint und verbunden zu sein, statt uneins und zerstritten. Genug der langen Jahrhunderte, die durch Streit und Hass so viel Unglück und Not in die Welt brachten. Lassen Sie uns nun in diesem strahlenden Jahrhundert versuchen, nach Gottes Willen zu handeln, damit wir vor all diesen dunklen Dingen gerettet werden und in das grenzenlose Licht des Himmels gelangen, Spaltung vermeiden und die göttliche Einheit der Menschheit willkommen heißen. So Gott will, kann diese irdische Welt zu einem Spiegelbild des Himmels werden, in dem wir das Abbild der Spuren des Göttlichen sehen können, und die wesentlichen Eigenschaften einer neuen Schöpfung mögen von der wahren Liebe, die in den Herzen der Menschen leuchtet, widergespiegelt werden. Mögen das Licht und der Widerschein Gottes in uns tatsächlich beweisen und bezeugen, dass Gott den Menschen nach Seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen hat. O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, ich rufe Dich an und flehe an Deiner Schwelle, lass alle Deine Gnadengaben auf diese Seelen herabkommen. Mache sie empfänglich für Deine Gunst und Deine Wahrheit. O Herr! Vereinige und verbinde die Herzen, bringe alle Seelen in Einklang und erheitere die Gemüter mit den Zeichen Deiner Heiligkeit und Einheit. O Herr! Lass diese Gesichter strahlen im Lichte Deiner Einheit. Stärke die Lenden Deiner Diener im Dienst an Deinem Königreich. O Herr, Du Besitzer unendlicher Gnade! O Du Herr der Versöhnung und des Verzeihens! Vergib unsere Sünden, verzeih unsere Schwächen und lenke uns zum Königreich Deiner Milde, das Reich der Kraft und Macht anrufend, demütig an Deinem Schrein, ergeben vor der Herrlichkeit Deiner Beweise. O Herr, unser Gott! Lass uns wie die Wogen eines Meeres und die Blumen eines Gartens vereint und einig sein durch die Freigebigkeit Deiner Liebe. O Herr! Weite unsere Herzen mit den Zeichen Deiner Einheit und lass die ganze Menschheit zu Sternen werden, die vom selben Himmel der Herrlichkeit herniederstrahlen, zu vollkommenen Früchten, die an Deinem Lebensbaume wachsen. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Selbstbestehende, der Geber, der Verzeihende, der Vergebende, der Allwissende, der Eine Schöpfer.

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15. Juli 1912 Ansprache im Haus von Dr. Florian Krug und Frau 830 Park Avenue, New York Aufzeichnungen von Howard MacNutt Es freut mich sehr, euch zu sehen. Eure Herzen sind vom Lichte Bahás erleuchtet. Dieses Treffen ist eine wahrhaft göttliche, himmlische Versammlung und steht in Gottes Gunst, denn wir haben kein anderes Ziel, als Gott zu preisen und Ihm zu begegnen. Das Gebet, das gerade dargeboten wurde, ist ein Dankgebet. Es gibt verschiedene Arten von Dankbarkeit. Es gibt das Danken mit Worten, das auf das bloße Aussprechen des Danks beschränkt ist. Das ist ohne Belang, denn es kann sein, dass die Zunge dankt, während das Herz davon unberührt bleibt. Viele danken Gott auf diese Art, ihr Geist und ihr Herz werden von der Danksagung nicht berührt. Das ist bloße Gewohnheit, wie wenn wir bei einem Treffen ein Geschenk erhalten und Danke sagen, den Worten aber keine Bedeutung verleihen. Jemand kann tausendfach Danke sagen, ohne dass er im Herzen Dank verspürt. Darum ist Dank mit bloßen Worten wirkungslos. Aber echte Dankbarkeit ist ein aufrichtiger Dank, der von Herzen kommt. Wenn der Mensch infolge der Gunstbeweise Gottes ein empfindsames Gewissen entwickelt, dann ist das Herz glücklich, der Geist beschwingt. Diese geistige Empfänglichkeit ist die ideale Dankbarkeit. Es gibt auch ein aufrichtiges Danken, das sich in den Taten und Handlungen eines Menschen ausdrückt, wenn sein Herz mit Dankbarkeit erfüllt ist. Zum Beispiel hat Gott dem Menschen Führung gewährt, und seine Dankbarkeit für diese große Gabe sollte er mit bestimmten Taten zeigen. Um seine Dankbarkeit für Gottes Gunstbeweise auszudrücken, muss der Mensch lobenswerte Taten vollbringen. Als Antwort auf diese Gaben muss er gute Werke vollbringen, aufopferungsvoll sein, die Diener Gottes lieben, ja sein Leben für sie hingeben und allen Geschöpfen liebevolle Güte erweisen. Er muss sich von der Welt lösen, vom Reiche Abhá angezogen sein, mit strahlendem Antlitz, beredter Zunge und aufmerksamem Ohr Tag und Nacht danach streben, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Alles, was er tun möchte, muss mit dem Wohlgefallen Gottes im Einklang stehen. Er muss den Willen Gottes erkennen, beachten und entsprechend handeln. Zweifellos zeigen solche lobenswerten Taten unsere Dankbarkeit für Gottes Gunstbeweise. Denkt daran, wie dankbar jemand ist, wenn er von einer Krankheit geheilt wird, wenn er von einem anderen freundlich behandelt wird oder wenn ein anderer ihm einen Dienst erweist, wie geringfügig dieser auch sein mag. Wenn wir solche Gunstbezeigungen nicht beachten, ist das ein Zeichen von Undank. Dann wird man sagen: Uns wurde liebevolle Güte erwiesen, aber wir sind undankbar und wissen diese Liebe und Gunst nicht zu schätzen. Körperlich und geistig sind wir in das Meer der Gunst Gottes getaucht. Er hat für Essen, Trinken und unsere übrigen Bedürfnisse gesorgt; Seine Gunst umgibt uns von allen Seiten. Die Versorgung des Menschen ist ein Segen. Das Sehen, das Hören und alle seine Fähigkeiten sind wunderbare Geschenke. Diese Segnungen sind zahllos; egal wie viele erwähnt werden, es bleiben noch unendlich mehr. Geistige Segnungen sind ebenso zahllos – Geist, Bewusstsein, Denken, Gedächtnis, Wahrnehmung, Vorstellungsvermögen und andere Begabungen. Durch sie hat Er uns geführt, und wir betreten Sein Königreich. Er hat vor unseren Augen die Tore zu allem Guten geöffnet. Er hat uns ewige Herrlichkeit gewährt. Er hat uns ins himmlische Reich geladen. Er hat uns durch Seine Gaben reich gemacht. Jeden Tag hat Er neue frohe Botschaften verkündet. Jede Stunde kommen neue Gaben herab. Seht, wie all diese Menschen schlafen, ihr aber seid wach. Sie sind tot, ihr aber lebt durch den Odem des Heiligen Geistes. Sie sind blind, während ihr mit Einsicht und Erkenntnis begabt seid. Sie sind der Liebe Gottes bar, aber in euren Herzen lebt und leuchtet sie. Denkt über diese Gnadengaben und Gunstbeweise nach. Aus Dankbarkeit für all das müsst ihr deshalb gemäß den Lehren Bahá'u'lláhs handeln. Ihr müsst die Schriften lesen – die Verborgenen Worte, Ishráqát, die Frohen Botschaften –, alle heiligen Äußerungen, und entsprechend handeln. Das ist echte Dankbarkeit, nach diesen Aussagen zu leben. Das ist wahre Dankbarkeit und die göttliche Gabe. Das ist Danksagung und Verherrlichung Gottes. Ich hoffe, ihr alle könnt das erreichen, könnt immer dieser Gnadengaben Gottes gewahr und achtsam sein. Ich hoffe, dass ich New York mit einem glücklichen Herzen verlassen kann, und mein Herz ist glücklich, wenn die Freunde Gottes einander lieben, wenn sie gegenüber allen Menschen Gottes Barmherzigkeit bekunden. Wenn ich das sehe, kann ich mich glücklich verabschieden. Seid gegrüßt!

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Boston

23. bis 25. Juli 1912

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23. Juli 1912 Ansprache im Hotel Victoria Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney Die Bahá'í dürfen sich nicht an politischen Bewegungen beteiligen, die zu Unruhen führen. Sie müssen ihre Aufmerksamkeit auf Bewegungen richten, die die öffentliche Ordnung stärken. Im heutigen Persien beteiligen sich die Bahá'í nicht an den revolutionären Unruhen, die in Gesetzlosigkeit und Rebellion endeten. Dennoch kann ein Bahá'í ein politisches Amt bekleiden und an der richtigen Art von Politik interessiert sein. Minister, Staatsbeamte und Generalgouverneure in Persien sind Bahá'í und es gibt viele andere Bahá'í in Regierungspositionen; aber nirgends auf der Welt sollten sich die Anhänger Bahá'u'lláhs an aufrührerischen Bewegungen beteiligen. Wenn es zum Beispiel hier in Amerika einen Aufstand geben sollte, der darauf abzielt, eine despotische Regierung zu errichten, sollten die Bahá'í nicht daran beteiligt sein. Die Bahá'í-Sache behandelt in ihren Gesetzen und Prinzipien alle wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Das Wesen des Bahá'í-Geistes ist: Um eine bessere soziale Ordnung und eine bessere Wirtschaftslage zu erreichen, muss man sich an die Gesetze und Grundsätze der Regierung halten. Sozialisten können nach den Gesetzen, die die Welt regieren sollen, zu Recht Menschenrechte einfordern, jedoch ohne Gewaltanwendung. Die Regierungen werden diese Gesetze erlassen und eine gerechte Justiz und Wirtschaft einführen, damit die gesamte Menschheit in den vollen Genuss von Wohlstand und Privilegien kommt; doch wird dies stets rechtlich abgesichert und mit legalen Mitteln erfolgen. Ohne gesetzliche Grundlagen scheitern Rechte und Ansprüche, und das Wohl des Volkes kann nicht gewährleistet werden. Gegenwärtig setzen Menschen Streiks und Gewalt ein, um ihre Forderungen durchzusetzen; das ist offensichtlich falsch und schadet den Grundlagen der Menschlichkeit. Berechtigte Ansprüche und Forderungen müssen in Gesetzen und Verordnungen verankert sein. Während Tausende über diese Fragen nachdenken, verfolgen wir wichtigere Ziele. Die Grundlage der gesamten Ökonomie ist göttlicher Natur und eng verbunden mit der Welt des Herzens und des Geistes. Das wird in den Bahá'í-Lehren umfassend dargelegt, und ohne Kenntnis dieser Grundsätze kann die wirtschaftliche Situation nicht verbessert werden. Die Bahá'í werden diese Verbesserungen herbeiführen, aber nicht durch Aufruhr und rohe Gewalt, nicht durch Krieg, sondern durch Wohltätigkeit. Die Herzen müssen so verbunden sein, die Liebe so ausgeprägt, dass der Reiche bereitwillig dem Armen hilft und Maßnahmen ergreift, diese wirtschaftlichen Anpassungen dauerhaft zu verankern. Wenn es auf diese Weise erreicht wird, ist es höchst lobenswert, denn dann geschieht es um Gottes Willen und auf dem Pfad Seines Dienstes. Es wäre beispielsweise so, wie wenn die reichen Bewohner einer Stadt sagten: »Es ist weder gerecht noch gesetzmäßig, dass wir großen Reichtum besitzen, während es in dieser Gemeinde bittere Armut gibt«, und dann bereitwillig ihren Reichtum mit den Armen teilen und nur so viel behalten, dass sie angenehm leben können. Strebt deshalb danach, Liebe in den Herzen zu erwecken und sie zum Glühen und Strahlen zu bringen. Wenn diese Liebe leuchtet, wird sie andere Herzen durchdringen, so wie dieses elektrische Licht seine Umgebung erhellt. Wenn die Liebe zu Gott gefestigt ist, wird auch alles andere verwirklicht werden. Dies ist die wahre Grundlage jeder Ökonomie. Denkt darüber nach. Bemüht euch, die Seelen anzuziehen, nicht darum, das Denken in bestimmte Bahnen zu zwingen. Zeigt den Menschen, was echte Ökonomie ist. Zeigt ihnen, was Liebe, was Güte, was echte Loslösung und Großzügigkeit sind. Es ist wichtig, das zu tun. Handelt in Übereinstimmung mit den Lehren Bahá'u'lláhs. Alle Seine Bücher werden übersetzt werden. Jetzt ist die Zeit, nach Seinen Worten zu leben. Lasst eure Taten die richtige Übersetzung ihrer Bedeutung sein. Fragen der Ökonomie werden die Herzen nicht anziehen. Allein die Liebe zu Gott zieht sie an. Fragen der Ökonomie sind sehr interessant, aber die Kraft, die die Herzen der Menschen bewegt, leitet und anzieht, ist die Liebe zu Gott.

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24. Juli 1912 Ansprache vor der Theosophischen Gesellschaft The Kensington Exeter und Boylston Streets, Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney In der Welt des Daseins gibt es nichts Bedeutenderes als den Geist, nichts Wesentlicheres als den Geist des Menschen. Der Geist des Menschen ist die edelste aller Erscheinungen. Im Geist des Menschen begegnen sich Mensch und Gott. Der Geist des Menschen ist die treibende Kraft seines Lebens und das gemeinsame Zentrum aller menschlichen Tugenden. Der Geist des Menschen ist die Quelle der Erleuchtung dieser Welt. Die Welt mag mit dem Körper verglichen werden; der Mensch ist der Geist dieses Körpers, denn der menschliche Geist ist das Licht der Welt. Der Mensch ist das Leben der Welt, und das Leben des Menschen ist der Geist. Das Glück der Welt hängt vom Menschen ab, und das Glück des Menschen ist abhängig von seinem Geist. Die Welt kann mit dem Glas einer Lampe verglichen werden, während der Mensch das Licht ist. Der Mensch selbst kann mit der Lampe verglichen werden; das Licht in dieser Lampe ist sein Geist. Darum wollen wir über diesen Geist sprechen. Es gibt zwei Arten von Philosophen in der Welt: Materialisten, die den Geist und seine Unsterblichkeit leugnen, und die göttlichen Philosophen, die Weisen Gottes, die wahren Erleuchteten, die an den Geist und seinen Fortbestand im Jenseits glauben. Die alten Philosophen lehrten, dass der Mensch bloß aus materiellen Elementen besteht, die seine Zellstruktur bilden, und dass das Leben des Menschen erlischt, sobald diese Struktur zerfällt. Sie argumentierten, der Mensch sei nur Körper und die Organe und ihre Funktionen, die Sinne, Fähigkeiten und Eigenschaften, die den Menschen charakterisieren, seien das Ergebnis der Zusammenstellung dieser Elemente und würden mit dem physischen Körper vollständig verschwinden. Das ist die Ansicht der meisten Materialisten. Die göttlichen Philosophen verkünden hingegen, dass der Geist des Menschen fortdauert und ewig lebt, und wegen der Einwände der Materialisten bringen diese Weisen Gottes Vernunftbeweise vor, um die Gültigkeit ihrer Aussage zu untermauern. Da die materialistischen Philosophen die Bücher Gottes ablehnen, ist eine Beweisführung aus der Schrift für sie nicht stichhaltig, und materialistische Beweise sind notwendig. Die mit göttlichem Wissen ausgestattet sind, haben deshalb geantwortet, dass alle Erscheinungsformen in Kategorien oder Welten eingeteilt werden können, aufsteigend gruppiert in Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, und dass jede von ihnen ihr eigenes Maß an Funktionalität und Intelligenz aufweist. Wenn wir das Mineral betrachten, stellen wir fest, dass es existiert und die Kraft der Anziehung und der Bildung von Verbindungen besitzt. Die Pflanzen haben die Eigenschaften des Minerals und darüber hinaus die Fähigkeit, zu wachsen und sich zu vermehren. Es ist daher offensichtlich, dass das Pflanzenreich über dem Mineralreich steht. Die Tierwelt wiederum besitzt die Eigenschaften von Mineral und Pflanze und zusätzlich die fünf Sinne der Wahrnehmung, die den untergeordneten Reichen fehlen. Auch fehlt den niedrigeren Reichen das dem Tier eigene Erinnerungsvermögen. So wie das Tier edler ist als Pflanze und Mineral, so steht der Mensch über dem Tier.

Dem Tier fehlt das Vorstellungsvermögen, das heißt, es ist gefangen in der Welt der Natur und hat keinen Sinn für das, was in der Natur verborgen liegt oder was über sie hinausgeht; ihm fehlen die geistige Empfänglichkeit und die Anregungen des Bewusstseins, es weiß nichts von der Welt Gottes und es kann nie von den Naturgesetzen abweichen.

Beim Menschen ist das anders.

Der Mensch besitzt ein strahlendes Bewusstsein, Wahrnehmungsfähigkeit, Vorstellungsvermögen, und er ist fähig, die Geheimnisse des Universums zu entdecken.

Alle Industriezweige, Erfindungen und Hilfsmittel, die uns im Alltag umgeben, waren einmal verborgen in der Natur, aber der Mensch durchdrang die Geheimnisse und nutzte sie für seine Ziele.

Nach den Gesetzen der Natur hätten sie unsichtbar und verborgen bleiben sollen; aber der Mensch erhob sich über diese Gesetze, entdeckte diese Geheimnisse und brachte sie aus dem Reich des Unsichtbaren ins Reich des Bekannten und Sichtbaren.

Wie wunderbar ist der Geist des Menschen!

Eines dieser geheimnisvollen Naturphänomene ist die Elektrizität.

Der Mensch hat diese unermessliche Kraft entdeckt und für sich nutzbar gemacht.

Wie viele Geheimnisse der Natur sind schon ergründet und offenbart worden!

Kolumbus entdeckte Amerika, als er noch in Spanien lebte.

Der Mensch hat herausgefunden, dass die Sonne ortsgebunden ist, während die Erde sie umkreist.

Das Tier ist dazu nicht in der Lage.

Der Mensch erkennt in der Fata Morgana eine Sinnestäuschung.

Das übersteigt die Fähigkeiten des Tieres.

Das Tier kann nur durch Sinneseindrücke etwas erkennen, nicht aber intellektuelle Sachverhalte erfassen.

Das Tier kann sich die Macht der Gedanken nicht vorstellen.

Dies ist ein abstrakter, intellektueller Sachverhalt und nicht allein auf die Sinne beschränkt.

Das Tier kann nicht erfassen, dass die Erde rund ist.

Kurz, die Fähigkeit, abstrakte intellektuelle Phänomene zu erfassen, ist dem Menschen vorbehalten.

Die gesamte Schöpfung unterhalb der menschlichen Stufe ist in der Natur gefangen; sie kann nicht im Geringsten von den Naturgesetzen abweichen.

Aber der Mensch entreißt der Natur das Schwert der Herrschaft und setzt es ein, um sie zu beherrschen.

Zum Beispiel muss der Mensch von Natur aus auf dem Erdboden leben, aber die Kraft des menschlichen Geistes überwindet diese Einschränkung und in Flugzeugen erhebt er sich in die Lüfte.

Das widerspricht den Naturgesetzen und ihren Vorgaben.

Mit hoher Geschwindigkeit befährt er die Meere und taucht in Unterseebooten unter deren Oberfläche.

Er schließt die menschliche Stimme in einen Phonographen ein und kommuniziert innerhalb eines Augenblicks von Ost nach West.

Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass sie den Gesetzen der Natur und ihren Beschränkungen widersprechen.

Der Mensch überschreitet die Grenzen der Natur, während Mineralien, Pflanzen und Tiere ihr machtlos ausgesetzt sind.

Das kann nur die Kraft des Geistes erreichen, denn der Geist ist die Wirklichkeit. Bezüglich der körperlichen Kräfte und Sinne sind Mensch und Tier jedoch ebenbürtig. Tatsächlich ist das Tier dem Menschen bei Sinneswahrnehmungen oft überlegen. Zum Beispiel sehen einige Tiere außerordentlich scharf und andere haben ein überaus feines Gehör. Denken Sie an den Spürsinn eines Hundes: Wie weit übertrifft er den eines Menschen. Aber obwohl das Tier alle körperlichen Fähigkeiten und Sinne mit dem Menschen gemein hat, ist der Mensch mit einer geistigen Kraft ausgestattet, die dem Tier fehlt. Das ist ein Beweis dafür, dass es im Menschen etwas gibt, das über die Begabung des Tieres hinausgeht – eine Fähigkeit und Eigenschaft, die dem Menschenreich vorbehalten ist und den niedrigeren Reichen des Daseins fehlt. Das ist der Geist des Menschen. All diese wunderbaren menschlichen Errungenschaften basieren auf der Wirksamkeit und der Durchdringungskraft des menschlichen Geistes. Wäre der Mensch ohne diesen Geist, wäre keine dieser Errungenschaften möglich gewesen. Das ist so offensichtlich wie die Sonne am Mittag. Jeder Organismus der materiellen Schöpfung ist auf eine bestimmte Gestalt begrenzt.

Das bedeutet, dass jedes erschaffene materielle Wesen eine Form besitzt; es kann nicht zwei Formen zugleich besitzen.

Zum Beispiel kann ein Körper kugelförmig, dreieckig oder quadratisch sein; aber er kann unmöglich zwei dieser Formen gleichzeitig aufweisen.

Er mag dreieckig sein, aber wenn er quadratisch werden sollte, muss er zuerst die dreieckige Form aufgeben.

Es ist absolut unmöglich, beide Formen gleichzeitig zu haben.

Es ist also klar, dass materielle Organismen nicht gleichzeitig verschiedene Formen besitzen können.

Der Geist des Menschen hingegen kann sich alle geometrischen Figuren gleichzeitig vorstellen, während in der physischen Wirklichkeit eine Gestalt aufgegeben werden muss, damit eine andere möglich wird.

Das ist das Gesetz von Wandel und Wechsel, und Wandel und Wechsel künden von der Sterblichkeit.

Ohne diese Formänderung wären die materiellen Dinge unvergänglich; aber weil die stoffliche Existenz dem Wandel unterliegt, ist sie vergänglich.

Die Wirklichkeit des Menschen hingegen weist alle Vorzüge auf; er muss keine Form zugunsten einer anderen aufgeben, wie es bei rein physischen Körpern der Fall ist.

Daher gibt es in dieser Wirklichkeit weder Wandel noch Wechsel; sie ist unvergänglich und ewig.

Der Leib eines Menschen kann in Amerika sein, während sein Geist im Fernen Osten arbeitet, wirkt, Entdeckungen macht, organisiert und plant.

Während er damit beschäftigt ist, in Russland zu regieren, Gesetze zu erlassen oder ein Gebäude zu errichten, ist sein Körper immer noch hier in Amerika.

Was ist diese Kraft, die, obwohl sie körperlich in Amerika ist, gleichzeitig im Orient wirkt, organisiert, zerstört oder aufbaut?

Es ist der Geist des Menschen.

Das ist unwiderlegbar. Wenn Sie über eine Angelegenheit nachdenken oder sie in Erwägung ziehen, befragen Sie etwas in sich.

Sie fragen sich:

Soll ich es tun oder soll ich es bleiben lassen?

Ist es besser, diese Reise zu machen oder nicht?

Mit wem berät man sich?

Wer in Ihnen entscheidet diese Frage?

Sicher gibt es da eine eindeutige Kraft, ein intelligentes Ich.

Wäre diese Kraft nicht von Ihrem Ich verschieden, würden Sie sie nicht befragen.

Sie ist größer als das Denkvermögen.

Es ist Ihr Geist, der Sie lehrt, der rät und diese Dinge entscheidet.

Wer ist es, der fragt?

Wer ist es, der antwortet?

Es besteht kein Zweifel, dass es der Geist ist und dass dieser weder Wandel noch Wechsel unterliegt, denn er ist nicht aus Elementen zusammengesetzt und alles, was nicht aus Elementen zusammengesetzt ist, ist ewig.

Wandel und Wechsel sind eine Eigenart der zusammengesetzten Dinge.

Beim Geist gibt es weder Wandel noch Wechsel.

Bewiesen wird all das durch Folgendes:

Die Glieder des Körpers können schwach werden.

Der Körper kann verstümmelt sein oder eines seiner Glieder kann seine Funktion einstellen.

Der ganze Körper mag gelähmt sein, und doch bleiben Denken und Geist stets dieselben.

Der Geist entscheidet, das Denken ist einwandfrei, und doch ist die Hand schlaff, die Füße unbrauchbar, die Wirbelsäule steif, die Muskeln gänzlich unbeweglich – aber der Geist ist im gleichen Zustand wie zuvor.

Verstümmelt einen gesunden Menschen:

Der Geist bleibt unverstümmelt.

Amputiert seine Füße:

Sein Geist ist da.

Er kann gelähmt sein:

Der Geist ist nicht betroffen.

Der Geist ist immer derselbe; man merkt weder Wandel noch Wechsel, und weil es weder Wandel noch Wechsel gibt, ist er unvergänglich und von Dauer. Denken Sie an den Menschen, während er schläft. Es ist offensichtlich, dass alle seine Gliedmaßen ruhen und ohne Funktion sind. Sein Auge sieht nicht, sein Ohr hört nicht, seine Füße und Hände sind bewegungslos; aber im Reich seiner Träume sieht er trotzdem, er hört, er spricht, er geht, er kann sogar mit einem Flugzeug fliegen. Es ist also offensichtlich, dass der Geist lebt und bleibt, auch wenn der Körper wie tot ist. Ja, die Wahrnehmungen können sogar schärfer sein, wenn der Leib des Menschen schläft, der Flug höher, das Gehör feiner; all diese Funktionen sind da, und doch ist der Körper in absoluter Ruhe. Damit ist bewiesen, dass dem Menschen Geist innewohnt, und für diesen Geist macht es keinen Unterschied, ob der Körper schläft oder tot und reglos ist. Der Geist wird durch diese Zustände nicht beeinträchtigt; er existiert weiter mit all seiner Vollkommenheit. Dafür gibt es viele, ja unzählige Beweise. Alle diese Beweise entsprechen der Vernunft. Niemand kann sie widerlegen. Da wir gezeigt haben, dass es einen Geist gibt und dass dieser Geist beständig und unvergänglich ist, müssen wir uns bemühen, ihn kennenzulernen. Mögen Sie seine Macht erkennen, ihn antreiben, sich Gott zu weihen, sodass er geheiligt und fromm und zum wahren Licht der Welt wird, das den Osten wie den Westen erleuchtet.

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25. Juli 1912 Ansprache im Hotel Victoria Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney Ich bin sehr glücklich, euch heute hier zu begrüßen. Dies ist das zweite Mal, dass die göttlichen Brisen über Boston wehen. Ich erwarte von diesem Besuch Ergebnisse und hoffe, dass mein Kommen nicht fruchtlos sein wird. Die Ergebnisse, die ich erwarte, sind: Die einzelne Seele soll von Selbstsucht und Begehren erlöst und von den Fesseln teuflischer Einflüsse befreit werden. Mögen die Spiegel der Herzen vom Staub gereinigt werden, damit die Sonne der Wahrheit sich in ihnen spiegelt. Der Mensch besitzt zwei Arten von Empfänglichkeit: die niederen Triebe, die wie Staub auf dem Spiegel sind, und geistige Empfänglichkeit, die in ihrem Wesen himmlisch und barmherzig ist. Es gibt eine Kraft, die den Spiegel vom Staub reinigt und seine Spiegelung intensiv glänzen und strahlen lässt, sodass geistige Empfänglichkeit die Herzen reinigen und himmlische Gaben sie heiligen kann. Welcher Staub trübt den Spiegel? Es ist die Bindung an die Welt, Habgier, Neid, Liebe zu Luxus und Komfort, Hochmut und Selbstsucht; das ist der Staub, der verhindert, dass der Spiegel die Strahlen der Sonne der Wahrheit reflektiert. Niedere Triebe sind tadelnswert, sie sind wie Rost, der dem Herzen die Gnadengaben Gottes raubt. Aber Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Demut, Loslösung und Liebe zu den Gläubigen Gottes werden den Spiegel reinigen und ihn durch die Lichtstrahlen der Sonne der Wahrheit erstrahlen lassen. Ich hoffe, dass ihr darüber nachdenkt, eure eigenen Unvollkommenheiten ergründet und nicht an die Unvollkommenheiten anderer denkt. Strebt mit aller Kraft danach, euch von euren Unvollkommenheiten zu befreien. Achtlose Seelen suchen immer bei anderen nach Fehlern. Was kann der Heuchler von den Fehlern anderer wissen, wenn er für seine eigenen blind ist? Das ist die Bedeutung der Worte in den Sieben Tälern. Sie sind ein Leitfaden für menschliches Verhalten. Solange ein Mensch seine eigenen Fehler nicht erkennt, kann er niemals vollkommen werden. Nichts ist für den Menschen nützlicher als das Wissen um die eigenen Unzulänglichkeiten. Die Gesegnete Schönheit sagt: »Ich wundere mich über den Menschen, der seine eigenen Unvollkommenheiten nicht wahrnimmt.«

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Dublin

5. bis 6. August 1912

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5. August 1912 Ansprache im Dublin Inn Dublin, New Hampshire Aufzeichnungen von Howard MacNutt Die Christenheit hat sich an die wörtliche Interpretation der Aussage im Evangelium geklammert, dass Christus vom Himmel gekommen ist. Ebenso hielten die Juden zur Zeit Seines Erscheinens daran fest, dass die Prophezeiungen sich äußerlich und für alle sichtbar erfüllen müssten. Sie sagten: »Der Messias wird vom Himmel kommen. Dieser Mann kommt aus Nazareth; wir kennen sein Haus, wir kennen seine Eltern und seine Nachbarn und Verwandten. Es ist nur ein Gerücht, dass er vom Himmel herabgekommen ist; man kann es nicht beweisen.« Der Text des Evangeliums sagt, dass Er vom Himmel kam, obwohl Er leiblich von Seiner Mutter geboren wurde. Das bedeutet, dass die göttliche Wirklichkeit Christi vom Himmel stammte, der Leib aber von Maria geboren wurde. Demnach entsprach Sein Kommen den Prophezeiungen der Heiligen Schrift und ebenso den Naturgesetzen – Sein Wesen war himmlisch, Sein Leib irdisch. Wie Er früher gekommen ist, so muss Er auch dieses Mal kommen. Aber manche erheben Einwände und sagen: »Wir brauchen einen buchstäblichen, mit unseren Sinnen nachprüfbaren Beweis.« Das innerste Wesen Christi war immer im Himmel und wird es immer sein. Das ist die Intention des biblischen Textes. Denn während Jesus Christus auf Erden weilte, sagte Er: »Der Menschensohn ist im Himmel.« An der buchstäblichen Auslegung und sichtbaren Erfüllung des biblischen Textes festzuhalten, ist also bloßes Nachahmen überlieferter Riten und Glaubensvorstellungen. Wenn wir jedoch das Wesen Christi betrachten, dann werden diese Texte und Aussagen klar und sind vollkommen miteinander vereinbar. Solange wir die Wahrheit nicht erkennen, können wir den Sinn der Heiligen Schriften nicht verstehen, denn deren Aussagen sind symbolisch und geistig – wie zum Beispiel die Auferweckung des Lazarus, die geistig zu verstehen ist. Zunächst müssen wir aber die Tatsache festhalten, dass Gottes Macht unbegrenzt und unendlich ist und dass diese Macht alles vollbringen kann. Dann müssen wir die Bedeutung der Worte Christi über die Toten verstehen. Ein Jünger kam zu Christus und bat um die Erlaubnis, seinen Vater begraben zu dürfen. Christus antwortete: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Christus bezeichnete also einige, die noch lebten, als tot – das bedeutet, die lebenden Toten, die geistig Toten, sollten seinen Vater begraben. Sie waren tot, weil sie nicht an Christus glaubten. Obwohl körperlich am Leben, waren sie geistig tot. Das ist die Bedeutung der Worte Christi: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Er meinte damit, dass diejenigen, die lediglich aus einem menschlichen Körper geboren waren, geistig tot waren, während jene, die durch den Odem des Heiligen Geistes belebt wurden, lebten und ewig leben würden. Diese Auslegungen stammen von Christus selbst. Denkt über sie nach, und die Bedeutung der Heiligen Bücher wird so klar wie die Sonne am Mittag. Die Heiligen Bücher verwenden spezielle Begriffe, die wir kennen und verstehen müssen. Ärzte haben ihre eigenen Begriffe, Architekten und Philosophen ihre charakteristischen Ausdrücke, Dichter ihre Redewendungen und Wissenschaftler ihre Fachausdrücke. In der Schrift lesen wir, dass Zion tanzt. Es ist klar, dass das nicht wörtlich zu verstehen ist. Es bedeutet, dass das Volk von Zion jubeln wird. Die Juden argumentieren, Christus sei nicht der Messias, sondern der Antichrist, da eines der Zeichen des Kommens des Messias das Tanzen des Berges Zion sei, und das sei noch nicht eingetroffen. Tatsächlich tanzte und jubelte nicht nur der Berg Zion, sondern ganz Palästina, als Christus kam. Ferner heißt es in der Schrift: »Die Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen.« Das ist symbolisch zu verstehen. In jeder Sprache gibt es Begriffe und Ausdrücke, die nicht wörtlich zu nehmen sind. Im Orient sagt man zum Beispiel: »Als mein Freund das Haus betrat, begannen die Türen und Mauern zu singen und zu tanzen.« In Persien sagt man: »Geh zum Kopf«, was bedeutet, dass man bei der Beschäftigung mit einer Sache deren spezifische Begriffe und Gepflogenheiten anwenden soll. All das hat andere, zunächst verborgene Bedeutungen. Du hast nach einer Bestätigung der Heilverfahren der Christlichen Wissenschaft gefragt. Der Geist hat Einfluss; Gebet hat eine geistige Wirkung. Daher beten wir: »O Gott! Heile diesen Kranken!« Möglicherweise erhört Gott dieses Gebet. Ist es wichtig, wer betet? Gott wird das Gebet eines jeden Dieners erhören, wenn es inständig ist. Seine Barmherzigkeit ist umfassend und unbegrenzt. Er erhört die Gebete all Seiner Diener. Er erhört das Gebet dieser Pflanze. Die Pflanze würde vielleicht beten: »O Gott! Schick mir Regen!« Gott erhört das Gebet, und die Pflanze wächst. Gott wird jedem eine Antwort geben. Unter bestimmten Umständen erhört Er Gebete. Bevor wir in diese Welt geboren wurden, haben wir da nicht gebetet: »O Gott! Gib mir eine Mutter; gib mir zwei Quellen heller Milch; reinige die Luft für meine Atmung; gewähre mir Ruhe und Bequemlichkeit; sorge für Nahrung für meinen Lebensunterhalt!« Haben wir nicht vielleicht schon vor unserer Erschaffung um diese notwendigen Segnungen gebetet? Als wir auf diese Welt kamen, fanden wir da nicht unsere Gebete erhört? Haben wir nicht Mutter, Vater, Nahrung, Licht, Zuhause und alles darüber hinaus Nötige und jeden anderen Segen gefunden, obwohl wir eigentlich nicht darum gebeten haben? Deshalb ist es selbstverständlich, dass Gott uns gibt, wenn wir Ihn darum bitten. Seine Barmherzigkeit ist allumfassend. Aber bitten wir um Dinge, die die göttliche Weisheit nicht für uns wünscht, dann wird unser Gebet nicht erhört. Seine Weisheit billigt nicht, was wir wünschen. Wir beten: »O Gott! Mach mich reich!« Wenn dieses Gebet allgemein erhört würde, würden die menschlichen Angelegenheiten zum Stillstand kommen. Auf den Straßen würde niemand mehr arbeiten, niemand würde das Feld bestellen, nichts würde gebaut werden und kein Zug würde mehr rollen. Deshalb ist klar: Es wäre nicht gut für uns, wenn alle Gebete erhört würden. Die Angelegenheiten der Welt würden beeinträchtigt, Energien gelähmt und Fortschritt behindert werden. Was immer wir jedoch im Einklang mit der göttlichen Weisheit erbitten, wird Gott erhören. Ganz gewiss! So mag beispielsweise ein sehr schwacher Patient den Arzt um Nahrung bitten, die sein Leben und seinen Zustand tatsächlich gefährden würde. Er könnte vielleicht um gebratenes Fleisch bitten. Der Arzt ist freundlich und weise. Er weiß, dass das für seinen Patienten gefährlich wäre, darum weigert er sich, es ihm zu erlauben. Der Arzt ist barmherzig, der Kranke unwissend. Durch die Güte des Arztes erholt sich der Patient; sein Leben ist gerettet. Trotzdem jammert der Kranke womöglich, dass der Arzt unfreundlich ist und ihn schlecht behandelt, weil er es ablehnt, seine Bitte zu erfüllen. Gott ist barmherzig. In Seiner Barmherzigkeit erhört Er die Gebete all Seiner Diener, wenn es entsprechend Seiner höchsten Weisheit notwendig ist.

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6. August 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons Dublin, New Hampshire Aufzeichnungen von Howard MacNutt Heute haben wir gemäßigtes Wetter. Da viele Fremde anwesend sind, werden wir Fragen beantworten. Frage: Sind nicht alle Christen auch Bahá'í? Gibt es einen Unterschied? Antwort:

Wenn Christen nach den Lehren Christi leben und handeln, können sie als Bahá'í gelten.

Denn die Grundlage des Christentums und der Religion Bahá'u'lláhs ist ein und dieselbe.

Die Grundlage aller göttlichen Propheten und Heiligen Bücher ist ein und dieselbe.

Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur in den Begrifflichkeiten.

Jeder Frühling ist mit dem vorhergehenden identisch.

Der Unterschied zwischen ihnen ist nur kalendarisch – 1911, 1912 und so weiter.

Der Unterschied zwischen einem Christen und einem Bahá'í ist daher folgender:

Es gab einen früheren Frühling, und jetzt gibt es einen Frühling.

Es gibt keinen anderen Unterschied, da die Grundlagen dieselben sind.

Wer vollständig nach den Lehren Christi lebt, ist ein Bahá'í.

Das ist die wahre Bedeutung des Christseins, nicht das bloße Wort.

Es geht um die Sonne selbst und nicht darum, wo sie aufgeht.

Denn obwohl die Sonne nur eine ist, gibt es viele Aufgangsorte.

Wir dürfen nicht die Aufgangsorte verehren, vielmehr müssen wir die Sonne anbeten.

Wir müssen das Wesen der Religion lieben und uns nicht blind an die Bezeichnung ›Christentum‹ klammern.

Der Sonne der Wahrheit müssen wir huldigen und folgen.

Wir müssen den Duft der Rose suchen, egal an welchem Strauch sie blüht – östlich oder westlich.

Sucht das Licht, ganz gleich, aus welcher Lampe es leuchtet.

Seid keine Anhänger der Lampe.

Das Licht leuchtete zuvor in einer Lampe im Osten, jetzt im Westen.

Ob es aus dem Norden oder Süden kommt, aus welcher Richtung auch immer, folgt dem Licht.

Ich möchte das näher erläutern.

Jemand gab fünf Bettlern eine Münze.

Sie beschlossen, dafür Essen zu kaufen.

Der Engländer sagte:

»Buy grapes«.

Der Türke wollte »Uzum«, der Araber »'Anab«, der Grieche »Stafi'li«, der Perser »Angúr«.

Da sie die Sprachen der anderen nicht verstanden, zankten und stritten sie.

Da kam ein Fremder daher.

Er war mit allen fünf Sprachen vertraut.

Er sagte:

»Gebt mir die Münze, ich werde kaufen, was ihr wollt.« Als er ihnen Trauben brachte, waren sie alle zufrieden.

Sie wollten dasselbe, aber sie bezeichneten es unterschiedlich.

Kurz, wenn das Licht der Wahrheit inmitten der Religionen aufleuchtet, werden alle vereint und versöhnt sein. Frage: Findet 'Abdu'l-Bahá, dass man in Amerika dem Christentum nicht gerecht wird und es nicht ausgeübt wird? Antwort: Meiner Ansicht nach sollte es vollständig umgesetzt und das Leben danach ausgerichtet werden. Der Mensch benötigt Augen, Ohren, Arme, Kopf, Füße und verschiedene andere Körperteile. Wenn er alle hat und alle zusammenarbeiten, besitzt er Ebenmaß und Vollkommenheit. So sagte Christus: »Seid also vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!«, was bedeutet, dass eine Forderung des Christentums ist, vollkommen zu sein. Seid das Ebenbild Gottes. Das ist nicht einfach. Es erfordert die Fokussierung auf alle himmlischen Tugenden. Es erfordert, dass wir zu Empfängern aller Vollkommenheiten Gottes werden. Dann werden wir Sein Ebenbild werden. In der Bibel heißt es ja: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Das zu erreichen ist äußerst schwierig. Als Christus mit diesem wunderbaren Odem des Heiligen Geistes erschien, sagten die Kinder Israels: »Wir sind ganz unabhängig von ihm, wir können ohne ihn auskommen und Moses folgen. Wir haben ein Buch und darin stehen die Lehren Gottes. Wozu also brauchen wir diesen Mann?« Christus sagte zu ihnen: »Das Buch genügt euch nicht.« Es ist möglich, dass ein Mensch sich an ein medizinisches Buch hält und sagt: »Ich brauche keinen Arzt. Ich werde nach diesem Buch vorgehen. Darin wird jede Krankheit benannt und alle Symptome werden erklärt. Die Diagnose jeder Krankheit wird vollständig beschrieben und für jedes Übel ist ein Rezept vorhanden. Wozu brauche ich da einen Arzt?« Das ist reine Unwissenheit. Rezepte müssen von einem Arzt verschrieben werden. Durch sein Können werden die Prinzipien des Buches korrekt und effektiv angewendet, bis der Patient wieder gesund ist. Christus war ein himmlischer Arzt. Er brachte der Welt geistige Gesundheit und Heilung. Bahá'u'lláh ist ebenfalls ein göttlicher Arzt. Er offenbarte Vorschriften zur Gesundung des Staatswesens und behandelte die Lebensbedingungen der Menschen durch geistige Kraft. Daher reicht bloßes Wissen nicht aus, wenn Menschen etwas zur Vollendung bringen wollen. Die Lehren der Heiligen Schriften bedürfen einer himmlischen Macht und göttlicher Kraft, um sie auszuführen. Ein Haus lässt sich nicht bauen, wenn man sich lediglich mit den Plänen vertraut gemacht hat. Es muss Geld zur Verfügung stehen, Entschlossenheit ist notwendig, um es zu bauen, und man benötigt einen Zimmermann für die Errichtung. Es reicht nicht aus, zu sagen: »Plan und der Zweck dieses Hauses sind sehr gut, ich werde darin leben.« Diese bloße Aussage sorgt nicht für Schutz, weder durch Mauern noch durch ein Dach. Das Haus muss tatsächlich gebaut werden, bevor wir darin leben können. Kurz gesagt, die Lehren der Heiligen Bücher brauchen eine göttliche Kraft, um im menschlichen Herzen zur Vollendung zu gelangen. In Persien erzog Bahá'u'lláh Seelen und lehrte sie, knüpfte enge Bande unter den verschiedenen Völkern Persiens und einte voneinander abweichende religiöse Überzeugungen in solch einem Ausmaß, dass zwanzigtausend ergebene Gläubige in ruhmreicher Einheit ihr Leben für die Sache Gottes opferten. Keinerlei Unterschiede blieben zwischen diesen gesegneten Seelen – Christen, Juden, Muslime, Zoroastrier, alle Seite an Seite, vereint und mit gleicher Überzeugung durch die Kraft Seiner himmlischen Macht, nicht durch bloße Worte, nicht durch das Lippenbekenntnis: »Einheit ist gut und Liebe ist lobenswert.« Bahá'u'lláh hat diese Einheit und Liebe nicht nur verkündet, Er hat sie geschaffen. Als himmlischer Arzt hat Er nicht nur Mittel verschrieben gegen diese Leiden der Zwietracht und des Hasses, sondern für eine wirkliche Heilung gesorgt. Wir können in einem Medizinbuch lesen, dass eine bestimmte Krankheit dieses oder jenes Heilmittel erfordert. Diese Beschreibung mag zwar völlig richtig sein, aber das Heilmittel ist so lange nutzlos, bis der Wille und die Kraft da sind, es anzuwenden. Jeder Mann in der Armee des Königs kann einen Befehl geben; aber wenn der König selbst spricht, wird der Befehl auch ausgeführt. Dieser oder jener kann sagen: »Geh und erobere ein Land.« Aber wenn der König sagt: »Geht!«, dann rückt die Armee vor. Daher ist es offensichtlich, dass die Unterstützung durch den Heiligen Geist und der anspornende Einfluss einer himmlischen Macht nötig sind, um das göttliche Ziel in den Herzen und Lebensumständen der Menschen zu erreichen. Jesus Christus, allein und nur auf sich gestellt, gelang, was alle Könige der Erde nicht hätten erreichen können. Auch wenn alle Reiche und Nationen der Welt sich dafür zusammengeschlossen hätten, wären sie doch gescheitert. Das zeigt deutlich, dass man sich anstrengen muss, um Absicht und Plan der Lehren Gottes vollkommen auszuführen, damit an diesem großen Tag die Welt reformiert und ein neuer Lebensgeist gefunden wird, Seelen erweckt und Herzen erleuchtet werden, die Menschheit von den Fesseln der Natur befreit und aus den Niederungen des Materialismus errettet wird und durch die Anziehungskraft des göttlichen Reiches Geistigkeit und Ausstrahlung erlangt. Das ist notwendig, das brauchen wir. Das bloße Lesen der Heiligen Bücher und Texte wird nicht ausreichen. Vor vielen Jahren sah ich in Baghdád einen Offizier am Boden sitzen.

Vor ihm lag ein großer Bogen Papier, in den er Nadeln mit roten und weißen Fähnchen steckte.

Zuerst steckte er sie ins Papier, zog sie dann nachdenklich heraus und änderte ihre Position.

Ich habe ihn lange mit neugierigem Interesse beobachtet und dann gefragt:

»Was machst du da?« Er antwortete:

»Ich denke an etwas, was über Napoleon I. während seines Krieges gegen Österreich erzählt wird.

Eines Tages, so heißt es, fand ihn sein Sekretär auf dem Boden sitzend, wie ich es jetzt tue, und Nadeln in ein vor ihm liegendes Papier stecken.

Sein Sekretär fragte ihn, was er da mache.

Napoleon antwortete: ›Ich bin auf dem Schlachtfeld und plane meinen nächsten Sieg.

Du siehst, Italien und Österreich sind besiegt und Frankreich triumphiert.‹ In dem darauffolgenden großen Feldzug kam alles so, wie er es gesagt hatte.

Seine Armee verhalf seinen Plänen zu einem vollständigen Erfolg.

Jetzt mache ich dasselbe wie Napoleon und plane einen großen militärischen Eroberungsfeldzug.« Ich sagte:

»Wo ist deine Armee?

Napoleon hatte bereits eine Armee ausgerüstet, als er seinen Sieg plante.

Du hast aber keine Armee.

Deine Streitkräfte existieren nur auf dem Papier.

Du hast nicht die Macht, Länder zu erobern.

Stelle zuerst deine Armee auf, dann setze dich mit deinen Nadeln auf den Boden.« Wir brauchen eine Armee, um den Sieg in der geistigen Welt zu erringen.

Pläne allein genügen nicht.

Ideen und Prinzipien sind wirkungslos ohne die göttliche Kraft, sie in die Tat umzusetzen. Abgesehen davon ist der Ansporn durch Freude über die frohen Botschaften in den Menschenherzen erforderlich. Eine besondere geistige Anziehungskraft ist nötig, damit Herzen bereitwillig in der göttlichen Sache voranschreiten. Wir müssen von Gott angezogen sein. Der Odem des Heiligen Geistes muss wirksam sein. Wenn das nicht der Fall ist, können die Lehren Gottes in uns nichts bewirken. Es braucht eine auf Idealen beruhende Kraft. Die Menschen in Amerika haben eine bemerkenswert schnelle Auffassungsgabe. Ihre Gedanken sind frei und nicht durch das Joch einer tyrannischen Regierung gefesselt. Sie sollten die Wahrheit erforschen und sich nicht mit Überlieferungen und Nachahmungen beschäftigen. Denkt an das, was Christus vollbrachte. Er bewirkte, dass die Seelen eine Stufe erreichten, auf der sie voll Bereitschaft und Freude ihr Leben hingaben. Was für eine Kraft! Tausende empfanden aufgrund ihrer geistigen Empfänglichkeit größte Freude und waren so zu Gott hingezogen, dass sie auf Seinem Pfad ihrem eigenen Wunsch und Willen völlig entsagten. Wäre ihnen bloß gesagt worden, dass Opfer auf dem Pfade Gottes gut und lobenswert seien, wäre dies niemals geschehen. Sie hätten nicht gehandelt. Christus zog sie an, übernahm die Zügel der Führung, und sie machten sich verzückt auf den Weg, sich selbst zu opfern. Qurratu'l-'Ayn war eine persische Frau ohne Ruhm und Bedeutung – unbekannt wie alle anderen persischen Frauen.

Als sie Bahá'u'lláh sah, änderte sich ihr Wesen völlig, für alle sichtbar, und sie blickte in eine andere Welt.

Durch himmlische Anziehungskraft wurden ihr die Zügel des Willens aus den Händen genommen.

Sie war so überwältigt, dass körperliche Empfindlichkeiten verschwanden.

Ihr Mann, ihre Söhne und ihre Familie erhoben sich in äußerster Feindschaft gegen Bahá'u'lláh.

Doch sie wurde von der göttlichen Schwelle so angezogen, dass sie alles aufgab, in die Ebene von Badasht ging und völlig furchtlos, kühn und offen die Botschaft des Lichtes verkündete, die sie empfangen hatte.

Die persische Regierung stellte sich gegen sie.

Man unternahm alles, um sie zum Schweigen zu bringen, man sperrte sie zeitweise sogar im Haus des Gouverneurs ein, aber sie hielt weiterhin Ansprachen.

Dann wurde sie verhaftet und umgebracht.

Bis zu ihrem letzten Atemzug sprach sie mit feuriger Beredsamkeit und wurde berühmt für ihre völlige Hingabe auf dem Pfad Gottes.

Hätte sie Bahá'u'lláh nicht gesehen, wäre keine solche Wirkung hervorgerufen worden.

Ihr ganzes Leben hatte sie die Lehren der heiligen Schriften gelesen und gehört, aber es fehlten die Taten und der Funke der Begeisterung.

Alle Frauen in Persien sind in der Öffentlichkeit verschleiert.

Sie sind so vollständig bedeckt, dass man nicht einmal die Hände sieht.

Diese strikte Verschleierung ist entsetzlich.

Qurratu'l-'Ayn riss ihren Schleier herunter und trat furchtlos in der Öffentlichkeit auf.

Sie war wie eine Löwin.

Ihre Tat sorgte für eine große Unruhe in ganz Persien.

Die Verschleierungspflicht im Osten ist so übertrieben und zwingend, dass die Menschen im Westen sich nicht vorstellen können, welche Aufregung und Empörung der Anblick einer unverschleierten Frau in der Öffentlichkeit hervorruft.

Qurratu'l-'Ayn gab jeden Gedanken an sich selbst auf und kannte keine Angst in ihrer Hingabe zu Gott. Frage: Sind die Bahá'í-Frauen im Osten unverschleiert? Antwort: Das ist noch nicht überall möglich, aber die Bedingungen sind nicht annähernd so restriktiv wie früher. Die Bahá'í-Männer und -Frauen haben gemeinsame Treffen. Das ist der Anfang der Emanzipation der Frauen aus jahrhundertelanger Unterdrückung. Qurratu'l-'Ayn war fürwahr die Befreierin aller persischen Frauen.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Green Acre

16. bis 17. August 1912

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16. August 1912 Ansprache in Green Acre Eliot, Maine Aufzeichnungen von Edna McKinney Was immer vor einem aufmerksamen Zuhörerkreis präsentiert wird, muss von Vernunftbeweisen und logischen Argumenten gestützt sein. Es gibt vier Arten der Beweisführung: erstens durch Sinneswahrnehmung, zweitens durch das Denkvermögen, drittens durch die Autorität der Überlieferung und der Schriften, viertens durch Eingebung. Das heißt, für die Urteilsbildung gibt es vier Kriterien oder Maßstäbe, anhand derer der menschliche Geist seine Schlüsse zieht. Lassen Sie uns zunächst das Kriterium der Sinneswahrnehmung betrachten. Das ist ein Maßstab, an den sich die materialistischen Philosophen dieser Welt immer noch halten. Sie glauben, dass alles, was durch die Sinne erfahrbar ist, wahr ist und unbestreitbar existiert. So sagen sie zum Beispiel: »Diese Lampe ist sichtbar, und weil sie für den Sehsinn wahrnehmbar ist, kann man ihre Existenz nicht bezweifeln. Dort steht ein Baum; der Sehsinn beweist, dass er zweifellos real ist. Hier ist ein Mensch. Man sieht, dass es ein Mensch ist. Also existiert er.« Kurz, von allem, was die Sinne bestätigen, wird angenommen, dass es unzweifelhaft und fraglos existiert, so wie die Multiplikation von fünf mit fünf nicht sechsundzwanzig und auch nicht weniger als fünfundzwanzig ergeben kann. Folgerichtig steht für die materialistischen Philosophen das Kriterium der Sinne an erster Stelle. Aber in der Einschätzung der göttlichen Philosophen sind dieser Beweis und diese Bestätigung nicht verlässlich; nein, vielmehr erachten sie den Maßstab der Sinne als falsch, weil er unvollkommen ist. So ist etwa der Sehsinn, einer der wichtigsten Sinne, anfällig für viele Irrtümer und Ungenauigkeiten. Das Auge sieht die Fata Morgana wie eine Wasseroberfläche und hält Spiegelbilder für real, obwohl sie nur Spiegelungen sind. Für jemanden, der auf einem Fluss segelt, scheinen sich die Gegenstände am Ufer zu bewegen, obwohl er selbst in Bewegung ist und sie unbeweglich sind. Für das Auge scheint die Erde stillzustehen, während die Sonne und die Sterne sie umkreisen. Tatsächlich sind die Himmelskörper stationär, während die Erde um die Sonne kreist. Die riesigen Sonnen, Planeten und Sternbilder, die am Himmel leuchten, erscheinen dem menschlichen Auge als klein, sogar als winzig, während sie in ihren Abmessungen und ihrem Volumen tatsächlich weit größer als die Erde sind. Ein wirbelnder Funke erscheint dem Auge als ein Feuerring. Es gibt zahllose Beispiele dieser Art, die die Irrtümer und die Ungenauigkeit der Sinne zeigen. Darum erachteten die göttlichen Philosophen diesen Maßstab als unzulänglich und unzuverlässig. Das zweite Kriterium ist das des Intellekts. Die alten Philosophen erachteten insbesondere den Intellekt als wichtigstes Werkzeug für eine Beurteilung. Unter den Weisen Griechenlands, Roms, Persiens und Ägyptens galt die Vernunft als Kriterium eines wahren Beweises. Sie meinten, dass jeder Sachverhalt, der dem Verstand unterbreitet werde, eindeutig als wahr oder falsch erkannt werden könnte und entsprechend angenommen oder abgelehnt werden müsste. Doch auch dieses Kriterium wird von den Einsichtigen als unzureichend und unzuverlässig angesehen, da selbst diese Philosophen, die den Intellekt für den Maßstab menschlicher Urteilsfähigkeit hielten, bei jedem untersuchten Thema weit voneinander abwichen. Die Aussagen der griechischen Philosophen widersprechen den Schlussfolgerungen der persischen Weisen. Selbst unter den griechischen Philosophen herrscht keine Einigkeit und es gibt zu jedem Thema fortwährend Meinungsverschiedenheiten. Ein großer Unterschied im Denken bestand auch zwischen den Weisen Griechenlands und Roms. Wenn also die Vernunft oder der Verstand ein korrekter und unfehlbarer Maßstab wäre, müssten diejenigen, die ihn ausprobierten und anwandten, zu gleichen Ergebnissen kommen. Da sie in den Schlussfolgerungen voneinander abweichen und einander widersprechen, ist offensichtlich, dass Prüfungsmethode und Prüfungsmaßstab fehlerhaft und unzureichend sein müssen. Das dritte Kriterium, also der dritte Maßstab für die Beweisführung sind die Überlieferungen oder die Schriften – das heißt, jede Aussage oder Schlussfolgerung sollte sich auf Überlieferungen stützen, die in bestimmten religiösen Büchern aufgezeichnet sind. Doch selbst wenn wir die Heiligen Schriften – die Bücher Gottes – anschauen, müssen wir uns fragen: »Wer versteht diese Bücher? Mit welcher Autorität können diese Bücher gedeutet werden?« Es muss die Autorität des menschlichen Verstandes sein, und wenn der Verstand beziehungsweise der Intellekt sich außerstande sieht, gewisse Fragen zu erklären, oder wenn kluge Köpfe einander in der Auslegung der Überlieferungen widersprechen, wie können wir uns dann auf ein solches Kriterium für genaue Schlussfolgerungen verlassen? Das vierte Kriterium ist die Eingebung. In den vergangenen Jahrhunderten haben viele Philosophen Erleuchtung oder Offenbarung beansprucht und stellten ihren Aussagen die Ankündigung voran: »dieses Thema wurde durch mich offenbart« oder »so spreche ich durch Inspiration«. Zu dieser Gruppe gehörten die Philosophen der Illuminaten. Inspirationen sind die Eingebungen oder Empfindungen des menschlichen Herzens. Die Eingebungen des Herzens sind manchmal satanisch. Wie können wir sie unterscheiden? Wie können wir wissen, ob eine Aussage eine Inspiration oder Herzensregung ist, die durch gnädige Führung oder durch bösartige Einflüsse geschieht? Folglich wird klar, dass die vier Kriterien oder Maßstäbe der Beurteilung, anhand derer der menschliche Geist seine Schlüsse zieht, mangelhaft und ungenau sind. Alle können zu falschen und irrigen Schlussfolgerungen führen. Wird uns aber eine Erklärung vorgelegt, die von Beweisen gestützt wird, die die Sinne als richtig wahrnehmen können und denen der Verstand zustimmen kann, die mit der überlieferten Autorität übereinstimmt und von der Eingebung des Herzens bestätigt wird, so kann sie als völlig richtig eingeschätzt werden, und wir können uns auf sie verlassen, weil sie nach allen Maßstäben der Urteilsfindung geprüft wurde und sich als vollständig erwiesen hat. Wenn wir uns nur auf eine einzige Prüfung verlassen, gibt es Fehlerquellen. Dies ist einleuchtend und offensichtlich. Lasst uns jetzt das Thema ›Liebe‹ betrachten, das hier vorgeschlagen wurde, und es den vier Beurteilungsmaßstäben unterziehen und so zu unseren Schlussfolgerungen gelangen. Wir stellen fest, dass die Liebe die Ursache für die Existenz aller Erscheinungen ist und dass das Fehlen von Liebe Auflösung und Nichtsein bewirkt.

Liebe ist Gottes gezielte Gabe, das verbindende Band in allen Erscheinungen.

Betrachten wir zunächst, wie sich dies durch Sinneswahrnehmung beweisen lässt.

Wenn wir auf das Universum blicken, erkennen wir, dass alle zusammengesetzten Wesen oder existierenden Erscheinungen in erster Linie aus Einzelelementen bestehen, die durch eine Anziehungskraft zusammengehalten werden.

Diese Anziehungskraft bewirkt den Zusammenhalt zwischen den Atomen dieser Teilelemente.

Das resultierende Wesen ist eine Erscheinungsform des niederen, bedingten Typs.

Die im Mineralreich zum Ausdruck kommende Bindungskraft ist in Wirklichkeit Liebe oder gegenseitige Anziehung, die sich auf einer niedrigen Ebene gemäß den Gegebenheiten des Mineralreiches zeigt.

Wir gehen einen Schritt weiter ins Pflanzenreich, wo wir unter den Bestandteilen der jeweiligen Erscheinungen eine stärkere Anziehungskraft feststellen.

Durch diese Anziehungskraft wird den Bestandteilen des Pflanzenkörpers auf der Zellebene etwas hinzugefügt.

Es gibt also auf der Stufe des Pflanzenreiches Liebe.

Im Tierreich finden wir die Anziehungskraft zwischen den Einzelelementen ähnlich wie im Mineralreich, dazu das Wachstum wie im Pflanzenreich sowie Phänomene wie Gefühle oder Empfindungsvermögen.

Wir beobachten, dass die Tiere zu einer bestimmten Gruppenbildung und Gemeinschaft neigen und dass sie einer natürlichen Auslese unterliegen.

Diese Anziehung der Elemente, dieses Wachstum und die spezifische Gruppenbildung sind Ausdruck der Liebe auf der Stufe des Tierreiches. Schließlich kommen wir zum Reich des Menschen. Da dies das höchste Reich ist, leuchtet hier das Licht der Liebe stärker. Im Menschen finden wir die Anziehungskraft unter den Bestandteilen seines Körpers, ferner die Anziehung, die auf Zellebene etwas hinzufügt, also das Wachstum, dazu die Anziehung, die das Empfindungsvermögen des Tierreiches kennzeichnet. Aber jenseits all dieser niederen Kräfte und über sie hinaus entdecken wir im menschlichen Wesen die Anziehungskraft des Herzens, die Empfindsamkeit und Zuneigung, die Menschen aneinander bindet und sie befähigt, in Freundschaft und Verbundenheit zusammenzuleben und eine Gemeinschaft zu bilden. Es ist also offensichtlich, dass der höchste König und Herrscher in der Menschenwelt die Liebe ist. Würde die Liebe ausgelöscht, die Anziehungskraft aufgelöst, die Zuneigung der Menschenherzen zerstört, dann würde das Phänomen menschlichen Lebens verschwinden. Dies ist ein Beweis, den die Sinne wahrnehmen können, den die Vernunft annehmen kann, der übereinstimmt mit den Traditionen und Lehren der Heiligen Bücher und durch die Eingebungen der menschlichen Herzen selbst bestätigt ist. Es ist ein Beweis, auf den wir uns absolut verlassen und den wir als vollständig erklären können. Aber dies sind nur Ausprägungen der Liebe, die in der natürlichen oder physischen Welt existieren. Ihr Ausdruck entspricht immer den Anforderungen natürlicher Gegebenheiten und Vorgaben. Wirkliche Liebe ist die Liebe, die zwischen Gott und Seinen Dienern besteht, die Liebe, die die heiligen Seelen verbindet.

Dies ist die Liebe der geistigen Welt, nicht die Liebe der physischen Körper und Organismen.

Betrachten wir, wie die Gnadengaben Gottes nach und nach auf die Menschen herabkommen, wie der göttliche Strahlenglanz ewig über der Menschenwelt scheint.

Es kann keinen Zweifel geben, dass diese Gaben, diese Güte, dieser Strahlenglanz von der Liebe ausgehen.

Wenn nicht Liebe der göttliche Beweggrund wäre, wäre es dem Menschenherzen unmöglich, die göttlichen Gnadengaben zu erlangen und zu empfangen.

Wenn die Liebe nicht wäre, könnte der göttliche Segen auf nichts und niemanden, was es auch sei, herniederkommen.

Wenn es keine Liebe gäbe, könnte das, was den göttlichen Strahlenglanz aufnimmt, nicht strahlen und diesen Strahlenglanz auch nicht anderen vermitteln.

Wenn wir aufmerksam sind, bemerken wir, dass die Gaben Gottes sich fortwährend zeigen, so wie die Strahlen der Sonne unaufhörlich dem Zentralgestirn entströmen.

Der Strahlenglanz der Sonne macht die Erscheinungswelt leuchtend und hell.

So wird auch das Reich des Herzens und Geistes durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit und die Segnungen der Liebe Gottes erleuchtet und belebt.

Dadurch wird die Welt des Seins, das Reich des Herzens und Geistes, dauerhaft zum Leben erweckt.

Ohne die Liebe Gottes wäre das Herz leblos, der Geist würde verkümmern und die Wirklichkeit des Menschen wäre der ewigen Gaben beraubt. Schaut, in welchem Ausmaß sich die Liebe Gottes offenbart. Zu den Zeichen Seiner Liebe, die in der Welt erscheinen, gehören die Aufgangsorte Seiner Manifestationen. Welch unendliches Maß an Liebe wird der Menschheit durch die göttlichen Manifestationen zuteil! Um der Führung der Menschen willen, um die Herzen der Menschen wiederzubeleben, haben Sie bereitwillig Ihr Leben hingegeben. Sie haben das Kreuz auf Sich genommen. Um den Menschen den größtmöglichen Fortschritt zu ermöglichen, haben Sie in Ihrer begrenzten Lebenszeit unvorstellbare Prüfungen und Schwierigkeiten erduldet. Wenn Jesus Christus keine Liebe zur Menschheit besessen hätte, hätte Er das Kreuz gewiss nicht angenommen. Er ließ Sich aus Liebe zur Menschheit kreuzigen. Seht das unendliche Maß dieser Liebe. Ohne Liebe zur Menschheit hätte Johannes der Täufer sein Leben nicht hingegeben. Und so war es bei allen Propheten und Heiligen Seelen. Hätte der Báb keine Liebe zur Menschheit empfunden, so hätte Er gewiss Seine Brust nicht den tausend Kugeln dargeboten. Wenn Bahá'u'lláh nicht von der Liebe zur Menschheit entflammt gewesen wäre, hätte Er nicht bereitwillig eine vierzigjährige Gefangenschaft auf Sich genommen. Schaut, wie selten die Menschen ihr Vergnügen und ihren Komfort für andere opfern, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Mensch zugunsten eines anderen ein Auge oder ein Körperteil hingibt. Und doch haben alle göttlichen Manifestationen gelitten, Ihr Leben und Blut hingegeben, Ihre ganze Existenz, Ihr Wohlergehen und all Ihren Besitz um der Menschheit willen geopfert. Deshalb sollten wir uns vor Augen halten, welch große Liebe Sie hegen. Ohne Ihre Liebe zur Menschheit wäre geistige Liebe nur eine Worthülse. Ohne Ihre Erleuchtung könnten Menschenseelen nicht strahlen. Wie viel Ihre Liebe bewirkt! Dies ist ein Zeichen der Liebe Gottes, ein Strahl der Sonne der Wahrheit. Darum müssen wir Gott preisen, denn das Licht Seiner Großmut schien auf uns durch Seine ewig währende Liebe. Seine göttlichen Manifestationen haben Ihr Leben aus Liebe zu uns hingegeben. Sodann denkt über die Bedeutung der Liebe Gottes nach. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, bliebe jeder Geist leblos. Damit ist nicht der körperliche Tod gemeint; nein, es ist vielmehr dieser Zustand, über den Christus sagte: »Lass die Toten ihre Toten begraben«, denn »Was aus dem Fleisch geboren wird, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren wird, ist Geist.« Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die Herzen nicht erleuchtet. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, stünde der Weg zu Seinem Reich nicht offen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die Heiligen Bücher nicht offenbart worden. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die göttlichen Propheten nicht in die Welt gesandt worden. Die Grundlage all dieser Gaben ist die Liebe Gottes. Deshalb gibt es in der Menschenwelt keine größere Macht als die Liebe Gottes. Es ist die Liebe Gottes, die uns heute Abend hier zusammengeführt hat. Es ist die Liebe Gottes, die den Osten und den Westen zusammenbringt. Es ist die Liebe Gottes, die die Welt auferweckt hat. Jetzt müssen wir Gott dafür danken, dass uns eine so große Gabe, ein solches Strahlen offenbart worden ist. Wir kommen jetzt zu einem anderen Aspekt unseres Themas:

Sind die Taten und die Wirkungen der Liebe auf diese Welt begrenzt, oder erstrecken sie sich auch auf eine andere Form der Existenz?

Wirkt ihr Einfluss nur hier auf unser Dasein, oder erstreckt er sich auf das ewige Leben?

Wenn wir auf das Menschenreich schauen, stellen wir leicht fest, dass es allen anderen Reichen übergeordnet ist.

Bei der Einteilung des Lebens in der Welt des Daseins gibt es vier Stufen oder Reiche, das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich.

Das Mineralreich besitzt eine bestimmte Eigenschaft, die wir Anziehung nennen.

Das Pflanzenreich besitzt die Eigenschaft der Anziehung und dazu die Kräfte von Wachstum und Vermehrung.

Das Tierreich besitzt die Eigenschaften des Mineralreiches und des Pflanzenreiches und zusätzlich die Kraft der Sinne.

Aber obwohl das Tier über Empfindungen verfügt, fehlt ihm jegliches Bewusstsein, es hat keine Berührung mit der Welt von Bewusstsein und Geist.

Das Tier besitzt keine Kräfte, mit denen es Entdeckungen machen kann, die über das Reich der Sinne hinausgehen.

Es kann nichts Intellektuelles hervorbringen.

Ein Tier, das in Europa lebt, kann z.B. nicht den amerikanischen Kontinent entdecken.

Es versteht nur Erscheinungen, die in den Bereich seiner Sinne und seines Instinkts gelangen.

Es kann nichts abstrakt durchdenken.

Das Tier kann sich nicht vorstellen, dass die Erde kugelförmig ist oder sich um ihre Achse dreht.

Es kann nicht begreifen, dass die kleinen Sterne am Himmel gewaltige Welten sind, weit größer als die Erde.

Das Tier kann nicht abstrakt den Intellekt erfassen.

Diese Fähigkeiten besitzt es nicht.

Diese Kräfte sind also typisch für den Menschen, und es ist offensichtlich, dass es im Menschenreich eine Wirklichkeit gibt, die dem Tier fehlt.

Was ist diese Wirklichkeit?

Es ist der Geist des Menschen.

Durch ihn ragt der Mensch über alle anderen Erscheinungswelten heraus.

Obwohl er bereits alle Vorzüge der niederen Reiche besitzt, ist er zudem mit der Fähigkeit des Geistes, der himmlischen Gabe des Bewusstseins begabt. Alle materiellen Erscheinungen sind der Natur unterworfen.

Alle materiellen Organismen sind Gefangene der Natur.

Nichts davon kann im Geringsten von den Naturgesetzen abweichen.

Diese Erde, diese hohen Berge, die Tiere mit ihren wunderbaren Kräften und Instinkten können die natürlichen Begrenzungen nicht überschreiten.

Alle sind Gefangene der Natur – außer dem Menschen.

Der Mensch ist der Gebieter der Natur.

Er setzt sich über die Gesetze der Natur hinweg.

Obwohl er von Natur aus dazu ausgerüstet ist, auf der Erdoberfläche zu wohnen, fliegt er in die Luft wie ein Vogel, segelt über das Meer und taucht in Unterseebooten tief in seine Wellen hinab.

Der Mensch ist mit einer Kraft begabt, durch die er in die Naturgesetze eindringt, sie entdeckt und aus der Verborgenheit auf die Ebene der Sichtbarkeit bringt.

Die Elektrizität war einmal eine verborgene Naturkraft.

Gemäß den Naturgesetzen hätte sie ein verborgenes Geheimnis bleiben sollen, aber der Geist des Menschen hat sie entdeckt, aus der Verborgenheit geholt und ihre Erscheinungen sichtbar gemacht.

Es ist offensichtlich und klar, dass der Mensch fähig ist, sich über die Gesetze der Natur hinwegzusetzen.

Wie bewerkstelligt er das?

Durch den Geist, mit dem Gott ihn erschaffen hat.

Dies ist ein Beweis dafür, dass sich der Mensch durch seinen Geist von allen niederen Reichen unterscheidet und hervorhebt.

Es ist dieser Geist, auf den sich im Alten Testament ein Vers bezieht, in dem es heißt:

»Und Gott sprach:

Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Nur der Geist des Menschen durchdringt die Wahrheiten Gottes und hat an den göttlichen Gnadengaben teil. Diese große Macht muss offensichtlich unterschieden werden vom physischen Leib, dem Tempel, in dem sie offenbar wird.

Schaut genau hin und seht, wie dieser menschliche Leib sich ändert.

Dennoch bleibt der Geist des Menschen immer im selben Zustand.

So wächst der Körper manchmal schwach heran, wird stark oder korpulent, manchmal wächst er kleiner heran oder verkrüppelt, aber das hat keine Wirkung auf den Geist.

Das Auge mag erblinden, der Fuß kann amputiert werden, aber der Geist wird von keiner Unvollkommenheit beeinträchtigt.

Das zeigt, dass sich der Geist des Menschen von seinem Körper unterscheidet.

Schäden am Leib oder seinen Gliedmaßen verursachen keine Schäden am Geist.

Daraus ergibt sich zutreffend die Schlussfolgerung, dass der Geist überleben wird, selbst wenn der gesamte Körper einer radikalen Veränderung unterzogen werden sollte.

Selbst wenn der Körper des Menschen zerstört wird und nicht mehr existiert, bleibt der Geist des Menschen unberührt.

Denn der Geist des Menschen besteht ewig.

Manchmal schläft der Körper, die Augen sehen nicht, die Ohren hören nicht, die Gliedmaßen bewegen sich nicht mehr, jede Körperfunktion ruht wie im Tode.

Trotzdem sieht und hört der Geist und schwebt in die Höhe.

Denn er besitzt diese Fähigkeiten, die ohne Zutun des Körpers wirken.

In der Gedankenwelt sieht er ohne Augen, hört ohne Ohren und reist, ohne die Füße zu bewegen.

Ohne körperliche Kraft übt er jede Funktion aus.

Dies macht deutlich, dass der Geist im Schlaf lebt, obwohl der Körper wie tot ist.

In der Traumwelt wird der Körper völlig passiv, aber der Geist funktioniert immer noch aktiv und besitzt alle Gefühle.

Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass das Leben des Geistes weder das Leben des Körpers voraussetzt noch davon abhängig ist.

Man kann allenfalls sagen, dass der Körper ein bloßes Kleidungsstück ist, das vom Geist benutzt wird.

Wenn dieses Kleidungsstück zerstört wird, ist der Träger nicht davon betroffen, er bleibt vielmehr unversehrt. Alle Erscheinungen sind einem stetigen Wandel von einem Zustand in einen anderen unterworfen, und dieser Wandel führt zu einer Art Nichtexistenz.

Wenn zum Beispiel ein Mensch aus dem menschlichen Reich in das Mineralreich eintritt, sagen wir, er sei tot, denn dann hat er die physische Gestalt des Menschen abgelegt und den Zustand mineralischer Stoffe angenommen.

Diese Transformation oder Umgestaltung wird als Tod bezeichnet.

Daraus folgt also, dass kein Organismus der Erscheinungswelt gleichzeitig zwei Gestalten haben kann.

Wenn ein Objekt die Gestalt eines Dreiecks hat, kann es nicht gleichzeitig die Gestalt eines Quadrats haben.

Wenn es kugelförmig ist, kann es nicht gleichzeitig fünf- oder sechseckig sein.

Um eine bestimmte Figur oder Form anzunehmen, muss es die vorherige Form aufgeben.

Somit muss die Gestalt des Dreiecks aufgegeben werden, um ein Quadrat zu werden; das Quadrat muss sich ändern, um ein Fünfeck zu werden.

Diese Transformationen oder Veränderungen von einem Zustand zum anderen sind gleichbedeutend mit dem Tod.

Aber die Wirklichkeit des Menschen, der menschliche Geist, besitzt gleichzeitig jede Form und Gestalt, ohne eine von ihnen zu verlieren.

Es erfordert keine Transformation von einem Konzept zum anderen.

Würde er eine oder alle Gestalten verlieren, würden wir sagen, er sei in eine andere Gestalt überführt worden, und dies wäre gleichbedeutend mit dem Tod.

Aber da der menschliche Geist alle Formen gleichzeitig besitzt, gibt es für ihn weder Transformation noch Tod. Gemäß der Naturphilosophie ist es eine Tatsache, dass einzelne oder einfache Elemente unzerstörbar sind. Da die Natur unzerstörbar ist, ist jedes Grundelement der Natur beständig und dauerhaft. Tod und Vernichtung betreffen nur Verbindungen und Zusammensetzungen. Das heißt, Zusammensetzungen können zerstört werden. Wenn eine Zersetzung stattfindet, tritt der Tod ein. Zum Beispiel bildet die Verbindung bestimmter einzelner Bestandteile diese Blume. Wenn diese Verbindung aufgelöst wird, wenn diese Zusammensetzung zerfällt, stirbt die Blume als Organismus des Pflanzenreiches. Aber die einzelnen Elemente, aus denen diese Blume besteht, erleiden keinen Tod, denn alle einzelnen Elemente sind dauerhaft, ewig und unterliegen nicht der Zerstörung. Sie sind unzerstörbar, weil sie Einzelteile sind und nicht zusammengesetzt. Sie können sich also weder auflösen noch in Atome zerlegt werden, sondern sie sind einzeln, einfach und daher ewig. Wenn schon eine elementare Substanz Unsterblichkeit besitzt, wie kann der menschliche Geist, die menschliche Wirklichkeit, die gänzlich über Verbindung und Zusammensetzung erhaben ist, zerstört werden? Nein, vielmehr ist dieser Geist ein Ganzes, eine Einheit und keine Verbindung. Seine Zerstörung ist daher nicht möglich. Der Geist des Menschen überschreitet die Eigenschaften und Attribute jedes Elementes der Natur. Seine Eigenschaften überragen die von Gold, Silber oder Eisen, die einzelne Elemente sind und deshalb unzerstörbar. Da schon sie unzerstörbar sind und mit Dauerhaftigkeit ausgezeichnet, um wie viel mehr ist der menschliche Geist frei und unsterblich. Wie kann er jemals zerstört werden? Dies ist ein Thema von großer Bedeutung. Zahllose Beweise gibt es dazu. Ich hoffe, wir können dieses Thema zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen. Bevor wir auseinandergehen, möchte ich ein Gebet für Miss Farmer sprechen; denn sie ist die Begründerin dieser Einrichtung, der Ursprung dieser liebevollen Gemeinschaft und unseres Zusammentreffens. O Du gütiger Gott! Umgib diese Diener mit Deiner strahlenden Vorsehung. Lass die Herzen der hier Versammelten im Feuer Deiner Liebe erglühen. Erhelle diese Gesichter mit dem Licht des Himmels. Erleuchte diese Herzen mit dem Licht der größten Führung. O Gott! Die Wolken des Aberglaubens verdecken die Horizonte der Herzen. O Herr! Vertreibe diese Wolken, damit das Licht der Sonne der Wahrheit scheinen kann. O Herr! Erleuchte unsere Augen, damit wir Dein Licht erblicken. O Herr! Schärfe unser Gehör, damit wir auf den Ruf der Höchsten Heerscharen hören. O Herr! Mache unsere Zungen beredt, damit wir zu Deinem Gedenken beitragen können. O Herr! Heilige und reinige die Herzen, damit der Glanz Deiner Liebe in ihnen erstrahle. O Du gütiger Herr! Gewähre der Gründerin dieser Vereinigung durch Deine Kraft und Deine Gaben eine rasche Genesung. O Herr! Diese Frau hat Dir gedient, hat ihr Antlitz Deinem Reiche zugewandt und hat diese Konferenzen ins Leben gerufen, damit die Wahrheit erforscht werde und das Licht der Wahrheit scheine. O Herr! Sei Du ihr Beistand allezeit. O Herr! Sei Du ihr Tröster allezeit. O Herr! Schenke ihr rasche Heilung. Wahrlich, Du bist der Gnädige. Wahrlich, Du bist der Barmherzige. Wahrlich, Du bist der Freigebige.

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17. August 1912 Ansprache in Green Acre Eliot, Maine Aufzeichnungen von Edna McKinney Die natürliche Schönheit dieses Ortes ist einfach wunderbar. Wir hoffen, dass ein geistiger Liebreiz ihn wie eine Aura umgibt, dann wird seine Schönheit vollkommen sein. Hier zeigt sich eine geistige Atmosphäre, besonders bei Sonnenuntergang. In Städten wie New York sind die Menschen im Meer des Materialismus versunken. Ihre Empfindungen sind auf materielle Kräfte ausgerichtet, ihre Wahrnehmung rein körperlich. Tierische Triebe überwiegen in ihrem Handeln, all ihre Gedanken sind auf materielle Dinge gerichtet. Tag und Nacht ergeben sie sich den Verlockungen dieser Welt, ohne jegliches Streben nach dem, was hinausgeht über dieses vergängliche Leben und diese sterbliche Welt. In Schulen und Tempeln des Lernens basieren die erworbenen wissenschaftlichen Kenntnisse allein auf Beobachtungen im materiellen Bereich. Es gibt keinen Hinweis auf das Göttliche in ihren Methoden und Schlussfolgerungen – alles dreht sich um die Welt der Materie. Sie sind nicht daran interessiert, Einblick in die Mysterien Gottes zu erlangen oder die Geheimnisse des himmlischen Reiches zu verstehen. Was sie an Wissen erwerben, beruht allein auf sichtbaren und greifbaren Beweisen. Jenseits dieser Beweise sind sie unempfänglich. Sie ahnen nichts von der Welt der inneren Bedeutungen, haben keinerlei Verbindung zu Gott und halten dies für ein Zeichen einer vernünftigen Haltung und eines philosophischen Urteilsvermögens, was sie selbstgefällig und stolz macht. Tatsächlich besitzen die Tiere am meisten von diesen vortrefflichen Eigenschaften. Die Tiere haben keine Kenntnis von Gott. Sie sind sozusagen Leugner des Göttlichen und verstehen nichts vom himmlischen Königreich und seinen Mysterien. Als Leugner des Königreichs Gottes kennen sie geistige Dinge überhaupt nicht und wissen nichts von der übernatürlichen Welt. Wenn es eine Vortrefflichkeit und Tugend wäre, nichts von Gott und Seinem Reich zu wissen, hätten darum die Tiere den höchsten Grad an Vortrefflichkeit und Tüchtigkeit erlangt. Dann wäre der Esel der größte Wissenschaftler und die Kuh ein erfolgreicher Naturforscher, denn sie haben das, was sie wissen, ohne Schulbildung und jahrelanges mühsames Studium an Colleges erhalten, vertrauen ohne Weiteres auf die Beweise der Sinne und verlassen sich ausschließlich auf ihre Intuition. Die Kuh zum Beispiel liebt das Sichtbare und glaubt an das Greifbare. Sie ist zufrieden und glücklich, wenn es genug Weideland gibt, völlig heiter, ein glückseliger Vertreter der transzendentalen Schule der Philosophie. So steht es um die materialistischen Philosophen, die sich der gleichen Ansichten rühmen, die auch die Kuh hat, und sich einbilden, auf einer hohen Stufe zu stehen. Denken Sie über ihre Unwissenheit und Blindheit nach. Der Vorzug des Menschen hingegen ist vielmehr, dass er die Ideale des Gottesreiches erforschen und Kenntnisse erlangen kann, die dem Tier in seiner Begrenztheit versagt bleiben. Die Stufe des Menschen ist diese: Er hat die Kraft, sich zu dieser geistigen Wirklichkeit aufzuschwingen und sich dadurch bewusst unendlich über die unter ihm liegenden Reiche des Seins zu erheben. Die Stufe des Menschen ist hoch, sehr hoch. Gott hat den Menschen nach Seinem Ebenbild erschaffen. Er hat ihn mit einer mächtigen Kraft ausgestattet, die in der Lage ist, die Geheimnisse der Erscheinungswelt zu entdecken. Durch die Verwendung dieser Kraft kann der Mensch zu Schlussfolgerungen gelangen, die auf Idealen beruhen, anstatt sich auf die bloße Ebene der Sinneseindrücke zu beschränken. Da er die gleichen Sinne wie die Tiere besitzt, ist es offensichtlich, dass er sich vor ihnen auszeichnet durch seine bewusste Kraft, abstrakte Wahrheiten zu durchdringen. Er erlangt göttliche Weisheit, er erforscht die Geheimnisse der Schöpfung, er erlebt den Glanz der Allmacht, er erlangt die zweite Geburt – das heißt, er wird aus der materiellen Welt heraus geboren, wie er von der Mutter geboren wird. Er erlangt das ewige Leben, er nähert sich Gott, sein Herz ist erfüllt von der Liebe Gottes. Das bildet die Grundlage der Menschenwelt, das ist das Ebenbild Gottes, das ist die Wirklichkeit des Menschen. Ohne das ist er nur ein Tier. Wahrlich, Gott hat das Tier nach dem Ebenbild des Menschen geschaffen, denn obwohl der Mensch äußerlich menschlich ist, besitzt er in seinem Inneren tierische Neigungen. Ihr müsst euch bemühen, die Geheimnisse Gottes zu verstehen, vollendetes Wissen zu erlangen und die Stufe der Einsicht zu erreichen, Erkenntnis direkt von der Sonne der Wahrheit zu erhalten und den euch bestimmten Teil der urewigen Gaben Gottes zu empfangen.

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17. August 1912 Ansprache in Green Acre Eliot, Maine Aufzeichnungen von Edna McKinney Obwohl der Körper schwach war und den Anforderungen einer Atlantiküberquerung nicht gewachsen schien, half uns die Liebe und wir kamen hierher. Es gibt Zeiten, in denen der Geist den Körper unterstützen muss. Wirklich Großes können wir nicht allein durch physische Kraft vollbringen; der Geist muss unsere körperliche Stärke ergänzen. Der Körper des Menschen mag beispielsweise in der Lage sein, die Qualen einer Haft zehn oder fünfzehn Jahre lang unter gemäßigten Klimabedingungen und ruhiger körperlicher Routine zu ertragen. Während unserer Gefangenschaft in 'Akká fehlte jeglicher Komfort; Schwierigkeiten und Verfolgungen aller Art umgaben uns, aber trotz solch qualvoller Umstände konnten wir diese Prüfungen vierzig Jahre lang ertragen. Das Klima war extrem schlecht, die notwendigsten Dinge und Annehmlichkeiten des Lebens wurden uns verweigert, und doch ertrugen wir diese harte Gefangenschaft vierzig Jahre lang. Was war der Grund? Der Geist stärkte und belebte den Körper die ganze Zeit. Wir durchlitten diese lange, schwierige Zeit in äußerster Liebe und himmlischer Dienstbarkeit. Unter bestimmten Bedingungen, die uns umgeben, muss der Geist den Körper unterstützen, weil der Körper allein derartig extreme Strapazen nicht ertragen kann. Der menschliche Körper ist tatsächlich sehr schwach.

Es gibt keinen zerbrechlicheren physischen Körper.

Eine Mücke quält ihn, die kleinste Menge Gift zerstört ihn.

Wenn die Atmung für einen Moment aussetzt, stirbt er.

Welches Instrument könnte schwächer und empfindlicher sein?

Ein von der Wurzel abgetrennter Grashalm kann eine Stunde lang überleben, während ein menschlicher Körper, dem seine Kräfte entzogen sind, in einer Minute sterben kann.

Im Verhältnis zur Schwäche des menschlichen Körpers ist der Geist des Menschen stark.

Er kann natürliche Phänomene kontrollieren; er ist eine übernatürliche Kraft, die über alle bedingten Wesen hinausgeht.

Sein Leben ist unvergänglich und nichts kann es zerstören oder verderben.

Wenn alle Lebensreiche sich gegen den unsterblichen Menschengeist erheben, um ihn zu zerstören, dann kann dieser unsterbliche Geist allein und auf sich gestellt ihren Angriffen in furchtloser Festigkeit und Entschlossenheit trotzen, denn er ist unzerstörbar und mit höchsten natürlichen Kräften ausgestattet.

Aus diesem Grund sagen wir, dass der Geist des Menschen die Wirklichkeit aller Dinge durchdringen und entdecken kann, die Geheimnisse und Mysterien alles Erschaffenen enthüllen kann.

Während er auf der Erde lebt, entdeckt er die Sterne und ihre Satelliten; er begibt sich unter Tage, findet die Metalle in ihren verborgenen Tiefen und enthüllt die Geheimnisse geologischer Zeitalter.

Er kann die unendlichen Weiten des interstellaren Raumes überwinden und die Bewegung unvorstellbar weit entfernter Sonnen entdecken.

Wie wunderbar ist er!

Er kann zum Reich Gottes gelangen.

Er kann die Geheimnisse des göttlichen Königreichs durchdringen und zum ewigen Leben gelangen.

Er empfängt Erleuchtung vom Licht Gottes und spiegelt es dem gesamten Universum wider.

Wie wunderbar ist er!

Wie mächtig ist der Geist des Menschen, obwohl sein Körper so schwach ist!

Wenn die Empfänglichkeit des Geistes ihn kontrolliert, gibt es kein erschaffenes Wesen, das heldenhafter und unerschrockener ist als der Mensch.

Doch wenn physische Kräfte dominieren, könnt ihr kein feigeres oder ängstlicheres Wesen finden, weil der Körper so schwach und unfähig ist.

Daher ist die Absicht Gottes, dass die geistige Empfänglichkeit des Menschen Vorrang vor seinen körperlichen Kräften erlangen und sie beherrschen soll.

Auf diese Weise wird es dem Menschen gelingen, die Menschenwelt durch seinen geistigen Adel zu beherrschen und furchtlos und frei hervorzutreten – ausgestattet mit den Merkmalen des ewigen Lebens.

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17. August 1912 Ansprache in Green Acre Eliot, Maine Aufzeichnungen von Edna McKinney Geht es euch allen gut und seid ihr glücklich? Dies ist ein herrlicher Ort. Die Landschaft ist wunderschön und eine Atmosphäre der Geistigkeit umgibt alles. So Gott will, wird Green Acre in Zukunft ein großartiges Zentrum werden, die Ursache der Einheit der Menschenwelt, der Eintracht der Herzen und der Verbindung des Ostens mit dem Westen. Das ist meine Hoffnung. Heute Abend möchte ich über die Einheit der Menschheit sprechen. Dies ist eines der wichtigen Themen der Gegenwart. Wenn die Einheit der Menschheit verwirklicht würde, würden alle Differenzen, die die Menschen trennen, beseitigt werden. Streit und Krieg würden aufhören, und die Menschheit fände Ruhe. Der Weltfrieden würde vorangebracht, und ein starkes Band würde Ost und West miteinander verbinden. Alle Menschen fänden Schutz unter einem Dach. Herkunftsländer würden eins und Hautfarbe und Religion würden vereint. Die Völker der Welt würden in Harmonie zusammenleben und ihr Wohlergehen wäre gesichert. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart haben sich die verschiedenen Religionen der Welt gegenseitig verteufelt und der Falschheit beschuldigt.

Jede Religion erachtete die anderen als des Antlitzes Gottes und Seiner Barmherzigkeit beraubt und dem göttlichen Zorn ausgeliefert.

Daher haben sie sich strikt voneinander ferngehalten und sich gegenseitig Feindseligkeit und Groll entgegengebracht.

Denkt an die Berichte über Glaubenskriege, die Schlachten zwischen Nationen, das Blutvergießen und die Zerstörung im Namen der Religion.

Einer der größten Religionskriege, die Kreuzzüge, erstreckte sich über einen Zeitraum von zweihundert Jahren.

Während dieser aufeinanderfolgenden großen Feldzüge drangen westliche Kreuzfahrer immer wieder in den Orient ein, um die Heilige Stadt aus den Händen des islamischen Volkes zu retten.

Armee um Armee wurde in Europa aufgestellt und drängte mit ihren fanatischen Legionen in den Osten.

Die Könige der europäischen Nationen führten persönlich diese Kreuzzüge an, töteten und vergossen das Blut der Orientalen.

Zwei Jahrhunderte lang befanden sich Ost und West in einem Zustand von Gewalt und Aufruhr.

Manchmal waren die Kreuzfahrer erfolgreich, töteten, plünderten und nahmen das muslimische Volk gefangen; manchmal siegten dagegen die Muslime und brachten unter den Invasoren Blutvergießen, Tod und Verderben.

So vergingen zwei Jahrhunderte, in denen sich erbitterte Kämpfe mit Erholung von der Erschöpfung abwechselten.

Schließlich zogen sich die europäischen Glaubenskämpfer aus dem Osten zurück.

Sie hinterließen Schutt und Asche und fanden ihre eigenen Nationen in einem Zustand der Umwälzung und des Aufruhrs vor.

In diesen nutzlosen Glaubenskriegen wurden hunderttausende von Menschen getötet und unermesslicher Reichtum verschwendet.

Wie viele Väter trauerten um ihre Söhne!

Wie viele Mütter und Ehefrauen beklagten den Verlust ihrer Lieben!

Und dies war nur einer unter den ›heiligen‹ Kriegen.

Sinnt darüber nach und überlegt wohl. Es gab zahlreiche weitere Religionskriege. Neunhunderttausend Märtyrer für die Sache der Protestanten waren die Folge von Kämpfen und Streitigkeiten zwischen dieser christlichen Konfession und den Katholiken. Historische Aufzeichnungen bestätigen dies. Wie viele mussten in Gefängnissen schmachten! Wie gnadenlos wurden die Gefangenen behandelt! Und das alles im Namen der Religion! Überlegt, wie auch andere Kriege zwischen den Völkern und Angehörigen religiöser Glaubensrichtungen ausgegangen sind. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte bis heute hat die Menschheit nicht einen Tag völliger Ruhe und Erholung von Konflikten und Streitigkeiten erlebt. Die meisten Kriege entstanden durch religiöse Vorurteile, Fanatismus und sektiererischen Hass. Anhänger verschiedener Religionen haben sich gegenseitig verflucht und jeder betrachtete den anderen als jemanden, der bar der Barmherzigkeit Gottes in völliger Finsternis als Kind Satans lebt. Zum Beispiel betrachteten die Christen und Muslime die Juden als satanisch und als Feinde Gottes. Deshalb verfluchten und verfolgten sie sie. Viele Juden wurden getötet, ihre Häuser geplündert und niedergebrannt, ihre Kinder als Gefangene verschleppt. Die Juden wiederum betrachteten die Christen als Ungläubige und die Muslime als Feinde und Zerstörer des Gesetzes von Moses. Deshalb rufen sie nach Rache und verfluchen sie bis zum heutigen Tag. Welche Verletzungen, Torturen und Schicksalsschläge hat die Menschheit seit Beginn der Geschichte erlitten. Jede Stadt, jedes Land, jede Nation und jedes Volk war der Zerstörung und dem Chaos des Krieges ausgesetzt. Jede der göttlichen Religionen betrachtet sich selbst als Teil eines edlen, gesegneten Baumes, des Baumes des Allbarmherzigen, und im Gegensatz dazu alle anderen religiösen Systeme als Teil eines Baumes des Bösen, des Baumes Satans. Deshalb verachten und verhöhnen sie einander. Dies geht aus den Geschichtsbüchern klar hervor und war bis zum Erscheinen Bahá'u'lláhs so üblich. Als das Licht Bahá'u'lláhs im Osten aufging, verkündete Er die Verheißung der Einheit der Menschheit. Er richtete sich an die ganze Menschheit und sagte: »Ihr seid alle die Früchte eines Baumes. Es gibt keine zwei Bäume: Einen Baum der göttlichen Barmherzigkeit und daneben den Baum Satans.« Und wieder sagte Er: »Ihr seid alle die Früchte eines Baumes, die Blätter eines Zweiges.« Dies hat Er verkündet. Dies war Sein Versprechen der Einheit der Menschheit. Ächtung und Schmähung wurden gänzlich verboten. Er sagte: »Es ziemt sich nicht, einen anderen zu verfluchen. Es ist unangebracht, einen anderen als finsteres Wesen zu bezeichnen. Es schickt sich nicht, einen anderen als schlecht anzusehen. Nein, vielmehr sind alle Menschen die Diener eines Gottes. Gott ist der Vater aller und es gibt keine einzige Ausnahme von diesem Gesetz. Es gibt kein Volk des Teufels. Alle gehören dem Barmherzigen an. Es gibt keine Finsternis. Alles ist Licht. Alle sind Diener Gottes und der Mensch muss die Menschheit von Herzen lieben. Wahrlich, er muss die Menschheit als in göttliche Barmherzigkeit getaucht ansehen.« Zu dieser Regel hat Bahá'u'lláh keine Ausnahme vorgesehen.

Er sagte, dass es unwissende Menschen geben kann; sie müssen geschult werden.

Einige sind krank, sie müssen behandelt werden.

Manche sind unreif, ihnen muss zur Reife verholfen werden.

In anderer Hinsicht ist die Menschheit in den Ozean göttlicher Gnade eingetaucht.

Gott ist der Vater aller.

Er erzieht, versorgt und liebt alle, denn sie sind Seine Diener und Seine Schöpfung.

Zweifellos liebt der Schöpfer Seine Geschöpfe.

Es wäre unvorstellbar, einen Künstler zu finden, der sein eigenes Werk nicht liebt.

Habt ihr je einen Menschen gesehen, der nicht liebt, was er geschaffen hat?

Selbst wenn das Ergebnis minderwertig ist, liebt er es.

Welche Unwissenheit zeigt sich in dem Gedanken, Gott habe den Menschen erschaffen, erzogen und ernährt, habe ihn mit allen Segnungen umgeben, die Sonne und die ganze Erscheinungswelt zu seinem Nutzen geschaffen, habe ihm Zärtlichkeit und Güte erwiesen und würde ihn dann nicht lieben.

Das anzunehmen ist offensichtliche Unwissenheit, denn ungeachtet der Religion, der ein Mensch angehört, selbst wenn er Atheist oder Materialist wäre, nährt Gott ihn trotzdem, gewährt ihm Seine Güte und taucht ihn in Sein Licht.

Wie können wir dann glauben, dass Gott zornig und lieblos ist?

Wie können wir dies auch nur in Betracht ziehen, wenn wir doch in jeder Hinsicht Zeugen der Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes sind?

Überall um uns her sehen wir die Zeichen der Liebe Gottes.

Wenn Gott also alle liebt, was sollen dann wir tun?

Wir haben nichts anderes zu tun, als Ihm nachzueifern.

So, wie Gott alle liebt und freundlich zu allen ist, müssen auch wir wahrhaft alle lieben und freundlich zu allen sein.

Wir dürfen niemanden als böse, verabscheuungswürdig oder als Feind betrachten.

Wir müssen alle lieben – nein, wir müssen jeden als mit uns verwandt ansehen, denn alle sind die Diener eines Gottes.

Alle stehen unter der Anleitung eines einzigen Erziehers.

Wir müssen Tag und Nacht danach streben, dass Liebe und Freundschaft zunehmen, dass dieses Band der Einheit gestärkt wird, dass Freude und Glück immer mehr obsiegen, dass sich die gesamte Menschheit in Einheit und Solidarität unter Gottes Schutz versammelt, dass die Menschen sich Gott zuwenden, um Beistand zu erhalten, und in Ihm das ewige Leben finden.

So mögen sie im Königreich Gottes angenommen werden und für immer durch Seine Gnade und Huld leben. Bahá'u'lláh hat in Seinen Sendschreiben deutlich gemacht, dass wir einen Feind nicht als Feind betrachten sollen. Seid nicht einfach geduldig mit ihm, nein, ihr müsst ihn vielmehr lieben. Behandelt ihn so, wie es sich für Liebende geziemt. Erwähnt nicht einmal, dass er euer Feind ist. Seht überhaupt keine Feinde. Selbst wenn er euer Mörder wäre, seht in ihm keinen Feind. Schaut ihn mit dem Auge der Freundschaft an. Achtet darauf, dass ihr ihn nicht als Feind betrachtet und lediglich toleriert, denn das wäre nur ein Trick und Heuchelei. Einen Menschen als Feind zu betrachten und ihn gleichzeitig zu lieben, ist Heuchelei. Das steht niemandem gut zu Gesicht. Ihr müsst in ihm einen Freund sehen. Behandelt ihn gut. Das ist der rechte Weg. Wir kommen zum Thema zurück. Wenn wir die Phänomene des Universums betrachten, erkennen wir, dass die Achse, um die sich das Leben dreht, die Liebe ist, während die Achse, um die sich Tod und Zerstörung drehen, Feindseligkeit und Hass ist. Betrachten wir zunächst das Mineralreich. Hier sehen wir, dass der Aufbau von Verbindungen nicht möglich wäre, wenn zwischen den Atomen keine Anziehungskraft bestehen würde. Jedes existierende Objekt besteht aus Elementen und Zellbausteinen. Dies ist wissenschaftlich wahr und richtig. Gäbe es keine Anziehungskraft zwischen diesen Elementen und diesen Zellbausteinen, wäre die Zusammensetzung des Objektes niemals möglich gewesen. So ist beispielsweise der Stein ein existierendes Objekt, eine Zusammensetzung von Elementen. Ein Band der Anziehung hat sie zusammengebracht, und durch diese Anziehung zwischen den Bestandteilen ist dieses steinerne Objekt geformt worden. Dieser Stein steht auf der niedrigsten Stufe der Erscheinungswelt, aber dennoch manifestiert sich in ihm eine Anziehungskraft, ohne die der Stein nicht existieren könnte. Diese Anziehungskraft im Mineralreich ist Liebe, der einzige Ausdruck von Liebe, der sich im Stein zeigen kann. Betrachten wir nun die nächsthöhere Stufe des Lebens, das Pflanzenreich. Hier sehen wir, dass die Pflanze das Ergebnis der Anziehung zwischen verschiedenen Elementen ist, ebenso wie das Mineral in seinem Reich, aber darüber hinaus hat die Pflanze die Fähigkeit, Stoffe aus der Erde aufzunehmen. Das ist eine höhere Form der Anziehung, durch die sich die Pflanze vom Mineral unterscheidet. Im Pflanzenreich ist dies ein Ausdruck der Liebe, das höchste Ausdrucksvermögen, das die Pflanze besitzt. Durch diese Fähigkeit der Anziehung beziehungsweise des Wachstums wächst die Pflanze Tag für Tag. Deshalb ist auch in diesem Königreich die Liebe die Ursache des Lebens. Würden die Elemente sich gegenseitig abstoßen und nicht anziehen, wäre das Ergebnis Auflösung, Zerstörung und Nichtexistenz. Da zwischen den Elementen Zusammenhalt besteht und zelluläre Anziehungskraft wirkt, gibt es die Pflanze. Wenn diese Anziehung nachlässt und die Bestandteile getrennt werden, hört die Pflanze auf zu existieren. Dann kommen wir zum Tierreich, das eine noch höhere Stufe einnimmt als das Pflanzenreich. Darin zeigt sich die Kraft der Liebe noch deutlicher. Das Licht der Liebe strahlt im Tierreich heller, weil sich die Anziehungskraft, durch die die Elemente zusammenhalten und die Zellen zusammenwachsen, jetzt in gewissen Regungen und Empfindungen offenbart, die instinktive Gemeinschaft und Vereinigung hervorrufen. Tiere sind von Freundlichkeit und Zuneigung erfüllt, die sich unter ihresgleichen zeigt. Schließlich kommen wir zur Menschenwelt. Hier finden wir alle Arten des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Ausdrucks der Liebe vor, sowie unverkennbar die Anziehungskräfte des Bewusstseins. Das heißt, dass der Mensch eine Art von Anziehungskraft besitzt, die bewusst und geistig ist. Hierin liegt ein unermesslicher Fortschritt. In der Menschenwelt kommt geistige Empfänglichkeit zum Vorschein, die Liebe entfaltet sich auf ihrer höchsten Stufe und ist die Ursache des menschlichen Lebens. Dies ist ein klarer Beweis, dass auf allen Stufen und in allen Reichen der Schöpfung Liebe und Freundschaft Leben bewirken, während Zwietracht, Feindseligkeit und Absonderung immer zum Tod führen.

Daher müssen wir mit Herz und Seele danach streben, dass die Einheit und Einigkeit unter den Menschen von Tag zu Tag zunehmen und Liebe und Zuneigung strahlender und offenkundiger werden.

Innerhalb des Tierreichs könnt ihr beobachten, dass die Haustiere in engster Verbundenheit zusammenleben.

Seht, wie die geselligen und freundlichen Schafe sich in einer Herde versammeln.

Schaut euch die Tauben und andere zahme Vögel an.

Unter ihnen gibt es keine Aufspaltung in Parteien, keine Trennung nach Vorstellungen der Volkszugehörigkeit.

Sie leben zusammen in größter Liebe und Einheit, fliegen, füttern einander und sind gesellig.

Wilde Tiere – Raubtiere wie Wolf, Bär, Tiger und Hyäne – sind niemals freundschaftlich und gesellen sich nicht zueinander.

Sie greifen sich gegenseitig an.

Wann immer sie aufeinandertreffen, kämpfen sie.

Drei Wölfe werden nie glücklich zusammenkommen.

Wenn ihr sie zusammen seht, stecken wilde Absichten dahinter.

Sie sind wie selbstsüchtige, brutale Menschen, die sich feindselig gegenüberstehen, einander verfluchen und töten.

Es wäre besser, der Mensch würde den Haustieren ähneln als den wilden Raubtieren, denn in den Augen Gottes ist Liebe annehmbar, während Hass und Feindseligkeit missbilligt werden.

Warum sollten wir dem Wohlgefallen Gottes zuwiderhandeln?

Warum sollten wir wie wilde Tiere sein, ständig Blut vergießen, plündern und zerstören?

Nur weil wir eine bestimmte Hautfarbe oder Herkunft haben, warum sollten wir alle anderen als schlecht und minderwertig betrachten, als solche, die Tod, Plünderung und Überfall verdienen – als finstere Menschen, die des Hasses und der Abscheu Gottes würdig sind?

Warum zeigt der Mensch seinem Mitmenschen gegenüber derartige Einstellungen und Handlungsweisen?

Wir sehen, dass Gott freundlich zu allen ist.

Wie Er uns liebt, so liebt Er auch alle anderen; wie Er für uns sorgt, sorgt Er auch für alle übrigen Menschen.

Er nährt und erzieht alle mit gleicher Fürsorge. Gott ist groß! Gott ist gütig! Er schaut nicht auf die menschlichen Mängel. Er achtet nicht auf menschliche Schwächen. Der Mensch ist ein Geschöpf Seiner Barmherzigkeit, und Er ruft alle zu Seiner Barmherzigkeit. Warum sollten wir da Seine Geschöpfe verabscheuen und verachten, weil dieser ein Jude, jener ein Buddhist oder Zoroastrier usw. ist? Das ist offenkundige Unwissenheit, denn die Einheit aller Menschen als Diener Gottes ist eine gesicherte Tatsache. Die Einheit der Menschheit ist das Versprechen, das Bahá'u'lláh verkündete. Wir müssen deshalb einander größte Liebe erweisen. Wir müssen allen Menschen auf der Welt mit Liebe begegnen. Wir dürfen kein Volk als das Volk Satans betrachten, sondern müssen alle als Diener des einen Gottes erkennen und anerkennen. Allenfalls ist es so: Einigen fehlt Wissen; sie müssen angeleitet und geschult werden. Sie müssen dazu erzogen werden, ihre Mitgeschöpfe zu lieben und Tugenden zu erwerben. Manche sind unwissend; sie müssen unterrichtet werden. Einige sind unentwickelt wie Kinder, ihnen muss geholfen werden, zur Reife zu gelangen. Einige sind krank, ihre moralische Verfassung ist nicht gesund; sie müssen behandelt werden, bis sie moralisch geläutert sind. Aber den Kranken darf man nicht hassen, weil er krank ist. Das Kind darf man nicht meiden, weil es ein Kind ist. Den Unwissenden darf man nicht verachten, weil ihm Wissen fehlt. Sie alle müssen liebevoll behandelt, erzogen, ausgebildet und unterstützt werden. Alles muss getan werden, damit die Menschheit in der Obhut Gottes in völliger Sicherheit leben und sich des höchsten Glücks erfreuen kann.

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17. August 1912 Ansprache in Green Acre Eliot, Maine Aufzeichnungen von Edna McKinney Die Welten Gottes befinden sich in vollkommener Harmonie und im Austausch miteinander. Jede Welt in diesem grenzenlosen Universum ist gleichsam ein Spiegel, der die Geschichte und Natur von allem anderen widerspiegelt. Das stoffliche Universum steht ebenfalls in vollkommenem Austausch mit dem geistigen, dem göttlichen Reich. Die Welt der Materie ist ein äußerer Ausdruck, ein Abbild des inneren Reiches des Geistes. Die Welt der Gedanken steht im Austausch mit der Welt der Herzen. Wenn wir über die stoffliche Welt nachdenken, erkennen wir, dass alle äußeren Phänomene von der Sonne abhängen. Ohne die Sonne wäre die Erscheinungswelt in einem Zustand völliger Finsternis und ohne Leben. Jede irdische Schöpfung – ob Mineral, Pflanze, Tier oder Mensch – benötigt für Wachstum und Entwicklung die Wärme, das Licht und die Erhabenheit des großartigen Zentralgestirns. Ohne Sonnenwärme und Sonnenlicht hätten sich keine Mineralien gebildet und keine pflanzlichen, tierischen und menschlichen Organismen hätten entstehen können oder würden existieren. Es ist darum klar und offensichtlich, dass die Sonne die Lebensquelle für alle irdischen und äußeren Daseinsformen ist. In der inneren Welt, der Welt des Königreiches, ist die Sonne der Wahrheit der Lehrer und Erzieher für Verstand, Seele und Geist. Ohne den Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit gäbe es kein Wachstum und keine Entwicklung – nein, sie würden gar nicht existieren. Denn wie die stoffliche Sonne durch ihre Licht- und Wärmestrahlung alle äußeren Erscheinungsformen des Seins gestaltet, so sorgen das Licht und die Wärme, die von der Sonne der Wahrheit ausgestrahlt werden, für Wachstum, Erziehung und Entwicklung des Verstandes, der Seele und des Geistes auf dem Weg zur Vollkommenheit. Christus war die Sonne der Wahrheit, die am himmlischen Horizont des Christentums leuchtete, die der Menschen Verstand, Seele und Geist schulte, beschützte und stärkte, bis sie mit dem göttlichen Königreich in Einklang kamen und Aufnahmefähigkeit für die unendlichen Gnadengaben Gottes erlangten. Ohne das Erscheinen Seiner Herrlichkeit wären sie in der Dunkelheit der Unvollkommenheit und Gottesferne geblieben. Aber weil diese Sonne der Wahrheit aufleuchtete und ihr Licht die Welt des Verstandes, der Seele und des Geistes durchflutete, begannen sie zu strahlen. Er verlieh ihnen ein neues, ewiges Leben. Wenn die stoffliche Sonne zum Frühlingsanfang an ihrem Aufgangsort im Tierkreis erscheint, entsteht im Körper der irdischen Welt eine wundersame, pulsierende Bewegung. Die verwelkten Bäume werden belebt, der schwarze Boden ergrünt im neuen Wachstum, frische und duftende Blumen erblühen, die Welt des Staubes wird erfrischt, neue Lebenskräfte strömen durch die Adern eines jeden Lebewesens und eine neue Frühlingszeit bedeckt die Wiesen, Ebenen, Berge und Täler mit wundersamen Lebensformen. Was tot und öde war, wird wiederbelebt. Was verdorrt, verblichen und verkümmert war, wird durch den Geist einer neuen Schöpfung verwandelt. In gleicher Weise beseelt, belebt und erquickt die Sonne der Wahrheit alles mit einer göttlichen, wunderbaren Kraft, wenn sie den Horizont der inneren Welt erleuchtet. Die Bäume des menschlichen Verstandes kleiden sich in ein neues, grünes Gewand, tragen Blätter und Blüten und bringen die geistigen Früchte der himmlischen frohen Botschaft hervor. Dann erscheinen duftende Blumen der inneren Bedeutung aus dem Grund der menschlichen Seele, und das ganze Wesen des Menschen erwacht zu neuer, göttlicher Tatkraft. Dies ist das Wachstum und die Entwicklung der inneren Welt durch das strahlende Licht der göttlichen Führung und die Wärme des Feuers der Liebe Gottes. Die stoffliche Sonne hat ihren Aufgang und ihren Untergang. Die irdische Welt hat ihren Tag und ihre Nacht. Auf jeden Sonnenuntergang folgt ein Sonnenaufgang und es kommt eine neue Morgendämmerung. Ebenso geht auch die Sonne der Wahrheit auf und wieder unter. Es gibt einen Tag und eine Nacht in der geistigen Welt. Auf jeden Sonnenuntergang folgt ein Sonnenaufgang und das Morgenlicht eines neuen Tages. Darüber hinaus ist die göttliche Wirklichkeit durch bestimmte Namen und Attribute gekennzeichnet. Einige dieser Namen sind Schöpfer, Erwecker, Versorger, Allgegenwärtiger, Allmächtiger, Allwissender und Geber. Diese Namen und Attribute des Göttlichen sind ewig und nicht willkürlich. Dies ist ein sehr heikler Punkt, der hohe Aufmerksamkeit erfordert. Das Erscheinen der Dinge macht die Namen und Attribute erforderlich und beweist ihre Existenz. So setzt der Begriff ›Schöpfer‹ eine Schöpfung voraus, ›Erwecker‹ bringt Erweckung mit sich, ›Versorger‹ setzt eine Versorgung voraus – andernfalls wären dies leere und undenkbare Namen. ›Barmherzigkeit‹ weist auf ein Ziel hin, dem Barmherzigkeit zuteilwird. Wenn Barmherzigkeit sich nicht zeigen würde, würde dieses Attribut Gottes nicht verwirklicht. Der Name ›Herr‹ belegt die Existenz von Untertanen, über die Herrschaft ausgeübt wird. Der Name ›Allwissender‹ erfordert Allwissenheit in allen Dingen. Wenn diese Dinge nicht existierten, wäre Allwissenheit ohne Bedeutung und Wirkung. Der Name ›der Weise‹ erfordert Möglichkeiten, Weisheit auszuüben; und wenn die Weisheit sie nicht umfasst, wäre dieser Name unbegreiflich. Die göttlichen Namen und Attribute setzen also die Existenz von Erscheinungen voraus, in denen sie zum Ausdruck kommen. Gleiches gilt auch umgekehrt: Die Souveränität Gottes wird durch die Echtheit und das Vorhandensein dieser Erscheinungen bewiesen und begründet. Denkt sodann sorgfältig darüber nach, dass die Souveränität Gottes nicht zufällig ist, sondern immer und ewig währt und dass sie die Existenz von Erscheinungsformen erfordert. Das Königtum erfordert ein Königreich, eine Armee, eine Staatskasse, Staatsbürger, einen Hof und Minister. Wie könnte es einen König ohne Staatsbürger, Herrschaftsgebiet und Besitz geben? Ansonsten könnte doch jeder behaupten, ein König zu sein. »Wo ist deine Armee?« »Ich brauche keine.« »Wo ist dein Land?« »Es ist nicht nötig. Ich bin ein König ohne Königreich, Armee, Untertanen oder Souveränität.« Ist das möglich? So erfordert die göttliche Souveränität eine Schöpfung, über die ihre Herrschaft ausgeübt wird. Die Souveränität muss nachweisbar sein. Wenn wir versuchen, uns eine Zeit vorzustellen, in der es keine Schöpfung gab, in der es keine Untertanen oder Geschöpfe gab, die unter göttlicher Herrschaft und Kontrolle standen, würde die Göttlichkeit selbst verschwinden. Es würde ein Ende der Freigebigkeit Gottes bedeuten, so wie das Königtum und die Gunst eines irdischen Monarchen verschwinden würden, wenn sein Königreich nicht existierte. Die Souveränität Gottes ist ewig. Es gab keinen Anfang und wird kein Ende geben. Dies ist so offensichtlich wie die Sonne am Mittag, auch für jemanden mit begrenztem Verstand. Wenn wir die stoffliche Sonne betrachten, sehen wir, dass ihre Wärme und ihr Licht stetig strahlen. Die Freigebigkeit der Sonne endet nicht. Wäre die Sonne ohne Licht oder Hitze, wäre sie nicht die Sonne. Woran erkennen wir die Sonne? An ihrer Wärme und ihren Lichtstrahlen. Wenn sie ihrer Strahlen und ihrer Wärme beraubt würde, wäre sie keine Sonne mehr; sie wäre lediglich eine dunkle Kugel am Himmel. Die Gaben der Sonne müssen fortbestehen, damit sie als solares Zentrum für Energie, Licht und Anziehung gelten kann. So sind auch die göttlichen Gaben der Sonne der Wahrheit immerwährend. Ihr Licht scheint für immer. Ihre Liebe strahlt für immer aus. Ihre Gaben enden nie. Man kann nicht sagen, dass die Macht und der Glanz Gottes jemals nachgelassen hätten. Man kann nicht behaupten, dass die Göttlichkeit des Allmächtigen endete. Denn die Göttlichkeit Gottes ist ewig. So sind die göttlichen Gaben – seien sie zufällige Ereignisse oder geistig und vollkommen – unvergänglich. Aber es gibt zwei Arten von Anhängern einer Religion: Die einen verehren die Sonne, die anderen verehren die Orte, an denen die Sonne aufgeht. So verehren die Juden den Aufgangsort in Moses, die Zoroastrier den Aufgangsort in Zarathustra. Das Volk Abrahams wandte sich dem Aufgangsort in Abraham zu. Als die Sonne der Wahrheit ihr Licht von Abraham auf den Aufgangsort Moses übertrug, leugneten die Anhänger Abrahams ihr Erscheinen, weil sie dem Ort ihres Aufgangs und nicht der Sonne der Wahrheit selbst zugewandt waren. Als diese Sonne der Wahrheit mit ihren göttlichen Gaben, ihrer himmlischen Glut und ihrem himmlischen Glanz auf den messianischen Aufgangsort überging, leugneten die Juden ihr Erscheinen in Jesus, denn sie waren nicht Verehrer der Sonne selbst, sondern sie verehrten ihren Aufgang in Moses. Wenn sie Verehrer der Sonne der Wahrheit gewesen wären, hätten sie sich Christus zugewandt, anstatt Ihn als den Messias abzulehnen. Was war der Grund für dieses Versäumnis? Es geschah einfach, weil sie ihre Väter und Vorfahren in ihren Glaubensformen nachahmten, anstatt sich der Sonne der Göttlichkeit zuzuwenden. Dadurch wurden sie der Gnade beraubt, die im messianischen Frühling heraufdämmerte. Sie hielten hartnäckig am früheren Aufgangsort fest und verharren noch immer in diesem Zustand des Versäumnisses. Betrachtet die Völker und Nationen der Erde heute und erkennt dasselbe hartnäckige Festhalten am Glauben der Vorväter. Wessen Vater ein Zoroastrier war, ist ein Zoroastrier. Wessen Vater Buddhist war, bleibt Buddhist. Der Sohn eines Muslims bleibt ein Muslim und so weiter. Warum ist das so? Weil sie Sklaven und Gefangene bloßer Nachahmung sind. Sie haben die Wahrheit der Religion nicht erforscht und haben sich deren Grundlagen und Schlussfolgerungen nicht erschlossen. Der Jude zum Beispiel hat die Gültigkeit von Moses Anspruch nicht durch die Erforschung der Wahrheit überprüft. Ein Mann ist Jude, weil der Vater Jude war. Er ahmt die Gebräuche und den Glauben seiner Väter und Vorfahren nach. Es gibt keinen Gedanken an die Wahrheit, sie wird nicht erwähnt. Und so ist es auch mit den Anhängern anderer Religionen. Aus diesem Grund haben wir gesagt, dass sie eher den Aufgangsort als die Sonne der Wahrheit selbst verehren. Hätten die Juden am Tage Jesu Christi die Nachahmung aufgegeben und die Wahrheit erforscht, dann hätten sie gewiss an Ihn geglaubt und Ihn angenommen, denn der messianische Strahlenglanz war weit größer als der mosaische. Als die Sonne der Wahrheit am Aufgangsort Christi erschien, war sie in ihrer Schönheit und Brillanz wie die Sonne im Hochsommer. Wir müssen also die Mahnung beherzigen und erkennen, dass das bloße Nachahmen von Vätern und Vorfahren zu nichts führt. Nicht nur das, wir müssen uns bis zum Äußersten anstrengen, die Sonne der Wahrheit zu ergründen und uns ihr zuzuwenden, wo auch immer sie aufgehen mag. Die stoffliche Sonne ist eine einzige Sonne. Wenn sie morgen im Westen aufgehen sollte, ist es trotzdem dieselbe Sonne. Wir können nicht sagen: »Dies ist nicht die Sonne, weil sie im Westen erschienen ist.« Denn Ost und West gibt es nur auf der Erde und in unserer Vorstellung. Von der Sonne aus gesehen gibt es weder Ost noch West. Sie scheint immer an ihrem angestammten Platz am Himmel. Im Mittelpunkt des Sonnenkreises gibt es keinen Aufgang und keinen Untergang. Darum beziehen sich Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf irdische Beobachtung und nicht auf den Lichtkörper selbst. Nein, vielmehr ist Nacht auf der Sonne unvorstellbar. In diesem Zentrum der Helligkeit herrscht konstant Licht und Erleuchtung. Die Auf- und Untergänge gibt es also nur vermeintlich und nicht wirklich. Sie beziehen sich auf unseren irdischen Blickwinkel. Ohne Licht, Wärme und Strahlenglanz könnten wir die Sonne nicht als Sonne sehen. Das wäre geradeso, als würden wir einen schwarzen Stein als Diamanten bezeichnen. Das wäre sinnlos. Wenn man einen Geizhals großzügig nennt, wird ihn das nicht ändern. Das soll verdeutlichen, dass Gott allmächtig ist, aber Seine Größe sich nicht auf menschliches Begriffsvermögen begrenzen lässt.

Wir können Gott keine Grenze setzen.

Der Mensch ist begrenzt, aber die Welt des Göttlichen ist unbegrenzt.

Gott eine Grenze zuzuordnen, ist menschliche Unwissenheit.

Gott ist der Altehrwürdige, der Allmächtige.

Seine Attribute sind grenzenlos.

Er ist Gott, weil Sein Licht und Seine Souveränität grenzenlos sind.

Wenn Er auf menschliche Begriffe beschränkt werden könnte, wäre Er nicht Gott.

Seltsam ist, dass der Mensch trotz dieser selbstverständlichen Wahrheiten weiterhin eingrenzende Mauern und Zäune um Gott baut, um die so ruhmreiche, unbegrenzbare und uneingeschränkte Göttlichkeit.

Denkt an die unzähligen Phänomene Seiner Schöpfung.

Sie sind grenzenlos, das Universum ist grenzenlos.

Wer könnte seine Höhe, seine Tiefe und seine Länge angeben?

Es ist absolut grenzenlos.

Wie könnte eine allmächtige Herrschaft, eine so wunderbare Göttlichkeit, von einem begrenzten, fehlerbehafteten menschlichen Verstand erfasst werden, selbst wenn es lediglich um Begriffe und Definitionen geht?

Können wir also sagen, dass Gott etwas bewirkt habe, das Er danach nie wieder bewirken kann?

Dass die Sonne Seines Glanzes einst auf die Welt schien, aber jetzt für immer untergegangen sei?

Dass Seine Barmherzigkeit, Seine Gnade, Seine Freigebigkeit einst herabgekommen sind, dies jetzt aber geendet hat?

Ist das möglich?

Nein!

Wir können niemals sagen oder wirklich glauben, dass Seine Manifestation, die über alles geliebte Wahrheit, die Sonne der Wahrheit, aufhören werde, auf die Welt zu scheinen. O Gott! Du, Der Du gütig bist. Wahrlich, hier haben sich Menschen versammelt, die sich mit Herz und Seele Dir zuwenden. Sie trachten nach ewiger Gnade. Sie bedürfen Deiner unendlichen Barmherzigkeit. O Herr! Nimm die Schleier von ihren Augen und zerstreue das Dunkel der Unwissenheit. Schenke ihnen das Licht des Wissens und der Weisheit. Erleuchte diese reumütigen Herzen mit den Strahlen der Sonne der Wahrheit. Mache diese Augen empfänglich durch den Anblick des Lichtes Deiner Souveränität. Erfreue diese Seelen durch die wunderbare frohe Botschaft und nimm sie auf in Dein höchstes Reich. O Herr! Wahrlich, wir sind schwach. Mache uns stark. Wir sind arm. Hilf uns mit den Schätzen Deiner Freigebigkeit. Wir sind tot, belebe uns durch den Odem des Heiligen Geistes. Uns fehlt Geduld in Prüfungen und Langmut; erlaube uns, das Licht der Einheit zu erlangen. O Herr! Mache diese Versammlung zur Ursache dafür, dass das Banner der Einheit der Menschheit erhoben wird und bestärke diese Seelen, damit sie zu Förderern des Weltfriedens werden. O Herr! Wahrlich, die Menschen sind in Schleier gehüllt, befinden sich im Streit, vergießen gegenseitig ihr Blut und zerstören ihren Besitz. Überall auf der Welt gibt es Krieg und Konflikte. Wohin man auch schaut, herrschen Kampf, Blutvergießen und Grausamkeit. O Herr! Führe die Menschenseelen, damit sie sich von Krieg und Kampf abwenden, damit sie sich einander liebevoll und freundlich zuwenden, damit sie sich zusammenschließen und der Einheit und Verbundenheit der Menschheit dienen. O Herr! Der Horizont der Welt wird durch diese Zwietracht verdunkelt. O Gott! Erleuchte sie und lass die Herzen durch das Licht Deiner Liebe erstrahlen. Belebe den Geist durch den Segen Deiner Gaben, bis jede Seele Deine Lehren begreift und nach ihnen handelt. Du bist der Allmächtige. Du bist der Allwissende. Du bist der Sehende. O Herr, erweise allen Dein Mitgefühl.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Cambridge und Malden

23. bis 25. Juli 1912

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25. August 1912 Ansprache im New Thought Forum Metaphysical Club Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney O Du gütiger Gott! In äußerster Demut und Ergebenheit bitten und flehen wir an Deiner Schwelle und suchen Deine unaufhörliche Ermutigung und Deinen grenzenlosen Beistand. O Herr! Erwecke diese Seelen und schenke ihnen ein neues Leben. Belebe den Geist, erfülle die Herzen, öffne die Augen und lass die Ohren aufhorchen. Schenke ihnen aus Deiner altehrwürdigen Schatzkammer ein neues Sein und eine neue Haltung, und aus Deiner urewigen Wohnstatt verhilf ihnen zu neuer Stärke. O Gott! Wahrlich, die Welt braucht Erneuerung. Verleihe ihr ein neues Dasein. Gib ihr neue Gedanken ein und offenbare ihr himmlisches Wissen. Hauche ihr frischen Geist ein und erfülle sie mit einer heiligeren und höheren Bestimmung. O Gott! Wahrlich, Du hast dieses Jahrhundert zum Strahlen gebracht, und in ihm hast Du Deinen barmherzigen Glanz offenbart. Du hast die Dunkelheit des Aberglaubens beseitigt und das Licht der Gewissheit aufleuchten lassen. O Gott! Gewähre, dass diese Diener an Deiner Schwelle willkommen sind. Offenbare einen neuen Himmel und breite eine neue Erde als Wohnstatt aus. Lass ein neues Jerusalem aus der Höhe herabsteigen. Schenke der Menschheit neue Denkweisen und neues Leben. Statte die Seelen mit neuen Sichtweisen aus und verleihe ihnen neue Tugendhaftigkeit. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Machtvolle. Du bist der Geber, der Freigebige. Es ist leicht, über den menschlichen Körper zu herrschen. Ein König kann die Körper seiner Untertanen in einem ganzen Land unter seine Herrschaft und in seine Gewalt bringen. In früheren Jahrhunderten übten Könige und Regenten absolute Herrschaft über Millionen von Menschen aus, wodurch sie alles umsetzen konnten, was ihnen beliebte. Wenn sie Glück und Frieden schenken wollten, konnten sie es. Wenn sie entschlossen waren, dem Volk Leid und Verdruss aufzubürden, waren sie dazu ebenfalls in der Lage. Wenn sie Männer auf das Schlachtfeld schicken wollten, konnte sich keiner ihrem Befehl widersetzen; und wenn sie beschlossen, dass ihre Reiche sich der Glückseligkeit und heiteren Ruhe einer Zeit ohne Krieg erfreuen sollten, so setzte sich dieser Zustand durch. Mit einem Wort, Könige und Herrscher konnten Millionen von Menschen beherrschen und haben diese Regierungsgewalt mit völliger Willkür und Tyrannei ausgeübt. Der Punkt ist: Stoffliche Körper zu beherrschen, ist höchst einfach, aber den Geist in den Zustand der Gelassenheit zu versetzen, ist äußerst mühsam. Das ist nicht jedermanns Sache. Es braucht dazu eine göttliche und heilige Kraft, die Kraft der Eingebung, die Macht des Heiligen Geistes. Jesus Christus schaffte es zum Beispiel, den Geist in diesen Zustand völliger Gelassenheit zu versetzen. Er hatte die Gabe, Herzen in diese Oase der Ruhe zu führen. Vom Tag Seines Erscheinens an bis in die Gegenwart hat Er Herzen erweckt und Seelen belebt. Er hat belebenden Einfluss auf Herzen und Gemüter ausgeübt; daher wirkt die Erweckung durch Ihn ewig. Bahá'u'lláh ist erschienen, als sich die Welt in endzeitlichem Niedergang befand, und hat bei manchen eine derartige geistige Erweckung bewirkt, dass sie übermenschliche Kräfte entfalteten. Tausende Seiner Anhänger haben ihr Leben hingegeben, und während ihr Blut durch das Schwert vergossen wurde, riefen sie aus: »Yá Bahá'u'l-Abhá!« Eine solche Erweckung ist nur durch eine himmlische Kraft, eine übernatürliche Macht möglich, durch die göttliche Macht des Heiligen Geistes. Durch eine natürliche, rein menschliche Kraft ist das unmöglich. Daher stellt sich die Frage: Wie kann diese Erweckung erreicht werden? Es gibt verschiedene Mittel und Wege, um die Menschheit zu erneuern und sie mit einer neuen Geburt wiederzubeleben.

Dies ist die zweite Geburt, die in den heiligen Schriften erwähnt wird.

Sie geschieht durch die Taufe mit dem Heiligen Geist.

Die Wiedererweckung oder Wiedergeburt des menschlichen Geistes geschieht durch eine tiefere Kenntnis der Liebe Gottes.

Durch die Wirkkraft des Wassers des Lebens.

Dieses Leben und diese Belebung führen zur Erneuerung der materiellen Welt.

Indem der geistige Frühling kommt, die Frühlingsschauer herabregnen, die Sonne der Wahrheit erstrahlt und die Brisen der Vollkommenheit wehen, wird alles vom Leben einer neuen Schöpfung durchdrungen und durch diese Neuerschaffung vervollkommnet.

Denken Sie über den irdischen Frühling nach.

Wenn der Winter kommt, verlieren die Bäume ihre Blätter und die Felder und Wiesen verwelken; die Blumen sterben ab und zerfallen zu Staub.

In den Feldern, Bergen und Gärten bleibt nichts Frisches, keine Schönheit ist sichtbar, kein Grün ist zu sehen.

Alles trägt ein Totengewand.

Wohin Sie auch schauen, sehen Sie die Zeichen von Tod und Verfall.

Aber mit dem Frühling kommen Regenschauer und die Sonne wirft ihr Licht auf Wiesen und Ebenen.

Sie können sehen, wie die Schöpfung in einem neuen Gewand erscheint.

Die Regenfälle erfrischen die Wiesen und lassen sie ergrünen.

Die warmen Brisen sorgen dafür, dass die Bäume sich mit Blättern kleiden.

Sie sind aufgeblüht und werden bald neue, frische und köstliche Früchte hervorbringen.

Alles zeigt sich mit neuem Leben erfüllt.

Eine neue Lebenseinstellung und neuer Geist sind überall erkennbar.

Der Frühling hat alles wieder aufleben lassen und die Erde nach seinem Belieben mit Schönheit geschmückt. Im geistigen Frühling geschieht das in gleicher Weise.

Wenn die heiligen, göttlichen Manifestationen oder Propheten in der Welt erscheinen, bricht ein strahlender Zyklus an, ein Zeitalter der Barmherzigkeit.

Alles wird erneuert.

Verstand, Herz und alle menschlichen Fähigkeiten werden erneuert, Vervollkommnung wird vorangetrieben, Wissenschaften, Entdeckungen und Forschungen bekommen neue Impulse und alles, was mit menschlichen Tugenden zusammenhängt, wird wiederbelebt.

Betrachten Sie dieses gegenwärtige strahlende Jahrhundert und vergleichen Sie es mit den vergangenen Jahrhunderten.

Welch ein großer Unterschied besteht zwischen ihnen!

Wie sich der Verstand entwickelt hat!

Wie sich die Wahrnehmungsfähigkeit gesteigert hat!

Wie die Zahl der Entdeckungen zugenommen hat!

Welche großartigen Projekte vollendet wurden!

Wie viele Wahrheiten offenkundig wurden!

Wie viele Geheimnisse der Schöpfung erforscht und enträtselt wurden!

Was ist die Ursache dafür?

Es ist die Wirkung des geistigen Frühlings, in dem wir leben.

Tag für Tag gewinnt die Welt eine neue Gabe hinzu.

In diesem strahlenden Jahrhundert haben die alten Bräuche, alte Wissenschaften, Handwerke, Gesetze und Vorschriften keinen Bestand.

Die alten politischen Prinzipien verändern sich, und ein neues Staatswesen befindet sich im Aufbau.

Trotzdem versuchen manche, die in ihrer Denkweise erstarrt und deren Seelen des Lichtes der Sonne der Wahrheit beraubt sind, diese Entwicklung des menschlichen Verstandes aufzuhalten.

Ist das möglich? Angesichts dieser unverkennbaren, umfassenden Erneuerung, deren Zeuge wir werden, in der die äußeren Lebensumstände der Menschheit einen solchen Anstoß erhalten, das menschliche Leben neu gestaltet wird, Wissenschaften neue Impulse erfahren, Erfindungen und Entdeckungen zunehmen, die bürgerlichen Gesetze einen Wandel durchmachen und die Moralvorstellungen Auftrieb erfahren und verbessert werden – ist es da möglich, dass die geistigen Impulse und Einflüsse nicht erneuert und weiterentwickelt werden? Natürlich müssen sich auch neue geistige Vorstellungen und Neigungen zeigen. Wenn das geistige Leben nicht erneuert wird, welche Früchte bringt dann eine lediglich materielle Entwicklung hervor? Wenn sich etwa der Körper des Menschen weiterentwickelt, sich die Beschaffenheit der Knochen und Sehnen verbessert, die Hand stärker wird, die Funktionalität anderer Glieder und Körperteile zunimmt, aber der Verstand nicht vorankommt, was nützt dann das Übrige? Den entscheidenden Einfluss auf den menschlichen Fortschritt hat der Verstand. Die Welt des Verstandes bedarf der Entwicklung und Verbesserung. Im Reich des menschlichen Geistes muss es eine Erneuerung geben, andernfalls wird die Verbesserung der bloßen körperlichen Struktur keine Erfolge hervorbringen. In diesem neuen Jahr müssen neue Früchte hervorkommen, denn das ist die Bestimmung und Absicht geistiger Erneuerung. Die Erneuerung des Blattes bringt keine Früchte hervor. Aus der Erneuerung der Rinde oder der Äste wird keine Frucht hervorgehen. Die Erneuerung der Begrünung bringt nichts hervor. Was nützt dann die Erneuerung von Rinde, Blüten, Zweig und Stamm, wenn die Früchte des Baumes nicht erneuert werden? Ein Baum ohne Früchte hat schließlich keinen besonderen Wert. Was nützt gleichsam die Erneuerung des körperlichen Zustands, wenn sie nicht mit geistiger Erneuerung einhergeht? Denn die grundlegende Wirklichkeit ist der Geist, das Fundament ist der Geist, das Leben des Menschen beruht auf dem Geist. Das Glück, die Lebenskraft, die Ausstrahlung, die Herrlichkeit des Menschen – alles ist dem Geist geschuldet. Wenn im Geist keine Erneuerung stattfindet, wird es für das menschliche Dasein keine Auswirkung haben. Darum müssen wir mit Leib und Seele danach trachten, dass die materielle und körperliche Welt erneuert und die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit geschärft wird, dass der Glanz der Barmherzigkeit sich zeigt und die strahlende Wahrheit aufleuchtet. Dann soll der Stern der Liebe erscheinen und die Menschenwelt erleuchtet werden. Dahinter steht das Prinzip, dass der Fortschritt der Welt des Seins von Erneuerung abhängt – ohne diese wird sie wie tot sein. Bedenken Sie: Wenn kein neuer Frühling erschiene, wie würde sich das auf diesen Planeten, die Erde, auswirken? Zweifellos verödete sie und alles Leben würde ausgelöscht. Die Erde braucht die jährliche Wiederkehr des Frühlings. Es ist notwendig, dass neuer Segen erscheint. Bliebe er aus, würde alles Leben vergehen. Genauso benötigt auch die Geisteswelt neues Leben, die Verstandeswelt neue Einstellungen und neue Entwicklungen, die Welt der Seelen neuen Segen, die Welt der Ethik eine Erneuerung und die Welt des göttlichen Glanzes immer wieder neue Gaben. Ohne diese Auffrischung würde das Leben in der Welt vernichtet und ausgelöscht werden. Wenn dieser Raum nicht belüftet und mit frischer Luft versorgt wird, kann man nach einiger Zeit nicht mehr atmen. Wenn kein Regen mehr fällt, gehen alle Lebewesen zugrunde. Wenn kein neues Licht kommt, wird tödliche Dunkelheit die Erde einhüllen. Wenn kein neuer Frühling kommt, wird das Leben auf diesem Globus ausgelöscht werden. Darum müssen die Gedanken edel und die Ideale erhaben sein, um die Menschenwelt auf den Wegen der Erneuerung zu unterstützen.

Wenn diese Erneuerung alle Bereiche erfasst, dann wird der Tag des Herrn kommen, von dem alle Propheten gesprochen haben.

Das ist der Tag, an dem die ganze Welt erneuert wird.

Überlegen Sie:

Können die Gesetze vergangener Zeiten auf die gegenwärtigen menschlichen Lebensbedingungen angewendet werden?

Offensichtlich können sie es nicht.

Beispielsweise haben die Gesetze früherer Jahrhunderte despotische Regierungsformen zugelassen.

Eignen sich die Gesetze einer despotischen Herrschaft für die heutigen Lebensbedingungen?

Wie könnten sie angewendet werden, um Probleme moderner Nationen zu lösen?

Desgleichen stellt sich die Frage:

Welchen Nutzen brächten uns heute alte Denkweisen, primitive Kunst und Handwerk, unzulängliche wissenschaftliche Erkenntnisse?

Würden die landwirtschaftlichen Methoden alter Zeiten im zwanzigsten Jahrhundert genügen?

Der Transport war in vergangenen Zeitaltern beschränkt auf die Beförderung durch Tiere.

Wie könnte das heutzutage den menschlichen Bedarf decken?

Wären die Transportmöglichkeiten nicht weiterentwickelt worden, würden heute Millionen von Menschen verhungern.

Ohne Eisenbahn und schnelle Dampfschiffe wäre die heutige Welt so gut wie tot.

Wie könnten große Städte wie New York oder London überleben, wenn sie von veralteten Transportmitteln abhingen?

Das gilt auch für andere Dinge, die entsprechend den heutigen Erfordernissen weiterentwickelt wurden.

Wären sie nicht verbessert worden, fände der Mensch kein Auskommen. Wenn Weiterentwicklung in materiellen Zusammenhängen derart notwendig ist, wie viel größer ist dann der Bedarf in der menschlichen Geisteswelt, der Welt der Gedanken, der Wahrnehmung, der Tugenden und Gottesgaben! Ist es möglich, dass sich dieser Bedarf nicht verändert hat, während sich die Welt in jedem anderen Bereich weiterentwickelt hat? Das ist unmöglich. Deshalb müssen wir Gott anrufen und anflehen und mit größtem Bemühen danach streben, dass die Welt des menschlichen Daseins auf all ihren Stufen einen mächtigen Impuls erhält, vollständiges menschliches Glück erreicht wird und alle Seelen und Geschöpfe durch die grenzenlose Gunst der Barmherzigkeit Gottes auferstehen.

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26. August 1912 Ansprache im Franklin Square House Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney Zu den Lehren Bahá'u'lláhs gehört das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bahá'u'lláh hat gesagt, dass beide zur Menschheit gehören und vor Gott ebenbürtig sind, denn sie ergänzen einander im göttlichen Schöpfungsplan. Vor Gott liegt der einzige Unterschied in der Reinheit und Rechtschaffenheit ihrer Taten und Handlungen, denn Gott bevorzugt den, der dem geistigen Ebenbild des Schöpfers am nächsten kommt. In den Reichen aller Lebewesen unterscheiden sich die Geschlechter hinsichtlich ihrer Aufgaben, aber weder das männliche noch das weibliche Geschlecht wird bevorzugt oder hervorgehoben. Im Tierreich gibt es unterschiedliche Geschlechter, aber die Rechte sind gleich und ohne Unterschied. Auch im Pflanzenreich finden wir Geschlechter, aber offensichtlich sind die Aufgaben und Rechte gleichwertig. Da in diesen Reichen niedrigerer Intelligenz eine Unterscheidung und Bevorzugung aufgrund des Geschlechts nicht vorkommen, ist es da der höheren Stufe des Menschen angemessen, dass er eine solche Unterscheidung und Bewertung vornimmt, wenn erwiesenermaßen in der Schöpfungsordnung nichts auf eine Unterscheidung hinweist? In der Antike und im Mittelalter war die Frau dem Mann völlig untergeordnet. Die Ursache dafür, sie als minderwertig einzuschätzen, war ihr Mangel an Bildung. Das Leben und die Gedankenwelt einer Frau waren auf den Haushalt beschränkt. Dies wird sogar in den Briefen des Heiligen Paulus erwähnt. In späteren Jahrhunderten nahmen der Handlungsspielraum und die Möglichkeiten im Leben einer Frau zu. Ihr Verstand konnte sich entfalten und entwickeln. Ihre Auffassungsgabe erwachte und vertiefte sich. Es stellte sich die Frage: Warum sollte die Frau in ihrer geistigen Entwicklung zurückbleiben? Wissenschaft ist lobenswert – egal, ob die Forschung durch den Verstand eines Mannes oder einer Frau erfolgt. So machte die Frau nach und nach Fortschritte und bewies zunehmend, dass sie die gleichen Fähigkeiten wie der Mann besitzt – sei es in der wissenschaftlichen Forschung, in der Politik oder in irgendeinem anderen Bereich menschlichen Wirkens. Die Schlussfolgerung daraus ist offensichtlich: Die Frau wurde durch einen Mangel an Bildung und Möglichkeiten zur intellektuellen Entwicklung abgehängt. Mit den gleichen Bildungschancen und dem gleichen Bildungsweg würde sie die gleichen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln. Manche behaupten, dass die Frau von Natur aus nicht mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet ist wie der Mann; dass sie dem Manne intellektuell unterlegen ist, weniger Willenskraft besitzt und nicht seinen Mut hat.

Diese Annahme wird durch die Geschichte und dokumentierte Fakten vollständig widerlegt.

Es gab überaus fähige und zielstrebige Frauen, den Männern an Intellekt und Mut ebenbürtig.

Zenobia war die Frau des Generalgouverneurs von Athen.

Ihr Ehemann starb, und wie die russische Zarin Katharina erwies sie sich als äußerst befähigt bei der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten.

Die römische Regierung ernannte sie zur Nachfolgerin ihres Mannes.

Später eroberte sie Syrien, führte einen erfolgreichen Feldzug in Ägypten und baute eine bemerkenswerte Staatsmacht auf.

Unter der Leitung hochrangiger Kommandeure schickte Rom eine Armee gegen sie aus.

Als die beiden Streitkräfte in der Schlacht aufeinandertrafen, kleidete sich Zenobia in ein prachtvolles Gewand, setzte sich die Krone ihres Reiches aufs Haupt, ritt an der Spitze ihrer Armee voran und besiegte die römischen Legionen so vollständig, dass sie sich nicht wieder neu formieren konnten.

Der Kaiser von Rom selbst übernahm das Kommando der nächsten Armee von hunderttausend Soldaten und marschierte in Syrien ein.

Zu der Zeit befand sich Rom auf dem Höhepunkt seiner Größe und war die stärkste Militärmacht der Welt.

Zenobia zog sich mit ihren Streitkräften nach Palmyra zurück und befestigte die Stadt, um einer Belagerung standzuhalten.

Nach zwei Jahren schnitt der römische Kaiser sie von jedem Nachschub ab, und sie war gezwungen, sich zu ergeben. Die Römer kehrten in einem Triumphzug in ihr eigenes Land zurück. Sie zogen mit Pomp und Pracht in Rom ein, angeführt von afrikanischen Elefanten. Nach den Elefanten kamen Löwen, dann Tiger, Bären und Affen und nach den Affen Zenobia – barfuß laufend, eine goldene Kette um den Hals und eine Krone in der Hand, würdevoll, majestätisch, königlich und mutig, trotz ihres Untergangs und ihrer Niederlage. Unter den herausragenden Frauen der Geschichte war Kleopatra, die Königin von Ägypten, die ihr Königreich lange Zeit gegen die Armeen Roms verteidigte. Katharina, die Frau von Peter dem Großen, bewies während des Krieges zwischen Russland und Muḥammad Páshá Mut und militärstrategisches Können auf höchstem Niveau. Als die Lage Russlands hoffnungslos schien, nahm sie ihre Juwelen und trat vor den türkischen Sieger, bot sie ihm an und kämpfte mit so überzeugendem Geschick und Diplomatie um Gerechtigkeit für ihr Land, dass Frieden geschlossen wurde. Victoria, die Königin von England, übertraf alle Könige Europas deutlich in Bezug auf Fähigkeiten, Gerechtigkeit und unparteiischer Verwaltung. Während ihrer langen und brillanten Regierungszeit wurde das britische Empire aufgrund ihrer politischen Klugheit, ihrer Geschicklichkeit und Weitsicht enorm erweitert und reicher. Die Religionsgeschichte liefert ebenfalls beredte Beispiele für die Fähigkeit der Frau in Zeiten großer Schwierigkeiten und Not. Die Eroberung des Heiligen Landes durch die Israeliten nach vierzigjähriger Wanderung durch die Wüste und Wildnis Judäas wurde durch die Strategie und List einer Frau erreicht. Nach dem Märtyrertod Christi, Ehre sei Ihm, waren die Jünger sehr verstört und entmutigt. Sogar Petrus hatte Christus verleugnet und versucht, sich von Ihm loszusagen. Es war eine Frau, Maria Magdalena, die die schwankenden Jünger in ihrem Glauben stärkte, indem sie sagte: »War es der Leib Christi oder die Wahrheit Christi, die ihr am Kreuz gesehen habt? Gewiss war es Sein Leib. Seine Wahrheit ist ewig und besteht fort, denn sie hat weder Anfang noch Ende. Warum seid ihr also verunsichert und entmutigt? Christus hat immer davon gesprochen, dass Er gekreuzigt werden würde.« Maria Magdalena war nur eine Dorfbewohnerin, eine Bäuerin; dennoch wurde sie zum Mittel des Trostes und der Ermutigung für die Jünger Christi. In der Sache Bahá'u'lláhs gab es Frauen, die den Männern an Erleuchtung, Verstand, göttlichen Tugenden und Gottergebenheit überlegen waren. Unter ihnen war Qurratu'l-'Ayn. Wenn sie sprach, hörten ihr die gelehrtesten Männer ehrfürchtig zu. Sie waren in ihrer Gegenwart äußerst respektvoll und niemand wagte es, ihr zu widersprechen. Unter den heutigen Bahá'í-Frauen in Persien sind Rawḥáníyyih Bushrú'í und andere, die mit Wissen, unbesiegbarer Standhaftigkeit, Mut, Tugend und Willenskraft begabt sind. Sie sind Männern überlegen und in ganz Persien bekannt. Kurz gesagt, die Geschichte zeigt, dass es in den letzten Jahrhunderten sowohl großartige Frauen als auch großartige Männer gegeben hat. Im Allgemeinen wurden Frauen jedoch aufgrund fehlender Bildungsmöglichkeiten eingeschränkt und der Möglichkeit beraubt, zu gut qualifizierten Vertreterinnen der Menschheit zu werden. Wenn sie die Möglichkeit für eine Ausbildung bekamen, zeigten sie die gleichen Fähigkeiten wie Männer. Einige Philosophen und Schriftsteller betrachteten die Frau als von Natur aus und schöpfungsbedingt dem Mann unterlegen und argumentierten, das Gehirn des Mannes sei größer und schwerer als das der Frau. Das ist jedoch ein schwacher und fehlerhafter Beweis, da häufig ein kleines Gehirn mit einem überlegenen Intellekt einhergeht und große Gehirne bei Unwissenden und sogar bei Geisteskranken gefunden werden können. Die Wahrheit ist, dass Gott die ganze Menschheit mit Intelligenz und Auffassungsvermögen ausgestattet hat und alle als Seine Diener und Kinder anerkennt. Daher gibt es im Plan und in der Wertschätzung Gottes keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Eine Seele, die reine Taten und geistige Tugenden aufweist, ist in Seinen Augen von größtem Wert und steht Ihm durch ihre Errungenschaften näher. In diesem strahlenden Jahrhundert wurde die Wahrheit der Dinge offenbart, und was wahr ist, muss zutage treten.

Zu dieser Wahrheit gehört das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau – gleiche Rechte und Vorrechte in allen menschlichen Angelegenheiten.

Bahá'u'lláh verkündete diese Wahrheit vor über fünfzig Jahren.

Aber obwohl dieses Prinzip der Gleichberechtigung wahr ist, ist es gleichermaßen wahr, dass die Frau ihre Befähigung und ihr Geschick beweisen und den Beweis ihrer Gleichberechtigung erbringen muss.

Sie muss die Künste und Wissenschaften beherrschen und durch ihre Leistungen beweisen, dass ihre Fähigkeiten und Kräfte nur verborgen gewesen waren.

Machtdemonstrationen, wie sie jetzt in England stattfinden, sind für die Sache der Frauen und für ihre Gleichberechtigung weder angemessen noch wirkungsvoll.

Die Frau muss ihre Energien und Fähigkeiten besonders auf die industriellen und landwirtschaftlichen Wissensgebiete richten, um die Menschheit bei dem zu unterstützen, was am dringendsten gebraucht wird.

Dadurch wird die Frau ihr Können beweisen und erreichen, dass ihre Gleichberechtigung auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet anerkannt wird.

Zweifellos wird Gott sie in ihren Bemühungen und Bestrebungen unterstützen, denn in diesem strahlenden Jahrhundert hat Bahá'u'lláh die Wahrheit der Einheit der Menschheit verkündet und erklärt, dass alle Nationen, Völker und Ethnien eins sind.

Er hat gezeigt, dass Individuen sich zwar in ihrer Entwicklung und Befähigung unterscheiden können, aber als Menschen im Kern und ihrem Wesen gleich sind, genauso wie es unzählige unterschiedliche Meereswellen gibt, aber die Wirklichkeit des Meeres nur eine ist.

Die Vielfalt der Menschheit kann mit den Wellen verglichen werden, aber die Wirklichkeit der Menschheit ist wie das Meer selbst.

Alle Wellen bestehen aus dem gleichen Wasser, alle sind die Wellen des einen Ozeans. Daher bemühen Sie sich, der Menschheit zu zeigen, dass Frauen äußerst fähig und tüchtig sind, ihre Herzen zärtlicher und empfänglicher als Männerherzen, dass sie menschenfreundlicher sind und den Armen und Notleidenden mehr Verständnis entgegenbringen, dass sie unnachgiebig den Krieg ablehnen und den Frieden lieben. Bemühen Sie sich, dass das Ideal des Weltfriedens durch die Anstrengungen der Frauen verwirklicht wird, denn der Mann neigt mehr zum Krieg als die Frau; ein wirklicher Beweis für die Überlegenheit der Frau wird ihr Einsatz und ihr Erfolg bei der Verwirklichung des Weltfriedens sein.

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27. August 1912 Ansprache im Metaphysical Club Boston, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney In den Gesichtern der Anwesenden sehe ich den Ausdruck von Nachdenklichkeit und Weisheit. Darum möchte ich über ein Thema sprechen, das eine der göttlichen Fragen betrifft, eine Frage von religiöser und metaphysischer Bedeutung, nämlich die kontinuierlich fortschreitende Bewegung der Elementarteilchen durch die verschiedenen Stufen der Erscheinungen und die Reiche des Seins. Es wird deutlich gezeigt werden, dass der Ursprung und die Wirkung der Erscheinungen identisch sind und dass es eine wesenhafte Einheit in allen bestehenden Dingen gibt. Dies ist ein komplexer Grundsatz innerhalb der göttlichen Philosophie, der einer näheren Analyse und Aufmerksamkeit bedarf. Die Elementarteilchen, aus denen sich alle Erscheinungsformen in diesem unbegrenzten Universum zusammensetzen, sind in fortwährender Bewegung und durchlaufen immer wieder neue Stufen des Fortschritts. Denken wir etwa an ein Teilchen im Mineralreich, das zum Pflanzenreich aufsteigt, indem es in die Zusammensetzung und die Fasern eines Baumes oder einer Pflanze eingeht. Von dort wird es aufgenommen und ins Tierreich überführt und schließlich wird es – durch die Gesetzmäßigkeiten und Abläufe der Zusammensetzung – zu einem Bestandteil des menschlichen Körpers. Das heißt, es hat die Zwischenstufen in der Erscheinungswelt durchlaufen und ist auf seiner Reise Teil der Zusammensetzung verschiedener Organismen geworden. Diese Bewegung, diese Übertragungen von einer Stufe zur nächsten, ist fortschreitend und fortwährend, denn nach dem Zerfall des menschlichen Leibes, in den es eingetreten war, kehrt es ins Mineralreich zurück, aus dem es gekommen ist, und wird, wie zuvor beschrieben, weiter durch die Erscheinungswelten ziehen. Dieses Beispiel zeigt, dass die Elementarteilchen, aus denen sich alle Dinge zusammensetzen, nach und nach durch alle Reiche der Materie geleitet und bewegt werden. Bei seiner unaufhörlichen Entwicklung und Bewegung übernimmt das Teilchen die Eigenschaften und Kräfte jeder Stufe, jedes Reiches, das es passiert. Auf der Stufe des Minerals besaß es mineralische Bindungen; im Pflanzenreich zeigte es Vermehrungsfähigkeit und Wachstumsvermögen; im tierischen Organismus brachte es die Intelligenz dieser Stufe zum Ausdruck; und im Menschenreich war es mit menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet. Darüber hinaus gibt es unendlich viele Formen und Organismen in der Erscheinungswelt und im Dasein eines jeden Reiches des Universums.

So gibt es etwa im Pflanzenreich eine unendliche Vielfalt von Arten und materiellen Strukturen – vielfältig und unterschiedlich, keine zwei in der Zusammensetzung und im Detail genau gleich –, denn es gibt in der Natur keine Wiederholung; und die Vermehrungsfähigkeit kann nicht auf irgendein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Gestalt begrenzt werden.

Jedes Blatt hat seine eigene besondere Identität – sozusagen seine eigene Individualität als Blatt.

Als Bestandteil einer organischen Verbindung wird somit jedes der unzähligen Elementarteilchen auf seinem fortgesetzten Weg durch die Reiche des Seins nicht nur von den Kräften und Vorzügen der durchquerten Reiche durchdrungen, sondern spiegelt auch die Merkmale und Eigenschaften der Lebensformen und Organismen dieser Reiche wider.

Da jede dieser Lebensformen ihre individuelle und besondere Eigenschaft besitzt, hat jedes Elementarteilchen des Universums die Möglichkeit, eine unendliche Vielfalt dieser einzelnen Eigenschaften auszudrücken.

Diese Möglichkeit oder Freiheit, sich auszudrücken, bleibt keinem Teilchen vorenthalten.

Man kann auch nicht sagen, dass irgendeinem Teilchen die Chancengleichheit mit anderen Teilchen verwehrt wird; nein, alle sind berechtigt, die Vorzüge dieser Reiche zu besitzen und die Eigenschaften ihrer Organismen zum Ausdruck zu bringen.

Bei den verschiedenen Umformungen oder Übergängen von Reich zu Reich sind die Eigenschaften, die die Teilchen auf jeder Stufe zeigen, eine Besonderheit der jeweiligen Stufe.

So stellt etwa ein Teilchen in der Mineralwelt keine pflanzliche Lebensform, keinen pflanzlichen Organismus dar, und wenn es durch den Prozess der Umgestaltung die Eigenschaften der pflanzlichen Stufe annimmt, spiegelt es nicht die Eigenschaften von tierischen Organismen wider und so weiter. Es ist also offensichtlich, dass jedes Elementarteilchen im Universum die Fähigkeit besitzt, alle Eigenschaften des Universums auszudrücken.

Dies ist eine tiefgründige und abstrakte Betrachtung.

Denken Sie darüber nach, denn darin liegt die wahre Begründung für den Pantheismus.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Pantheismus eine Wahrheit, denn jedes Elementarteilchen im Universum besitzt oder reflektiert alle Qualitäten des Lebens, die sich durch Wandel und Umgestaltung manifestieren.

Deshalb ist der Ursprung und das Ziel aller Erscheinungsformen wirklich der allgegenwärtige Gott; denn die Wirklichkeit aller Erscheinungsformen des Daseins besteht durch Ihn.

Es gibt weder Wahrheit noch die Erscheinungsformen der Wirklichkeit ohne das Wirken Gottes.

Das Dasein wird durch die Freigebigkeit Gottes ermöglicht und verwirklicht, so wie der Strahl oder die Flamme, die von dieser Lampe ausgehen, durch die Freigebigkeit der Lampe entstehen, aus der sie hervorgehen.

So werden alle Erscheinungen durch die göttlichen Gaben hervorgebracht, und die Erklärung der wahren pantheistischen Aussage, des pantheistischen Prinzips ist, dass die Erscheinungsformen des Universums durch die eine Kraft zustande kommen, die alle Dinge belebt und beherrscht, und dass alle Dinge nur die Manifestationen ihrer Energie und ihrer Gaben sind.

Die Eigenschaften des Lebens und des Daseins kommen durch keine andere Wirkkraft zustande.

So ist in den Worten Bahá'u'lláhs die erste Lehre die Einheit der Menschheit. Wenn ein vergeistigter und einsichtsvoller Mensch die Menschheit betrachtet, wird er feststellen, dass das Licht göttlicher Gaben die ganze Menschheit erleuchtet, so wie das Licht der Sonne seinen Glanz auf alle existierenden Dinge ergießt. Alle Erscheinungsformen des materiellen Daseins werden durch die Sonnenstrahlen sichtbar. Ohne Licht wäre nichts sichtbar. In ähnlicher Weise erhalten alle Erscheinungsformen der inneren Wirklichkeitswelt die Gaben Gottes aus der Quelle göttlicher Freigebigkeit. Diese menschliche Ebene, dieses menschliche Reich, ist eine Schöpfung, und alle Seelen sind die Zeichen und Spuren der göttlichen Freigebigkeit. Auf dieser Ebene gibt es keine Ausnahme, alle haben ihre Gaben durch die himmlische Freigebigkeit empfangen. Können Sie eine Seele finden, die der Nähe Gottes beraubt ist? Können Sie eine finden, die Gott ihrer täglichen Versorgung beraubt hat? Das ist unmöglich. Gott ist zu allen freundlich und liebevoll, und alle sind Ausdruck der göttlichen Freigebigkeit. Dies ist die Einheit der Menschheit. Aber einige Seelen sind schwach. Wir müssen uns bemühen, sie zu stärken. Einige sind unwissend und kennen die Gaben Gottes nicht; wir müssen uns anstrengen, ihnen Wissen zu vermitteln. Manche sind krank; wir müssen versuchen, ihre Gesundheit wiederherzustellen. Einige sind unreif wie Kinder. Sie müssen geschult und unterstützt werden, um zur Reife zu gelangen. Wir pflegen die Kranken mit Zärtlichkeit und im gütigen Geist der Liebe. Wir verachten sie nicht, weil sie krank sind. Darum müssen wir äußerste Geduld, Einfühlungsvermögen und Liebe gegenüber der ganzen Menschheit hegen und dürfen keine Seele als verworfen ansehen. Wenn wir eine Seele als verworfen ansehen, gehorchen wir den Lehren Gottes nicht. Gott liebt alle. Sollen wir zu irgendjemandem ungerecht oder unfreundlich sein? Wäre das zulässig vor Gott? Gott sorgt für alle. Geziemt es uns, den Strom Seiner barmherzigen Fürsorge für die Menschheit aufzuhalten? Gott hat alle nach Seinem Ebenbild erschaffen. Sollen wir Seinen Geschöpfen und Dienern mit Hass begegnen? Dies stünde im Gegensatz zum Willen Gottes und entspräche dem Willen Satans, womit die angeborenen Neigungen der niederen Natur gemein sind. Diese niedere Natur des Menschen wird durch Satan symbolisiert – sprich, das schädliche Ego in uns, keine Verkörperung des Bösen außerhalb. Bahá'u'lláh lehrt, dass die Grundlagen der göttlichen Religion auf einer einzigen Wahrheit beruhen, die keine Vielzahl oder Spaltung zulässt. Gebote und Lehren Gottes bilden also eine Einheit. Religiöse Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen existieren in der Welt, weil überlieferte Muster blind nachgeahmt werden, ohne Kenntnis oder Erforschung der allen Religionen zugrunde liegenden göttlichen Wahrheit. Da es unterschiedliche Nachahmungen der althergebrachten Muster gibt, sind Meinungsverschiedenheiten zwischen den Religionsanhängern entstanden. Daher ist es notwendig, die Menschheit von dieser Unterordnung unter blinde Glaubenssätze zu befreien, indem man sie auf den Weg zur Wahrheit führt, der einzigen Grundlage der Einheit. Bahá'u'lláh sagt, dass Religion zu Liebe und Einheit führen muss. Wenn sie sich als Quelle von Hass und Feindschaft erweist, wäre es vorzuziehen, es gäbe sie nicht, denn Wille und Gesetz Gottes ist Liebe, und Liebe ist das Band zwischen den menschlichen Herzen. Die Religion ist das Licht der Welt. Wenn sie durch menschliches Unverständnis und Unwissen zur Ursache der Finsternis gemacht wird, wäre es besser, ohne sie zu sein. Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen – sonst ist sie Aberglaube. Gott hat den Menschen erschaffen, damit er die Wirklichkeit des Seins zu erkennen vermag, und hat ihm Geist und Verstand verliehen, die Wahrheit zu entdecken. Deshalb müssen wissenschaftliche Erkenntnisse und religiöser Glaube der Überprüfung durch diese gottgegebene Fähigkeit des Menschen standhalten. Vorurteile aller Art – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch – zerstören die göttlichen Grundlagen im Menschen. Alle Kriege und alles Blutvergießen in der Geschichte der Menschheit entstanden aufgrund von Vorurteilen. Diese Erde ist eine Wohnstatt und ein Heimatland. Gott hat die Menschheit mit gleichen Gaben und Rechten zum Leben auf dieser Erde erschaffen. So, wie eine Stadt der Wohnort für all ihre Einwohner ist, obwohl jeder sein eigenes Heim darin hat, so ist die Erdoberfläche ein weites Heimatland, ein Wohnort für die ganze Menschheitsfamilie. Rassistische Vorurteile oder die Aufteilung in Nationen wie die französische, deutsche, amerikanische usw. sind unnatürlich und entspringen menschlichen Beweggründen und Unwissenheit. Alle sind die Kinder und Diener Gottes. Warum sollten wir durch künstliche und eingebildete Grenzen getrennt sein? Im Tierreich scharen sich die Tauben in Harmonie und Eintracht zusammen. Sie haben keine Vorurteile. Wir sind Menschen und deutlich intelligenter. Ist es angemessen, dass niedere Geschöpfe Eigenschaften aufweisen, die im Menschen nicht zum Ausdruck kommen? Bahá'u'lláh hat die Grundlage des Weltfriedens dargelegt und verkündet. Seit Jahrtausenden sind Männer und Nationen in die Schlacht gezogen, um so ihre Differenzen auszutragen. Die Ursache dafür waren Unwissenheit und Rückständigkeit. Preis sei Gott! In diesem strahlenden Jahrhundert hat sich der Verstand entwickelt, das Wahrnehmungsvermögen ist schärfer geworden, die Augen sind erleuchtet und die Ohren aufmerksam. Daher wird es unmöglich werden, weiterhin Krieg zu führen. Denken Sie an die menschliche Unwissenheit und Widersprüchlichkeit. Ein Mann, der einen anderen Mann erschlägt, wird mit dem Tode bestraft, aber ein Militärführer, der hunderttausend seiner Mitgeschöpfe umbringt, wird als Held unsterblich. Ein Mann stiehlt einen kleinen Geldbetrag und wird als Dieb eingesperrt. Ein anderer plündert ein ganzes Land und wird als Patriot und Eroberer geehrt. Eine einzige Lüge bringt Vorwurf und Tadel mit sich, aber die Arglist von Politikern und Diplomaten erregt die Bewunderung und das Lob einer Nation. Denken Sie an die Unwissenheit und Widersprüchlichkeit der Menschheit. Wie finster und grausam sind die Instinkte der Menschen! Bahá'u'lláh verkündete, dass die Menschenwelt, ganz gleich wie weit sie in der materiellen Zivilisation auch voranschreitet, dennoch der geistigen Werte und der Gaben Gottes bedarf.

Der Geist des Menschen wird nicht durch materielle Dinge erleuchtet und angeregt.

Er wird nicht durch die Erforschung materieller Phänomene belebt.

Der Geist des Menschen braucht den Schutz des Heiligen Geistes.

So, wie er in fortschreitenden Stufen von der rein körperlichen Welt hin zur geistigen Welt aufsteigt, so muss er sich auch in moralischen Eigenschaften und geistiger Anmut weiterentwickeln.

Für diesen Entwicklungsprozess bedarf er immer der Gaben des Heiligen Geistes.

Die materielle Entwicklung mag mit einem Lampenglas verglichen werden, während göttliche Tugenden und geistige Aufnahmefähigkeit das Licht im Glas sind.

Das Lampenglas ist wertlos ohne das Licht; und so benötigt auch der Mensch in seinem materiellen Zustand die Ausstrahlung und Belebung durch göttliche Gnade und Barmherzigkeit.

Ohne die Gegenwart des Heiligen Geistes ist er leblos.

Obgleich körperlich und intellektuell lebendig, ist er doch geistig tot.

Christus verkündete:

»Was aus dem Fleisch geboren wird, ist Fleisch; und das, was aus dem Geist geboren wird, ist Geist«.

Das bedeutet, dass der Mensch wiedergeboren werden muss.

So, wie der Säugling in das Licht der irdischen Welt hineingeboren wird, so muss der körperliche und vernunftbegabte Mensch in das Licht der göttlichen Welt hineingeboren werden.

Im Mutterleib war sich das ungeborene Kind der physischen Welt um sich herum gar nicht bewusst, aber nach der Geburt erblickte es die Wunder und Schönheiten eines neuen Reiches des Lebens und Seins.

In der Welt des Mutterleibes war es gänzlich unwissend und unfähig, sich diese neue Umgebung vorzustellen, aber nachdem es auf die Welt gekommen ist, entdeckt es die strahlende Sonne, Bäume, Blumen und eine grenzenlose Fülle von Segnungen und Gaben, die es erwarteten.

In der Menschenwelt ist der Mensch an die Natur gebunden und kennt die göttliche Welt nicht, bis er durch den Odem des Heiligen Geistes aus den körperlichen Begrenzungen und Entbehrungen befreit wird.

Dann erblickt er die Wirklichkeit des geistigen Reiches und erkennt die engen Grenzen der Menschenwelt und wird sich der unbegrenzten und unendlichen Herrlichkeiten der Welt Gottes bewusst.

Deshalb gilt:

Wie sehr sich der Mensch auf der Ebene des Körpers und des Verstandes auch weiterentwickeln mag, braucht er doch immer die grenzenlosen Kräfte des Göttlichen, den Schutz des Heiligen Geistes und die Gegenwart Gottes.

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29. August 1912 Ansprache im Haus von Madame Morey 34 Hillside Avenue, Malden, Massachusetts Aufzeichnungen von Edna McKinney In den Büchern der Propheten finden sich bestimmte frohe Botschaften, deren Wahrheitsgehalt über jeden Zweifel erhaben ist.

Schon immer war der Osten Aufgangsort für die Sonne der Wahrheit.

Alle Propheten Gottes sind dort erschienen.

Im Osten wurden die Religionen Gottes verkündet, von dort aus wurden die Lehren Gottes verbreitet und dort wurde das Gesetz Gottes gestiftet.

Der Orient war immer schon der Mittelpunkt des Lichtes.

Der Westen erlangte Erleuchtung vom Osten, aber in mancher Hinsicht strahlte das Licht im Okzident heller auf.

Dies trifft besonders auf das Christentum zu.

Christus erschien in Palästina, und Seine Lehre wurde dort gestiftet.

Während die Tore des Gottesreiches in jenem Land geöffnet und die göttlichen Gaben aus seiner Mitte heraus verbreitet wurden, nahmen die Völker des Westens das Christentum bereitwilliger an und verkündeten es umfassender als jene des Ostens.

Die Sonne der Wahrheit schien vom Horizont des Ostens, doch ihre Wärme und ihr Licht leuchten am stärksten im Westen, wo das strahlende Banner Christi gehisst wurde.

Ich hege große Hoffnung, dass das Licht, das Bahá'u'lláh brachte, auch in diesen westlichen Regionen vollständig zur Geltung kommt, denn die Lehren Bahá'u'lláhs sind genau das, was die Menschen hier in ihrer Situation brauchen.

Die westlichen Nationen besitzen die Fähigkeit, die schlüssigen und unvergleichlichen Aussagen Bahá'u'lláhs zu verstehen und zu erkennen, dass der Kern der Lehren aller früheren Propheten in Seinen Worten zu finden ist. Bahá'u'lláh hat die Lehren Christi verbreitet und zusätzliche neue Lehren offenbart, die für den gegenwärtigen Zustand der Welt angemessen sind. Durch die Kraft und den Schutz des Heiligen Geistes hat Er die Völker des Ostens unterwiesen, die Menschenseelen verbunden und die Grundlagen der internationalen Einheit geschaffen. Durch die Macht Seiner Worte wurden die Herzen der Angehörigen aller Religionen in Einklang gebracht. Zum Beispiel gibt es unter den Bahá'í in Persien Christen, Muslime, Zoroastrier, Juden und viele andere Anhänger unterschiedlicher Konfessionen und Überzeugungen, die in der Sache Bahá'u'lláhs in Einheit und Liebe zusammengebracht wurden. Waren diese Völker früher verfeindet, zerstritten, voller Hass und Bitterkeit gegeneinander, blutrünstig und räuberisch gesinnt, weil sie glaubten, durch Anfeindungen und Angriffe das Wohlgefallen Gottes zu erlangen, so sind sie jetzt liebevoll und von strahlender Begeisterung für Freundschaft und Verbundenheit erfüllt; ihr Ziel ist der Dienst an der Menschenwelt, die Förderung des Weltfriedens, die Vereinigung der göttlichen Religionen und Taten umfassender Menschenliebe. Ihre Worte und Taten beweisen die Wahrheit Bahá'u'lláhs. Denkt an die Feindschaft und den Hass zwischen den verschiedenen Nationen der Welt.

Welche Uneinigkeit und Feindschaft entstehen, wie viel Krieg und Streit, wie viel Blutvergießen, welche Ungerechtigkeit und Tyrannei!

Gerade jetzt herrscht in der Osttürkei Krieg, ebenso zwischen der Türkei und Italien.

Völker gehen völlig auf in Eroberungen und Blutvergießen, werden von religiösem Hass getrieben und trachten nach dem Wohlgefallen Gottes, indem sie jene umbringen und vernichten, die sie in ihrer Blindheit als Feinde erachten.

Wie unwissend sind sie!

Was von Gott verboten wurde, erachten sie als annehmbar vor Ihm.

Gott ist Liebe; Gott trachtet nach Verbundenheit, Reinheit, Heiligkeit und Langmut; dies sind die Attribute des Göttlichen.

Diese kriegerischen, wutentbrannten Völker haben sich gegen das Göttliche erhoben und bilden sich ein, Gott zu dienen.

Was für eine grobe Unwissenheit!

Welche Ungerechtigkeit, Blindheit und Uneinsichtigkeit!

Kurz gesagt:

Wir müssen mit Herz und Seele danach streben, dass diese Finsternis der bedingten Welt zerstreut wird, das Licht des Königreiches über alle Horizonte strahlt, die Menschenwelt erleuchtet wird, das Bild Gottes im Spiegel des Menschen erscheint, das Gesetz Gottes fest gegründet wird und alle Weltgegenden in den Genuss von Frieden, Wohlergehen und Ruhe unter dem gerechten Schutz Gottes kommen.

Meine Ermahnung an euch ist dies:

Seid freundlich zu allen Völkern, liebt die Menschheit und betrachtet alle Menschen als eure Verwandten und als Diener Gottes, des Höchsten.

Strebt Tag und Nacht danach, dass Feindschaft und Streit aus den Herzen der Menschen verschwinden, dass alle Religionen sich versöhnen und die Völker einander lieben, sodass kein rassistisches, religiöses oder politisches Vorurteil bleibe und die Menschenwelt Gott als den Anfang und das Ende allen Seins erkenne.

Gott hat alle erschaffen, und alle kehren zu Gott zurück.

Liebt darum die Menschheit von ganzem Herzen und ganzer Seele.

Wenn ihr einem Armen begegnet, helft ihm; wenn ihr einen Kranken seht, heilt ihn; beruhigt den Verängstigten; macht den Furchtsamen mutig und tapfer, unterweist den Unwissenden, gesellt euch zu dem Fremden.

Nehmt euch Gott zum Vorbild.

Bedenkt, wie freundlich, wie liebevoll Er mit allen umgeht und folgt Seinem Beispiel.

Ihr müsst die Menschen nach göttlichen Grundsätzen behandeln – mit anderen Worten:

Behandelt sie genauso freundlich, wie Gott es tut, denn das ist das Höchste, was die Menschenwelt erreichen kann. Ihr solltet ferner wissen, dass Gott den Menschen mit Verstandeskraft ausgestattet hat, die ihn befähigt, nach der Wahrheit zu forschen.

Gott hat den Menschen nicht dazu bestimmt, blindlings seinen Vorfahren zu folgen.

Er hat ihm Verstand und Vernunft gegeben, um damit die Wahrheit zu suchen und zu entdecken, und was er als wahr und richtig erkennt, muss er annehmen.

Er darf keinen Menschen bloß nachahmen oder ihm blind folgen.

Er darf sich nicht ohne Weiteres auf die Meinung irgendeines Menschen verlassen, ohne sie zu überprüfen.

Nein, jeder Mensch muss eigenständig mit seinem Verstand forschen, um zum richtigen Ergebnis zu gelangen, und ist dann nur dieser Wahrheit verpflichtet.

Die Hauptursache für Kummer und Enttäuschung in der Menschenwelt ist Unwissenheit, die auf blinder Nachahmung beruht.

Deswegen gibt es ständig Kriege und Schlachten; aus diesem Grund entstehen immer wieder Hass und Feindschaft unter den Menschen.

Weil sie die Wahrheit nicht erforschten, wiesen die Juden Jesus Christus zurück.

Sie erwarteten Sein Kommen; Tag und Nacht jammerten sie und klagten:

»O Gott!

Beschleunige den Tag der Ankunft Christi«, und zeigten damit die größte Sehnsucht nach dem Messias; als Christus jedoch erschien, lehnten sie Ihn ab und wiesen Ihn zurück, behandelten Ihn mit arroganter Verachtung, verurteilten Ihn zum Tode und kreuzigten Ihn schließlich.

Wie konnte das geschehen?

Weil sie sich blind an Nachahmung hielten und glaubten, was ihre Väter und Vorfahren ihnen überliefert hatten, sich hartnäckig daran klammerten und sich weigerten, die Wahrheit Christi zu erforschen.

Daher konnten sie nicht an den Gaben Christi teilhaben.

Hätten sie ihre Nachahmungen aufgegeben und die Wahrheit des Messias erforscht, wären sie sicherlich dahin geführt worden, an Ihn zu glauben.

Stattdessen sagten sie:

»Wir haben von unseren Vätern gehört und im Alten Testament gelesen, dass Christus von einem unbekannten Ort kommen muss.

Jetzt stellen wir fest, dass dieser Mann aus Nazareth stammt.« Tief verwurzelt in der wörtlichen Auslegung und in der Nachahmung des Glaubens der Väter und Vorfahren konnten sie die Tatsache nicht erfassen, dass das Wesen Christi von dem unbekannten Ort des göttlichen Königreiches kam, auch wenn Sein Körper aus Nazareth stammte.

Sie sagten auch, dass der Stab Christi aus Eisen sein würde – das heißt, dass Er ein Schwert führen würde.

Als Christus erschien, führte Er ein Schwert, aber es war das Schwert Seiner Zunge, mit dem Er das Falsche vom Wahren trennte.

Die Juden waren jedoch blind für die geistige Bedeutung und Symbolik der prophetischen Worte.

Sie erwarteten auch, dass der Messias auf dem Throne Davids sitzen würde, wohingegen Christus weder einen Thron noch einen Anschein von Souveränität besaß.

Nein, im Gegenteil, Er war ein armer Mann, allem Anschein nach völlig erniedrigt und gescheitert.

Wie konnte Er also der wahre Christus sein?

Dies war einer ihrer hartnäckigsten Einwände und beruhte auf überlieferter Auslegung und Lehre.

Tatsächlich wurde Christus verherrlicht durch ewige Herrschaft und ein immerwährendes Königreich – geistiger Natur, nicht zeitlich begrenzt.

Sein Thron und Sein Reich wurden in den Menschenherzen errichtet, wo Er mit Macht und Autorität immerdar herrscht.

Trotz der Erfüllung aller prophetischen Zeichen in Christus wiesen Ihn die Juden zurück und eine Zeit der Not begann, weil sie treu an Nachahmungen und überlieferten Formen festhielten. Neben anderen Einwänden sagten sie: »Uns wurde durch die Zunge der Propheten versprochen, dass Christus das Gesetz der Thora verkünden wird, wenn Er erscheint, aber jetzt sehen wir, dass diese Person die Gebote des Pentateuch aufhebt, unseren gesegneten Sabbat stört und das Gesetz der Ehescheidung abschafft. Vom alten mosaischen Gesetz hat er nichts übrig gelassen. Deshalb ist er der Feind Moses.« Tatsächlich verkündete und erfüllte Christus das Gesetz Moses. Er war Moses eigentlicher Helfer und Beistand. Er verbreitete das Buch Moses in der ganzen Welt und erneuerte die Grundlagen des Gesetzes, das Moses offenbart hatte. Er hob gewisse unwichtige Gesetze und Sitten auf, die nicht mehr mit den Erfordernissen der Zeit vereinbar waren, wie etwa die Ehescheidung und die Vielehe. Die Juden verstanden dies nicht, und der Grund ihrer Unwissenheit war das blinde und hartnäckige Festhalten an der Nachahmung alter Sitten und Lehren; darum verurteilten sie Christus schließlich zum Tode. Ebenso sagten sie:

»Durch die Propheten wurde verheißen, dass während der Zeit des Erscheinens Christi die Gerechtigkeit Gottes in der ganzen Welt vorherrschen werde, Tyrannei und Unterdrückung würden nicht mehr auftreten, die Gerechtigkeit würde sich sogar auf das Tierreich erstrecken, wilde Tiere würden sich in Freundlichkeit und Frieden zusammenscharen, der Wolf und das Lamm würden aus derselben Quelle trinken, der Löwe und der Hirsch sich auf derselben Weide treffen, der Adler und die Wachtel zusammen im selben Nest wohnen.

Aber stattdessen sehen wir, dass während der Zeit dieses angeblichen Christus die Römer Palästina erobert haben und es mit äußerster Tyrannei regieren.

Gerechtigkeit ist nirgends zu finden, und Zeichen für den Frieden im Tierreich sind offensichtlich nicht vorhanden.« Diese Aussagen und Einstellungen hatten die Juden von ihren Vätern geerbt – blinde Treue zu wörtlich ausgelegten Prophezeiungen, die während der Zeit Jesu Christi nicht eingetreten sind.

Die wahre Bedeutung dieser prophetischen Aussagen bestand darin, dass verschiedene Völker – symbolisiert durch den Wolf und das Lamm, zwischen denen keine Liebe und Verbundenheit möglich war – während der Herrschaft des Messias zusammenkommen, aus derselben lebensspendenden Quelle Seiner Lehren trinken und zu Seinen ergebenen Anhängern werden würden.

Dazu kam es, als Völker aller Religionen, Nationalitäten und Weltanschauungen in ihren Glaubensüberzeugungen geeint wurden und Christus demütig nachfolgten, indem sie sich in Liebe und Brüderlichkeit unter dem Schirm Seines göttlichen Schutzes versammelten.

Die Juden, die das nicht erkannten und an ihren scheinheiligen Nachahmungen festhielten, waren anmaßend und arrogant Christus gegenüber und kreuzigten Ihn.

Hätten sie die Wirklichkeit Christi erforscht, hätten sie Seine Schönheit und Wahrheit erblickt. Gott hat den Menschen mit Forschergeist ausgestattet, durch den er die Wahrheit sehen und erkennen kann. Er hat den Menschen das Hörvermögen gegeben, damit er die Botschaft der Wahrheit hören kann, und Er hat ihm den Verstand verliehen, durch den er Dinge selbst entdecken kann. Das ist seine Gabe und Ausstattung für die Erforschung der Wahrheit. Der Mensch ist nicht dazu bestimmt, mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören oder mit dem Gehirn eines anderen zu verstehen. Jedes menschliche Geschöpf hat individuelle Begabungen, eigene Kräfte und persönliche Verantwortung im Schöpfungsplan Gottes. Deshalb verlasst euch auf euren eigenen Verstand und euer eigenes Urteil und haltet euch an das Ergebnis eurer eigenen Untersuchung; andernfalls werdet ihr völlig im Meer der Unwissenheit versinken und aller Gaben Gottes beraubt sein. Wendet euch Gott zu, fleht demütig an Seiner Schwelle, trachtet nach Beistand und Bestätigung, damit Gott die Schleier zerreiße, die eure Sicht behindern. Dann werden eure Augen erleuchtet, von Angesicht zu Angesicht werdet ihr die Wahrheit Gottes erblicken und euer Herz wird vom Schmutz der Unwissenheit völlig gereinigt werden und die Herrlichkeit und Gaben des Gottesreiches widerspiegeln. Heilige Seelen sind wie der Erdboden, der mit viel harter Arbeit gepflügt und vorbereitet wurde, von dem die Dornen und Disteln entfernt und alles Unkraut gejätet wurde.

Solch ein Boden ist sehr fruchtbar, und die Ernte wird sich als üppig und reichhaltig erweisen.

Genauso muss der Mensch sich vom Unkraut der Unwissenheit, den Dornen des Aberglaubens und den Disteln der Nachahmung befreien, damit er in der Ernte wahren Wissens die Wahrheit entdeckt.

Andernfalls ist die Entdeckung der Wahrheit unmöglich, Streit und abweichende religiöse Anschauungen werden immer bleiben, und die Menschen werden wie wilde Wölfe wüten und hasserfüllt und voller Feindseligkeit einander angreifen.

Wir flehen zu Gott, dass Er die Schleier entferne, die unsere Sicht behindern, und dass die Wolken, die den Weg der Manifestation des Lichtes verdunkeln, aufgelöst werden, sodass die strahlende Sonne der Wahrheit aufleuchte.

Wir flehen und rufen zu Gott, suchen Seinen Beistand und Seine Ermutigung.

Der Mensch ist ein Kind Gottes, höchst edel, erhaben und von Gott, seinem Schöpfer, geliebt.

Darum muss er stets danach streben, dass sich die ihm verliehenen göttlichen Gaben und Tugenden durchsetzen und ihn leiten.

Gegenwärtig erscheint der Boden der Menschenherzen wie schwarze Erde, aber im Innersten dieser dunklen Erde schlummern Tausende duftender Blumen.

Wir müssen danach streben, diese Anlagen zu pflegen und zu erwecken, den geheimen Schatz in diesem Bergwerk und Verwahrungsort Gottes zu entdecken und diese strahlenden Kräfte, die lange in den Menschenherzen verborgen lagen, zum Vorschein zu bringen.

Dann werden die Herrlichkeiten beider Welten verschmelzen und wachsen und das Wesentliche des menschlichen Daseins wird in Erscheinung treten. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, einen bestimmten Weg zu gehen, nur weil wir feststellen, dass unsere Väter denselben Weg eingeschlagen haben. Jeder hat die Pflicht, die Wahrheit selbst zu erforschen. Es hilft uns nicht, wenn jemand anderes sie für uns erforscht. Wenn alle auf der Welt reich wären und ein Mensch arm, was nützten diese Reichtümer diesem Menschen? Wenn die ganze Welt tugendsam wäre und ein Mensch voller Laster, welche guten Ergebnisse würde er hervorbringen? Wenn die ganze Welt leuchtete und ein Mensch blind wäre, welchen Nutzen brächte es ihm? Wenn alle Welt im Überfluss lebte und ein Mensch hungrig wäre, wovon könnte er sich ernähren? Deshalb muss jeder Mensch ein eigenständiger Forscher sein. Die Ideen und Glaubenssätze, die ihm von seinen Vätern und Vorfahren als Erbe hinterlassen wurden, genügen nicht, denn daran festzuhalten ist bloße Nachahmung, und Nachahmung war seit jeher eine Ursache für Enttäuschung und Irreführung. Erforscht die Wirklichkeit, damit ihr zum Wesen der Wahrheit und des Lebens gelangt. Ihr habt gefragt, warum es für die Seele – die ja von Gott kommt – nötig ist, diese Reise zurück zu Gott zu unternehmen. Möchtet ihr den Kern dieser Frage so verstehen, wie ich es lehre, oder möchtet ihr es so hören, wie die Welt es lehrt? Denn würde ich euch die Frage auf die letztere Weise beantworten, wäre dies lediglich Nachahmung und würde das Thema nicht klären. Der Frage liegt die Wahrheit zugrunde, dass der böse Geist, Satan oder was immer als böse betrachtet wird, sich auf die niedere Natur des Menschen bezieht. Diese niedere Natur wird auf verschiedene Weisen symbolisiert. Im Menschen vereinigen sich zwei Wirklichkeiten. Die eine ist Ausdruck der Natur, die andere ist Ausdruck des geistigen Reiches. Die Welt der Natur ist fehlerbehaftet. Betrachtet sie unvoreingenommen und legt allen Aberglauben und jegliche Einbildung ab. Wenn man einen ungebildeten und unzivilisierten Menschen in der Wildnis Afrikas zurückließe, gäbe es dann irgendeinen Zweifel daran, dass er unwissend bliebe? Gott hat nie einen bösen Geist erschaffen. Alle diese Vorstellungen und Bezeichnungen sind Symbole für die rein menschliche, irdische Natur des Menschen. Es ist eine wesentliche Eigenschaft des Erdbodens, dass Dornen, Unkraut und unfruchtbare Bäume darauf wachsen können. Im übertragenen Sinne ist dies das Böse; es ist schlicht die niedere Stufe und das minderwertige Produkt der Natur. Es ist daher offensichtlich, dass der Mensch göttliche Erziehung und Erleuchtung braucht und der Geist und die Gaben Gottes für seine Entwicklung wesentlich sind. Das heißt, die Lehren Christi und der Propheten sind für seine Erziehung und Führung notwendig. Warum? Weil Sie die göttlichen Gärtner sind, Die die Erde des menschlichen Herzens und Verstandes pflügen. Sie erziehen den Menschen, jäten das Unkraut, verbrennen die Dornen und verwandeln karge Orte in Gärten und Obsthaine, in denen fruchtbare Bäume wachsen. Der Sinn und Zweck der Unterweisung durch Sie liegt darin, dass der Mensch verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen muss, bis er zur Vollkommenheit gelangt. Wenn etwa ein Mensch sein ganzes Leben lang in einer Stadt lebt, kann er keine Kenntnis der ganzen Welt erlangen. Um sich bestens auszukennen, muss er andere Städte besuchen, Berge und Täler sehen, Flüsse und Ebenen durchqueren. Mit anderen Worten: Ohne fortschreitende Allgemeinbildung wird keine Vollkommenheit erreicht. Der Mensch muss viele Wege beschreiten und in seiner Aufwärtsentwicklung verschiedene Phasen durchlaufen. Auch körperlich wird er nicht in voller Größe geboren, sondern durchläuft die aufeinanderfolgenden Stufen vom Fötus über Kleinkind, Kindheit, Jugend und Reife bis zum Alter. Angenommen, er hätte die Macht, sein Leben lang jung zu bleiben. Er würde dann die Bedeutung des hohen Alters nicht verstehen und könnte nicht glauben, dass es das gibt. Wenn er den Zustand des Alters nicht wahrnehmen würde, wüsste er nicht, dass er jung ist. Ohne selbst alt zu werden, könnte er den Unterschied zwischen jung und alt nicht erkennen. Hättet ihr nicht die Kindheit durchlebt, wie wüsstet ihr dann, dass dieser Mensch neben euch ein Kind ist? Wenn es kein Falsch gäbe, wie könntet ihr das Richtige erkennen? Wenn es keine Sünde gäbe, wie könntet ihr Tugend schätzen? Wenn böse Taten unbekannt wären, wie könntet ihr gute Taten loben? Wenn Krankheit nicht existierte, wie könntet ihr Gesundheit verstehen? Das Böse existiert nicht – es ist das Fehlen des Guten. Krankheit ist der Verlust der Gesundheit, Armut ist der Mangel an Reichtum. Wenn der Wohlstand schwindet, bist du arm. Du schaust in die Spardose, aber findest nichts darin. Ohne Wissen herrscht Unwissenheit, also ist Unwissenheit einfach der Mangel an Wissen. Der Tod ist die Abwesenheit von Leben. Wir haben also einerseits das Dasein, andererseits das Nichtsein, die Leere, die Abwesenheit des Lebens. Kurz gesagt, die Reise der Seele ist notwendig. Der Pfad des Lebens ist der Weg zu göttlichem Wissen und geistigen Fähigkeiten. Ohne Erziehung und Führung könnte die Seele sich nie über die Grenzen ihrer niederen, unwissenden und unzulänglichen Natur hinaus entwickeln.

Ansprachen 'Abdu'l Bahás in Montreal

1. bis 5. September 1912

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1. September 1912 Ansprache in der Kirche des Messias Montreal, Kanada Nach einer stenografischen Mitschrift Gott, der Allmächtige, hat die ganze Menschheit aus dem Staub der Erde erschaffen.

Er hat alle aus den gleichen Bestandteilen gebildet.

Alle haben dieselbe Abstammung und bewohnen denselben Globus.

Alle wurden erschaffen, unter dem einen Himmel zu wohnen.

Als Mitglieder der Menschheitsfamilie und als Seine Kinder hat Er alle mit der gleichen Empfänglichkeit ausgestattet.

Er versorgt alle, schützt alle und ist gütig zu allen.

Er unterscheidet nicht zwischen Seinen Kindern hinsichtlich Seiner Barmherzigkeit und Gnade.

Mit unparteiischer Liebe und Weisheit hat Er Seine Propheten und göttlichen Lehren gesandt.

Seine Lehren sind das Mittel, um Einigkeit und Verbundenheit unter den Menschen zu schaffen und Liebe und Güte in ihren Herzen zu wecken.

Er verkündet die Einheit der Menschheit.

Er weist zurück, was Unterschiede schafft und die Harmonie zerstört.

Er empfiehlt und lobt jegliches Mittel, das den Zusammenhalt der Menschheit fördert.

Er ermutigt den Menschen bei jedem Schritt auf dem Weg zur endgültigen Einheit.

Die Propheten Gottes waren von der Botschaft der Liebe und der Einheit inspiriert.

Die Bücher Gottes wurden offenbart, um Verbundenheit und Einheit aufzubauen.

Die Propheten Gottes waren die Diener der Wahrheit.

Ihre Lehren sind die Wissensgrundlage für die Wahrheit.

Es gibt nur eine Wahrheit – sie lässt keine Vielheit zu.

Wir schließen daraus, dass die Grundlage der Religionen Gottes eine einzige Grundlage ist.

Trotzdem wurden bestimmte Riten und Nachahmungen, die nichts mit der Grundlage der Lehren der Propheten Gottes zu tun haben, hartnäckig beibehalten.

Da diese Nachahmungen vielfältig und unterschiedlich sind, herrschen Kampf und Streit zwischen den Anhängern der Religionen, und die Grundlage der Religion Gottes verblasst.

Die Menschen bekriegen und töten einander wie wilde Tiere, sie zerstören Häuser und Städte, verwüsten Länder und Königreiche. Gott hat Seine Diener erschaffen, damit sie einander lieben und miteinander in Beziehung treten.

Er hat der Menschenwelt den herrlichen Sonnenglanz Seiner Liebe offenbart.

Liebe ist die Ursache für die Erschaffung der stofflichen Welt.

Alle Propheten haben das Gesetz der Liebe verkündet.

Der Mensch aber hat sich dem Willen Gottes widersetzt und gegen den Plan Gottes gehandelt.

Darum fand die Menschenwelt von Anbeginn der Geschichte bis heute keine dauerhafte Ruhe.

Stets herrschten Krieg und Streit, und in den Herzen wurde Hass gegeneinander geschürt.

Die Ursachen für Blutvergießen und Kampf, Streit und Hass in der Vergangenheit waren entweder religiöse, rassistische, patriotische oder politische Vorurteile.

Deshalb leidet die Menschheit seit jeher Qualen.

Im Orient, wo die Freiheit eingeschränkt ist, sind diese Vorurteile noch ausgeprägter.

Im neunzehnten Jahrhundert waren die Nationen des Ostens unruhig und in einem Zustand inneren Aufruhrs.

Die Dunkelheit der Überlieferungen und Riten hatte die Religion eingehüllt.

Die Anhänger der Religionen führten ständig Krieg, waren voller Feindschaft, Hass und Bitterkeit.

In so einem Umfeld erschien Bahá'u'lláh.

Er verkündete die Einheit der Menschheit und erklärte, dass alle die Diener Gottes seien.

Er lehrte, dass alle Religionen unter dem Schirm und Schutz des Allmächtigen stehen, dass Gott allen gegenüber barmherzig und liebevoll ist, dass die Offenbarungen aller Propheten der Vergangenheit in vollkommener Einheit und Übereinstimmung stehen und dass die himmlischen Bücher sich gegenseitig für gültig erklärt haben.

Warum sollten daher Kampf und Streit unter den Menschen bestehen? Da die ganze Menschheit von dem einen Gott erschaffen wurde, sind wir die Schafe in der Fürsorge und Obhut eines Hirten. Als Seine Schafe müssen wir in Einklang und Einigkeit miteinander leben. Wird ein einziges Lamm von der Herde getrennt, dann müssen alle anderen ihre Gedanken und Anstrengungen darauf richten, es wieder zurückzuholen. Da Gott also der eine himmlische Hirte ist und die ganze Menschheit Seine Herde, so muss, entsprechend der Verkündigung Bahá'u'lláhs, die Religion oder Führung Gottes das Mittel zur Liebe und Gemeinschaft in der Welt sein. Wenn sich Religion als Quelle von Hass, Feindschaft und Streit erweist, wenn sie zur Ursache für Kriege und Kämpfe wird und Menschen dazu bringt, sich gegenseitig zu töten, wäre es besser, es gäbe sie nicht. Denn das, was Hass unter den Menschen hervorruft, wird von Gott abgelehnt, und das, was Gemeinschaft schafft, wird von Ihm geliebt und gebilligt. Religion und göttliche Lehren sind wie ein Heilmittel. Ein Heilmittel muss zur Gesundung führen. Verursacht es Krankheit, ist es weiser und zuträglicher, gar kein Heilmittel zu verwenden. Das ist mit der Feststellung gemeint, dass Religionslosigkeit vorzuziehen ist, wenn Religion zur Ursache von Krieg und Blutvergießen wird, und es besser wäre, es gäbe keine Religion unter den Menschen. Bahá'u'lláh hat erklärt, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang stehen muss. Wenn sie nicht wissenschaftlichen Prinzipien und vernünftigen Überlegungen entspricht, ist sie Aberglaube. Denn Gott hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, die Wahrheit der Dinge zu erfassen und über die Wahrheit selbst nachdenken zu können. Wenn Religion im Widerspruch zu Vernunft und Wissenschaft steht, ist Glaube und Vertrauen unmöglich; und wenn sich im Herzen kein Glaube und kein Vertrauen in die göttliche Religion zeigt, kann es keinen geistigen Fortschritt geben. Nach den Lehren Bahá'u'lláhs müssen alle religiösen, rassistischen, patriotischen und politischen Vorurteile aufgegeben werden, denn sie zerstören die wahre Grundlage der Menschheit.

Er hat verkündet, dass die Religion Gottes nur eine ist, denn alle Offenbarungen basieren auf der Wahrheit.

Abraham rief das Volk zur Wahrheit, Moses verkündete die Wahrheit; Christus führte die Wahrheit ein.

Ebenso waren alle Propheten Diener und Verkünder der Wahrheit.

Die Wahrheit ist eine und unteilbar.

Deshalb sind Vorurteile und Scheinheiligkeit, die heute unter den Religionen bestehen, nicht zu rechtfertigen, denn sie widersprechen der Wahrheit.

Alle Vorurteile stehen dem Willen und Plan Gottes entgegen.

Betrachten wir zum Beispiel Unterscheidungen und Hass aufgrund verschiedener Hautfarbe und Herkunft.

Alle Menschen sind Gottes Kinder, sie gehören derselben Familie an und haben denselben Ursprung.

Es kann keine ›Rassen‹-Vielfalt geben, weil alle die Nachkommen Adams sind.

Dies bedeutet, dass die Annahme, es gäbe Unterschiede zwischen den Menschen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe, nichts als Aberglaube ist.

Vor Gott gibt es keine Engländer, Franzosen, Deutschen, Türken oder Perser.

Alle sind in der Gegenwart Gottes gleich.

Sie gehören einem Menschengeschlecht und einer Schöpfung an.

Gott hat keine derartigen Unterscheidungen getroffen.

Diese Unterscheidungen haben ihren Ursprung im Menschen selbst.

Da sie Sinn und Zweck der Wahrheit widersprechen, sind sie falsch und bloße Einbildung.

Wir sind von gleicher körperlicher Abstammung, wie auch der Aufbau unserer Körper gleich ist – jeder hat zwei Augen, zwei Ohren, einen Kopf und zwei Füße.

Unter den Tieren gibt es keine rassistischen Vorurteile.

Betrachten Sie die Tauben.

Da wird nicht zwischen orientalischer oder abendländischer Taube unterschieden.

Die Schafe bilden alle eine Spezies, es gibt keinen Unterschied zwischen einem östlichen und einem westlichen Schaf.

Wenn sie sich treffen, verbinden sie sich zu einer vollkommenen Gemeinschaft.

Begibt sich eine Taube aus dem Westen in den Orient, wird sie sich ohne zu zögern zu den östlichen Tauben gesellen.

Da gibt es keine ablehnende Haltung, nach dem Motto:

»Du gehörst zum Osten, aber ich komme aus dem Westen.« Ist es vernünftig oder zulässig, dass der Mensch an einem ›Rassen‹-Vorurteil festhält, das im Tierreich nicht existiert? Denken Sie an patriotische Vorurteile. Dies ist ein Planet, eine Erde, ein Land. Gott hat die Welt nicht durch nationale Grenzen unterteilt. Er schuf alle Kontinente ohne Aufteilung in Nationen. Warum sollten wir selbst solche Aufteilungen vornehmen? Das sind nur ausgedachte Linien und Grenzen. Europa ist ein Kontinent; er ist nicht von Natur aus aufgeteilt. Der Mensch hat die Linien gezogen und die Grenzen zwischen den Königreichen und Herrschaftsgebieten festgelegt. Der Mensch erklärt einen Fluss zur Grenzlinie zwischen zwei Ländern und nennt die eine Seite französisch und die andere Seite deutsch, obwohl der Fluss für beide erschaffen wurde und eine natürliche Lebensader für alle ist. Ist es nicht Einbildung und Unwissenheit, die den Menschen dazu verleiten, den göttlichen Willen zu verletzen und die Gaben Gottes zur Ursache von Krieg, Blutvergießen und Zerstörung zu machen? So gesehen sind alle Vorurteile zwischen Menschen Unwahrheiten und Verstöße gegen den Willen Gottes. Gott wünscht Einheit und Liebe, Er befiehlt Harmonie und Verbundenheit. Feindseligkeit ist menschlicher Ungehorsam. Gott Selbst ist Liebe. Bahá'u'lláh verkündete, dass alle Menschen Ausbildung und Anleitung bekommen müssen, da Unwissenheit und der Mangel an Erziehung und Bildung wie trennende Schranken zwischen den Menschen stehen. Durch diese Verfügung wird der Mangel an gegenseitigem Verständnis überwunden und die Einheit der Menschheit gefördert und vorangebracht. Universelle Erziehung und Bildung sind ein allgemeingültiges Gesetz. So ist jeder Vater verpflichtet, seine Kinder entsprechend seiner Möglichkeiten zu unterrichten und zu unterweisen. Wenn er nicht in der Lage ist, sie zu unterrichten, müssen staatliche Stellen, die Vertreter des Volkes, Mittel und Wege für ihre Ausbildung bereitstellen. Im Orient wurden die Frauen benachteiligt und als dem Manne unterlegen angesehen. Bahá'u'lláh verkündete die Gleichberechtigung der Geschlechter – dass sowohl Mann als auch Frau Diener Gottes sind, vor Dem es keinen Unterschied gibt. Wer ein reines Herz hat und Gutes tut, ob Mann oder Frau, ist Gott näher und hat Anteil an Seiner Gunst. Die Geschlechterunterschiede, die es in der Menschenwelt gibt, beruhen auf fehlender Bildung für die Frauen, denen gleiche Chancen für ihre Entwicklung und ihren Fortschritt verweigert wurden. Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird entsprechend den wachsenden Möglichkeiten der Frau in diesem Zeitalter verwirklicht werden, denn Mann und Frau empfangen gleichermaßen die Kräfte und Gaben Gottes, des Schöpfers. Einen Unterschied zwischen ihnen hat Gott in Seinem vollendeten Ratschluss nicht vorgesehen. Bahá'u'lláh hat zur Annahme einer Weltsprache aufgerufen. Man soll sich auf eine Sprache einigen, mit der die Einheit in der Welt herbeigeführt wird. Jeder Mensch soll in zwei Sprachen unterrichtet werden: in seiner Muttersprache und in der Welthilfssprache. Dies wird die Verständigung untereinander erleichtern und Missverständnisse ausräumen, die von den Sprachbarrieren in der Welt verursacht wurden. Alle Menschen beten zu ein und demselben Gott und alle sind gleichermaßen Seine Diener. Sobald sie uneingeschränkt miteinander kommunizieren können, werden sie einander in Freundschaft und Eintracht begegnen, größte Liebe und Verbundenheit füreinander empfinden, und Orient und Okzident werden sich wahrhaftig in Einheit und Einklang umarmen. Am dringendsten benötigt die Welt Frieden zwischen den Nationen. Solange er nicht besteht, wird die Menschheit keine Ruhe finden. Die Nationen und Regierungen müssen einen internationalen Gerichtshof gründen, dem alle Streitfragen vorgelegt werden sollen. Die Entscheidung dieses Gerichtshofs soll endgültig sein. Persönliche Streitfälle werden von einem örtlichen Gericht entschieden. Internationale Fragen werden vor den Weltschiedsgerichtshof gebracht, und dadurch werden die Ursachen für Kriege beseitigt. Vor fünfzig Jahren schrieb Bahá'u'lláh Sendbriefe an die Könige und Herrscher der Welt, in denen die von Ihm offenbarten Lehren und Prinzipien dargelegt wurden. Diese Sendbriefe wurden vor vierzig Jahren in Indien gedruckt und weit verbreitet. Kurz gesagt, durch die Verkündung dieser Prinzipien hat Bahá'u'lláh bewirkt, dass die Vorurteile, von denen die Menschen im Orient betroffen waren, verschwunden sind. Die Gemeinden, die Seine Lehren angenommen haben, leben jetzt in größter Liebe und Harmonie zusammen. Wenn Sie an einem Treffen dieser Menschen teilnehmen, finden Sie Christen, Juden, Muslime, Zoroastrier und Buddhisten, versammelt in vollkommener Gemeinschaft und Eintracht. In ihren Beratungen hat das größte Maß an Toleranz und Freundschaft die frühere Feindseligkeit und den Hass zwischen ihnen verdrängt. Ich habe Amerika besucht und finde überall Zeugnisse einer rechtschaffenen und gerechten Regierung. Deshalb bete ich zu Gott, dass diese westlichen Völker zum Werkzeug werden, um den Weltfrieden zu errichten und die Einheit der Menschheit zu verbreiten. Mögen Sie die Ursache für Einheit und Eintracht zwischen den Nationen werden. Möge hier eine Lampe entzündet werden, die das ganze Weltall mit dem Einssein der Menschenwelt, mit der Liebe zwischen den Herzen der Menschenkinder und mit der Einheit der ganzen Menschheit erhellt. Ich hoffe, dass Sie Unterstützung bei dieser gewaltigen Aufgabe erhalten, dass Sie die Flagge des internationalen Friedens und der Versöhnung auf diesem Kontinent hissen, dass diese Regierung und dieses Volk zu Werkzeugen werden, um diese erhabenen Ideale zu verbreiten, damit die Menschenwelt Ruhe findet, das Wohlgefallen Gottes, des Höchsten, erlangt und Seine Gunst Orient und Okzident umgibt. O Du Mitleidvoller, Du Allmächtiger! Die hier versammelten Seelen wenden ihr Angesicht in Anbetung zu Dir. In tiefster Demut und Ergebenheit schauen sie auf Dein Reich und bitten Dich um Vergebung und Verzeihung. O Gott! Sei dieser Versammlung zugetan. Heilige diese Seelen und wirf die Strahlen Deiner Führung auf sie. Erleuchte ihre Herzen und erfreue ihren Geist mit Deiner frohen Botschaft. Heiße sie alle in Deinem heiligen Reiche willkommen; verleihe ihnen Deine unerschöpflichen Gnadengaben; mache sie glücklich in dieser und der zukünftigen Welt. O Gott! Wir sind schwach; gib uns Kraft. Wir sind arm; beschenke uns mit Deinen unendlichen Schätzen. Krank sind wir; gewähre uns Deine göttliche Heilung. Wir sind machtlos; gib uns Deine himmlische Stärke. O Herr! Lass uns von Nutzen sein in dieser Welt; befreie uns von Selbstsucht und Begierde. O Herr! Mache uns zu Brüdern in Deiner Liebe und lass uns alle Deine Kinder lieben. Bestärke uns im Dienst für die Menschenwelt, sodass wir die Diener Deiner Diener werden, alle Deine Geschöpfe lieben und mit Deinem ganzen Volk mitfühlen. O Herr, Du bist der Allmächtige. Du bist der Barmherzige. Du bist der Vergeber. Du bist der Allmächtige.

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1. September 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell 716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada Nach einer stenografischen Mitschrift Ich freue mich außerordentlich, hier bei euch zu sein.

Preis sei Gott!

Ich sehe vor mir Seelen, die außergewöhnliche Fähigkeiten aufweisen und die Kraft zu geistigem Fortschritt besitzen.

Tatsächlich besitzen die Menschen auf diesem Kontinent bemerkenswerte Fähigkeiten.

Sie sind der Grund dafür, dass ich glücklich bin, und ich bete stets darum, dass Gott sie ermutigen und ihnen beistehen möge, auf allen Ebenen des Seins Fortschritte zu machen.

So, wie sie sich in materieller Hinsicht weiterentwickelt haben, mögen sie sich auch auf der geistigen Ebene weiterentwickeln, denn materieller Fortschritt ist ohne geistigen Fortschritt fruchtlos und führt nicht zu dauerhaften Ergebnissen.

Unabhängig davon, wie stark der physische Körper des Menschen trainiert und entwickelt ist, wird es doch auf der menschlichen Stufe keinen wirklichen Fortschritt geben, wenn der Geist nicht entsprechend voranschreitet.

Welche materiellen Kräfte der Mensch auch zu erlangen vermag, ohne geistige Gaben wird er nicht dazu in der Lage sein, die höchste Entwicklungsstufe im Leben zu erreichen und auszuleben.

Gott hat alles Irdische nach dem Gesetz des materiellen Fortschritts erschaffen, aber den Menschen hat Er erschaffen und mit der Fähigkeit ausgestattet, zu den geistigen und jenseitigen Reichen fortzuschreiten.

Nicht die materiellen Dinge hat Er nach Seinem Ebenbild erschaffen, vielmehr hat Er den Menschen nach diesem Ebenbild und mit der Möglichkeit geschaffen, sich diesem Ebenbild zu nähern.

Er hat den Menschen über alle anderen erschaffenen Dinge herausgehoben.

Alles Erschaffene außer dem Menschen ist gefangen in der Natur und der Sinneswelt, doch der Mensch wurde mit einer geistigen Kraft ausgestattet, durch die er intellektuelle und geistige Wirklichkeiten wahrnehmen kann.

Er hat alles hervorgebracht, was für das Leben in dieser Welt notwendig ist, doch der Mensch wurde erschaffen, um göttliche Tugenden widerzuspiegeln.

Tiere sind die am weitesten entwickelte Lebensform unterhalb des Menschen und allen anderen Lebensformen außer dem Menschen überlegen.

Offensichtlich wurde das Tier für das Leben in dieser Welt geschaffen.

Seine größten Vorzüge zeigt es, wenn es auf der materiellen Daseinsebene hervorragende Leistungen vollbringt.

Ein Tier ist vollkommen, wenn sein Körper gesund ist und seine körperlichen Sinne vollständig sind.

Wenn es körperlich gesund ist, wenn seine Körperkräfte einwandfrei funktionieren, wenn Nahrung und Umweltbedingungen seinen Bedürfnissen genügen, hat es die höchste Vollkommenheit auf seiner Stufe erreicht.

Doch der Mensch ist für seinen Erfolg nicht auf diese Dinge angewiesen.

Wie vollkommen die Gesundheit und körperlichen Kräfte des Menschen auch sein mögen, wenn das alles ist, hat er sich noch nicht über die Stufe eines vollkommenen Tieres erhoben.

Gott hat dem Menschen weit darüber hinaus die Tore zu vollendeter Tugendhaftigkeit und höchsten Errungenschaften geöffnet.

Er hat die Geheimnisse des göttlichen Reiches in das Wesen des Menschen gelegt.

Er hat ihm die Kraft des Intellekts verliehen, sodass er mit Hilfe des Verstandes und gestärkt durch den Heiligen Geist geistige Wahrheiten entdecken und durchdringen und die Geheimnisse der Bedeutungen erforschen kann.

Da diese Kraft zur Durchdringung des höchsten Wissens übermenschlich und übernatürlich ist, wird der Mensch zum Brennpunkt sowohl geistiger als auch materieller Kräfte.

So kann sich der göttliche Geist in seinem Wesen zeigen, kann der Glanz des Königreichs im Heiligtum seines Herzens erstrahlen, können die Zeichen der Attribute und der Vollkommenheit Gottes sich in einem neuen Leben offenbaren, ewige Herrlichkeit und ewiges Leben erlangt werden, das Wissen Gottes aufleuchten und die Geheimnisse des Reiches der Macht enthüllt werden. Der Mensch gleicht dieser Lampe, aber der Glanz des Königreiches gleicht dem Strahlen der Lampe. Der Mensch gleicht dem Glas, aber die geistige Pracht gleicht dem Licht im Glas. Wie durchsichtig das Glas auch sein mag, solange kein Licht darin ist, bleibt es dunkel. Ebenso wird der Mensch, trotz aller materiellen Errungenschaften, wie das Glas ohne Licht sein, wenn ihm die geistigen Tugenden fehlen. Materielle Errungenschaften gleichen einem perfekten Körper, aber dieser Körper braucht den Geist. Wie schön und vollkommen der Körper auch sein mag, ohne den belebenden Geist ist er tot. Wenn aber dieser Körper mit dem Geist verbunden ist und Leben zum Ausdruck bringt, entfalten sich in ihm Vollkommenheit und Tugend. Ohne den Heiligen Geist und seine Gaben ist der Mensch geistig tot. Kinder zum Beispiel, wie gut und rein sie auch sein mögen, wie gesund ihr Körper auch sein mag, gelten dennoch als unvollkommen, weil die Kraft des Verstandes in ihnen noch nicht voll entwickelt ist.

Wenn die Verstandeskraft ihren Einfluss voll entfaltet und sie das Reifealter erreichen, werden sie als vollkommen angesehen.

Ebenso ist der Mensch, wie weit er in weltlichen Angelegenheiten voranschreiten und Fortschritte in der materiellen Zivilisation machen mag, solange unvollkommen, bis er durch die Gaben des Heiligen Geistes belebt wird; denn es ist offensichtlich, dass er unwissend und unvollständig ist, bis er diesen göttlichen Impuls empfängt.

Aus diesem Grund sagte Jesus Christus:

»Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, der kann nicht in das Reich Gottes gelangen.« Damit drückte Christus aus, dass der Mensch von den Gnadengaben und Gunstbezeugungen des Reiches Gottes ausgeschlossen sein wird, sofern er nicht von der materiellen Welt losgelöst und aus der Gefangenschaft des Materialismus befreit wird und einen Teil der Gaben der geistigen Welt erhält.

Das Beste, was wir über ihn sagen können, ist, dass er ein vollkommenes Tier ist.

Niemand kann ihn ernsthaft einen Menschen nennen.

An anderer Stelle sagte Er:

»Was aus dem Fleisch geboren wurde, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren wurde, ist Geist.« Das bedeutet, dass der Mensch, solange er ein Gefangener der Natur ist, einem Tier gleicht, denn er ist nur ein Körper, der durch Geburt entstanden ist – das heißt, er gehört zur Welt der Materie und ist den Naturgesetzen und ihrer Kontrolle unterworfen.

Wenn er jedoch vom Heiligen Geist getauft wird, wenn er von den Fesseln der Natur, von tierischen Neigungen befreit und im Menschenreich vorangeschritten ist, wird er befähigt, das göttliche Königreich zu betreten.

Das Königreich ist das Reich der Gaben und Wohltaten Gottes.

Es ist das Erlangen der höchsten menschlichen Tugenden; es ist die Nähe zu Gott; es ist die Fähigkeit, die Gnadengaben des Altehrwürdigen Herrn zu empfangen.

Wenn der Mensch diese Stufe erreicht, erlebt er die zweite Geburt.

Vor seiner ersten, der körperlichen Geburt, befand sich der Mensch in der Welt des Mutterleibes.

Er hatte keine Kenntnis von dieser Welt; seine Augen konnten nicht sehen; seine Ohren konnten nicht hören.

Als er aus der Welt des Mutterleibes geboren wurde, erblickte er eine andere Welt.

Die Sonne leuchtete in ihrem Strahlenglanz, der Mond schien am Himmel, die Sterne glitzerten am weiten Firmament, die Meere wogten, die Bäume grünten, alle Arten von Lebewesen erfreuten sich des Lebens hier, unendliche Gaben standen für ihn bereit.

In der Welt des Mutterleibes existierte nichts davon.

Dort wusste er nichts von dieser großen Fülle des Daseins.

Nein, er hätte vermutlich das Vorhandensein dieser Welt bestritten.

Doch nach seiner Geburt begann er seine Augen zu öffnen und die Wunder dieses grenzenlosen Universums zu betrachten.

Solange der Mensch sich im Leib der Menschenwelt befindet und ein Gefangener der Natur ist, hat er keinen Zugang zu dem Universum des Königreiches und keine Kenntnis davon.

Wenn er wiedergeboren wird, während er sich noch in der Welt der Natur befindet, erfährt er von der göttlichen Welt.

Er wird merken, dass eine andere, höhere Welt existiert.

Wunderbare Gnadengaben steigen herab; ewiges Leben erwartet ihn; ewige Herrlichkeit umgibt ihn.

Dort sind alle Zeichen der Wirklichkeit und Größe.

Er wird das Licht Gottes sehen.

All diese Erfahrungen wird er machen, wenn er aus der Welt der Natur in die göttliche Welt hineingeboren wird.

Daher gibt es für den vollkommenen Menschen zwei Arten der Geburt:

Die erste, die körperliche Geburt, erfolgt aus dem Mutterleib.

Die zweite oder geistige Geburt erfolgt aus der Welt der Natur.

In beiden Fällen weiß er nichts über die neue Welt des Daseins, in die er eintritt.

Daher bedeutet Wiedergeburt seine Befreiung aus der Gefangenschaft der Natur, Befreitsein von seiner Bindung an dieses sterbliche und materielle Leben.

Dies ist die zweite oder geistige Geburt, von der Jesus Christus in den Evangelien sprach. Die meisten Menschen sind Gefangene im Mutterleib der Natur, versunken im Meer des Materiellen. Wir müssen für ihre Wiedergeburt beten, auf dass sie Einsicht und geistiges Hörvermögen erlangen, auf dass sie das Geschenk eines neuen Herzens, eine neue, das stoffliche übersteigende Kraft erhalten und ihnen in der ewigen Welt unaufhörliche göttliche Gnadengaben zuteilwerden. Heute wandelt die Menschenwelt im Dunkeln, weil sie keine Berührung mit der Welt Gottes hat. Deshalb sehen wir nicht die Zeichen Gottes in den Herzen der Menschen. Die Macht des Heiligen Geistes hat keinen Einfluss. Wenn sich göttliches, geistiges Licht in der Menschenwelt zeigt, wenn göttliche Unterweisung und Führung erscheinen, dann folgt die Erleuchtung, ein neuer Geist wird im Inneren verwirklicht, eine neue Kraft kommt herab und sie erhält neues Leben. Es ist wie die Geburt vom Tierreich in das Reich des Menschen. Wenn der Mensch diese Fähigkeiten erlangt, wird die Einheit der Menschheit sichtbar, das Banner des Weltfriedens wird gehisst, die Gleichberechtigung aller Menschen wird verwirklicht und der Orient und der Okzident werden eins sein. Dann wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, alle Menschen werden sich als Mitglieder einer Familie herausstellen, und jedes Mitglied dieser Familie wird sich der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Hilfe widmen. Das Licht der Liebe Gottes wird scheinen; ewige Glückseligkeit wird enthüllt; immerwährende Freude und geistige Erfüllung wird erlangt. Ich werde beten, und auch ihr müsst beten, dass eine solche himmlische Gabe Wirklichkeit werde, dass Streit und Feindschaft verbannt, Krieg und Blutvergießen beseitigt werden, dass die Herzen zu vollkommener Verständigung gelangen und alle Menschen aus demselben Brunnen trinken. Mögen sie ihr Wissen aus derselben göttlichen Quelle erhalten. Mögen alle Herzen von den Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet werden; mögen alle die göttliche Schule besuchen, geistige Tugenden erwerben und danach streben, himmlische Gaben zu erlangen. Dann wird diese materielle, sichtbare Welt zum Spiegel der Welt Gottes, und in diesem reinen Spiegel werden sich die göttlichen Tugenden des Reiches der Macht widerspiegeln.

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1. September 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell 716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada Nach einer stenografischen Mitschrift Jemand hat das Thema ›Unsterblichkeit‹ zur Sprache gebracht. Das Leben ist der Ausdruck von Zusammensetzung und der Tod ist der Ausdruck von Zerfall.

Im Mineralreich existieren bestimmte Materialien beziehungsweise Grundsubstanzen.

Werden sie durch das Gesetz der Schöpfung zusammengesetzt, entsteht ein Wesen oder ein Organismus.

So fügen sich beispielsweise bestimmte Atome zusammen und der Mensch ist das Ergebnis.

Wenn diese Zusammensetzung zerstört und aufgelöst wird, tritt Verfall ein.

Das ist Sterblichkeit oder Tod.

Wenn bestimmte Elemente zusammenkommen, entsteht ein Tier.

Wenn diese Elemente auseinanderfallen oder zersetzt werden, spricht man vom Tod des Tieres.

Wenn wiederum bestimmte Atome durch chemische Verbindungen zusammengefügt werden, erscheint eine Zusammensetzung, die als Blume bezeichnet wird.

Wenn diese Atome auseinanderfallen und die Zusammensetzung, die sie gebildet haben, sich auflöst, ist das Ende der Blume gekommen.

Sie ist tot.

So ist offensichtlich, dass das Leben Ausdruck der Zusammensetzung ist und die Sterblichkeit oder der Tod dem Zerfall entspricht.

Da der Geist des Menschen nicht aus stofflichen Elementarteilchen zusammengesetzt ist, ist er nicht dem Zerfall und damit dem Tod unterworfen.

Es ist selbsterklärend, dass der menschliche Geist einfach, singulär und nicht zusammengesetzt ist, sodass er zur Unsterblichkeit gelangen kann.

Und es ist ein philosophischer Grundsatz, dass ein einzelnes oder unteilbares Atom unzerstörbar ist.

Es kann höchstens einen Prozess des Aufbaus und Wiederaufbaus durchlaufen.

So werden beispielsweise diese Atome zusammengesetzt, und durch diese Zusammensetzung entsteht ein bestimmter Organismus wie zum Beispiel ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze.

Wenn diese Zusammensetzung aufgelöst wird, bedeutet es das Ende des geschaffenen Organismus, aber die atomaren Bestandteile werden damit nicht aufgelöst; sie existieren weiter, weil sie singulär, einzeln und nicht zusammengesetzt sind.

Daher kann man sagen, dass diese einzelnen Atome unvergänglich sind.

Ebenso ist der menschliche Geist unvergänglich, denn er ist nicht aus Einzelelementen oder Atomen zusammengesetzt, weil er über diese Elemente geheiligt ist.

Dies ist ein einleuchtender Beweis für seine Unsterblichkeit. Betrachten wir als Zweites die Welt der Träume, in der der Körper des Menschen unbeweglich, scheinbar tot und ohne Sinneswahrnehmung daliegt. Die Augen sehen nicht, die Ohren hören nicht und die Zunge spricht nicht. Doch der Geist des Menschen schläft nicht. Er sieht, hört, bewegt sich, nimmt wahr und entdeckt Wahrheiten. Hieraus wird ersichtlich, dass der Geist des Menschen nicht von einer Veränderung oder vom Zustand des Körpers betroffen wird. Auch wenn der materielle Körper sterben sollte, bleibt der Geist ewig lebendig, gerade so wie er in der Traumwelt im reglosen Körper lebt und wirkt. Das heißt, der Geist ist unsterblich und wird nach der Auflösung des Körpers weiterexistieren. Drittens nimmt der menschliche Körper genau eine Form an. Im Laufe seiner Entwicklung geht er von einer Form in eine andere über, nimmt aber nie zwei Formen zugleich an. So bestand er zum Beispiel im Mineralreich aus dessen Elementarteilchen. Nach dem Mineralreich durchquerte er das Pflanzenreich mit seinen Bestandteilen. Vom Pflanzenreich aus ist er durch Evolution ins Tierreich aufgestiegen und von dort ist er ins Menschenreich gelangt. Nach seiner Zersetzung und seinem Zerfall wird er wieder in das Mineralreich zurückkehren, seine menschliche Form verlassen und eine neue Form für sich annehmen. Während dieser Prozesse folgt eine Form der anderen, aber zu keinem Zeitpunkt besitzt der Körper mehr als eine Form. Der Geist des Menschen kann jedoch gleichzeitig in allen Formen zum Ausdruck kommen.

Zum Beispiel sagen wir, dass ein Gegenstand entweder quadratisch oder kugelförmig, dreieckig oder sechseckig ist.

Wenn er dreieckig ist, kann er nicht quadratisch sein; und wenn er quadratisch ist, kann er nicht dreieckig sein.

Ebenso kann er nicht gleichzeitig kugelförmig und sechseckig sein.

Diese verschiedenen Formen oder Gestalten können sich nicht gleichzeitig in einem stofflichen Objekt zeigen.

Darum muss die körperliche Gestalt des Menschen zerstört und abgelegt werden, bevor er eine andere annehmen kann.

Sterblichkeit bedeutet also einen Übergang von einer Form in eine andere – also den Übergang vom Menschenreich ins Mineralreich.

Wenn der stoffliche Mensch tot ist, kehrt er zum Staub zurück; und dieser Übergang ist gleichbedeutend mit Nichtexistenz.

Aber der menschliche Geist selbst enthält all diese Formen, Gestalten und Figuren.

Es ist unmöglich, eine Form zu zerstören, damit sie sich in eine andere Form verwandelt.

Ein Beispiel dafür ist, dass der menschliche Geist im selben Augenblick sowohl ein Quadrat als auch ein Dreieck wahrnimmt.

Zugleich kann man sich noch eine sechseckige Form vorstellen.

Alle diese Formen können im menschlichen Geist gleichzeitig entstehen, und nicht eine von ihnen muss zerstört oder zerbrochen werden, damit sie im Geist des Menschen in eine andere Form übergeht.

Es gibt keine Auslöschung, keine Zerstörung.

Der menschliche Geist ist also unsterblich, weil er nicht von einer Gestalt in eine andere Gestalt übertragen wird. Betrachten wir einen weiteren Beleg: Auf jede Ursache folgt eine Wirkung und umgekehrt. Es gibt keine Wirkung ohne vorhergehende Ursache. Das Sehen ist eine Wirkung. Es gibt keinen Zweifel, dass es hinter dieser Wirkung eine Ursache gibt. Wenn wir eine Rede hören, gibt es einen Sprecher. Wir könnten keine Worte hören, wenn nicht ein Sprecher sie mit seiner Stimme erzeugt. Eine Bewegung ohne einen Beweger oder eine Bewegungsursache ist undenkbar. Jesus Christus lebte vor zweitausend Jahren. Heute sehen wir Seine eindeutigen Zeichen; Sein Licht leuchtet hell; Seine Herrschaft hat sich durchgesetzt; Seine Spuren sind offensichtlich; Seine Gnadengaben strahlen. Können wir behaupten, dass Christus nicht gelebt hat? Wir können die Schlussfolgerung ziehen, dass Christus sicherlich gelebt hat und von Ihm diese Spuren ausgegangen sind. Ein weiterer Beweis: Der Körper des Menschen wird schlank oder füllig; er wird von Krankheit befallen oder erleidet eine Verstümmelung; vielleicht erblinden die Augen, vielleicht werden die Ohren taub. Aber keine dieser Unvollkommenheiten und Schwächen trübt oder beeinflusst den Geist. Der Geist des Menschen bleibt im gleichen Zustand, unverändert. Ein Mensch wird blind, aber sein Geist bleibt derselbe. Er verliert das Gehör, seine Hand wird abgehackt, sein Fuß amputiert, aber sein Geist bleibt derselbe. Er wird träge, er erleidet einen Schlaganfall; aber in seinem Geist gibt es keinen Unterschied, keine Veränderung oder Umwandlung. Dies belegt, dass der Tod nur die Zerstörung des Körpers ist, während der Geist unsterblich und ewig bleibt. Alle Erscheinungen der stofflichen Welt unterliegen der Sterblichkeit und dem Tod, doch der unsterbliche Geist gehört nicht zur stofflichen Welt; er ist heilig und geheiligt über stoffliches Dasein. Würde der Geist des Menschen zur stofflichen Existenz gehören, könnte das Auge ihn sehen, das Ohr ihn hören, die Hand ihn berühren. Solange die fünf Sinne ihn nicht wahrnehmen können, ist stichhaltig bewiesen, dass er nicht zur materiellen Welt gehört und sich daher jenseits von Tod oder Sterblichkeit befindet, die wiederum untrennbar mit diesem stofflichen Dasein verbunden sind. Wenn das Sein nicht den Grenzen des stofflichen Lebens unterliegt, unterliegt es auch nicht der Sterblichkeit. Es gibt viele andere Beweise für die Unsterblichkeit des menschlichen Geistes. Das waren nur einige wenige. Seid herzlich gegrüßt!

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2. September 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell 716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada Nach einer stenografischen Mitschrift Die Natur ist die materielle Welt. Wenn wir sie betrachten, sehen wir, dass sie dunkel und unvollkommen ist. Wenn wir zum Beispiel ein Stück Land in seinem natürlichen Zustand belassen, werden wir es mit Dornen und Disteln bedeckt vorfinden. Nutzloses Kraut und wilde Vegetation werden darauf gedeihen und es wird zu einem Urwald. Die Bäume werden keine Früchte tragen, ihnen wird Schönheit und Symmetrie fehlen. Wilde Tiere, giftige Insekten und Reptilien werden sich in seinen dunklen Winkeln tummeln. Dies ist die Unvollständigkeit und Unvollkommenheit der Welt der Natur. Um diese Bedingungen zu ändern, müssen wir den Boden bestellen und kultivieren, damit Blumen anstelle von Dornen und Unkraut wachsen können – wir müssen gewissermaßen Licht in die dunkle Welt der Natur bringen. Wälder sind in ihrem ursprünglichen Naturzustand düster, dunkel und undurchdringlich. Der Mensch öffnet sie dem Licht, er rodet das verschlungene Unterholz und pflanzt fruchtbare Bäume. Bald verwandeln sich die wilden Wälder und der Dschungel in ertragreiche Obsthaine und wunderschöne Gärten. Ordnung hat das Chaos ersetzt. Das dunkle Reich der Natur ist durch die Kultivierung erleuchtet und verschönert worden. Wenn der Mensch selbst in seinem natürlichen Zustand verbleibt, sinkt er niedriger als das Tier und wird immer unwissender und unvollkommener. Die unzivilisierten Stämme Zentralafrikas belegen das. In ihrem natürlichen Zustand belassen, sind sie in die niedrigsten Tiefen und Grade der Barbarei gesunken und tasten sich durch eine Welt geistiger und sittlicher Finsternis. Wenn wir diese dunkle Ebene menschlicher Existenz erhellen wollen, müssen wir den Menschen aus dem hoffnungslosen Zustand, in der Natur gefangen zu sein, herausholen, für seine Bildung sorgen und ihm den Pfad des Lichtes und des Wissens zeigen, bis er von seiner Unwissenheit befreit, weise und wissend wird. Er wird nicht mehr grausam und rachsüchtig, sondern zivilisiert und freundlich sein. War er zuvor bösartig und bedrohlich, wird er nun mit himmlischen Eigenschaften geschmückt sein. Verbleibt er jedoch ohne Erziehung und Bildung in seinem natürlichen Zustand, wird er gewiss verderbter und brutaler als ein Tier werden, bis hin zum Extrem des Kannibalismus, der bei manchen Stämmen in Afrika beobachtet wurde. Somit ist einleuchtend, dass die Welt der Natur unvollständig und unvollkommen ist, bis sie durch das Licht und den Impuls der Erziehung erweckt und erleuchtet wird. In diesen Tagen gibt es neue philosophische Schulen, die blind behaupten, die Welt der Natur sei perfekt. Wenn das zuträfe, warum werden Kinder in Schulen ausgebildet und erzogen, und wozu dienen ausgedehnte Studien der Naturwissenschaften, Kunst und Literatur an höheren Schulen und Universitäten? Was würde dabei herauskommen, wenn die Menschheit ohne Erziehung und Ausbildung in ihrem Urzustand verbliebe? Alle wissenschaftlichen Entdeckungen und Errungenschaften sind das Ergebnis von Wissen und Bildung. Der Fernschreiber, das Grammophon und das Telefon waren latent in der Welt der Natur vorhanden, wären aber niemals in die Welt des Sichtbaren gelangt, wenn der Mensch nicht kraft seiner Bildung die sie steuernden Gesetzmäßigkeiten entdeckt und durchdrungen hätte. Alle großartigen Entwicklungen und Wunder dessen, was wir Zivilisation nennen, wären verborgen, unbekannt und sozusagen nicht existent geblieben, wenn der Mensch in seinem Urzustand geblieben wäre, ohne die Gaben, Segnungen und Vorteile von Bildung und geistiger Kultur. Der wesentliche Unterschied zwischen dem unwissenden Menschen und dem scharfsinnigen Philosophen ist, dass der Unwissende nicht aus seinem Naturzustand emporgehoben wurde, während der Philosoph sich systematischer Bildung und Erziehung an Schulen und Hochschulen unterzogen hat, bis sein Geist erwachte und sich zu höheren Reichen des Denkens und der Wahrnehmung aufschwang. Im Übrigen sind beide Menschen und Teil der Natur. Gott hat die Propheten mit der Absicht gesandt, die Seele des Menschen zu höherer, göttlicher Erkenntnis zu beflügeln. Zu diesem erhabenen Zweck offenbarte Er die himmlischen Bücher. Deshalb wehte der Odem des Heiligen Geistes durch die Gärten der Menschenherzen, wurden die Tore des Gottesreichs für die Menschheit geöffnet und unsichtbare Eingebungen wurden aus der Höhe herabgesandt. Diese göttliche und geistige Kraft wurde dem Menschen verliehen, damit er sich von den Unvollkommenheiten der Natur reinige und seine Seele in das Reich der Macht und Kraft erhebe. Gottes Absicht ist es, die Dunkelheit der Welt der Natur zu zerstreuen und die unvollkommenen Eigenschaften des ursprünglichen Selbstes durch das strahlende Licht der Sonne der Wahrheit auszulöschen. Die Aufgabe der Propheten Gottes besteht darin, die Menschen zu erziehen und sie von der Knechtschaft ihrer angeborenen Instinkte und körperlichen Neigungen zu befreien. Sie sind wie Gärtner, und die Menschheit ist das Feld, das Sie kultivieren, die Wildnis und der ungepflegte Urwald, worin Sie Sich abmühen. Sie sorgen dafür, dass die krummen Zweige gerade wachsen, die fruchtlosen Bäume Früchte tragen, und Sie verwandeln dieses große, wilde, unkultivierte Feld allmählich in einen schönen Obstgarten, der wunderbare Erträge hervorbringt. Wenn die Natur von allein vollkommen und vollständig wäre, bräuchte die Menschenwelt keine Ausbildung und Kultivierung – es gäbe keinen Bedarf an Lehrern, Schulen und Universitäten, an Kunst und Handwerk.

Die Offenbarungen der Propheten Gottes wären nicht notwendig gewesen und die himmlischen Bücher überflüssig.

Wenn die Natur vollkommen und ausreichend für die Menschheit wäre, würden wir Gott und unseren Glauben an Ihn nicht benötigen.

Daher liegt der Grund für all diese großartigen Hilfen und Mittel zur Erlangung des göttlichen Lebens darin, dass die Welt der Natur unvollständig und unvollkommen ist.

Denkt an Kanada während der frühen Geschichte von Montreal, als sich das Land in seinem wilden, unkultivierten und Urzustand befand.

Der Boden war öde, felsig und nahezu unbewohnbar – riesige Wälder erstreckten sich in alle Richtungen.

Welche unsichtbare Kraft ließ diese große Metropole inmitten solch wilder und abschreckender Bedingungen entstehen?

Es war der menschliche Geist.

Die Natur und die Kraft der Naturgesetze waren also unzureichend.

Der Geist des Menschen schuf Abhilfe und behob diesen unvollkommenen Zustand, sodass wir heute eine große Stadt sehen anstatt einer wüsten, unerschlossenen Wildnis.

Vor Kolumbus war Amerika selbst eine wilde, unkultivierte Fläche von Urwäldern, Bergen und Flüssen – überall urwüchsige Natur.

Jetzt ist es zur Welt des Menschen geworden.

Es war dunkel, abschreckend und wild.

Jetzt ist es erleuchtet durch eine große, prosperierende Zivilisation.

Anstelle von Wäldern sehen wir ertragreiche Bauernhöfe, wunderschöne Gärten und fruchtbare Obstwiesen.

Anstelle von Dornen und nutzloser Vegetation finden wir Blumen, Haustiere und Felder, die auf die Ernte warten.

Wäre die Welt der Natur vollkommen, dann hätte man den Zustand dieses großen Landes unverändert belassen. Wenn man ein Kind seinem natürlichen Zustand überlässt und es keine Bildung bekommt, wächst es zweifellos in Unwissenheit und Analphabetismus auf und seine geistigen Fähigkeiten werden verkümmern und verblassen. Es entwickelt sich dann wie ein Tier. Dies zeigt sich bei den Naturvölkern Zentralafrikas, die in ihrer geistigen Entwicklung kaum über dem Tier stehen. Man muss unausweichlich anerkennen, dass die Pracht der Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, die Quelle und Ursache des menschlichen Fortschritts und der Zivilisation war.

Die Welt der Natur ist das Reich des Tieres.

In seinem natürlichen Zustand und auf seiner begrenzten Stufe ist das Tier vollkommen.

Die wilden Tiere haben sich vollständig nach den Naturgesetzen entwickelt.

Sie erhalten keine Erziehung oder Ausbildung, sie besitzen nicht die Fähigkeit zum abstrakten Denken und sie haben keine geistigen Ideale.

Sie stehen nicht mit der geistigen Welt in Kontakt und haben keine Vorstellung von Gott oder dem Heiligen Geist.

Das Tier kann die geistigen Fähigkeiten des Menschen weder erkennen noch erfassen und es unterscheidet nicht zwischen sich selbst und dem Menschen, da seine Empfänglichkeit auf die Ebene der Sinne beschränkt ist.

Es lebt in Abhängigkeit von der Natur und ihren Gesetzen.

Alle Tiere sind Materialisten.

Gott spielt für sie keine Rolle und sie haben keine Ahnung von einer übersinnlichen Macht im Universum.

Ohne jede Kenntnis der göttlichen Propheten und der Heiligen Bücher sind sie reine Gefangene der Natur und der Sinne.

Tatsächlich ähneln sie den heutigen großen Philosophen, die nicht in Verbindung mit Gott und dem Heiligen Geist stehen, die Propheten ablehnen, keinerlei geistige Empfänglichkeit besitzen, von den himmlischen Gaben ausgeschlossen sind und nicht an eine übernatürliche Macht glauben.

Das Tier führt dieses Leben glücklich und ungestört, während materialistische Philosophen zehn oder zwanzig Jahre lang in Schulen und Hochschulen arbeiten und studieren und Gott, den Heiligen Geist und göttliche Inspirationen bestreiten.

Das Tier ist sogar der größere Philosoph, denn es erlangt diese Fähigkeit ohne Arbeit und Studium.

Zum Beispiel erkennt die Kuh weder Gott noch den Heiligen Geist an, sie weiß nichts von göttlichen Eingebungen, himmlischen Gaben oder geistigen Empfindungen und die Herzenswelt ist ihr fremd.

Wie die Philosophen ist die Kuh eine Gefangene der Natur und weiß von nichts, was über den Bereich der Sinne hinausgeht.

Die Philosophen jedoch rühmen sich damit:

»Wir sind nicht im Aberglauben gefangen; wir verlassen uns ganz auf die Sinneswahrnehmung und erkennen nichts außerhalb der Natur, die alles enthält und umfasst.« Aber die Kuh betrachtet das Leben bescheiden und ruhig vom selben Standpunkt aus, ohne Studium oder Kenntnisse der Wissenschaften, und lebt in äußerster Würde und Majestät in Harmonie mit den Naturgesetzen. Das ist nicht der Ruhm des Menschen. Der Ruhm des Menschen liegt im Wissen um Gott, in spiritueller Empfänglichkeit und im Erlangen geistiger Kräfte und der Gaben des Heiligen Geistes. Der Ruhm des Menschen liegt darin, mit den Lehren Gottes vertraut zu sein. Dies ist der Ruhm der Menschheit. Unwissenheit ist nicht Ruhm, sondern Finsternis. Können diese Seelen, die in den Tiefen der Unwissenheit versunken sind, über die Geheimnisse Gottes und die Gegebenheiten des Daseins Bescheid wissen, während Jesus Christus keine Kenntnis davon hatte? Überragt der Intellekt dieser Menschen den Intellekt Christi? Christus war himmlisch, göttlich und gehörte zur Welt des Königreichs. Er war die Verkörperung geistigen Wissens. Sein Intellekt war diesen Philosophen überlegen, Sein Verständnis tiefer, Seine Wahrnehmung schärfer, Sein Wissen vollkommener. Wie kommt es, dass Er über alles in dieser Welt hinwegsah und auf alles verzichtete? Er legte wenig Wert auf dieses materielle Leben, versagte sich Ruhe und Erholung, akzeptierte Prüfungen und erduldete freiwillig Schicksalsschläge, weil Er mit spiritueller Empfänglichkeit und der Macht des Heiligen Geistes ausgestattet war. Er erblickte den Glanz des göttlichen Reiches, verkörperte die Gnadengaben Gottes und besaß vollkommene Fähigkeiten. Er wurde durch Liebe und Barmherzigkeit erleuchtet, ebenso wie alle Boten Gottes.

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3. September 1912 'Abdu'l Bahás Ansprache vor Sozialisten und Arbeiterführern in der Krönungshalle Montreal, Kanada Es scheint, als ob alle Geschöpfe einzeln und allein existieren könnten. Ein Baum etwa kann einsam und allein in einer Prärie, einem Tal oder an einem Berghang existieren. Ein Tier auf einem Berg oder ein Vogel in den Lüften mögen ein einsames Leben führen. Sie brauchen keine Zusammenarbeit und keine Solidarität. Solche Lebewesen erfreuen sich in ihrem jeweiligen Einzeldasein größter Zufriedenheit und Glückseligkeit. Im Gegensatz dazu kann der Mensch nicht einzeln und allein leben. Er ist auf fortwährende Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe angewiesen. Ein Mensch etwa, der allein in der Wildnis lebt, wird irgendwann hungern. Eigenständig und allein wird er sich nie mit allen lebensnotwendigen Dingen versorgen können. Darum braucht er Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit. Das Geheimnis dieses Phänomens und dessen Grund liegt darin, dass die Menschheit aus einem einzigen Ursprung erschaffen wurde und sich aus einer einzigen Familie entwickelt hat. Darum stellt die ganze Menschheit in Wirklichkeit eine Familie dar. Gott hat keine Unterschiede erschaffen. Er hat alle als Einheit erschaffen, damit diese Familie in vollkommenem Glück und Wohlbefinden zu leben vermag. Zum Thema der Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit: Jeder Staatsbürger sollte in größtem Wohlbefinden und Wohlstand leben, da jeder einzelne Mensch ein Angehöriger des Staatskörpers ist, und wenn einer der Angehörigen sich in Not befindet oder von einer Krankheit befallen ist, leiden zwangsläufig alle anderen mit. Das Auge beispielsweise ist ein Teil des menschlichen Organismus. Wenn das Auge erkrankt, wirkt sich dies auf das gesamte Nervensystem aus. Wenn folglich ein Angehöriger des Staatskörpers krank wird, werden in Wirklichkeit – durch Mitgefühl und Anteilnahme – alle betroffen sein, weil dieser eine Kranke ein Mitglied einer Gruppe von Mitgliedern, ein Teil des Ganzen ist. Ist es möglich, dass ein Mitglied sich in Not befindet und die anderen Teile wohlauf sind? Das ist unmöglich! Denn Gott wünscht, dass jeder im Gemeinwesen der Menschheit sich vollkommenen Wohlergehens und Wohlbefindens erfreuen soll. Obwohl der Staatskörper wie eine Familie ist, leben manche seiner Angehörigen wegen unausgeglichener Verhältnisse im Überfluss und manche in schrecklichem Elend, manche haben genug und manche hungern, manche tragen teure Kleidung und manchen Familien fehlt es an Nahrung und Unterkunft. Warum? Weil es dieser Familie an der notwendigen gegenseitigen Zusammenarbeit und Ausgewogenheit mangelt. Dieser Haushalt wird nicht gut geführt. Dieser Haushalt lebt nicht unter einem vollkommenen Gesetz. Die erlassenen Gesetze sichern kein Glück. Sie sorgen nicht für Wohlergehen. Deshalb muss diese Familie ein Gesetz bekommen, das Wohlergehen und Glück für alle Familienmitglieder gleichermaßen gewährleistet. Ist es vorstellbar, dass ein Teil der Familie in größtem Elend und bitterer Armut lebt und es der übrigen Familie gut geht? Das ist unmöglich, es sei denn, diese Familienmitglieder sind gefühllos, abgestumpft, abweisend und unfreundlich. Dann würden sie sagen: »Auch wenn diese Mitglieder zu unserer Familie gehören – lasst sie allein. Wir sollten uns um uns selbst kümmern. Lasst sie sterben. Solange es mir gut geht, ich geehrt werde und glücklich bin, mag dieser mein Bruder ruhig sterben. Wenn er sich im Elend befindet, soll er im Elend bleiben, solange es mir nur gut geht. Wenn er hungrig ist, soll er hungrig bleiben. Ich bin zufrieden. Wenn er keine Kleider hat, lasst ihn wie er ist, solange ich nur Kleidung habe. Soll er doch in der Wildnis bleiben, wenn er kein Obdach und kein Heim hat, Hauptsache ich habe ein Zuhause.« Solch völlige Gleichgültigkeit in der menschlichen Familie liegt daran, dass es keine Kontrolle gibt, dass funktionierende Gesetze fehlen und dass es an gegenseitigem Wohlwollen mangelt. Hätte man den Mitgliedern dieser Familie Wohlwollen entgegengebracht, würden zweifellos alle ihre Mitglieder sich des Wohlergehens und des Glücks erfreuen. Bahá'u'lláh hat Leitlinien zu jeder Herausforderung gegeben, vor der die Menschheit steht. Für jedes Problem, mit dem der Mensch kämpft, hat Er Glaubensgrundsätze und Regelungen offenbart. Darunter sind auch Wirtschaftslehren. Wenn sie praktisch ausgearbeitet werden, bieten sie allen Staatsbürgern die Lösung für ein Leben voller Glück, Wohlergehen und Zufriedenheit, ohne dass die allgemeine Ordnung Schaden nimmt oder verletzt wird. Auf diese Weise werden weder Streit noch Meinungsverschiedenheiten aufkommen. Es wird weder Aufruhr noch Zwist entstehen. Diese Lösung ist folgende: An erster Stelle steht das Prinzip, dass alle Staatsbürger an den großen Errungenschaften der Menschenwelt teilhaben sollen. Jeder sollte größtmöglichen Wohlstand und Wohlergehen erlangen können. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir beim Landwirt beginnen; dort schaffen wir die Grundlage für das System und die Ordnung, denn die in der Landwirtschaft Beschäftigten übertreffen alle anderen Berufsgruppen hinsichtlich der Bedeutung ihrer Arbeit. In jedem Dorf muss ein allgemeines Lagerhaus errichtet werden, das eine Reihe von Einnahmen verzeichnen wird. Die erste Einnahme wird der ›Zehnte‹ sein. Die zweite Einnahme wird auf Viehbesitz erhoben werden. Die dritte Einnahme wird auf Mineralien erhoben werden, das heißt, von jedem geplanten oder entdeckten Bergwerk geht ein Drittel an dieses große Lagerhaus. Die vierte ist: Die Erbschaft von jedem, der ohne Erben verstirbt, geht an das allgemeine Lagerhaus. Fünftens werden Schätze, die auf dem Land gefunden werden, dem Lagerhaus überantwortet. Alle diese Einnahmen werden in dem Lagerhaus gesammelt. Zur ersten Einnahme, dem ›Zehnten‹: Betrachten wir einen Landwirt, einen in der Landwirtschaft Beschäftigten. Schauen wir uns sein Einkommen an. Wir berechnen sein jährliches Einkommen und seine Ausgaben. Wenn sein Einkommen seinen Ausgaben entspricht, wird von diesem Landwirt nichts gefordert. Das heißt, er wird keiner Besteuerung unterworfen, da er ja sein ganzes Einkommen benötigt. Ein anderer Landwirt könnte Ausgaben in der Höhe von, sagen wir, tausend Dollar und ein Einkommen von zweitausend Dollar haben. Von ihm wird ein Zehntel eingefordert werden, weil er über einen Überschuss verfügt. Wenn aber sein Einkommen zehntausend oder zwanzigtausend Dollar und seine Ausgaben eintausend Dollar betragen, so wird er ein Viertel davon als Steuern bezahlen müssen. Wenn sein Einkommen hunderttausend Dollar und seine Ausgaben fünftausend Dollar betragen, wird er ein Drittel bezahlen müssen, weil er auch dann noch einen Überschuss hat, da seine Ausgaben fünftausend betragen bei einem Einkommen von hunderttausend. Wenn er, sagen wir, fünfunddreißigtausend Dollar bezahlt, hat er zusammen mit den fünftausend Dollar Ausgaben immer noch sechzigtausend Dollar Überschuss. Wenn jedoch seine Ausgaben zehntausend und sein Einkommen zweihunderttausend beträgt, dann muss er sogar die Hälfte abgeben, weil in diesem Fall neunzigtausend übrigbleiben. Ein solcher Verteilungsschlüssel wird den Steueranteil bestimmen. Alle Steuereinnahmen werden an das allgemeine Lagerhaus gehen. Sodann muss man Notfälle wie folgt berücksichtigen: Einem Landwirt, dessen Ausgaben sich auf zehntausend Dollar belaufen und dessen Einkommen nur fünftausend beträgt, werden vom Lagerhaus die notwendigen Ausgaben erstattet. Ihm werden fünftausend Dollar zugeteilt, sodass er nicht in Not gerät. Auch für die Waisenkinder wird gesorgt; um ihren vollständigen Lebensbedarf wird man sich kümmern. Menschen mit Behinderungen im Dorf – für alle ihre Ausgaben wird gesorgt. Die Armen im Dorf – ihre notwendigen Ausgaben werden übernommen. Und andere Mitglieder des Dorfes, die aus triftigen Gründen arbeitsunfähig sind – die Blinden, die Alten, die Tauben –, auch für ihr Wohl muss gesorgt werden. Im Dorf wird niemand bedürftig bleiben. Alle werden äußerst zufrieden und in Wohlstand leben. Zugleich wird die allgemeine Staatsordnung nicht von Zersplitterung beeinträchtigt. Soweit wurden die Ausgaben beziehungsweise der Aufwand des allgemeinen Lagerhauses und sein Tätigkeitsbereich erläutert. Die Einnahmen dieses allgemeinen Lagerhauses sind dargelegt. Die Dorfbewohner werden Treuhänder wählen, die diese Transaktionen überwachen. Für die Landwirte wird gesorgt, und sollte nach der Deckung all dieser Ausgaben ein Überschuss im Lagerhaus vorhanden sein, muss dieser an die Staatskasse überwiesen werden. Dieses System ist so aufgebaut, dass die Armen im Dorf sorgenfrei und die Waisen glücklich und wohlbehalten leben können; mit einem Wort: Niemand wird Not leiden. Jeder einzelne Staatsbürger wird somit zufrieden und gut leben. Für größere Städte wird es natürlich ein System in größerem Maßstab geben. Würde ich auf diese Lösung eingehen, würden die Einzelheiten viel Zeit kosten. Als Ergebnis dieses Systems wird jeder Staatsbürger höchst zufrieden und glücklich leben und niemandem dafür zu etwas verpflichtet sein. Trotzdem wird es Abstufungen geben, denn in der Menschenwelt gibt es unweigerlich Unterschiede. Der Staat kann mit einer Armee verglichen werden. In dieser Armee muss es einen General geben, es muss einen Feldwebel geben, es muss einen Feldmarschall geben, es muss eine Infanterie geben, doch alle sollten sich in höchstem Maß der Zufriedenheit und des Wohlergehens erfreuen. Gott ist unparteiisch und schaut nicht auf die Person. Er hat für alle vorgesorgt. Die Ernte ist für jeden da. Der Regen fällt auf alle und die Sonnenwärme ist dazu bestimmt, jeden zu erwärmen. Die Früchte der Erde sind für alle da. Darum sollte es für die ganze Menschheit größtes Glück, größtmögliche Zufriedenheit und größtes Wohl geben. Aber wenn manche glücklich und zufrieden sind und andere in Not leben, wenn manche übermäßigen Reichtum anhäufen und andere in größter Bedürftigkeit leben – in einem solchen System kann der Mensch unmöglich glücklich sein oder das Wohlgefallen Gottes erlangen. Gott ist gütig zu allen. Das Wohlgefallen Gottes steht in Verbindung mit dem Wohl jedes einzelnen Mitglieds der Menschheit. Ein persischer König weilte eines Nachts in seinem Palast, in dem er in größtem Luxus und Wohlergehen lebte. Mit überschäumender Freude und Wonne wandte er sich an einen Mann und sagte: »Dies ist der glücklichste Augenblick meines Lebens. Preis sei Gott, überall herrscht Wohlstand und lacht das Glück! Meine Schatzkammer ist gefüllt und die Armee ist gut geführt. Ich besitze viele Paläste, grenzenlos Land, meiner Familie geht es gut, mein Ansehen und meine Herrschaft sind beachtlich. Was will ich mehr?« Der Arme am Palasttor erwiderte: »O gütiger König! Angenommen, Ihr seid in jeder Hinsicht so glücklich, ohne Kummer und Sorgen – sorgt Ihr Euch nicht um uns? Ihr sagt, Ihr selbst hättet keine Sorgen – aber denkt Ihr niemals an die Armen in Eurem Land? Ziemt es sich oder ist es schicklich, dass Ihr im Wohlstand lebt und wir in solch bitterer Not und solchem Elend? Wie könnt Ihr angesichts unserer Nöte und Schwierigkeiten in Eurem Palast ruhen? Wie könnt Ihr behaupten, Ihr wäret frei von Kummer und Sorgen? Als Herrscher dürft Ihr nicht so egoistisch sein und nur an Euch denken. Ihr müsst vielmehr an die denken, die Euch untergeben sind. Wenn es uns gut geht, wird es auch Euch gut gehen; aber wenn wir Not leiden, wie könnt Ihr als König dann glücklich sein?« Der Kerngedanke ist: Wir bewohnen alle den einen Erdball. Tatsächlich sind wir eine Familie und jeder von uns ist ein Mitglied dieser Familie. Wir sollten alle in größtmöglichem Glück und Wohlergehen leben, unter einer gerechten Herrschaft und unter Regeln nach Gottes Wohlgefallen, die somit auch uns glücklich machen, denn dieses Leben ist vergänglich. Wenn der Mensch sich nur um sich selbst kümmern würde, wäre er nicht mehr als ein Tier, denn nur Tiere sind derart eigennützig. Brächte man 1000 Schafe zu einem Brunnen, um 999 zu töten, würde das eine verbleibende Schaf weiter grasen, nicht an die anderen denken, sich gar keine Sorgen über den Verlust machen, sich überhaupt nicht darum kümmern, dass die eigenen Artgenossen verschwanden, umkamen oder getötet wurden. Nur an sich selbst zu denken, ist also eine tierische Eigenschaft. Es ist eine tierische Eigenheit, einsam und allein zu leben. Es ist eine tierische Eigenheit, nur für das eigene Wohlbefinden zu sorgen. Aber der Mensch wurde als Mensch erschaffen, um allen Mitmenschen gegenüber ehrlich, gerecht, barmherzig, wohlwollend zu sein. Er sollte niemals nur auf sein eigenes Wohl bedacht sein, während andere in Not und Elend darben. Das wäre eine Eigenschaft des Tieres, nicht des Menschen. Nein, vielmehr muss der Mensch gewillt sein, Mühsal zu ertragen, damit andere sich des Wohlstands erfreuen können; er sollte die eigene Anstrengung wertschätzen, wenn er dadurch anderen zu Glück und Wohlergehen verhilft. Dies zeichnet den Menschen aus. Dies geziemt dem Menschen. Andernfalls wäre der Mensch kein Mensch, sondern weniger als ein Tier. Der Mensch, der anderen gegenüber gleichgültig ist und nur an sich selbst denkt, steht zweifellos unterhalb der Stufe des Tieres, weil das Tier keine Vernunft besitzt. Das Tier ist entschuldigt; aber der Mensch besitzt Vernunft, den Gerechtigkeitssinn, die Fähigkeit zur Barmherzigkeit. Weil er all diese Fähigkeiten besitzt, darf er sie nicht ungenutzt lassen. Wer so hartherzig ist, nur an das eigene Wohl zu denken, kann nicht als Mensch bezeichnet werden. Der ist ein wahrer Mensch, der seine eigenen Interessen zum Wohle anderer vergisst. Sein eigenes Wohlergehen opfert er für das Gemeinwohl. Er muss sogar bereit sein, sein eigenes Leben für das Leben der Menschheit zu opfern. Ein solcher Mensch ist die Ehre der Menschenwelt. Ein solcher Mensch ist der Ruhm der Menschheit. Ein solcher Mensch erlangt ewige Seligkeit. Ein solcher Mensch ist der Schwelle Gottes nahe. Ein solcher Mensch ist die wahre Verkörperung ewiger Glückseligkeit. Andernfalls gleichen die Menschen den Tieren und zeigen die gleichen Veranlagungen und Neigungen wie die Tierwelt. Welchen Unterschied gäbe es? Welche Vorzüge, welche Vollkommenheit hätte der Mensch? Überhaupt keine! Die Tiere sind darin sogar besser – sie denken nur an sich selbst, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer. Bedenkt, wie die größten Menschen der Welt – ob Propheten oder Philosophen – alle ihre persönliche Bequemlichkeit aufgegeben, das persönliche Vergnügen für das Wohlergehen der Menschheit geopfert haben. Sie haben ihr eigenes Leben für das Gemeinwesen geopfert. Sie haben ihren eigenen Besitz für die allgemeine Wohlfahrt hingegeben. Sie haben ihre eigene Ehre zugunsten der Ehre der Menschheit aufgegeben. Darum leuchtet es ein, dass dies die höchste Errungenschaft für die Menschenwelt ist. Wir bitten Gott, die Menschen mit Gerechtigkeit auszustatten, damit sie sich rechtschaffen verhalten und sich für das Wohl aller Menschen einsetzen mögen, sodass alle ihr Leben in größter Zufriedenheit und größtem Wohlergehen verbringen können. Dann wird diese materielle Welt zum Paradies des Gottesreiches werden, dann wird sich diese stoffliche Welt in einem himmlischen Zustand befinden, und alle Diener Gottes werden in größter Freude, Glückseligkeit und Zufriedenheit leben. Wir alle müssen danach streben und all unsere Gedanken darauf konzentrieren, dass der Menschenwelt eine solche Glückseligkeit zuteilwerde. Ein drängendes Problem ist das der sozialen Strukturen. Es wird nicht durch Lohnstreiks gelöst werden. Alle Regierungen der Welt müssen sich zusammenschließen und eine Versammlung organisieren, deren Mitglieder aus den Volksvertretungen und den Edlen der Nationen ausgewählt werden. Sie müssen mit größter Weisheit und Entschlossenheit einen Plan entwickeln, durch den weder der Kapitaleigner enorme Verluste erleidet noch die Arbeitnehmer in eine Notlage geraten. Sie sollten das Gesetz äußerst maßvoll gestalten und dann öffentlich verkünden, dass die Rechte der Arbeitnehmer entschieden gewahrt werden müssen. Auch die Rechte der Kapitaleigner müssen geschützt werden. Wenn ein solcher allgemeingültiger Plan einvernehmlich von beiden Seiten angenommen wird und dann ein Streik ausbricht, sollten alle Regierungen der Welt diesem vereint entgegentreten. Andernfalls wird das Problem der Arbeit zu viel Unheil führen, insbesondere in Europa. Schreckliche Dinge werden geschehen. Ein Beispiel: Die Besitzer von Grundstücken, Bergwerken und Fabriken sollten ihr Einkommen mit ihren Arbeitnehmern teilen und einen gerecht bemessenen Prozentsatz ihrer Produkte ihren Arbeitnehmern abgeben, damit die Arbeitnehmer neben ihrem Lohn auch etwas vom allgemeinen Einkommen des Unternehmens erhalten, so dass der Arbeitnehmer mit ganzer Seele bei der Arbeit ist. In der Zukunft wird es keine Monopole mehr geben. Das Problem mit den Monopolen wird vollständig beseitigt werden. Außerdem wird jede Fabrik mit 10.000 Geschäftsanteilen davon 2000 Geschäftsanteile ihren Arbeitnehmern überlassen und diese auf ihren Namen eintragen lassen, so dass sie ihnen gehören, und den Rest werden die Kapitaleigner besitzen. Nachdem Ausgaben und Löhne bezahlt wurden, muss am Ende des Monats oder des Jahres der ganze Ertrag entsprechend der Anzahl der Geschäftsanteile unter beiden aufgeteilt werden. Tatsächlich ist dem einfachen Volk bisher großes Unrecht widerfahren. Es müssen entsprechende Gesetze erlassen werden, da die Arbeitnehmer mit dem gegenwärtigen System unmöglich zufrieden sein können. Sie werden jeden Monat und jedes Jahr streiken. Am Ende werden die Kapitalisten verlieren. Vor langer Zeit gab es einmal einen Streik bei den türkischen Soldaten. Sie sagten zur Regierung: »Unsere Löhne sind sehr niedrig und sie sollten erhöht werden.« Die Regierung war gezwungen, ihre Forderungen zu erfüllen. Kurz darauf streikten sie erneut. Schließlich landeten alle Erträge in den Taschen der Soldaten bis zu dem Extrem, dass sie den König umbrachten und sagten: »Warum hast du unsere Löhne nicht erhöht, so dass wir mehr bekommen hätten?« Es ist unmöglich, dass ein Land ohne Gesetze in Recht und Ordnung lebt. Um dieses Problem zu lösen, müssen konsequente Gesetze geschaffen werden, so dass sie von allen Regierungen der Welt geschützt werden. Nach den bolschewistischen Prinzipien wird Gleichberechtigung mit Gewalt durchgesetzt. Die Massen, die sich den Leuten in gehobenen Stellungen und der besitzenden Klasse widersetzen, wollen an deren Gewinn teilhaben. Aber in den göttlichen Lehren wird Gleichberechtigung durch die Bereitschaft zum Teilen verwirklicht. Hinsichtlich des Reichtums wird geboten, dass die Reichen in der Bevölkerung und die Aristokraten sich aus freiem Antrieb und um ihres eigenen Glückes willen mit den Armen beschäftigen und sich um sie kümmern sollen. Diese Gleichberechtigung ist das Ergebnis der erhabenen Merkmale und edlen Eigenschaften der Menschheit.

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5. September 1912 Ansprache in der St. James-Methodist-Church Montreal, Kanada Nach einer stenografischen Mitschrift Preis sei Gott! Es erfüllt mich mit Freude, heute Abend hier zu sein und in die Gesichter von Menschen zu blicken, die entschlossen die Wirklichkeit erforschen und sich aufrichtig danach sehnen, die Wahrheit zu erkennen. Gott hat den Menschen erschaffen und ihn mit Verstand ausgestattet, wodurch er zu gültigen Schlussfolgerungen gelangen kann. Deshalb muss der Mensch immer und überall danach streben, die grundlegende Wahrheit zu erforschen. Wenn er nicht eigenständig forscht, macht er keinen Gebrauch von dem Talent, das Gott ihm verliehen hat. Ich freue mich über die Menschen in Amerika, da sie in der Regel eigenständig nach der Wahrheit suchen. Sie setzen ihren Verstand ein und lassen ihn nicht untätig und unproduktiv ruhen. Das ist äußerst lobenswert. Manche Menschen meinen, dass die Gaben Gottes versiegen, so als ob die göttlichen Gnadengaben zu einer Zeit ausgegossen würden, zu einer anderen Zeit der Menschheit aber versagt blieben und endeten.

Wenn wir gründlich darüber nachdenken, erkennen wir, dass eine solche Aussage in Wirklichkeit eine Verneinung des Göttlichen ist, denn die göttliche Wahrheit zeigt sich, indem sie ihre Gnadengaben über die Schöpfung ergießt.

Ein Ende der Gnadengaben Gottes zu irgendeinem Zeitpunkt wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Herrschaft Gottes.

Die Sonne ist die Sonne wegen ihrer Strahlkraft und ihrer Wärme.

Sie ist die Sonne wegen ihrer Gaben, aber wenn einmal ihr Glanz, ihr Leuchten und ihr Strahlen aufhörten, wäre sie nicht mehr die Sonne.

Folglich ist es unvorstellbar, dass die Gaben des Göttlichen enden, denn die Eigenschaften des Göttlichen sind immer vorhanden.

Gott war immer göttlich.

Er hat Seine Herrschaft immer ausgeübt und besitzt fortwährend ewige Göttlichkeit und höchste Herrschaft.

Er ist wie die Sonne, die immer ihren Glanz, ihre Wärme und ihr Strahlen besaß und diese Gaben und Attribute weiterhin besitzen wird.

Sollten zu irgendeinem Zeitpunkt ihr Strahlen und ihre Hitze enden, würde man sie nicht länger als Sonne bezeichnen.

Deshalb kommt der Verstand mit vernünftigen Überlegungen zu dem Schluss, dass die Gaben des Heiligen Geistes andauern und heilige Seelen immer Empfänger dieser göttlichen Ausstrahlungen sind.

Die Kraft des Heiligen Geistes währt ewig und ist nicht vorübergehend, denn die Heiligkeit des Heiligen Geistes ist seine Kraft und Wirksamkeit, die sich in den Seelen zeigt, die er beflügelt.

Wir beten darum, dass wir alle Empfänger seiner Gnadengaben werden, dass wir vom Licht des Himmels erleuchtet werden, durch die Lehren Gottes erbaut und von den Tugenden eines göttlichen Charakters durchdrungen werden, wie Spiegel, die das Sonnenlicht reflektieren.

Solange der Spiegel das Sonnenlicht nicht reflektiert, ist er nur ein dunkler, lebloser Gegenstand.

Ebenso siechen Herzen und Seelen der Menschen im Abgrund der Dunkelheit und Unwissenheit dahin, solange sie keinen Anteil an den Gaben des Heiligen Geistes haben. Seit undenklichen Zeiten wurden die göttlichen Lehren aufeinander folgend offenbart, und die Gaben des Heiligen Geistes wurden unaufhörlich verströmt.

All diese Lehren sind nur eine Wahrheit, denn die Wahrheit ist eins und lässt keine Vielheit zu.

Daher sind die göttlichen Propheten eins, weil sie die eine Wahrheit offenbaren, das Wort Gottes.

Abraham verkündete Lehren, die auf der Wahrheit beruhten, Moses verkündete die Wahrheit, Christus vermittelte die Wahrheit, und Bahá'u'lláh war der Bote und Herold der Wahrheit.

Doch die Menschheit hat die eine wesentliche und grundlegende Wahrheit, die allen Religionen Gottes zugrunde liegt, aufgegeben und blind an Nachahmungen angestammter Bräuche und Interpretationen des Glaubens festgehalten.

Deshalb wird sie durch Zank, Streit und Fanatismus der verschiedenen Sekten und religiösen Splittergruppen getrennt und gespalten.

Wenn alle der ursprünglichen Wahrheit des Propheten und Seiner Lehre treu blieben, würden die Völker und Nationen der Welt vereint, und diese Unterschiede, die zur Trennung führen, würden in Vergessenheit geraten.

Um diese große und notwendige Einheit zu verwirklichen, erschien Bahá'u'lláh im Orient und erneuerte die Grundlagen der göttlichen Lehren.

Seine Offenbarung des Wortes umfasst die Lehren aller Propheten vollständig.

Er hat sie in Prinzipien und Grundsätzen dargelegt, die auf die Bedürfnisse und Bedingungen der modernen Welt anwendbar sind, erweitert und angepasst an die Herausforderungen der Gegenwart und die drängenden menschlichen Probleme.

Das heißt, die Worte Bahá'u'lláhs sind die Essenz der Worte der Propheten der Vergangenheit.

Sie sind der eigentliche Geist des Zeitalters und die Ursache für die Einheit und Erleuchtung des Ostens und des Westens.

Die Anhänger Seiner Lehren stehen im Einklang mit den Vorschriften und Geboten aller früheren himmlischen Boten.

Zwist und Zwietracht, die die Grundlagen der Menschheit zerstören und dem Willen und Wohlgefallen Gottes zuwiderlaufen, verschwinden im Licht der Offenbarung Bahá'u'lláhs völlig.

Schwierige Probleme werden gelöst, Einheit und Liebe werden gestiftet.

Denn der Strahlenglanz der Liebe und die Errichtung von Einheit und Freundschaft in der Menschenwelt sind Gott wohlgefällig, während Zwietracht, Unstimmigkeiten, Krieg und Streit dem Satanischen entspringen und dem Willen des Barmherzigen widersprechen.

Damit Verstand, Geist und Seele des Menschen vor dem erweiterten Horizont der Einheit und der Erkenntnis zu Fortschritt, Ruhe und Weitsicht gelangen können, verkündete Bahá'u'lláh bestimmte Prinzipien oder Lehren, von denen ich einige erwähnen werde. Erstens muss der Mensch eigenständig die Wahrheit erforschen, denn die Uneinigkeit und die Meinungsverschiedenheiten, die die Menschheit in erster Linie peinigen und belasten, haben ihren Ursprung hauptsächlich in Nachahmungen überkommener Glaubensvorstellungen und im Festhalten an überlieferten Ritualen des Gottesdienstes. Diese Nachahmungen sind willkürlich und werden von den Heiligen Büchern nicht anerkannt. Sie sind das Ergebnis menschlicher Interpretationen und Lehren, die allmählich das wahre Licht göttlicher Bedeutung verdunkelt haben und die Menschen dazu brachten, sich zu entzweien und zu streiten. Die Wahrheit, die in den himmlischen Büchern und göttlichen Lehren verkündet wird, fördert stets Liebe, Einheit und Gemeinschaft. Zweitens:

Die Einheit der Menschheit muss verstanden, angenommen und verwirklicht werden.

Wenn wir über dieses gesegnete Prinzip nachdenken, wird klar, dass es das Heilmittel für alle menschlichen Belange ist.

Alle Menschen sind Diener des herrlichen Gottes, unseres Schöpfers.

Er hat alle erschaffen.

Es ist gewiss, dass Seine Liebe allen gleichermaßen galt, sonst hätte Er sie nicht erschaffen.

Er beschützt alle.

Es ist gewiss, dass Er Seine Geschöpfe liebt, sonst würde Er sie nicht beschützen.

Er sorgt für alle und erweist allen Seine Liebe, ohne jemanden zu bevorzugen.

Er bekundet allen Seine vollkommene Güte und Seine liebevolle Fürsorge.

Er bestraft uns nicht für unsere Sünden und Fehler, und wir sind alle in das Meer Seiner unendlichen Gnade getaucht.

Da Gott mild und liebevoll zu Seinen Kindern ist, nachsichtig und barmherzig bezüglich unserer Fehler, warum sollten wir dann unfreundlich und nachtragend miteinander umgehen?

Da Er alle Menschen ohne Unterschied liebt und niemanden bevorzugt – warum sollten nicht auch wir jeden auf gleiche Weise lieben?

Können wir uns einen Plan und ein Konzept vorstellen, die der göttlichen Absicht überlegen wären?

Offensichtlich können wir das nicht.

Daher müssen wir uns bemühen, dem Willen des Allherrlichen zu entsprechen und Seinen Grundsatz der Liebe zur gesamten Menschheit zu verwirklichen.

Die Weisheit und der Plan Gottes sind Wirklichkeit und Wahrheit, während die menschliche Politik willkürlich und auf unser begrenztes Verständnis beschränkt ist.

Gottes Plan ist grenzenlos.

Wir müssen Seinem Beispiel nacheifern.

Ist ein Mensch krank und schwach, müssen wir Heilmittel herstellen; ist er unwissend, müssen wir für seine Bildung sorgen; ist er schwach, müssen wir ihn stärken und das ergänzen, was fehlt; ist er unreif und unentwickelt, müssen wir die Mittel zur Reifung bereitstellen.

Niemand sollte gehasst und niemand zurückgewiesen werden, nein, gerade ihre Unvollkommenheiten sollten noch größere Freundlichkeit und zartes Mitgefühl hervorrufen.

Wenn wir dem Beispiel des göttlichen Herrn folgen, werden wir die ganze Menschheit von Herzen lieben, und die Mittel zur Verwirklichung der Einheit der Menschenwelt werden uns so einleuchtend und offensichtlich erscheinen wie das Licht der Sonne.

Und durch unser Vorbild wird das Licht der Liebe Gottes unter den Menschen entzündet werden.

Denn Gott ist die Liebe, und alle Phänomene finden ihren Ursprung und ihre Quelle in diesem göttlichen Schöpfungsstrom.

Die Liebe Gottes umgibt alles Erschaffene mit heiligem Glanz.

Ohne die Liebe Gottes würde kein Lebewesen existieren.

Dies ist eine klare, offenbare Einsicht und Wahrheit, es sei denn, der Mensch ist in Aberglauben eingehüllt und gefangen in seinen Vorstellungen und teilt die Menschheit nach eigener Einschätzung ein, in solche, die er liebt, und andere, die er hasst.

Eine solche Haltung ist höchst unwürdig und unedel. Drittens: Die Religion muss Ursprung und Quelle der Liebe in der Welt sein, denn Religion ist die Offenbarung des Willens Gottes, dessen göttliche Grundlage die Liebe ist. Wenn die Religion daher Feindschaft und Hass statt Liebe bewirkt, ist ihr Nichtsein ihrem Dasein vorzuziehen. Viertens: Die Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang gebracht werden. Wenn die religiösen Überzeugungen der Menschheit der Wissenschaft und der Vernunft widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und ohne göttliche Legitimierung, denn Gott der Herr hat den Menschen mit Verstand ausgestattet, damit er ihn benutzt, um sich die Grundwahrheiten des Daseins zu erschließen. Der Verstand entdeckt die Wirklichkeit der Dinge, und was im Widerspruch zu seinen Schlussfolgerungen steht, ist lediglich das Resultat menschlicher Fantasie und Einbildung. Fünftens:

Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch motiviert – zerstören die Grundlagen des Menschlichen und widersprechen den Geboten Gottes.

Gott sandte Seine Propheten zu dem einen Zweck, Liebe und Einheit in den Menschenherzen hervorzurufen.

Alle heiligen Bücher sind das geschriebene Wort der Liebe.

Wenn sie sich als Ursache für Vorurteile und menschliche Entfremdung herausstellen, sind sie nutzlos.

Deshalb stehen insbesondere religiöse Vorurteile dem Willen und Gebot Gottes entgegen.

Rassistische und patriotische Vorurteile, die die Menschheit in Gruppen und Zweige aufteilen, haben ebenfalls eine falsche und nicht zu rechtfertigende Grundlage, denn alle Menschen sind die Kinder Adams und gehören im Wesentlichen zu einer Familie.

Es darf keine rassistische Entfremdung oder Spaltung nach Nationen unter den Menschen geben.

Solche Unterscheidungen wie französisch, deutsch, persisch, angelsächsisch sind menschengemacht und künstlich.

Vor Gott haben sie weder Bedeutung noch werden sie anerkannt.

Vor Ihm sind alle Menschen eins, die Kinder einer Familie; und Gott ist gleichermaßen freundlich zu ihnen.

Die Erde hat eine Oberfläche.

Gott hat diese Oberfläche nicht durch Grenzen und Barrieren geteilt, um Menschen nach Hautfarbe und Volkszugehörigkeit zu trennen.

Der Mensch hat diese eingebildeten Linien eingerichtet und festgelegt.

Er hat jedem Teilbereich einen Namen und die Grenzen eines Geburtslandes oder einer Nation gegeben.

Diese Aufspaltung und Untergliederung in Gruppen und Teilbereiche der Menschheit erzeugt Vorurteile, die zu einer ergiebigen Quelle für Krieg und Streit werden.

Angetrieben von diesen Vorurteilen erklären Völker und Nationen einander den Krieg.

Das Blut Unschuldiger wird vergossen und die Erde wird durch Gewalt zerrissen.

Deshalb hat Gott an diesem Tag verfügt, dass diese Vorurteile und Gegensätze beseitigt werden sollen.

Alle sind aufgefordert, nach dem Wohlgefallen des Herrn der Einheit zu streben, Seinem Gebot zu folgen und Seinem Willen zu gehorchen; auf diese Weise wird die Menschenwelt durch wahre Liebe und Versöhnung erleuchtet werden. Sechstens:

Die Menschheit braucht die Unterstützung durch den Heiligen Geist.

Der wahre Unterschied zwischen den Menschen besteht in den göttlichen Gaben und den Eingebungen des Heiligen Geistes.

Wenn der Mensch nicht zum Empfänger der himmlischen Gaben und der geistigen Segnungen wird, verbleibt er auf der Stufe des Tieres.

Denn der Unterschied zwischen Tier und Mensch besteht darin, dass die Natur des Menschen mit göttlichen Möglichkeiten ausgestattet ist, während dem Tier diese Gabe und Errungenschaft völlig fehlt.

Wenn also ein Mensch ohne die Eingebungen durch den Odem des Heiligen Geistes bleibt, ohne die göttlichen Gaben, ohne Berührung mit der himmlischen Welt und ohne Kenntnis der ewigen Wahrheiten, ist er in Wirklichkeit ein Tier, obwohl er aussieht wie ein Mensch.

So erklärte Christus:

»Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Das bedeutet, dass der Mensch als Gefangener körperlicher Sinneseindrücke und ohne die Entwicklung geistiger Empfindungen lediglich ein Tier ist.

Aber jede Seele, die geistige Aufnahmefähigkeit besitzt und einen guten Teil der Gaben des Heiligen Geistes erlangt hat, wird durch das göttliche Leben des höheren Königreichs belebt.

Die Seele, die daran keinen Anteil hat, ist wie tot.

Deshalb sagte Er:

»Lasst die Toten ihre Toten begraben.« So wie der stoffliche Körper des Menschen seine Lebenskraft braucht, braucht auch die menschliche Seele den göttlichen Geist und die Wiederbelebung, die vom Heiligen Geist ausgeht.

Ohne diese Belebung und geistige Nahrung wäre der Mensch ein Tier, nein, vielmehr tot. Siebtens: Die Notwendigkeit von Bildung für die ganze Menschheit ist offensichtlich. Besonderes Augenmerk muss auf die Ausbildung und Unterweisung der Kinder gelegt werden. Wenn den Eltern dazu die Mittel fehlen und sie sich dies nicht leisten können, muss der Staat die nötigen Mittel dafür aufbringen. Durch den horizonterweiternden Geist der Bildung wird der Analphabetismus verschwinden und Missverständnisse aufgrund von Unwissenheit werden aussterben. Achtens: Der Weltfrieden wird durch ein internationales Abkommen zwischen den Nationen der Welt herbeigeführt werden. Heutzutage ist die größte Katastrophe für die Menschheit der Krieg. Europa ist ein Sprengstofflager, das auf einen Funken wartet. Alle europäischen Länder sind nervös und eine einzige Flamme wird den ganzen Kontinent in Brand setzen. Kriegs- und Todeswerkzeuge werden in unvorstellbarem Ausmaß vervielfacht und verstärkt, und die Last der militärischen Unterhaltskosten belastet die verschiedenen Länder bis zur Unerträglichkeit. Armeen und Flotten verschlingen Hab und Gut des Volkes. Die schwer arbeitenden Armen, die Unschuldigen und Hilflosen werden durch Steuern gezwungen, Munition und Rüstung für Regierungen bereitzustellen, die auf Gebietseroberung und die Verteidigung gegen mächtige rivalisierende Nationen aus sind. Es gibt keine größere oder schmerzlichere Belastung in der heutigen Menschenwelt als der drohende Krieg. Daher ist der Weltfrieden eine entscheidende Notwendigkeit. Ein Schiedsgerichtshof muss eingesetzt werden, durch den internationale Streitigkeiten geschlichtet werden. Dadurch wird jede Möglichkeit für Zwietracht und Krieg zwischen den Nationen verhindert. Neuntens: Zwischen Männern und Frauen muss Gleichberechtigung herrschen. Frauen müssen das gleiche Recht auf Bildung erhalten. Das ermöglicht es ihnen, sich auf allen Berufs- und Leistungsebenen zu qualifizieren und weiterzuentwickeln. Denn die Menschheit besitzt zwei Flügel: Mann und Frau. Wenn ein Flügel unfähig und unterentwickelt bleibt, wird das die Leistung des anderen einschränken, und ein richtiger Flug wird unmöglich. Die Vollständigkeit und Vollkommenheit der Menschenwelt hängt also von der gleichmäßigen Entwicklung dieser beiden Flügel ab. Zehntens: Alle Menschen sollten gleiche Rechte und Befugnisse haben. Elftens: Eine Sprache muss als internationales Sprach- und Kommunikationsmittel ausgewählt werden. Auf diese Weise wird es weniger Missverständnisse geben, Gemeinschaft wird geschaffen und die Einheit gesichert. Dies sind einige der von Bahá'u'lláh verkündeten Grundsätze. Er brachte das Heilmittel für die Krankheiten, die jetzt die Menschenwelt plagen. Er löste die schwierigen Probleme individuellen, sozialen, nationalen und weltweiten Wohlergehens und legte die Grundlage für die göttliche Wahrheit, auf die die materielle und geistige Kultur für die vor uns liegenden Jahrhunderte gegründet werden soll. Preis sei Gott! Ich halte diese beiden großen amerikanischen Nationen in Bezug auf alles, was mit Fortschritt und Zivilisation zu tun hat, für äußerst fähig und weit entwickelt. Diese Regierungen sind fair und gerecht. Die Motive und Ziele dieser Menschen sind erhaben und inspirierend. Daher hoffe ich, dass diese verehrten Nationen zu herausragenden Faktoren bei der Schaffung des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit werden; dass sie den Grundstein für Gleichberechtigung und geistige Bruderschaft unter den Menschen legen; dass sie die höchsten Tugenden der menschlichen Welt aufweisen, das göttliche Licht der Propheten Gottes verehren und die Einheit verwirklichen, die heute für die Belange der Nationen so notwendig ist. Ich bete, dass die Nationen des Ostens und des Westens unter der Fürsorge und Führung des göttlichen Hirten eine Herde werden. Wahrlich, dies ist das Geschenk Gottes und die größte Ehre für den Menschen. Dies ist der Ruhm der Menschheit. Dies ist das Wohlgefallen Gottes. Ich bitte Gott mit reumütigem Herzen darum. O mein Herr! Du der Immervergebende! Wahrlich, diese Versammlung hat sich Deinem Königreich zugewandt. Wahrlich, sie gehören alle Deiner Herde an, und Du bist der eine Hirte aller. O Du wahrer Hirte! Erziehe und schule Deine Schafe auf Deinen grünen Weiden. Lass diese Vögel ihre Nester in Deinem Rosengarten bauen. Schmücke Deinen Obstgarten mit diesen frischen Pflanzen und Blumen. Erfrische diese menschlichen Bäume mit den Schauern Deiner Wohltätigkeit und Gunst. O Gott! Wahrlich, wir alle sind Deine Diener – wir alle gehören Dir – und Du bist der Eine Herr. Wir alle beten Dich an, und Du bist der wohltätige Meister. O Herr! Mache die Augen sehend, damit sie das Licht Deines Königreichs erblicken. Mache die Ohren aufmerksam, damit sie den himmlischen Ruf vernehmen. Belebe die Seelen, damit der Odem des Heiligen Geistes sie erfreue. O Herr! Wahrlich, wir sind schwach, Du aber bist allmächtig. Wir sind arm, Du aber bist reich. Habe Erbarmen mit uns. Gewähre uns einen großzügigen Anteil an Deiner Wahrheit und führe uns zur Stätte Deiner Errungenschaften. Du bist der Mächtige. Du bist der Fähige. Du bist der gütige Herr.

Ansprache 'Abdu'l-Bahás in Chicago

16. September 1912

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16. September 1912 Ansprache im Haus von Frau Corinne True 5338 Kenmore Avenue, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Gertrude Buikema ›Alláh'u'Abhá!‹ Preis sei Gott! Ich habe jetzt einige Tage mit euch in Liebe und Harmonie verbracht. Preis sei Gott! Eure Herzen sind rein, eure Gesichter strahlen, euer Geist ist beschwingt durch die frohe Botschaft Gottes. Ich bete für euch und erbitte himmlischen Beistand für euch, damit jeder zu einer strahlenden Kerze werde, die Licht in die Menschenwelt bringt. Möget ihr zum Inbegriff der Liebe werden. Möget ihr euch als der Glanz Gottes erweisen, erfüllt sein von der Kraft des Heiligen Geistes, und Einheit und Brüderlichkeit in der Menschenwelt bewirken, denn die Menschheit benötigt heute vor allem Liebe und Harmonie. Sollte die Welt so bleiben, wie sie heute ist, so wird große Gefahr auf sie zukommen. Wenn es jedoch zu Versöhnung und Einheit kommt, wenn Sicherheit und Vertrauen geschaffen werden, wenn wir uns mit Herz und Seele bemühen, dass die Lehren Bahá'u'lláhs in der Lebenswirklichkeit der Menschen zum Tragen kommen, dass sie Freundschaft und Eintracht bewirken, dass sie die Herzen der verschiedenen Religionen verbinden und die zerstrittenen Völker vereinen – dann erlangt die Menschheit Frieden und innere Ruhe, dann wird der Wille Gottes zum Willen des Menschen und die Erde zur Wohnstätte von Engeln. Allen wird Erziehung zukommen, Laster werden ausgemerzt, die menschlichen Werte setzen sich durch, der Materialismus wird überwunden, die Religion wird gestärkt und erweist sich als Band, das die Herzen der Menschen zusammenschweißt. In der Welt des Daseins gibt es verschiedene Bande, die menschliche Herzen vereinen, aber kein Band ist vollkommen wirksam. Als Erstes haben wir das Band durch Verwandtschaftsbeziehungen. Es führt zu keiner wirksamen Einheit, denn wie oft geschieht es doch, dass Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten dieses enge Band der Gemeinschaft zerreißen. Das Band der Vaterlandsliebe kann vielleicht ein Mittel zu Brüderlichkeit und Übereinstimmung sein, aber im selben Land geboren zu sein, wird die Menschenherzen nicht völlig zusammenschweißen. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, stellen wir fest, dass häufig Menschen der gleichen Hautfarbe und desselben Ursprungs gegeneinander Krieg geführt haben. Oft haben sie im Bürgerkrieg das Blut ihres eigenen Volkes vergossen und die Besitztümer ihrer Landsleute zerstört. Daher ist dieses Band nicht ausreichend. Ein weiteres Mittel scheinbarer Einheit ist das Band politischer Allianzen, zu denen sich Regierungen und Herrscher aus Gründen der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Schutzes zusammenschließen. Solche Pakte und Vereinigungen wurden aber später zum Gegenstand von Veränderungen und erbittertem Hass bis hin zu Krieg und Blutvergießen. Es ist offensichtlich, dass die politische Einheit nicht dauerhaft wirksam ist. Die Quelle der vollkommenen Einheit und Liebe in der Welt des Daseins ist das Band der einen Wahrheit. Wenn die göttliche, grundlegende Wahrheit in das Herz und das Leben der Menschen gelangt, bewahrt und schützt sie die Lebensverhältnisse der Menschheit; sie errichtet jene innere Einheit der Menschenwelt, die nur durch die Wirkkraft des Heiligen Geistes ins Dasein tritt. Denn der Heilige Geist ist wie das Leben im menschlichen Körper, das alle Unterschiede der Körperteile und Gliedmaßen in Einheit und Übereinstimmung verbindet. Bedenkt, wie viele Körperteile und Gliedmaßen es gibt, aber die Einheit des Lebensgeistes vereint sie alle in einer vollkommenen Verbindung. Er stellt eine solche Einheit im Organismus des Körpers her, dass alle anderen Körperteile und Funktionen aufgrund der vollkommenen Einheit reagieren und mitleiden, wenn irgendein Teil verletzt wird oder erkrankt. So, wie der menschliche Lebensgeist die wechselseitige Abstimmung zwischen den verschiedenen Körperteilen des menschlichen Organismus bewirkt, so ist der Heilige Geist die steuernde Ursache für die Einheit und das Zusammenwirken der Menschheit. Das heißt, der Zusammenhalt oder die Einheit der Menschheit kann tatsächlich durch nichts anderes als die Macht des Heiligen Geistes zustande kommen, denn die Menschenwelt ist ein zusammengesetzter Körper und der Heilige Geist ist das treibende Prinzip ihres Lebens. Deshalb müssen wir uns bemühen, dass die Macht des Heiligen Geistes in der ganzen Menschenwelt wirksam wird, dass sie die Regierungen der Nationen und Völker neu belebt und alle in den Schutz und unter den Schirm des Wortes Gottes geführt werden.

Dann wird diese Menschenwelt engelhaft, irdische Dunkelheit vergeht und himmlische Erleuchtung überflutet den Horizont, menschliche Mängel werden beseitigt und göttliche Tugenden erstrahlen.

Das ist wirklich möglich, aber nur durch die Macht des Heiligen Geistes.

Was die Welt heute am dringendsten braucht, ist die belebende, einigende Gegenwart des Heiligen Geistes.

Solange er keine Wirkung entfaltet, Herzen und Seelen nicht erreicht und durchdringt und kein fester, vernünftiger Glaube im Verstand der Menschen verankert ist, solange kann die menschliche Gesellschaft nicht mit Sicherheit und Zuversicht erfüllt sein.

Im Gegenteil, Feindschaft und Streit werden von Tag zu Tag zunehmen, und die Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Völkern werden sich noch verschlimmern.

Die Armeen und Flotten der Welt werden kontinuierlich aufgestockt, und die Angst und Gewissheit, dass ein großer weltumspannender Krieg ausbricht – ein historisch beispielloser Krieg – werden immer stärker; denn die bisher begrenzte Aufrüstung wird jetzt in gewaltigem Maße vorangetrieben.

Die Lage spitzt sich zu und nähert sich einem Ausmaß, in dem sich Menschen auf dem Meer, dem Land und selbst in der Luft mit einer Gewalt bekämpfen werden, die frühere Jahrhunderte nicht kannten.

Mit zunehmender Aufrüstung und Kriegsvorbereitung nehmen die Gefahren immens zu. Wir müssen uns mit all unseren Kräften dafür einsetzen, dass der Heilige Geist Herz und Verstand zum Frieden bewegt, die Gaben Gottes die Menschen umfangen, die göttlichen Segnungen sie fortlaufend erreichen, die Menschenseelen Fortschritte machen, der Verstand sein Vorstellungsvermögen erweitert, die Seelen heiliger werden und die Menschenwelt vor dieser großen Bedrohung bewahrt wird.

Für die Besserung der Welt erduldete Bahá'u'lláh alle Härten, Qualen und Widrigkeiten des Lebens, indem Er Sich und Sein eigenes Wohl opferte, Vermögen, Besitz und Ansehen verlor – all das, was zum menschlichen Leben gehört –, nicht ein Jahr, nein, fast fünfzig Jahre hindurch.

Während dieser langen Zeit war Er Verfolgungen und Misshandlungen ausgesetzt, wurde eingekerkert, aus Seiner Heimat vertrieben, erduldete Härten und Erniedrigungen und wurde viermal verbannt.

Zunächst wurde Er aus Persien nach Baghdád verbannt, dann nach Konstantinopel, von dort nach Rumelien und schließlich in die große Gefängnisfestung von 'Akká in Syrien, wo Er den Rest Seines Lebens verbrachte.

Jeden Tag ertrug Er neue Unterdrückung und Misshandlung, bis Er Seinen Flug aus dem Kerker in die höhere Welt nahm und zu Seinem Herrn zurückkehrte.

Er ertrug diese Qualen und Schwierigkeiten, damit diese irdische Menschenwelt himmlisch werde, damit die Erleuchtung des göttlichen Königreichs in den Herzen der Menschen Wirklichkeit werde, auf dass jeder Einzelne Fortschritte mache, die Kraft des Heiligen Geistes durchdringender und wirksamer werde und das Glück der Menschenwelt gesichert sei.

Er wünschte Ruhe und Gelassenheit für alle und erwies allen Nationen liebevolle Güte, ungeachtet äußerer Umstände und Unterschiede.

Er sprach die Menschheit an mit den Worten:

»O Menschen!

Wahrlich, ihr seid alle die Blätter und Früchte eines Baumes, ihr seid alle eins.

Deshalb verbindet euch in Freundschaft!

Liebet einander!

Beseitigt jede Form von Vorurteilen bezüglich der Hautfarbe und Herkunft!

Vertreibt für immer diese düstere Finsternis menschlicher Unwissenheit, denn das Jahrhundert des Lichtes und die Sonne der Wahrheit sind erschienen!

Jetzt ist die Zeit der Zusammengehörigkeit und jetzt ist die Zeit für Einheit und Eintracht.

Seit Jahrtausenden habt ihr in Kriegen und Auseinandersetzungen gekämpft.

Es ist genug.

Jetzt ist die Zeit für Einheit.

Legt jeden Eigennutz beiseite und seid gewiss, dass alle Menschen die Diener des einen Gottes sind, Der sie in Liebe und Übereinstimmung miteinander verbindet.« Da in der Vergangenheit große Unterschiede und Gegensätze zwischen den Konfessionen aufgetreten waren und jeder Mensch seine neuen Ideen Gott zuschrieb, wünschte sich Bahá'u'lláh, dass es unter den Bahá'í keinen Grund für Meinungsverschiedenheiten geben soll.

Deshalb schrieb Er mit Seiner eigenen Feder das Buch Seines Bundes und richtete Sich an Seine Verwandten und alle Menschen auf der Welt mit den Worten:

»Wahrlich, ich habe Den ernannt, Der der Mittelpunkt Meines Bundes ist.

Alle müssen Ihm gehorchen.

Alle müssen sich Ihm zuwenden.

Er ist der Ausleger Meines Buches und Er ist wohlunterrichtet über Meine Absichten.

Alle müssen sich Ihm zuwenden.

Was immer Er sagt, ist richtig, denn wahrlich, Er kennt den Text Meines Buches.

Außer Ihm kennt niemand Mein Buch.« Der Zweck dieser Erklärung ist, dass es niemals Uneinigkeit und Spaltung unter den Bahá'í geben sollte, dass sie vielmehr immer geeint und einig sein sollten.

In Seinen Gebeten sagte Bahá'u'lláh auch:

»O Gott!

Wer immer Meinen Bund bricht, o Gott, demütige ihn.

Wahrlich, wer immer Meinen Bund bricht, o Gott, lösche ihn aus und beseitige ihn.« In all Seinen Sendschreiben, zu denen auch die Tafel vom Ast gehört, hat Er die Eigenschaften und Qualitäten der Person, auf die Er sich im Buche Seines Bundes bezog, erwähnt und erklärt.

Er hat die Funktion und Macht dieser Person vollständig dargelegt, sodass niemand sagen soll:

»Ich verstehe dies aus den Schriften Bahá'u'lláhs«, denn Er hat den Mittelpunkt des Bundes und befugten Ausleger des Buches bestimmt.

Er sagte:

»Wahrlich, Er ist der Ernannte; es gibt keinen anderen außer Ihm.« Damit wollte Er verhindern, dass Sekten oder Vorurteile entstehen und irgendwer, der irgendwelche neuen Gedanken hat, Zwietracht und Unstimmigkeit stiften kann.

Es ist, als würde ein König einen Generalgouverneur ernennen.

Wer diesem gehorcht, gehorcht dem König.

Wer sein Gebot verletzt und ihm nicht gehorcht, verletzt das Gebot des Königs.

Wer deshalb dem von Bahá'u'lláh ernannten Mittelpunkt des Bundes gehorcht, der hat Bahá'u'lláh gehorcht, und wer Ihm nicht gehorcht, der hat Bahá'u'lláh nicht gehorcht.

Dies hat überhaupt nichts mit Ihm ('Abdu'l-Bahá) persönlich zu tun; es ist wie bei dem vom König ernannten Generalgouverneur:

Wer dem Generalgouverneur gehorcht, gehorcht dem König, und wer dem Generalgouverneur nicht gehorcht, gehorcht dem König nicht. Deshalb müsst ihr die Sendschreiben Bahá'u'lláhs lesen. Ihr müsst die Tafel vom Ast lesen und das beachten, was Er so klar festgestellt hat. Hütet euch! Hütet euch! Niemand sollte sich auf die Autorität seiner eigenen Gedanken berufen oder aus sich selbst heraus etwas Neues erschaffen. Hütet euch! Hütet euch! Wie im Bunde Bahá'u'lláhs ausdrücklich festgelegt ist, solltet ihr euch überhaupt nicht mit einer solchen Person abgeben. Bahá'u'lláh meidet solche Seelen. Ich habe diese Dinge für euch dargelegt, um die Lehren Bahá'u'lláhs zu bewahren und zu schützen, damit ihr informiert seid und keiner euch täuschen und niemand Zweifel unter euch streuen mag. Ihr müsst alle Menschen lieben, doch wenn irgendjemand euch in Zweifel stürzen will, so müsst ihr wissen, dass sich Bahá'u'lláh von ihm getrennt hat. Wer für Einheit und Gemeinschaft arbeitet, ist ein Diener Bahá'u'lláhs, und Bahá'u'lláh ist sein Beistand und Helfer. Ich bitte Gott, dass Er euch zum wahren Mittel der Einigkeit und Einheit mache, zu strahlenden, barmherzigen, himmlischen Kindern des göttlichen Königreichs; dass ihr Tag für Tag Fortschritte macht; dass ihr so hell strahlt wie diese Lampen und der ganzen Menschheit Licht spendet. Seid herzlich gegrüßt und lebt wohl!

Ansprache 'Abdu'l-Bahás in Minneapolis

20. September 1912

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20. September 1912 Ansprache im Haus von Herrn Albert L. Hall 2030 Queen Avenue South, Minneapolis, Minnesota Aufzeichnungen von Ellen T. Pursell Preis sei Gott! Dies ist eine wundervolle und strahlende Zusammenkunft. Es ist eine segensreiche Versammlung, denn ihr trefft euch hier in größter Liebe und Geistigkeit. Es gibt viele Treffen auf der Welt, von denen vielleicht Tausende in diesem Moment abgehalten werden, hauptsächlich mit sozialen, politischen, wissenschaftlichen oder kommerziellen Zielen. Unsere heutige Versammlung jedoch dient Gott und himmlischen Zielen. Wir haben weder geschäftliche noch wissenschaftliche Interessen; unser Geist und unsere Beweggründe richten sich allein auf das Verkünden göttlicher Gaben. Die Fähigkeiten des Menschen sind von zweierlei Art: Die eine ist im Wesentlichen materieller Natur, die andere geistig. Beispielsweise besitzt der Körper des Menschen bestimmte materielle Fähigkeiten, doch im Geist des Menschen zeigen sich Fähigkeiten, die geistiger Natur sind. Das Sehvermögen des Menschen ist eine körperliche Funktion, während Einsicht, also die Fähigkeit zur inneren Wahrnehmung, ihrem Wesen nach geistig ist. Der Gehörsinn ist eine körperliche Begabung, während das Erinnerungsvermögen des Menschen geistig ist. Unter den menschlichen Kräften ist die Umsetzung gedanklicher und intellektueller Prozesse materiell, doch die Kraft der Liebe ist geistig. Das Erfassen der Wirklichkeit eines Phänomens ist eine geistige Fähigkeit, ebenso wie das Gefühlsleben des Menschen und seine Fähigkeit, die Existenz Gottes zu beweisen. Die Erkenntnis ethischer Normen und das Erforschen der Welt erfordern Fähigkeiten, die im Wesentlichen geistiger Natur sind. Wenn wir die Geschichte betrachten, erkennen wir, dass der menschliche Fortschritt in der Entwicklung materieller Fertigkeiten am größten war.

Die Zivilisation ist das Zeichen und der Beweis für diesen Fortschritt.

Überall auf der Welt hat die materielle Zivilisation wahrhaft wunderbare Höhen und Grade des Fortschritts erreicht – das heißt, die äußeren Kräfte und Fähigkeiten des Menschen haben sich stark entwickelt, die inneren geistigen Qualitäten wurden jedoch im Vergleich dazu vernachlässigt und zurückgestellt.

Jetzt ist der Zeitpunkt in der Weltgeschichte, sich anzustrengen und den Fortschritt und die Entwicklung innerer Kräfte voranzutreiben – das heißt, wir müssen uns der Entwicklung der Ethik widmen, denn die ethischen Werte der Menschen bedürfen einer Neuausrichtung.

Wir müssen uns auch mit der Verstandeswelt befassen, damit der Verstand der Menschen gestärkt und die Wahrnehmung geschärft wird, um so dem Intellekt des Menschen zur Vorherrschaft zu verhelfen, sodass die geistigen Fähigkeiten zum Vorschein kommen können.

Bevor ein Schritt in diese Richtung unternommen wird, müssen wir in der Lage sein, das Göttliche vom Standpunkt der Vernunft aus zu beweisen, damit für den Rationalisten kein Zweifel oder Einwand bestehen bleibt.

Danach müssen wir in der Lage sein, die Existenz der Gnade Gottes zu beweisen – dass die göttliche Gnade die Menschheit umfasst und dass sie übersinnlich ist.

Sodann müssen wir aufzeigen, dass der Geist des Menschen unsterblich ist, dass er nicht zerfällt und dass er die menschlichen Tugenden in sich trägt. Materielle Errungenschaften haben eine hohe Entwicklungsstufe erreicht, während geistige Fähigkeiten weit zurückgeblieben sind.

Wenn man tausend Personen fragen würde:

»Welche Beweise für die Existenz des Göttlichen gibt es?«, könnte vielleicht nicht eine von ihnen antworten.

Wenn man weiter fragte:

»Welche Beweise für das Wesen Gottes kennst du?« »Wie erklärst du Inspiration und Offenbarung?« »Welche Hinweise für eine bewusste Intelligenz jenseits des materiellen Universums gibt es?« »Kannst du einen Plan und eine Methode zur Verbesserung der menschlichen Ethik vorschlagen?« »Kannst du die Welt der Natur und die Welt des Göttlichen genau erklären und voneinander unterscheiden?« – Die Antworten auf diese Fragen würden nur sehr wenig wirkliches Wissen und Einsicht enthalten.

Das liegt daran, dass die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten vernachlässigt wurde.

Die Menschen sprechen vom Göttlichen, aber die Ideen und Überzeugungen, die sie bezüglich der Göttlichkeit haben, sind in Wirklichkeit Aberglaube.

Das Göttliche ist der Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Manifestation geistiger Kräfte und geistiger Mächte.

Die verstandesmäßigen Beweise für das Göttliche beruhen auf Beobachtungen und Hinweisen, die ein entscheidendes Argument darstellen und auf logische Weise die göttliche Wirklichkeit, den Glanz der Barmherzigkeit, die Gewissheit der Inspiration und die Unsterblichkeit des Geistes beweisen.

Dies ist die wahre Wissenschaft über das Göttliche.

Das Göttliche ist nicht so, wie es in Dogmen und Predigten der Kirche dargestellt wird.

Wenn das Wort ›Göttlichkeit‹ erwähnt wird, verbinden Zuhörer damit gewöhnlich gewisse Formeln und Lehrsätze, während es im Wesentlichen die Weisheit und Erkenntnis Gottes, den Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Offenbarung der Wahrheit und die göttliche Philosophie bezeichnet. Es gibt zwei Arten von Philosophie:

Naturphilosophie und göttliche Philosophie.

Die Naturphilosophie strebt nach Wissen über physikalische Wahrheiten und erklärt materielle Phänomene, während die göttliche Philosophie sich mit geistigen Wahrheiten und spirituellen Phänomenen befasst.

Das Betätigungsfeld und der Umfang der Naturphilosophie haben sich beträchtlich erweitert, und ihre Errungenschaften sind höchst lobenswert, denn sie dienen der Menschheit.

Aber wie der Zustand der gegenwärtigen Welt beweist, wurde die göttliche Philosophie außer Acht gelassen und vernachlässigt; ihr Ziel ist die Veredelung der menschlichen Natur, geistiger Fortschritt, himmlische Führung für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, Annäherung an den Odem des Heiligen Geistes und die Erkenntnis der Wahrheiten Gottes.

Jetzt ist es an der Zeit, uns anzustrengen und es der göttlichen Philosophie zu ermöglichen, mit der Philosophie der materiellen Forschung gleichzuziehen, damit das Erwachen der geistigen Fähigkeiten mit der Entfaltung der natürlichen Kräfte gleichermaßen voranschreitet.

Im gleichen Maße, in dem der menschliche Körper sich entwickelt, muss der Geist des Menschen gestärkt werden; und genauso wie seine äußere Wahrnehmungskraft geschärft wird, müssen seine inneren intellektuellen Fähigkeiten sensibilisiert werden, damit er sich nicht völlig auf Traditionen und menschliche Vorbilder verlassen muss.

In Fragen, die das Göttliche betreffen, dürfen wir uns nicht ausschließlich auf überlieferte Traditionen und frühere menschliche Erfahrungen verlassen; nein, stattdessen müssen wir den Verstand nutzen, die präsentierten Fakten analysieren und logisch untersuchen, damit Vertrauen aufgebaut und der Glaube erlangt wird.

Nur dann wird uns die Wirklichkeit der Dinge offenbar.

Die Philosophen Griechenlands – wie Aristoteles, Sokrates, Platon und andere – widmeten sich der Untersuchung sowohl natürlicher als auch geistiger Phänomene.

In ihren Schulen diskutierten sie sowohl über die Welt der Natur als auch über die übernatürliche Welt.

Heute sind die Philosophie und Logik von Aristoteles weltweit bekannt.

Weil die griechischen Philosophen sowohl an natürlicher als auch an göttlicher Philosophie interessiert waren und die Entwicklung der materiellen Welt der Menschheit ebenso förderten wie der geistigen, leisteten sie der Menschheit einen lobenswerten Dienst.

Deshalb konnten sich ihre Lehren und Prinzipien durchsetzen und überleben.

Der Mensch sollte diese beiden Wege der Forschung und Untersuchung fortsetzen, damit sich alle menschlichen Fähigkeiten, die äußeren und die inneren, entwickeln können.

Die Entwicklung dieser Fähigkeiten, sowohl der materiellen als auch der geistigen, hängt von der intelligenten Erforschung der Wahrheit ab, durch die die Erhabenheit des Menschen und sein geistiger Fortschritt erreicht werden.

Bräuche und Rituale müssen überwunden und aufgegeben werden.

Man muss nach der Wahrheit streben.

Wir müssen selbst entdecken, wo und was Wahrheit ist.

In ihren religiösen Überzeugungen ahmen Völker und Nationen heute ihre Vorfahren und Vorväter nach.

Wenn der Vater eines Mannes ein Christ war, ist er selbst ein Christ.

Ein Buddhist ist der Sohn eines Buddhisten, ein Zoroastrier der Sohn eines Zoroastriers.

Ein Heide oder Götzendiener folgt den Fußspuren seines Vaters und seiner Vorfahren.

Das ist reine Nachahmung.

Heutzutage muss der Mensch unabhängig und unparteiisch jede Form der Wirklichkeit erforschen. Die entscheidende Rolle für die Menschheit spielt die Religion.

Die erste Voraussetzung ist, dass der Mensch ihre Grundlagen mit dem Verstand erforschen muss.

Die zweite Voraussetzung ist, dass er die Einheit der Menschheit eingestehen und anerkennen muss.

Dadurch wird echte Freundschaft unter den Menschen möglich und die Entfremdung von Volksgruppen und Einzelpersonen verhindert.

Alle müssen als Diener Gottes wahrgenommen werden, alle müssen Gott als den einen gütigen Beschützer und Schöpfer erkennen.

In dem Maß, in dem die Einheit und Verbundenheit der Menschheit anerkannt wird, wird Freundschaft möglich, werden Missverständnisse beseitigt und wird die Wahrheit sichtbar.

Dann wird das Licht der Wahrheit erstrahlen, und wenn die Wahrheit die Welt erleuchtet, wird das Glück der Menschheit Wirklichkeit.

Der Mensch muss sich auf geistiger Ebene bewusst werden, dass die Religion von Gott dazu bestimmt ist, das Mittel der Gnade, die Quelle des Lebens und die Ursache der Eintracht zu sein.

Wenn sie zur Ursache für Zwietracht, Feindschaft und Hass wird, ist es besser, wenn der Mensch ohne Religion ist.

Denn in ihren Lehren suchen wir den Geist der Güte und Liebe, um die Menschenherzen zu verbinden.

Wenn wir dagegen feststellen, dass sie zu Entfremdung und Verbitterung im Herzen führt, ist es gerechtfertigt, sie aufzugeben.

Wenn darum der Mensch durch ernsthaftes Forschen die grundlegende Wahrheit der Religion entdeckt, verschwinden seine früheren Vorurteile, und sein neuer Zustand der Erleuchtung trägt zur Entwicklung der Menschenwelt bei. Es geht bei diesem Thema darum, dass der Mensch formale Bildung ebenso wie geistige Veredelung braucht. So, wie das äußere Sehvermögen für ihn unentbehrlich ist, sollte er auch Einsicht und bewusste Wahrnehmung besitzen. So, wie er das Hörvermögen benötigt, ist zugleich das Gedächtnis wesentlich. So, wie ein Körper für ihn unverzichtbar ist, bedarf er auch eines Geistes. Das eine ist eine materielle Fähigkeit, das andere eine geistige. Als menschliche Wesen, die wir mit dieser zweifachen Begabung ausgestattet und befähigt sind, müssen wir uns bemühen, mit göttlicher Hilfe und Gnade und durch den Einsatz unserer geistigen Verstandeskraft alle erhabenen Tugenden zu erlangen, damit wir den Glanz der Sonne der Wahrheit bezeugen können, den Geist des Königreichs widerspiegeln, die offenkundigen Zeichen der Wirklichkeit des Göttlichen erkennen, die unwiderlegbaren Beweise für die Unsterblichkeit der Seele begreifen, in bewusstem Einklang mit der ewigen Welt leben und durch das Leben für Gott und die Liebe zu Ihm belebt und erweckt werden.

Ansprache 'Abdu'l-Bahás in St. Paul

20. September 1912

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20. September 1912 Ansprache im Haus von Dr. Clement Woolson und seiner Frau 870 Laurel Avenue, St. Paul, Minnesota Nach einer stenografischen Mitschrift Die Materialisten halten an der Meinung fest, dass die Welt der Natur vollständig ist. Die göttlichen Philosophen erklären, dass die Welt der Natur unvollständig ist. Zwischen diesen beiden Gruppen besteht ein großer Unterschied. Die Materialisten verweisen auf die Vollkommenheit der Natur, auf die Sonne, den Mond und die Sterne, auf die Bäume in ihrer Pracht, auf die ganze Erde und das Meer – darauf, dass selbst unbedeutende Erscheinungen eine höchst vollkommene Ordnung offenbaren. Die göttlichen Philosophen stellen diese scheinbare Vollkommenheit und Vollständigkeit im Reich der Natur in Abrede, wenngleich sie die Schönheit in ihren Erscheinungen und Aspekten eingestehen und die überwältigenden kosmischen Kräfte anerkennen, die die gigantischen Sonnensysteme beherrschen. Sie sind der Meinung, dass die Natur zwar vollkommen erscheint, gleichwohl aber unvollkommen ist, weil sie des Verstandes und der Erziehung bedarf. Zum Beweis dafür sagen sie, dass der Mensch, obwohl er im Bereich der stofflichen Gestaltung geradezu ein Gott ist, selbst einen Erzieher braucht. Ein Mensch ohne Erziehung und Bildung ist wild, tierisch und brutal. Gesetze und Regeln, Schulen, Akademien und Universitäten zielen auf die Ausbildung des Menschen ab und darauf, dass er über die dunklen Grenzen des Tierreiches hinausgehoben wird. Welchen Unterschied gibt es zwischen den Menschen in Amerika und den Einwohnern Zentralafrikas? Alle sind Menschen. Warum haben die Menschen in Amerika eine hohe Zivilisationsstufe erreicht, während die Stämme Zentralafrikas noch äußerst unwissend und grob sind? Sie unterscheiden sich durch den Grad ihrer Bildung. Das ist unbestritten. Die Menschen in Europa und Amerika konnten sich durch Schulung und Bildung aus der mangelhaften Welt erheben und befinden sich auf dem Weg zur Vervollkommnung, während die Menschen in Afrika, denen die Bildungsmöglichkeiten fehlen, in einem ursprünglichen Zustand des Analphabetismus und in Bedürftigkeit verharren, denn die Natur ist unvollständig und mangelhaft. Bildung und Erziehung sind eine Notwendigkeit. Wenn ein Stück Boden in seinem natürlichen und ursprünglichen Zustand belassen wird, wird daraus entweder dornige Wildnis oder es wird von wertlosem Unkraut überwuchert. Wenn dasselbe unproduktive Feld gerodet und kultiviert wird, wird es reiche Erträge an Nahrungsmitteln für die Versorgung der Menschen hervorbringen. Der gleiche Unterschied zeigt sich bei den Tieren.

Einige wurden domestiziert und trainiert, andere in ihrem wilden Zustand belassen.

Das ist ein klarer Beweis dafür, dass die Welt der Natur unvollkommen, die Welt der Erziehung und Bildung dagegen vollkommen ist.

Das heißt, der Mensch wird durch Schulung und Kultur von den Zwängen der Natur befreit.

Folglich sind Bildung und Erziehung zwingend notwendig.

Aber es gibt verschiedene Arten von Bildung und Erziehung.

Es gibt das Training und die Entwicklung des stofflichen Körpers, die für Kraft und Wachstum sorgen.

Es gibt die intellektuelle Bildung, für die Schulen und Universitäten gegründet wurden.

Die dritte Art von Erziehung und Bildung ist die des Geistes.

Durch den Odem des Heiligen Geistes wird der Mensch in die Welt der Ethik erhoben und vom Licht göttlicher Gaben erleuchtet.

Die Welt der Ethik wird nur durch den Glanz der Sonne der Wahrheit und die Belebung mit dem göttlichen Geist erreicht.

Aus diesem Grund erscheinen die heiligen Manifestationen in der Menschenwelt.

Sie kommen, um die Menschheit zu erziehen und zu erleuchten, ihr geistige Aufnahmefähigkeit zu verleihen, die innere Wahrnehmung zu schärfen und dadurch die Wirklichkeit des Menschen – den menschlichen Tempel – mit göttlichen Gnadengaben zu schmücken.

Durch Sie kann der Mensch zum Brennpunkt der Ausstrahlung Gottes und zum Empfänger himmlischer Gaben werden.

Durch den Einfluss Ihrer Lehren kann er zur Verkörperung des Glanzes Gottes werden und zu einem Magneten, der das Licht der höchsten Welt anzieht.

Aus diesem Grund sind die heiligen, göttlichen Manifestationen die ersten Lehrer und Erzieher der Menschheit.

Ihre Spuren sind das beste Zeugnis, und Ihre spirituelle Unterweisung ist universell auf die Menschenwelt anwendbar.

Ihr Einfluss und ihre Macht sind unermesslich und grenzenlos.

Eine einzelne himmlische Persönlichkeit hat viele Länder entwickelt.

Jesus Christus beispielsweise unterrichtete allein und ohne Hilfe das römische, griechische und assyrische Volk und ganz Europa.

Es ist darum offensichtlich, dass die wichtigste Erziehung die des Geistes ist. Der Geist des Menschen muss seine Gaben aus dem Reich Gottes beziehen, damit er zum Spiegel und zum Zeichen des Lichtes und zum Ausgangspunkt der göttlichen Spuren wird. Denn die menschliche Wirklichkeit ist wie der Erdboden. Wenn kein segensreicher Regen vom Himmel auf den Boden fällt und keine Sonnenwärme eindringt, wird er schwarz, abstoßend und unfruchtbar. Aber wenn Regenschauer und die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihn fallen, wachsen schöne und duftende Blumen aus seinem Schoß. Gleicherweise wird auch der menschliche Geist – die Wirklichkeit des Menschen – nicht zum Zeichen geistiger Gaben werden, solange er nicht Empfänger des Lichtes des Königreiches wird, Empfänglichkeit für das Göttliche entwickelt und den Glanz Gottes bewusst widerspiegelt, denn nur die Wirklichkeit des Menschen kann zu einem Spiegel werden, in dem sich das Licht Gottes offenbart. Die Wirklichkeit des Menschen wird dann wie der Geist dieser Welt sein; denn so wie der Lebenstrieb den stofflichen menschlichen Körper belebt, so wird der Körper der Welt durch die anregende Kraft des geheiligten menschlichen Geistes belebt. Es ist einleuchtend, dass die heiligen Manifestationen und göttlichen Aufgangsorte notwendig sind, denn diese gesegneten und herrlichen Seelen sind die allerersten Lehrer und Erzieher der Menschheit, und alle menschlichen Seelen werden durch Sie mithilfe der Gabe des Heiligen Geistes Gottes entwickelt. Während Seines Wirkens war Jesus Christus in Palästina von Menschen verschiedener Völker umgeben, einschließlich der Juden, die alle in einem Zustand extremer Unwissenheit lebten, des Wortes Gottes beraubt und mit verblendetem Bewusstsein. Christus erzog diese Menschen und belebte sie mit dem lebendigen Wort, sodass sie ihrerseits Instrumente zur Erziehung der Welt wurden und den Osten und den Westen erleuchteten. Denkt an die wunderbare Wirkung geistiger Erziehung und Bildung. Durch sie wurde der Fischer Petrus in den größten aller Lehrer verwandelt. Die geistige Erziehung machte die Jünger zu strahlenden Lampen in der Finsternis der Welt und bewirkte, dass die Christen des ersten und zweiten Jahrhunderts überall für ihre Tugenden bekannt wurden. Sogar Philosophen haben das bezeugt. Unter ihnen war Galen, der Arzt, der ein Buch über den Fortschritt der Völker schrieb. Er war ein gefeierter griechischer Philosoph, jedoch kein Christ. In seinem Buch sagte er, dass religiöse Glaubensvorstellungen einen gewaltigen Einfluss auf die Zivilisation ausüben und dass die Welt solchen Glauben braucht. Zum Beweis sagte er im Wesentlichen: »In unserer Zeit gibt es ein bestimmtes Volk, Christen genannt, die weder Philosophen noch geschulte Gelehrte sind, und doch allen anderen hinsichtlich ihrer Moral und Sitten überlegen sind. Sie sind ethisch-moralisch vollkommen. Jeder von ihnen ist wie ein großer Philosoph in Bezug auf Moral, Ethik und Hinwendung zum Reich Gottes.« Diese Aussagen eines Beobachters mit klarem Verstand belegen, dass geistige Erziehung und Bildung das Licht der Menschenwelt sind und dass ihr Fehlen in der Welt nichts als Dunkelheit ist. Bahá'u'lláh erschien in Persien zu einer Zeit, als das Dunkel der Unwissenheit den Osten einhüllte und es keine Spur menschlicher Liebe und Gemeinschaft gab. Durch göttliche Erziehung und die Kraft des Odems des Heiligen Geistes veredelte Er die Seelen der Perser, die Ihm folgten, so sehr, dass sie eine Stufe höchster Einsichtsfähigkeit erreichten und der Welt die Attribute der Vollkommenheit widerspiegelten. Waren sie früher unwissend, wurden sie wissend; waren sie schwach, wurden sie mächtig; waren sie charakterlos, wurden sie gewissenhaft. Waren sie feindselig gegenüber allen, entwickelten sie Liebe zur Menschheit; waren sie geistig nachlässig, wurden sie achtsam und aufmerksam; schliefen sie, so erwachten sie; waren sie untereinander uneins, wurden sie in Liebe einig und sind jetzt bestrebt, der Menschheit zu dienen. Der Dienst für Gott und die Menschheit ist ihre einzige Absicht; sie haben weder Wunsch noch Verlangen außer dem, was dem Wohlgefallen Gottes entspricht. Das Wohlgefallen Gottes zeigt sich in der Liebe zu Seinen Geschöpfen. Jeder einzelne Mensch sollte nach Gottes Plan und Willen erleuchtet werden wie eine Lampe, die alle Tugenden, die der Menschheit bestimmt sind, ausstrahlt und seine Mitgeschöpfe aus dem Dunkel der Natur zum himmlischen Licht führt. Darin liegen Tugenden und Ruhm der Menschheit. Das ist Vollkommenheit, Ehre und Ruhm des Menschen. Andernfalls ist der Mensch ein Tier und unterscheidet sich nicht von den Geschöpfen jenes niedrigeren Reiches. Obwohl der Mensch Kräfte mit dem Tier gemeinsam hat, unterscheidet er sich jedoch offenkundig vom Tier durch intellektuelle Errungenschaften, geistige Wahrnehmung, die Aneignung von Tugenden und durch die Fähigkeit, Gottes Gaben, die Freigebigkeit des Herrn und Ausstrahlung himmlischer Gnade zu empfangen.

Dies ist die Zierde des Menschen, seine Ehre und Erhabenheit.

Die Menschheit muss nach dieser höchsten Stufe streben.

Christus hat diese Stufe als die zweite Geburt bezeichnet.

Der Mensch wird zuerst aus einer Welt der Dunkelheit, dem Mutterleib, in diese stoffliche Welt des Lichtes hineingeboren.

In der dunklen Welt, aus der er kam, hatte er keine Kenntnis von den Vorzügen dieses Daseins.

Er wurde aus einem Zustand der Dunkelheit befreit und in ein neues, weites Reich gebracht, wo es Sonnenlicht gibt, die Sterne leuchten, der Mond strahlt, wo es schöne Anblicke, Rosengärten, Früchte und alle Segnungen dieser Welt gibt.

Wie ist er zu diesen Segnungen gekommen?

Indem seine Mutter ihn auf die Welt brachte.

So, wie der Mensch körperlich in diese Welt hineingeboren wurde, kann er aus diesem Reich, dem Mutterleib der Natur, wiedergeboren werden, denn das Reich der Natur ist ein Zustand des Tierischen, der Dunkelheit und des Mangels.

Bei dieser zweiten Geburt gelangt er in die Welt des Gottesreiches.

Dort erlebt und erkennt er, dass die Welt der Natur eine düstere Welt ist, das Königreich dagegen eine Welt strahlenden Glanzes.

Die Welt der Natur ist eine Welt der Mängel, das Königreich ist ein Reich der Vollkommenheit.

Die Welt der Natur ist eine Welt ohne Licht, das Königreich der vergeistigten Menschheit ist ein Himmel der Erleuchtung.

Jetzt sind dem Menschen große Entdeckungen und Offenbarungen möglich; er kann die Wirklichkeit wahrnehmen; sein Verständnisvermögen hat sich grenzenlos erweitert; er sieht die Wirklichkeiten der Schöpfung, versteht die göttlichen Gaben und entschlüsselt die Geheimnisse der Erscheinungswelt.

Diese Stufe bezeichnete Christus als die zweite Geburt.

Er sagt, so wie ihr körperlich von der Mutter in diese Welt hineingeboren wurdet, müsst ihr noch einmal aus dem Mutterleib der Natur in das Leben des Gottesreiches hineingeboren werden.

Möget ihr alle diese zweite, geistige Geburt erfahren.

»Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.« Ich bete, dass die Unterstützung Gottes auf euch herabkommt. Möget ihr alle aus dieser sterblichen Welt in das Königreich wiedergeboren werden. Möget ihr der Zeichen Gottes deutlich gewahr werden, die Vorzüge des Göttlichen spüren, die ewigen Gaben erlangen und die Wahrheit des ewigen Lebens erkennen.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Denver

24. bis 25. September 1912

– 107 –

24. September 1912 Ansprache im Haus von Frau Sidney E. Roberts Denver, Colorado Nach einer stenografischen Mitschrift Um Euch zu besuchen, bin ich aus fernen Landen des Ostens gekommen, habe den großen Ozean überquert und bin eine weite Strecke auf diesem Kontinent gereist. Seht, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, euch zu treffen. Mein Körper ist gebrechlich und schwach, kann keine längeren Strapazen durchhalten, und doch sind wir – Preis sei Gott – endlich in Denver angekommen. Für eine solche Versammlung muss man dankbar sein. Sie ist unvergleichlich und einzigartig unter allen Begegnungen. Andere Treffen werden aufgrund materieller Interessen abgehalten – beispielsweise soziale, politische, kommerzielle und bildungsbezogene –, aber diese Zusammenkunft hat kein anderes Ziel, als die Annäherung an das Gottesreich. Darum ist sie einzigartig und unvergleichlich. Die Herzen haben sich Gott zugewandt, die Seelen sind von der frohen Botschaft Gottes begeistert und das Streben aller ist auf Gott gerichtet. Welch besseres Treffen wäre vorstellbar? Ein solches Treffen ist grundlegend geistiger Natur, aufrichtig und höchst bedeutsam. Wir müssen uns erheben, um seine Zwecke zu verwirklichen, da unsere Aufmerksamkeit auf das himmlische Reich gerichtet ist, dem wir treue Dienste erweisen müssen. Daher müssen alle Anwesenden in einer Haltung vollkommener Liebe und Verbundenheit äußerste Demut und Selbstaufopferung zeigen; wir müssen unsere Gedanken auf das Königreich Gottes richten, damit unser Treffen zum Ausdruck der verherrlichten Himmlischen Heerscharen wird. Preis sei Gott!

Wir leben in einem Jahrhundert des Lichtes.

Preis sei Gott!

Wir leben am Tag des göttlichen Glanzes auf Erden.

Preis sei Gott!

Wir leben in dieser Zeit der Offenbarung göttlicher Liebe.

Preis sei Gott, dass wir am Tag himmlischer Gnadenfülle leben.

Preis sei Gott!

Dies ist ein Tag, an dem Licht und Pracht den Fortschritt überall in Ost und West erweckt haben.

Viele heilige Seelen sehnten sich in vergangenen Zeiten danach, dieses Jahrhundert zu erleben, klagten Tag und Nacht und wünschten sehnlichst, während dieses Zyklus auf Erden zu sein; dass gerade wir in dieser Zeit leben dürfen, ist das wohltätige Geschenk des Herrn.

In Seiner göttlichen Barmherzigkeit und Allmacht hat Er uns dies gewährt, so wie Christus erklärte:

»Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.« Wahrlich, Gott hat euch erwählt, Ihn zu lieben und zu erkennen.

Gott hat euch für den wertvollen Dienst erwählt, die Menschheit zu vereinen.

Gott hat euch erwählt, die Wahrheit zu erforschen und den Weltfrieden zu verkünden.

Gott hat euch erwählt, den Fortschritt und die Entwicklung der Menschheit voranzubringen, wahre Bildung zu verbreiten und zu verkünden, euren Mitgeschöpfen Liebe zu erweisen und Vorurteile zu beseitigen.

Gott hat euch erwählt, die Herzen der Menschen zu verschmelzen und der Menschheit Licht zu bringen.

Die Tore Seiner Freigebigkeit stehen weit, weit offen.

Aber wir müssen aufmerksam und wachsam sein, uns dem Dienst für die ganze Menschheit widmen, die Gaben Gottes wertschätzen und stets Seinem Willen entsprechen. Seht, wie Finsternis über die Welt gekommen ist. In jedem Winkel der Erde gibt es Streit, Zwietracht und Kriege in irgendeiner Form. Die Menschheit ist im Meer des Materialismus versunken und von den Angelegenheiten dieser Welt völlig in Beschlag genommen. Die Menschen denken an nichts anderes als an irdischen Besitz und hegen keine Wünsche als die Leidenschaften dieses flüchtigen, vergänglichen Lebens. Ihr höchstes Ziel liegt im materiellen Wohlstand, körperlicher Annehmlichkeit und weltlichem Vergnügen, was dem Glück der tierischen, aber nicht der menschlichen Welt entspricht. Die Ehre des Menschen erwächst aus der Erkenntnis Gottes.

Sein Glück erwächst aus der Liebe Gottes.

Seine Freude erwächst aus der Frohen Botschaft Gottes.

Die Größe des Menschen hängt von seinem Dienst für Gott ab.

Die höchste Entwicklungsstufe des Menschen ist sein Eintritt in das Reich Gottes und die Frucht dieser menschlichen Existenz ist der Kern und das Wesen des ewigen Lebens.

Wenn der Mensch von den göttlichen Gaben ausgeschlossen ist und wenn Freude und Glück sich auf seine materiellen Neigungen beschränken, welcher Unterschied besteht dann zwischen ihm und einem Tier?

Tatsächlich ist das Glück des Tieres größer, da seine Bedürfnisse geringer sind und seine Lebensgrundlage leichter zu beschaffen ist.

Obwohl der Mensch sich für die Erfüllung seiner materiellen Bedürfnisse und sein Wohlbefinden anstrengen muss, ist das Erlangen der Gaben Gottes das, was er wirklich braucht.

Ausgeschlossen von den göttlichen Gaben, der geistigen Aufnahmefähigkeit und den himmlischen frohen Botschaften, wird das Leben des Menschen in dieser Welt keine wertvollen Früchte hervorbringen.

Während seines körperlichen Lebens sollte er nach dem geistigen Leben trachten, und zusammen mit körperlichem Wohlbefinden und Glück sollte er himmlische Freuden und Zufriedenheit genießen.

Dann ist der Mensch des Namens ›Mensch‹ würdig; dann wird er »dem Ebenbild Gottes« entsprechen, denn das Ebenbild des Barmherzigen besteht aus den Eigenschaften des himmlischen Königreiches.

Wenn im Garten seiner Seele keine Früchte des Königreiches heranwachsen, entspricht der Mensch nicht dem Ebenbild Gottes.

Doch wenn diese Früchte hervorkommen, dann wird er zum Empfänger vollkommener Gaben und ist entflammt vom Feuer der Liebe Gottes.

Wenn seine Moralvorstellungen geistigen Charakter annehmen, seine Bestrebungen himmlisch werden und seine Taten mit dem Willen Gottes im Einklang stehen, dann ist der Mensch zum Ebenbild seines Schöpfers geworden.

Andernfalls ist er das Ebenbild Satans.

Darum hat Christus gesagt:

»Ihr werdet sie an ihren Früchten erkennen.« Was sind die Früchte der Menschenwelt?

Es sind die geistigen Eigenschaften, die im Menschen zum Ausdruck kommen.

Wenn dem Menschen diese Eigenschaften fehlen, ist er wie ein fruchtloser Baum.

Wer nach hohen Zielen strebt und Selbstvertrauen entwickelt hat, wird nicht mit einer bloßen tierischen Existenz zufrieden sein.

Er wird nach dem göttlichen Reich trachten.

Er wird sich nach dem Himmel sehnen, obwohl er noch in seinem Körper auf Erden wandelt und obwohl seine äußere Erscheinung körperlich ist, wird seine innere Gedankenwelt geistig und himmlisch werden.

Solange der Mensch diese Stufe nicht erreicht, wird sein Leben bar jeglichen Ertrages sein.

Seine Lebenszeit schwindet dahin mit Essen, Trinken und Schlafen, ohne ewige Früchte, himmlische Spuren oder Erleuchtung – ohne geistige Kraft, ewiges Leben oder die erhabenen Errungenschaften, die ihm während seiner Pilgerfahrt durch die Menschenwelt bestimmt sind.

Ihr müsst Gott danken, dass eure Bemühungen erhaben und edel, eure Bestrebungen wertvoll, eure Absichten auf das Reich Gottes ausgerichtet sind und es euer höchster Wunsch ist, ewige Tugenden zu erlangen.

Ihr müsst entsprechend diesen Anforderungen handeln.

Ein Mensch mag nur dem Namen nach Bahá'í sein.

Wenn er ein wahrer Bahá'í ist, werden seine Taten und Handlungen deutliche Beweise dafür sein.

Was ist dafür nötig?

Liebe zur Menschheit, Aufrichtigkeit gegenüber allen, die Widerspiegelung der Einheit der Menschheit, Wohltätigkeit, das Entflammtsein vom Feuer der Liebe zu Gott, das Erlangen der Erkenntnis Gottes und das, was zum Wohlergehen der Menschheit führt. Heute Abend haben wir über die Gemeinschaft und Einheit der persischen Bahá'í gesprochen. Sie können wahrhaftig Liebende genannt werden. Wenn zum Beispiel einer der Freunde Gottes in ihre Stadt kam, freuten sich alle Freunde und kamen zusammen, um sich mit ihm zu treffen. War er krank, sorgten sie für ihn; war er traurig, trösteten sie ihn. Sie kümmern sich in jeder Hinsicht um ihn und beweisen zweifelsfrei, dass zwischen ihnen eine geistige Verbindung besteht. Fremde und Außenstehende staunen über diese Liebe und strahlende Zuneigung, die unter den Bahá'í herrscht. Sie möchten mehr darüber wissen. Sie beobachten die Einheit und Eintracht, die sich unter ihnen zeigt. Sie sagen: »Welch schöner Geist leuchtet aus ihren Gesichtern!« Alle beneiden sie darum und wünschen sich, ein solches Band der Liebe überall zu finden. Deshalb ist meine erste Aufforderung an euch: Seid äußerst freundlich zu allen; seid wie eine Familie; folgt diesem gleichen Weg. Lasst eure Absichten eins sein, damit eure Liebe die Herzen der anderen berührt und durchdringt, damit sie lernen, einander zu lieben und alle zur Einheit gelangen. Die menschliche Welt ist voller Dunkelheit; ihr seid ihre strahlenden Kerzen. Sie ist sehr arm; ihr müsst die Schatzkammer des Königreichs sein. Sie ist sehr weit heruntergekommen; ihr müsst die Ursache ihrer Erhöhung sein. Sie ist der göttlichen Gnade beraubt; ihr müsst für Ansporn und geistige Belebung sorgen. Nach den Lehren Bahá'u'lláhs müsst ihr jeden einzelnen Menschen lieben und schätzen. Das erste Zeichen des Glaubens ist Liebe. Die Botschaft der heiligen Offenbarer Gottes ist Liebe. Alles Erschaffene gründet auf Liebe. Das Strahlen der Welt beruht auf Liebe; Wohlfahrt und Glück der Welt hängen von ihr ab. Deshalb fordere ich euch auf, euch zu bemühen, überall in der Menschenwelt das Licht der Liebe zu verbreiten. Die Menschen dieser Welt denken an Krieg; ihr müsst Friedensstifter sein. Die Nationen sind selbstsüchtig; ihr müsst an andere denken, anstatt an euch selbst. Sie sind nachlässig; ihr müsst achtsam sein. Sie schlafen; ihr müsst wach und aufmerksam sein. Möge jeder von euch wie ein leuchtender Stern am Horizont der ewigen Herrlichkeit sein. Dies ist mein Wunsch für euch und meine höchste Hoffnung. Ich bin von weit her gekommen, damit ihr diese Eigenschaften und göttlichen Gunstbeweise erlangen möget. Preis sei Gott! Ich habe an diesem Treffen teilgenommen, dessen Zweck das Gedenken Gottes ist.

– 108 –

25. September 1912 Ansprache in der Second Divine Science Church 3929 West Thirty-eighth Avenue, Denver, Colorado Nach einer stenografischen Mitschrift Im Orient habe ich von den hohen Zielen und wunderbaren Errungenschaften des amerikanischen Volkes erfahren. Als ich in diesem Land ankam, wurde mir klar, dass die amerikanischen Ideale in der Tat höchst lobenswert sind und dass die Menschen hier die Wahrheit lieben. Sie erforschen die Wahrheit, und es gibt keine Spur von Fanatismus unter ihnen. Heutzutage stehen die Nationen der Welt am Rande eines Krieges, angetrieben und befeuert von Vorurteilen aus Unwissenheit und Rassenfanatismus. Preis sei Gott! Sie sind frei von solchen Vorurteilen, denn Sie glauben an die Einheit und Solidarität der Menschenwelt. Es besteht kein Zweifel, dass göttlicher Beistand Sie unterstützen wird. Zu den Vorurteilen, die die Menschheit plagen, gehören religiöse Intoleranz und Fanatismus.

Wenn dieser Hass in den Herzen der Menschen brennt, führt er zu Revolution, Zerstörung und zur Erniedrigung der Menschheit sowie zum Verlust der Gnade Gottes.

Denn die heiligen Manifestationen und göttlichen Religionsstifter waren selbst vollkommen in Liebe und Eintracht vereint, wohingegen Ihre Anhänger durch bittere Gegnerschaft und eine gegenseitige feindselige Haltung gekennzeichnet sind.

Gott hat der Menschheit den Strahlenglanz der Liebe bestimmt, der Mensch jedoch hat sich selbst durch Blindheit und fehlgeleitete Vorstellungen in die Schleier der Zwietracht, des Streites und des Hasses gehüllt.

Am meisten mangelt es der Menschheit an Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit.

Je ausgeprägter die Bande der Freundschaft und Solidarität unter den Menschen sind, desto großartiger werden konstruktive Kräfte und Errungenschaften auf allen Ebenen menschlichen Handelns.

Ohne Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit bleibt das einzelne Mitglied der menschlichen Gesellschaft selbstbezogen, wird nicht von uneigennützigen Zielen inspiriert und bleibt in seiner Entwicklung abgesondert und eingeschränkt, ähnlich wie die tierischen und pflanzlichen Organismen der niederen Reiche.

Niedere Kreaturen brauchen weder Zusammenarbeit noch Wechselseitigkeit.

Ein Baum kann abgeschieden und allein leben, aber für den Menschen ist dies nicht möglich, ohne dass er Rückschritte macht.

Darum ist jede auf Zusammenarbeit gerichtete Einstellung und Verhaltensweise im menschlichen Leben lobenswert und von Gott so gewollt.

Die erste Ausdrucksform der Zusammenarbeit ist die familiäre Beziehung, die allerdings in ihrem Einfluss unzuverlässig und unsicher ist, da es zu Trennungen kommen kann und sie die einzelnen Mitglieder der Menschheit nicht dauerhaft zusammenhält.

Es gibt auch eine Zusammenarbeit und Einheit aufgrund der Herkunft und der Hautfarbe, die gleichermaßen unwirksam ist, denn obwohl ihre Mitglieder im Großen und Ganzen übereinstimmen mögen, unterscheiden sie sich grundlegend in ihren persönlichen und speziellen Ansichten.

Ein von Herkunft und Hautfarbe motivierter Zusammenschluss wird darum die Anforderungen an eine göttliche Beziehung nicht erfüllen.

In der Menschenwelt kann materielle Gemeinschaft auch auf anderen Wegen erreicht werden, aber diese versagen dabei, Herzen und Seelen der Menschen zusammenzuschweißen, und sind entsprechend untauglich.

Daraus wird deutlich, dass Gott die Religion dazu bestimmt hat, Ursache und Mittel für gemeinsame Anstrengungen und Erfolge der Menschheit zu sein.

Zu diesem Zweck hat Er die Propheten Gottes, die heiligen Manifestationen des Wortes gesandt, damit die grundlegende Wahrheit, die Religion Gottes, sich als das Band menschlicher Einheit erweist – denn die von diesen heiligen Boten geoffenbarten Religionen haben ein und dieselbe Grundlage.

Alle werden deshalb einräumen, dass die göttlichen Religionen dazu bestimmt sind, das Mittel wahrer menschlicher Zusammenarbeit zu sein, dass sie in dem Ziel vereint sind, die Menschheit zu einer Familie zusammenzuführen, denn sie ruhen auf dem universellen Fundament der Liebe, und Liebe ist der erste Strahlenglanz des Göttlichen. Jede der göttlichen Religionen hat zwei Arten von Geboten erlassen: grundlegende und zeitbedingte.

Die grundlegenden Gebote beruhen auf den festen, unveränderlichen, ewigen Grundlagen des Wortes selbst.

Sie betreffen das Geistige, versuchen, die Ethik zu festigen, intuitive Empfänglichkeit zu wecken, das Wissen um Gott zu offenbaren und die Liebe zur ganzen Menschheit zu verankern.

Die zeitbedingten Gesetze betreffen die Verwaltung äußerer menschlicher Handlungen und Beziehungen, indem sie Regeln und Vorschriften festlegen, die für die stoffliche Welt und ihre Kontrolle erforderlich sind.

Diese können sich je nach den Erfordernissen der Zeit, des Ortes und der Umstände ändern und ersetzt werden.

So wurden beispielsweise zu Moses Zeit in Seinem Buche zehn Gebote bezüglich der Bestrafung von Mord offenbart.

Die Scheidung wurde gebilligt und Polygamie war bis zu einem gewissen Grade erlaubt.

Wenn ein Mann einen Diebstahl begangen hatte, wurde ihm die Hand abgehackt.

Diese drastischen Gesetze und strengen Strafen entsprachen der Zeit Moses.

Als aber die Zeit Christi kam, hatte sich der Verstand der Menschen weiterentwickelt, das Erkenntnisvermögen war geschärft und die geistige Wahrnehmung war fortgeschritten, sodass bestimmte Gesetze bezüglich Mord, Polygamie und Ehescheidung abgeschafft wurden.

Die wesentlichen Verordnungen der mosaischen Sendung blieben jedoch unverändert.

Dies waren die grundlegenden Prinzipien der Erkenntnis Gottes und der heiligen Manifestationen, die Reinheit der Sitten, die Erweckung geistiger Empfänglichkeit – ewige Prinzipien, die weder dem Wandel noch der Veränderung unterliegen.

Kurz gesagt, die Grundlage der göttlichen Religionen ist eine ewige Grundlage, aber die Gesetze für vorübergehende Umstände und Erfordernisse können sich ändern.

Durch Festhalten an diesen vorübergehenden Gesetzen, indem Bräuche der Vorfahren blind befolgt und nachgeahmt wurden, sind Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen entstanden, die zu Uneinigkeit, Streit und Hass geführt haben.

Blindes Nachahmen und dogmatisches Befolgen führen zu Entfremdung und Uneinigkeit.

Sie verursachen Blutvergießen und zerstören die Grundlagen der Menschheit.

Daher müssen die Anhänger aller Religionen der Welt diese Nachahmungen aufgeben und die wesentliche Grundlage, also die Wahrheit selbst erforschen, die weder Wechsel noch Wandel unterliegt.

Dies ist das göttliche Mittel für Eintracht und Vereinigung. Der Zweck aller göttlichen Religionen ist, ein Band der Liebe und Gemeinschaft unter den Menschen zu schaffen, und die himmlischen Erscheinungen des offenbarten Wortes Gottes sollen der Menschheit als Quelle des Wissens und der Erleuchtung dienen. Solange der Mensch an Bräuchen seiner Vorfahren und Nachahmungen veralteter Rituale festhält und die höheren Offenbarungen des göttlichen Lichtes in der Welt leugnet, werden Streit und Auseinandersetzungen den Zweck der Religion zerstören und Liebe und Gemeinschaft unmöglich machen. Jede der heiligen Manifestationen kündigte die frohe Botschaft Ihres Nachfolgers an, und Jede bekräftigte die Botschaft Ihres Vorgängers. Da Sie also in Ihrem Ziel und in Ihrer Lehre einig waren, obliegt es Ihren Anhängern, ebenfalls in Liebe und geistiger Freundschaft geeint zu sein. Auf keine andere Weise werden Zwietracht und Entfremdung verschwinden und auf keine andere Weise kann die Einheit der Menschheit herbeigeführt werden. Nachdem wir die Glaubwürdigkeit der Offenbarer des Wortes Gottes durch Untersuchung der göttlichen Lehren bewiesen haben, müssen wir mit Gewissheit herausfinden, ob sie echte Erzieher der Menschheit waren.

Einer der Offenbarer des Gesetzes Gottes war Moses.

Als Er erschien, wiesen Ihn alle damaligen Völker zurück.

Ungeachtet dessen verkündete Er ganz allein die göttlichen Lehren und befreite ein Volk aus tiefster Erniedrigung und Knechtschaft.

Das Volk Israel war unwissend, ungebildet und moralisch verkommen – ein schwer unterdrücktes Sklavenvolk.

Moses führte es aus der Gefangenschaft heraus und brachte es in das Heilige Land.

Er erzog und schulte es und führte die Grundlagen materieller und göttlicher Zivilisation ein.

Durch Moses Erziehung erlangte dieses unwissende Volk einen fortgeschrittenen Grad an Macht und Ansehen, der im Glanz der Herrschaft Salomons gipfelte.

Aus dem Abgrund von Verlust und Sklaverei wurden sie auf die höchste Ebene des Fortschritts und der Zivilisation erhoben.

Es ist darum offensichtlich, dass Moses ein Erzieher und Lehrer war.

Ziel und Auftrag der heiligen, göttlichen Boten sind die Erziehung und der Fortschritt der Menschheit, die Kultivierung göttlicher Früchte in den Gärten der Menschenherzen, die Widerspiegelung himmlischen Strahlenglanzes in den Spiegeln der menschlichen Seelen, die Belebung geistiger Fähigkeiten und die Zunahme spiritueller Empfänglichkeit.

Wenn diese Ergebnisse und Erfolge in der Menschheit sichtbar werden, sind Wirken und Botschaft der Manifestationen unverkennbar.

Christus, unverheiratet und allein, ohne schulische oder sonstige Bildung, angelernt für die Arbeit in der Werkstatt eines Zimmermanns, erschien in der Welt zu einer Zeit, als sich das jüdische Volk in tiefster Erniedrigung befand.

Dieser strahlende junge Mann – ohne Reichtum, ohne Militärmacht oder Ansehen – rettete die Juden, die an Ihn glaubten, aus Tyrannei und Erniedrigung und erhob sie auf die höchste Ebene der Entwicklung und des Ruhms.

Sein Jünger Petrus war Fischer.

Durch die Macht Christi erhellte er alle Horizonte der Welt.

Darüber hinaus wurden verschiedene Völker griechischen, römischen, ägyptischen und assyrischen Ursprungs in Einheit und Eintracht zusammengeführt.

Wo zuvor Krieg und Blutvergießen herrschten, zeigten sich Demut und Liebe, und die Grundlagen der göttlichen Religion wurden gelegt, um niemals wieder zerstört zu werden.

Das belegt, dass Christus ein himmlischer Lehrer und Erzieher der Menschenwelt war, denn diese Beweise sind historisch verbürgt und unwiderlegbar; sie beruhen weder auf Traditionen noch auf Erzählungen.

Die Macht Seines Wortes, mit der Er diese Völker zusammenführte, ist so klar und offensichtlich wie die Mittagssonne.

Es bedarf keiner weiteren Darlegung. Die Rechtmäßigkeit einer Manifestation Gottes wird durch die durchdringende Kraft und den Einfluss Ihres Wortes bewiesen, durch die Kultivierung himmlischer Eigenschaften in den Herzen und im Leben Ihrer Anhänger und durch das Geschenk göttlicher Erziehung für die Menschenwelt. Das ist ein vollkommener Beweis. Die Welt ist eine Schule, in der es Lehrer für das Wort Gottes geben muss. Die Befähigung dieser Lehrer wird offensichtlich durch die erfolgreiche Ausbildung der Abschlussklassen. Im frühen neunzehnten Jahrhundert war der Horizont Persiens in große Finsternis und Unwissenheit gehüllt.

Die Menschen in jenem Land lebten in einem Zustand der Barbarei.

Hass und Fanatismus herrschten zwischen den verschiedenen Religionen; Blutvergießen und Feindseligkeit waren zwischen Sekten und Konfessionen weit verbreitet.

Von Verbindung und Einheit war nichts zu spüren.

Zerstörerische Vorurteile und Feindschaft beherrschten die Herzen der Menschen.

Zu solch einer Zeit verkündete Bahá'u'lláh das erste Prinzip Seiner Sendung und Lehre – die Einheit der Menschheit.

Als Zweites verkündete Er die Erforschung der Wahrheit.

Die dritte Verkündigung betraf die Einheit der Grundlagen der göttlichen Religionen.

Durch geistige Erziehung führte Er die Menschen aus Dunkelheit und Unwissenheit in das klare Licht der Wahrheit, erleuchtete ihre Herzen mit dem Glanz des Wissens, legte eine wahre und universelle Grundlage für religiöse Lehren, entwickelte die Tugenden der Menschlichkeit, verlieh geistiges Aufnahmevermögen, erweckte die innere Wahrnehmung und verwandelte die Schmach voreingenommener Seelen in ein Höchstmaß an Ehre und geistigem Fassungsvermögen.

Heute begegnen Ihnen in Persien und im Orient die Anhänger Bahá'u'lláhs vereint durch engste Verbundenheit und Liebe.

Sie haben religiöse Vorurteile aufgegeben und sind zu einer Familie geworden.

Wenn Sie an ihren Versammlungen teilnehmen, werden Sie dort Christen, Muslime, Buddhisten, Zoroastrier, Juden und Vertreter anderer Glaubensrichtungen finden, die alle ohne eine Spur von religiöser Intoleranz oder Fanatismus in wunderbarer Einheit verbunden sind, aus deren Angesichtern das Licht der Einheit der Menschheit strahlt.

Tag für Tag entwickeln sie sich weiter und erweisen einander immer größere Liebe.

Ihr Glaube ist auf die Vereinigung der Menschheit gerichtet, und ihr höchstes Ziel ist die Einheit religiösen Glaubens.

Sie verkünden der ganzen Menschheit die schützende Gnade und unendliche Güte Gottes.

Sie lehren die Übereinstimmung der Religion mit Wissenschaft und Vernunft.

Als Diener des Einen Gottes und Empfänger Seiner universellen Gnade drücken sie in Worten und Taten die Echtheit der Liebe zur ganzen Menschheit aus.

Das sind ihre Gedanken, ihre Überzeugungen, ihre Leitprinzipien, das ist ihre Religion.

Zwischen ihnen gibt es keine Spur religiöser, rassistischer, patriotischer oder politischer Vorurteile, denn sie sind echte Diener Gottes und gehorchen Seinem Willen und Gebot. Meine höchste Hoffnung und mein größter Wunsch bestehen darin, dass das stärkste und völlig unauflösbare Band zwischen dem amerikanischen Volk und den Völkern des Orients geknüpft wird. Dies ist mein Gebet zu Gott. Möge der Tag kommen, da durch göttliches und geistiges Wirken in der Menschenwelt die Religionen versöhnt werden und alle Völker der Erde in Einheit und Liebe zusammenkommen. Vor fünfzig Jahren verkündete Bahá'u'lláh den Frieden der Völker und die Einheit der göttlichen Religionen, indem Er Seine Worte in besonderen Sendbriefen an alle Könige und Herrscher der Welt richtete. Darum ist mein höchster Wunsch die Einheit des Ostens und des Westens, der universelle Frieden und die Einheit der Menschheit.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Oakland, Palo Alto, San Francisco und Sacramento

26. Oktober 1912

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7. Oktober 1912 Ansprache in der japanischen Unabhängigen Kirche der CVJMOakland, Kalifornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Es ist so eine große Freude, heute Abend hier zu sein, besonders weil die Mitglieder dieser Vereinigung aus dem Fernen Osten stammen. Lange Zeit schon hatte ich den Wunsch, japanische Freunde zu treffen. Dieses Volk hat in kurzer Zeit außergewöhnliche Fortschritte erzielt – Fortschritte und Entwicklungen, die die Welt in Erstaunen versetzt haben. Da sie in der materiellen Zivilisation Fortschritte gemacht haben, haben sie gewiss auch die Fähigkeit zur geistigen Entwicklung. Das ist der Grund für meine außerordentliche Sehnsucht, sie zu treffen. Preis sei Gott! Diese Freude ist mir nun vergönnt, denn in dieser Stadt stehe ich vor einer verehrten Gruppe von Japanern. Wie man hört, sind Japaner nicht vorurteilsbehaftet. Sie erforschen die Wahrheit. Wo immer sie die Wahrheit finden, zeigt sich, dass sie diese lieben. Sie halten nicht hartnäckig an blinden Nachahmungen uralter Glaubensüberzeugungen und Dogmen fest. Darum ist mein großer Wunsch, mit ihnen zu sprechen, damit die Einheit und Vermischung der Völker des Ostens und des Westens gefördert und verwirklicht wird. Auf diese Weise werden religiöse, rassistische und politische Vorurteile, parteiliche Voreingenommenheit und Sektierertum unter den Menschen aufgelöst werden. Jede Art von Vorurteil schadet dem Gemeinwesen. Betrachten wir die Geschichte vom Beginn menschlichen Lebens bis zu unserem gegenwärtigen Zeitalter, dann sind offensichtlich alle Kriege und Auseinandersetzungen, alles Blutvergießen, alle Schlachten und jede Form des Aufruhrs durch irgendwelche Vorurteile hervorgerufen worden – seien sie religiös, rassistisch oder aus nationaler Gesinnung bis hin zu Parteilichkeit und selbstsüchtigem Vorurteil. Auch heute noch sehen wir Unruhen auf dem Balkan, einen Krieg aufgrund religiöser Vorurteile. Als ich vor einigen Jahren in Rumelien lebte, brach zwischen verschiedenen religiösen Volksgruppen ein Krieg aus. Sie zeigten keinerlei Sinn für Gerechtigkeit oder rechtmäßige Ansprüche. Sie plünderten gegenseitig ihren Besitz, brannten Haus und Hof der jeweils anderen nieder, schlachteten Männer, Frauen und Kinder ab und bildeten sich ein, mit solchem Krieg und Blutvergießen Gott näherzukommen. Dies bewies eindeutig, dass Vorurteile die Grundlagen der Menschenwelt zerstören, während die Religion dazu bestimmt ist, Freundschaft und Eintracht zu bewirken. Religion muss die Ursache der Liebe sein. Religion muss die Ursache der Gerechtigkeit sein, denn die Weisheit der Manifestationen Gottes ist darauf gerichtet, ein unauflösliches Band der Liebe zu knüpfen. Die Bande, die den Staatskörper zusammenhalten, genügen nicht. Diese Bande kann man benennen, beispielsweise das Band der Vaterlandsliebe. Als Band ist es offensichtlich untauglich, denn wie oft führen Menschen desselben Volkes einen Bürgerkrieg gegeneinander. Ein Freundschaftsband kann durch die gleiche Hautfarbe und Herkunft entstehen, aber wie die Geschichte beweist, ist dies nicht stark genug, da fürchterliche Kriege zwischen Völkern der gleichen Hautfarbe und Herkunft ausgebrochen sind. Das Band, das Menschen zusammenhält, kann auch politisch sein. Wie oft aber schließen Diplomaten der Nationen an einem Tag einen Friedensvertrag und erklären einander schon am nächsten Tag den Krieg! Historisch steht eindeutig und offensichtlich fest, dass diese Bande nicht den Anforderungen an sie genügen. Das wahre Band der Rechtschaffenheit hat religiösen Charakter, denn Religion weist auf die Einheit der Menschheit hin. Religion fördert die Ethik. Religion reinigt die Herzen. Religion veranlasst die Menschen zu lobenswerten Taten. Religion wird zur Ursache der Liebe in den Herzen der Menschen, denn Religion ist eine göttliche Grundlage, eine Grundlage, die dem Leben stets zugutekommt. Die Lehren Gottes sind die Quelle der Erleuchtung für alle Menschen auf der Welt. Religion ist immer aufbauend, niemals zerstörend. Die Grundlage aller göttlichen Religionen ist nur eine. Alle beruhen auf der Wahrheit. Die Wahrheit lässt keine Mehrzahl zu, dennoch entstanden unter den Menschen Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Manifestationen Gottes. Einige waren Zoroastrier, andere Buddhisten, manche Juden, Christen, Muslime und so weiter. Das ist zu einer Quelle der Uneinigkeit geworden, obwohl die Lehren der heiligen Seelen, der Stifter der göttlichen Religionen, in ihrem Wesen und in Wirklichkeit eins sind. Sie alle haben der Welt der Menschheit gedient. Alle haben die Menschen zu Frieden und Einklang aufgerufen. Alle haben die Tugenden der Menschheit verkündet. Alle haben die Menschen zur Vollkommenheit geführt, doch bei den Völkern entstanden bestimmte Nachahmungen überlieferter Gottesdienstrituale. Diese Nachahmungen sind weder die Grundlage noch das Wesen der göttlichen Religionen. Meinungsverschiedenheiten und Vorurteile sind entstanden, weil diese Nachahmungen sich von der Wahrheit und den grundlegenden Lehren der Manifestationen Gottes unterscheiden. Religiöse Vorurteile werden so zur Ursache von Krieg und Kampf. Wenn wir diese überholten blinden Nachahmungen aufgeben und die Wahrheit erforschen, werden wir alle vereint sein. Keine Zwietracht wird zurückbleiben; Feindseligkeit wird verschwinden. Alle werden sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen. Alle werden sich herzlicher Freundschaftsbande erfreuen. Die Welt der Schöpfung wird dann zur Ruhe kommen. Die dunklen, bedrückenden Wolken blinder Nachahmung und dogmatischer Unterschiede werden sich auflösen und verfliegen. Die Sonne der Wahrheit wird in voller Pracht scheinen. Wahrlich, wir sollten die göttlichen Propheten als die Vermittler ansehen, aber die Menschheit hat Sie als Grund für Meinungsverschiedenheiten und als Vorwand für Krieg und Streit instrumentalisiert. In Wirklichkeit waren sie Vermittler von Liebe und Versöhnung. Wenn Sie nicht Quellen der Liebe und Freundschaft unter den Menschen waren, dann waren Sie zweifellos keine echten Propheten, denn die göttliche Weisheit und Absicht bei der Sendung der Propheten bestand darin, Liebe in den Herzen der Menschen zu erzeugen. Deshalb müssen wir die Wahrheit erforschen. Lassen Sie uns als Erstes herausfinden, ob der Anspruch dieser Propheten zu Recht bestand oder nicht, indem wir Vernunftbeweise und einleuchtende Argumente verwenden und nicht nur überlieferte Hinweise zitieren, da die Überlieferungen voneinander abweichen und Quellen der Zwietracht sind. Zu den heiligen, göttlichen Manifestationen gehörten Moses, Buddha und andere. Die Entsendung der Propheten diente immer der Erziehung der Menschheit. Sie sind die ersten Erzieher und Lehrer. Da Moses das Staatswesen aufbaute, besteht kein Zweifel, dass Er ein wahrer Lehrer und Erzieher war. Das beweist und zeigt, dass Er ein Prophet war. Wir sollten darüber nachdenken, wie Er zu den Kindern Israels gesandt wurde, als sie sich im Abgrund der Verzweiflung befanden, auf der tiefsten Stufe der Unwissenheit und Achtlosigkeit, erniedrigt und im Zustand der Sklaverei. Moses befreite dieses erniedrigte Volk Israel aus der Sklaverei. Er erweckte sie aus diesem Zustand der Unwissenheit, rettete sie vor der Barbarei und führte sie ins Heilige Land. Er vermittelte ihnen Bildung, schärfte ihre Klugheit, verlieh ihnen Würde und Ehre. Er kultivierte sie, hob sie auf eine höhere Stufe des Daseins, bis sie fähig waren, einen eigenen Nationalstaat aufzubauen, das große Königreich Salomons. Das beweist, dass Moses ein Lehrer und Erzieher war. Er besaß weder eine Armee noch ein Herrschaftsgebiet noch Reichtum. Nur kraft des Geistes sorgte Er für ihren Zusammenhalt und bewies, dass Er ein Prophet Gottes, ein Erzieher und Lehrer war. Ebenso müssen wir bei der Betrachtung anderer göttlicher Erzieher Vorurteile abbauen, indem wir die Wahrheit erforschen. Nehmen wir zum Beispiel Christus. Er erzielte größere Erfolge als Moses. Er brachte das Staatswesen voran und schulte mächtige Länder. Es besteht kein Zweifel, dass solche Seelen Propheten waren, denn die Aufgabe des Prophetentums ist Erziehung, und diese wundersamen Seelen schulten und erzogen die Menschheit. Christus war eine einzigartige Persönlichkeit und hatte weder Helfer noch Beistand. Allein und auf sich gestellt erhob Er sich, um große und mächtige Völker zu schulen; die Römer, die Griechen, die Ägypter, die Syrer, die Chaldäer und die Assyrer wurden von Ihm beeinflusst. Es gelang Ihm, viele Völker miteinander zu verbinden, sie gleichsam zu verschmelzen, sie in eine Form zu gießen und ihre Feindschaft in Liebe, den Krieg in Frieden zu verwandeln. Unter Seinem Einfluss wurden satanische Seelen zu wahren Engeln, tyrannische Herrscher wurden gerecht, der ethische Standard der Menschen wurde angehoben. Das beweist, dass Christus ein Erzieher, ein Lehrer und Ausbilder der Völker war. Wenn wir dies leugnen, ist das schlicht ungerecht. Gesegnete Seelen – wie Moses, Jesus, Zarathustra, Krishna, Buddha, Konfuzius oder Muḥammad – waren die Ursache der Erleuchtung der Menschheit. Wie können wir solch unwiderlegbare Beweise leugnen? Wie können wir für solches Licht blind sein? Wie können wir die Rechtmäßigkeit Christi bezweifeln? Das wäre Unrecht. Das würde die Wahrheit ignorieren. Der Mensch muss gerecht sein. Wir müssen Voreingenommenheit und Vorurteile überwinden. Wir müssen die Nachahmungen von Ahnen und Vorfahren aufgeben. Wir müssen selbst die Wahrheit erforschen und gerecht urteilen. Das alte Volk Persiens leugnete all diese Tatsachen und hegte größten Hass und Feindschaft gegenüber Glaubensüberzeugungen, die nicht den eigenen entsprachen. Wir haben die Wahrheit untersucht und festgestellt, dass diese heiligen Seelen alle von Gott gesandt wurden. Um uns zu erziehen, haben alle Ihr Leben hingegeben und Prüfungen und Schwierigkeiten auf Sich genommen. Wie kann solche Liebe vergessen werden? Das Licht Christi ist offensichtlich. Die Kerze Buddhas leuchtet. Der Stern Moses funkelt. Die Flamme, die Zarathustra entzündete, brennt noch. Wie können wir Sie verleugnen? Das ist Unrecht. Das verleugnet das völlig Offenkundige. Wenn wir die Nachahmungen aufgeben, werden alle geeint, und es werden keine Meinungsverschiedenheiten übrigbleiben, die uns trennen könnten. Wir hegen keine Vorurteile gegen Muḥammad.

Äußerlich diente das arabische Volk dazu, die Vorherrschaft der Parsen, die Oberherrschaft Persiens, zu stürzen.

Deshalb verachtete das alte Volk der Parsen die Araber aufs Äußerste.

Aber wir handeln gerecht und werden niemals den Gerechtigkeitsstandard aufgeben.

Die Araber befanden sich in einem Zustand tiefster Erniedrigung.

Sie waren blutrünstig und barbarisch, so grausam und entartet, dass ein arabischer Vater oft seine eigene Tochter lebendig begrub.

Schauen Sie:

Kann es eine schlimmere Barbarei geben als diese?

Das Volk bestand aus kriegerischen, feindseligen Stämmen, die auf der riesigen arabischen Halbinsel lebten, und ihr Gewerbe bestand darin, einander zu bekämpfen und auszurauben, Frauen und Kinder gefangen zu nehmen und sich gegenseitig umzubringen.

Muḥammad erschien unter einem derartigen Volk.

Er erzog und vereinigte diese barbarischen Stämme und setzte ihrem Blutvergießen ein Ende.

Durch Seine Erziehung entwickelten sie eine solche Hochkultur, dass sie Kontinente und Völker unterwarfen und beherrschten.

Welch großartige Zivilisation wurde in Spanien von den Muslimen eingeführt!

Welche wunderbare Zivilisation wurde von den Mauren in Marokko errichtet!

Welch mächtiges Kalifat wurde in Baghdád aufgebaut!

Wie sehr diente der Islám der Wissenschaft und förderte ihre Belange!

Warum also sollten wir Muḥammad verleugnen?

Wenn wir Ihn verleugnen, erwecken wir Feindschaft und Hass.

Durch unsere Vorurteile verursachen wir Krieg und Blutvergießen, denn Vorurteile waren die Ursache für den gewaltigen Sturm, der über dreizehnhundert Jahre durch die menschliche Geschichte hindurchfegte und es immer noch tut.

Sogar jetzt ist auf dem Balkan ein Aufruhr erkennbar, der das widerspiegelt. Das christliche Volk zählt fast dreihundert Millionen und die Muslime ungefähr ebenso viele. Es ist keine leichte Aufgabe, so viele Menschen zu töten. Außerdem, warum sollten sie ausgelöscht werden? Sie sind doch alle Diener des einen Gottes. Wir sollten uns um Frieden zwischen Christen und Muslimen bemühen. Wäre das nicht besser? Welchen Nutzen hat der Krieg? Welche Früchte bringt er hervor? Dreizehnhundert Jahre lang gab es Krieg und Feindschaft. Was ist dabei Gutes herausgekommen? Ist das nicht töricht? Ist das Gott gefällig? Ist Christus erfreut? Ist es Muḥammad? Offensichtlich sind Sie es nicht. Die Propheten haben sich gegenseitig aufs Höchste gepriesen. Muḥammad bezeichnete Christus als Geist Gottes. So lautet ausdrücklich eine Stelle im Qur'án. Er erklärte, dass Christus das Wort Gottes war. Er pries die Jünger Christi aufs Höchste. Er bedachte Maria, die Mutter Christi, mit höchstem Lobpreis. Ebenso pries Christus Moses. Er verbreitete das Alte Testament, die Thora, und bewirkte, dass der Name Moses in den Osten und den Westen gelangte. Es geht darum, dass die Propheten Selbst einander größte Liebe erwiesen haben, aber die Völker, die an Sie glauben und Ihnen folgen, untereinander verfeindet und zerstritten sind. Die Welt befand sich in diesem Zustand der Dunkelheit, als Bahá'u'lláh am persischen Horizont erschien. Er hisste das Banner der Einheit der Menschheit. Er verkündete den internationalen Frieden. Er ermahnte das persische Volk, die Wahrheit zu erforschen, und verkündete, dass Religion die Ursache für Einheit und Liebe sein muss, das Mittel, um Herzen zu verbinden, die Ursache für Leben und Erleuchtung. Wenn die Religion zu Feindschaft und Blutvergießen führt, so ist Religionslosigkeit vorzuziehen, denn die Religion ist das Heilmittel für jede Krankheit, und wenn ein Heilmittel Krankheit und Schwierigkeiten bewirkt, ist es besser, es abzusetzen. Heute sieht man in Persien die Muslime, Christen, Zoroastrier und Buddhisten miteinander im selben Treffen versammelt. Sie leben gemäß den Lehren Bahá'u'lláhs und bekunden äußerste Liebe und Eintracht. Groll, Hass, Feindseligkeit und Gewalt sind verschwunden. Sie leben wie eine Familie zusammen. Und Sie, das Volk des Ostens, der immer der Aufgangsort des Lichtes war, von wo aus die Sonne der Wahrheit immer erstrahlte und ihren Glanz auf den Westen warf –, Sie müssen daher zu Verkörperungen des Lichtes werden. Sie müssen zu strahlenden Lampen werden. Sie müssen wie leuchtende Sterne das Licht der Liebe auf die ganze Menschheit strahlen lassen. Mögen Sie die Ursache der Liebe zwischen den Völkern sein. Dann kann die Welt bezeugen, dass der Osten immer der Aufgangsort der Erleuchtung, die Quelle der Liebe und der Versöhnung war. Schließen Sie Frieden mit der ganzen Welt. Lieben Sie alle; dienen Sie allen. Alle Menschen sind die Diener Gottes. Gott hat alle erschaffen. Er sorgt für alle. Er ist wohlwollend zu allen. Deshalb müssen auch wir wohlwollend zu allen sein. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Treffen. Ich bin froh und glücklich, denn hier im Westen finde ich Menschen aus dem Osten auf der Suche nach Erziehung und Bildung, die frei sind von Vorurteilen. Möge Gott Ihnen helfen!

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8. Oktober 1912 Ansprache an der Leland Stanford Junior-Universität Palo Alto, Kalilfornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Alle bedeutenden Errungenschaften der Menschenwelt beruhen auf Wissenschaft. Sie bedeutet, die Wirklichkeit der Dinge zu entdecken. In dieser Hochburg der Wissenschaft zu sein – denn dies ist eine der großen Universitäten des Landes und weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt – erfüllt mich mit außerordentlicher Freude. Das höchste Lob gebührt den Menschen, die sich tatkräftig der Wissenschaft widmen, und die edelste Stätte ist ein Ort, an dem Wissenschaften und Künste gelehrt und studiert werden.

Die Wissenschaft verfolgt seit jeher das Ziel, die Menschenwelt zu erleuchten.

Sie ist des Menschen ewige Ehre und ihre Vormachtstellung ist weit größer als die von Königen.

Die Herrschaft von Königen hat ein Ende.

Der König selbst kann entthront werden, aber die Vormachtstellung der Wissenschaft ist dauerhaft und ohne Ende.

Denken Sie an die Philosophen früherer Zeiten.

Ihre Herrschaft besteht nach wie vor in der Welt.

Das griechische und das römische Königreich mit all ihrer Pracht sind vergangen; die einstigen Herrschaftssysteme des Orients sind kaum mehr als Erinnerungen, während die Macht und der Einfluss von Platon und Aristoteles fortbestehen.

In den Schulen und Universitäten der Welt werden sogar heute noch ihre Namen gepriesen und geehrt, aber wo hört man schon die Namen der Könige von damals?

Sie sind längst der Erinnerung entrückt und ruhen im Tal des Vergessens.

Die Vormachtstellung der Wissenschaft ist offensichtlich größer als die Herrschaft der Herrschenden.

Könige sind in Länder eingedrungen und haben bei deren Eroberung Blut vergossen, aber der Wissenschaftler dringt dank seiner segensreichen Errungenschaften in die Regionen des Unwissens ein und erobert das Reich von Herz und Verstand.

Deshalb sind seine Eroberungen von dauerhaftem Wert.

Mögen Sie außerordentliche Fortschritte an dieser Bildungsstätte erzielen.

Mögen Sie zu strahlenden Leuchten werden, die das Dunkel und die Niederungen der Unwissenheit mit Licht durchfluten. Da das Grundprinzip der Lehre Bahá'u'lláhs die Einheit der Menschenwelt ist, werde ich zu Ihnen über die grundlegende Einheit aller Erscheinungsformen sprechen. Dies ist eines der verwirrendsten Themen der göttlichen Philosophie. Grundsätzlich durchlaufen alle bestehenden Dinge dieselben Stufen und Phasen der Entwicklung und jede gegebene Erscheinung umfasst alle anderen. Eine alte Aussage der arabischen Philosophen besagt, dass alle Dinge mit allen Dingen verbunden sind. Offensichtlich ist jeder stoffliche Organismus eine Zusammensetzung aus einzelnen einfachen Elementen und jeder Zellbestandteil und jedes Atom durchläuft unzählige verschiedene Lebensstadien. Beispielsweise waren die Zellbestandteile, die zur Zusammensetzung eines menschlichen Organismus beitragen, zuvor bereits Bestandteil des Tierreichs; zu einem anderen Zeitpunkt trugen sie zur Zusammensetzung der Pflanze bei und davor existierten sie im Mineralreich. Sie sind von einem Zustand in einen anderen übergegangen, durchliefen dabei verschiedene Formen und Entwicklungsstadien und erfüllten in jeder Daseinsform eine bestimmte Aufgabe. Sie befinden sich in einem stetigen Kreislauf stofflicher Erscheinungsformen. Daher drückt jede Erscheinungsform bis zu einem gewissen Grad alle anderen Erscheinungsformen aus. Sie unterscheiden sich durch die aufeinanderfolgenden Veränderungen und die Zeitspanne, die der Evolutionsprozess umfasst. Zum Beispiel hat es eine bestimmte Zeit gedauert, bis ein Zellbestandteil in meiner Hand die verschiedenen Stoffwechselzyklen durchlaufen hat. Einst durchlief er im Mineralreich Veränderungen und Übertragungen im Mineralzustand. Dann gelangte er in das Pflanzenreich und durchlief dort verschiedene Stufen und Phasen. Danach erreichte er die tierische Ebene und erschien als Teil tierischer Organismen, bis er schließlich nach weiteren Veränderungen und Kreisläufen in das Menschenreich gelangte. Irgendwann wird er in seinen ursprünglichen elementaren Zustand im Mineralreich zurückkehren und wie zuvor in endlosen Durchgängen von einer Seinsebene zur nächsten alle Stufen des Daseins und Lebens durchlaufen. Bei jedem Erscheinen in einer bestimmten Gestalt oder Ausprägung verfügt er über eigene Möglichkeiten, Fähigkeiten und Funktionen. Da jedes einzelne Atom oder Element, aus dem die stofflichen Gefüge des Daseins bestehen, unendlich viele Formen und Stufen durchläuft und jeweils Fähigkeiten erlangt, die diesen Formen und Stufen eigen sind, ist offensichtlich, dass alle Erscheinungsformen des stofflichen Daseins im Grunde eins sind. Im Mineralreich besitzt dieser atomare oder elementare Bestandteil bestimmte Eigenschaften des Minerals; im Pflanzenreich sind es pflanzliche Eigenschaften und Vorzüge; im Tierreich bekommt er die Kräfte des Tieres – die Sinne; und im Reich des Menschen offenbart er die der menschlichen Stufe vorbehaltenen Fähigkeiten. Da dies für stoffliche Erscheinungen gilt, wie viel offensichtlicher und unerlässlicher ist dann, dass sich der Mensch im geistigen Dasein, das nur im Menschenreich seinen Ausdruck findet, durch Einheit auszeichnet.

Wahrlich, der Ursprung allen materiellen Lebens ist einer und sein Ende ist ebenfalls eines.

Warum sollte der Mensch im Licht dieser grundlegenden Einheit und Eintracht in allen Bereichen des Lebens auf seiner eigenen Daseinsebene Krieg führen oder sich in Feindseligkeiten und zerstörerischem Streit gegen seine Mitmenschen verstricken?

Der Mensch ist das edelste Geschöpf.

In seinem stofflichen Organismus besitzt er die Eigenschaften des Mineralreichs.

Desgleichen besitzt er die Fähigkeit und Kraft zu wachsen, die das Pflanzenreich kennzeichnet.

Des Weiteren ist er in seinem körperlichen Dasein mit Funktionen und Kräften ausgestattet, die dem Tier zu eigen sind.

Und jenseits davon liegt der Bereich der menschlichen Verstandes- und Geisteskräfte, die ihn als Menschen auszeichnen.

Warum sollte der Mensch angesichts dieser wunderbaren Einheit der Reiche des Daseins und deren Verkörperung im höchsten und edelsten Geschöpf, sich im Streit und Konflikt mit seinen Mitmenschen befinden?

Ist es angemessen und gerechtfertigt, dass er Krieg führt, während Verständigung und Gegenseitigkeit die niedrigeren Reiche der Erscheinungswelt auszeichnen?

Die Elemente und einfachen Lebensformen sind auf den großartigen Lebensplan abgestimmt.

Soll der Mensch, der ihnen unendlich weit überlegen ist, demgegenüber feindselig und ein Gegner und Zerstörer dieser Vollkommenheit sein?

Gott bewahre uns vor einem solchen Zustand! Aus der Verbindung und Mischung der Elementarteilchen entsteht Leben. Aus ihrer Harmonie und Verschmelzung ergibt sich immer wieder ein neues Dasein. Es ist Strahlenglanz und Vollkommenheit; es ist Vollendung; es ist das Leben selbst. Im Moment befinden sich alle körperlichen Energien und natürlichen Kräfte, die wir beobachten können, miteinander in Frieden. Die Sonne ist in Frieden mit der Erde, auf die sie scheint. Die sanft wehenden Winde sind in Frieden mit den Bäumen. Alle Elemente sind in Harmonie und Gleichgewicht. Eine leichte Unruhe und Unstimmigkeit zwischen ihnen könnte zu einem weiteren Erdbeben und Feuer in San Francisco führen. Ein stofflicher Zusammenstoß, sozusagen ein kleiner Streit zwischen den Elementen, und es kommt zu einer schlimmen Naturkatastrophe. Das geschieht im Mineralreich. Denken Sie nun an die Auswirkungen von Zwietracht und Konflikten in der Menschenwelt, die doch so weit über dem Reich des unbelebten Daseins steht. Wie groß ist die damit einhergehende Katastrophe, besonders wenn wir uns vor Augen halten, dass Gott den Menschen mit Geist und Verstand ausgestattet hat. Wahrlich, der Geist ist die höchste Gabe Gottes. Wahrlich, der Verstand ist der Strahlenglanz Gottes. Das ist klar und offensichtlich. Denn alle erschaffenen Dinge außer dem Menschen sind der Natur unterworfen; sie können nicht im Geringsten von den Naturgesetzen abweichen. Die gewaltige Sonne, das Zentrum unseres Planetensystems, untersteht der Natur, unfähig im Geringsten von deren Befehlsgewalt abzuweichen. Alle Gestirne und Himmelskörper in diesem grenzenlosen Universum gehorchen gleichfalls den Gesetzen der Natur. Unser Planet, die Erde, bestätigt die allgegenwärtige Oberherrschaft der Natur. Die Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt folgen der Steuerung und dem Willen der Natur. Der große, dicke Elefant mit seiner massigen Stärke hat keine Macht, sich den Beschränkungen zu widersetzen, die ihm die Natur auferlegt hat. Aber der vergleichsweise schwache und winzige Mensch kann sich der Kontrolle der Natur widersetzen und Naturgesetze für seine eigenen Ziele nutzen, weil der Verstand, dieser Strahlenglanz Gottes, ihn dazu ermächtigt. Entsprechend seiner körperlichen Begrenzungen war der Mensch von der Schöpfung dazu bestimmt, auf der Erde zu leben, aber durch den Einsatz seiner geistigen Fähigkeiten überwindet er die Grenzen dieses Gesetzes und erhebt sich wie ein Vogel in die Lüfte. In Unterseebooten dringt er in die Geheimnisse des Meeres vor und baut Flotten, um nach Belieben über die Meeresoberfläche zu segeln, und unterwirft die Naturgesetze seinem Willen. Alle Wissenschaften und Künste, die wir heute nutzen und an denen wir uns erfreuen, waren einst Geheimnisse und hätten nach den Vorgaben der Natur verborgen und in ihr ruhend bleiben müssen, aber der menschliche Verstand hat die sie umgebenden Gesetze durchbrochen und die zugrunde liegenden Wahrheiten aufgedeckt. Der menschliche Verstand hat der Sphäre des Unsichtbaren diese Geheimnisse entlockt und auf die Ebene des Bekannten und Sichtbaren gebracht. Er hat diese Gesetze entgegen den Vorgaben der Natur geordnet und an den menschlichen Bedarf und Gebrauch angepasst.

Elektrizität zum Beispiel war einst eine verborgene, in der Natur ruhende Kraft.

Sie wäre verborgen geblieben, wenn der menschliche Verstand sie nicht entdeckt hätte.

Der Mensch hat das Gesetz ihrer Verborgenheit durchbrochen, diese Energie aus der unsichtbaren Schatzkammer des Universums hervorgeholt und sichtbar gemacht.

Ist es nicht eine außergewöhnliche Leistung, dass dieses kleine Geschöpf Mensch eine überwältigende kosmische Kraft in eine Glühlampe gezwängt hat?

Das zu vollbringen, übersteigt das Vorstellungsvermögen und die Macht der Natur.

Der Osten kann in wenigen Minuten mit dem Westen kommunizieren.

Dieses Wunder geht über die Kontrolle der Natur hinaus.

Der Mensch nimmt die menschliche Stimme und speichert sie in einem Phonographen.

Von Natur aus sollte die Stimme entsprechend den Gesetzen und Gegebenheiten des Schalls frei und flüchtig sein, aber der Mensch hält ihre Schwingungen fest und sperrt sie entgegen den Gesetzen der Natur in einen Kasten.

Alle menschlichen Entdeckungen waren einst im Schoße des stofflichen Universums versiegelte Geheimnisse und Rätsel des stofflichen Alls, bis der menschliche Geist, der der größte göttliche Strahlenglanz ist, sie durchdrang und sie seinem Willen und seiner Absicht unterwarf.

In diesem Sinne hat der Mensch die Naturgesetze gebrochen und bringt aus dem Laboratorium der Natur ständig neue und wunderbare Dinge hervor.

Trotz dieser höchsten Gabe Gottes, dieser größten Kraft in der Welt der Schöpfung, hört der Mensch nicht auf zu kämpfen und Krieg zu führen und brutal wie ein wildes Tier seine Mitmenschen zu töten.

Entspricht dies seiner erhabenen Stufe?

Nein, es widerspricht vielmehr der göttlichen Absicht, die in seiner Erschaffung und Begabung zum Ausdruck kommt. Wenn Tiere wild und brutal sind, dient dies lediglich ihrer Versorgung und ihrem Fortbestand. Sie besitzen nicht den Verstand, um vernünftig zwischen richtig und falsch, Recht und Unrecht zu unterscheiden; ihr Handeln ist gerechtfertigt und sie tragen keine Verantwortung dafür. Wenn der Mensch zu seinem Mitmenschen grausam und brutal ist, dann geht es nicht um seinen Lebensunterhalt oder seine Sicherheit. Seine Beweggründe sind Eigennutz und vorsätzliches Unrecht. Es ist weder schicklich noch angemessen, dass solch ein edles Geschöpf – begabt mit Verstand und erhabenen Gedanken, fähig zu wunderbaren Leistungen und Entdeckungen in Wissenschaft und Kunst, mit dem Potenzial zu immer weiterreichenden Erkenntnissen und zur Verwirklichung göttlicher Ziele im Leben – auf dem Schlachtfeld nach dem Blut seiner Mitmenschen trachtet. Der Mensch ist der Tempel Gottes. Er ist kein menschlicher Tempel. Wenn man ein Haus zerstört, wird dessen Besitzer traurig und zornig sein. Wie viel größer ist das Unrecht, wenn der Mensch ein von Gott geplantes und errichtetes Gebäude zerstört! Zweifellos verdient er das Gericht und den Zorn Gottes. Gott hat den Menschen erhaben und edel erschaffen, ihn zu einer bestimmenden Größe in der Schöpfung gemacht. Er hat den Menschen mit den höchsten Gaben ausgestattet, ihm Verstand, Wahrnehmung, Gedächtnis, Abstraktionsvermögen und Sinneskräfte verliehen. Diese Gaben Gottes für den Menschen sollten ihn zur Verkörperung göttlicher Tugenden machen, zu einem strahlenden Licht in der Schöpfung, zu einem Quell des Lebens und zu einem Werkzeug des Aufbaus im grenzenlosen Dasein. Sollten wir dieses großartige Bauwerk samt seiner Grundfesten wirklich zerstören, diesen Tempel Gottes, die Gesellschaftsstruktur und das Staatsgefüge niederreißen? Da wir keine Gefangenen der Natur sind, da wir die Macht zur Selbstbeherrschung besitzen, sollten wir da trotzdem Gefangene der Natur werden und gemäß ihren Erfordernissen handeln? In der Natur gilt das Gesetz des Überlebens des Stärkeren.

Selbst wenn der Mensch ohne Erziehung und Bildung bliebe, würde dieses Naturgesetz entsprechend der festgesetzten natürlichen Ordnung dem Menschen die Vormachtstellung abverlangen.

Der Zweck und das Ziel von Schulen, Hochschulen und Universitäten ist die Bildung und Erziehung des Menschen, um ihn dadurch aus den Zwängen und Unzulänglichkeiten der Natur zu retten und zu erlösen und in ihm die Fähigkeit zu erwecken, sich die Gaben der Natur anzueignen und sie zu beherrschen.

Wenn wir dieses Stück Land in seinen natürlichen Zustand zurückversetzten und ihm erlaubten, seine ursprüngliche Form wiederzuerlangen, würde es zu einem Feld voller Dornen und nutzlosem Unkraut, doch durch Kultivierung wird es zu fruchtbarem Boden, der eine Ernte hervorbringt.

Ohne Anbau wären die Berghänge Dschungel und Wälder ohne fruchttragende Bäume.

Entsprechend dem Grad der Pflege und Bodenbearbeitung durch den Gärtner bringen die Gärten Früchte und Blumen hervor.

Deshalb ist nicht beabsichtigt, dass die Menschenwelt in ihrem natürlichen Zustand belassen wird.

Sie braucht die Unterweisung, die Gott für sie bereitgestellt hat.

Die heiligen, himmlischen Manifestationen Gottes waren die Lehrer.

Sie sind die göttlichen Gärtner, die den Dschungel der menschlichen Natur in einen fruchtbaren Obstgarten verwandeln und die dornigen Stellen wie Rosen erblühen lassen.

So ist offensichtlich, dass der Mensch die besondere ihm bestimmte Aufgabe hat, sich aus den natureigenen Unzulänglichkeiten zu erretten und zu erlösen und die geistigen Tugenden des Göttlichen anzunehmen.

Soll er diese geistigen Tugenden opfern und diese Möglichkeiten des Fortschritts zerstören?

Gott hat ihm eine Macht verliehen, mit der er sogar die Gesetze und Erscheinungen der Natur bezwingen, der Natur das Schwert entreißen und es gegen sie einsetzen kann.

Soll er da ihr Gefangener bleiben und sogar dabei versagen, das Naturgesetz des Überlebens des Stärkeren zu erfüllen?

Das heißt, soll er weiterhin auf der Ebene des Tierreichs leben, ohne jeden Unterschied zwischen Tier und Mensch hinsichtlich der natürlichen Impulse und wilden Instinkte?

Es gibt keine niedrigere Stufe und keine schlimmere Entwürdigung für den Menschen als diese naturbelassene Tierhaftigkeit.

Das Schlachtfeld ist der Gipfel menschlicher Erniedrigung, die Ursache des Zorns Gottes, die Zerstörung der göttlichen Grundlage des Menschen. Preis sei Gott! Ich befinde mich hier in einer Versammlung, deren Teilnehmer den Frieden lieben und für die Welteinheit eintreten. Die Gedanken aller Anwesenden konzentrieren sich auf die Einheit der Menschheit und jeder Ehrgeiz richtet sich darauf, Dienste zur Erhöhung und Besserung der Menschen zu leisten. Ich flehe zu Gott, Er möge Sie unterstützen und Ihnen beistehen, damit jeder von Ihnen ein angesehener Professor in der Welt der Wissenschaft wird, ein treuer Bannerträger des Friedens und der Eintracht zwischen den Herzen der Menschen. Vor fünfzig Jahren verkündete Bahá'u'lláh die Notwendigkeit des Friedens zwischen den Völkern und die tatsächliche Versöhnung aller Religionen der Welt. Er erklärte, dass die Grundlage aller Religionen ein und dieselbe ist, dass das Wesen der Religion in der Gemeinschaft der Menschen besteht und dass die vorhandenen Glaubensunterschiede auf dogmatische Auslegung und blinde Nachahmung zurückzuführen sind, die den Grundlagen widersprechen, die von den Propheten Gottes gelegt wurden. Er verkündete, dass alle Religionen vereint wären, sofern die der religiösen Lehre zugrunde liegende Wahrheit erforscht würde, und dass das Ziel Gottes, das in der Liebe und der Verbindung menschlicher Herzen liegt, erreicht werde. Wenn sich religiöser Glaube als Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit erweist, wäre es nach Seinen Lehren besser, es gäbe ihn nicht; denn die Religion sollte die göttliche Arznei und das Allheilmittel für die Leiden der Menschheit sein, der heilende Balsam für die Wunden der Menschheit. Falls ihre falsche Auslegung und Besudelung zu Krieg und Blutvergießen statt zu Besserung und Heilung führt, dann wäre die Welt religionslos besser dran. Bahá'u'lláh legte besonderen Wert auf internationalen Frieden.

Er erklärte, dass alle Menschen Nachkommen Adams sind und Mitglieder einer großen, universellen Familie.

Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Hautfarbe jeweils von einem anderen Stammvater abstammten – mit anderen Worten, wenn wir zwei oder mehr Adams als Väter der Menschheit hätten –, so gäbe es vielleicht einen einleuchtenden Grund für die heutige Uneinigkeit und die Streitigkeiten unter den Menschen.

Da wir jedoch einer Nachkommenschaft und einer Familie angehören, sind alle Benennungen, durch die die Menschheit in Italiener, Deutsche, Franzosen, Russen und so weiter aufgeteilt und unterschieden wird, bedeutungslos und unrechtmäßig.

Wir sind alle Menschen, alle Diener Gottes und stammen alle aus Adams Familie.

Warum also all diese trügerischen nationalen und rassistischen Unterschiede?

Diese Grenzlinien und künstlichen Schranken wurden von Despoten und Eroberern geschaffen, die die Herrschaft über die Menschheit anstrebten, damit patriotische Gefühle hervorriefen und eine selbstsüchtige Ergebenheit gegenüber örtlichen, beschränkten Regierungsformen weckten.

In der Regel genossen sie selbst Luxus in Palästen, umgeben von Bequemlichkeit und Überfluss, während auf ihren Befehl hin Armeen von Soldaten, Stadt- und Landbewohnern, auf dem Schlachtfeld kämpften und starben.

Sie vergossen ihr unschuldiges Blut für Wahnideen wie, »wir sind Deutsche«, »unsere Feinde sind die Franzosen« usw., obwohl in Wirklichkeit alle die Menschheit bilden und zu der einen Familie und Nachkommenschaft des Stammvaters Adam gehören.

Dieses Vorurteil, dieser beschränkte Patriotismus herrschen auf der ganzen Welt und der Mensch ist blind gegenüber einer umfassenderen Heimatliebe, die alle Hautfarben und Herkunftsländer einschließt.

Wie man es auch betrachten mag, es muss und sollte Frieden zwischen allen Völkern herrschen. Gott schuf die eine Erde und die eine Menschheit, sie zu bevölkern. Der Mensch hat keinen anderen Lebensraum, doch er hat selbst erfundene Grenzlinien und Gebietsbeschränkungen ausgegeben, die er mit ›Deutschland‹, ›Frankreich‹, ›Russland‹ usw. benannte. Und Ströme kostbaren Blutes werden zur Verteidigung dieser erfundenen Zerteilung unseres einen menschlichen Lebensraumes vergossen, im Wahn eines eingebildeten und beschränkten Patriotismus. Letztlich ist ein Besitzanspruch auf ein Hoheitsgebiet oder Herkunftsland nur ein Anspruch und die Bindung an den Staub der Erde. Wir leben einige Tage auf dieser Erde und ruhen dann für immer unter ihr. Sie ist somit auf ewig unser Friedhof. Soll der Mensch um die ihn verschlingende Gruft kämpfen, um sein ewiges Grab? Welche Dummheit könnte größer sein als diese? Um sein Grab zu kämpfen, jemand anderen für sein Grab zu töten! Welche Verantwortungslosigkeit! Welch ein Wahn! Ich hoffe, dass Sie, die Studenten an dieser Universität, niemals dazu aufgefordert werden, um den Staub der Erde zu kämpfen, der das Grab und die letzte Ruhestätte der gesamten Menschheit ist, sondern dass Sie die Tage Ihres Lebens in vollkommenster Gemeinschaft miteinander genießen können, so wie eine einzige Familie – wie Brüder, Schwestern, Väter, Mütter –, die in Frieden und echter Freundschaft zusammenlebt.

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10. Oktober 1912 Ansprache im Open Forum San Francisco, Kalifornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Obwohl ich mich heute Abend unpässlich fühlte, nehme ich doch wegen der Liebe zu Ihnen an dieser Versammlung teil. Ich habe gehört, dass dies ein offenes Forum zur Erforschung der Wahrheit ist, dass Sie frei von blinden Nachahmungen sind, den Dingen auf den Grund gehen möchten und dass Sie nach Erhabenem streben. Daher halte ich es für gut, über Philosophie zu sprechen, ein Thema, das für den Osten und den Westen gleichermaßen interessant ist. So können wir Überschneidungen und Unterschiede zwischen den philosophischen Lehren des Orients und des Okzidents betrachten. Nach Ansicht der westlichen Philosophen ist die Sinneswahrnehmung maßgeblich für eine Beurteilung. Sie gehen davon aus, dass das, was die Sinne erfassen oder wahrnehmen können, die Wahrheit ist – dass kein Zweifel an ihrer Existenz besteht. So beweisen wir etwa die Existenz dieses Lichtes durch das Sehvermögen, wir machen uns ein Bild von diesem Raum, wir sehen die Sonne und die grünen Felder. Wir nutzen unser Sehvermögen, um alles wahrzunehmen. Die Meinung dieser Philosophen ist, dass eine solche Wahrnehmung der Wahrheit entspricht und dass die Sinne den höchsten Maßstab zur Wahrnehmung und Beurteilung darstellen, woran es weder Zweifel noch Ungewissheit geben kann. Nach Einschätzung der Philosophen des Orients, insbesondere derjenigen aus Griechenland und Persien, ist der Verstand der Beurteilungsmaßstab. Sie sind der Ansicht, dass die Sinne als Mittel zur Beurteilung mangelhaft sind, und führen zum Beweis an, dass die Sinne oft getäuscht und irregeführt werden. Was fehleranfällig ist, kann nicht unfehlbar sein, kann kein wahrer Beurteilungsmaßstab sein. Unter den Sinnen ist das Sehvermögen der leistungsfähigste und zuverlässigste. Dieser Sinn sieht eine Luftspiegelung als Wasserfläche und hält diese für tatsächlich vorhanden, obwohl sie eine Fata Morgana ist und somit gar nicht existiert. Der Gesichtssinn, das Sehvermögen, betrachtet Spiegelungen als real, aber die Vernunft erklärt sie als nicht vorhanden. Das Auge sieht, dass Sonne und Planeten sich um die Erde bewegen, während in Wirklichkeit die Sonne fest im Mittelpunkt steht und die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Der Gesichtssinn sieht die Erde als Ebene, während der Verstand entdeckt, dass sie kugelförmig ist. Das Auge sieht die Himmelskörper im grenzenlosen Raum als klein und unscheinbar an, während der Verstand sie als riesige Sonnen beschreibt. Der Gesichtssinn sieht einen wirbelnden Feuerfunken als einen Lichtkreis und bezweifelt ihn nicht, obwohl ein solcher Kreis nicht existiert. Ein Segler auf einem Schiff sieht, wie sich die Ufer auf beiden Seiten am Schiff vorbeibewegen, während sich doch das Schiff bewegt. Kurz gesagt, es gibt viele Beispiele und Beweise, die die Behauptung widerlegen, dass Sinneseindrücke Gewissheiten sind, denn die Sinne sind oft trügerisch und irreführend. Wie können wir da zu Recht behaupten, sie würden die Wahrheit beweisen, wo doch der Maßstab, das Prüfmittel selbst, mangelhaft ist? Die Philosophen des Ostens halten die Vernunft beziehungsweise den Verstand für das vollkommene Prüfmittel, um die Wahrheit aller Dinge zu beweisen; denn, so sagen sie, der Maßstab von Vernunft und Verstand ist vollkommen, und alles, was durch die Vernunft bewiesen werden kann, ist echt. Demnach betrachten diese Denker alle philosophischen Schlussfolgerungen als richtig, wenn sie nach den Maßstäben der Vernunft geprüft wurden. Sie sagen, die Sinne seien die Helfer und Werkzeuge des Verstandes, und obwohl die Erforschung der Wahrheit durch die Sinne ausgeführt werden mag, sei der Maßstab für die Erkenntnis und das Urteil der Verstand selbst. Darin unterscheiden sich die Philosophen des Ostens und des Westens und sind sich nicht einig. Die materialistischen Philosophen des Westens erklären, dass der Mensch zum Tierreich gehört, während die Philosophen des Ostens – wie Platon, Aristoteles und die Perser – das Dasein oder die Erscheinungen des Lebens in zwei allgemeine Kategorien oder Reiche einteilen: einerseits das Tierreich oder die Welt der Natur, andererseits das Menschenreich beziehungsweise die Welt des Verstandes. Der Mensch unterscheidet sich von den Tieren durch sein Denkvermögen. Der Mensch kann etwas auf zweierlei Weise wahrnehmen: durch Berührung beziehungsweise mit den Sinnen, und durch den Verstand. Die Wahrnehmung des Tieres hingegen ist auf die Sinne beschränkt, nur auf das Greifbare. Die Wahrnehmung des Greifbaren kann mit dieser Kerze verglichen werden, die Wahrnehmung durch den Verstand mit dem Licht. Berechnungen mathematischer Probleme und die Bestimmung der Kugelform der Erde erfolgen durch verstandesmäßige Wahrnehmung. Das Schwerpunktprinzip ist eine Hypothese des Verstandes. Der Verstand selbst ist nicht greifbar oder für die Sinne wahrnehmbar. Der Verstand ist eine geistige Wahrheit oder Wirklichkeit. Alle Eigenschaften und Werte sind geistig, keine handfesten Gegebenheiten. Beispielsweise sagen wir, dieser Mann sei ein gelehrter Mann. Wissen ist eine geistige Errungenschaft, die für die Sinne nicht wahrnehmbar ist. Wenn man diesen gelehrten Mann ansieht, sieht das Auge sein Wissen nicht, das Ohr kann seine Wissenschaft nicht hören, noch kann man sie schmecken. Es handelt sich um keine mit den Händen greifbare Wirklichkeit. Die Wissenschaft selbst ist eine geistige Wirklichkeit. Es ist also klar, dass es für die Wahrnehmung des Menschen zwei Wege gibt: den Verstand und die Sinne. Was das Tier betrifft – es ist nur mit Sinneswahrnehmungen ausgestattet. Ihm fehlt die Wahrnehmung durch den Verstand. Es kann keine geistigen Wirklichkeiten erfassen. Das Tier kann sich die Erde nicht als Kugel vorstellen. Das Denkvermögen eines in Europa lebenden Tieres hätte die Entdeckung des amerikanischen Kontinents niemals planen können. Im Tierreich ist es nicht möglich, die verborgenen Geheimnisse der Natur – wie etwa die Elektrizität – zu entdecken und sie vom Unsichtbaren auf die Ebene des Sichtbaren zu bringen. Es ist offensichtlich, dass Entdeckungen und Erfindungen die Auffassungsgabe von Tieren übersteigen. Das Tier kann die Geheimnisse von Ursprung und Schöpfung nicht durchdringen. Sein Denkvermögen ist nicht dazu in der Lage, die Wirklichkeit des Äthers zu erfassen. Es kann nichts über die Geheimnisse des Magnetismus wissen, weil es nicht mit der Gabe des abstrakten Verstandes und des Intellekts ausgestattet ist. Das bedeutet, dass das Tier als Gefangener der Sinne erschaffen wurde. Jenseits der greifbaren Dinge und der Sinneseindrücke kann es nichts wahrnehmen. Es weist alles zurück. Es ist nicht zur geistigen Wahrnehmung fähig und daher ein Gefangener der Sinne. Tugend oder Vollkommenheit gehört zum Menschen, der sowohl Sinneskräfte als auch geistiges Wahrnehmungsvermögen besitzt.

Zum Beispiel sind astronomische Entdeckungen eine menschliche Leistung.

Der Mensch hat dieses Wissen nicht durch seine Sinne erworben.

Der größte Teil davon wurde durch den Verstand, durch die geistigen Fähigkeiten, erreicht.

Die Erfindungen des Menschen sind durch die Nutzung seiner geistigen Fähigkeiten entstanden.

Alle wissenschaftlichen Errungenschaften wurden durch die Gabe des Verstandes ermöglicht.

Kurz gesagt, Verstand und Vernunft sind im Menschen offenbar.

Durch sie unterscheidet er sich vom Tier.

Das Tierreich ist somit anders als die Menschenwelt und ihr unterlegen.

Trotzdem führen die Philosophen des Westens bestimmte logische Schlussfolgerungen oder Darlegungen an, mit denen sie zu beweisen versuchen, dass der Mensch aus dem Tierreich stammt.

Dass er jetzt ein Wirbeltier ist, obwohl er ursprünglich im Meer lebte.

Von dort gelangte er an Land und wurde zu einem Wirbeltier.

Im Laufe seiner anatomischen Entwicklung erschienen allmählich seine Füße und Hände.

Er begann zunächst auf allen Vieren zu gehen, erlangte später die menschliche Statur und ging aufrecht.

Sie stellen fest, dass seine Anatomie sich schrittweise veränderte und schließlich die menschliche Form annahm und dass die Übergänge oder Veränderungen wie Glieder einer Kette sind.

Zwischen Mensch und Affe fehlt jedoch ein Verbindungsglied, das die Wissenschaftler bis heute nicht entdecken konnten.

Daher ist der höchste Beweis dieser westlichen Theorie menschlicher Evolution anatomischer Art und argumentiert damit, dass sich im Menschen gewisse Reste von Organen finden, die arttypisch für Affen und niedere Tiere sind.

Die Schlussfolgerung daraus ist, dass der Mensch zu einer gewissen Zeit in seiner Fortentwicklung diese Organe besessen habe, diese heute aber bloß noch funktionslose Rudimente und Überbleibsel sind. Zum Beispiel hat die Schlange ein bestimmtes Überbleibsel, das darauf hinweist, dass sie einst lange Gliedmaßen besaß. Als dieses Geschöpf jedoch begann, in Erdlöchern zu leben, verkümmerten und schrumpften diese nicht mehr benötigten Gliedmaßen und wurden zu einem Überbleibsel aus der Zeit, als sie noch lang und nützlich waren. Ebenso wird behauptet, dass der Mensch ein bestimmtes Überbleibsel hat, das darauf hinweist, dass es eine Zeit gab, in der sich seine anatomische Struktur von seinem gegenwärtigen Organismus unterschied und dass es eine entsprechende Wandlung oder Veränderung in dieser Struktur gegeben hat. Das Steißbein beziehungsweise die Verlängerung der menschlichen Wirbelsäule wird zum Überbleibsel eines Schwanzes erklärt, den der Mensch früher besaß, der jedoch allmählich verschwand, als er seine Nützlichkeit durch den aufrechten Gang des Menschen einbüßte. Diese Feststellungen und Darlegungen drücken die Kerngedanken der westlichen Philosophie zur Frage der menschlichen Evolution aus. Die Philosophen des Orients antworten den Denkern der westlichen Welt:

Nehmen wir an, der menschliche Körperbau habe sich ursprünglich von seiner gegenwärtigen Form unterschieden und sich stufenweise von einem Zustand zum nächsten gewandelt, bis er sein heutiges Aussehen erlangte.

Einmal ähnelte er einem Fisch, später einem wirbellosen Tier, schließlich hat er menschliche Gestalt angenommen.

Diese anatomische Evolution oder Weiterentwicklung ändert oder beeinflusst jedoch nicht die Aussage, dass die Entwicklung des Menschen immer in ihrer Wesensart menschlich und in ihrer Weiterentwicklung biologisch war.

Denn wenn man den menschlichen Embryo mikroskopisch untersucht, ist er zunächst ein bloßer Keim oder Wurm.

Im Laufe der Entwicklung zeigen sich bestimmte Aufgliederungen.

Die Ansätze von Händen und Füßen entstehen – man kann sozusagen den oberen und unteren Teil voneinander unterscheiden.

Danach kommt es zu deutlichen Veränderungen, bis er seine eigentliche menschliche Gestalt erreicht und in diese Welt hineingeboren wird.

Doch die ganze Zeit hindurch, selbst als der Embryo einem Wurm ähnelte, war er in seiner Anlage und seinem Wesen menschlich und nicht tierisch.

Die jeweilige äußere Gestalt, die der menschliche Embryo im Laufe seiner Entwicklung annimmt, beweist nicht, dass er in seinem Wesen tierisch ist.

Diese ganze Entwicklung hindurch wurde die Wesensart übernommen, die Art blieb erhalten.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir auch die Tatsache anerkennen, dass der Mensch einst ein Meeresbewohner war, zu einer anderen Zeit ein wirbelloses Tier, dann ein Wirbeltier und schließlich ein aufrecht stehendes menschliches Wesen.

Obwohl wir diese Veränderungen einräumen, können wir nicht sagen, dass der Mensch ein Tier ist.

Auf jeder dieser Stufen gibt es Zeichen und Beweise für sein menschliches Wesen und seine Bestimmung.

Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass der menschliche Embryo heute noch einem Wurm gleicht.

Dieser Embryo entwickelt sich immer noch von einem Zustand zum nächsten fort und nimmt verschiedene äußere Formen an, bis hin zu jener, die er als Anlage in sich trägt – die Menschengestalt.

Daher ist der Mensch in seiner Grundsubstanz ein Mensch.

Die Arterhaltung erfordert es. Das fehlende Bindeglied der Darwinschen Theorie ist selbst ein Beweis dafür, dass der Mensch kein Tier ist. Wie wäre es möglich, dass alle Glieder der Entwicklungskette vorhanden sind und dieses wichtige Bindeglied fehlt? Sein Fehlen ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch nie ein Tier war. Es wird niemals gefunden werden. Das bedeutet:

Die Menschenwelt unterscheidet sich vom Tierreich.

Das ist die Lehre der Philosophen des Orients.

Dafür haben sie einen Beweis.

Der Beweis ist, dass Tiere Gefangene der Natur sind.

Alle Seinsformen und Erscheinungen der niederen Reiche sind Gefangene der Natur; die mächtige Sonne, die zahllosen Sterne, die Pflanzenwelt und das Mineralreich – nichts davon kann auch nur um Haaresbreite von den Naturgesetzen abweichen.

Sie befinden sich gleichsam im Fesselgriff der Natur.

Aber der Mensch durchbricht die Vorgaben der Natur und verwendet sie zu seinem eigenen Gebrauch.

Zum Beispiel ist der Mensch, ebenso wie das Tier, ein lebendiges irdisches Wesen.

Den Vorgaben der Natur entsprechend sollte er die Erde nicht verlassen, aber er durchbricht die Grenzen der Naturgesetze und erhebt sich hoch in die Lüfte.

Durch den Gebrauch seines Verstandes überwindet er die Naturgesetze und taucht mit U-Booten in die Tiefe oder segelt mit Schiffen über das Meer.

Er bändigt eine mächtige Naturgewalt wie die Elektrizität und sperrt sie in eine Glühlampe.

Nach dem Naturgesetz sollte er vielleicht über eine Entfernung von rund dreihundert Metern kommunizieren können, aber durch seine Erfindungen und Entdeckungen kommuniziert er mit dem Osten und dem Westen innerhalb weniger Augenblicke.

Das durchbricht die Naturgesetze.

Der Mensch nimmt die menschliche Stimme auf und gibt sie mit einem Phonographen wieder.

Seine Stimme dürfte höchstens ein paar hundert Meter weit zu hören sein, aber er erfindet ein Instrument, das sie über tausende Kilometer überträgt.

Kurz gesagt, alle gegenwärtigen Künste und Wissenschaften, Erfindungen und Entdeckungen, die der Mensch hervorgebracht hat, waren einst Geheimnisse, die gemäß der Natur verborgen in ihr ruhen sollten, aber der Mensch hat sie aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare geholt.

Dies widerspricht den Vorgaben der Natur.

Elektrizität sollte ein verborgenes Geheimnis sein, aber der Mensch entdeckt sie und macht sie sich zunutze.

Er entreißt der Natur das Schwert und setzt es gegen sie ein, was beweist, dass eine Macht in ihm steckt, die über die Natur hinausgeht, denn sie vermag, die Naturgesetze zu durchbrechen und sie zu bändigen.

Wäre diese Macht nicht übernatürlich und außergewöhnlich, so wären die Erfolge des Menschen nicht möglich gewesen. Außerdem ist offensichtlich, dass der Natur bewusstes Wissen fehlt. Die Natur ist ohne Wissen, während der Mensch über Bewusstsein verfügt. Die Natur hat kein Gedächtnis, der Mensch besitzt ein Gedächtnis. Die Natur hat weder Wahrnehmungsvermögen noch Willenskraft; der Mensch besitzt beides. Offensichtlich wohnen dem Menschen Fähigkeiten inne, die in der Welt der Natur nicht vorhanden sind. Dies lässt sich in jeder Hinsicht beweisen. Wenn behauptet wird, dass die geistige Wirklichkeit des Menschen zur Natur gehört, dass sie ein Teil des Ganzen ist, so fragen wir, ob es möglich ist, dass der Teil über Kräfte verfügt, die das Ganze nicht besitzt? Kann etwa der Tropfen Fähigkeiten besitzen, die die Gesamtheit der Meere nicht hat? Kann ein Blatt mit Fähigkeiten durchdrungen sein, die dem ganzen Baum fehlen? Ist es möglich, dass die außergewöhnliche Gabe der Vernunft beim Menschen von tierischer Wesensart und Beschaffenheit ist? Andererseits ist es zwar höchst erstaunlich, aber offensichtlich und wahr, dass dem Menschen diese übernatürliche Kraft oder Fähigkeit innewohnt, die die Wirklichkeit der Dinge entdeckt und die Macht des Vorstellungsvermögens und des Denkens mit sich bringt. Sie kann wissenschaftliche Gesetze entdecken, und wie wir wissen, ist Wissenschaft keine mit den Händen greifbare Wahrheit. Wissenschaft existiert im Verstand des Menschen als geistige Wirklichkeit. Der Verstand und die Vernunft selbst sind eine geistige Wirklichkeit und nicht materiell berührbar. Ungeachtet dessen erklären einige der klugen Männer: Wir haben den höchsten Grad des Wissens erreicht; wir sind in das Laboratorium der Natur eingedrungen und haben Wissenschaften und Künste erforscht; wir haben die höchste Stufe des Wissens in der Menschenwelt erreicht; wir haben die Tatsachen untersucht, so wie sie sind, und sind zu dem Schluss gekommen, dass nichts zu Recht angenommen werden kann, außer dem Greifbaren, das allein ein glaubwürdiger Fakt ist; alles, was nicht mit den Händen greifbar ist, ist Einbildung und Unsinn. Es ist wirklich seltsam, dass der Mensch nach zwanzigjähriger Ausbildung an Schulen und Universitäten einen Punkt erreicht, an dem er die Existenz des Geistigen oder dessen, was für die Sinne nicht wahrnehmbar ist, leugnet. Haben Sie jemals daran gedacht, dass das Tier bereits eine solche Universität abgeschlossen hat? Haben Sie jemals bemerkt, dass die Kuh bereits emeritierte Professorin dieser Universität ist? Denn die Kuh ist ohne harte Arbeit und Studium bereits eine hochrangige Philosophin in der Naturschule. Die Kuh bestreitet alles, was nicht greifbar ist, und sagt: »Ich kann sehen! Ich kann essen! Deshalb glaube ich nur an das, was greifbar ist!« Warum sollten wir dann Universitäten besuchen? Gehen wir zur Kuh!

– 112 –

12. Oktober 1912 Ansprache in der Synagoge Emmanuel 450 Sutter Street, San Francisco, Kalifornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Die größte Gabe Gottes für die Menschheit ist die Religion, denn die göttlichen Lehren der Religion stehen gewiss über allen anderen Quellen der Unterweisung und Entwicklung des Menschen. Die Religion verleiht dem Menschen das ewige Leben und leitet seine Schritte auf den Wegen der Tugendhaftigkeit. Sie öffnet die Türen zu unendlichem Glück und verleiht dem Menschenreich ewige Ehre. Sie war die Grundlage jeder Zivilisation und jedes Fortschritts in der Menschheitsgeschichte. Wir werden daher die Religion untersuchen und danach trachten, vorurteilsfrei herauszufinden, ob sie die Quelle der Erleuchtung, die Ursache der Entwicklung und der belebende Impuls jedes menschlichen Fortschritts ist. Wir werden das unabhängig und frei von den Beschränkungen dogmatischer Überzeugungen untersuchen, ohne blinde Nachahmungen überlieferter Bräuche; unbeeinflusst von Meinungen, die allein von Menschen stammen; denn wenn wir uns mit dieser Frage befassen, werden wir auf einige stoßen, die die Religion zur Ursache für die geistige Erbauung und Besserung der Welt erklären, während andere genauso entschieden behaupten, dass sie der Menschheit schadet und eine Quelle der Erniedrigung ist. Wir müssen diese Fragen gründlich und unvoreingenommen behandeln, damit weder Zweifel noch Ungewissheit in unserem Denken zurückbleiben. Wie können wir nun feststellen, ob Religion die Ursache für menschlichen Fortschritt oder Rückschritt war? Wir werden uns zunächst mit den Stiftern der Religionen – den Propheten – befassen, Ihr Leben betrachten, die Verhältnisse vor Ihrem Erscheinen mit denen nach Ihrem Fortgang vergleichen und uns dabei auf historische Aufzeichnungen und unwiderlegbare Tatsachen stützen und nicht auf Überlieferungen und Traditionen, die man sowohl übernehmen als auch ablehnen kann. Unter den großen Propheten war Abraham, Der als Bilderstürmer und Bote der Einheit Gottes aus Seinem Geburtsland vertrieben wurde. Er gründete eine von Gott gesegnete Familie. Dank dieser religiösen Grundlage und Bestimmung entwickelte sich das Haus Abraham und machte Fortschritte. Durch den göttlichen Segen gingen bemerkenswerte, brillante Propheten aus Seinem Stamm hervor. Es erschienen Isaak, Ismael, Jakob, Josef, Moses, Aaron, David und Salomo. Das Heilige Land wurde durch die Kraft des Bundes Gottes mit Abraham erobert, und der Ruhm der salomonischen Weisheit und Oberherrschaft brach an. Dies alles war auf die Religion Gottes zurückzuführen, die von diesem gesegneten Haus eingeführt und aufgebaut wurde. Es ist offensichtlich, dass dies in der ganzen Geschichte Abrahams und Seiner Nachkommenschaft die Quelle ihrer Ehre, ihres Fortschritts und ihrer Kultur war. Noch heute leben weltweit Nachkommen Seines Haushalts und Seiner Abstammung. Dieser religiöse Impuls und Antrieb hat einen weiteren und bedeutenderen Aspekt.

Die Kinder Israels waren 400 Jahre lang Sklaven und Gefangene in Ägypten.

In extremer Erniedrigung und Sklaverei waren sie der Tyrannei und Unterdrückung der Ägypter ausgesetzt.

Als sie so in bitterer Armut, auf der tiefsten Stufe der Erniedrigung, Unwissenheit und Unterwürfigkeit lebten, erschien plötzlich Moses unter ihnen.

Obwohl Er nur ein Hirte war, offenbarte sich durch die Macht der Religion solche Majestät, Größe und Wirkkraft in ihm, dass Sein Einfluss bis zum heutigen Tag fortdauert.

Seine Religion setzte sich im ganzen Land durch und Sein Gesetz wurde zur Grundlage der Gesetze der Völker.

Diese einzigartige Persönlichkeit rettete ganz allein durch die Kraft religiöser Ausbildung und Disziplin die Kinder Israels aus der Knechtschaft.

Er führte sie ins Heilige Land und gründete dort eine große Zivilisation, die dauerhaft und berühmt wurde und unter der diese Menschen zu höchster Ehre und höchstem Ruhm gelangten.

Er befreite sie aus Knechtschaft und Gefangenschaft.

Er vermittelte ihnen Eigenschaften wie Fortschrittlichkeit und Leistungsvermögen.

Sie erwiesen sich als zivilisationsfreudiges Volk mit Gespür für Erziehung und Gelehrsamkeit.

Ihre Philosophie wurde berühmt.

Ihre Wirtschaft wurde von allen Völkern gepriesen.

In allen Bereichen, die ein fortschrittliches Volk kennzeichnen, zeigten sie herausragende Leistungen.

Zur Glanzzeit der Regierung Salomons erreichten ihre Wissenschaften und Künste einen solchen Rang, dass sogar griechische Philosophen nach Jerusalem reisten, um zu Füßen der hebräischen Weisen zu sitzen und die Grundlagen des israelitischen Rechts zu erlernen.

In der östlichen Geschichtsschreibung ist dies eine feststehende Tatsache.

Selbst Sokrates besuchte die jüdischen Gelehrten im Heiligen Land, pflegte Kontakt zu ihnen und diskutierte mit ihnen die Prinzipien und Grundlagen ihrer religiösen Anschauungen.

Nach seiner Rückkehr nach Griechenland formulierte er seine philosophische Lehre der göttlichen Einheit und entwickelte seinen Glauben an die Unsterblichkeit des Geistes nach dem Tod des Körpers weiter.

Zweifellos übernahm Sokrates diese Wahrheiten von den weisen Juden, mit denen er in Kontakt gekommen war.

Hippokrates und andere griechische Philosophen besuchten ebenfalls Palästina und erwarben Weisheit von den jüdischen Propheten, studierten die Grundlagen von Ethik und Tugendhaftigkeit und kehrten mit Beiträgen in ihr Land zurück, durch die Griechenland berühmt wurde. Wenn eine tief religiöse Bewegung ein schwaches Volk stark macht, eine unscheinbare Stammesbevölkerung in eine mächtige und starke Zivilisation verwandelt, sie aus Gefangenschaft befreit und zur Souveränität erhebt, ihre Unwissenheit in Wissen verwandelt und ihr einen Entwicklungsschub in allen Bereichen verleiht (und das ist keine Theorie, sondern eine historische Tatsache), dann wird ersichtlich, dass die Religion die Ursache für Ehre und Vortrefflichkeit des Menschen ist. Aber wenn wir von Religion sprechen, meinen wir die wesentliche Grundlage, die Wahrheit der Religion, nicht die Dogmen und blinden Nachahmungen, die sie allmählich verkrusten ließen und zum Niedergang und zur Auslöschung eines Volkes führen.

Diese Dogmen und blinden Nachahmungen sind zwangsläufig zerstörerisch und bedrohen und behindern das Leben eines Volkes.

Wie in der Thora beschrieben und von der Geschichte bestätigt, zeigte sich der Zorn Gottes, als die Juden sich von sinnentleerten Bräuchen und Nachahmungen in Fesseln legen ließen.

Als sie die Grundlagen des Gesetzes Gottes aufgaben, eroberte Nebukadnezar das Heilige Land.

Er tötete die Bewohner Israels oder nahm sie gefangen, verwüstete das Land und die bevölkerungsreichen Städte und brannte die Dörfer nieder.

Siebzigtausend Juden wurden als Gefangene nach Babylon deportiert.

Er zerstörte Jerusalem, plünderte den großen Tempel, entweihte das Allerheiligste und verbrannte die Thora, das heilige Buch der Schriften.

Daraus lernen wir, dass die Treue zu den wesentlichen Grundlagen der göttlichen Religionen immer Entwicklung und Fortschritt bewirkt, während die Abkehr von dieser grundlegenden Wahrheit und ihre Vernebelung durch blinde Nachahmungen und dogmatische Überzeugungen zur Erniedrigung und zum Verfall eines Volkes führen.

Nach ihrer Eroberung durch die Babylonier wurden die Juden nacheinander von den Griechen und Römern unterworfen.

Im Jahr 70 nach Christus wurde unter dem römischen General Titus das Heilige Land ausgeraubt und geplündert, Jerusalem wurde zerstört und die Israeliten in alle Welt vertrieben.

So vollständig wurden sie vertrieben, dass sie bis zum heutigen Tag weder ein eigenes Land noch eine eigene Regierung haben. Aus diesem Rückblick auf die Geschichte des jüdischen Volkes lernen wir, dass die von Moses gelegte Grundlage der Religion Gottes die Ursache für die ewige Ehre und für das Ansehen des jüdischen Volkes war, die treibende Kraft seines Aufstiegs und seiner Überlegenheit und die Quelle einer Vortrefflichkeit, die immer die Achtung und Ehrerbietung derer hervorrufen wird, die seine besondere Bestimmung und das Schicksal dieses Volkes verstehen. Die Dogmen und blinden Nachahmungen, die allmählich die Wahrheit der Religion Gottes verdunkelten, erwiesen sich als zerstörerische Einflüsse für Israel und führten zur Vertreibung dieses auserwählten Volkes aus dem Heiligen Land ihres Bundes und ihrer Verheißung. Was ist nun der Auftrag der göttlichen Propheten? Ihr Auftrag ist die Erziehung und der Fortschritt der Menschheit. Sie sind die wahren Lehrer und Erzieher, die universellen Ausbilder der Menschheit. Wenn wir herausfinden wollen, ob eine dieser großen Seelen oder Gesandten tatsächlich ein Prophet Gottes war, müssen wir die Ereignisse rund um Sein Leben und Seine Geschichte untersuchen, und der Ausgangspunkt unserer Untersuchung wird die Erziehung und Bildung sein, die Er der Menschheit vermittelte. Wenn Er ein Erzieher war und tatsächlich ein Land oder ein Volk gelehrt hat, sodass es von den tiefsten Tiefen der Unwissenheit zur höchsten Stufe des Wissens aufstieg, dann können wir mit Gewissheit sagen, dass Er ein Prophet war. Dies ist eine einfache und klare Vorgehensweise und ein unwiderlegbarer Beweis. Wir brauchen keine weiteren Beweise zu suchen. Wir brauchen keine Wunder zu erwähnen, sagen, dass aus dem Felsen Wasser sprudelte, denn solche Wunder und Aussagen können abgestritten und von denen, die sie hören, zurückgewiesen werden. Moses Taten sind schlüssige Beweise für Sein Prophetentum. Wenn ein Mensch gerecht, unvoreingenommen und gewillt ist, die Wahrheit zu erforschen, wird er zweifellos die Tatsache bezeugen, dass Moses wahrlich ein Mann Gottes und eine große Persönlichkeit war. Für die weitere Untersuchung dieses Themas wünsche ich, dass Sie in Ihrem Urteil gerecht und vernünftig sind und alle religiösen Vorurteile ablegen. Wir sollten ernsthaft nach der Wahrheit suchen und sie gründlich erforschen, und wir sollten erkennen, dass die Absicht der Religion Gottes die Erziehung der Menschheit und die Einheit und Gemeinschaft unter den Menschen ist. Zudem werden wir darlegen, dass die Grundlage der Religionen Gottes eine einzige ist. Diese Grundlage existiert nicht mehrfach, denn sie ist die Wahrheit selbst. Die Wahrheit existiert nicht in unterschiedlichen Varianten, auch wenn es in jeder der göttlichen Religionen zwei verschiedene Bereiche gibt. Der eine befasst sich mit Tugendhaftigkeit und der ethischen Erziehung des Menschen. Er richtet sich auf den Fortschritt der Menschenwelt im Allgemeinen. Er offenbart und vermittelt das Wissen um Gott und ermöglicht die Entdeckung der Lebenswahrheiten. Dies ist die vorbildhafte geistige Lehre, das Wesentliche der göttlichen Religion, das weder Veränderung noch Wandel unterworfen ist. Es ist die eine Grundlage aller Religionen Gottes. Im Kern sind die Religionen also ein und dieselbe. Der zweite Bereich umfasst soziale Gesetze und Vorschriften für das menschliche Verhalten.

Das ist nicht die wesentliche geistige Seite der Religion.

In diesem Bereich gibt es Veränderungen und Wandel gemäß den Erfordernissen und Anforderungen von Zeit und Ort.

So war es beispielsweise zur Zeit Noahs aus gewissen Gründen notwendig, dass alle Nahrung aus dem Meer erlaubt und rechtmäßig war.

Zur Zeit des abrahamitischen Prophetentums galt es als zulässig, dass ein Mann aufgrund besonderer Umstände seine Tante heiratete, so wie Sarah die Schwester von Abrahams Mutter war.

Während des Zyklus von Adam war es für einen Mann legitim und nützlich, seine eigene Schwester zu heiraten, so wie Abel, Kain und Seth, die Söhne Adams, ihre Schwestern heirateten.

Aber im Gesetz des Pentateuch, das Moses offenbarte, wurden diese Eheschließungen verboten und dieser Brauch und seine Billigung abgeschafft.

Andere, früher gültige Gesetze wurden zu Moses Zeiten aufgehoben.

Zum Beispiel war es zu Abrahams Zeiten erlaubt, Kamelfleisch zu essen, aber in der Zeit Jakobs war dies verboten.

Solche Wechsel und Wandel in den Religionslehren betreffen alltägliche Lebensumstände, aber sie sind weder wichtig noch wesentlich.

Moses lebte in der Wüste Sinai, wo Verbrechen eine direkte Bestrafung erforderten.

Es gab weder Gefängnisse noch Haftstrafen.

Daher galt gemäß den Erfordernissen der Zeit und des Ortes das Gesetz Gottes, dass Auge um Auge und Zahn um Zahn zu vergelten war.

Dieses Gesetz könnte heutzutage nicht angewendet werden, um zum Beispiel einen Mann zu blenden, der versehentlich jemand anderen geblendet hat.

In der Thora gibt es viele Gebote bezüglich der Bestrafung eines Mörders.

Es wäre heute weder zulässig noch möglich, diese Verordnungen durchzusetzen.

Die menschlichen Lebensumstände und Erfordernisse sind so, dass sogar die Todesstrafe – die Strafe, die in den meisten Ländern noch immer für Mord verhängt wird – heute von weisen Männern diskutiert wird, die debattieren, ob ihre Anwendung ratsam ist.

Tatsächlich sind Gesetze für die alltäglichen Lebensumstände nur vorübergehend gültig.

Die Erfordernisse zu Moses Zeiten rechtfertigten das Abschneiden der Hand eines Mannes wegen Diebstahls, aber eine solche Strafe ist heutzutage nicht zulässig.

Mit der Zeit ändern sich die Umstände und die Gesetze passen sich den Umständen an.

Wir müssen uns darauf besinnen, dass diese veränderlichen Gesetze nicht das Wesentliche sind.

Sie sind die sekundären Aspekte der Religion.

Die wesentlichen Gebote, die von einer Manifestation Gottes erlassen werden, sind geistiger Natur.

Sie betreffen Tugenden, die ethische Entwicklung des Menschen und den Glauben an Gott.

Sie sind vollkommen und notwendigerweise dauerhaft – der Ausdruck der einen Grundlage, die keinem Wandel oder Wechsel unterworfen ist.

Darum ist die Hauptgrundlage der offenbarten Religion Gottes beständig, unveränderlich durch die Jahrhunderte und nicht den Veränderungen der menschlichen Lebensumstände unterworfen. Christus bestätigte und verkündete die Grundlage des Gesetzes Moses. Muḥammad und alle Propheten wiederholten die gleiche Grundlage der Wahrheit. Somit waren die Ziele und Erfolge der göttlichen Gesandten ein und dieselben. Sie waren die Quelle für den Fortschritt des Staatswesens und die Ursache für Ehre und göttliche Kultur der Menschheit, deren Grundlage in jeder Sendung ein und dieselbe ist. Es ist also offensichtlich, dass die Beweise für die Rechtmäßigkeit und Inspiration eines Propheten Gottes in den wohltätigen Werken und großartigen Taten bestehen, die von Ihm ausgehen. Wenn Er sich als Ursache für die Aufwärtsentwicklung und Besserung der Menschheit erweist, ist Er zweifellos ein wahrer und himmlischer Gesandter. Ich wünsche mir, dass Sie die folgenden Aussagen gerecht und vernünftig betrachten: Als die Israeliten durch die Macht des Römischen Reiches auseinandergetrieben und das staatliche Leben des hebräischen Volkes von seinen Eroberern ausgelöscht worden war – als das Gesetz Gottes anscheinend von ihnen gewichen und die Grundlage der Religion Gottes scheinbar zerstört war – erschien Jesus Christus.

Als Er Sich unter den Juden erhob, verkündete Er als Erstes die Rechtmäßigkeit der Manifestation Moses.

Er erklärte, dass die Thora – das Alte Testament – das Buch Gottes war und alle Propheten Israels rechtmäßig und wahrhaftig Propheten waren.

Er pries Moses Sendung, und durch Seine Verkündigung wurde der Name Moses in aller Welt verbreitet.

Durch das Christentum wurde Moses Größe unter allen Völkern bekannt.

Tatsächlich war vor dem Erscheinen Christi der Name Moses in Persien unbekannt.

In Indien wusste man nichts vom Judentum, und erst durch die Christianisierung Europas wurden die Lehren des Alten Testaments dort verbreitet.

In ganz Europa gab es kein einziges Exemplar des Alten Testaments.

Aber prüfen Sie dies sorgfältig und urteilen Sie gerecht:

Durch die Vermittlung Christi, durch die Übersetzung des Neuen Testaments, des kleinen Buches des Evangeliums, wurde das Alte Testament, die Thora, in sechshundert Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet.

Die Namen der hebräischen Propheten wurden unter den Völkern gebräuchlich, die glaubten, dass die Kinder Israels wahrlich das auserwählte Volk Gottes waren, ein heiliger Stamm unter dem besonderen Segen und Schutz Gottes, und dass die Propheten, die sich in Israel erhoben hatten, demzufolge Quellen der Offenbarung und leuchtende Sterne am Himmel des Willens Gottes waren. Also hat Christus tatsächlich das Judentum verbreitet, denn Er war Jude und kein Gegner der Juden. Er leugnete nicht, dass Moses ein Prophet war – im Gegenteil, Er verkündete und bestätigte es. Er hat die Thora nicht für ungültig erklärt; Er verbreitete ihre Lehren. Der Teil von Moses Geboten, der Geschäfte und unwichtige Angelegenheiten betraf, wurde verändert, aber Moses wesentliche Lehren wurden von Christus unverändert wiederholt und bestätigt. Er ließ nichts unvollendet oder unvollständig. Ebenso vereinte Er durch die überragende Wirksamkeit und Macht des Wortes Gottes die meisten Völker des Ostens und des Westens. Das gelang zu einer Zeit, als diese Völker verfeindet und zerstritten waren. Er führte sie unter das schützende Zelt der Einheit der Menschheit. Er unterrichtete sie, bis sie sich zusammenschlossen und geeint wurden, und durch Seinen Geist der Versöhnung verschmolzen die Römer, Griechen, Chaldäer und Ägypter zu einer gemeinschaftlichen Zivilisation. Diese wunderbare Macht und außerordentliche Wirksamkeit des Wortes beweisen eindeutig die Rechtmäßigkeit Christi. Bedenken Sie, dass Seine himmlische Herrschaft immer noch andauert und fortbesteht. Wahrlich, dies ist ein schlüssiger Beweis und ein offenkundiges Zeugnis. An einem anderen Horizont sehen wir Muḥammad erscheinen, den Propheten Arabiens.

Sie wissen vielleicht nicht, dass sich Muḥammad in der ersten Ansprache an Seinen Stamm wandte, mit der Aussage:

»Wahrlich, Moses war ein Prophet Gottes, und die Thora ist ein Buch Gottes.

Wahrlich, o ihr Menschen, ihr müsst an die Thora glauben, an Moses und die Propheten.

Ihr müsst alle Propheten Israels als rechtmäßig anerkennen.« Im Qur'án, der muslimischen Bibel, gibt es sieben Aussagen oder Wiederholungen der Berichte über Moses, und in allen historischen Berichten wird Moses gepriesen.

Muḥammad verkündet, dass Moses der größte Prophet Gottes war, dass Gott Ihn in der Wildnis des Sinai führte, dass Moses durch das Licht der Führung auf den Ruf Gottes hörte, dass Er mit Gott sprach und der Träger der Tafel mit den Zehn Geboten war, dass alle damaligen Völker der Welt sich gegen Ihn erhoben und dass Moses sie schließlich besiegte, denn Falschheit und Irrtum werden immer von der Wahrheit überwunden.

Es gibt viele andere Beispiele dafür, dass Muḥammad Moses Rechtmäßigkeit bestätigte.

Ich erwähne nur einige.

Bedenken Sie, dass Muḥammad unter den grausamen und barbarischen Stämmen Arabiens geboren wurde, bei ihnen lebte, äußerlich ungebildet und ohne Kenntnis der Heiligen Schriften Gottes.

Das arabische Volk lebte in völliger Unwissenheit und Barbarei.

Sie begruben ihre kleinen Töchter lebendig und betrachteten dies als Beweis für eine mutige und noble Gesinnung.

Sie lebten in Sklaverei und Leibeigenschaft unter der persischen und römischen Regierung und waren über die ganze Wüste verstreut, in ständige Kämpfe und Blutvergießen verwickelt.

Als das Licht Muḥammads aufging, wurde das Dunkel der Unwissenheit aus den Wüsten Arabiens vertrieben.

Innerhalb kurzer Zeit erlangten diese barbarischen Völker ein Höchstmaß an Zivilisation, die sich von ihrem Zentrum in Baghdád weit gen Westen bis nach Spanien ausbreitete und danach den größten Teil Europas beeinflusste.

Welcher Beweis für das Prophetentum könnte größer sein als dieser, sofern wir nicht die Augen vor der Gerechtigkeit verschließen und uns hartnäckig der Vernunft entgegenstellen? Heute glauben die Christen an Moses, sehen Ihn als Propheten Gottes an und preisen Ihn in höchstem Maße. Die Muslime glauben ebenfalls an Moses, akzeptieren die Rechtmäßigkeit Seiner Prophetenschaft und glauben gleichzeitig an Christus. Könnte man sagen, dass die Anerkennung von Moses durch die Christen und Muslime für diese Menschen nachteilig und schädlich war? Im Gegenteil, es war vorteilhaft für sie und beweist, dass sie redlich und gerecht waren. Welcher Schaden könnte also den Juden entstehen, wenn sie ihrerseits Christus annähmen und die Rechtmäßigkeit der Prophetenschaft Muḥammads anerkennen würden? Durch diese Annahme und lobenswerte Haltung würden Feindschaft und Hass, von denen die Menschheit so viele Jahrhunderte heimgesucht wurde, aufgelöst, Fanatismus und Blutvergießen würden vergehen und die Welt würde durch Einheit und Eintracht gesegnet werden. Die Christen und Muslime glauben und erkennen an, dass Moses mit Gott sprach. Warum sagen Sie nicht, dass Christus das Wort Gottes war? Warum sprechen Sie diese wenigen Worte nicht aus, die all diese Schwierigkeiten beseitigen würden? Dann wird es im Gelobten Land keinen Hass und Fanatismus, keinen Krieg und kein Blutvergießen mehr geben. Dann werden Sie ewig in Frieden leben. Wahrlich, ich bekunde hier und jetzt vor euch, dass Moses mit Gott sprach und ein höchst bemerkenswerter Prophet war, dass Moses das grundlegende Gesetz Gottes offenbarte und die wahre ethische Grundlage der Zivilisation und des Fortschritts der Menschheit schuf.

Was ist schlecht daran?

Verliere ich etwas dadurch, wenn ich als Bahá'í dies zu euch sage und daran glaube?

Im Gegenteil, ich profitiere davon; und Bahá'u'lláh, der Stifter der Bahá'í-Bewegung, bestärkt mich durch die Worte:

»Dein Urteil ist recht und billig; du hast die Wahrheit unvoreingenommen erforscht und bist zu einer richtigen Schlussfolgerung gelangt.

Du hast deinen Glauben an Moses, einen Propheten Gottes, bekundet und die Thora, das Buch Gottes, angenommen.« Wenn es mir möglich ist, durch ein solch freimütiges und allgemeines Glaubensbekenntnis alle Spuren von Vorurteilen zu tilgen, warum ist Ihnen nicht das Gleiche möglich?

Warum nicht diesen religiösen Streit beenden und ein Band der Zusammengehörigkeit zwischen den Herzen der Menschen knüpfen?

Warum sollten die Anhänger einer Religion nicht den Stifter oder Lehrer einer anderen preisen?

Gläubige anderer Religionen rühmen Moses Größe und erkennen an, dass Er der Stifter des Judentums war.

Warum weigern sich die Hebräer, die anderen großen Gesandten, die in der Welt erschienen sind, zu preisen und anzunehmen?

Was könnte daran schlecht sein?

Welcher Einwand wäre berechtigt?

Überhaupt keiner.

Sie würden durch eine solche Tat und Aussage nichts verlieren.

Im Gegenteil, Sie würden zum Wohl der Menschheit beitragen.

Sie würden eine wichtige Rolle dabei spielen, das Glück der Menschheit zu bewirken.

Die unvergängliche Ehre des Menschen hängt von der Aufgeklärtheit dieses modernen Zeitalters ab.

Da unser Gott nur ein einziger Gott und der Schöpfer der ganzen Menschheit ist, sorgt Er für alle und schützt alle.

Wir schätzen Ihn als Gott der Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Warum also sollten wir, Seine Kinder und Anhänger, uns bekriegen und bekämpfen und einander Leid und Kummer zufügen?

Gott ist liebevoll und barmherzig.

In der Religion war Sein Ziel immer das Band der Einheit und Verbundenheit zwischen den Menschen. Preis sei Gott!

Das dunkle Mittelalter ist vergangen und dieses Jahrhundert des Lichtes ist angebrochen, das Jahrhundert, in dem die Wahrheit sichtbar wird, in dem die Wissenschaft die Geheimnisse des Universums durchdringt, die Einheit der Menschheit gestiftet wird und der Dienst an der Menschheit der überragende Beweggrund allen Seins ist.

Sollen wir in unserem Fanatismus verwurzelt bleiben und an unseren Vorurteilen festhalten?

Ist es angemessen, dass uns die alten Mythen und der Aberglaube der Vergangenheit noch immer binden und einschränken, dass uns überholte Glaubensvorstellungen und die mittelalterliche Unwissenheit im Wege stehen, dass wir Religionskriege führen, uns bekämpfen und Blut vergießen, einander meiden und verdammen?

Ist das gut für uns?

Ist es nicht besser für uns, liebevoll und rücksichtsvoll miteinander umzugehen?

Ist es nicht besser, sich der Gemeinschaft und Einheit zu erfreuen, gemeinsam Lobeshymnen auf Gott, den Allhöchsten, anzustimmen und alle Seine Propheten im Geist der Anerkennung und wahrer Erkenntnis zu preisen?

So wird diese Welt tatsächlich zum Paradies, und der verheißene Tag Gottes wird anbrechen.

Dann werden gemäß der Prophezeiung Jesajas der Wolf und das Lamm aus demselben Bach trinken, die Eule und der Geier zusammen auf denselben Zweigen nisten, der Löwe und das Kalb auf derselben Wiese weiden.

Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass sich die zerstrittenen und konkurrierenden Religionen, die verfeindeten Glaubensrichtungen und die unterschiedlichen Überzeugungen trotz ihres früheren Hasses und ihrer früheren Feindschaft versöhnen und zusammenschließen.

Durch die in diesem strahlenden Jahrhundert erforderliche aufgeklärte menschliche Haltung werden sie sich in vollkommener Gemeinschaft und Liebe vermischen.

Das sind Geist und Bedeutung der Worte Jesajas.

Es wird niemals einen Tag geben, an dem diese Prophezeiung wörtlich erfüllt wird, denn diese Tiere können sich aufgrund ihrer Natur nicht in Wohlwollen und Liebe verbinden und einander zugesellen.

Deshalb symbolisiert diese Prophezeiung die Einheit und Eintracht von Ethnien, Ländern und Völkern, die in einer Haltung der Vernunft, Aufklärung und Vergeistigung zusammenkommen werden. Das Zeitalter ist angebrochen, in dem die menschliche Gemeinschaft Wirklichkeit wird. Das Jahrhundert ist gekommen, in dem alle Religionen vereint werden. Die religiöse Ordnung ist erschienen, durch die alle Völker sich der Segnungen des Weltfriedens erfreuen werden. Der Zyklus hat begonnen, da rassistische Vorurteile von allen Stämmen und Völkern der Welt abgelegt werden. Die Epoche hat begonnen, in der sich alle Heimatländer zu einer großen Menschheitsfamilie zusammenschließen werden. Denn die ganze Menschheit soll in Frieden und Sicherheit im Schutz des großartigen Heiligtums des einen lebendigen Gottes leben.

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25. Oktober 1912 Ansprache im Hotel Sacramento Sacramento, Kalifornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Als Christus erschien, folgten bestimmte gesegnete Seelen Seinem Vorbild. Sie begleiteten ihren Meister und beobachteten fortwährend Sein Verhalten, Sein Handeln und Sein Denken. Sie erlebten die Anfeindungen, die Ihm entgegenschlugen, und waren über alle Ereignisse im Bilde, die zu diesem wunderbaren Leben gehörten – sie waren Empfänger Seiner Güte und Gunst. Nach dem Heimgang Christi eilten sie in verschiedene Gegenden der Welt und verbreiteten die Lehren und Anweisungen, die Er ihnen gegeben hatte. Durch ihre Hingabe und ihre Bemühungen erhielten andere Orte und entfernt liegende Völker Kunde von den Prinzipien, die Er offenbart hatte. Durch sie wurde der Osten erleuchtet und das Licht, das im Osten erstrahlte, erstrahlte auch im Westen. Dieses Licht ermöglichte die Führung großer Menschenmengen. In vielen Fällen erwies es sich als Mittel zur Verhinderung von Krieg. Das wird durch die Vereinigung und den Zusammenschluss verschiedener Völker belegt, die einander vormals feindlich gesinnt waren – wie die Griechen, Römer, Ägypter, Syrer, Chaldäer und Assyrer. In Christus fand die Einheit der Menschheit ihren Ausdruck und erwies sich als Ursache für die geistige Erleuchtung der Menschheit. Der Odem des Heiligen Geistes wirkte in den Herzen der Menschen. Jetzt sind wir ebenfalls aus dem Orient gekommen und verkünden das Erscheinen Bahá'u'lláhs, Der am Horizont des Ostens erstrahlte. Wir haben Sein Leben beobachtet und Seine Taten gesehen. Wir waren Zeugen Seiner Prüfungen und Leiden, Beobachter Seiner Kerkerhaft und Verbannung. Wir wissen genau, welchen Anfeindungen Seine gesegnete Person ausgesetzt war. Darum sind wir, Seine Jünger, durch die ganze Welt gereist, damit sich Seine Lehren überall verbreiten und von jedem vernommen werden können. Mögen die Menschen so die frohe Botschaft vom Anbruch Seiner großen Sendung empfangen, sich der in Ihm offenbaren göttlichen Beweise bewusst werden, von den wunderbaren Begebenheiten Seines erstaunlichen Lebens erfahren, von Seiner großen Widerstandskraft gegen die Könige des Orients, von der Macht Seines Geistes, mit der Er das Banner der Einheit der Menschheit unter allen Umständen hochhielt. Vielleicht habt ihr von Ihm gehört oder gelesen. Ich gebe euch eine kurze Zusammenfassung Seines Lebens, damit ihr etwas über die Geschichte Seiner großen Bewegung erfahrt und Seine Lehren kennenlernt. Bahá'u'lláh war eine Persönlichkeit aus Persien und stammte aus einer vornehmen Familie. In Seinen jungen Jahren erhob Sich in Persien ein junger Mann mit Namen 'Alí-Muḥammad. Er wurde Báb genannt, was ›Tür‹ oder ›Tor‹ bedeutet. Der Träger dieses Titels war eine große Seele, durch die sich geistige Zeichen und Beweise offenbarten. Er trotzte den Widrigkeiten der Zeit und lebte im Widerspruch zu den Sitten und Gebräuchen Persiens. Er offenbarte ein neues Glaubenssystem, das im Gegensatz zu den Überzeugungen in Seinem Land stand, und verkündete bestimmte Prinzipien, die den Vorstellungen des Volkes widersprachen. Dafür wurde diese bemerkenswerte Persönlichkeit von der persischen Regierung eingekerkert. Schließlich wurde Er auf Befehl der Regierung hingerichtet und wurde so zum Märtyrer. Kurz zusammengefasst verlief dieses Martyrium wie folgt: Er wurde auf einem Platz wie eine Zielscheibe aufgehängt und erschossen. Diese hochverehrte Persönlichkeit kündigte die Ankunft einer weiteren Seele an, von der Er sagte: »Wenn Er kommt, wird Er euch noch Größeres offenbaren.« Nach dem Märtyrertod des Báb erschien also Bahá'u'lláh. Die Regierung stellte sich gegen Ihn. Die Priesterschaft in Persien bekämpfte und verfolgte Ihn aufs Schärfste. Sein Besitz wurde beschlagnahmt, Seine Verwandten und Freunde wurden getötet, und Er wurde in einen Kerker geworfen. Er war lange Zeit eingekerkert, lag in Ketten und war schwerstem Leiden ausgesetzt. Danach wurde Er in den 'Iráq (Mesopotamien) verbannt, von dort nach Konstantinopel, dann nach Adrianopel und schließlich nach 'Akká. Er verbrachte vierundzwanzig Jahre in der Gefängnisfestung in 'Akká, wo Er härteste Prüfungen und Entbehrungen durchmachte, ohne einen Tag oder eine Nacht der Entspannung und Erholung. Trotz dieser Gefangenschaft und dieses Leidens bewies Er höchste geistige Macht und Majestät. Trotz seiner Haft hielt Er zwei tyrannischen Königen stand und besiegte schließlich beide. Kurz nach Seiner Einkerkerung richtete Er Sendschreiben an alle Könige und Herrscher der Welt, in denen Er sie zum Weltfrieden, zur Einheit und zu internationaler Gemeinschaft aufrief. Einer dieser Herrscher war der Sháh von Persien, der hauptsächlich für die Einkerkerung Bahá'u'lláhs verantwortlich war. In Seinem Brief an diesen Regenten zog Er ihn streng zur Rechenschaft und sagte dessen Sturz voraus, mit den Worten: »Du bist ein Tyrann; dein Land wird verfallen und deine Familie erniedrigt und entehrt werden.« Er schrieb an den Sulṭán der Türkei in ähnlicher Weise: »Deine Herrschaft wird dir entgleiten.« Die Sendschreiben an die Könige und Regenten, mit denen Er sie zum Weltfrieden aufrief, wurden vor fünfzig Jahren von Bahá'u'lláh geschrieben. Alles, was Er geschrieben hat, ist eingetreten. Diese Briefe wurden vor dreißig Jahren in Bombay veröffentlicht und sind heute auf der ganzen Welt verbreitet. Kurz gesagt, Bahá'u'lláh ertrug vierzig Jahre lang Schicksalsschläge, Prüfungen und Leid, um Seine Lehren zu verbreiten, die wie folgt zusammengefasst werden können: Die erste Lehre ist, dass der Mensch die Wahrheit erforschen soll, denn die Wahrheit widerspricht dogmatischen Interpretationen und den Nachahmungen überkommener Glaubensformen, an denen alle Nationen und Völker so hartnäckig festhalten. Diese blinden Nachahmungen stehen im Widerspruch zur grundlegenden Basis der göttlichen Religionen, denn die zentralen und wesentlichen Lehren der göttlichen Religionen basieren auf Einheit, Liebe und Frieden, während diese Abweichungen und Nachahmungen schon immer zu Krieg, Aufstand und Streit geführt haben. Daher sollten alle Menschen es als ihre Pflicht ansehen, die Wahrheit zu ergründen. Die Wahrheit ist eine und wenn sie erkannt wird, wird sie die ganze Menschheit einen. Die Wahrheit ist die Liebe zu Gott. Die Wahrheit ist die Erkenntnis Gottes. Die Wahrheit ist Gerechtigkeit. Die Wahrheit ist die Einheit beziehungsweise das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheit. Die Wahrheit ist der Weltfrieden. Die Wahrheit ist die Kenntnis der Wirklichkeit. Die Wahrheit vereint die Menschheit. Kurz gesagt, Bahá'u'lláhs Leitgedanke war, dass alle großen religiösen Systeme der Welt auf der Wahrheit basieren. Er rief die Nationen und Völker der Welt dazu auf. Verfeindete Völker wurden geeint, weil sie die Wahrheit Seiner Worte annahmen. Streit, Zwietracht und Auseinandersetzungen zwischen ihnen vergingen. Sie erreichten einen Zustand höchster Liebe. Heute pflegen die Menschen in Asien, die Seine Lehren angenommen haben und Seinem Beispiel gefolgt sind, brüderlichen und gemeinschaftlichen Umgang miteinander, obwohl sie sich früher sehr feindselig und unversöhnlich gegenüberstanden. Den Streit und Krieg der Vergangenheit haben sie beendet. Juden, Zoroastrier, Christen, Muslime und andere haben durch Bahá'u'lláh zu höchster Liebe und Eintracht gefunden. Sie leben jetzt wie eine Familie zusammen. Sie haben die Wahrheit erforscht. Die Wahrheit lässt keine Vieldeutigkeit gelten, noch lässt sie sich teilen. Diese unversöhnlichen Völker leben jetzt in Einheit und Eintracht. Die zweite Lehre Bahá'u'lláhs ist der Grundsatz der Einheit der Menschheit. Gott ist Einer; Seine Diener sind ebenfalls eins. Gott hat alle erschaffen; Er ist gütig zu allen. Warum sollten Seine Kinder uneins sein, wo Er doch für alle ein so fürsorglicher Vater ist? Warum sollten sie sich bekriegen und bekämpfen? Wie der Himmlische Vater müssen wir in Liebe und Eintracht leben. Der Mensch ist der Tempel Gottes, das Ebenbild des Herrn. Wer den Tempel Gottes zerstört, wird das Missfallen des Schöpfers erregen. Deshalb müssen wir in Freundschaft und Liebe miteinander leben. Bahá'u'lláh wandte Sich mit folgenden Worten an die Menschheit: »Wahrlich, ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges.« Das bedeutet, dass die gesamte Menschheit ein einziger Baum ist. Die verschiedenen Nationen und Völker sind die Äste dieses Baumes. Die Zweige und Blüten repräsentieren die einzelnen Menschen. Warum sollten diese Teile desselben Baumes in Streit und Zwietracht leben? Die dritte Lehre Bahá'u'lláhs betrifft den umfassenden Frieden zwischen den Nationen, den Religionen, den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Er erklärte, solange Vorurteile unter den Menschen bestehen – seien sie religiös, rassistisch, patriotisch, politisch oder sektiererisch –, kann der Weltfrieden nicht verwirklicht werden. Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die heutige Zeit wurden alle Kriege und alles Blutvergießen durch religiöse, rassistische, politische oder sektiererische Vorurteile verursacht. Daher ist es offensichtlich, dass die Menschheit keinen Frieden und keine Ruhe finden kann, solange diese Vorurteile bestehen. Zu den Lehren Bahá'u'lláhs gehört Seine Aussage, dass Religion die Ursache für Liebe und Gemeinschaft und die Quelle der Einheit in den Herzen der Menschen sein muss. Wenn Religion zur Ursache von Feindschaft und Hass wird, ist es offensichtlich besser, sie abzuschaffen, als sie zu verbreiten, denn Religion ist ein Heilmittel gegen menschliches Leid. Wenn ein Heilmittel die Krankheit hervorruft, ist es zweifellos ratsam, es aufzugeben. Ferner verkünden die Lehren Bahá'u'lláhs, dass die Religion mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen muss.

Andernfalls ist sie Aberglaube, denn Wissenschaft und Vernunft sind Wahrheiten, und die Religion selbst ist die Göttliche Wahrheit, mit der wahre Wissenschaft und Vernunft in Einklang stehen müssen.

Gott hat dem Menschen die Gabe des Verstandes verliehen, damit er jede Tatsache und Wahrheit, die ihm vorgelegt wird, abwägen kann, um zu entscheiden, ob sie vernünftig und nachvollziehbar ist.

Was mit der Vernunft des Menschen im Einklang steht, kann er als wahr akzeptieren, während das, was Vernunft und Wissenschaft nicht bestätigen können, als Einbildung und Aberglaube, als Trugbild und als nicht der Wahrheit entsprechend abgelehnt werden kann.

Da die unter den Menschen verbreiteten blinden Nachahmungen und dogmatischen Auslegungen nicht den Grundbedingungen der Vernunft entsprechen und weder der Verstand noch die wissenschaftliche Forschung ihnen zustimmen können, wird Religion heutzutage von vielen Menschen abgelehnt und gemieden.

Das bedeutet, dass die Nachahmungen, wenn sie auf der Waage der Vernunft gewogen werden, deren Maßstäben und Anforderungen nicht entsprechen.

Folglich lehnen diese Menschen die Religion ab und werden religionslos.

Wenn ihnen jedoch die Wahrheit der göttlichen Religionen klar wird, wenn gezeigt wird, dass die Grundlage der himmlischen Lehren mit Tatsachen und offensichtlichen Wahrheiten sowie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und vernünftigen Beweisen übereinstimmt, können alle die Religion anerkennen und die Religionsfeindlichkeit wird vergehen.

Auf diese Weise kann die Grundlage der Religion der gesamten Menschheit nahegebracht werden, denn die Wahrheit ist wahre Vernunft und Wissenschaft, während alles, was sich damit nicht vereinbaren lässt, bloßer Aberglaube ist. Die Lehren Bahá'u'lláhs verkünden auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau, denn Er erklärte, dass alle Diener Gottes sind und die Fähigkeit besitzen, Tugenden und Gaben zu erlangen.

Alle sind Zeichen der Barmherzigkeit des Herrn.

In der Schöpfung Gottes besteht kein Unterschied.

Alle sind Seine Diener.

Vor Gott gibt es kein Geschlecht.

Wessen Taten würdiger, wessen Äußerungen besser, wessen Leistungen nützlicher sind, steht Gott nach Seinem Urteil am nächsten, gleichgültig ob Mann oder Frau.

Wenn wir die Schöpfung betrachten, finden wir das männliche und weibliche Prinzip in allen Daseinsformen.

Im Pflanzenreich finden wir den männlichen und weiblichen Feigenbaum, die männliche und weibliche Palme, den Maulbeerbaum und so weiter.

Das ganze Leben der Pflanzen ist durch diesen Geschlechtsunterschied geprägt, aber es zeigen sich weder Hervorhebung noch Bevorzugung.

Nein, vielmehr herrscht völlige Gleichberechtigung.

Ebenso gibt es das Geschlecht im Tierreich.

Wir haben Männchen und Weibchen, aber weder Hervorhebung noch Bevorzugung.

Es herrscht völlige Gleichberechtigung.

Das Tier, dem menschliche Vernunft und Verständnis fehlen, kann die Bedeutung des Wahlrechts nicht verstehen und beansprucht auch kein Vorrecht.

Der Mensch ist mit höherer Vernunft begabt, mit vielen Fähigkeiten ausgestattet und versteht die Wirklichkeit der Dinge.

Er wird gewiss nicht zulassen wollen, dass ein großer Teil der Menschheit benachteiligt oder ausgeschlossen bleibt.

Das wäre das größte Unrecht.

Die Menschenwelt besitzt zwei Flügel, den männlichen und den weiblichen.

Solange diese beiden Flügel nicht gleich stark sind, wird der Vogel nicht fliegen.

Solange die Frau nicht den gleichen Rang einnimmt wie der Mann, solange sie nicht die gleichen Tätigkeiten ausübt, wird die Menschheit keine außergewöhnlichen Erfolge zeitigen, kann sich die Menschheit nicht zu den Höhen wahrer Errungenschaften aufschwingen.

Wenn beide Flügel gleich stark werden und die gleichen Vorrechte genießen, wird der Flug des Menschen überaus erhaben und außergewöhnlich sein.

Deshalb muss die Frau die gleiche Erziehung und Ausbildung erhalten wie der Mann und jede Ungleichheit muss ausgeglichen werden.

So wird die Frau mit den gleichen Fähigkeiten wie der Mann ausgestattet sein, auf allen Ebenen menschlicher Errungenschaften voranschreiten und dem Mann ebenbürtig werden.

Solange diese Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, wird der Menschheit kein wahrer Fortschritt und Erfolg beschieden sein. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Frau ist von Natur aus gegen den Krieg, sie ist eine Verfechterin des Friedens. Kinder werden von ihren Müttern großgezogen, die den Grundstein für ihre Erziehung und Bildung legen und unermüdlich für ihr Wohl arbeiten. Stellen Sie sich eine Mutter vor, die ihren Sohn zwanzig Jahre lang liebevoll bis zur Reife erzogen hat. Sie wird sicher nicht zulassen, dass dieser Sohn auf dem Schlachtfeld in Stücke gerissen und getötet wird. Wenn also die Frau dem Mann an Macht und Privilegien einschließlich Wahlrecht und Regierungsbeteiligung gleichgestellt ist, wird es mit Sicherheit keinen Krieg mehr geben; denn die Frau ist von Natur aus die ergebenste und entschiedenste Verfechterin des Weltfriedens. Bahá'u'lláh lehrt, dass die materielle Zivilisation unvollständig und unzureichend ist und dass eine göttliche Kultur geschaffen werden muss. Die materielle Zivilisation betrifft die stoffliche oder körperliche Welt, aber die göttliche Kultur ist der Bereich von Ethik und Moral. Solange sich der ethische Standard der Völker nicht verbessert und die menschlichen Tugenden kein hohes Niveau erreichen, bleibt das Glück für die Menschheit unerreichbar. Die Philosophen haben die materielle Kultur gestiftet. Die Propheten haben die göttliche Kultur gestiftet. Christus war der Stifter himmlischer Kultur. Die Menschheit empfängt die Segnungen sowohl der materiellen als auch der göttlichen Kultur von den himmlischen Propheten. Sie verleihen der Menschheit durch den Odem des Heiligen Geistes die Fähigkeit zu außerordentlichen und lobenswerten Fortschritten. Himmlische Kultur kann auf keinem anderen Weg erreicht oder verwirklicht werden. Dies zeigt das Bedürfnis der Menschheit nach himmlischen Gnadengaben, und solange diese himmlischen Gnadengaben nicht empfangen werden, kann ewiges Glück nicht verwirklicht werden. Kurz, die Lehren Bahá'u'lláhs sind ohne Grenzen und zahllos. Die Zeit erlaubt es nicht, sie im Detail darzustellen. Die Grundlage des Fortschritts und des wahren Wohlergehens der Menschen ist die Wahrheit, denn die Wahrheit ist der göttliche Maßstab und die Gabe Gottes. Die Wahrheit ist das Vernünftige und das Vernünftige gereicht dem Menschen immer zur Ehre. Die Wahrheit ist Gottes Führung. Die Wahrheit ist die Ursache für die Erleuchtung der Menschheit. Die Wahrheit ist die Liebe, die stets dem Wohl der Menschheit dient. Die Wahrheit ist das Band, das die Herzen vereint. Sie erhebt den Menschen zu immer höheren Stufen des Fortschritts und der Vollendung. Die Wahrheit ist die Einheit der Menschheit und schenkt ewiges Leben. Die Wahrheit ist die vollkommene Gleichberechtigung, die Grundlage des Einklangs der Völker, der erste Schritt zum Weltfrieden.

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26. Oktober 1912 Ansprache in der Versammlungshalle des Hotel Sacramento Sacramento, Kalifornien Aufzeichnungen von Bijou Straun Ich habe euer Kapitol und seine Gärten besucht. Kein anderes Kapitol hat eine so schöne Umgebung. So beeindruckend, wie es sich von allen anderen abhebt, so mögen auch die Menschen in Kalifornien die erhabensten und vollkommensten selbstlosen Menschen der Welt werden. Kalifornien ist in der Tat ein gesegnetes Land. Das Klima ist gemäßigt, die Sonne scheint immer, es gibt köstliche Früchte in Hülle und Fülle. Hier sind alle äußeren Segnungen zu finden. Die Kalifornier sind ein edles Volk und ich hoffe, dass sie außerordentliche Fortschritte erzielen und für ihre Tugenden berühmt werden. Das Thema, das heute in der Welt die größte Bedeutung hat, ist der Weltfriede. Der europäische Kontinent ist wie ein Arsenal, ein Lager voller Sprengstoff, bereit zur Zündung. Ein einziger Funke wird ganz Europa in Brand setzen, besonders zu dieser Zeit, in der die Balkanfrage akut ist. Der Krieg tobt und wütet bereits an vielen Orten, das Blut Unschuldiger wird vergossen, Kinder werden gefangen genommen, Frauen bekommen keine Unterstützung mehr und Häuser werden zerstört. Was die Welt also heute am dringendsten braucht, ist Weltfriede. Die Zeit ist reif dafür. Es ist Zeit für die Abschaffung des Krieges, die Vereinigung von Nationen und Regierungen. Es ist Zeit für die Liebe. Es ist Zeit, Ost und West zu vereinen. Die Kalifornier scheinen friedliebend zu sein und weisen große Verdienste und Fähigkeiten auf und so hoffe ich, dass die Zahl der Friedensstifter unter ihnen täglich zunehmen wird, bis die gesamte Bevölkerung für dieses segensreiche Ergebnis eintritt.

Mögen die einflussreichen Männer in dieser Demokratie das Banner der internationalen Versöhnung hochhalten.

Mögen selbstlose Ziele und Gedanken von diesem Ausgangspunkt in alle anderen Weltgegenden ausstrahlen.

Möge der Ruhm dieser Leistung für immer die Geschichte dieses Landes schmücken.

Möge das erste Banner des Weltfriedens in diesem Staat gehisst werden.

Möge der erste Strahl der Wahrheit glorreich auf dieses Land scheinen.

Möge sich dieses Zentrum und diese Hauptstadt in Bezug auf jedwede Errungenschaften auszeichnen, denn die Fähigkeiten der Menschheit und die Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Fortschritts sind grenzenlos.

Es gibt für sie kein Ende, und auf welcher Stufe die Menschheit auch stehen mag, es gibt immer noch höhere Stufen.

Es gibt nichts in der bedingten Welt, über das man sagen könnte:

»Jenseits dieses Daseinszustands und dieser Vollkommenheit gibt es nichts weiter« oder »Dies ist der höchste Grad der Vollkommenheit«.

Wie vollkommen etwas auch erscheinen mag, es kann immer eine noch höhere Entwicklungsstufe erreicht werden.

Wie weit die Menschheit auch voranschreiten mag, es gibt immer noch höhere Stufen zu erklimmen, denn die Tugenden sind grenzenlos.

Alle Ziele können vollständig erreicht oder erfüllt werden, außer Tugenden, und obwohl dieses Land außerordentliche Fortschritte erzielt hat, hoffe ich, dass sich seine Erfolge ins Unermessliche steigern werden, denn die göttliche Freigebigkeit ist unendlich und unbegrenzt. Manche Menschen denken, die göttlichen Gaben könnten versiegen. Sie denken zum Beispiel, die Offenbarung Gottes, der Strahlenglanz Gottes und die Gaben Gottes seien an ihr Ende gekommen. Dies ist selbstverständlich eine falsche Vorstellung, denn nichts davon wird enden. Die göttliche Wahrheit ist wie die Sonne, und die Offenbarung gleicht ihren Strahlen. Würden wir behaupten, dass die Gnadengaben Gottes nicht ewig anhalten, müssten wir zwangsläufig glauben, dass das Göttliche selbst an ein Ende gelangen kann, obwohl die Wirklichkeit des Göttlichen alle Tugenden umfasst und durch diese Gaben vollkommen ist. Besäße sie nicht alle diese Vollkommenheiten oder Tugenden, könnte sie nicht göttlich sein. Die Sonne ist die Sonne wegen ihrer Strahlen, ihres Lichtes und ihrer Hitze. Wenn sie diese Eigenschaften verlieren könnte, wäre sie nicht die Sonne. Wenn wir also sagen, die Göttlichkeit oder Souveränität Gottes sei zufällig und könnte vergehen, müssen wir zwangsläufig denken, dass Gott selbst zufällig, ohne Grundlage und unwesentlich ist. Gott ist der Schöpfer. Das Wort ›Schöpfer‹ setzt das Vorhandensein einer Schöpfung voraus. Gott ist der Versorger. Das Wort ›Versorger‹ bedeutet, dass es Empfänger der Versorgung gibt. Ein anderer Name für den Schöpfer ist der ›Wiederbeleber‹, was die Existenz von Geschöpfen voraussetzt, die wiederbelebt werden müssen. Wenn Er nicht der Versorger wäre, wie könnten wir uns Geschöpfe vorstellen, die Seine Gnadengaben erhalten? Wenn Er nicht der Herr wäre, wie könnten wir uns Untertanen vorstellen? Wenn Er nicht der Wissende wäre, wie könnten wir uns Menschen mit Erkenntnis vorstellen? Würden wir behaupten, dass es in der Vergangenheit eine Zeit gab, in der Gott nicht im Besitz Seiner Schöpfung war, oder dass es einen Anfang der Welt gab, würden wir damit die Schöpfung und den Schöpfer bestreiten. Oder wenn wir sagen würden, dass eine Zeit kommen könnte, in der die göttlichen Gaben aufhören, würden wir im Grunde die Existenz des Göttlichen abstreiten. So als würde sich der Mensch einen König ohne Land, Armee, Schatzkammer und allem vorstellen, was Souveränität oder Königtum ausmacht. Ist es möglich, sich einen solchen Herrscher vorzustellen? Ein König muss ein Herrschaftsgebiet, eine Armee und alles besitzen, was zur Souveränität gehört, damit seine Souveränität Wirklichkeit wird. Ebenso verhält es sich mit der Wirklichkeit des Göttlichen, die alle Tugenden umfasst. Ihre Souveränität währt ewig und ihre Schöpfung hat keinen Anfang und kein Ende. Zu den Gaben Gottes gehört die Offenbarung. Darum ist die Offenbarung ein ständig fortschreitender Prozess. Sie hört nie auf. Es ist notwendig, dass die Wirklichkeit des Göttlichen in ihrer Vollkommenheit und mit all ihren Eigenschaften in der Menschenwelt erstrahlt. Die Wirklichkeit des Göttlichen ist wie ein unendlicher Ozean. Die Offenbarung kann mit dem Regen verglichen werden. Könnt ihr euch das Ende des Regens vorstellen? Auf der Erde wird es immer irgendwo regnen. Kurz, die Welt des Daseins schreitet voran. Sie wächst und entwickelt sich. Bedenkt, welch große Fortschritte in diesem strahlenden Jahrhundert gemacht wurden. Die Zivilisation hat sich entfaltet. Völker haben sich entwickelt. Industrie und Rechtswesen haben sich ausgebreitet. Wissenschaften, Erfindungen und Entdeckungen haben zugenommen. All dies zeigt, dass die Welt des Daseins stetig voranschreitet und sich entwickelt und dass gewiss auch die Tugenden, die die Reife des Menschen kennzeichnen, sich weiterentwickeln und wachsen müssen. Die größte Gabe Gottes an den Menschen ist die Fähigkeit, menschliche Tugenden zu erwerben. Deshalb müssen die Lehren der Religion reformiert und erneuert werden, denn die Lehren der Vergangenheit sind nicht mehr zeitgemäß. Beispielsweise eignen sich die Wissenschaften vergangener Jahrhunderte nicht für die Gegenwart, weil die Wissenschaften sich verbessert haben. Die Industrie der Vergangenheit ist für die Gegenwart untauglich, weil die Industrie sich weiterentwickelt hat. Die Gesetze der Vergangenheit werden ersetzt, weil sie in der heutigen Zeit nicht anwendbar sind. Alle materiellen Lebensbedingungen der Menschheit haben Veränderungen durchgemacht, sich weiterentwickelt, und die Strukturen der Vergangenheit sind mit denen der Gegenwart nicht vergleichbar. Gesetze und Strukturen früherer Regierungen können heute nicht mehr gültig sein, da die Gesetzgebung den Bedürfnissen und Anforderungen der heutigen Gesellschaft entsprechen muss. Das Gleiche gilt für die religiösen Lehren, die so lange in den Tempeln und Kirchen verkündet wurden, denn sie beruhten nicht auf den Grundprinzipien der Religionen Gottes. Mit anderen Worten, die Grundlage der göttlichen Religionen war getrübt worden und man hatte sich an unwesentliche Bräuche und Riten geklammert. Das heißt, der Kern der Religion war anscheinend verschwunden und nur die Schale war übrig geblieben. Daher war es notwendig, dass das Fundament aller religiösen Lehren wiederhergestellt wurde, dass die untergegangene Sonne der Wahrheit wieder aufging, dass der Frühling, der den Schauplatz des Lebens vergangener Zeiten erfrischt hatte, wieder erschien, dass der Regen, der aufgehört hatte, wieder fiel, dass die Brisen, die sich gelegt hatten, wieder wehten. Deshalb erschien Bahá'u'lláh am östlichen Horizont und stellte die wesentlichen Grundlagen der religiösen Lehren der Welt wieder her.

Die überholten traditionellen Glaubensvorstellungen der Menschen wurden abgeschafft.

Er stiftete Gemeinschaft und Eintracht unter den Vertretern der verschiedenen Konfessionen, sodass sich zwischen den zerstrittenen Religionen Liebe entwickelte.

Er schuf Harmonie zwischen verfeindeten Sekten und erhob das Banner der Einheit der Menschheit.

Er legte den Grundstein für den Weltfrieden, vereinte die Herzen der Nationen und erweckte die verschiedenen Völker des Ostens zu neuem Leben.

Unter denen, die die Lehren Bahá'u'lláhs angenommen haben, sagt niemand:

»Ich bin Perser«, »Ich bin Türke«, »Ich bin Franzose« oder »Ich bin Engländer«.

Niemand sagt:

»Ich bin Muslim und halte an der einzig wahren Religion fest«, »Ich bin Christ und bleibe meinen traditionellen und ererbten Überzeugungen treu«, »Ich bin Jude und folge den talmudischen Auslegungen« oder »Ich bin Zoroastrier und gegen alle anderen Religionen«.

Im Gegenteil, alle wurden aus den Fesseln religiöser, rassistischer, politischer und patriotischer Vorurteile befreit und gehen heute so gemeinschaftlich und liebevoll miteinander um, dass ihr keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen, Juden und Zoroastriern, Persern und Türken, Arabern und Europäern feststellen könntet, wenn ihr an einem ihrer Treffen teilnehmen würdet; denn ihre Versammlungen basieren auf den wesentlichen Grundlagen der Religion, und zwischen ihnen wurde wahre Einheit gestiftet.

Frühere Gegensätze sind überwunden; die Jahrhunderte des sektiererischen Hasses sind beendet; die Zeit der Abneigung ist vorbei; die mittelalterliche Unwissenheit gibt es nicht mehr. Wahrlich, das Jahrhundert des Lichtes ist angebrochen, die Vernunft wird vorangebracht, die Wahrnehmung erweitert sich, die menschlichen Möglichkeiten werden weltweit erkannt, die Empfänglichkeit entwickelt sich, die Entdeckung der Wahrheit schreitet voran. Deshalb ist es notwendig, dass wir alle durch Unwissenheit verursachten Vorurteile beseitigen, den überholten Glauben an die Traditionen vergangener Epochen ablegen und das Banner internationaler Verständigung erheben. Lasst uns in Liebe zusammenarbeiten und durch geistige Wechselseitigkeit ewiges Glück und Frieden genießen.

Ansprachen 'Abdu'l-Bahás in Chicago

31. Oktober – 1. November 1912

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31. Oktober 1912 Ansprache im Hotel Plaza Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Gertrude Buikema In Los Angeles und San Francisco zeigten die Zeitungen, Universitäten und Kirchen großes Interesse an den Lehren Bahá'u'lláhs. Unsere Ansprachen waren lang, die Botschaft der Sache wurde verkündet, Argumente und Beweise wurden vorgebracht. Es gab keinen Widerspruch. Alle hörten die frohe Botschaft mit völliger Zustimmung, und es gab einhelliges Lob, sogar von den Geistlichen. Die Freunde in Los Angeles und San Francisco stehen fest im Bund. Wenn sie auch nur die geringste Verletzung des Bundes durch jemanden bemerken, meiden sie ihn völlig; denn sie wissen, dass ein solcher Mensch daran arbeitet, die vom Licht des Bundes entzündeten Lampen des Glaubens zu löschen und dadurch Schwäche und Gleichgültigkeit in der Sache Gottes zu erzeugen. Beispielsweise machen die Standhaften jemanden mit dem Glauben vertraut. Dann gehen die Bundesbrecher auf ihn zu und flößen ihm Misstrauen ein, bis er gleichgültig wird. Hier in Chicago leben schon seit zwanzig Jahren Bundesbrecher. Was haben sie erreicht? Nichts. Konnten sie jemanden lehren? Konnten sie in Kirchen oder anderswo Zuhörer finden? Konnten sie jemanden für die Sache gewinnen? Sie machen nichts anderes, als die Lampen zu löschen, die wir angezündet haben. Die Freunde in San Francisco stehen außerordentlich fest im Bund. Sie empfangen keine Bundesbrecher in ihren Häusern. Kürzlich ging ein Bundesbrecher in diese Stadt. Die Bahá'í-Freunde schickten ihn weg und sagten: »Du gehörst nicht zu uns; warum versuchst du, dich unter uns zu mischen?« Heute ist das wichtigste Prinzip des Glaubens Standhaftigkeit im Bund, denn Standhaftigkeit im Bund wehrt Streit ab. Darum müsst ihr so standhaft sein wie die Berge. Nach dem Hinscheiden Christi traten viele Leute auf, die zur Bildung von Splittergruppen und Spaltungen beitrugen und hitzige Auseinandersetzungen hervorriefen. Es wurde schwierig, zu entscheiden, wer auf dem rechten Weg war. Einer dieser Unruhestifter war Nestorius, ein Syrer, der behauptete, Christus sei kein Prophet Gottes. Dadurch kam es zur Spaltung und zur Bildung der Sekte der Nestorianer. Die Katholiken erklärten Jesus Christus zum Sohn Gottes und bezeichneten Ihn sogar selbst als Gottheit. Die Protestanten verkündeten den Grundsatz, dass Christus zwei Elemente verkörperte: das Menschliche und das Göttliche. Kurz, in der Religion Gottes kam es zu Spaltungen und es war unklar, welcher Weg der richtige war, weil es keinen ernannten Mittelpunkt gab, an den Christus alle verwies, keinen Nachfolger, dessen Wort als Tor zur Wahrheit diente. Hätte Christus einen Bund mit einer Seele offenbart und allen geboten, sich an ihr Wort und ihre Auslegung zu halten, wäre klar gewesen, welche Überzeugung und welche Aussagen gültig und wahr waren. Da es keinen ernannten Ausleger des Buches Christi gab, erhob jeder den Anspruch auf Autorität und sagte:

»Dies ist der wahre Weg und kein anderer.« Um solche Uneinigkeit zu vermeiden und um zu verhindern, dass jemand eine Spaltung herbeiführt oder eine Sekte gründet, ernannte die Gesegnete Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, eine zentrale Autorität und erklärte sie zum Ausleger des Buches.

Dies bedeutet zugleich, dass die Menschen im Allgemeinen die Bedeutungen des Buches nicht verstehen, aber der Ernannte versteht sie.

Deshalb sagte Bahá'u'lláh:

»Er ist der Ausleger Meines Buches und der Mittelpunkt Meines Testamentes.« In den letzten Versen des Buches sind Anweisungen offenbart, die besagen:

»Nach Mir müsst ihr euch einer speziellen Persönlichkeit zuwenden, und alles, was Sie sagt, ist richtig.« Im Buch des Bundes erklärt Bahá'u'lláh, dass diese beiden Verse sich auf diese Person beziehen.

A21 In all Seinen Büchern und Tafeln hat Bahá'u'lláh diejenigen gelobt, die fest im Bund stehen, und diejenigen getadelt, die es nicht tun.

Er sagte:

»Wahrlich, meidet diejenigen, die im Bund wanken.

Wahrlich, Gott ist der Unterstützer der Standhaften.« In Seinen Gebeten sagt Er:

»O Gott!

Segne diejenigen, die standhaft im Bund sind, und erniedrige diejenigen, die es nicht sind.

O Gott!

Sei der Beschützer dessen, der Ihn beschützt, und unterstütze den, der den Mittelpunkt des Bundes unterstützt.« Viele Äußerungen richten sich gegen die Bundesbrecher, damit in der gesegneten Sache keine Zwietracht aufkommt.

Niemand soll sagen:

»Meine Meinung ist …«.

Alle sollen wissen, wer der maßgebliche Ausleger ist und dass alles, was Er sagt, richtig ist.

Bahá'u'lláh hat keinen Raum für Uneinigkeit gelassen.

Natürlich gibt es einige, die feindlich gesinnt sind, einige, die aus Eigennutz handeln, andere, die an ihren eigenen Vorstellungen festhalten und wieder andere, die Zwietracht in der Sache säen wollen.

Zum Beispiel war Judas Ischariot einer der Jünger, aber er hat Christus verraten.

So etwas geschah in der Vergangenheit, aber an diesem Tag hat die Gesegnete Vollkommenheit verkündet:

»Diese Persönlichkeit ist der Ausleger Meines Buches, und alle müssen sich Ihr zuwenden.« Der Zweck ist, Zwietracht und Streit zwischen Seinen Anhängern abzuwenden.

Trotz dieses Schutzes und dieser Vorkehrung gegen Uneinigkeit gibt es bestimmte Personen hier in Amerika und einige in 'Akká, die gegen dieses ausdrückliche Gebot verstoßen haben.

Seit zwanzig Jahren haben diese Bundesbrecher nichts erreicht.

Haben sie in Chicago irgendetwas erreicht?

Die Freunde hier müssen wie die Freunde in San Francisco sein.

Immer wenn sie die geringste Verletzung durch irgendjemanden spüren, müssen sie sagen:

»Fort mit Dir!

Wir wollen dich nicht in unserer Nähe haben.«

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1. November 1912 Ansprache im Haus von Frau Corinne True 5338 Kenmore Avenue, Chicago, Illinois Aufzeichnungen von Gertrude Buikema Ich freue mich über jeden, der heute Abend hier ist. Ich bin sehr glücklich, die Freunde Gottes und die Dienerinnen des Barmherzigen zu treffen. Preis sei Gott! Die Gesichter strahlen und die Herzen sind hingezogen zum Königreich Abhá. Der Glaube zeigt sich im Gesichtsausdruck aller, und dies ist eine Quelle der Freude. Die Gesegnete Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, ertrug fast fünfzig Jahre lang Härten und Schicksalsschläge. Es gab keine Prüfung und keine Schwierigkeit, die Er nicht erlebte. Dennoch ertrug Er alles in vollkommener Freude und Zufriedenheit. Die ihn sahen, waren Seines großen Glückes gewiss, denn keine Spur von Traurigkeit und Kummer trübte je Sein Antlitz. Selbst im Gefängnis glich Er einem König auf dem Thron der Erhabenheit und Größe, und Er bewahrte stets höchste Zuversicht und Würde. Wenn Ihm Offiziere und hohe Regierungsbeamte vorgestellt wurden, erwiesen sie Ihm sogleich Respekt. Seine Majestät und Würde waren ehrfurchtgebietend. Denkt daran: Er war ein Gefangener – Er war im Gefängnis. Er ertrug Prüfungen und Schicksalsschläge nur zu dem Zweck, uns zu erleuchten, und damit unsere Herzen vom Reiche Gottes angezogen werden und unsere Gesichter durch die frohe Botschaft Gottes erstrahlen; damit wir in den Ozean des Lichtes eintauchen und wie strahlende und leuchtende Kerzen sind, die die dunklen Nischen erhellen und alle Regionen mit Licht durchfluten. Preis sei Gott! Wenn ich mich umschaue, sehe ich, dass eure Gesichter strahlen, eure Herzen von der Liebe Gottes erfüllt sind und ihr an den Dienst in der Sache Gottes denkt. Deshalb bin ich sehr glücklich, hier zu sein, und ich hoffe, dass dieses Glück immer mit euch sein wird – ein ewiger Zustand. Wir besuchten San Francisco und fuhren weiter nach Los Angeles. An diesen Orten trafen wir äußerst ergebene Freunde. Wahrhaft eifrig und vom Feuer der Liebe Gottes entflammt, war ihr einziges Ziel, stets dem Abhá-Königreich zu dienen. Ich hoffe, dass ihr sogar noch ergebener dienen werdet und damit allen anderen Freunden vorangeht. Möge die Flamme der Liebe Gottes in Chicago so entfacht werden, dass alle Städte in Amerika Feuer fangen. Das ist meine Hoffnung. Dass ich zum dritten Mal hier bin, zeigt, wie sehr ich mich danach sehne, euch zu sehen, und wie groß meine Liebe ist. Eigentlich hätte ich von San Francisco aus direkt nach New York und von dort aus in den Orient reisen sollen, aber die übergroße Liebe hat mich dazu bewegt, noch einmal nach Chicago zu kommen, um die Gemeinschaft und die Atmosphäre mit euch zu erleben. Ich hoffe, dass diese drei Besuche in Zukunft zu ergiebigsten Erfolgen führen werden. Möget ihr alle zu Zeichen der Einheit werden; möge jeder ein Banner Bahá'u'lláhs sein, jeder wie ein Stern leuchten, jeder im Reich Gottes kostbar und würdig werden. Möget ihr einen solchen Zustand der Vergeistigung erreichen, dass die Menschen staunend sagen: »Wahrlich, diese Seelen sind selbst Beweise für die Rechtmäßigkeit Bahá'u'lláh, denn durch Seine Lehren wurden sie vollständig neu erschaffen. Diese Seelen sind unvergleichlich; sie sind wahrhaftig das Volk des Königreichs; sie heben sich von den Menschen in ihrer Umgebung ab. Das ist wirklich ein Beweis für Bahá'u'lláh. Seht, wie gebildet und erleuchtet sie sind.« Als diese Sache im Orient erschien, zeigten die Freunde und Anhänger äußerste Selbstaufopferung und gaben alles dafür auf.

Es ist bemerkenswert und wunderbar, dass zwanzigtausend Menschen sich bereitwillig auf den Weg des Martyriums begaben, obwohl das Leben das Kostbarste auf Erden ist.

Kürzlich wurden in Yazd zweihundert Bahá'í-Freunde grausam ermordet.

Sie gingen in völliger Verzückung zum Ort des Martyriums und lächelten ihren Verfolgern voller Freude und Dankbarkeit zu.

Einige der Märtyrer boten ihren Henkern sogar Süßigkeiten an und sagten:

»Kostet davon, damit ihr uns den gesegneten Kelch des Martyriums in Süße und Freude reichen könnt.« Unter diesen geliebten und gerühmten Menschen waren auch Frauen, die auf grausamste Weise hingerichtet wurden.

Einige wurden zerstückelt; ihre Henker, denen dieses Gemetzel nicht reichte, haben andere angezündet, sodass ihre Körper verbrannten.

Kein einziger Bahá'í widersetzte sich diesen schrecklichen Folterungen oder widerrief seinen Glauben.

Sie leisteten keinen Widerstand, obwohl die Bahá'í in dieser Stadt äußerst mutig und stark waren.

Durch körperliche Stärke und Kraft hätte so mancher dieser Bahá'í vielen ihrer Feinde trotzen können, aber sie akzeptierten das Martyrium im Geiste völliger Demut und ohne jeden Widerstand.

Viele von ihnen riefen noch im Sterben laut aus:

»O Herr!

Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wenn sie es wüssten, hätten sie dieses Unrecht nicht begangen.« Im Todeskampf des Martyriums gaben sie ohne zu zögern alles hin, was sie in diesem Leben besaßen. In bestimmten Prophezeiungen heißt es, wenn das Banner Gottes im Osten gehisst wird, werden Seine Zeichen im Westen sichtbar. Das ist wirklich eine gute Nachricht und eine frohe Botschaft für euch. Ich hoffe, dass diese Verheißung sich in euch erfüllt und dass ihr alle in der Lage seid, den Geist und die Wahrheit der prophetischen Ankündigung zu bezeugen und zu sagen: »Wahrlich, das Banner Gottes ist im Osten erschienen, und seine Zeichen erstrahlen im Westen.« Das wird für alle Freunde im Osten, die auf gute Nachrichten und frohe Botschaften aus dem Westen warten, eine Quelle großer Freude sein. Erwartungsvoll harren sie der Nachricht, dass die Freunde im Westen standhaft und entschlossen sind, dass sie sich auszeichnen, indem sie die Einheit der Menschheit verwirklichen, dass sie sogar ihr Leben für die Grundlagen des Weltfriedens hingeben, dass sie zu Leuchten des Königreichs geworden sind und sich als Verkörperungen der göttlichen Gnade erweisen, dass die Freunde im Westen der Ausdruck der Gunst der Gesegneten Vollkommenheit sind, wahre Sterne der Gaben Gottes, gesegnete Bäume und Blumen im Garten Seiner Reinheit und Heiligkeit. Jede gute Nachricht von hier ist ein Grund zum Jubeln für die Freunde im Osten und eine Quelle tiefer Dankbarkeit. Sie veranstalten ein Fest und preisen Gott für die freudigen Nachrichten. Wenn es nötig wäre, würden sie ohne zu zögern ihr Leben für euch hingeben. Die Freunde im Osten sind alle verbunden und einig. Es gibt niemanden im Osten, der schwankt, niemanden, der sich gegen den Bund Gottes erhebt. Es gibt keine einzige Seele unter den Bahá'í in Persien, die sich dem Bund entgegenstellt. Sie sind alle standhaft. Wenn irgendjemand über diese Sache sprechen möchte, werden sie fragen: »Sind dies deine eigenen Worte oder sind sie vom Mittelpunkt des Bundes abgesegnet? Wenn ihr die Bestätigung durch den Mittelpunkt des Bundes habt, legt sie vor. Wo ist Sein Brief? Wo ist Seine Unterschrift?« Wenn er den Brief vorlegt, werden sie ihn annehmen. Wenn er dies nicht kann, sagen sie: »Wir können deine Worte nicht annehmen, weil sie von dir allein ausgehen und zu dir zurückkehren. Wir haben von der Gesegneten Vollkommenheit, Bahá'u'lláh, keine Anweisung, dir zu gehorchen. Er hat ein Buch offenbart, in dem Er einen Bund mit uns geschlossen hat, dass wir dem ernannten Mittelpunkt des Bundes gehorchen. Er hat mit uns keinen Bund geschlossen, dir zu gehorchen. Darum weisen wir deine Aussage zurück. Du musst einen Beweis deiner Vollmacht und Befugnis vorlegen. Uns wurde geboten, uns dem einen Mittelpunkt zuzuwenden. Wir gehorchen nicht verschiedenen Mittelpunkten. Die Gesegnete Vollkommenheit hat mit uns einen Bund geschlossen, und wir halten an diesem Bund und Testament fest. Wir hören auf nichts anderes. Denn es könnten sich Menschen erheben, die ihre eigenen Gedanken verkünden, und wir dürfen ihnen keine Beachtung schenken.« In früheren Offenbarungen war das anders.

Christus zum Beispiel hat keinen Mittelpunkt der Autorität und Auslegung ernannt.

Er sagte zu Seinen Nachfolgern nicht etwa:

»Gehorchet dem, den ich auserwählt habe.« Einmal fragte Er Seine Jünger:

»Wer, sagt ihr, dass ich sei?« Simon Petrus antwortete:

»Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« Christus wollte den Glauben des Petrus festigen und sagte:

»Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen«, was bedeutet, dass der Glaube des Petrus der wahre Glaube war.

Es war eine Bestätigung des Glaubens von Petrus.

Er sagte nicht, dass sich alle Petrus zuwenden sollten.

Er sagte nicht:

»Er ist der Ast, der meiner altehrwürdigen Wurzel entspringt.« Er sagte nicht:

»O Gott!

Segne alle, die Petrus dienen.

O Gott!

Erniedrige diejenigen, die ihm nicht gehorchen.

Meidet den, der den Bund bricht.

O Gott!

Du weißt, dass ich alle liebe, die standhaft im Bund sind.« Dies wurde jedoch in allen Büchern, Schriften und Sendschreiben Bahá'u'lláhs in Bezug auf den in dieser Offenbarung festgelegten Mittelpunkt des Bundes bekundet.

Die Bahá'í-Offenbarung unterscheidet sich von allen anderen Offenbarungen in diesem Punkt:

Die Absicht Bahá'u'lláhs ist, dass niemand sich erheben kann, um Zwietracht und Uneinigkeit zu verursachen.

Nach dem Hinscheiden Christi bildeten sich verschiedene Sekten und Konfessionen, von denen jede behauptete, der wahre Weg des Christentums zu sein.

Allerdings konnte keine von ihnen eine schriftliche Vollmacht von Christus vorlegen, niemand konnte einen Beweis von Ihm erbringen.

Dennoch beriefen sich alle auf Seine Bestätigung und Zustimmung.

Bahá'u'lláh hat mit Seiner eigenen Feder einen Bund und ein Testament geschrieben und erklärt, dass sich alle dem Einen, den Er zum Mittelpunkt des Bundes bestimmt hat, zuwenden und Ihm gehorchen sollen.

Darum danket Gott, dass Bahá'u'lláh den Pfad geebnet hat.

Er hat alles genau erklärt und jedes Tor für den Fortschritt der Seelen geöffnet.

Für niemanden gibt es einen Grund zum Zögern.

Der Zweck des Bundes war schlicht, Uneinigkeit und Zwietracht zu verhindern, damit niemand sagen kann:

»Meine Meinung ist die wahre und rechtmäßige.« Jede vom Mittelpunkt des Bundes geäußerte Ansicht ist richtig, und es gibt für niemanden einen Grund, ungehorsam zu sein. Seid wachsam, denn es könnten Bundesbrecher (›Náqiḍín‹) unter euch sein. Hört nicht auf sie. Lest das Buch des Bundes. Allen wurde der Gehorsam gegenüber dem Bund geboten, und die erste Ermahnung richtet sich an die Söhne Bahá'u'lláhs, die Äste: »Ihr müsst euch dem ernannten Mittelpunkt zuwenden. Er ist der Ausleger des Buches.« Sollte jemand dieses Gebot so eindeutig verletzen und missachten, kann er sich da noch als Bahá'í bezeichnen? Wenn jemand dem ausdrücklichen Gebot Christi nicht gehorcht, kann er dann wahrheitsgemäß behaupten, er sei ein Christ? Abschließend möchte ich sagen, dass ich mit diesem Treffen sehr zufrieden bin. Ich werde für euch beten und um Unterstützung der Gesegneten Vollkommenheit bitten. Preis sei Gott! Ihr müsst dankbar sein, dass Er euch unter den Völkern der Welt auserwählt hat und solch herrliche Gaben, solch grenzenlose Wohltaten und Gnadengaben für euch bestimmte. Ihr dürft nicht auf derzeitige Entwicklungen schauen, denn dies ist nur der Anfang, wie es zur Zeit Christi war. Schon bald werdet ihr unter allen Menschen ausgezeichnet werden. Der göttliche Beistand wird euch in jeder Hinsicht unterstützen, und der Glanz des Königreiches Bahá'u'lláhs wird euer Antlitz erleuchten. Seid aufrichtig dankbar für all diese Segnungen. Ich hoffe, dass ich immer gute Nachrichten von euch erhalte, die zeigen, dass die Freunde in Chicago der Sache Gottes dienen, erfüllt von der Freude, das Wort Gottes zu verkünden, sich für die Verbreitung der Lehren Bahá'u'lláhs einsetzen und der ganzen Menschheit Liebe und Güte erweisen. Das ist meine Hoffnung und Erwartung. Ich bin sicher, dass ihr euch bemühen werdet, dies zu erreichen, damit die Freunde in Persien und ich das Glück über die guten Nachrichten erleben können. Möget ihr für uns eine Quelle der Freude und des Glücks, eine Quelle der Ruhe und der Gelassenheit sein.

Ansprache 'Abdu'l-Bahás in Cincinnati

5. November 1912

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5. November 1912 Ansprache im Grand Hotel Cincinnati, Ohio Nach einer stenografischen Mitschrift Da wir uns in Cincinnati befinden, der Heimat von Präsident Taft, der sich so sehr für den Frieden eingesetzt hat, möchte ich eine Erklärung für die Menschen in Cincinnati und Amerika im Allgemeinen abgeben.

Im Orient hat man mir gesagt, dass in Amerika viele Menschen den Frieden lieben.

Deshalb habe ich meine Heimat verlassen, um hier mit den Bannerträgern der internationalen Versöhnung und Verständigung zusammenzutreffen.

Nachdem ich von Küste zu Küste gereist bin, empfinde ich die Vereinigten Staaten von Amerika als großes und fortschrittliches Land mit einer gerechten und fairen Regierung und einem edlen und unabhängigen Volk.

Ich habe an vielen Zusammenkünften teilgenommen, bei denen über Weltfrieden gesprochen wurde, und freue mich immer sehr über die Ergebnisse solcher Treffen, denn eines der großen Prinzipien der Lehren Bahá'u'lláhs ist es, die Völker der Welt zu vereinen.

Vor fünfzig Jahren offenbarte und lehrte Er dieses Prinzip im Orient.

Er verkündete die internationale Einheit, rief die Religionen der Welt zu Harmonie und Versöhnung auf und stiftete Freundschaft zwischen den Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe, Glaubensrichtungen und Gemeinschaften.

Zu dieser Zeit schrieb Er Sendschreiben an die Könige und Herrscher der Welt und forderte sie auf, sich zu erheben und mit Ihm zusammenzuarbeiten, um diese Prinzipien zu verbreiten.

Er sagte, dass die Stabilität und der Fortschritt der Menschheit nur durch die Einheit der Nationen erreicht werden können.

Durch Seine Bemühungen wurde dieses Prinzip der allumfassenden Harmonie und Eintracht in Persien und anderen Ländern praktisch veranschaulicht.

So gibt es heute in Persien viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion, die den Ermahnungen Bahá'u'lláhs gefolgt sind und in Liebe und Freundschaft miteinander leben, ohne religiöse, patriotische oder rassistische Vorurteile – Muslime, Juden, Christen, Buddhisten, Zoroastrier und viele andere. Amerika hat sich erhoben, die Lehren des Friedens zu verbreiten, die Aufklärung der Menschheit zu fördern und den Menschenkindern Glück und Wohlstand zu bringen. Das sind die Prinzipien und Beweise einer göttlichen Kultur. Amerika ist eine edle Nation, Bannerträger des Friedens in der ganzen Welt, es strahlt Licht in alle Gegenden aus. Andere Nationen sind im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten nicht unbelastet und frei von Intrigen und Verstrickungen; sie sind daher nicht in der Lage, universelle Harmonie zu schaffen. Aber Amerika – gelobt sei Gott – befindet sich in Frieden mit der ganzen Welt und ist würdig, das Banner der internationalen Freundschaft und Einigkeit zu hissen. Sobald dies geschehen ist, wird auch der Rest der Welt dem zustimmen. Alle Nationen werden gemeinsam die Lehren Bahá'u'lláhs annehmen, die Er vor über fünfzig Jahren offenbarte. In Seinen Sendschreiben forderte Er die Parlamente der Welt auf, ihre weisesten und fähigsten Vertreter zu einer internationalen Weltkonferenz zu entsenden, die alle Streitfragen zwischen den Völkern entscheiden und den Weltfrieden herstellen solle. Dies wäre die höchste Berufungsinstanz, und das von Dichtern und Visionären so lang erträumte Menschheitsparlament würde Wirklichkeit. Das Ergebnis wäre viel weitreichender als das Haager Tribunal. Ich bin Präsident Taft sehr dankbar, dass er seinen Einfluss für die Schaffung des Weltfriedens genutzt hat. Was er durch den Abschluss von Verträgen mit verschiedenen Nationen erreicht hat, ist sehr gut, aber wenn wir ein interparlamentarisches Gremium haben, das sich aus Vertretern aller Nationen der Welt zusammensetzt und der Förderung von Eintracht und gutem Willen gewidmet ist, wird der Traum der Weisen und Dichter, das Menschheitsparlament, Wirklichkeit werden.

Ansprachen 'Abdu'l Bahás in Washington, D.C.

6. bis 10. November 1912

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6. November 1912 Ansprache in der Universalist Church Thirteenth and L Streets, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Preis sei Gott!

In diesem Land wird das Banner der Freiheit hochgehalten.

Sie genießen politische Freiheit, Gedanken- und Redefreiheit, religiöse Freiheit, Freiheit ungeachtet der Herkunft und Hautfarbe und persönliche Freiheit.

Das verdient Anerkennung und Dankbarkeit.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Freiheit, die Gastfreundschaft und den herzlichen Empfang erwähnen, die ich auf meinen jüngsten Reisen durch Amerika erfahren habe.

Ich möchte auch die herzliche Begrüßung und die freundliche Haltung des verehrten Herrn Doktor, des Pfarrers dieser Kirche, voll und ganz erwidern; seine liebevolle und aufmerksame Empfänglichkeit verdient besondere Anerkennung.

Gewiss müssen die führenden Denker dem Beispiel seiner Freundlichkeit und seines guten Willens folgen.

Aufgeklärtheit ist in der heutigen Zeit unerlässlich – Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen und Nationen.

Die Grundhaltungen der Menschen dürfen nicht eingeschränkt werden; denn Gott ist unbegrenzt und wer ein Diener an der Schwelle Gottes ist, muss ebenfalls frei von Einschränkungen sein.

Die Welt des Seins geht aus der Barmherzigkeit Gottes hervor.

Gott hat alle Erscheinungsformen des Seins mit Seinem Strahlenglanz der Barmherzigkeit erhellt, und Er ist gütig und freundlich zu Seiner ganzen Schöpfung.

Daher muss die Menschheit immer Empfänger der Gaben Seiner Majestät, des ewigen Herrn, sein, so wie Christus erklärt hat:

»Seid also vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« Denn wie das Licht und die Hitze der Sonne im stofflichen Himmel, so gehen Seine Gaben auf die ganze Menschheit hernieder.

Folglich muss der Mensch die Lektion der Güte und des Wohlwollens von Gott Selbst lernen.

So, wie Gott zu allen Menschen gütig ist, muss auch der Mensch zu seinen Mitgeschöpfen gütig sein.

Wenn seine Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der ganzen Schöpfung gerecht und liebevoll ist, verdient er es, das Ebenbild Gottes genannt zu werden. Es gibt verschiedene Arten von Verbundenheit oder Vereinigung.

Das kann Familienzugehörigkeit sein, die innige Beziehung innerhalb eines Haushalts.

Sie ist begrenzt und Veränderungen und Störungen unterworfen.

Wie oft geschieht es, dass innerhalb einer Familie Liebe und Einvernehmen in Feindseligkeit und Abneigung umschlagen.

Eine andere Form der Verbundenheit zeigt sich im Patriotismus.

Ein Mensch liebt seine Mitmenschen, weil sie das gleiche Vaterland haben.

Auch dies ist begrenzt und unterliegt der Veränderung und der Auflösung, wenn etwa die Söhne desselben Vaterlandes sich im Krieg und auf dem Schlachtfeld blutig bekämpfen.

Eine weitere Art der Verbundenheit ergibt sich aus der gemeinsamen Hautfarbe und Herkunft, die zu gegenseitiger Anziehung und Zusammenschluss führt.

Auch sie ist begrenzt und wandelbar, denn oft gab es Kriege und tödliche Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Völkern gleicher Abstammung.

Es gibt eine vierte Art der Verbundenheit, die Haltung des Menschen zur Menschheit selbst, die selbstlose Liebe zur Menschheit und die Anerkennung einer grundlegenden Verbindung zwischen den Menschen.

Sie ist zwar unbeschränkt, aber auch anfällig für Wandel und Zerstörung.

Selbst diese allumfassende Verbundenheit bringt nicht das gewünschte Ergebnis hervor.

Was ist das gewünschte Ergebnis?

Liebevolle Güte gegenüber allen menschlichen Geschöpfen und eine feste, unzerstörbare Verbundenheit, die alle göttlichen Möglichkeiten und alles Bedeutsame für die Menschheit einschließt.

Es ist also offensichtlich, dass Verbundenheit, Liebe und Güte, die auf Familie, Herkunft, Hautfarbe oder Selbstlosigkeit gegründet sind, weder ausreichen noch von Dauer sind, da sie alle begrenzt, eingeschränkt und anfällig für Veränderungen und Unterbrechungen sind.

Denn in der Familie gibt es Streit und Entfremdung; unter den Angehörigen desselben Vaterlandes gibt es Kampf und vernichtenden Krieg; unter den Menschen einer Hautfarbe gibt es oft Feindschaft und Hass und sogar unter den Selbstlosen lassen Meinungsverschiedenheiten und ein Mangel an selbstloser Hingabe nur wenig Hoffnung auf eine dauerhafte und unzerstörbare Einheit unter den Menschen zu. Deshalb hat der Herr der Menschheit Seine heiligen, göttlichen Manifestationen in die Welt gesandt.

Er hat Seine himmlischen Bücher offenbart, um zwischen den Menschen eine geistige Verbundenheit herzustellen, und hat durch die Macht des Heiligen Geistes ihre vollkommene Vereinigung ermöglicht.

Und wenn durch den Odem des Heiligen Geistes diese vollkommene Vereinigung und Eintracht unter den Menschen hergestellt ist – diese Verbundenheit und Liebe von geistigem Charakter, diese himmlische liebevolle Güte, diese göttlichen Bande –, dann entsteht eine Einheit, die unauflöslich, unveränderlich und unwandelbar ist.

Sie ist immer die Gleiche und bleibt für immer die Gleiche.

Denken wir beispielsweise an das Fundament der Verbundenheit, das Christus gelegt hat.

Schauen Sie, wie diese Vereinigung zu Einheit und Eintracht geführt hat und wie sie unterschiedliche Menschen auf eine Ebene einheitlicher Fortschritte brachte, auf der sie bereit waren, ihr Leben füreinander zu opfern.

Sie waren willens, auf ihren Besitz zu verzichten, und sogar bereit, ihr Leben freudig hinzugeben.

Sie lebten in solcher Liebe und Freundschaft miteinander, dass sogar Galen, der berühmte griechische Philosoph, der kein Christ war, in seinem Werk Der Fortschritt der Nationen sagte, dass religiöser Glaube als Grundlage wahrer Kultur überaus dienlich sei.

Als Beweis führte er an:

»Einige unserer Zeitgenossen sind als Christen bekannt.

Sie zeichnen sich durch den höchsten Grad an moralischer Kultur aus.

Jeder von ihnen ist ein großer Philosoph, weil sie in größter Liebe und Freundschaft zusammenleben.

Sie opfern ihr Leben füreinander.

Sie schenken einander ihre weltlichen Besitztümer.

Von den Christen kann man sagen, sie seien wie eine Person.

Es gibt ein Band zwischen ihnen, das dem Wesen nach unauflöslich ist.« So wird deutlich, dass die Grundlage wahrer Verbundenheit, die Ursache liebevoller Zusammenarbeit und Wechselseitigkeit, die Quelle echter Güte und selbstloser Hingabe nichts anderes ist als der Odem des Heiligen Geistes. Ohne diesen Einfluss und belebenden Geist ist das nicht möglich. Wir können Vereinigung bis zu einem gewissen Grad durch andere Anreize erreichen, aber das sind begrenzte, dem Wandel unterworfene Bündnisse. Wenn sich menschliche Verbundenheit im Heiligen Geist gründet, ist sie ewig, unveränderlich und unbegrenzt. Es gab eine Zeit, in der in verschiedenen Teilen des Orients Verbundenheit, liebevolle Güte und all diese lobenswerten menschlichen Eigenschaften verschwunden zu sein schienen.

Es gab keine Anzeichen von patriotischer, religiöser oder ethnischer Verbundenheit, stattdessen herrschten Fanatismus, Hass und Vorurteile.

Die Anhänger jeglicher Religion waren erbitterte Feinde der jeweils anderen, hasserfüllt und blutrünstig.

Der gegenwärtige Balkankrieg weist Ähnlichkeiten mit jenen Zuständen auf.

Denken wir nur an das Blutvergießen, die Grausamkeit und Unterdrückung, die dort sogar in diesem aufgeklärten Jahrhundert herrschen – alles verursacht durch religiöse Vorurteile und Meinungsverschiedenheiten.

Denn die beteiligten Völker haben die gleiche Hautfarbe und Herkunft; trotzdem sind sie grausam und unbarmherzig gegeneinander.

Ähnlich schlimme Zustände herrschten im neunzehnten Jahrhundert in Persien.

Finsternis und unwissender Fanatismus auf breiter Front, es gab keine Spur von Gemeinschaft oder Verbundenheit unter den Volksgruppen.

Im Gegenteil, die Herzen der Menschen waren von Wut und Hass erfüllt.

Finsternis und Schwermut durchdrangen überall das persönliche Leben und die allgemeinen Lebensumstände der Menschen.

In dieser Zeit erschien Bahá'u'lláh am göttlichen Horizont wie die Herrlichkeit der Sonne, und inmitten dieser undurchdringlichen Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit der Menschenwelt leuchtete ein strahlendes Licht.

Er legte den Grundstein für die Einheit der Menschheit, indem Er erklärte, dass alle Menschen Schafe gleichen, für die Gott der wahre Hirte ist.

Es gibt nur einen Hirten, und alle Völker sind Seine Herde. Es gibt nur eine Menschheit, und Gott ist gleichermaßen gütig zu allen.

Was ist also die Quelle der Lieblosigkeit und des Hasses in der Menschenwelt?

Dieser wahre Hirte liebt alle Seine Schafe.

Er führt sie auf grüne Weiden.

Er hegt und pflegt sie.

Was ist also die Quelle der Feindschaft und Entfremdung unter den Menschen?

Woher stammen Konflikt und Streit?

Die eigentliche Ursache ist die fehlende religiöse Einheit und Verbundenheit, denn in jeder der großen Religionen finden wir Aberglauben, blinde Nachahmung von Glaubensbekenntnissen und theologische Formeln, die anstelle der göttlichen Grundlagen befolgt werden, was zu Meinungsverschiedenheiten und Entfremdung unter den Menschen führt, statt zu Eintracht und Gemeinschaft.

Dies hat zu Zwietracht, Hass und Kriegen geführt, die auf dieser Entfremdung und Trennung beruhen.

Wenn wir die Grundlagen der göttlichen Religionen untersuchen, stellen wir fest, dass sie eins sind, absolut unveränderlich und niemals einem Wandel unterworfen.

So enthält jede der göttlichen Religionen zwei Arten von Gesetzen und Geboten.

Die eine betrifft die ethischen und moralischen Richtlinien.

Das sind die wesentlichen Gebote.

Sie vermitteln und erwecken die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Ihm, die Liebe zur Menschheit, die Tugenden der Menschenwelt, die Merkmale des Gottesreiches, die Wiedergeburt und Auferstehung aus dem Reich der Natur.

Diese Gebote bilden die eine Art des göttlichen Gesetzes, die allen Religionen gemeinsam ist und niemals dem Wandel unterliegt.

Seit Anbruch des adamitischen Zyklus bis zum heutigen Tag hat dieses grundlegende Gesetz Gottes unverändert fortbestanden.

Dies ist die Grundlage der göttlichen Religion. Der zweite Bereich umfasst Gesetze und Richtlinien, die entsprechend den Erfordernissen von Zeit und Ort die menschlichen Bedürfnisse und Lebensumstände regeln.

Diese sind nicht grundlegend, nicht wesentlich und hätten niemals zur Ursache und Quelle menschlicher Streitigkeiten gemacht werden dürfen.

Zur Zeit Moses – Frieden sei mit Ihm – war beispielsweise gemäß den Erfordernissen jener Zeit die Scheidung erlaubt.

Da während des Zyklus Christi die Scheidung nicht mehr zeitgemäß war und nicht mehr den Lebensumständen entsprach, hat Jesus Christus sie abgeschafft.

In Moses Zyklus war Polygamie zulässig.

Aber zur Zeit Christi gab es die Dringlichkeit nicht mehr, die sie rechtfertigte, deshalb wurde sie verboten.

Moses lebte in der Wildnis und Wüste des Sinai; daher waren Seine Verfügungen und Gebote auf diese Lebensumstände abgestimmt.

Die Strafe für Diebstahl war das Abhacken einer Hand.

Eine solche Vorschrift entsprach dem Leben in der Wüste, ist aber mit den heutigen Lebensverhältnissen nicht vereinbar.

Solche Bestimmungen bilden also den zweiten, unwesentlichen Bereich der göttlichen Religionen, und sie sind nicht so wichtig, weil sie zum menschlichen Alltag gehören, der sich je nach Zeit und Ort immer wieder ändert.

Daher sind die wahren Grundlagen der göttlichen Religion eins.

Da dies so ist, warum sollte es dann Feindschaft und Streit zwischen ihnen geben?

Warum sollten Hass und Krieg, Grausamkeit und Blutvergießen andauern?

Ist das annehmbar und gerechtfertigt?

Gott bewahre! Ein wesentlicher Grundsatz der Lehren Bahá'u'lláhs ist, dass die Religion die Ursache von Einheit und Liebe unter den Menschen sein muss; dass sie die höchste Ausstrahlung des Göttlichen ist, der Lebensimpuls, der Quell der Ehre und der Weg zum ewigen Leben. Religion darf weder Feindschaft oder Hass hervorrufen, noch zur Quelle von Tyrannei und Ungerechtigkeit werden. Sollte sie sich als Ursache von Feindschaft, Zwietracht und Entfremdung unter den Menschen erweisen, so wäre es sicherlich vorzuziehen, es gäbe keine Religion. Religiöse Lehren sind wie eine Heilbehandlung, deren Ziel die Gesundung und Genesung der Menschheit ist. Wenn eine Behandlung nur aus einer Diagnose und einer fruchtlosen Diskussion über die Symptome besteht, wäre es besser, sie abzubrechen und aufzugeben. In einem solchen Fall wäre das Nichtvorhandensein der Religion zumindest ein kleiner Fortschritt in Richtung Einheit. Darüber hinaus muss die Religion der Vernunft genügen und mit den Erkenntnissen der Wissenschaft übereinstimmen. Denn Religion, Vernunft und Wissenschaft sind die Wahrheit. Und weil alle drei jeweils die Wahrheit sind, müssen sie übereinstimmen und miteinander in Einklang gebracht werden. Eine Frage oder ein Grundsatz religiöser Natur muss durch die Wissenschaft bestätigt werden. Die Wissenschaft muss die Aussage für stichhaltig erklären, und die Vernunft muss sie bestätigen, damit sie vertrauenswürdig ist. Wenn jedoch eine religiöse Lehre im Widerspruch zu Wissenschaft und Vernunft steht, handelt es sich unbestreitbar um Aberglauben. Der Herr der Menschheit hat uns den Verstand verliehen, mit dem wir die Wirklichkeit der Dinge erkennen können. Mit welchem Recht kann jemand einer Annahme zustimmen, die nicht mit den Methoden der Vernunft und den Prinzipien der Wissenschaft vereinbar ist? Ein solcher Ansatz kann dem Menschen weder Vertrauen noch wahren Glauben vermitteln. Die Lehren Bahá'u'lláh enthalten viele Prinzipien.

Ich gebe hier nur eine Zusammenfassung.

Eines dieser Prinzipien betrifft die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Er erklärte, da alle Menschen nach dem Ebenbild des einen Gottes erschaffen sind, gibt es vor Gott keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Wer das reinste Herz hat, wer mehr weiß und sich durch Güte gegenüber den Dienern Gottes auszeichnet, ist dem Herrn, unserem Schöpfer, am nächsten und am liebsten, unabhängig vom Geschlecht.

In den niederen Reichen, dem Tier- und Pflanzenreich, finden wir Geschlechtsunterschiede in den Funktionen und Strukturen.

Alle Pflanzen, Bäume und Tiere weisen diese schöpfungsbedingte Differenzierung auf, aber innerhalb ihrer Art besteht absolute Gleichheit ohne weitere Unterscheidung nach dem Geschlecht.

Warum sollte der Mensch bei etwas einen Unterschied machen, das bei niederen Geschöpfen keine Rolle spielt?

Insbesondere, wenn wir uns vor Augen halten, dass alle Menschen demselben Königreich und derselben Art entstammen, dass alle die Blätter eines Baumes, die Wellen eines Meeres sind?

Die einzige vernünftige Erklärung ist, dass der Frau nicht die gleichen Bildungschancen wie dem Mann zugestanden wurden.

Hätte sie nämlich die gleichen Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten gehabt wie der Mann, so hätte sie zweifellos den gleichen Rang und das gleiche Niveau erreicht.

Vor Gott gibt es keinen Unterschied.

Beide sind gleich und haben die gleichen Fähigkeiten.

Durch entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten wird die Frau daher die gleichen Vorrechte verdienen und erhalten.

Als Jesus Christus am Kreuz starb, waren die Jünger, die Zeugen Seiner Kreuzigung wurden, bestürzt und erschüttert.

Selbst Petrus, einer der herausragendsten Seiner Jünger, verleugnete Ihn dreimal.

Maria Magdalena rief sie zusammen und stärkte ihren Glauben mit den Worten:

»Warum zweifelt ihr?

Warum fürchtet ihr euch?

O Petrus!

Warum hast du Ihn verleugnet?

Christus starb nicht am Kreuz.

Die Wirklichkeit Christi ist unvergänglich, immerwährend, ewig.

Für diese göttliche Wirklichkeit gibt es weder Anfang noch Ende und deshalb kann es keinen Tod geben.

Allenfalls der Leib Jesu hat den Tod erlitten.« Kurz, diese Frau war das alleinige Werkzeug dafür, dass die Jünger verwandelt und standhaft wurden.

Das ist ein Hinweis auf außergewöhnliche Kräfte und überlegene Eigenschaften, ein Beweis dafür, dass die Frau das Gegenstück und die Ergänzung des Mannes ist.

Wer die bessere Bildung und Erziehung genossen hat, wessen Talente größer und wessen Ideale erhabener sind, ist der Vortrefflichste und Würdigste – egal ob Mann oder Frau. Die Lehren Bahá'u'lláhs verliehen dem Horizont des Ostens Glanz und Herrlichkeit.

Die auf Seine Worte hörten und Seine Botschaft angenommen haben, leben heute in vollendeter Gemeinschaft und Liebe zusammen.

Sie geben sogar ihr Leben füreinander hin.

Sie verzichten füreinander auf ihren irdischen Besitz, und jeder zieht den anderen sich selbst vor.

Dies ist das Ergebnis der Verkündung und Stiftung der Einheit der Menschheit.

Heute gibt es in Persien Zusammenkünfte, bei denen sich Seelen, die von den Lehren Bahá'u'lláhs erleuchtet wurden – ihrer Herkunft nach Muslime, Christen, Juden, Zoroastrier, Buddhisten und die verschiedenen Konfessionen der jeweiligen Religion – in vollkommener Gemeinschaft und Eintracht verbinden und vereinen.

Zwischen ihnen ist eine wunderbare Verbundenheit und Liebe entstanden, und alle sind im Geist und im Dienst für den Weltfrieden vereint.

Mehr als zwanzigtausend Bahá'í haben ihr Leben als Märtyrer für die Sache Gottes hingegeben.

Die Regierungen des Ostens gingen gegen sie vor, um sie zu vernichten.

Sie wurden erbarmungslos umgebracht, aber von Tag zu Tag nahm ihre Zahl zu, von Tag zu Tag wurden sie stärker und beredter.

Sie wurden durch die Wirkkraft einer wunderbaren geistigen Macht gestärkt.

Wie brutal und erschreckend ist die Grausamkeit des Menschen gegen seinen Mitmenschen!

Bedenken Sie, was jetzt auf dem Balkan geschieht und wie viel Blut vergossen wird.

Nicht einmal wilde Bestien und Raubtiere begehen so etwas.

Der wildeste Wolf tötet höchstens ein Schaf pro Tag, und das nur zu seiner Ernährung.

Aber auf dem Balkan bringt jetzt ein Mann zehn Mitmenschen um.

Die Heerführer rühmen sich, zehntausend Menschen getötet zu haben, aber nicht um sich zu ernähren, nein, um die militärische Oberhand zu gewinnen, aus territorialer Gier, um des Ruhmes willen und um den Staub der Erde zu besitzen.

Sie töten, um ihr Staatsgebiet zu vergrößern, obwohl diese Erdkugel nur eine dunkle Welt aus gröbster Materie ist.

Sie ist eine Welt der Sorge und des Kummers, eine Welt der Enttäuschung und des Unglücks, eine Welt des Todes.

Denn die Erde ist nichts als der ewige Friedhof, der riesige, umfassende Totenacker für die ganze Menschheit.

Dennoch kämpfen Männer um diesen Friedhof, kämpfen in Kriegen und Schlachten und bringen sich gegenseitig um.

Welche Dummheit!

Wie groß die Erde doch ist, mit reichlich Platz für alle!

Wie fürsorglich die Vorsehung, die es so eingerichtet hat, dass jeder Mensch seinen Bedarf daraus decken kann!

Der Herr, unser Schöpfer, hat nicht etwa verordnet, dass jemand Hunger leiden oder in Not leben muss.

Alle sollen an den gesegneten und überreichen Gaben unseres Gottes teilhaben.

Im Grunde sind alle Kriege und alles Blutvergießen in der Menschenwelt auf den Mangel an Einheit unter den Religionen zurückzuführen.

Sie haben durch Aberglauben und theologische Dogmen die eine Wahrheit, die ihre gemeinsame Quelle und Grundlage ist, verdunkelt. Was das amerikanische Volk betrifft: Dieses edle Volk, intelligent, nachdenklich und besonnen, wird nicht von Motiven der Staatsgebietsvergrößerung und von Herrschsucht angetrieben. Seine Grenzen sind wie die einer Insel und geografisch von den anderen Nationen getrennt. Hier finden wir übereinstimmende Interessen und Einheit in der nationalen Politik. Es sind in der Tat Vereinigte Staaten. Deshalb besitzt diese Nation die Fähigkeit und Möglichkeit, das Banner des Weltfriedens hochzuhalten. Möge dieses edle Volk die Ursache für die Vereinigung der Menschheit sein. Möge es die himmlische Kultur und Erleuchtung weitertragen, zur Ursache der Verbreitung der Liebe Gottes werden, die Zusammengehörigkeit der Menschheit verkünden und die Ursache der Führung des Menschengeschlechts sein. Deshalb bitte ich darum, dass Sie dieser äußerst wichtigen Angelegenheit Ihre ernsthaftesten Überlegungen und Bemühungen widmen. Möge die Menschheit Frieden und Ruhe finden und diese dunkle Erde in ein Reich des Strahlenglanzes verwandelt werden. Mögen sich Ost und West die Hände reichen. Möge sich die Einheit Gottes in den Herzen der Menschen widerspiegeln und vollständig sichtbar werden, und möge sich die ganze Menschheit als Verkörperung der Gunst Gottes erweisen. Natürlich wird es Menschen mit Fehlern geben, aber es ist unsere Pflicht, es ihnen durch freundliche Unterweisungs- und Lehrmethoden zu ermöglichen, sich zu vervollkommnen. Es wird einige geben, die ethisch krank sind. Sie müssen für eine mögliche Heilung behandelt werden. Andere sind unreif, wie Kinder; sie müssen unterrichtet und erzogen werden, damit sie klug und reif werden mögen. Die Schlafenden müssen erweckt werden, die Gleichgültigen müssen achtsam und aufmerksam werden. Aber all dies muss im Geist der Güte und der Liebe geschehen, nicht durch Streit, Auseinandersetzungen oder in einem Geist der Feindschaft und des Hasses, denn das steht im Gegensatz zum Wohlgefallen Gottes. Das vor Gott Annehmbare ist die Liebe. Liebe ist wahrhaftig die erste Ausstrahlung des Göttlichen und der größte Glanz Gottes. O Du mitleidvoller Gott, Du, der Du freigebig und dazu in der Lage bist! Wir sind Deine Diener im Schutze Deiner Vorsehung. Wirf einen Strahl Deiner Gunst auf uns. Gib unseren Augen Licht, unseren Ohren Gehör, unseren Herzen Verständnis und Liebe. Erfreue und beglücke unsere Seelen durch Deine frohen Botschaften. O Herr! Zeige uns den Pfad Deines Königreiches und belebe uns mit dem Odem des Heiligen Geistes. Schenke uns ewiges Leben und verleihe uns immerwährende Ehre. Vereinige die Menschheit und erleuchte die Menschenwelt. Mögen wir alle Deinem Pfade folgen, uns nach Deinem Wohlgefallen sehnen und nach den Geheimnissen Deines Königreiches trachten. O Gott! Vereinige uns alle und verbinde unsere Herzen mit Deinem unauflöslichen Band. Wahrlich, Du bist der Gebende, Du bist der Gütige und Du bist der Allmächtige.

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7. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Bedenkt die aktuellen Ereignisse auf dem Balkan, wo ein kriegerischer Flächenbrand wütet und so viel Blut vergossen wird. Im Grunde trauert die ganze Menschheit und klagt über das Wiederaufflammen dieser katastrophalen Zustände. Regierungen ändern und wandeln sich. Die Souveränität der orientalischen Nationen wankt und es ist höchst ungewiss, was dabei herauskommt. Deshalb möchte ich mit euch über dieses Thema sprechen. Ich erbitte eure Aufmerksamkeit, insbesondere für diejenigen Aspekte dieses Krieges, die Bahá'u'lláh vor vierzig Jahren ausführlich vorausgesagt hat. Während Seines Exils und Seiner Gefangenschaft im Gefängnis von 'Akká richtete Er einen Brief an den Sulṭán der Türkei. Er sandte auch Sendschreiben an Napoleon III. und an den Sháh von Persien. Alle Seine Briefe an die Könige und Herrscher auf Erden wurden zu einem Buch zusammengefasst, das vor 35 Jahren im indischen Bombay veröffentlicht wurde. Es gab mehrere Auflagen dieses Buches. Ich habe ein Exemplar einer Ausgabe bei mir, die vor zweiundzwanzig Jahren veröffentlicht wurde. 1891 schrieb Professor E. G. Browne von der Universität Cambridge in England ein Buch über seinen Besuch in 'Akká. Später gab es einen zweiten Band, in dem er aus den Sendschreiben Bahá'u'lláhs an die Könige und Herrscher zitierte. Übersetzungen einiger dieser Sendschreiben befinden sich auch in euren Bibliotheken. Wenn ihr sie zur Hand nehmt, könnt ihr die bemerkenswerten Aussagen Bahá'u'lláhs lesen. Ich werde euch aus dem arabischen Text genau die Worte vorlesen, die Bahá'u'lláh in Seinem Brief an den Sulṭán der Türkei geschrieben hat. Sie werden für euch übersetzt, während ich lese. »O König! Du hast begangen, was Muḥammad, den Gesandten Gottes, im erhabenen Paradiese wehklagen ließ. Die Welt hat dich so stolz gemacht, dass du dich abkehrtest von dem Antlitz, durch dessen Glanz die Himmlischen Heerscharen erleuchtet werden. Bald wirst du offenkundigen Verlust erleiden. Du hast dich mit dem persischen Botschafter verschworen, Mir zu schaden, obwohl Ich von der Quelle der Majestät und Größe zu euch kam, mit einer Offenbarung, die die Augen der Gott Nahen tröstet. Bei Gott! Dies ist der Tag, an dem das unsterbliche Feuer aus dem Inneren aller erschaffenen Dinge ruft: ›Der Meistgeliebte der Welten ist gekommen!‹ Und vor einem jeden steht ein Moses, der dem Wort deines Herrn, des Allmächtigen, des Allwissenden, lauscht. … Dachtest du, du könntest das Feuer löschen, das Gott in der Schöpfung entfacht hat? Nein! Bei Ihm, der ewigen Wahrheit, wolltest du es doch erkennen. Es lodert auf durch das, was deine Hände getan, und brennt noch heftiger. Die ganze Erde und all ihre Bewohner wird es umfangen. So erging Gottes Befehl, und die Mächte von Erde und Himmel können ihn nicht vereiteln. Der Tag naht, da das Land des Geheimnisses (Adrianopel) und die angrenzenden Lande vom Wandel erfasst werden.

Sie werden den Händen des Herrschers entgleiten, Aufruhr wird herrschen, Wehklagen wird sich erheben und die Zeichen des Unheils werden allenthalben sichtbar sein.

Verwirrung wird sich ausbreiten ob dessen, was diesen Gefangenen von den Heerscharen der Unterdrückung widerfahren ist.

Die Verhältnisse werden sich ändern; sie werden so schlimm, dass selbst der Sand auf den Hügeln aufstöhnt und die Bäume auf den Bergen Tränen vergießen.

Überall wird Blut fließen.

Dann wirst du das Volk in großer Not sehen. … Stand es in der Macht des Pharao, Gott daran zu hindern, Seine Souveränität auszuüben, als er voll Willkür herrschte und frevelte im Land?

Aus seinem eigenen Haus und gegen seinen Willen brachten wir den hervor, der mit Gott sprach (Moses).

Wir sind mächtig und stark.

Rufe dir ferner ins Gedächtnis, wie Nimrod das Feuer des Unglaubens entfachte, auf dass seine Flamme den Freund Gottes (Abraham) verzehre.

Doch wir erlösten Ihn durch die Macht der Wahrheit und ergriffen Nimrod mit grimmigem Zorn.

Sprich:

Der Unterdrücker (der König von Persien) hat den Geliebten der Welten (den Báb) getötet, um das Licht Gottes unter den Menschen auszulöschen und sie vom Quell des ewigen Lebens fernzuhalten in den Tagen des Herrn, des Mächtigen, des Gütigen.

Wir haben die Sache Gottes auf Erden offenbart und Sein Gedenken unter denen hochgehalten, die an Ihn glauben.

Sprich:

Dieser Jüngling ist erschienen, um die Welt zu beleben und alle, die auf Erden wohnen, zu vereinen.

Was Gott will, wird geschehen, und du wirst sehen, wie die Erde in das herrlichste Paradies verwandelt wird.

So wurde es von der Feder der Offenbarung auf einer erhabenen Tafel niedergeschrieben.« Es gibt viele andere Prophezeiungen in diesem Buch, insbesondere im Sendschreiben an den Sháh von Persien und alle diese Prophezeiungen wurden erfüllt. Sie sind lang und wir haben nicht die Zeit, sie alle zu zitieren. Diese Zitate sollen zeigen, dass Bahá'u'lláhs großartiges Bestreben im Osten darin bestand, die Menschheit zu vereinen, ihre Einigkeit und Versöhnung zu bewirken, dadurch die Einheit der Menschheit zu verwirklichen, den Weg für den Weltfrieden zu bereiten und die Grundlagen für Glück und Wohlstand zu schaffen. Aber die Völker haben nicht auf Seinen Ruf und Seine Botschaft gehört. Die persische und die türkische Regierung haben sich gegen Seine Sache erhoben, und das Ergebnis ist, dass beide Regierungen aufgelöst wurden und zerbrachen. Hätten sie Seine Gebote beachtet und Seine Ermahnungen angenommen, so wären sie in Sicherheit gewesen. Sie hätten sich des Glücks und Wohlstands erfreuen können. Sie wären in Freundschaft und Gemeinschaft miteinander verbunden gewesen, hätten sich die wunderbaren Gaben der Liebe und der Einheit zunutze machen und im herrlichen Paradies des göttlichen Königreiches verweilen können. Doch leider wurden die Gebote und die Führung des Gesegneten missachtet und verworfen. Tag für Tag sind sie ihren eigenen Ideen und Einbildungen gefolgt, bis hin in das rasende Toben des aktuellen Kriegsfeuers.

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7. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen In der Natur sehen wir die Lebewesen in einem unaufhörlichen Kampf ums Überleben. Überall begegnen uns die Anzeichen für das körperliche Überleben der Stärksten. Gerade hier liegt die Quelle des Irrtums und der Fehleinschätzung in den Ansichten und Theorien der Menschen, die nicht erkennen, dass die Natur in ihrem Ursprung und in ihrem Ergebnis an sich unvollkommen ist und dass ihre Mängel durch Erziehung und Bildung beseitigt werden müssen. Nehmen wir etwa den Menschen selbst. Wenn wir die Urvölker Zentralafrikas studieren, die ganz nach den Gesetzen der Natur aufgewachsen sind, werden wir in der Tat feststellen, dass ihnen etwas fehlt. Sie haben keine religiöse Erziehung. Es gibt auch keine Anzeichen für kulturellen Fortschritt. Sie haben sich innerhalb der Grenzen der rohen Natur entwickelt. Sie verhalten sich so blutrünstig, hemmungslos und triebhaft, dass sie sich sogar gegenseitig töten und verspeisen. Die Natur ist ohne Hilfe also unvollkommen, denn auf dieser Ebene findet der Kampf um das körperliche Dasein statt. Wenn wir ein Stück Land in seinem natürlichen Zustand belassen, werden Unkraut, Dornengestrüpp und Dschungelbäume darauf wachsen.

Wenn wir jedoch dasselbe Stück Land kultivieren, wird es sich selbst von natürlichen Unvollkommenheiten befreien und in einen schönen Rosengarten oder einen Obstgarten mit fruchttragenden Bäumen verwandeln.

Das beweist, wie unvollkommen die Natur ist.

Die Gründung von Schulen und die weltweite Einrichtung von Bildungssystemen sollen helfen, die Mängel der Natur durch gute Eigenschaften und Vervollkommnung auszugleichen.

Ohne Mängel gäbe es keinen Bedarf an Bildung, Kultur und Erziehung, aber die Tatsache, dass Kinder notwendigerweise erzogen und ausgebildet werden müssen, beweist, dass die Natur entwickelt werden muss.

Vieles belegt dies eindeutig.

Einer der grundlegenden Beweise ist das Überleben der Stärksten im Reich der Tiere, ihre Unwissenheit, ihre Triebhaftigkeit und ihre ungezügelten Instinkte und Leidenschaften.

In der Welt der Natur bedarf es also eines Erziehers und Lehrers für die Menschheit.

Er muss über allumfassende Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen.

Es gibt zwei Arten von Lehrern: allumfassend befähigte und spezialisierte.

Die allumfassend befähigten Lehrer sind die Propheten Gottes, und die spezialisierten Lehrer sind die Philosophen.

Die Philosophen können einen begrenzten Kreis an Menschenseelen erziehen und ausbilden, wohingegen die heiligen, göttlichen Manifestationen der Menschheit allgemeingültige Bildung zukommen lassen.

Sie erheben sich, um eine allumfassende ethische Bildung zu vermitteln.

Zum Beispiel war Moses ein allumfassender Lehrer.

Er lehrte und bildete das Volk Israel und befähigte es, sich aus dem tiefsten Abgrund der Verzweiflung und Unwissenheit zu befreien.

Er führte es auf eine hohe Stufe des Wissens und des Fortschritts.

Die Menschen waren Gefangene und Sklaven; durch Ihn kamen sie frei.

Er führte sie aus Ägypten ins Heilige Land und öffnete ihnen die Tore für ihren Fortschritt zu einer höheren Zivilisation.

Durch Seine Unterweisung gelang es diesem unterdrückten und geknechteten Volk, diesen Sklaven und Gefangenen der Pharaonen, den Glanz der salomonischen Herrschaft zu entfalten.

Das ist ein Beispiel für einen allumfassenden Lehrer, einen allumfassenden Erzieher.

Und denkt auch an Christus, wie diese wunderbare Verkörperung der Einheit den römischen, griechischen, ägyptischen, syrischen und assyrischen Völkern Bildung und ethische Orientierung vermittelte und sie zu einem dauerhaft und unauflöslich verbundenen Volk verschmolz.

Diese Völker waren zuvor zerstritten und befanden sich in einem Zustand ständiger Feindschaft und Zwietracht.

Er hat sie zusammengeführt, sie in Einklang gebracht, der Menschheit Ruhe verschafft und weltweit die Grundlagen für menschliches Wohlergehen geschaffen.

Deshalb war Er ein wahrer Erzieher, der Lehrer der Wahrheit. Wenn wir die Bedingungen im Osten vor dem Erscheinen des Propheten Arabiens betrachten, so stellen wir fest, dass unter den Bewohnern der gesamten arabischen Halbinsel tiefe geistige Finsternis und völlige Unwissenheit herrschten. Diese Stämme waren ständig in Kriege verwickelt, töteten und vergossen Blut, brandschatzten, plünderten die Häuser anderer und lebten unter Bedingungen äußerster Erniedrigung und Unmoral. Sie waren niedriger und bestialischer als Tiere. In einem solchen Volk ist Muḥammad als Prophet erschienen. Er unterrichtete diese barbarischen Stämme, erhob sie aus ihrer Unwissenheit und Grausamkeit und beendete den ständigen Streit und Hass, der unter ihnen herrschte. Er sorgte für Eintracht und Versöhnung zwischen ihnen, vereinigte sie und lehrte sie, einander wie Brüder zu betrachten. Durch Seine Anleitung kam es zu rascher Verbesserung ihres Ansehens und ihrer Kultur. Zuvor waren sie unwissend; sie wurden weise. Sie waren barbarisch; sie entwickelten sich zu einer verfeinerten und kultivierten Gesellschaft. Sie waren heruntergekommen und verroht; Er hat sie aufgerichtet und erhoben. Sie wurden gedemütigt und verachtet; Ihre Zivilisation und ihr Ansehen verbreiteten sich in der ganzen Welt. Das ist der schlüssige Beweis dafür, dass Muḥammad ein Erzieher und Lehrer war. Im neunzehnten Jahrhundert herrschten unter den Menschen des Orients Feindschaft und Streit.

Apathie und Unwissenheit kennzeichneten die Völker.

Ihr Leben war wirklich trostlos und düster, gottvergessen und den niederen menschlichen Trieben und Leidenschaften verfallen.

Der Kampf ums Dasein war heftig und allgegenwärtig.

In dieser Zeit erschien Bahá'u'lláh unter ihnen wie ein Licht des Himmels.

Er flutete den Osten mit Licht.

Er verkündete neue Grundsätze und Lehren.

Er legte den Grundstein für neue Institutionen, die den Geist der Moderne, das Licht der Welt, die Entwicklung des Staatswesens und ewige Ehre in sich bergen.

Die Menschen im Orient, die auf diese Lehren hörten, sagten sich sofort vom Geist des Streites und der Feindseligkeit los und begannen, in Wohlwollen und Freundschaft miteinander zu verkehren.

Von den Extremen der Feindseligkeit aus gelangten sie zum Gipfel der Liebe und Brüderlichkeit.

Sie waren in Krieg und Streit verwickelt gewesen, aber nun wurden sie liebevoll und lebten in völliger Einheit und Eintracht zusammen.

Heute findet man bei ihnen keine religiösen, politischen oder patriotischen Vorurteile.

Sie sind freundlich, liebevoll und begegnen einander in größter Glückseligkeit.

Sie haben keinen Anteil an den Kriegen und Streitereien, die heute im Osten stattfinden.

Ihre Haltung gegenüber allen Menschen ist eine Haltung des Wohlwollens und der liebenden Güte.

Ein Banner des Weltfriedens wurde unter ihnen entrollt.

Das Licht der Führung hat ihre Seelen durchdrungen.

Es ist Licht über Licht, Liebe über Liebe.

Dies ist das Ergebnis der Erziehung und Schulung durch Bahá'u'lláh.

Er hat die Menschen zu dieser Stufe geführt und ihnen Lehren gegeben, die ewige Erleuchtung sicherstellen.

Jeder, der Seine Lehren gut kennt, wird sagen:

»Wahrlich, ich erkläre, dass diese Worte die Grundlage für die Erleuchtung der Menschheit sind, dass dies die ewige Ehre ist, dass dies himmlische Gebote sind und die Ursache für das ewige Leben der Menschen.«

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8. November 1912 Ansprache in der Synagoge Eighth-Street-Temple Washington, D. C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Es gibt nur einen Gott, es gibt nur einen Strahlenglanz Gottes, und alle Menschen sind die Diener dieses einen Gottes. Gott ist gütig zu allen. Er ist der Schöpfer aller, Er sorgt für alle, und alle stehen unter Seiner Fürsorge und Seinem Schutz. Die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, scheint auf die ganze Menschheit. Aus der göttlichen Wolke fällt der kostbare Regen. Die sanften Frühlingsbrisen Seiner Gnade wehen, und die ganze Menschheit ist eingetaucht in das Meer Seiner ewigen Gerechtigkeit und liebevollen Güte. Gott hat die Menschen aus dem gleichen Stamm erschaffen, damit sie sich in Freundschaft zusammenschließen, einander Liebe erweisen und in Einheit und Brüderlichkeit zusammenleben. Aber wir haben gegen Gottes Willen und Wohlgefallen gehandelt. Wir haben Feindschaft und Zwietracht gesät. Wir haben uns entzweit und uns in Konflikten und Streit gegeneinander erhoben. Wie viele Kriege hat es zwischen den Völkern und Nationen gegeben! Wie viel Blut ist vergossen worden! Unzählige Städte und Häuser wurden verwüstet. All dies widerspricht dem Wohlgefallen Gottes, denn Er wünscht Liebe für die Menschheit. Er ist nachsichtig und barmherzig mit allen Seinen Geschöpfen. Er hat für die Menschen Freundschaft und Einvernehmlichkeit bestimmt. Am bedauerlichsten sind jedoch die Unterschiede und Gegensätze, die wir im Namen der Religion untereinander geschaffen haben, weil wir uns einbilden, die Hauptpflicht unseres religiösen Handelns bestehe darin, uns voneinander zu distanzieren und zu entfremden, einander zu meiden und die anderen als irregeleitet und ungläubig anzusehen. In Wirklichkeit ist die Grundlage der göttlichen Religionen eine und dieselbe. Die Unterschiede, die zwischen uns aufgetaucht sind, haben ihre Ursache in der blinden Nachahmung dogmatischer Glaubenssätze und im Festhalten an überlieferten Formen des Gottesdienstes. Abraham legte den Grundstein für die Wahrheit. Moses, Christus und Muḥammad waren Verkörperungen der Wahrheit. Bahá'u'lláh war die Herrlichkeit der Wahrheit. Das ist nicht nur eine Behauptung; es soll bewiesen werden. Ich bitte Sie um größte Aufmerksamkeit für dieses Thema.

In den göttlichen Religionen gibt es zwei Arten von Verordnungen.

Erstens solche, die aus den grundlegenden, also den geistigen Lehren des Wortes Gottes bestehen.

Dies sind der Glaube an Gott, die Aneignung der Tugenden, die das vollkommene Menschsein kennzeichnen, lobenswerte Ethik, der Erwerb der Gaben und Segnungen, die dem göttlichen Strahlenglanz entspringen – kurz, die Gebote, die Moral und Ethik betreffen.

Dies ist der grundlegende Aspekt der Religion Gottes, und dies ist von höchster Bedeutung, denn die Erkenntnis Gottes ist die Grundanforderung an den Menschen.

Der Mensch muss die Einheit des Göttlichen begreifen.

Er muss die Gebote Gottes erkennen, sie anerkennen und mit innerer Gewissheit verstehen, dass die ethische Entwicklung der Menschheit von der Religion abhängt.

Er muss sich von allen Mängeln befreien und nach himmlischen Tugenden streben, damit er sich als Ebenbild Gottes erweist.

In der Bibel heißt es:

»Und Gott sprach:

Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Offensichtlich bezieht sich das erwähnte Ebenbild nicht auf Form und Gestalt des Menschen, denn die Wirklichkeit des Göttlichen ist nicht durch irgendeine Form oder Gestalt begrenzt.

Nein, es geht vielmehr um die Eigenschaften und Merkmale Gottes.

So, wie Gott gerecht genannt wird, muss auch der Mensch gerecht sein.

Weil Gott liebevoll und gütig zu allen Menschen ist, muss auch der Mensch allen Menschen liebevolle Güte erweisen.

Weil Gott getreu und wahrhaftig ist, muss der Mensch die gleichen Eigenschaften in der Menschenwelt zum Ausdruck bringen.

Weil Gott barmherzig zu allen ist, muss auch der Mensch eine Verkörperung der Barmherzigkeit sein.

Kurz gesagt:

Das Ebenbild Gottes bezieht sich auf die göttlichen Tugenden, und der Mensch ist dazu bestimmt, der Empfänger des Strahlenglanzes göttlicher Eigenschaften zu werden.

Dies ist die wesentliche Grundlage aller göttlichen Religionen, die Wahrheit selbst, die allen gemeinsam ist.

Abraham hat es verkündet.

Moses verbreitete es.

Christus und alle Propheten vertraten diese Grundsätze und Merkmale göttlicher Religion. Zweitens gibt es Gesetze und Verfügungen, die zeitgebunden und nicht wesentlich sind.

Sie betreffen zwischenmenschliche Handlungen und Beziehungen.

Sie sind nebensächlich und ändern sich je nach den Erfordernissen von Zeit und Ort.

Diese Verfügungen sind weder dauerhaft noch grundlegend.

So war es beispielsweise zur Zeit Noahs zweckdienlich, dass Meeresfrüchte als erlaubt angesehen wurden; deshalb befahl Gott Noah, von allen Meerestieren zu essen.

Zu Moses Zeiten war dies für die Existenz Israels nicht erforderlich; deshalb wurde ein zweites Gebot offenbart, womit das Gesetz bezüglich der Meeresfrüchte teilweise aufgehoben wurde.

Zu Abrahams Zeit – Frieden sei mit Ihm – galt Kamelmilch ebenso wie Kamelfleisch als erlaubte und annehmbare Speise; aber zu Zeiten Jakobs wurde dies wegen eines Gelübdes, das Er abgelegt hatte, verboten.

Diese Gesetze sind nicht wesentlich und zeitgebunden.

In der Heiligen Bibel gibt es bestimmte Gebote, die für jene vergangenen Zeiten genau den Zeitgeist und das Licht jener Epoche darstellten.

So wurde etwa nach dem Gesetz der Thora einem Mann, der eine gewisse Summe gestohlen hatte, die Hand abgehackt.

Ist es heute durchführbar und vernünftig, einem Mann für den Diebstahl eines Dollars die Hand abzuhacken?

In der Thora gibt es zehn Gesetze in Bezug auf Mord.

Könnten diese heute angewandt werden?

Sicher nicht!

Die Zeiten haben sich geändert.

Nach dem ausdrücklichen Wortlaut der Bibel muss ein Mann, der das Sabbatgebot missachtet oder bricht oder am Sabbat ein Feuer anzündet, mit dem Tod bestraft werden.

Heute sind solche Gesetze aufgehoben.

Die Thora erklärt, dass ein Mensch zum Tode verurteilt werden sollte, wenn er respektlos mit seinem Vater spricht.

Ist das heute noch durchsetzbar?

Nein, die Lebensumstände der Menschen haben sich geändert.

Auch zur Zeit Christi wurden einige weniger wichtige Verfügungen durchgesetzt, die der damaligen Zeit entsprachen. Es wurde also schlüssig dargelegt, dass die Grundlage der Religion Gottes dauerhaft und unveränderlich bleibt. Diese festgelegte Grundlage sichert den Fortschritt und die Stabilität des Staates und die Erleuchtung der Menschheit. Sie ist seit jeher die Quelle der Liebe und Gerechtigkeit zwischen den Menschen. Sie dient wahrer Gemeinschaft und der Vereinigung aller Menschen, denn sie verändert sich nie und wird nie ersetzt. Die nebensächlichen oder unwesentlichen Gesetze, die soziale Belange und das tägliche Leben regeln, sind veränderbar und können aufgehoben werden. Ich frage: Wozu gibt es das Prophetentum? Wozu hat Gott die Propheten gesandt? Offensichtlich sind die Propheten die Erzieher und Lehrer der Menschheit. Sie kommen, um den Menschen universelle Erziehung zu schenken, sie zu unterrichten, um die Menschheit aus den Abgründen der Verzweiflung und Trostlosigkeit zu erheben und um den Menschen zu befähigen, den Gipfel des Fortschritts und des Ruhmes zu erreichen. Die Völker befinden sich in der Finsternis; die Propheten führen sie in das Reich des Lichtes. Sie leben in größter Unvollkommenheit; die Propheten verleihen ihnen Vollkommenheit. Die Sendung der Propheten hat kein anderes Ziel als die Erziehung und Unterweisung der Menschen. Deshalb müssen wir aufmerksam sein und nach dem Menschen Ausschau halten, der diese Fähigkeit besitzt. Mit anderen Worten, die Seele, die sich als Erzieher der Menschen und Lehrer der Menschheit erweist, ist zweifellos der Prophet Seiner Epoche. Betrachten wir zum Beispiel die Ereignisse zu Moses Zeit – Frieden sei mit Ihm!

Er wohnte zu einer Zeit in Midian, als die Kinder Israels in Ägypten in Gefangenschaft und Knechtschaft lebten und schwerer Tyrannei und Unterdrückung ausgesetzt waren.

Sie waren unwissende Analphabeten und mussten grausame Qualen durchleben.

Sie waren so hilflos und schwach, dass ein damaliges Sprichwort besagte, ein Ägypter könne zehn Israeliten überwältigen.

Zu einer solchen Zeit und unter solch unerträglichen Umständen erschien Moses und erstrahlte in himmlischem Glanz.

Er rettete Israel aus der Knechtschaft des Pharao und erlöste es aus der Gefangenschaft.

Er führte das Volk aus dem Lande Ägypten hinaus in das Heilige Land.

Sie waren verstreut und gebrochen; Er hat sie geeint und erzogen, ihnen den Segen der Weisheit und der Erkenntnis verliehen.

Sie waren Sklaven; Er machte sie zu Fürsten.

Sie waren unwissend; Er macht sie zu Gelehrten.

Sie waren unvollkommen; Er verhalf ihnen zur Vervollkommnung.

Mit einem Wort, Er führte sie aus ihrer Hoffnungslosigkeit heraus auf die Ebene der Zuversicht und des Mutes.

Sie wurden überall in der antiken Welt berühmt, bis sie schließlich auf dem Höhepunkt und im Glanz ihrer neuen Kultur zur Herrlichkeit der salomonischen Herrschaft gelangten.

Durch Moses Führung und Erziehung wurden diese Sklaven und Gefangenen vorherrschend unter den Völkern.

Sie waren nicht nur für ihre körperliche und militärische Überlegenheit berühmt, vielmehr verbreitete sich ihr Ruf auf allen Ebenen von Kunst, Literatur und Kultur.

Sogar die berühmten Philosophen Griechenlands reisten nach Jerusalem, um bei den israelitischen Weisen zu studieren, und erhielten von ihnen zahlreiche Lektionen in Philosophie und Weisheit.

Unter diesen Philosophen war auch der berühmte Sokrates.

Er besuchte das Heilige Land und studierte bei den Propheten Israels, eignete sich die Grundsätze ihrer philosophischen Lehre an und erlangte Kenntnisse in ihren fortgeschrittenen Künsten und Wissenschaften.

Nach seiner Rückkehr nach Griechenland entwickelte er ein Konzept, das als die Einheit Gottes bekannt ist.

Das griechische Volk erhob sich gegen ihn, und schließlich wurde er in Gegenwart des Königs vergiftet.

Hippokrates und viele andere griechische Philosophen saßen zu Füßen der gelehrten israelitischen Doktoren und verinnerlichten deren Darlegungen der Weisheit und inneren Wahrheit. Da Moses die Israeliten durch den Einfluss Seiner großen Sendung aus tiefer Entwürdigung und Erniedrigung befreite, sie zu Ansehen und Ruhm führte, und sie erzog und unterrichtete, sollten wir ein gerechtes Urteil über einen so wunderbaren Lehrer fällen. Denn dieses große Werk hat Er ganz allein vollbracht. Hätte Er ohne die Billigung und den Beistand einer himmlischen Macht einen solchen Wandel bewirken und solche Lebensbedingungen für diese Menschen herbeiführen können? Hätte Er ohne heiligen und göttlichen Beistand ein ganzes Volk aus der Erniedrigung zum Ruhm führen können? Nichts anderes als eine göttliche Macht hätte dies vollbringen können. Darin liegt der Beweis des Prophetentums, denn die Aufgabe eines Propheten ist die Erziehung des Menschengeschlechts, so wie diese Persönlichkeit sie vollführt hat, was Ihn als einen mächtigen Propheten unter den Propheten und Sein Buch als das wahre Buch Gottes ausweist. Das ist ein vernünftiger, direkter und vollkommener Beweis. Kurzum, Moses – Frieden sei mit Ihm – führte das Gesetz Gottes ein, läuterte die Sitten des Volkes Israel und spornte es zu edleren und höheren Leistungen an.

Aber nach Moses Hinscheiden und nachdem der Ruhm der salomonischen Ära vergangen war, erlebte das Volk unter der Herrschaft Jerobeams einen großen Wandel.

Der hohe ethische Standard und die geistige Vollkommenheit schwanden dahin.

Die Zustände und Sitten wurden korrumpiert, die Religion wurde entwürdigt, und die vollkommenen Grundlagen des mosaischen Gesetzes wurden durch Aberglauben und Vielgötterei unkenntlich.

Krieg und Streit entbrannten zwischen den Stämmen, und ihre Einheit war zerstört.

Die Anhänger Jerobeams sahen ihn als rechtmäßigen und gültigen Nachfolger des Königs, und die Anhänger Rehabeams erhoben den gleichen Anspruch.

Schließlich wurden die Stämme durch Feindschaft und Hass auseinandergerissen, der Ruhm Israels wurde verfinstert, und der Niedergang war so vollständig, dass in der Stadt Tyrus ein goldenes Kalb zur Anbetung aufgestellt wurde.

Daraufhin sandte Gott den Propheten Elias, der das Volk erlöste, das Gesetz Gottes erneuerte und ein Zeitalter neuen Lebens für Israel einleitete.

Später in der Geschichte kam es zu einem weiteren Wechsel und Wandel, als auf diese Einheit und Solidarität eine erneute Zersplitterung der Stämme erfolgte.

Der babylonische König Nebukadnezar fiel ins Heilige Land ein und führte siebzigtausend Israeliten als Gefangene nach Chaldäa, wo diese unglücklichen Menschen die größten Rückschläge, Heimsuchungen und Leiden erdulden mussten.

Daraufhin reformierten die Propheten Gottes das Gesetz Gottes und setzten es wieder ein, und aus ihrer Demütigung heraus befolgten die Menschen es erneut.

Das führte zu ihrer Befreiung und auf Anweisung des persischen Königs Kyros erfolgte eine Rückkehr in die Heilige Stadt.

Jerusalem und der Tempel Salomons wurden wieder aufgebaut und Israels Ruhm wurde wiederhergestellt.

Dies währte nur eine kurze Zeit.

Sitten und Moral des Volkes verfielen und die Zustände erreichten ein extremes Ausmaß, bis der römische Feldherr Titus Jerusalem eroberte und es dem Erdboden gleichmachte.

Plünderungen und Eroberungen vollendeten die Verzweiflung.

Palästina wurde zur Wüste und Wildnis, und die Juden flohen aus dem Heiligen Land ihrer Vorfahren.

Die Ursache für diesen Zerfall und diese Auflösung bestand darin, dass Israel sich von der Grundlage des Gesetzes Gottes, wie Moses es offenbart hatte, abgewandt hatte, namentlich vom Erwerb göttlicher Tugenden, von Ethik, Liebe, der Entwicklung von Künsten und Wissenschaften und vom Geist der Einheit der Menschheit. Ich möchte nun, dass Sie einige Tatsachen und Feststellungen prüfen, die der Überlegung wert sind. Mein Ziel und meine Absicht dabei sind, religiöse Feindschaft und Hass, die die Menschen gefesselt haben, aus ihren Herzen zu entfernen, und alle Religionen zur Eintracht und Einheit zu führen. Da diese Feindschaft, dieser Hass, dieser Fanatismus und diese Unduldsamkeit durch Missverständnisse entstanden sind, wird die Wahrheit religiöser Einheit zum Vorschein kommen, sobald diese Missverständnisse ausgeräumt sind. Denn die Grundlage aller göttlichen Religionen ist nur eine einzige. Dies ist die Einheit der Offenbarung oder der Lehre. Aber leider haben wir uns von dieser Grundlage abgewandt und halten hartnäckig an verschiedenen Dogmen und blinder Nachahmung überlieferter Glaubenssätze fest. Das ist die wahre Ursache für Feindschaft, Hass und Blutvergießen in der Welt, der Grund für Abneigung und Entfremdung zwischen den Menschen. Deshalb wünsche ich, dass Sie in Ihrem Urteil über die folgenden Feststellungen sehr fair und gerecht sind. In der Zeit, in der das Volk Israel von den erwähnten Zuständen bedrängt und geplagt wurde, erschien Jesus Christus dort.

Jesus von Nazareth war Jude.

Er war nur auf sich gestellt und ohne Unterstützung, allein und einzigartig.

Er hatte keinen Helfer.

Die Juden beschuldigten Ihn sofort, Moses Feind zu sein.

Sie erklärten, Er sei der Zerstörer der mosaischen Gesetze und Gebote.

Lassen Sie uns die vorliegenden Fakten untersuchen, prüfen wir die Wahrheit und die Wirklichkeit, um zu einer richtigen Ansicht und Schlussfolgerung zu gelangen.

Um uns zu dieser Frage eine gerechte Meinung zu bilden, müssen wir alles, was wir wissen, beiseitelegen und unabhängig nachforschen.

Diese Persönlichkeit, Jesus Christus, erklärte, Moses sei der Prophet Gottes gewesen, und bezeichnete alle Propheten Israels als von Gott gesandt.

Er verkündete, die Thora sei das wahre Buch Gottes, und forderte alle auf, sich an ihre Gebote zu halten und ihren Lehren zu folgen.

Es ist eine historische Tatsache, dass die Könige Israels fünfzehnhundert Jahre lang unfähig waren, die Religion des Judentums zu verbreiten.

Ja, während dieses Zeitraums war das Wissen um Moses Namen und Geschichte auf die Grenzen Palästinas beschränkt, und die Thora war nur in diesem Land als Buch bekannt.

Aber durch Christus, durch den Segen des Neuen Testaments Jesu Christi, wurde das Alte Testament, die Thora, in sechshundert verschiedene Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet.

Erst durch das Christentum gelangte die Thora nach Persien.

Vor dieser Zeit gab es in diesem Land keine Kenntnis von einem solchen Buch, aber Christus bewirkte seine Verbreitung und Annahme.

Durch Ihn wurde Moses Name geadelt und verehrt.

Durch Ihn wurden die Namen und die Größe der israelitischen Propheten bekannt, und Er bewies der Welt, dass die Israeliten das Volk Gottes waren.

Welcher der Könige Israels hätte dies erreichen können?

Hätte die Bibel, die Thora, ohne Jesus Christus Amerika erreicht?

Wäre Moses Name in der ganzen Welt verbreitet worden?

Betrachten Sie die Geschichte.

Jeder weiß, dass mit der Ausbreitung des Christentums zugleich das Wissen um das Judentum und die Thora verbreitet wurde.

In ganz Persien gab es keine einzige Ausgabe des Alten Testaments, bis die Religion Jesu Christi dafür sorgte, dass es überall erschien, sodass heute die Bibel in jenem Land ein Alltagsgegenstand ist.

Es ist also offensichtlich, dass Christus Moses Freund war, dass Er Moses liebte und an Ihn glaubte; sonst hätte Er Seinen Namen und Seine Prophetenschaft nicht erwähnt.

Das ist selbsterklärend.

Deshalb sollten Christen und Juden die größte Liebe füreinander hegen, denn die Stifter dieser beiden großen Religionen waren sich bezüglich des Buches und der Lehre vollkommen einig.

Ihre Anhänger sollten es auch sein. Wir haben bereits die stichhaltigen Beweise für Prophetenschaft genannt.

Wir sehen, dass die eigentlichen Beweise für Moses Rechtmäßigkeit von Christus bezeugt und wiederholt wurden.

Auch Christus war eine einzigartige Persönlichkeit, israelitischer Abstammung.

Durch die Macht Seines Wortes konnte Er die Menschen der römischen, griechischen, mesopotamischen, ägyptischen und assyrischen Völker vereinen.

Sie waren grausam, blutrünstig und feindselig gewesen, hatten einander getötet, ausgeplündert und gefangen genommen; aber Er schmiedete sie in einem vollkommenen Bund der Einheit und Liebe zusammen.

Er sorgte für Eintracht und Versöhnung zwischen ihnen.

Diese mächtigen Auswirkungen waren das Ergebnis der Manifestation einer einzigen Seele.

Das beweist schlüssig, dass Christus von Gott unterstützt wurde.

Heute bekennen und glauben alle Christen, dass Moses ein Prophet Gottes war.

Sie erklären, dass Sein Buch das Buch Gottes war, dass die Propheten Israels echt und rechtmäßig waren und dass das Volk Israel das Volk Gottes bildete.

Welcher Schaden ist dadurch entstanden?

Welcher Schaden könnte entstehen, wenn die Juden erklären, dass Jesus auch eine Manifestation des Wortes Gottes gewesen ist?

Haben die Christen durch ihren Glauben an Moses gelitten?

Haben sie irgendeinen Verlust an religiöser Begeisterung erlitten oder eine Schwäche in ihrem religiösen Glauben gezeigt, indem sie erklärten, Moses sei ein Prophet Gottes gewesen, die Thora sei ein Buch Gottes und alle Propheten Israels seien Propheten Gottes?

Es ist offensichtlich, dass daraus kein Verlust entsteht.

Und jetzt ist es an der Zeit, dass die Juden erklären, dass Christus das Wort Gottes war, und dann wird diese Feindschaft zwischen zwei großen Religionen verschwinden.

Diese Feindschaft und diese religiösen Vorurteile haben zweitausend Jahre lang angehalten.

Blut wurde vergossen, Qualen wurden ertragen.

Diese wenigen Worte werden die Schwierigkeit lösen und zwei große Religionen vereinen.

Welcher Schaden kann entstehen, wenn auch die Juden des Namens Christi gedenken, Ihn zum Wort Gottes erklären und als einen der erwählten Gesandten Gottes ansehen, so wie die Christen den Namen Moses verherrlichen und preisen? Einige Worte zum Qur'án und den Muslimen:

Als Muḥammad erschien, sprach Er von Moses als dem großen Mann Gottes.

Im Qur'án bezieht Er sich an sieben verschiedenen Stellen auf die Worte Moses, erklärt Ihn zum Propheten und Besitzer eines Buches, als Stifter des Gesetzes und als Geist Gottes.

Er sagte:

»Jeder, der an Ihn glaubt, ist vor Gott annehmbar, und jeder, der Ihn oder irgendeinen der Propheten verwirft, wird von Gott verworfen.« Abschließend spricht Er sogar Seine eigenen Verwandten an und sagt:

»Warum habt ihr Moses verworfen und nicht an Ihn geglaubt?

Warum habt ihr die Thora nicht anerkannt?

Warum habt ihr nicht an die jüdischen Propheten geglaubt?« In einer bestimmten Sure des Qur'án erwähnt Er die Namen von achtundzwanzig Propheten Israels und lobt und preist sie alle.

In solch hohem Maß hat Er die Propheten und die Religion Israels anerkannt und gelobt.

Es geht um Folgendes:

Muḥammad pries und verherrlichte Moses und erklärte das Judentum für rechtmäßig.

Er verkündete, dass jeder, der Moses verleugnet, unrein ist, und selbst wenn er bereue, werde seine Reue nicht angenommen.

Er nannte Seine eigenen Angehörigen ungläubig und unrein, weil sie die Propheten verleugnet hatten.

Er sagte:

»Weil ihr nicht an Christus geglaubt habt, weil ihr nicht an Moses geglaubt habt, weil ihr nicht an die Evangelien geglaubt habt, seid ihr Ungläubige und unrein.« Auf diese Weise pries Muḥammad die Thora, Moses, Christus und die Propheten der Vergangenheit.

Er erschien bei den Arabern, die ein ungebildetes, barbarisches und blutrünstiges Nomadenvolk waren.

Er führte und unterrichtete sie, bis sie einen hohen Entwicklungsstand erreichten.

Durch Seine Erziehung und Schulung erhoben sie sich aus den Niederungen der Unwissenheit zu den Höhen des Wissens und wurden zu Meistern der Gelehrsamkeit und Philosophie.

Wir sehen also, dass die Beweise, die für den einen Propheten gelten, gleichermaßen auf einen anderen anwendbar sind. Die Schlussfolgerung lautet: Da die Propheten selbst, die Stifter, einander liebten, priesen und füreinander Zeugnis ablegten, warum nur sollten wir unterschiedlicher Meinung sein und uns voneinander entfremden? Es gibt nur einen Gott. Er ist der Hirte aller. Wir sind Seine Schafe und sollten daher in Liebe und Einheit miteinander leben. Wir sollten einander im Geiste der Gerechtigkeit und des Entgegenkommens begegnen. Werden wir das tun, oder werden wir einander verurteilen und verfluchen, nur uns selbst preisen und alle anderen verdammen? Was kann aus einer solchen Haltung und solchem Handeln an Gutem erwachsen? Im Gegenteil, nichts als Feindschaft und Hass, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit können daraus entstehen. War das in der Vergangenheit nicht die Hauptursache für Blutvergießen, Elend und Drangsal? Preis sei Gott! Sie leben in einem Land der Freiheit. Sie sind mit Gelehrten gesegnet, Menschen, die in vergleichenden Religionsstudien bewandert sind. Sie erkennen die Notwendigkeit der Einheit und wissen um die große Not, die durch Vorurteile und Aberglauben entsteht. Ich frage Sie: Sind Gemeinschaft und Freundschaft in Gesellschaft und Gemeinde nicht der Feindschaft und dem Hass vorzuziehen? Die Antwort ist selbsterklärend. Liebe und Gemeinschaft sind absolut notwendig, um das Wohlgefallen Gottes – das Ziel aller menschlichen Bemühungen – zu gewinnen. Wir müssen vereint sein. Wir müssen einander lieben. Wir müssen einander immer lobpreisen. Wir müssen alle Völker würdigen und so die Zwietracht und den Hass beseitigen, die die Menschen einander entfremdet haben. Sonst werden die Zustände der Vergangenheit fortdauern, wir werden uns selbst preisen und die anderen verdammen; die Religionskriege werden kein Ende nehmen, und die religiösen Vorurteile, Hauptursache der Zerstörung und Trübsal, werden zunehmen. Das muss aufhören, und der Weg dorthin ist die Erforschung der Wahrheit, die allen Religionen zugrunde liegt. Diese grundlegende Wahrheit ist die Liebe zur Menschheit. Denn es gibt nur einen Gott und eine Menschheit, und das einzige Bekenntnis der Propheten ist Liebe und Einheit.

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9. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Die Ansprache, die ich gestern Abend in der Synagoge gehalten habe, hat offensichtlich einige Leute verwirrt, darunter auch den verehrten Rabbi, der mich heute Nachmittag darauf angesprochen hat. Gemeinsam sind wir das Thema noch einmal durchgegangen, und ich wiederhole das jetzt zu eurem Nutzen. Gestern Abend war es nicht möglich, dem Rabbi das Thema vollständig zu erklären, da er unter großem Zeitdruck stand, aber heute war genügend Zeit, um die Aussagen noch einmal im Detail zu betrachten. Ich wünsche mir, dass ihr sie gut versteht und im Gedächtnis behaltet, damit ihr mit den Juden ins Gespräch kommt und ihnen auf diese Weise Wegweiser sein könnt. Die Quintessenz unseres Themas war folgende: Worin besteht die Aufgabe eines Propheten und der Zweck eines göttlichen Gesetzes? Die Antwort darauf lautete: Zweifelsfrei ist der Zweck eines göttlichen Gebotes die Erziehung der Menschen, die Unterweisung der Menschheit. Die Menschen können als Schüler oder Kinder betrachtet werden, die eines göttlichen Erziehers bedürfen, eines echten Lehrers. Die wesentliche Voraussetzung und Befähigung für das Prophetentum ist die Unterweisung und Führung der Menschen. Deshalb werden wir zunächst die Wirksamkeit der Lehren derer untersuchen, denen als anerkannte Propheten Gottes gefolgt wird. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Haben sie die Menschen gelehrt? Haben sie sich als wirklich gute Lehrer erwiesen? Unter ihnen war Moses. Wir können feststellen, dass Er während der Gefangenschaft der Kinder Israels ihr Anführer war. Sie befanden sich in einem Zustand äußerster Erniedrigung, Unwissenheit und Achtlosigkeit und lebten in Ägypten unter erbärmlichen Lebensbedingungen, die schlimmer waren als der Tod. Stellt euch ein unwissendes Volk vor, heruntergekommen und unterdrückt, gedankenlos, achtlos und geistig eingeschränkt, das man wie Sklaven behandelt. Moses Aufgabe war es, sie zu befreien und zu unterrichten. Er führte sie, brachte sie heraus aus der Knechtschaft ins Heilige Land, erweckte sie aus ihrer Unwissenheit und Verzweiflung, schulte sie so, dass sie aus Erniedrigung und Abhängigkeit zu Ehre und Bedeutung aufstiegen, und befähigte sie, eine hohe Stufe der Vervollkommnung zu erreichen. Sie wurden in Wissenschaften und Künsten bewandert, erreichten eine hohe Stufe der Zivilisation und wurden von anderen Völkern geehrt und geachtet, obwohl sie zuvor unbedeutend waren und verachtet wurden. Sie waren unwissend, sie erlangten Bildung und schließlich kam jene Zeit der Überlegenheit und Macht, die zum Kennzeichen der salomonischen Herrschaft wurde. Ihr Name verbreitete sich weit in der ganzen Welt und sie wurden für ihre besonderen Fähigkeiten geschätzt. Sogar die Philosophen Griechenlands reisten nach Palästina, um aus den Quellen ihrer Weisheit zu trinken und sich zu Füßen ihrer Weisen zu setzen. All diese Fakten beweisen, dass Moses ein Prophet und Lehrer war. Nun zu Christus: Er war ein einzelner, einzigartiger und bescheidener Mensch, der zu einer Zeit erschien, als das israelitische Volk von den Höhen der Herrlichkeit in den niedrigsten Zustand der Knechtschaft und Verachtung gefallen war, tyrannisiert vom Römischen Reich, unter dem Joch der Demütigung lebend, unwissend und achtlos gegenüber Gott. Die historischen Aufzeichnungen der Heiligen Bücher bestätigen diese Aussagen. Christus, diese einzeln dastehende und einzigartige Persönlichkeit, erschien bei diesen verachteten und erniedrigten Menschen und repräsentierte die Kraft des Göttlichen und die Macht des Heiligen Geistes. Er vereinte die verschiedenen Völker und Nationen der Welt, brachte sie in Gemeinschaft und Einigkeit zusammen und versammelte sie unter dem schützenden Schirm des einen Wortes. Sein Ansehen und Sein Ruhm verbreiteten sich nicht nur unter den Kindern Israels, die damals eine kleine Volksgruppe bildeten; Seine geistige Kraft durchdrang und vereinte auch große, einflussreiche, kriegerische und verfeindete Nationen, wie die Römer und Griechen, die Ägypter, Chaldäer, Syrer und Assyrer. Er beendete ihre Feindseligkeit, kurierte ihren Hass, machte sie zu einem geeinten Volk und ließ durch Sein Wort die größte Liebe zwischen ihnen erwachsen, sodass sie in den Bereichen der Bildung und menschlichen Vervollkommnung unermessliche Fortschritte machten und dadurch unvergänglichen Ruhm erlangten. Die Juden waren in alle Richtungen zerstreut und vertrieben worden. Diese einzelne und einzigartige Persönlichkeit eroberte die ganze damals bekannte Welt und stiftete immerwährende Unabhängigkeit, ein wahrhaft mächtiges Volk. Ein solches Ergebnis erwies Ihn als einen herausragenden Mann, als den führenden Erzieher Seiner Zeit, den bedeutendsten Lehrer Seiner Epoche. Welcher Beweis könnte gewichtiger sein? Was wäre überzeugender als dieser Beleg, dass ein einzelner Mensch so viele Nationen und Völker wiederbelebte, so viele Stämme und Sekten vereinigte, so viele Kriege und Hassgefühle beseitigte? Zweifellos kann eine solche Leistung nur durch die Macht Gottes vollbracht werden und nicht durch bloße menschliche Anstrengung, die gar nicht in der Lage ist, solche gewaltigen Erfolge hervorzubringen. Als Christus erschien, erklärten die Juden Ihn zu Moses Feind. Die damaligen Pharisäer erklärten Ihn zum Zerstörer des mosaischen Gesetzes und der Grundsätze der Thora. Sie verkündeten, Er werde dem Volk Israel großes Unglück bringen, betrachteten Ihn als Übertreter des geheiligten Sabbats und als Zerstörer des Tempels Salomons. Deshalb wandten sie sich von Ihm ab. Lasst uns das untersuchen und herausfinden, ob diese Anschuldigungen wahr oder falsch waren. Wir werden sehen, dass Christus in Wirklichkeit Moses Namen und Ansehen weithin verbreitet hat. Durch Seine Anstrengungen und Seine Lehren wurde Moses Buch, die Bibel, überall bekannt. 1500 Jahre lang gab es nur eine einzige Übersetzung des Alten Testaments, der Thora, eine Übersetzung aus dem Hebräischen ins Griechische. Aber durch Christi Botschaft und Lehren wurde das Alte Testament in sechshundert Sprachen übersetzt und in der ganzen Welt verbreitet. Keiner der Könige und Propheten Israels war in der Lage, die Lehren des Judentums und Moses Namen über die Grenzen Palästinas hinaus bekannt zu machen, während das Judentum durch Christus zu einer festgegründeten Religion in Asien, Afrika, Europa und der ganzen Welt wurde. Durch die Botschaft Christi wurde Moses überall als Prophet Gottes und Sein Buch als das Buch Gottes verkündet. Sollen wir diese Persönlichkeit als Moses Feind oder Freund betrachten? Es bedarf der Gerechtigkeit; wir müssen in dieser Sache ein gerechtes Urteil fällen.

Wäre Christus ein Feind gewesen, hätte Er nicht zugelassen, dass Moses Name und Lehren sich weltweit verbreiteten.

Er hätte das Gesetz und die Grundsätze der Thora nicht verkündet.

Hätte irgendjemand in Amerika von Moses gesprochen?

Hätte auch nur der Name des Judentums diesen Teil der Welt auf irgendeinem anderen Weg erreicht?

Zweifellos ist es dem segensreichen Einfluss des Christentums zu verdanken, dass das Judentum in dieser westlichen Welt Fuß fassen konnte.

Moses hatte keinen besseren Freund und Fürsprecher als Christus.

Überlegt, wie die Unkundigen unter den Israeliten diese Tatsachen verbergen und an dem Irrglauben festhalten, dass Christus ein Feind von Moses war.

Alle Christen glauben an Moses.

Sie erklären, dass Er ein Mann Gottes war, das Sprachrohr und der Prophet Gottes, dass Sein Buch das Buch Gottes war, dass das Volk Israel das Volk Gottes war und dass alle Propheten Israels echt und rechtmäßig waren.

Bezüglich Moses Religion drücken sie ihr uneingeschränktes Lob, ihre aufrichtige Anerkennung und ihre grenzenlose Liebe aus.

Welcher Schaden entsteht dadurch?

Und wenn die Juden sagen würden, Christus sei auch das Wort Gottes, der Geist Gottes, welchen Schaden könnte diese Aussage anrichten?

Schon diese wenigen Worte würden Christen und Juden versöhnen.

Die Christen nehmen Moses und Sein Buch an.

Welchen Schaden erlitten sie aufgrund dieses Glaubens?

Haben sie dadurch etwas verloren? Nach all diesen Fragen antwortete der Rabbi hierauf: »Nein«. Dann ging es weiter:

Welchen Schaden könnte es anrichten, wenn die Juden eine ähnliche Haltung gegenüber dem Christentum einnähmen und erklärten, dass Christus das Wort Gottes und das Evangelium das Buch Gottes ist?

Eine solche Haltung würde die Feindschaft vieler Jahrhunderte beenden.

Wenn wir erklären, dass Moses der Prophet Gottes und Sein Buch das Gesetz Gottes ist, schadet das unserem religiösen Standpunkt?

Überhaupt nicht.

Außerdem ist jede Nation stolz auf ihre großen Männer und Helden, auch wenn diese großen Persönlichkeiten Atheisten oder Agnostiker waren.

Heute wird Napoleon Bonaparte in Frankreich mit den Worten verherrlicht:

»Er war ein französisches Militärgenie«, obwohl er in Wirklichkeit ein Tyrann war.

Sie sagen:

»Voltaire war einer von uns«, obwohl Voltaire Atheist war.

»Rousseau war ein großer Mann dieser Nation«, obwohl Rousseau Atheist war.

Frankreich ist stolz auf diese großen Männer.

Es werden Feste zu ihrem Gedenken gefeiert, ihre Namen werden an besonderen Tagen geehrt, ihr Andenken wird an bekannten Orten gewürdigt und es gibt Musik und Feiern zu ihren Ehren.

Die Nation ist stolz auf sie.

Und haltet ihr diese großen Männer Frankreichs jetzt für größer als Jesus von Nazareth?

Natürlich sind sie im Vergleich zu Jesus Christus wie nichts.

Denkt an die Größe und Majestät Jesu im Vergleich zu diesen gerade erwähnten Männern.

Betrachtet Ihn vom Standpunkt des Ruhms und des Ansehens.

Was ist die Stufe Christi und was ist ihre Stufe?

Wie kann man sie vergleichen?

In Wahrheit ist Christus unvergleichlich.

Welchen Schaden könnte es anrichten, zu sagen, dass Jesus von Nazareth ein großer Mann israelitischer Abstammung war und dass wir Ihn deshalb lieben?

Dass wir der Welt tatsächlich einen großen Mann gegeben haben?

Dass diese mächtige Persönlichkeit, Deren Wort sich in der ganzen Welt verbreitet hat, die Orient und Okzident erobert hat, ein Israelit war?

Solltet ihr nicht stolz auf Ihn sein?

Wenn ihr das Andenken Christi rühmt und ehrt, dann könnt ihr sicher sein, dass die Christen euch die Hand in wahrer Freundschaft reichen werden.

Alle Schwierigkeiten, alles Zögern und alle Zurückhaltung werden verschwinden.

Denkt an die Schwierigkeiten und Verfolgungen, die ihr in Russland wegen eurer fanatischen Ungläubigkeit erleidet.

Und glaubt nicht, dies sei beendet. Diese Demütigung wird ewig andauern. Es kann eine Zeit kommen, da man sich in Europa selbst gegen die Juden erheben wird. Aber eure Erklärung, dass Christus das Wort Gottes war, wird all diese Schwierigkeiten beenden. Um in der Welt geehrt, beschützt und sicher zu werden, und damit die Christen das israelitische Volk lieben und schützen mögen, rate ich euch, bereitwillig euren Glauben an Christus, das Wort Gottes, zu verkünden. Diese Aussage genügt vollständig. Mehr ist nicht nötig. Sind es nicht gedankenlose, unwissende Vorurteile, die euch davon abhalten? Erklärt, dass in Ihm das Wort Gottes wahrhaftig erfüllt wurde, und alles wird in Ordnung sein. Der Rabbi sagte nachdenklich: »Ich glaube, dass das, was Sie gesagt haben, vollkommen wahr ist, aber ich muss Sie um eine Sache bitten. Würden Sie bitte den Christen sagen, dass sie uns ein wenig mehr lieben sollen?« Die Antwort darauf war: »Wir haben es ihnen gesagt und werden es weiterhin tun.«

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9. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Jede Zusammensetzung unterliegt notwendigerweise der Zerstörung oder dem Zerfall. Zum Beispiel ist diese Blume aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt. Ihr Zerfall ist unvermeidlich. Wenn diese zusammengesetzte Form zerfällt – mit anderen Worten, wenn sich die Elemente voneinander trennen und auflösen –, dann nennen wir das den Tod der Blume. Denn da sie aus einzelnen Elementen besteht, aus einer Anordnung vieler Atome, unterliegt sie dem Zerfall. Das macht die Sterblichkeit der Blume aus. Ebenso ist der menschliche Körper aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt. Diese Zusammensetzung der Elemente wurde zum Leben erweckt. Wenn diese Elemente sich auflösen, erlischt das Leben, und das ist der Tod. Das Dasein bedeutet auf den verschiedenen Ebenen in den jeweiligen Reichen Zusammensetzung; das Nichtsein oder der Tod ist Zersetzung. Aber das innere und wahre Wesen des Menschen ist nicht aus Elementen zusammengesetzt und kann daher nicht zerfallen. Es besteht nicht aus zusammengesetzten Elementen, die dem Zerfall oder dem Tod unterliegen. Ein wirklich grundlegendes wissenschaftliches Prinzip ist, dass ein Element selbst niemals stirbt und nicht zerstört werden kann, weil es singulär und nicht zusammengesetzt ist. Es kann also nicht zerfallen. Ein weiterer Beweis für die Unzerstörbarkeit des menschlichen Wesens ist, dass es von den Veränderungen des stofflichen Körpers nicht betroffen wird. Die Veränderungen der körperlichen Zusammensetzung sind eindeutig und fortlaufend. Mal ist der Körper gesund, mal krank. Mal ist er schwach, mal stark. Er erleidet Verletzungen, eine Hand kann amputiert werden, Gliedmaßen können brechen, ein Auge kann zerstört werden, ein Ohr kann taub werden oder irgendein Organ kann Schaden nehmen, aber diese Veränderungen haben keinen Einfluss auf den Geist des Menschen, auf seine Seele. Ob der Körper dick oder dünn, schwach oder stark ist – Geist und Seele bleiben davon unberührt. Wenn ein Teil des körperlichen Organismus zerstört würde, selbst wenn er völlig zerstückelt würde, funktioniert die Seele weiter und zeigt, dass keine Veränderung des Körpers ihre Funktion beeinträchtigt. Wir haben gesehen, dass Tod und Sterblichkeit gleichbedeutend sind mit Wandel und Zerfall. Da die Seele von dieser Veränderung und Auflösung des Körpers nicht betroffen ist, ist damit bewiesen, dass sie unsterblich ist; denn das, was veränderlich ist, ist nebensächlich und vergeht. Außerdem ist diese unsterbliche menschliche Seele mit zwei Arten der Wahrnehmung ausgestattet: Die eine erfolgt durch Hilfsmittel, die andere ist davon unabhängig. So sieht die Seele mithilfe des Auges, hört mit dem Ohr, riecht mit der Nase und ergreift etwas mit den Händen. Das ist das Handeln und Wirken der Seele mit Hilfsmitteln. Aber in der Traumwelt sieht die Seele mit geschlossenen Augen. Der Mensch ist scheinbar tot, er liegt da wie tot. Die Ohren hören nicht, aber er hört. Der Körper liegt dort, aber die Seele reist, sieht und beobachtet. Alle Körperteile sind inaktiv, alle Funktionen scheinbar nutzlos. Dennoch findet eine unmittelbare und lebhafte Wahrnehmung durch die Seele statt. Man erlebt Heiterkeit. Die Seele reist, nimmt wahr, fühlt. Es kommt oft vor, dass jemand im Wachzustand ein Problem nicht lösen kann, aber wenn er schlafen geht, findet er die Lösung im Traum. Wie oft ist es vorgekommen, dass er wie in einem prophetischen Traum von der Zukunft geträumt hat, und die vorausgesehenen Ereignisse haben sich dann tatsächlich ereignet. Wir lernen also, dass die Unsterblichkeit der Seele oder des Geistes nicht durch die sogenannte Unsterblichkeit des Körpers ermöglicht wird oder von ihr abhängt, denn der Körper kann im Ruhezustand, während des Schlafes, wie tot, ohne Bewusstsein und gefühllos sein, während die Seele oder der Geist Wahrnehmungen, Empfindungen, Bewegungen und Entdeckungen besitzt. Sogar Eingebung und Offenbarung werden auf diese Weise erlangt. Wie viele Propheten hatten in diesem Zustand wunderbare Zukunftsvisionen! Der Geist oder die menschliche Seele ist der Reiter und der Körper ist nur das Pferd. Wenn dem Pferd etwas zustößt, trifft es nicht den Reiter. Der Geist kann mit dem Licht in einer Laterne verglichen werden. Der Körper ist einfach die äußere Laterne. Wenn die Laterne zerbricht, ist das Licht dasselbe, denn das Licht kann auch ohne die Laterne leuchten. Der Geist kann seine Belange auch ohne den Körper regeln. In der Traumwelt ist er genauso wie dieses Licht ohne das Laternenglas. Es kann auch ohne Glas leuchten. Die Seele des Menschen kann mit diesem Körper ihre Aufgaben erfüllen, und ohne den Körper kann sie ebenfalls die Kontrolle behalten. Wenn sich also der Körper auflöst, ist der Geist von diesem Wechsel und Wandel nicht betroffen. Es ist eine einleuchtende Tatsache, dass der Körper den Prozess des Verstehens und des Denkens nicht selbst vollzieht.

Er ist nur das Mittel zur Wahrnehmung gröbster Sinneseindrücke.

Der menschliche Körper ist rein tierischer Natur und spürt wie das Tier nur gröbere Empfindungen.

Ihm fehlt jegliche Vorstellungs- oder Verstandeskraft, jegliches Denkvermögen.

Das Tier nimmt wahr, was sein Auge sieht, und beurteilt, was das Ohr hört.

Entsprechend seiner tierischen Sinne riecht es mit der Nase und schmeckt mit der Zunge.

Außerhalb seiner Sinneswahrnehmungen begreift es nichts.

Das Tier ist auf seine Gefühle und Empfindungen beschränkt, ein Gefangener der Sinne.

Zu den höheren, darüber hinausgehenden Denkprozessen kann das Tier nicht vordringen.

Zum Beispiel kann sich das Tier die Erde, auf der es steht, nicht als kugelförmiges Objekt vorstellen, denn das setzt bewusstes Denken voraus.

Das ist keine Frage der Sinneswahrnehmung.

Ein Tier in Europa hätte die Entdeckung Amerikas nicht voraussehen und planen können, wie Kolumbus es getan hat.

Es hätte nicht die Weltkarte nehmen, die verschiedenen Kontinente betrachten und sagen können:

»Dies ist die östliche Hemisphäre.

Es muss noch eine andere geben, die westliche Hemisphäre.« Kein Tier könnte diese Dinge wissen, weil sie Verstandeskräfte voraussetzen.

Das Tier kann nicht erkennen, dass die Sonne feststeht und die Erde sie umkreist.

Nur die vernunftgeleitete Analyse kann zu diesem Schluss kommen.

Für das äußere Auge bewegt sich die Sonne auf einer Kreisbahn.

Es nimmt fälschlich an, dass die Sterne und die Planeten sich um die Erde drehen.

Aber die Vernunft erkennt ihre Umlaufbahn, weiß, dass die Erde sich dreht und die anderen Himmelskörper sich nicht bewegen, weiß, dass die Sonne der Mittelpunkt des Sonnensystems ist und immer an diesem Ort bleibt, und beweist, dass die Erde es ist, die sich um sie herum bewegt.

Solche Schlussfolgerungen beruhen ausschließlich auf dem Verstand und nicht auf den Sinnen. Wir wissen also, dass es im menschlichen Organismus ein Denkzentrum gibt, eine geistige Kraft, die die Wirklichkeit der Dinge entdeckt. Diese Kraft kann die Geheimnisse der Erscheinungen aufdecken. Sie kann begreifen, was begreifbar ist, nicht nur das mit den Sinnen Wahrnehmbare. Sie bringt alle Erfindungen hervor. Denn diese waren alle Naturgeheimnisse. Es gab eine Zeit, da war die Elektrizität ein Naturgeheimnis, aber die in allen Menschen angelegte gemeinsame Wirklichkeit entdeckte dieses Naturgeheimnis, diese zuvor verborgene Kraft. Nachdem der Mensch sie entdeckte, hat er sie auf die Ebene des Sichtbaren gebracht. Alle Wissenschaften, die wir heute nutzen, sind Früchte dieser wundersamen Wirklichkeit. Doch das Tier ist von ihrer Nutzung ausgeschlossen. Die Künste, die uns heute erfreuen, sind Ausdruck dieser einzigartigen Wirklichkeit. Dem Tier fehlen sie, weil diese Bewusstseinskräfte nur dem menschlichen Geist zu eigen sind. Alle diese Dinge entspringen den vollendeten geistigen Fähigkeiten, mit denen die Wirklichkeit verstanden wird. Das Tier ist davon ausgeschlossen. Solche Hinweise belegen schlüssig, dass der Mensch zwei Wirklichkeiten in sich vereint: eine, die mit den Sinnen verbunden ist, die er mit den Tieren gemeinsam hat, und eine andere, die bewusster und geistiger Natur ist. Letztere ist die allen gemeinsame Wirklichkeit, die Geheimnisse enthüllt. Zweifellos kann das, was die Wirklichkeit der Dinge entdeckt, nicht aus den Elementarstoffen bestehen. Es unterscheidet sich von ihnen. Denn die Eigenschaften, die den Zusammensetzungen innewohnen und sich auf mit den Sinnen wahrnehmbare Dinge beziehen, sind Sterblichkeit und Zerfall. Aber die den Menschen gemeinsame Wirklichkeit ist nicht der Zusammensetzung und dem Zerfall unterworfen und entdeckt die Dinge. Sie ist also wahr, ewig und muss weder Wechsel noch Wandel durchleben. Es gibt noch viele andere Beweise zu diesem wichtigen Thema, aber ich möchte mit den Worten Jesu Christi schließen: »Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist«, und das ist im Reich Gottes annehmbar. Das bedeutet: Wie bei der ersten Geburt, durch die der Fötus aus dem Mutterleib in die Lebenswelt des Menschenreiches hineingeboren wird, so muss der Geist des Menschen aus dem Mutterleib der Natur, aus der niederen Natur herausgeboren werden, damit er die großen Dinge des Gottesreiches begreifen kann. Er muss aus Mutter Erde herausgeboren werden, um das ewige Leben zu finden. Und diese gemeinsame Wirklichkeit, dieser Geist des Menschen, der aus der Welt der Natur herausgeboren wird und die Attribute Gottes besitzt, wird immerdar im ewigen Reich weiterleben.

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9. November 1912 Ansprache beim Bahá'í-Bankett Rauscher's Hall, Washington, D. C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ich freue mich sehr, heute Abend an diesem Festmahl teilnehmen zu können, denn – Preis sei Gott – vor mir sind strahlende Gesichter, Ohren, die auf die Melodien der himmlischen Heerscharen eingestimmt sind, Herzen, die vom Feuer der Liebe Gottes entflammt sind, Gemüter, die durch die frohe Botschaft Gottes erquickt werden, Seelen, die unter der beschirmenden Macht des Abhá-Reiches Schutz finden. Ich sehe hier Seelen versammelt, die zu den Erwählten gehören, nicht zu den vielen Berufenen. A22 Und es ist meine Hoffnung, dass Bahá'u'lláh euch durch Seine Gnade weiterhin zu Seinem Reich hinzieht und euch in eurem Dienst für die Einheit und Verbundenheit der Menschheit siegreich macht und triumphieren lässt. Möge Er allen beistehen, die entschlossen sind, die Einheit der Bewohner dieser Erde zu verwirklichen. Möget ihr alle meine Partner und Gefährten im Dienst werden. O Herr! Bestätige diese Versammlung und stehe ihr bei. Bestätige diese Seelen durch den Odem Deines Heiligen Geistes. Erleuchte ihre Augen durch die Schau dieser Lichterfülle und erfreue ihre Ohren mit den Hymnen Deines Rufes zum Dienst. O Gott! Wahrlich, wir sind hier versammelt im Duft Deiner Liebe. Deinem Reiche wenden wir uns zu. Wir suchen nichts außer Dir und wünschen nur Dein Wohlgefallen. O Gott! Lass diese Speise Dein himmlisches Manna sein und diese Versammlung zur Schar Deiner höchsten Diener werden. Mögen sie zu Lebensspendern der Liebe zur Menschheit und Quellen der Erleuchtung für das Menschengeschlecht werden. Mögen sie Werkzeuge Deiner Führung auf Erden sein. Wahrlich, Du bist der Gewaltige, Du bist der Schenkende, Du bist der Vergebende und der Allmächtige. Weltweit gibt es viele Festessen, Zusammenkünfte und Treffen, aber diese Versammlungen haben kommerzielle, politische, erzieherische oder soziale Ziele und Motive.

Versammlungen werden einberufen, um Finanzpläne durchzusetzen oder die Künste und Wissenschaften zu fördern.

Andere haben versucht, Agrarindustrien zu gründen oder Gebietsabsprachen zu treffen.

Unzählige Versammlungen wurden zur Beratung über Lern- und Bildungsthemen abgehalten.

Alle diese Zusammenkünfte haben den Fortschritt der Zivilisation zum Ziel.

Aber – Preis sei Gott! – dieses Festmahl und diese Zusammenkunft dienen keinem anderen Zweck als dem der Liebe, der Verkündigung des Reiches Gottes, der Offenbarung der unvergleichlichen Zeichen, der Widerspiegelung des Glanzes des Reiches Gottes, der Verbindung der Herzen, dem Dienst für die Menschheit, der Verbreitung menschenfreundlicher und uneigennütziger Wahrheiten, der Förderung und Unterstützung des internationalen Friedens und der Erleuchtung der ganzen Welt.

Deshalb ist eine solche Versammlung ohnegleichen und beispiellos, denn andere Versammlungen werden zu einem begrenzten Zweck und aus persönlichen Gründen abgehalten, diese Versammlung aber findet einzig und allein für Gott statt, um Seiner Liebe willen und um Seine Absicht umzusetzen.

Sie dient der Liebe zwischen den Menschenherzen und der Einheit der Menschenwelt.

Wir sollten daher Gott danken, denn Er hat uns dabei unterstützt, an der Freude dieser Veranstaltung teilzuhaben.

Er hat uns zu Dienern der Menschheit bestimmt, zu Fürsprechern des Friedens und der Einheit unter den Religionen, zu Verkündern universeller Eintracht zwischen Menschen aller Hautfarben und Herkunft und zu Begründern der göttlichen Aussöhnung aller Völker. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass dieses Treffen durch die Gunst Gottes dazu beiträgt, den Tag einzuläuten, an dem das Banner der Einheit der Menschheit in Amerika gehisst wird.

Möge es die erste wirkliche Grundlage des Weltfriedens bilden, die den umfassenden Dienst für die Menschen zum Ziel hat.

Möge es göttliche Nächstenliebe vermitteln, ohne Unterscheidungen oder Abgrenzungen zwischen den Menschen.

Möget ihr alle Religionen als Wege Gottes und alle Völker als Kanäle der göttlichen Offenbarung betrachten.

Möget ihr die Menschheit als die Schafherde Gottes ansehen und dessen gewiss sein, dass Er der wahre Hirte ist.

Schaut, wie dieser gütige und sanfte Hirte sich um Seine ganze Herde kümmert, wie Er sie auf grüne Auen und an stille Wasser führt.

Wie gut Er sie beschützt!

Wahrlich, dieser Hirte sieht keinerlei Unterschied zwischen ihnen, Er ist zu allen Schafen gleichermaßen freundlich.

Deshalb müssen wir Gottes Vorbild folgen und uns um das Wohl der ganzen Menschheit bemühen.

Mögen wir mit Herz und Seele danach streben, die Religionen der Erde zu versöhnen, Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe zu vereinen und den Nationen zu einem vollkommenen Zusammengehörigkeitsgefühl zu verhelfen.

Mögen wir das Banner internationaler Eintracht hissen und ein Licht entzünden, das alle Regionen mit dem Strahlenglanz der Einheit erleuchtet.

Mögen sich unsere Absichten auf den aufrichtigen Wunsch konzentrieren, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen, und mögen wir alle unsere Kräfte darauf richten, die Menschheitsfamilie zusammenzuschweißen.

Lasst uns nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten achten, nein, lasst uns vielmehr stets auf die Gunst und Gaben Gottes schauen.

Der Tropfen darf nicht auf seine begrenzten Fähigkeiten schauen; er muss sich des Umfangs und der Fülle des Ozeans bewusst sein, der den Tropfen immer würdigt.

Das zarte und einfache Samenkorn, wie isoliert auch immer, darf nicht auf seinen eigenen Kräftemangel blicken.

Nein, stattdessen muss seine Aufmerksamkeit immer auf die Sonne gerichtet sein, in deren Strahlen es Leben und Antrieb findet, und es sollte immer die Regenschauer aus den Wolken der Barmherzigkeit berücksichtigen.

Denn die Gnadengaben der Wolken, die Strahlen und die Wärme der Sonne und die Frühlingsbrisen können das winzige Samenkorn verwandeln und es zu einem mächtigen Baum heranwachsen lassen.

So möget ihr euch bewusst machen, dass ein einzelnes winziges Teilchen im Sonnenlicht durch die leuchtende Sonnenenergie aufleuchtet und erstrahlt. Deshalb lasst uns stets auf Gott vertrauen und Seine Ermutigung und Seinen Beistand suchen.

Lasst uns vollkommen und uneingeschränkt auf die Gnadengaben des Königreiches vertrauen.

Führt euch vor Augen, was die Menschen der Vergangenheit am Anfang ihres Wirkens erlebten, und schaut, wie sie sich durch Gottes Beistand als die Mächtigen Gottes erwiesen.

Erinnert euch, dass Petrus ein Fischer war, durch die Gnadengaben des Königreichs jedoch zum großen Apostel wurde.

Maria Magdalena war eine unbedeutende Dorfbewohnerin, aber selbige Maria wurde verwandelt und zum Mittel, durch das die Ermutigung Gottes die Jünger erreichte.

Wahrlich, sie diente dem Reich Gottes mit solcher Tüchtigkeit, dass sie berühmt wurde und die Menschen oft von ihr sprachen.

Noch heute strahlt sie am Horizont ewiger Majestät.

Bedenkt, wie grenzenlos Gottes Gaben sind, dass eine Frau wie Maria Magdalena von Gott erwählt wurde, um für die Jünger zum Kanal der Ermutigung und zu einem Licht der Nähe in Seinem Königreich zu werden.

Vertraut daher auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit und seid der Ausgießung Seiner ewigen Gaben gewiss.

Ich hoffe, dass jeder von euch zu einem leuchtenden Licht wird und so hell wie diese elektrischen Lampen strahlt.

Mehr noch, möge jeder von euch eine Leuchte sein, gleich einem funkelnden Stern am Himmel des göttlichen Willens.

Darum flehe ich inständig am Throne Gottes.

Dies erhoffe ich durch die Gunst Bahá'u'lláhs.

Dies ist mein Gebet für euch alle und ich bitte demütigen Herzens darum, dass euch geholfen werde und ihr mit ewigen Gaben geschmückt werdet.

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10. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons 1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Was ist die Wirklichkeit des Göttlichen oder was verstehen wir unter Gott? Wenn wir über das Dasein nachdenken, stellen wir fest, dass die wesentliche Wirklichkeit, die allen Erscheinungen zugrunde liegt, unbekannt ist.

Wir erkennen Erscheinungen oder erschaffene Dinge nur durch ihre Eigenschaften.

Der Mensch erkennt nur Ausdrucksformen oder Eigenschaften von Objekten, aber ihr Wesen oder ihre Wirklichkeit bleibt verborgen.

Zum Beispiel bezeichnen wir dieses Objekt als Blume.

Was sagt uns dieser Name und diese Bezeichnung?

Wir wissen, dass wir die Eigenschaften dieses Organismus wahrnehmen können, doch sein eigentliches grundlegendes Wesen oder seine wahre Natur bleiben uns unbekannt.

Seine äußere Erscheinung und offensichtlichen Eigenschaften sind erkennbar.

Aber das innere Wesen, die zugrunde liegende Wirklichkeit oder der wesenhafte Charakter bleibt jenseits unserer menschlichen Erkenntnis- und Wahrnehmungskräfte.

Wenn also bereits die Wirklichkeit der materiellen Erscheinungen undurchdringlich und unerkennbar ist und nur durch ihre Eigenschaften erfasst werden kann, um wie viel mehr gilt dies für die Wirklichkeit des Göttlichen, diese heilige wesentliche Wirklichkeit, die die Stufe des Menschen und sein Fassungsvermögen übersteigt?

Das, was sich dem menschlichen Verstand erschließt, ist endlich, und im Vergleich dazu sind wir unendlich, weil wir es erfassen können.

Gewiss ist das Endliche geringer als das Unendliche.

Das Unendliche ist immer größer.

Wenn die Wirklichkeit des Göttlichen vom menschlichen Verstand erfasst werden könnte, dann hätte sie doch nur ein intellektuelles Dasein – wäre bloß ein intellektuelles Konzept ohne eigene Existenz, ein Bild oder Gleichnis, das der begrenzte Verstand hervorgebracht hätte.

Der Geist des Menschen wäre ihr überlegen.

Wie könnte ein Bild, das nur im Verstand existiert, die göttliche Wirklichkeit sein, die doch unendlich ist?

Deshalb übersteigt die Wirklichkeit des Göttlichen in ihrem Wesen die menschliche Erkenntnis, weil der menschliche Geist, der menschliche Verstand, das menschliche Denken begrenzt sind, während die Wirklichkeit des Göttlichen unbegrenzt ist.

Wie kann das Begrenzte das Unbegrenzte erfassen und übertreffen?

Unmöglich.

Das Unbegrenzte begreift immer das Begrenzte.

Das Begrenzte kann das Unbegrenzte niemals begreifen, umschließen oder aufnehmen.

Daher ist jede Vorstellung vom Göttlichen, die der menschliche Verstand hervorgebracht hat, endlich oder begrenzt und ein Produkt reiner Einbildung, wohingegen die Wirklichkeit des Göttlichen geheiligt und erhaben über all diese Vorstellungen ist. Aber es stellt sich die Frage:

Wie können wir Gott erkennen?

Wir erkennen Ihn durch Seine Eigenschaften.

Wir erkennen Ihn durch Seine Zeichen.

Wir erkennen Ihn durch Seine Namen.

Wir erkennen nicht die Wirklichkeit der Sonne, vielmehr erkennen wir die Sonne durch ihre Strahlen, durch ihre Wärme und daran, wie sie wirkt und alles durchdringt.

Wir erkennen die Sonne durch ihre Gaben und ihren Strahlenglanz, aber worin die Wirklichkeit der Sonnenenergie besteht, ist für uns unerkennbar.

Die charakteristischen Merkmale der Sonne sind jedoch erkennbar.

Wenn wir mit der Wirklichkeit des Göttlichen in Verbindung treten wollen, tun wir dies durch die Wahrnehmung der äußeren Erscheinung, der Eigenschaften und Auswirkungen, die überall im Universum zu finden sind.

Alles in der Erscheinungswelt ist Ausdruck dieser einen Wirklichkeit.

Ihr Licht leuchtet, ihre Wärme ist unverkennbar, ihre Macht ist eindrucksvoll und die Erziehung oder Schulung durch sie erstrahlt überall.

Welchen größeren Beweis als ihre offenkundigen Wirkungen oder Eigenschaften könnte es geben?

Diese Pflanze, diese Blume – die Frage ist:

Gibt es sie oder nicht?

Kann diese Pflanze, diese Blume, die Wirklichkeit des Menschen erfassen?

Kann sie mit der menschlichen Existenz oder Wirklichkeit in Verbindung treten?

Offenkundig nicht.

Sie ist zu keinerlei Beziehung mit dem Menschenreich fähig; sie besitzt diese Fähigkeit nicht, obwohl sowohl der Mensch als auch die Blume erschaffen wurden.

Aber der Unterschied zwischen den Ebenen des Pflanzlichen und des Menschlichen ist immer ein Hindernis, eine Sperre.

Da die Fähigkeiten der Pflanze geringer sind als die des Menschen, ist es für die niedrigere Pflanze völlig unmöglich, den höherstehenden Menschen zu verstehen, obwohl beide bedingt oder erschaffen sind.

Wir sind erschaffen.

Ebenso existieren diese Pflanze, dieses Mineral und dieses Holz.

Aber kann der Boden hier jene begreifen, die auf ihm stehen?

Er kann es nicht, weil Seh- und Hörvermögen Eigenschaften oder Fähigkeiten sind, die zu einem höheren Reich als dem Mineralreich gehören.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Reichen, der große Unterschied zwischen dem Mineralreich und dem Menschenreich, ist ein Hindernis für das Verstehen. Wie kann also die Wirklichkeit des Menschen, die doch bedingt ist, jemals die Wirklichkeit Gottes erfassen, die ewig ist? Das ist selbstverständlich unmöglich. So können wir beobachten, wie in allen Erscheinungen die Zeichen und Eigenschaften Gottes erstrahlen und der Mittagssonne gleich leuchten; wir können zweifelsfrei wissen, dass sie einer unerschöpflichen Quelle entströmen. Wir wissen, dass sie aus einer Quelle stammen, die tatsächlich niemals versiegt. Es ist auch ein philosophisches Prinzip, dass die Existenz der Erscheinungen auf Zusammensetzung beruht und der Tod, die Nichtexistenz, gleichbedeutend mit Zerfall ist.

So haben sich etwa bestimmte Bestandteile zusammengefügt und das Ergebnis dieser Zusammensetzung ist der Mensch.

Bestimmte Elemente bilden die Struktur dieser Blume.

Jeder tierische Organismus besteht aus bestimmten organischen oder zellulären Bestandteilen.

Wir können also sagen, dass Zusammensetzung für das Dasein notwendig ist und der Tod ein Ausdruck für den Zerfall ist.

Wenn sich diese zusammengesetzten Bestandteile auflösen, ist das der Tod.

Das ist Sterblichkeit.

Die Bestandteile, die den Körper dieser Blume bilden und ihr diese Form und Gestalt geben, werden schließlich zerfallen.

Dieser schöne Organismus wird sich auflösen, und das nennen wir Sterblichkeit und Tod.

Zusammensetzung bedeutet folglich Leben und Zerfall ist gleichbedeutend mit Tod.

Deshalb vertreten die Materialisten die Meinung, dass Leben nur eine Verbindung elementarer Bestandteile in Myriaden von Formen und Gestalten ist.

Der Materialist kommt zu dem Schluss, dass Leben einfach Zusammensetzung bedeutet, dass wir überall, wo wir Einzelelemente in zusammengesetzter Form finden, organisches Leben sehen, dass jede organische Zusammensetzung organisches Leben ist.

Wenn nun Leben die Zusammensetzung von Elementen bedeutet, kann der Materialist zu dem Schluss kommen, dass es keinen Bedarf für jemanden gibt, der sie zusammensetzt, dass also ein Schöpfer nicht notwendig ist.

Denn alles, was notwendig ist, ist die Zusammensetzung, und diese wird durch Anziehung oder Bindung bewirkt.

Die Antwort darauf ist, dass es drei Arten der Zusammensetzung geben muss:

Philosophisch ausgedrückt wird eine Art der Zusammensetzung als die zufällige, eine weitere als die unwillkürliche und eine dritte als die gewollte bezeichnet.

Was die erste oder zufällige Zusammensetzung betrifft, so würde dies bedeuten, dass bestimmte Elemente durch ihnen innewohnende Eigenschaften und Anziehungskräfte oder stofflich-chemische Verwandtschaft verbunden, vermischt und so zu einer bestimmten Form, einem bestimmten Wesen oder einem bestimmten Organismus zusammengefügt wurden.

Dies ist nachweislich falsch, denn Zusammensetzung ist eine Wirkung, und philosophisch betrachtet ist keine Wirkung ohne Ursache denkbar.

Keine Wirkung ist denkbar ohne eine erste Ursache.

Zum Beispiel ist diese Wärme eine Wirkung, aber die Energie, die diese spürbare Wärme hervorruft, ist die Ursache.

Dieses Licht ist eine Wirkung, aber dahinter steht die Energie, die die Ursache ist.

Kann dieses Licht von der Energie getrennt werden, deren Ausdrucksform es ist?

Das ist unmöglich und undenkbar.

Es ist selbsterklärend falsch.

Eine zufällige Zusammensetzung ist daher eine falsche Theorie und kann ausgeschlossen werden. Was die zweite Art, die unwillkürliche Zusammensetzung betrifft, so würde dies bedeuten, dass jedes Element die ihm innewohnende Eigenschaft, die Kraft der Zusammensetzung, in sich trägt.

Zum Beispiel ist die dem Feuer innewohnende Eigenschaft das Brennen oder die Hitze.

Hitze ist eine Eigenschaft des Feuers.

Feuchtigkeit ist die dem Wasser innewohnende Eigenschaft.

Ihr könnt euch H2O, die chemische Zusammensetzung des Wassers, nicht vorstellen, ohne dass Feuchtigkeit damit verbunden wäre, denn sie ist eine dem Wasser innewohnende Eigenschaft.

Die Anziehungskraft hat die Eigenschaften Anziehung oder Magnetismus.

Wir können die Anziehung nicht von dieser Kraft trennen.

Die Eigenschaft der Abstoßungskraft besteht im Zurückweisen, im Wegschicken.

Man kann die Wirkung nicht von der Ursache trennen.

Wenn diese Grundannahmen wahr sind – und sie sind selbsterklärend –, dann wäre es für ein zusammengesetztes Wesen unmöglich, dass die Bestandteile, aus denen es als zusammengesetzter Organismus besteht, jemals zerfallen würden, denn die jedem Element innewohnende Natur bestünde darin, fest zusammenzuhalten.

Genau wie Feuer nicht von Hitze getrennt werden kann, so könnte ein aus Elementen zusammengesetztes Wesen nicht zersetzt werden.

Aber dies trifft nicht zu, denn wir sehen überall Zerfall.

Diese Theorie ist also falsch, denn wir können beobachten, dass es nach jeder Zusammensetzung einen Zersetzungsprozess gibt, der sie für immer beendet.

Daraus lernen wir, dass die Zusammensetzung der Dinge weder zufällig noch unwillkürlich ist. Welche Art der Zusammensetzung bleibt dann übrig?

Es ist die gewollte Zusammensetzung.

Das bedeutet, die Zusammensetzung wird durch einen überlegenen Willen bewirkt.

In dieser Absicht oder Handlung kommt Wille zum Ausdruck.

Damit ist bewiesen, dass das Dasein der Dinge durch den ewigen Willen, den Willen des Lebendigen, Ewigen und Selbstbestehenden, erzeugt wird, und dies ist ein rationaler Beweis bezüglich der Zusammensetzung, an dem es weder Zweifel noch Ungewissheit gibt.

Darüber hinaus ist es völlig offensichtlich, dass unsere Art des Lebens, unsere Daseinsform begrenzt ist und dass die Wirklichkeit aller bedingten Erscheinungen ebenfalls begrenzt ist.

Allein schon die Tatsache, dass die Wirklichkeit der Dinge begrenzt ist, zeigt sehr gut, dass es eine unbegrenzte Wirklichkeit geben muss, denn wenn es keine unbegrenzte oder unendliche Wirklichkeit im Leben gäbe, wäre das endliche Dasein von Gegenständen unvorstellbar.

Um es verständlicher zu machen:

Wenn es keinen Reichtum auf der Welt gäbe, gäbe es auch keine Armut.

Wenn es kein Licht auf der Welt gäbe, könnten wir uns Dunkelheit nicht vorstellen, denn philosophisch betrachtet erkennen wir die Dinge an ihren Gegensätzen.

Wir wissen zum Beispiel, dass Armut fehlender Reichtum ist.

Wo es kein Wissen gibt, gibt es auch keine Unwissenheit.

Was ist Unwissenheit?

Sie ist das Fehlen von Wissen.

Deshalb ist unser begrenztes Dasein ein schlüssiger Beweis dafür, dass es eine unbegrenzte Wirklichkeit gibt, und dies ist ein strahlender Beweis und ein offensichtlicher Grund.

Es gibt viele Beweise zu diesem Thema, aber es fehlt die Zeit, um näher darauf einzugehen. Dies ist unser letzter Abend, und ich bitte Gott, dass Sein Beistand euch umgibt, dass eure Herzen erstrahlen mögen, dass eure Augen durch die Wahrnehmung der Zeichen Gottes erleuchtet werden, dass eure Ohren den Hymnen des Himmels lauschen, dass eure Gesichter durch das strahlende Licht des Wortes Gottes erglühen werden. Möget ihr alle vereint sein, möget ihr einig sein, möget ihr der menschlichen Verbundenheit dienen. Möget ihr wohlwollende Freunde der ganzen Menschheit sein. Möget ihr die Helfer jedes Armen sein. Möget ihr Pfleger für die Kranken sein. Möget ihr Trostquellen für jene mit gebrochenem Herzen sein. Möget ihr ein Zufluchtsort für die Herumirrenden sein. Möget ihr eine Quelle des Mutes für den Verängstigten sein. Möge so inmitten der Welt durch die Gunst und den Beistand Gottes das Banner der Glückseligkeit der Menschheit erhoben und die Flagge allumfassender Einigkeit entfaltet werden.

– 126 –

10. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Joseph H. Hannen 1252 Eighth Street, NW, Washington, D. C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Was für eine schöne Versammlung! Ich bin sehr glücklich, dass Schwarze und Weiße hier zusammen sind. Ich bin so glücklich, denn ihr alle seid die Diener eines Gottes und somit Brüder, Schwestern, Mütter und Väter. Vor Gott gibt es keinen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, alle sind gleich. Jeder, dessen Herz rein ist, wird von Gott geliebt, ob er weiß oder schwarz, rot oder gelb ist. Tiere haben verschiedene Farben. Die Tauben sind weiß, schwarz, rot oder blau; aber trotz dieser verschiedenen Farben scharen sie sich in Einheit, Glück und Freundschaft zusammen und achten untereinander nicht auf Unterschiede, denn sie sind alle Tauben. Der Mensch ist intelligent und bedacht, mit Vernunft begabt. Warum also sollte er sich von Unterschieden in Hautfarbe oder Herkunft beeinflussen lassen, da doch alle zu einer Menschheitsfamilie gehören? Es gibt kein Schaf, das ein anderes ablehnt, als wollte es sagen: »Ich bin weiß und du bist schwarz.« Sie grasen gemeinsam in völliger Eintracht, sie leben glücklich und in Freundschaft zusammen. Wie also kann der Mensch dann durch Hautfarben beschränkt und beeinflusst werden? Das Wichtigste ist, zu erkennen, dass alle Menschen sind, dass alle von Adam abstammen. Warum sollten sie getrennt werden, da doch alle eine Familie sind? Ich hatte einen schwarzen Diener mit Namen Isfandíyár.

Wenn es einen vollkommenen Menschen auf der Welt gäbe, dann wäre es Isfandíyár.

Er war die Verkörperung der Liebe, strahlte Heiligkeit und Vollkommenheit aus, ein leuchtendes Licht.

Immer wenn ich an Isfandíyár denke, kommen mir die Tränen, obwohl er schon vor fünfzig Jahren gestorben ist.

Er war der treue Diener Bahá'u'lláhs und war mit Seinen Geheimnissen betraut.

Deshalb ließ der Sháh von Persien ihn verfolgen und nach seinem Verbleib forschen.

Bahá'u'lláh war im Gefängnis, aber der Sháh hatte vielen Personen befohlen, Isfandíyár zu finden.

Wohl über hundert Beamte wurden für die Suche nach ihm abkommandiert.

Wenn es ihnen gelungen wäre, ihn zu finden, hätten sie ihn nicht auf der Stelle getötet.

Sie hätten sein Fleisch in Stücke geschnitten, um ihn zu zwingen, die Geheimnisse Bahá'u'lláhs preiszugeben.

Isfandíyár pflegte mit größter Würde durch die Straßen und Basare zu schreiten.

Eines Tages kam er zu uns.

Meine Mutter, meine Schwester und ich lebten in einem Haus an einer Straßenecke.

Weil unsere Feinde uns häufig angriffen, wollten wir an einen Ort ziehen, wo man uns nicht kannte.

Damals war ich noch ein Kind.

Um Mitternacht kam Isfandíyár zu uns.

Meine Mutter sagte:

»O Isfandíyár, da sind bestimmt hundert Polizisten auf der Suche nach dir.

Wenn sie dich fangen, werden sie dich nicht sofort töten, sondern dich mit Feuer foltern.

Sie werden dir die Finger abhacken.

Sie werden dir die Ohren abschneiden.

Sie werden dir die Augen ausstechen, um dich zu zwingen, ihnen die Geheimnisse Bahá'u'lláhs zu verraten.

Geh fort!

Bleib nicht hier.« Er antwortete:

»Ich kann nicht gehen, denn ich schulde einigen Leuten auf der Straße und in den Läden noch Geld.

Wie könnte ich gehen?

Sie werden sagen, der Diener Bahá'u'lláhs habe Güter und Waren bei den Ladenbesitzern gekauft und verbraucht, ohne sie zu bezahlen.

Ehe ich nicht all diese Schulden bezahlt habe, kann ich nicht gehen.

Aber wenn sie mich festnehmen, macht das nichts.

Wenn sie mich bestrafen, ist das nicht schlimm.

Wenn sie mich töten, sei nicht traurig.

Aber einfach wegzugehen, ist unmöglich.

Ich muss bleiben, bis ich alle Schulden bezahlt habe.

Dann werde ich gehen.« Einen Monat lang ging Isfandíyár auf den Straßen und in den Basaren ein und aus.

Was er besaß, verkaufte er und mit dem Erlös bezahlte er nach und nach seine Gläubiger.

In Wirklichkeit waren es nicht seine Schulden, sondern die des Hofes, denn unser gesamter Besitz war beschlagnahmt worden.

Alles, was wir besessen hatten, war uns weggenommen worden.

Das Einzige, was uns geblieben war, waren unsere Schulden.

Isfandíyár bezahlte alles, kein Pfennig blieb unbezahlt.

Dann kam er zu uns, verabschiedete sich und ging fort.

Später wurde Bahá'u'lláh aus dem Gefängnis entlassen.

Wir gingen nach Baghdád und Isfandíyár kam auch dorthin.

Er wollte im selben Haus wohnen.

Bahá'u'lláh, die Gesegnete Vollkommenheit, sagte zu ihm:

»Als du geflohen bist, gewährte dir ein persischer Minister Zuflucht, zu einer Zeit, da dir niemand sonst hätte Schutz bieten können.

Weil er dir Schutz und Zuflucht bot, musst du ihm Treue erweisen.

Wenn er einverstanden ist, dass du weggehst, dann komm zu uns; aber wenn er nicht will, dass du gehst, dann verlasse ihn nicht.« Sein Herr sagte:

»Ich möchte nicht von Isfandíyár getrennt werden.

Wo finde ich jemanden wie ihn, mit solcher Aufrichtigkeit, solcher Treue, solch einem Charakter, solch einer Kraft?

Wo kann ich so jemanden finden?

O Isfandíyár!

Ich möchte nicht, dass du weggehst, aber wenn du gehen willst, soll es nach deinem Willen geschehen.« Aber weil die Gesegnete Vollkommenheit gesagt hatte:

»Du musst ihm treu sein«, blieb Isfandíyár bei seinem Herrn bis zu dessen Tod.

Er war ein Quell des Lichtes.

Seine Haut war zwar schwarz, doch sein Charakter strahlte; sein Geist strahlte; sein Antlitz strahlte.

Wahrlich, er war ein Quell des Lichtes. Es ist also offensichtlich, dass Vortrefflichkeit nicht von der Farbe abhängt.

Der Charakter ist der wahre Prüfstein für Menschlichkeit.

Wer einen guten Charakter hat, wer standhaft im Glauben an Gott ist, wer gute Taten vollbringt, wessen Sprache gut ist – der ist an der Schwelle Gottes willkommen, ganz gleich welche Hautfarbe er hat.

Kurzum – Preis sei Gott! – ihr seid Diener Gottes.

Die Liebe Bahá'u'lláhs ist in euren Herzen.

Eure Seelen jubeln über die frohen Botschaften Bahá'u'lláhs.

Ich hoffe, dass Weiß und Schwarz in vollkommener Liebe und Gemeinschaft, in völliger Einheit und Eintracht vereint sein werden.

Schließt euch zusammen, denkt aneinander und seid wie ein Rosengarten.

Wer in einen Rosengarten geht, wird verschiedene Rosen sehen, weiße, rosafarbene, gelbe, rote, die alle gemeinsam wachsen und reich geschmückt sind.

Jede hebt die Schönheit der anderen hervor.

Hätten alle die gleiche Farbe, wäre der Garten für das Auge eintönig.

Wenn alle nur weiß oder gelb oder rot wären, würde es dem Garten an Abwechslung und Attraktivität fehlen.

Wenn es aber eine bunte Mischung an Farben gibt, weiß, rosa, gelb und rot, ergibt sich die größte Schönheit.

Deshalb hoffe ich, dass ihr wie ein Rosengarten werdet.

Trotz der Farbenvielfalt empfangt ihr – Preis sei Gott! – das Licht derselben Sonne.

Regen fällt aus derselben Wolke auf euch herab.

Ihr werdet von demselben Gärtner gepflegt, und dieser Gärtner ist gütig zu allen.

Deshalb müsst ihr einander größte Freundlichkeit erweisen.

Ihr könnt sicher sein:

Jedes Mal, wenn ihr vereint seid, wird der Beistand des Königreichs Abhá euch erreichen.

Himmlische Gunst wird herabkommen; die Gnadengaben Gottes werden euch gewährt; die Sonne der Wahrheit wird scheinen; die Wolke der Barmherzigkeit wird ihre Schauer auf euch herabregnen lassen; und der Windhauch der göttlichen Großmut wird ihren Duft um euch wehen lassen. Ich hoffe, dass ihr in Einheit und Freundschaft zusammenbleibt. Wie schön ist es, Schwarz und Weiß zusammen zu sehen! Ich hoffe, dass mit Gottes Hilfe der Tag kommen wird, an dem ich die roten Menschen, die Indianer, bei euch sehen werde, und auch die Japaner und andere. Dann wird es weiße Rosen, gelbe Rosen und rote Rosen geben, und ein wunderbarer Rosengarten wird in der Welt erscheinen.

– 127 –

10. November 1912 Ansprache in der Eighteenth Street 1901, NW, Washington, D.C. Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen Ich bin sehr zufrieden mit den Freunden in Washington und es macht mich wirklich glücklich, sie zu treffen. Genauso zufrieden bin ich auch mit den Freunden in Baltimore, denn ich sehe, dass ihre Herzen von der Liebe zu Bahá'u'lláh angezogen sind. Ihr Blick ist auf das Königreich Bahás gerichtet. Ihr Geist jubelt über die frohe Botschaft des Allherrlichen. Wahrlich, sie sind Diener der Sache Gottes. Alle engagieren sich im Dienst, und die höchste Erfüllung ihres Wunsches ist es, in das Königreich des Allherrlichen einzutreten und Gott nahe zu sein. Deshalb bin ich sehr glücklich und zufrieden mit ihnen. Ich werde für euch alle beten. Möge die Gunst der Gesegneten Schönheit, Bahá'u'lláh, euch alle umfangen und möge das Licht der Sonne der Wahrheit eure Erleuchtung sein. Möget ihr alle vereint und voller Gewissheit sein. Möget ihr der Sache Gottes wie eine einzige, vereinte Kraft dienen. Ich bringe euch die frohe Botschaft, dass euch der Beistand Gottes zuteil wird. Seid euch dessen gewiss. Ihr werdet erleuchtet werden. Ihr werdet zu Eroberern werden. Aber nach meiner Abreise werden sich vielleicht einige Leute in ihrer Verbitterung gegen euch erheben und euch verfolgen, und die Zeitungen werden vielleicht Artikel gegen die Sache veröffentlichen.

Bleibt in unerschütterlicher Gewissheit unbesorgt.

Seid heiter und gelassen und denkt daran, dass dies nur wie ein harmloses Spatzengezwitscher ist und bald vorübergehen wird.

Würden solche Dinge nicht geschehen, dann würde sich der Ruhm der Sache nicht weit verbreiten und der Ruf Gottes nicht gehört werden.

Haltet euch die Vergangenheit vor Augen.

Ruft euch die Tage Christi ins Gedächtnis und die darauffolgenden Ereignisse.

Wie viele Bücher wurden gegen Ihn geschrieben!

Welche Verleumdungen wurden gegen Ihn erhoben!

Wie heftig wurde Er in den Tempeln beschimpft!

Wie viele Beschuldigungen!

Wie viel Hass und Verfolgung!

Wie wurde Er verhöhnt, verspottet und verachtet!

Denkt an die Namen und Bezeichnungen, die sie Seiner Erhabenheit angehängt haben!

Sie bezeichneten Ihn sogar als Beelzebub – Satan.

Sie sagten, Beelzebub sei gefangen genommen und gekreuzigt worden.

Sie setzten Beelzebub eine Dornenkrone auf den Kopf und führten Ihn durch die Straßen.

Das war der Name, den die Juden Christus gegeben hatten; so steht es im Evangelium.

Es gab viele weitere Schmähungen und Verfolgungen, sie spuckten in Sein schönes Gesicht, verwünschten und verfluchten Ihn, wandten Ihm ihr Hinterteil zu, und sagten:

»Frieden sei mit dir, du König der Juden!« »Frieden sei mit dir, du Zerstörer des Tempels!« »Frieden sei mit dir, du König und Heuchler, der den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen will!« Die damaligen Philosophen, Römer und Griechen, schrieben gegen Christus.

Selbst Könige schrieben Bücher voller Schmähungen, Verleumdungen und Verunglimpfungen.

Einer dieser Könige war ein römischer Caesar.

Er war auch Philosoph.

In seinem Buch sagt er über das Volk Christi:

»Die niedrigsten Menschen sind die Christen.

Die unmoralischsten Menschen unserer Zeit sind die Christen.

Jesus von Nazareth hat sie in die Irre geführt.

O ihr Menschen!

Wenn ihr wissen wollt, wer Jesus ist und was ›christlich‹ bedeutet, geht und fragt seine Verwandten.

Geht und fragt die Juden, die ihn kennen.

Seht, was für ein schlechter Mensch er ist, wie unwürdig er ist.« Es gab viele ähnliche Berichte.

Aber denkt daran, dass diese Aussagen der Sache des Christentums keinen Schaden zufügten.

Im Gegenteil, das Christentum gewann täglich an Macht und Stärke. Tag für Tag nahm die Majestät Christi an Herrlichkeit zu. Mein Ziel ist es daher, euch vor Anschuldigungen, Kritik, Beschimpfungen und Spott in Zeitungsartikeln oder anderen Veröffentlichungen zu warnen und euch zu stärken. Lasst euch nicht davon beirren. Sie sind die eigentliche Bestätigung der Sache, wahrhaftig eine Quelle für den Aufbau der Bewegung. Möge Gott den Tag bestimmen, an dem sich eine Reihe von Kirchenvertretern erheben und mit entblößten Köpfen lautstark verkünden, dass die Bahá'í auf dem Irrweg sind. Ich würde gerne diesen Tag erleben, denn das ist die Zeit, da sich die Sache Gottes ausbreiten wird. Bahá'u'lláh bezeichnete Leute wie diese als Boten der Sache. Sie werden von den Kanzeln herab verkünden, die Bahá'í seien Narren, sie seien ein böses, unredliches Volk. Aber ihr sollt standhaft in der Sache Gottes sein und nicht wanken. Sie werden die Botschaft Bahá'u'lláhs verbreiten. Der geehrte Mírzá Abu'l-Faḍl hat ein Traktat geschrieben, in dem er auf die Kritik eines Londoner Predigers antwortete. Jeder von euch sollte eine Kopie haben. Lest es, lernt es auswendig und denkt darüber nach. Wenn dann Anschuldigungen und Kritik von jenen vorgebracht werden, die die Sache nicht schätzen, werdet ihr gut gerüstet sein.

Ansprachen 'Abdu'l Bahás in New York

15. November bis 5. Dezember 1912

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15. November 1912 Ansprache im Haus von Miss Juliet Thompson 48 West Tenth Street, New York Aufzeichnungen von Hooper Harris Ich habe in verschiedenen christlichen Kirchen und in Synagogen gesprochen, und in keiner Versammlung hat irgendjemand widersprochen. Alle haben zugehört und alle haben den überragenden Charakter der Lehren Bahá'u'lláhs anerkannt und eingeräumt, dass sie Wesen und Geist dieses neuen Zeitalters verkörpern und dass es keinen besseren Weg gibt, seine Ideale zu erreichen. Keine einzige Stimme erhob Einwände. Es gab lediglich einige wenige, die sich geweigert haben, die Sendung Bahá'u'lláhs anzuerkennen, obwohl selbst diese zugegeben haben, dass Er ein großer Lehrer, eine äußerst mächtige Seele und ein sehr bedeutender Mensch war. Einige, die keinen anderen Vorwand finden konnten, sagten: »Diese Lehren sind nicht neu, sie sind alt und bekannt. Wir haben sie schon früher gehört.« Deshalb werde ich über die besonderen Merkmale der Offenbarung Bahá'u'lláhs sprechen und beweisen, dass Seine Sache sich in jeder Hinsicht von allen anderen unterscheidet. Sie unterscheidet sich durch ihre Methodik und die Art der Darlegung, durch ihre praktischen Auswirkungen und ihre Anwendung auf die heutigen Verhältnisse in der Welt, vor allem aber durch ihre Verbreitung und ihren Fortschritt. Als Bahá'u'lláh in Persien erschien, erhoben sich alle religiösen Sekten und Glaubenssysteme der damaligen Zeit gegen Ihn. Seine Feinde waren Könige. Die Feinde Jesu Christi waren Juden und Pharisäer, aber die Feinde Bahá'u'lláhs waren Herrscher, die Armeen befehligten und über Hunderttausende von Soldaten verfügten. Diese Könige repräsentierten etwa fünfzig Millionen Menschen, die sich alle unter deren Einfluss und Herrschaft gegen Bahá'u'lláh wandten. So stand Bahá'u'lláh praktisch allein fünfzig Millionen Feinden gegenüber. Doch anstatt Ihn zu beherrschen, hatte diese große Masse Seiner wunderbaren Persönlichkeit und der Macht und dem Einfluss Seiner himmlischen Sache nichts entgegenzusetzen. Obwohl sie entschlossen waren, das Licht dieser strahlenden Leuchte auszulöschen, wurden sie schließlich besiegt und überwunden, und von Tag zu Tag erstrahlte Seine Herrlichkeit heller. Sie bemühten sich nach Kräften, Seine Größe zu schmälern, aber Sein Ruhm und Ansehen nahmen in dem Maße zu, wie sie sich bemühten, es zu schwächen. Umgeben von Feinden, die Ihm nach dem Leben trachteten, versuchte Er nie, Sich zu verbergen, tat nichts, um Sich zu schützen; im Gegenteil, in Seiner geistigen Kraft und Macht war Er jederzeit vor aller Augen sichtbar, leicht zu erreichen und hielt gelassen den Massen stand, die sich Ihm entgegenstellten. Zu guter Letzt wurde Sein Banner gehisst. Wenn wir die historischen Berichte studieren und Seite für Seite die heiligen Bücher durchgehen, stellen wir fest, dass keiner der Propheten der Vergangenheit von einem Gefängnis aus Seine Lehren verbreitete oder Seine Sache verkündete.

Aber Bahá'u'lláh hielt das Banner der Sache Gottes hoch, während Er sich in einem Verlies befand.

Aus Seiner Gefängniszelle heraus richtete Er sich an die Könige der Erde und verurteilte sie scharf wegen der Unterdrückung ihrer Untertanen und ihres Machtmissbrauchs.

Den Brief, den Er unter solchen Umständen an den Sháh von Persien sandte, kann heute jeder lesen.

Seine Briefe an den Sulṭán der Türkei, an Kaiser Napoleon III. von Frankreich und an die anderen Herrscher der Welt, darunter den Präsidenten der Vereinigten Staaten, sind ebenfalls in Umlauf und verfügbar.

Das Buch mit diesen Briefen an die Könige wurde vor etwa dreißig Jahren in Indien veröffentlicht und ist als Súratu'l-Haykal bekannt.

Alles, was in diesen Sendbriefen steht, ist eingetroffen.

Einige der darin enthaltenen Prophezeiungen haben sich nach zwei Jahren erfüllt, andere nach fünf, zehn oder zwanzig Jahren.

Höchst bedeutsame Prophezeiungen über Ereignisse auf dem Balkan gehen gegenwärtig in Erfüllung, obgleich sie schon vor langer Zeit niedergeschrieben wurden.

Zum Beispiel sagte Bahá'u'lláh in Seinem Brief an den Sulṭán der Türkei den Krieg und die Geschehnisse voraus, die heute stattfinden.

Diese Ereignisse wurden auch in dem Sendschreiben an die Stadt Konstantinopel prophezeit, sogar bezüglich der Einzelheiten der Ereignisse, die sich jetzt in dieser Stadt zutragen. Während Er sich an diese mächtigen Könige und Herrscher wandte, war Er ein Gefangener in einem türkischen Kerker. Bedenkt, wie erstaunlich es war, dass ein Gefangener in der Gewalt der Türken ausgerechnet den König, der für Seine Inhaftierung verantwortlich war, so kühn und schwer anklagte. Welche Macht zeigt sich hier! Welche Größe! Nirgends in der Geschichte wurde je etwas Derartiges überliefert. Der unerbittlichen, absoluten Herrschaft dieser Könige zum Trotz war es Seine Aufgabe, sich ihnen entgegenzustellen und Er war so unerschütterlich und standhaft, dass Er ihre Flaggen zu Fall brachte und Sein eigenes Banner erhoben wurde. Denn heute werden die Flaggen des persischen und des osmanischen Reiches durch den Schmutz gezogen, während das Banner Bahá'u'lláhs in der Welt sowohl im Osten als auch im Westen hochgehalten wird. Seht diese gewaltige Kraft! Welch schlüssiger Beweis! Obwohl Er ein Gefangener in einer Festung war, schenkte Er diesen Königen keine Aufmerksamkeit, achtete nicht auf ihre Macht über Leben und Tod, sondern im Gegenteil, Er wandte sich in klarer und furchtloser Sprache an sie und verkündete ausdrücklich, dass die Zeit kommen werde, in der ihre Regierungsgewalt gestürzt und Seine eigene Herrschaft errichtet werden würde. Er sagte sinngemäß: »Binnen kurzem werdet ihr euch in offensichtlichem Verlust befinden. Euer Herrschaftsgebiet wird verwüstet. Eure Reiche werden zu einer Wildnis und einem Trümmerhaufen. Fremde Heere werden in eure Länder einfallen und sie unterwerfen. Jammern und Wehklagen werden sich in euren Häusern erheben. Es wird weder Thron noch Krone, weder Palast noch Armeen mehr geben. Nein, alle diese Dinge werden vergehen, aber das Banner der Sache Gottes wird hochgehalten. Dann werdet ihr sehen, dass die Menschen in Scharen in die Sache Gottes eintreten und dass diese mächtige Offenbarung sich in der ganzen Welt verbreiten wird.« Lest die Prophezeiungen in der Súratu'l-Haykal und denkt sorgfältig darüber nach. Dies ist eines der Merkmale der Botschaft und Lehren Bahá'u'lláhs. Könnt ihr solche Ereignisse und Begebenheiten in irgendeiner anderen prophetischen Sendung finden? Wenn ja, in welchem Zyklus hat sich Ähnliches ereignet? Findet ihr solche genauen Prophezeiungen und deutlichen Aussagen über die Zukunft in den Heiligen Büchern der Vergangenheit? Vergleichen wir jetzt die Lehren Bahá'u'lláhs mit den heiligen Worten, die in früheren Zyklen herabgesandt wurden. Zu den erhabenen Prinzipien, die Er offenbarte, gehört erstens die Erforschung der Wahrheit. Das bedeutet, dass jeder einzelne Mensch aufgerufen und verpflichtet ist, Aberglauben, Überlieferungen und die blinde Nachahmung althergebrachter religiöser Bräuche abzulegen und selbstständig die Wahrheit zu erforschen. Da die grundlegende Wahrheit nur eine ist, werden alle Religionen und Völker der Welt vereint werden, indem sie die Wahrheit erforschen. Dieser Grundsatz wurde in keinem der heiligen Bücher der Vergangenheit verkündet. Ein zweiter Grundsatz, der die Lehren Bahá'u'lláhs auszeichnet, verlangt die Anerkennung der Einheit der Menschheit.

Bahá'u'lláh wandte sich an die gesamte Menschheit mit den Worten:

»Ihr seid alle die Blätter eines Baumes.« Vor Gott gibt es keine ethnischen Unterschiede zwischen euch.

Vielmehr sind alle die Diener Gottes, und alle sind eingetaucht in das Meer Seiner Einheit.

Keine einzige Seele ist davon ausgeschlossen.

Im Gegenteil, alle sind Empfänger der Gnadengaben Gottes.

Jedes menschliche Geschöpf hat Anteil an Seinen Segnungen und an der Ausstrahlung Seiner Wirklichkeit.

Gott ist gütig zu allen.

Alle Menschen sind Seine Schafe und Er ist ihr wahrer Hirte.

Keine anderen Heiligen Schriften enthalten so ausführliche und umfassende Aussagen, keine andere Lehre verkündet diesen unzweideutigen Grundsatz menschlicher Zusammengehörigkeit.

In Bezug auf mögliche Unterscheidungen ist das Äußerste, was Bahá'u'lláh sagt, dass die Lebensumstände der Menschen unterschiedlich sind, dass beispielsweise manche Bedingungen unzulänglich sind.

Deshalb brauchen diese Menschen Bildung und Erziehung, um Vervollkommnung zu erreichen.

Manche sind krank und leiden; sie müssen behandelt und gepflegt werden, bis sie geheilt sind.

Manche schlafen; sie müssen erweckt werden.

Manche sind unreif wie Kinder; ihnen sollte zur Reife verholfen werden.

Aber alle müssen geliebt und geschätzt werden.

Man darf ein Kind nicht ablehnen, bloß weil es ein Kind ist.

Nein, vielmehr sollte es geduldig erzogen werden.

Der Kranke darf nicht gemieden oder geringschätzig behandelt werden, nur weil er krank ist.

Nein, vielmehr muss man sich voll Mitgefühl und Zuneigung um ihn kümmern und ihn behandeln, bis er geheilt ist.

Die schlafende Seele darf nicht verachtet werden, sondern muss erweckt und ins Licht geleitet werden. Bahá'u'lláh lehrt, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen muss. Wenn Glaube und religiöse Lehren der verstandesmäßigen Analyse und wissenschaftlichen Prinzipien widersprechen, verdienen sie es nicht, angenommen zu werden. Dieses Prinzip wurde in keinem der früheren göttlichen Lehrbücher offenbart. Eine weitere grundlegende Verkündigung Bahá'u'lláhs ist, dass die Religion die Quelle der Einheit und Gemeinschaft in der Welt sein muss. Wenn sie zu Feindschaft, Hass und Fanatismus führt, wäre es besser, es gäbe keine Religion. Das ist ein neues Offenbarungsprinzip, das nur in den Aussagen Bahá'u'lláhs zu finden ist. Weiter erklärt Bahá'u'lláh, dass alle Arten zwischenmenschlicher Vorurteile aufgegeben werden müssen und dass die Menschheit Frieden, Wohlstand und Ruhe weder finden wird noch finden kann, ehe die bestehenden Vorurteile völlig ausgeräumt sind. Dieser Grundsatz findet sich in keinem anderen heiligen Buch als in den Lehren Bahá'u'lláhs. Eine weitere Lehre ist die vollkommene Gleichberechtigung von Mann und Frau. Warum sollte der Mensch einen Unterschied erfinden, den Gott nicht gelten lässt? Auch in den Reichen der Schöpfung unterhalb des Menschen gibt es Geschlechter, aber der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Wesen hat weder unterdrückenden noch einschränkenden Charakter. Die Stute zum Beispiel ist genauso stark wie der Hengst und oft schneller. Im gesamten Tier- und Pflanzenreich herrscht völlige Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Diese Gleichberechtigung muss im Menschenreich genauso bestehen, und wessen Herz das reinste ist, wessen Lebensführung und Charakter die edelsten sind und dem göttlichen Maßstab am nächsten kommen, ist in den Augen Gottes höchst würdig und herausragend. Dies ist die einzige wahre und wirkliche Unterscheidung, egal ob es sich um Mann oder Frau handelt. Bahá'u'lláh hat die Notwendigkeit einer Weltsprache verkündet, die als Mittel der internationalen Verständigung dienen und so Missverständnisse und Schwierigkeiten beseitigen wird. Diese Lehre wird in dem vor fünfzig Jahren veröffentlichten Kitáb-i-Aqdas (Das Heiligste Buch) dargelegt. Auch hat Er den Grundsatz verkündet, dass alle Menschen Bildung und Erziehung erhalten sollen und dass es kein Analphabetentum mehr geben darf. Dieses praktische Heilmittel für die Nöte der Welt findet sich in keinem anderen der heiligen Bücher. Er lehrt, dass es die Pflicht eines jeden Menschen ist, ein nutzbringendes Gewerbe, Handwerk oder einen Beruf zur Sicherung des Lebensunterhaltes zu erlernen. Diese Arbeit sollte als Gottesdienst angesehen werden. Die Lehren Bahá'u'lláhs sind grenzenlos und ihr weitreichender, segensreicher Nutzen für die Menschheit kennt kein Ende. Sinn und Zweck unserer heutigen Ausführungen ist, zu zeigen, dass sie neu und in keinem der religiösen Bücher der Vergangenheit zu finden sind. Das beantwortet die Frage: »Was hat Bahá'u'lláh gebracht, das wir nicht schon früher gehört haben?« Es ist also klar und offensichtlich, dass sich die Manifestation Gottes an diesem Tag von allen früheren Manifestationen und Offenbarungen durch Ihre Majestät, Ihre Macht und die Wirksamkeit und Anwendbarkeit Ihres Wortes unterscheidet. Alle Propheten Gottes wurden verachtet und verfolgt. Denkt an Moses. Die Menschen nannten Ihn einen Mörder. Sie sagten: »Du hast einen Mann erschlagen und bist vor Strafe und Vergeltung geflohen. Ist es nach dem, was du getan hast, möglich, dass Du ein Prophet wirst?« Es gibt viele ähnliche Berichte über die heiligen, göttlichen Gesandten. Wie bitter und schwer war die Verfolgung, der Sie ausgesetzt waren! Bedenkt, wie die Menschen versuchten, Christus herabzusetzen und zu vernichten. Sie setzten eine Dornenkrone auf Sein Haupt, trieben Ihn durch die Straßen und Basare und spotteten: »Frieden sei mit dir, du König der Juden!« Manche zeigten Ihm ihr Hinterteil und höhnten: »Du König der Juden!«, oder »Herr der Herren, Frieden sei mit dir!« Wieder andere spuckten in Sein gesegnetes Antlitz. Kurzum, die Verfolgungen, die Christus während Seiner Sendung ertrug, werden in den Büchern des alten jüdischen, römischen oder griechischen Zyklus erwähnt. Kein Lobpreis wurde Ihm zuteil. Die einzige Anerkennung und Billigung erfuhr Er von Seinen Gläubigen und Jüngern. Petrus zum Beispiel war einer, der Ihn pries, und auch die anderen Jünger sprachen sich für Ihn aus. Viele Bücher wurden gegen Ihn geschrieben. In der Kirchengeschichte findet ihr Berichte über den Hass und die Feindseligkeit der römischen, griechischen und ägyptischen Philosophen, die Ihn verleumdeten und Ihm Unvollkommenheit unterstellten. Doch während der Offenbarung Bahá'u'lláhs, vom Tag Seines Erscheinens bis zu Seinem Hinscheiden, erkannten die Menschen aller Nationen Seine Größe an.

Sogar Seine erbittertsten Feinde sagten über Ihn:

»Dieser Mann war wirklich bedeutend, sein Einfluss war mächtig und wunderbar.

Er war eine herausragende Persönlichkeit; seine Macht war gewaltig, seine Sprache ausdrucksvoll.

Aber leider hat er das Volk in die Irre geführt.« Dies war die Essenz ihres Lobpreises, ihrer Würdigung und ihrer Ablehnung.

Offensichtlich waren die Verfasser solcher Aussagen, auch wenn sie Seine Feinde waren, von Seiner Größe und Majestät tief beeindruckt.

Einige Seiner Feinde haben sogar Gedichte über Ihn geschrieben, die zwar als Satire und sarkastische Anspielungen gedacht, aber in Wirklichkeit Lobpreisungen waren.

Zum Beispiel schrieb ein Dichter, der Seiner Sache feindlich gegenüberstand:

»Hütet euch!

Hütet euch davor, euch dieser Person zu nähern; er besitzt eine solche Macht und eine so beredte Zunge – er ist ein Zauberer.

Er betört die Menschen, er gibt ihnen Drogen, er hypnotisiert sie.

Hütet euch!

Hütet euch davor, sein Buch zu lesen, seinem Beispiel zu folgen und mit seinen Gefährten zu verkehren, denn sie besitzen enorme Macht und führen euch in die Irre.« Das heißt, dieser Dichter benutzte Beschreibungen, die er als Herabsetzung und Verunglimpfung ansah, ohne zu erkennen, dass es in Wirklichkeit Lobpreisungen waren.

Denn ein weiser Mann würde nach der Lektüre einer solchen Warnung sagen:

»Die Macht dieses Mannes muss sehr groß sein, wenn selbst seine Feinde sie anerkennen.

Zweifellos ist eine solche Macht himmlischer Natur.« Das war einer der Gründe, warum sich so viele Menschen veranlasst fühlten, genauer nachzuforschen.

Je mehr Seine Feinde gegen Ihn schrieben, desto stärker wurden die Leute angezogen und desto größer wurde die Zahl derer, die nach der Wahrheit suchten.

Sie sagten:

»Das ist bemerkenswert.

Das ist ein großer Mann, und wir müssen das untersuchen.

Wir müssen dieser Sache nachgehen, um herauszufinden, was das alles bedeutet, um ihre Absichten zu entdecken, ihre Beweise zu prüfen und selbst zu erfahren, was sie auszeichnet.« Auf diese Weise bewirkten die bösartigen und finsteren Aussagen Seiner Feinde, dass die Menschen freundlich wurden und sich der Sache näherten.

Die Mullás in Persien gingen so weit, öffentlich von den Kanzeln herab gegen die Sache Bahá'u'lláhs zu hetzen.

Sie warfen ihre Turbane zu Boden – ein Zeichen großer Empörung – und riefen:

»O Volk!

Dieser Bahá'u'lláh ist ein Zauberer, der euch zu hypnotisieren sucht.

Er entfremdet euch von eurer eigenen Religion und macht euch zu seinen Anhängern.

Hütet euch davor, sein Buch zu lesen!

Hütet euch davor, mit seinen Freunden Umgang zu pflegen.« Bahá'u'lláh sagte speziell über jene, die Ihn angriffen und verleumdeten: »Sie sind Meine Herolde; sie sind diejenigen, die Meine Botschaft verkünden und Mein Wort verbreiten. Betet darum, dass sie sich vervielfachen, betet darum, dass ihre Zahl zunimmt und dass sie noch lauter herumschreien. Je mehr sie Mich durch ihre Worte schmähen, je größer ihre Empörung ist, desto stärker und mächtiger wird die Wirksamkeit der Sache Gottes, desto heller das Licht des Wortes und desto strahlender der Glanz der göttlichen Sonne. Und schließlich wird die düstere Finsternis der äußeren Welt vergehen, und das Licht der Wirklichkeit wird leuchten, bis die ganze Erde in seiner Herrlichkeit erstrahlt.«

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16. November 1912 Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney Wo immer Bahá'u'lláh erwähnt wird, ist das Paradies Abhá. Wo immer reine, losgelöste und erleuchtete Seelen sind, da ist das Paradies Bahá. Ṭihrán ist das Paradies Bahá'u'lláhs, weil dort Seelen leben, die man nicht mehr als menschlich bezeichnen kann. Es sind Engel. Die Bahá'í-Freunde in dieser Stadt gehören in Wirklichkeit zu den Himmlischen Heerscharen. Immer, wenn ich an sie denke, werde ich glücklich. Die Gesegnete Vollkommenheit ertrug unzählige Qualen und großes Elend, aber während Seines Lebens unterwies Er in allen Gegenden viele Seelen, die unvergleichlich waren. Der Zweck des Erscheinens der Manifestationen Gottes ist die Unterweisung der Menschen. Das ist die wesentliche Frucht Ihrer Mission, der wahre Erfolg. Das Ergebnis des ganzen Lebens Jesu war die Unterweisung von elf Jüngern und zwei Frauen. Warum erlitt Er Schwierigkeiten, Qualen und Elend? Um diese wenigen Anhänger zu unterweisen. Das war die Frucht Seines Lebens. Die Frucht des Lebens Christi waren nicht die Kirchen, sondern die erleuchteten Seelen derer, die an Ihn glaubten. Danach verbreiteten Sie Seine Lehren. Ich hoffe, ihr werdet alle zu Früchten des Lebens Bahá'u'lláhs und zum Erfolg Seiner himmlischen Erziehung. Wenn die Leute euch fragen: »Was hat Bahá'u'lláh erreicht?« Dann antwortet ihnen: »Sein Werk sind wir. Er hat uns unterwiesen.«

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17. November 1912 Ansprache in der Genealogical Hall 252 West Fifty-eighth Street, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney Dies ist ein gesegnetes Treffen, denn diese geschätzten Seelen sind in völliger Einigkeit und klarer bewusster Absicht zusammengekommen. Es ist ein Ereignis, das mir große Freude bereitet. Vor mir sind Gesichter, aus denen die frohe Botschaft Gottes hervorstrahlt, Herzen, die im Feuer der Liebe Gottes erglühen, Ohren, die auf die Melodien des Königreichs eingestimmt sind, und Augen, die von den göttlichen Zeichen und Beweisen erleuchtet sind. Für alles Erschaffene gibt es eine Stufe der Reife. Im Leben eines Baumes beginnt die Reifezeit, wenn er Früchte trägt. Eine Pflanze hat ihre Reifezeit, wenn sie blüht. Das Tier erreicht eine Stufe, da es ausgewachsen und voll entwickelt ist, und der Mensch in seiner Welt erlangt seine Reife, wenn sein Geist in hellstem Licht erstrahlt und höchst entwickelt ist. Vom Anfang bis ans Ende seines Lebens durchlebt der Mensch Phasen oder Stufen, die jeweils durch ihre eigenen Lebensbedingungen gekennzeichnet sind. So entsprechen etwa der Zustand und die Anforderungen in der Kindheit dem jeweiligen Grad geistiger Entwicklung und Fassungskraft. Nach einiger Zeit beginnt die Jugendphase, in der die bisherigen Lebensumstände und Bedürfnisse gemäß seiner Entwicklung durch neue Rahmenbedingungen abgelöst werden. Seine Beobachtungsgabe erweitert und verfeinert sich; die Fähigkeiten des Verstandes werden geweckt und geschult; die Begrenzungen und das Umfeld der Kindheit schränken nicht länger seine Kräfte und sein Leistungsvermögen ein. Schließlich verlässt der Mensch die Jugendphase und tritt in das Stadium der Reife ein, was weiteren Wandel und einen entsprechenden Fortschritt in seinem Alltagsleben erfordert. Neue Kräfte und Einsichten bestimmen sein Leben, passend zu seiner Entwicklung nehmen nun Unterricht und Ausbildung seinen Verstand in Anspruch; besondere Gaben und Segnungen werden ihm entsprechend seiner wachsenden Fähigkeiten zuteil und die Lebensweise seiner bisherigen Jugendzeit passt nicht mehr zu seiner gereiften Sichtweise und Vorstellungskraft. Im Leben der Menschheit als Ganzes gibt es ähnliche Phasen und Stadien. Zunächst durchlief sie das Stadium der Kindheit, dann das ihrer Jugendzeit, aber nun ist sie in ihre lang verheißene Reifezeit eingetreten, deren Zeichen und Beweise überall sichtbar und offenkundig sind. Deshalb haben sich die Erfordernisse und Gegebenheiten vergangener Phasen gewandelt und sind in die Anforderungen übergegangen, die das gegenwärtige Zeitalter der Menschheit eindeutig kennzeichnen. Was den Bedürfnissen des Menschen in der Frühgeschichte angemessen war, kann den Anforderungen des heutigen Tages und dieser Zeit der Erneuerung und Vollendung weder entsprechen noch genügen. Die Menschheit ist ihrem früheren Zustand der Begrenztheit und der vorbereitenden Erziehung entwachsen. Jetzt müssen neue Tugenden und Kräfte, eine neue Ethik und neue Fähigkeiten den Menschen durchdringen. Neue Gnadengaben, Segnungen und Vollkommenheiten stehen bereit und umgeben ihn bereits. Waren die Gaben und Segnungen der Jugendzeit auch für die Zeit des Heranreifens der Menschheit angemessen und ausreichend, so können sie doch den Anforderungen ihrer jetzigen Reife nicht genügen. Das Spielzeug aus der Kindheit genügt dem Geist des Erwachsenen nicht länger und interessiert ihn nicht mehr. Die Menschheit erlebt in jeder Hinsicht eine Neugestaltung. Die Gesetze früherer Regierungen und Zivilisationen werden überarbeitet; wissenschaftliche Ideen und Theorien entwickeln und entfalten sich, um eine Reihe neuer Phänomene zu erklären; Erfindungen und Entdeckungen dringen in bisher unbekannte Bereiche vor und enthüllen neue Wunder und verborgene Geheimnisse des stofflichen Universums; Industriezweige sind in weit mehr Bereichen und mit höherer Produktivität tätig; überall befindet sich die Menschheit in evolutionären Geburtswehen, was darauf hindeutet, dass die bisherigen Verhältnisse sich ändern und das neue Zeitalter der Erneuerung anbricht. Alte Bäume tragen keine Früchte; alte Ansichten und Methoden sind jetzt überholt und wertlos. Alte ethische Normen, Moralvorstellungen und Lebensweisen der Vergangenheit sind für das gegenwärtige Zeitalter des Fortschritts und der Entwicklung nicht mehr ausreichend. Auch in der Religion ist dies das Zeitalter der Reife und Erneuerung. Dogmatische Nachahmungen überkommener Glaubensvorstellungen verschwinden. Sie waren die Achse, um die die Religion kreiste, tragen aber keine Früchte mehr. Im Gegenteil, heute sind sie die Ursache der Erniedrigung und Behinderung der Menschen. Engstirnigkeit und dogmatisches Festhalten an alten Überzeugungen sind zur Hauptquelle für Feindseligkeit unter den Menschen geworden, zum Hindernis für den Fortschritt der Menschheit, zur Ursache von Krieg und Streit. Sie zerstören Frieden, Ruhe und Wohlergehen in der Welt. Bedenkt die heutigen Zustände auf dem Balkan: Väter, Mütter, Kinder trauern und klagen. Durch die verheerenden Kriegsfolgen sind die Lebensgrundlagen zerstört, Städte verwüstet und fruchtbares Land verödet. Diese Zustände sind das Ergebnis von Feindschaft und Hass zwischen Nationen und religiösen Völkern, die Bräuche nachahmen, daran festhalten und somit Geist und Wirklichkeit der göttlichen Lehren verletzen. Das ist wahr und offensichtlich, doch es ist ebenso offenkundig, dass der Herr der Menschheit in diesem Jahrhundert der Reife und Vollendung der Welt unendliche Gnadengaben beschert hat. Das Meer göttlicher Barmherzigkeit wogt, die Frühlingsschauer kommen herab, die Sonne der Wahrheit scheint in Herrlichkeit. In diesem gnadenreichen Zeitalter wurden himmlische Lehren für die Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen offenbart. Diese Umgestaltung und Erneuerung der grundlegenden Wirklichkeit der Religion bildet den wahren und maßgeblichen Geist der Moderne, das unverkennbare Licht der Welt, den offenbaren Glanz des Wortes Gottes, das göttliche Heilmittel für alle menschlichen Leiden und die Gabe des ewigen Lebens für die ganze Menschheit. Bahá'u'lláh, die Sonne der Wahrheit, ist am östlichen Horizont aufgegangen und hat alle Gebiete mit unvergänglichem Licht und Leben erfüllt. Seine Lehren, die den göttlichen Geist dieses Zeitalters verkörpern, zugeschnitten auf die Reifezeit im Leben der Menschheit, sind: Die Einheit der Menschheit. Schutz und Führung durch den Heiligen Geist. Die Grundlage aller Religionen ist eine einzige. Religion muss die Ursache der Einheit sein. Religion muss im Einklang mit Wissenschaft und Vernunft stehen. Die selbstständige Erforschung der Wahrheit. Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Aufgabe aller zwischenmenschlichen Vorurteile. Weltfrieden. Bildung für alle. Eine Weltsprache. Lösung der wirtschaftlichen Fragen. Ein internationaler Gerichtshof. Jeder, der aufrichtig sucht und gerecht denkt, wird zugeben, dass die derzeitigen Lehren, die rein menschlichen Quellen und menschlicher Autorität entspringen, zu Schwierigkeiten und Zwietracht unter den Menschen führen, ja die Menschheit zerstören. Die Lehren Bahá'u'lláhs hingegen sind das wahre Heilmittel für die kranke Welt, das Heilmittel für alle Bedürfnisse und Lebensumstände. In ihnen finden wir die Erfüllung allen Sehnens und Strebens, die Ursache des Glücks der Menschheit, die belebende Kraft und Erleuchtung des Geistes, den Anstoß zu Fortschritt und Höherentwicklung, die Grundlage der Einheit aller Völker, den Urquell der Liebe zwischen den Menschen, den Mittelpunkt der Übereinstimmung, das Werkzeug für Frieden und Einklang, das eine Band, das Ost und West vereinen wird. Auf jede Nacht folgt ein neuer Morgen.

Gottes höchste Weisheit bestimmt, dass immer dann, wenn die Dunkelheit religiösen Haders und Hasses, die Finsternis religiöser Unwissenheit, Aberglaube und blinde Nachahmung die Welt umfassen, die Sonne der Wahrheit aufgehen wird, der Geist der Wahrheit sich offenbart und in den Herzen der Menschen widerspiegelt.

Zu einer solchen Zeit erschien Bahá'u'lláh am Horizont des Ostens.

Fünfzig Jahre lang ertrug Er größte Entbehrungen und Qualen, während Er sich unentwegt bemühte, die Finsternis religiöser Verhältnisse zu zerstreuen, die Ursache für Feindschaft und Hass zu beseitigen und die Menschheit durch das Aufleuchten der herrlichen frohen Botschaft und durch den Posaunenschall des himmlischen Rufs vom Lager der Nachlässigkeit und der Achtlosigkeit zu erwecken.

Der Verbreitung dieser Botschaft weihte Er Sein Leben und ertrug jeden Schicksalsschlag. … Immer drohte Ihm das Schwert – dennoch erhob Er das Banner göttlicher Lehren und erfüllte die Welt des Ostens mit strahlendem Glanz.

Überall im Orient ist heute das Licht der himmlischen Frohen Botschaft sichtbar, ist der göttliche Ruf zu hören, leuchtet der Glanz der Sonne der Wahrheit, ergießt sich der kostbare Regen aus den Wolken der Barmherzigkeit und verleiht der Odem des Heiligen Geistes den Herzen der Menschen neues Leben.

Bald wird die Dunkelheit gänzlich weichen, und die Regionen des Ostens werden vollständig erleuchtet sein.

Feindschaft, Hass, Unwissenheit und Engstirnigkeit werden nicht länger bestehen.

Die satanischen Mächte, die die Gleichheit der Menschen und die religiöse Einheit zerstören, werden entthront, und die Nationen werden in Frieden und Harmonie unter dem alles beschirmenden Banner der Einheit der Menschheit wohnen.

Daher flehen wir zum Herrn, unserem Gott, und bitten mit aufrichtigem und reuigem Herzen um Hilfe und Beistand bei der Verwirklichung dieses gewaltigen Zieles: dass die Nationen im Wort Gottes vereint werden; dass Krieg, Feindschaft und Hass zwischen Völkern, Religionen, Heimatländern und Konfessionen verschwinden und für immer vergessen werden; und dass Völker und Nationen einander im unauflöslichen Band und der Macht der Liebe Gottes geistig umarmen werden.

Dann wird die Menschenwelt erstrahlen, und die Menschheit wird sich in vollem Maße der Gunst göttlicher Gaben erfreuen.

Solange religiöse Zwietracht und Feindschaft unter den Menschen fortdauern, wird die Menschheit weder Glück noch Erholung noch Ruhe finden. Betet zu Gott um Beistand bei diesem himmlischen Unterfangen, damit die Menschenwelt vor der Heimsuchung durch Unwissenheit, Blindheit und geistigen Tod bewahrt werde. Dann werdet ihr sehen, wie überall Licht über Licht, Freude über Freude und vollkommenes Glück herrschen, wie die Anhänger der Religionen in Harmonie und Glückseligkeit miteinander verkehren, diese Welt in ihrer Reife zum Spiegel des ewigen Königreichs und diese irdische Wohnstätte des Menschen wahrhaft zum Paradies Gottes wird. Betet dafür! Betet dafür! O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, Du siehst, wie sich alle, die hier versammelt sind, Dir zuwenden und auf Dich vertrauen. O mein Herr! O mein Herr! Erleuchte ihre Augen mit dem Licht der Liebe und entflamme ihre Herzen mit den Strahlen, die aus dem Reich der Himmlischen Heerscharen strömen. Gewähre ihnen, dass sie zu Zeichen Deiner Gnadengaben und zu Bannern Deiner Gunst unter den Menschen werden. O Herr! Mache die hier Anwesenden zu Heerscharen des Himmels, lass sie durch ihren Dienst zum Mittel werden, um die Herzen der Menschen zu erobern. Lass Deine erhabene Barmherzigkeit auf sie herabkommen und mache alle Deine Freunde siegreich. Führe sie, dass sie sich Deinem Reich der Barmherzigkeit zuwenden und Deinen Namen unter den Menschen verkünden. Mögen sie die Menschen zur Gnade Deiner größten Führung geleiten. O Herr! O Herr! Wirf den Blick Deiner Barmherzigkeit auf sie alle. O Herr! O Herr! Gewähre Ihnen die Schönheit Deiner Heiligkeit in Deinem Reich der Ewigkeit. O Herr! O Herr! Beschütze sie in jeder Prüfung, lass sie sicher auf dem Pfade Deiner Liebe schreiten und hilf ihnen, in Deiner Sache wie mächtige Berge zu sein, sodass ihr Glaube nimmer wanke, ihre Sicht sich weder trübe noch sie daran gehindert werden, das Licht zu erkennen, das aus Deinem höchsten Reiche hervorgeht. Wahrlich, Du bist der Freigebige. Du bist der Allmächtige. Wahrlich, Du bist der Gütige, der Barmherzige.

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18. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Frank K. Moxey 575 Riverside Drive, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Ich danke Gott für diese Begegnung mit euch. Von außen betrachtet sind solche Treffen undenkbar, denn wir sind aus dem Orient, während ihr aus dem Okzident seid. Zwischen uns gibt es keine patriotische, sprachliche, ethnische, kommerzielle oder politische Beziehung. Zwischen uns gibt es kein weltliches Band, keine Verbindung irgendeiner Art, die eine solche Zusammenkunft rechtfertigen würde. Die Liebe Gottes hat uns zusammengeführt, und das ist das beste aller Mittel und Motive. Jede andere freundschaftliche Verbindung ist in ihrer Wirkkraft begrenzt, aber eine auf der Liebe Gottes beruhende Gemeinschaft ist unbegrenzt, immerwährend, göttlich und strahlend. Darum müssen wir Gott dankbar sein, dass Er uns in Liebe und Eintracht zusammengeführt hat. Wir müssen Ihn preisen, dass Er eine solche Nähe zwischen uns geschaffen hat, dass Menschen aus dem fernen Orient mit den Geliebten aus dem Westen in höchster Harmonie zusammenkommen. Sicherlich gibt es für alles eine allumfassende Weisheit, insbesondere für die großen und wichtigen Dinge des Lebens.

Das größte und wichtigste Ereignis in der Menschenwelt ist die Offenbarung Gottes und das Herabkommen des göttlichen Gesetzes.

Die heiligen, göttlichen Manifestationen haben sich nicht offenbart, um eine Nation, Sekte oder Splittergruppe zu gründen.

Sie sind nicht erschienen, damit eine bestimmte Anzahl von Menschen Ihre Prophetenschaft anerkennt.

Sie haben Ihre himmlische Sendung und Botschaft nicht verkündet, um das Fundament einer bestimmten religiösen Glaubensrichtung zu legen.

Auch Christus offenbarte sich nicht, nur damit wir an Ihn als den Christus glauben, Ihm nachfolgen und Sein Gedenken verherrlichen.

All dies ist in Umfang und Anspruch begrenzt, während die Wirklichkeit Christi ihrem Wesen nach unbegrenzt ist.

Die unendliche und unbegrenzte Wirklichkeit kann durch keinerlei Begrenzung eingeschränkt werden.

Nein, Christus ist vielmehr gekommen, um die Menschheit zu erleuchten, um die irdische Welt himmlisch werden zu lassen, um aus dem Menschenreich ein Reich der Engel zu machen, um die Herzen zu vereinen, um das Licht der Liebe in den Seelen der Menschen zu entzünden, damit diese Seelen unabhängig werden, zur vollkommenen Einheit und Verbundenheit gelangen, sich Gott zuwenden, in das göttliche Reich eintreten, die Gaben und Gnaden Gottes empfangen und am himmlischen Manna teilhaben.

Durch Christus sollten sie mit dem Heiligen Geist getauft werden, einen neuen Geist und das ewige Leben erlangen.

Alle heiligen Gebote und die Verkündigung der Gesetze der Propheten dienten diesen vielfältigen himmlischen Absichten.

Darum danken wir Gott, dass, auch wenn keine irdische Verbindung zwischen uns besteht, gottlob geistige und göttliche Bande uns vereinen.

Wir haben uns zu diesem Treffen versammelt und erwarten sehnsüchtig das Erscheinen der göttlichen Gaben. In vergangenen Jahrhunderten haben die Völker der Welt geglaubt, das Gesetz Gottes verlange die blinde Nachahmung überlieferter Bräuche des Glaubens und des Gottesdienstes.

So waren die Juden gefangen in der Befolgung überlieferter, volksbezogener religiöser Bräuche.

Die Muslime waren ebenfalls gefangen in traditionellen Bräuchen und Zeremonien.

Auch die Christen folgten bedingungslos alten Traditionen und überkommenen Lehren.

Gleichzeitig wurde das Prinzip der Liebe, Einheit und Verbundenheit unter den Menschen, das seit je die Grundvoraussetzung der Religion Gottes war, aufgegeben und verworfen.

Jedes religiöse System klammerte sich an die Nachahmung überlieferter Bräuche, als wäre das von größter Wichtigkeit.

So entstanden Hass und Feindschaft in der Welt, statt der göttlichen Früchte Einheit und Liebe.

Aus diesem Grund war es den Gläubigen der Religionen unmöglich, einander in Verbundenheit und Übereinstimmung zu begegnen.

Schon der Kontakt und das Gespräch wurden als verunreinigend angesehen, und das Ergebnis waren völlige Entfremdung und Fanatismus auf beiden Seiten.

Die wesentliche Grundlage der Wahrheit wurde nicht untersucht.

Jemand, dessen Vater Jude war, erwies sich immer als Jude, ein Muslim wurde als Muslim geboren, ein Buddhist war aufgrund des Glaubens seines Vaters Buddhist und so weiter.

Kurz, die Religion war ein Erbe, das vom Vater an den Sohn, von den Vorfahren an die Nachkommen weitergegeben wurde, ohne dass die zugrunde liegende Wahrheit erforscht wurde.

In der Folge waren alle Gläubigen in geistige Schleier gehüllt, umnebelt und uneins. Preis sei Gott!

Wir leben in diesem strahlenden Jahrhundert, in dem sich die menschliche Wahrnehmung entwickelt hat und die Menschheit sich dadurch auszeichnet, dass sie die wahren Grundlagen erforscht.

Einzeln und gemeinschaftlich erforscht und durchdringt der Mensch die Wirklichkeit der inneren und äußeren Verhältnisse.

Aus diesem Grund haben wir uns von jeglicher blinden Nachahmung verabschiedet und erforschen unvoreingenommen und eigenständig die Wahrheit.

Machen wir uns deutlich, was die Wahrheit der göttlichen Religionen ausmacht.

Legt ein Christ traditionelle Bräuche und blinde Nachahmungen von Zeremonien ab und erforscht die Wahrheit der Evangelien, dann wird er entdecken, dass die Grundprinzipien der Lehren Christi in Barmherzigkeit, Liebe, Freundschaft, Nächstenliebe und Uneigennützigkeit bestanden, im Strahlenglanz göttlicher Gaben, im Empfangen des Odems des Heiligen Geistes und darin, im Einklang mit Gott zu sein.

Er wird auch erfahren, dass Christus gesagt hat, der Vater »lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.« Der Sinn dieser Aussage ist, dass die Barmherzigkeit Gottes die ganze Menschheit umgibt, dass kein einziger Mensch von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen ist und dass keiner Seele die strahlenden Gaben Gottes vorenthalten werden.

Die ganze Menschheit ist eingetaucht in das Meer der Gnade Gottes, und wir alle sind die Schafe des einen göttlichen Hirten.

Alle Mängel, die bei uns vorhanden sind, müssen behoben werden.

Beispielsweise müssen die Unwissenden unterwiesen werden, damit sie weise werden; die Kranken müssen behandelt werden, bis sie genesen; die Unreifen müssen erzogen werden, damit sie Reife erlangen; die Schlafenden müssen erweckt werden.

All dies muss durch Liebe erreicht werden und nicht durch Hass und Feindschaft.

Darüber hinaus bezog sich Jesus Christus auch auf die Prophezeiung Jesajas und sprach von denen, die Augen haben, aber nicht sehen, Ohren haben, aber nicht hören, Herzen haben, aber nicht verstehen – sie alle sollten geheilt werden.

Es ist also offensichtlich, dass die Gaben Christi das blinde Auge sehend, das taube Ohr hörend und das harte, gefühllose Herz zart und empfindsam machten.

Mit anderen Worten:

Obwohl die Menschen äußerlich Augen besitzen, ist die Einsicht oder Wahrnehmung der Seele blind; obwohl das äußere Ohr hört, ist das geistige Gehör taub; und obwohl sie fühlende Herzen haben, sind diese nicht erleuchtet; und die Gaben Christi befreien die Seelen aus diesem Zustand.

Es ist also offensichtlich, dass die Offenbarung des Messias gleichbedeutend war mit allumfassender Gnade.

Seine Fürsorge war allumfassend und Seine Lehren waren für alle bestimmt.

Sein Licht war nicht auf einige wenige beschränkt.

Jeder ›Christus‹ ist für die ganze Menschheit gekommen.

Wir müssen daher die Grundlage der göttlichen Religion erforschen, ihre Wahrheit entdecken, sie wieder aufbauen und ihre Botschaft in aller Welt verbreiten, damit sie zur Quelle der Erleuchtung und Aufklärung für die Menschheit wird, damit die geistig Toten belebt werden, die geistig Blinden Sehvermögen erlangen und diejenigen, die gegenüber Gott unaufmerksam sind, erweckt werden. Die Lehren und Gebote der göttlichen Religionen sind von zweierlei Art. Die ersten sind geistiger und wesentlicher Natur – wie der Glaube an Gott, der Glaube an Christus, der Glaube an Moses, der Glaube an Abraham, der Glaube an Muḥammad, die Liebe zu Gott und die Einheit der Menschheit. Diese göttlichen Prinzipien sollen in der ganzen Welt verbreitet werden. Streit und Feindschaft werden verschwinden, Unwissenheit, Hass und Feindseligkeit werden enden und die ganze Menschheit wird miteinander verbunden sein. Die zweite Art von Geboten und Lehren betrifft die äußeren Verhältnisse und Vorgänge in der Menschenwelt. Sie sind die unwesentlichen, veränderlichen oder zeitbezogenen Gesetze für menschliche Angelegenheiten, die je nach den Erfordernissen von Zeit und Ort einem Wechsel und Wandel unterliegen. So war beispielsweise die Ehescheidung zu Moses Zeit erlaubt, zur Zeit Christi jedoch verboten. In der Thora gibt es zehn Gebote zur Bestrafung von Mord, die in der heutigen Zeit und unter den heutigen Gegebenheiten nicht durchsetzbar wären. So werden diese unwesentlichen, zeitbezogenen Gesetze aufgehoben und ersetzt, um den Erfordernissen und Anforderungen nachfolgender Zeitalter gerecht zu werden. Aber die Anhänger der göttlichen Religionen haben sich von den wesentlichen und unwandelbaren Grundsätzen und Geboten im Wort Gottes abgewandt, und haben damit jene grundlegenden Wirklichkeiten aufgegeben, die mit dem wahren, ewigen Leben der Menschen zusammenhängen – nämlich Liebe zu Gott, Glaube an Gott, Menschenfreundlichkeit, Erkenntnis, geistige Wahrnehmung, göttliche Führung. Sie hielten dies alles für zufallsbedingt und unwesentlich, während sie sich darüber zankten und stritten, ob nun Ehescheidung rechtmäßig sei oder nicht, oder ob die Einhaltung dieses oder jenes untergeordneten Gesetzes rechtgläubig und richtig sei. Die Juden halten die Ehescheidung für rechtmäßig, die katholischen Christen für unrechtmäßig; das Ergebnis sind Zwietracht und Feindschaft zwischen ihnen. Wenn sie die eine fundamentale Wahrheit erforschten, die den Gesetzen von Moses und von Christus zugrunde liegt, würde sich dieser Zustand des Hasses und der Missverständnisse auflösen und göttliche Einheit herrschen. Christus gebot, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn wir auf die rechte Wange geschlagen werden. Seht, was derzeit auf dem Balkan geschieht. Welche Übereinstimmung mit den Lehren Christi sehen wir in dieser herzzerreißenden Situation? Hat nicht der Mensch das göttliche Gebot Christi völlig vergessen und aufgegeben? In der Tat sind solche Zwietracht und Kriege Beweis für die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der unwesentlichen Vorschriften und Gesetze religiösen Glaubens. Nur die Erforschung der einen grundlegenden Wahrheit und die Beachtung der wesentlichen, unwandelbaren Prinzipien des Wortes Gottes können Einheit und Liebe in den Menschenherzen schaffen. Im neunzehnten Jahrhundert herrschte im ganzen Orient geistige Finsternis, und die Religionen waren in einem Meer blinder Nachahmung und des Festhaltens an überkommenen Bräuchen versunken.

Es gab keine Spur der wesentlichen Grundlage göttlicher Offenbarung.

Deshalb war die Menschheit von Feindseligkeit und Hass durchdrungen.

Zwietracht, Groll und Krieg quälten die Menschen.

Blut bedeckte den Horizont der östlichen Welt.

Anstelle von Gemeinschaft und Eintracht war die Religion zur Ursache des Hasses geworden, anstelle von Einheit erzeugte sie Zwietracht, Feindschaft und Streit.

Die Lage war ähnlich wie heute auf dem Balkan, wo es scheint, als wäre die Grundlage der göttlichen Religion Krieg und Konflikt, wobei die Anhänger der einen Religion die andere ausrotten und vernichten wollen und die Anhänger beider vom fanatischen Drang zu töten besessen sind.

Sie halten den Pfad zum Wohlgefallen Gottes für einen Pfad des Blutes und wähnen, je mehr ein Gläubiger tötet, desto näher kommt er Gott.

Das sind Folgen blinder Nachahmung.

Wie düster und zerstörerisch sind solche Folgen für die Menschheit!

Wenn dies die Grundlage der göttlichen Religion wäre, so wäre es besser, ohne sie zu sein, denn nicht einmal die Ungläubigen vergießen so viel Blut und sind einander so feindlich gesinnt.

Die Kräfte der Feindschaft und des Streites sind die Götzen unserer Zeit, und was zur Erleuchtung und Besserung der Welt hätte beitragen sollen, ist zur Ursache tiefer Finsternis und Erniedrigung verkommen. Um es zusammenzufassen: Bedenkt, wie blinde Nachahmung den Orient auf ähnliche Weise in Dunkelheit hüllte. Zu dieser Zeit erschien Bahá'u'lláh am östlichen Horizont wie die Herrlichkeit der Sonne. Er erneuerte die Grundlage der Religionen Gottes, zerstörte das blinde Festhalten an überkommenen Bräuchen und stiftete an ihrer Stelle Liebe und geistige Gemeinschaft, sodass kein Streit, keine Zwietracht oder Feindschaft übrig blieben. Diese Aussöhnung der verschiedenen Konfessionen ist deutlich sichtbar. Sie leben jetzt in Liebe und Einheit zusammen. Wenn ihr an einer ihrer Versammlungen teilnehmen würdet, könntet ihr erkennen, dass sie zu einem Volk, einem Heimatland, einer Religion geworden sind, dass sie in Verbundenheit und Eintracht miteinander umgehen. Preis sei Gott! Diese blinden Nachahmungen und diese Dunkelheit haben aufgehört zu existieren, und die Wahrheit der Einheit der Menschheit wurde allen vor Augen geführt. Ich halte das amerikanische Volk für ein sehr kultiviertes und intelligentes Volk, ein Volk, das die Wahrheit und die Wirklichkeit erforscht. Ich hoffe, dass sich durch die Bemühungen dieser edlen Nation das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheit stetig weiterentwickelt, dass die Erleuchtung in der Menschheit sich weit ausbreitet, dass das Banner des Weltfriedens erhoben wird, dass die Lampe der Einheit der Menschheit entzündet wird und die Herzen des Ostens und des Westens sich verbinden. Dann wird die Wahrheit der göttlichen Religionen strahlen und leuchten; sie werden zeigen, dass sie dazu bestimmt waren, Einheit und Liebe zu bewirken, und dass durch sie himmlische Gaben seit jeher Licht in die Menschenwelt gebracht haben.

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23. November 1912 Ansprache beim Bankett im Great Northern Hotel 118 West Fifty-seventh Street, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney Weltweit gibt es zahllose Treffen und Zusammenkünfte, die mehr oder weniger bedeutende Beiträge zum Fortschritt der Menschheit leisten, aber in ihren Absichten und Zielen auf materielle Fragen und Ergebnisse beschränkt sind. Sie sind politisch, kommerziell oder auf Bildung ausgerichtet; sie versuchen, wirtschaftlichen Fortschritt voranzubringen, landwirtschaftliche Vorhaben zu unterstützen, die wissenschaftliche Forschung zu fördern und Entdeckungen zu erleichtern; sie sorgen für den Aufbau neuer Institutionen, planen finanzielle Maßnahmen und einigen sich auf Gesetze zur Regulierung bürgerlicher und sozialer Angelegenheiten. Solche Zusammenkünfte sind nützlich, aber ihr Einfluss und ihre Ziele gehen nicht über das materielle Wohlergehen und die Regierungsgeschäfte der Menschheit hinaus – das heißt, sie dienen der materiellen Zivilisation. Eure Zusammenkunft heute Abend hat einen ganz anderen Charakter.

Sie ist eine allumfassende Versammlung; sie verfolgt himmlische und göttliche Ziele, denn sie dient der Einheit der Menschheit und dem Weltfrieden.

Sie ist dem Zusammengehörigkeitsgefühl und der Verbundenheit zwischen allen Menschen, dem geistigen Wohl der Menschheit, der Einheit religiöser Überzeugungen durch die Erkenntnis Gottes und der Versöhnung religiöser Lehren mit den Grundsätzen der Wissenschaft und Vernunft gewidmet.

Sie fördert Liebe und Vereinigung unter allen Menschen, trachtet danach, die Schranken, die die menschliche Familie trennen, zu beseitigen und niederzureißen, verkündet die Gleichberechtigung von Mann und Frau, vermittelt göttliche Gebote und Ethik, erleuchtet und belebt den Geist durch himmlische Erkenntnis, zieht die unendlichen Gaben Gottes an, beseitigt rassistische, nationale und religiöse Vorurteile und errichtet die Grundlage des himmlischen Königreiches in den Herzen aller Völker und Nationen.

Das Ergebnis einer solchen Versammlung ist die Förderung der göttlichen Gemeinschaft und die Stärkung des Bandes, das die Herzen zusammenhält und vereint.

Dies ist das unzerstörbare geistige Band, das Ost und West verbindet.

Durch dieses Band werden die Wurzeln des Rassismus ausgerissen und vernichtet, wird das Banner geistiger Demokratie gehisst, wird die Religion von überholten Glaubensvorstellungen und der Nachahmung überkommener Bräuche gereinigt und wird die Einheit der allen Religionen zugrundeliegenden Wahrheit offenbart und enthüllt.

Denn eine solche Zusammenkunft beruht auf dem Fundament der Gesetze Gottes.

Mit ihrem starken geistigen Band vereint sie somit alle Religionen und versöhnt alle Sekten, Konfessionen und Gruppierungen durch Wohlwollen und gegenseitige Liebe.

Auf diese Weise und durch eine solche Zusammenkunft werden die Ursachen von Feindseligkeit, Hass und Fanatismus beseitigt, und Feindschaft und Zwietracht werden gänzlich verschwinden.

Jede begrenzende und einschränkende Bewegung oder Begegnung aus rein persönlichem Interesse ist menschlicher Natur.

Jede allumfassende Bewegung von unbegrenzter Reichweite und Zielsetzung ist göttlich.

Die Sache Gottes schreitet immer und überall voran, wo ein allumfassendes Zusammentreffen unter den Menschen stattfindet. Darum bemüht euch, dass eure Einstellungen und Vorsätze heute Abend allumfassend und selbstlos sind. Widmet euch der Besserung der Welt und dem Dienst an der ganzen Menschheit. Lasst keine Barriere aus Missgunst oder persönlichen Vorurteilen zwischen euch bestehen, denn wenn eure Beweggründe allumfassend und eure Absichten himmlisch sind, wenn eure Bestrebungen auf das Königreich gerichtet sind, besteht kein Zweifel daran, dass ihr zu Empfängern der Gnade und des Wohlgefallens Gottes werdet. Diese Versammlung ist wahrhaftig die edelste und würdigste aller Versammlungen auf der Welt, da ihr geistige und allumfassende Ziele zugrunde liegen. Ein solches Gastmahl und eine solche Versammlung erfordern die aufrichtige Hingabe aller Anwesenden und ziehen den Segen Gottes an. Seid daher gewiss und zuversichtlich, dass Gottes Unterstützung auf euch herabkommen wird, euch der Beistand Gottes gewährt wird; der Odem des Heiligen Geistes euch mit neuem Leben erfüllen wird; die Sonne der Wahrheit herrlich auf euch scheinen wird und die duftenden Brisen der Rosengärten der göttlichen Barmherzigkeit durch die Fenster eurer Seelen wehen werden. Seid zuversichtlich und standhaft; eure Dienste werden durch die Macht des Himmels unterstützt, denn eure Absichten sind erhaben, eure Ziele rein und ehrenwert. Gott steht jenen Seelen bei, deren Ziel es ist, der Menschheit zu dienen und deren Bemühungen und Anstrengungen auf das Wohl und die Veredelung der ganzen Menschheit gerichtet sind.

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29. November 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Heute Abend möchte ich über das Geheimnis des Opfers sprechen. Es gibt zwei Arten von Opfer, das stoffliche und das geistige. Die Erklärung der Kirchen zu diesem Thema ist in Wirklichkeit Aberglaube. Zum Beispiel steht im Evangelium geschrieben, dass Christus sagte: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.« Er sagte auch: »[Dieser Wein] ist mein Blut …, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Diese Verse wurden von den Kirchen in so abergläubischer Weise ausgelegt, dass die menschliche Vernunft diese Erklärung unmöglich verstehen oder annehmen kann. Sie sagen, dass Adam Gottes Gebot nicht gehorchte, von der Frucht des verbotenen Baumes aß und dadurch eine Sünde beging, die als Erbe an Seine Nachkommen weitergegeben wurde. Sie lehren, dass aufgrund der Sünde Adams alle Seine Nachkommen ebenfalls eine Übertretung begangen haben und erbschaftsbedingt dafür verantwortlich sind; dass folglich die gesamte Menschheit Strafe verdient und dafür büßen muss; und dass Gott Seinen Sohn als Opfer aussandte, damit dem Menschen vergeben werde und die Menschheit von den Folgen der Übertretung Adams erlöst wird. Betrachten wir diese Aussagen vom Standpunkt der Vernunft. Könnten wir uns vorstellen, dass Gott, Der die Gerechtigkeit selbst ist, die Nachkommen Adams für Adams eigene Sünde und seinen Ungehorsam bestraft? Sähen wir einen Gouverneur, einen irdischen Herrscher, der für das Fehlverhalten eines Vaters dessen Sohn bestraft, würden wir sogar diesen Herrscher für einen ungerechten Mann halten. Nehmen wir an, der Vater hätte ein Unrecht begangen – welches Unrecht hat dann der Sohn begangen? Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den beiden. Adams Sünde war nicht die Sünde Seiner Nachkommen, zumal Adam tausend Generationen vor unserer Zeit lebte. Wenn der Vorvater von tausend Generationen eine Sünde begangen hat, ist es dann gerecht, zu verlangen, dass die heutige Generation die Folgen davon trägt? Wir sollten noch andere Fragen und Beweise in Betracht ziehen: Abraham war eine Manifestation Gottes und ein Nachkomme Adams; auch Ismael, Isaak, Jeremia und die ganze Reihe von Propheten, einschließlich David, Salomo und Aaron, gehörten zu Seinen Nachkommen. Wurden alle diese Heiligen dazu verdammt, bestraft zu werden – wegen der Tat eines Urvaters, also für einen Fehler, von dem es heißt, ihr gemeinsamer ferner Vorfahre Adam habe ihn begangen? Es wird erklärt, dass mit dem Kommen Christi und indem Er sich selbst opferte, alle heiligen Propheten vor Ihm frei von Sünde und Strafe wurden. Nicht einmal ein Kind könnte so etwas behaupten. Diese Auslegungen und Erklärungen beruhen auf einem falschen Verständnis der Bibelaussagen. Um die wirkliche Bedeutung eines Opfers zu verstehen, sollten wir über die Kreuzigung und den Tod Jesu Christi nachdenken. Es ist wahr, dass Er Sich für uns geopfert hat. Aber was bedeutet das? Als Christus erschien, wusste Er, dass Er Sich mit seiner Verkündigung gegen alle Nationen und Völker der Erde stellen musste. Er wusste, dass die Menschheit sich gegen Ihn erheben und Ihm alle möglichen Leiden zufügen würde. Es besteht kein Zweifel, dass jemand, der einen Anspruch erhebt wie Christus, die Feindschaft der Welt auf sich ziehen und persönliche Misshandlung erleiden würde. Christus war Sich bewusst, dass man Sein Blut vergießen und Seinen Körper gewaltsam zerreißen würde. Obwohl Er wusste, was Ihm widerfahren würde, erhob Er Sich, Seine Botschaft zu verkünden, ertrug alle Trübsale und Qualen durch die Menschen und brachte schließlich Sein Leben als Opfer dar, um die Menschheit zu erleuchten – Er gab Sein Blut, um die Menschheit zu leiten. Alle Schwierigkeiten und Leiden nahm Er auf Sich, um die Menschen zur Wahrheit zu führen. Hätte Er Sein eigenes Leben retten wollen und wäre es nicht Sein Wunsch gewesen, Sich Selbst zu opfern, dann wäre Er nicht in der Lage gewesen, auch nur eine einzige Seele zu leiten. Es bestand kein Zweifel, dass Sein gesegnetes Blut vergossen und Sein Körper gebrochen werden würde. Trotzdem nahm diese Heilige Seele in Ihrer Liebe zur Menschheit Unglück und Tod auf Sich. Dies ist eine der Bedeutungen des Opfers. Was die zweite Bedeutung betrifft: Er sagte: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.« Es war nicht der Leib Christi, der vom Himmel herabkam. Sein Körper kam aus dem Mutterleib Mariens, aber die Vollkommenheit Christi kam vom Himmel herab; die Wirklichkeit Christi kam vom Himmel herab. Der Geist Christi und nicht der Leib kam vom Himmel herab. Der Leib Christi war menschlich. Es steht außer Frage, dass der stoffliche Körper aus dem Mutterleib Mariens geboren wurde. Aber die Wirklichkeit Christi, der Geist Christi, die Vollkommenheit Christi kamen alle vom Himmel. Indem Er also sagte, Er sei das Brot, das vom Himmel kam, meinte Er, dass die Vollkommenheit, die Er offenbarte, göttliche Vollkommenheit war, dass die Segnungen in Ihm himmlische Gaben und Geschenke waren, dass Sein Licht das Licht der Wahrheit war. Er sagte: »Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.« Das heißt: Wer diese göttliche Vollkommenheit, die in mir ist, aufnimmt, wird niemals sterben; wer Anteil hat an diesen himmlischen Segnungen, die ich verkörpere, wird ewiges Leben finden; wer dieses göttliche Licht in sich aufnimmt, wird ewig leben. Wie offensichtlich ist die Bedeutung! Wie einleuchtend! Denn die Seele, die göttliche Vollkommenheit erlangt und himmlische Erleuchtung in den Lehren Christi sucht, wird zweifellos ewig leben. Auch das ist eines der Geheimnisse des Opfers. Tatsächlich opferte sich auch Abraham; denn Er brachte der Welt himmlische Lehren und gab der Menschheit himmlische Speise. Die dritte Bedeutung des Opfers ist diese: Wenn man einen Samen in die Erde pflanzt, wird aus diesem Samen ein Baum entstehen. Der Same opfert sich für den Baum, der aus ihm hervorgeht. Äußerlich ist der Same verloren und zerstört, aber derselbe Same, der sich opfert, geht ganz in dem Baum, seinen Blüten, Früchten und Zweigen auf. Würde die Identität des Samens nicht für den Baum geopfert, der aus ihm entsteht, dann gäbe es keine Zweige, keine Blüten und keine Früchte. Christus ist äußerlich verschwunden. Seine persönliche Identität wurde vor den Augen verborgen, so wie die Identität des Samens verschwand. Aber die Gaben, die göttlichen Eigenschaften und die Vollkommenheit Christi zeigten sich in der christlichen Gemeinde, die Christus durch Seine Selbstaufopferung gründete. Wenn ihr den Baum betrachtet, seht ihr, dass sich die Vollkommenheit, der Segen, die Eigenschaften und die Schönheit des Samens in den Ästen, Zweigen, Blüten und Früchten offenbart haben. Der Same hat sich also dem Baum geopfert. Hätte er es nicht getan, wäre der Baum nicht entstanden. Christus hat sich wie der Same für den Baum des Christentums geopfert. Deshalb offenbarten sich Seine Vollkommenheit, Sein Segen, Seine Huld, Sein Licht und Seine Gnadengaben in der Christlichen Gemeinde, für deren Entstehung Er sich opferte. Die vierte Bedeutung des Opfers ist das Prinzip, dass eine Wirklichkeit ihre eigenen Merkmale opfert. Der Mensch muss sich von den Einflüssen der stofflichen Welt, von der Natur und ihren Gesetzen lösen; denn die materielle Welt ist die Welt des Verfalls und des Todes. Sie ist die Welt des Bösen und der Finsternis, des Tierischen und der Grausamkeit, der Blutrünstigkeit, des Ehrgeizes und der Habgier, der Selbstanbetung, der Selbstsucht und der Leidenschaft; es ist die Welt der Natur. Der Mensch muss sich von all diesen Unvollkommenheiten befreien; er muss diese Neigungen opfern, die der äußeren, stofflichen Welt des Seins zugehören. Andererseits muss der Mensch sich himmlische Eigenschaften aneignen und göttliche Merkmale annehmen. Er muss zum Ebenbild Gottes werden. Er muss nach ewigem Wohl streben, zur Verkörperung der Liebe Gottes werden, zum Licht der Führung, zum Baum des Lebens und zur Schatzkammer der Gnadengaben Gottes. Das bedeutet, dass der Mensch die Eigenschaften und Merkmale der Welt der Natur um der Eigenschaften und Merkmale der Welt Gottes willen opfern muss. Nehmen wir zum Beispiel den Werkstoff Eisen. Betrachtet seine Beschaffenheit: Es ist fest, schwarz und kalt. Das sind die Eigenschaften des Eisens. Wenn dasselbe Eisen die Hitze des Feuers aufnimmt, opfert es seine Festigkeit für den flüssigen Zustand. Es opfert seine Schwärze für das Leuchten, das eine Eigenschaft des Feuers ist. Es opfert seine Kälte für die Hitze des Feuers, sodass dem Eisen weder Festigkeit noch Schwärze noch Kälte bleiben. Es wird erleuchtet und verwandelt, da es seine Beschaffenheit der Beschaffenheit und den Eigenschaften des Feuers geopfert hat. In gleicher Weise opfert der Mensch die Merkmale und Gegebenheiten dieses sterblichen Reiches und offenbart die Vollkommenheit des Königreichs, wenn er von den Eigenschaften der natürlichen Welt gelöst und getrennt wird, ganz so wie die Eigenschaften des Eisens verschwanden und die Eigenschaften des Feuers an ihre Stelle traten. Jeder Mensch, der durch die Lehren Gottes unterwiesen und vom Licht Seiner Führung erleuchtet ist, der an Gott und Seine Zeichen glaubt und vom Feuer der Liebe zu Gott entflammt ist, opfert die Unvollkommenheiten der Natur um der göttlichen Vollkommenheit willen. Folglich steht jeder vollkommene, jeder erleuchtete, himmlische Mensch auf der Stufe des Opfertums. Ich hoffe, ihr werdet durch die Hilfe und Vorsehung Gottes und durch die Gaben des Königreiches Abhá völlig von den Unvollkommenheiten der Welt der Natur gelöst und von selbstsüchtigen menschlichen Begierden gereinigt, Leben aus dem Königreich Abhá empfangen und himmlische Gnaden erlangen. Möge das göttliche Licht auf euren Gesichtern erstrahlen, der Duft der Heiligkeit euch erfrischen und der Odem des Heiligen Geistes euch mit ewigem Leben beleben.

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2. Dezember 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney Dies sind die Tage meines Abschieds von euch, denn am Fünften dieses Monats werde ich mit dem Schiff abreisen. Wohin ich auch in diesem Land gegangen bin – ich bin immer wieder nach New York zurückgekehrt. Dies ist mein vierter oder fünfter Besuch hier, und nun verlasse ich die Stadt in Richtung Orient. Dieses Land noch einmal zu besuchen, wird schwierig für mich, es sei denn, es ist der Wille Gottes. Ich muss euch darum heute meine Weisungen und Empfehlungen darlegen – nichts anderes als die Lehren Bahá'u'lláhs. Ihr müsst der ganzen Menschheit vollkommene Liebe und Zuneigung entgegenbringen.

Erhebt euch nicht über andere, sondern betrachtet alle als Euresgleichen und als Diener des einen Gottes.

Wisset, dass Gott barmherzig zu allen ist.

Liebet darum alle von ganzem Herzen, zieht alle Gläubigen euch selbst vor, seid liebevoll zu den Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe, seid freundlich zu den Angehörigen aller Nationen.

Sprecht nie abfällig über andere, sondern lobt sie ohne Unterschied.

Beschmutzt eure Zunge nicht mit übler Nachrede.

Betrachtet eure Feinde als Freunde und jene, die euch Böses wollen, als solche, die euch Gutes wünschen.

Ihr dürft das Böse nicht als Böses ansehen und dadurch eure Überzeugung herabwürdigen, denn jemanden sanft und freundlich zu behandeln, den ihr als böse oder als Feind betrachtet, ist Heuchelei, und das ist weder würdig noch zulässig.

Ihr müsst eure Feinde als eure Freunde ansehen und diejenigen, die euch Übles wünschen, als euch wohlgesinnt und sie entsprechend behandeln.

Handelt so, dass euer Herz frei von Hass ist.

Lasst euer Herz von niemandem kränken.

Wenn jemand einen Fehler begeht und euch Unrecht tut, müsst ihr ihm sofort vergeben.

Beklagt euch nicht über andere.

Seht davon ab, sie zu tadeln, und wenn ihr ihnen Ermahnungen oder Ratschläge zu geben wünscht, tut es in einer Weise, die die Betreffenden nicht belastet.

Richtet alle eure Gedanken darauf, die Herzen zu erfreuen.

Hütet euch!

Hütet euch, dass ihr kein Herz verletzt.

Helft der Menschheit so viel ihr könnt.

Seid eine Quelle des Trostes für jeden Traurigen, steht jedem Schwachen bei, helft jedem Bedürftigen, pflegt jeden Kranken, verhelft jedem Minderbemittelten zu Ehre und behütet die von Angst Bedrückten. Kurz, möge jeder von euch wie eine Lampe sein, die mit dem Licht menschlicher Tugenden scheint. Seid vertrauenswürdig, aufrichtig, herzlich und rein. Seid erleuchtet, seid vergeistigt, seid göttlich, seid strahlend, seid beseelt von Gott, seid Bahá'í.

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2. Dezember 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Ihr seid alle herzlich willkommen. Dies ist eine bedeutsame Versammlung. Preis sei Gott! Die Herzen sind auf das Königreich Abhá gerichtet und die Seelen jubeln über die frohe Botschaft Gottes. Ich werde heute über die besonderen Lehren Bahá'u'lláhs sprechen. Alle göttlichen Prinzipien, die von den Propheten der Vergangenheit verkündet wurden, sind in den Worten Bahá'u'lláhs enthalten. Darüber hinaus hat Er bestimmte neue Lehren offenbart, die in keinem der heiligen Bücher früherer Zeiten zu finden sind. Einige davon werde ich erwähnen. Die anderen, von denen es viele gibt, können in den Büchern, Tafeln und Sendschreiben Bahá'u'lláhs gefunden werden – wie etwa in Verborgenen Worte, den Frohe Botschaften, in Worte des Paradieses, Tajallíyát, Ṭarázát und anderen. Ebenso gibt es im Kitáb-i-Aqdas neue Lehren, die in keinem der früheren Bücher oder Sendbriefe der Propheten zu finden sind. Eine grundlegende Lehre Bahá'u'lláhs ist die Einheit der Menschheit. Er wendet sich an die Menschheit und sagt: »Ihr seid alle Blätter eines Baumes und die Früchte eines Zweiges.« Damit ist gemeint, dass die Menschenwelt einem Baum gleich ist, die Nationen und Völker sind die verschiedenen Äste und Zweige des Baumes und die einzelnen Menschen sind wie seine Früchte und Blüten. Auf diese Weise drückte Bahá'u'lláh die Einheit der Menschheit aus, während in allen religiösen Lehren der Vergangenheit die Menschenwelt als zweigeteilt dargestellt wurde: ein Teil, der als das Volk des Buches Gottes oder der reine Baum bekannt ist, und der andere Teil, das Volk des Unglaubens und des Irrtums oder der gottlose Baum. Die ersteren betrachtete man als die Gläubigen, die anderen als die Heerscharen der Heiden und Ungläubigen – ein Teil der Menschheit war Empfänger der göttlichen Barmherzigkeit, der andere war Gegenstand des Zorns ihres Schöpfers. Bahá'u'lláh beseitigte dies, indem Er die Einheit der Menschheit verkündete, und dies ist eine besondere Lehre, denn Er hat die ganze Menschheit in das Meer göttlicher Freigebigkeit getaucht. Manche schlafen; sie müssen erweckt werden. Manche sind krank; sie müssen geheilt werden. Manche sind unreif wie Kinder; sie müssen erzogen werden. Aber alle sind Empfänger der Gunst und der Gaben Gottes. Ein weiterer von Bahá'u'lláh offenbarter neuer Grundsatz ist das Gebot, die Wahrheit zu erforschen – was bedeutet, dass niemand blindlings seinen Vorfahren folgen sollte. Vielmehr muss jeder mit seinen eigenen Augen sehen, mit seinen eigenen Ohren hören und die Wahrheit selbst erforschen, um der Wahrheit zu folgen, anstatt blindlings althergebrachte Überzeugungen zu übernehmen und nachzuahmen. Bahá'u'lláh verkündet, dass alle Religionen Gottes nur eine Grundlage haben, dass Einheit Wahrheit und Wahrheit Einheit ist, die keine Vielzahl zulässt. Diese Lehre ist neu und eine Besonderheit dieser Manifestation. Er legte für die heutige Zeit einen neuen Grundsatz fest, indem Er verkündete, dass Religion die Ursache für Einheit, Harmonie und Einvernehmen unter den Menschen sein muss. Wenn sie zur Ursache von Zwietracht und Feindschaft wird, wenn sie zu Trennung führt und Konflikte schafft, dann wäre eine Welt ohne Religion besser. Überdies verkündet Er, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang stehen muss. Wenn sie nicht mit der Wissenschaft übereinstimmt und sich nicht mit der Vernunft vereinbaren lässt, ist sie Aberglaube. Bis heute ist es üblich, dass Menschen eine religiöse Lehre einfach annehmen, auch wenn sie nicht mit der menschlichen Vernunft und dem menschlichen Ermessen übereinstimmt. Der Einklang des religiösen Glaubens mit der Vernunft ist eine neue Sichtweise, die Bahá'u'lláh der Seele des Menschen eröffnet hat. Er legt die Gleichberechtigung von Mann und Frau fest. Das ist eine Besonderheit der Lehren Bahá'u'lláhs, denn alle anderen Religionen haben den Mann über die Frau gestellt. Ein neuer religiöser Grundsatz besagt, dass Vorurteile und Fanatismus – ob sektiererisch, konfessionell, patriotisch oder politisch – die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft zerstören. Der Mensch sollte sich daher von solchen Fesseln befreien, damit die Einheit der Menschheit Wirklichkeit werden kann. Der Weltfriede, so versichert Bahá'u'lláh, ist eine grundlegende Errungenschaft der Religion Gottes – dass Frieden herrsche zwischen den Nationen, Regierungen und Völkern, zwischen Religionen, Menschen jeglicher Hautfarbe und Herkunft und unter allen menschlichen Lebensbedingungen. Dies ist eines der besonderen Merkmale des Wortes Gottes in dieser Offenbarung. Bahá'u'lláh erklärt, dass alle Menschen Wissen erwerben und eine Ausbildung erhalten sollen. Dies ist ein notwendiges Prinzip des Glaubens und der Religionsausübung, ein neues Merkmal in dieser Offenbarung. Er legt die Lösung für Wirtschaftsprobleme dar und bietet das Heilmittel. Keines der religiösen Bücher der Vergangenheit erwähnt dieses wichtige Menschheitsproblem. Er hat das Haus der Gerechtigkeit angeordnet und eingesetzt und es sowohl mit politischer als auch mit religiöser Funktion ausgestattet, eine vollendete Vereinigung und Mischung von Staat und Kirche. Diese Institution steht unter der schützenden Macht Bahá'u'lláhs. Ein universales oder internationales Haus der Gerechtigkeit soll ebenfalls errichtet werden. Dessen Entscheidungen sollen mit den Geboten und den Lehren Bahá'u'lláhs übereinstimmen, und was das Universale Haus der Gerechtigkeit anordnet, soll von der ganzen Menschheit befolgt werden. Dieses internationale Haus der Gerechtigkeit wird von den Häusern der Gerechtigkeit in aller Welt berufen und eingerichtet und die ganze Welt soll sich seiner Verwaltung unterstellen. Das bedeutendste Merkmal der Offenbarung Bahá'u'lláhs ist eine besondere Lehre, die keiner der Propheten der Vergangenheit bisher verkündet hat:

Es ist die Einsetzung und Berufung des Mittelpunktes des Bundes.

Durch diese Ernennung und Vorkehrung hat Er die Religion Gottes vor Uneinigkeit und Spaltung bewahrt, und dafür gesorgt, dass niemand eine neue Sekte oder Splittergruppe des Glaubens gründen kann.

Zur Sicherung der Einheit und Eintracht hat Er mit allen Menschen der Welt, einschließlich des Auslegers und Erklärers Seiner Lehren, einen Bund geschlossen, damit niemand die Religion Gottes nach eigenem Gutdünken und eigener Meinung auslegen und so eine Sekte gründen kann, die auf seinem persönlichen Verständnis der Worte Gottes beruht.

Das Buch des Bundes, also das Testament Bahá'u'lláhs, ist das Mittel, um eine solche Möglichkeit zu verhindern, denn wer allein aufgrund seiner eigenen Autorität spricht, wird herabgesetzt.

Nehmt dies zur Kenntnis und seid euch dessen bewusst.

Nehmt euch in Acht, dass niemand dies insgeheim infrage stellt oder euch gegenüber leugnet.

Es gibt eigenwillige und gierige Menschen, die ihre Absichten nicht klar zum Ausdruck bringen.

Sie kleiden ihre Absichten in geheimnisvolle Äußerungen und Andeutungen.

Zum Beispiel loben sie eine bestimmte Person, nennen sie weise und gelehrt und sagen, sie sei in der Gegenwart Bahá'u'lláhs gerühmt worden.

Das vermitteln sie euch hinterlistig oder durch Anspielungen.

Seid euch dessen bewusst!

Seid wachsam und erleuchtet!

Denn Christus sagte:

Niemand stellt eine Lampe unter einen Scheffel.

Damit will ich sagen, dass bestimmte Leute versuchen werden, euch in Richtung ihrer persönlichen Ansichten und Meinungen zu beeinflussen.

Seid deshalb auf der Hut, dass niemand die Einheit und Unversehrtheit der Sache Bahá'u'lláhs angreift.

Preis sei Gott!

Bahá'u'lláh ließ nichts ungesagt.

Er hat alles erklärt.

Er ließ keinen Raum für weitere Worte.

Dennoch gibt es einige, die aus Eigennutz und Streben nach Ansehen versuchen werden, die Saat des Aufruhrs und der Untreue unter euch zu säen.

Um die Religion Gottes vor diesen und allen anderen Angriffen zu schützen und zu bewahren, wurde der Mittelpunkt des Bundes von Bahá'u'lláh ernannt und bestimmt.

Sollte also jemand in einer Erklärung einen anderen als diesen ernannten Mittelpunkt preisen oder anerkennen, so verlangt von ihm einen schriftlichen Nachweis der Autorität, der er folgt.

Er soll etwas aus der Feder des Mittelpunktes des Bundes vorlegen und belegen, dass er zu Recht einen anderen als den Rechtmäßigen preist und unterstützt.

Erklärt ihm, dass ihr nicht die Worte eines jeden akzeptieren könnt.

Sagt ihm:

»Es wäre möglich, heute eine Person zu lieben und zu preisen und morgen jemand anderen anzunehmen und ihm nachzufolgen und wieder einen anderen am folgenden Tag.

Deshalb können wir es uns nicht leisten, auf diese oder jene Person zu hören.

Wo sind deine Beweise und Schriften?

Wo ist deine Autorisierung durch die Feder des Mittelpunktes des Bundes?« Ich möchte euch erklären, dass es eure Pflicht ist, die Religion Gottes zu schützen, damit niemand sie von außen oder innen angreifen kann. Wenn ihr feststellt, dass jemand schädliche Lehren verbreitet, wer auch immer diese Person sein mag, selbst wenn sie mein eigener Sohn wäre, dann wisset wahrlich, dass ich nichts mit ihr gemein habe. Wenn sich irgendjemand gegen den Bund wendet, selbst wenn es mein eigener Sohn wäre, solltet ihr wissen, dass ich sein Gegner bin. Diejenigen, die Unwahrheiten verbreiten, die weltliche Dinge begehren und versuchen, die Reichtümer dieser Erde anzuhäufen, sind nicht von mir. Aber wenn ihr jemanden findet, der nach den Lehren Bahá'u'lláhs lebt und die Grundsätze der Verborgenen Worte befolgt, so wisset, dass er zu Bahá'u'lláh gehört, und wahrlich, ich verkünde, dass er zu mir gehört. Wenn ihr andererseits jemanden seht, dessen Taten und Verhalten dem Wohlgefallen der Gesegneten Vollkommenheit und dem Geist der Verborgenen Worte zuwiderlaufen und nicht damit übereinstimmen, so sei dies euer Maßstab und Urteilskriterium gegen ihn, denn wisset, dass ich nichts mit ihm gemein habe, wer auch immer er sein mag. Das ist die Wahrheit. Die Lehren Bahá'u'lláhs sind grenzenlos und unermesslich. Ihr habt mich gefragt, welche neuen Grundsätze von Ihm offenbart wurden. Ich habe nur einige wenige angesprochen. Es gibt viele andere, aber heute Abend ist nicht genug Zeit, um sie zu erwähnen. Ich bete daher zu Gott, dass ihr bestärkt werdet, Gutes zu tun. Ich bete, dass Gott euch bestärkt, nach den Lehren Bahá'u'lláhs zu leben. Mit euch sei Bahá'u'l-Abhá!

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3. Dezember 1912 Ansprache im Haus von Dr. Florian Krug und Frau 830 Park Avenue, New York Ihr habt euch heute Nachmittag hier in größter Liebe versammelt und dem Gedenken Gottes gewidmet. Ich hoffe, dass täglich mehr Menschen an dieser Versammlung teilnehmen; dass ihr mehr und mehr angezogen, geistiger und erleuchteter werdet, dass ihr euch über die Lehren Bahá'u'lláhs austauscht und fähig werdet, die Botschaft der Wahrheit zu verbreiten. Mögen eure Herzen so angezogen sein, dass ihr spontan die richtige Antwort geben könnt, sobald eine Frage gestellt wird, und die Wahrheit des Heiligen Geistes durch euch spricht. Seid hilfsbereit durch die Fürsorge und Gunst der Gesegneten Vollkommenheit, denn Seine Gunst wandelt einen Tropfen in einen Ozean, lässt aus einem Samenkorn einen Baum wachsen und ein Atom strahlen wie die Sonne. Seine Gnadengaben sind grenzenlos. Die Schatzkammern Gottes sind voller Gaben. Gott hat Seine Gunst anderen erwiesen und wird zweifellos euch Seine Gunst schenken. Ich flehe zum Abhá-Königreich und bitte für euch um außerordentliche Segnungen und Beistand, damit eure Zungen gelöst werden, eure Herzen wie klare Spiegel im Licht der Sonne der Wahrheit erstrahlen, eure Gedanken sich weiten, euer Erkenntnisvermögen geschärft wird und ihr eure menschlichen Tugenden vervollkommnet. Solange der Mensch selbst keine Vortrefflichkeit erlangt, wird er auch nicht in der Lage sein, anderen Vortrefflichkeit zu lehren. Nur wenn der Mensch selbst Leben erlangt, kann er anderen Leben spenden. Nur wenn er selbst zum Licht gelangt, kann er das Licht spiegeln. Wir müssen also danach streben, menschliche Vortrefflichkeit zu erreichen, das ewige Leben zu erlangen und den göttlichen Geist zu suchen, damit wir dadurch anderen Leben verleihen, ihnen Leben einhauchen können. Ihr müsst zum Abhá-Königreich flehen und Ihn um ewige Gnadengaben ersuchen. Ihr müsst beten, dass eure Herzen von herrlichem Licht erfüllt werden, wie ein gereinigter Spiegel. Dann werden die Strahlen der Sonne der Wahrheit darin leuchten. Ihr müsst Gott jede Nacht und jeden Tag anflehen und zu Ihm beten, Seinen Beistand und Seine Hilfe suchen, mit den Worten: O Herr! Wir sind schwach, gib uns Kraft. O Gott! Wir sind unwissend, mache uns wissend. O Herr! Wir sind arm, mache uns reich. O Gott! Wir sind tot, schenke uns Leben. O Herr! Zutiefst sind wir erniedrigt, preise uns in Deinem Königreich. So Du uns beistehst, o Herr, werden wir funkelnden Sternen gleich. So Du uns nicht hilfst, werden wir geringer denn Staub. O Herr! Stärke uns. O Gott! Mache uns siegreich. O Gott! Hilf uns, das Selbst zu besiegen und die Gier zu überwinden. O Herr! Erlöse uns aus der Knechtschaft der stofflichen Welt. O Herr! Belebe uns durch den Odem des Heiligen Geistes, damit wir uns erheben, Dir zu dienen, Dich anbeten und uns mit größter Aufrichtigkeit für Dein Reich einsetzen. O Herr, Du bist der Machtvolle! O Gott, Du bist der Vergebende. O Herr, Du bist der Mitleidvolle.

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3. Dezember 1912 Ansprache an Mr. Kinneys Bibelklasse 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney Mir wurde gesagt, dass die Absicht Ihres Kreises ist, den tieferen Sinn und die Geheimnisse der Heiligen Schriften zu studieren und die Bedeutung der göttlichen Vermächtnisse zu verstehen.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass Sie sich dem Reich Gottes zuwenden, dass Sie den Wunsch haben, sich der Gegenwart Gottes zu nähern und mehr über die Wahrheiten und Gebote Gottes zu erfahren.

Ich wünsche mir, dass Sie sich mit größtem Eifer bemühen, dieses Ziel zu erreichen; dass Sie die Heiligen Schriften Wort für Wort erforschen und studieren, um Wissen über die in ihnen verborgenen Geheimnisse zu erlangen.

Geben Sie sich nicht mit Worten zufrieden, sondern streben Sie danach, die geistige Bedeutung zu erfassen, die im Herzen der Worte verborgen ist.

Die Juden lesen Tag und Nacht das Alte Testament und lernen die Worte und Schriften auswendig, ohne das geringste Verständnis für die Bedeutung oder den inneren Sinn.

Hätten sie nämlich die wahre Bedeutung des Alten Testamentes erfasst, so hätten sie an Christus geglaubt, zumal das Alte Testament zu dem Zweck offenbart wurde, Sein Kommen vorzubereiten.

Da die jüdischen Gelehrten und Rabbiner nicht an Christus glaubten, ist es klar, dass sie die wahre Bedeutung des Alten Testaments nicht kannten.

Es ist schon schwierig, die Worte eines Philosophen zu verstehen.

Wie viel schwieriger ist es, die Worte Gottes zu verstehen.

Die göttlichen Worte dürfen nicht nach ihrem äußeren Sinn verstanden werden.

Sie sind symbolisch und enthalten Wahrheiten von geistiger Bedeutung.

Im Hohelied Salomos lesen wir zum Beispiel von der Braut und dem Bräutigam.

Selbstverständlich ist nicht die Körperlichkeit von Braut und Bräutigam gemeint.

Es handelt sich offensichtlich um Symbole, die eine verborgene und innere Bedeutung vermitteln.

Ebenso sind die Offenbarungen des Heiligen Johannes nicht wörtlich, sondern im geistigen Sinne zu verstehen.

Das sind die Geheimnisse Gottes.

Nicht das Lesen der Worte nützt Ihnen; es ist das Verständnis ihrer Bedeutung.

Darum beten Sie zu Gott, dass Sie fähig werden, die Geheimnisse der göttlichen Testamente zu verstehen. Denken Sie an die symbolischen Bedeutungen der Worte und Lehren Christi. Er sagte: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.« Als die Juden dies hörten, nahmen sie es wörtlich und verstanden nicht, was Er damit meinte und lehrte. Die geistige Wahrheit, die Christus ihnen vermitteln wollte, war, dass die göttliche Wirklichkeit in Ihm wie ein Segen war, der vom Himmel herabkam, und dass derjenige, der an diesem Segen teilhatte, niemals sterben würde. Mit anderen Worten, das Brot war das Symbol der Vollkommenheit, die von Gott auf Ihn herabgekommen war, und wer davon aß und sich die Vollkommenheit Christi zu eigen machte, erlangte zweifellos das ewige Leben. Die Juden verstanden Ihn nicht, sie nahmen Seine Worte wörtlich und sagten: »Wie kann dieser Mensch uns sein Fleisch zu essen geben?« Hätten sie die wahre Bedeutung des Heiligen Buches verstanden, wären sie Christen geworden. Alle Texte und Lehren der Heiligen Schriften haben verborgene geistige Bedeutungen. Sie dürfen nicht wörtlich genommen werden. Deshalb bete ich darum, dass Sie die Fähigkeit bekommen, die inneren, wahren Bedeutungen der Heiligen Schriften zu verstehen, und die Geheimnisse erkennen, die in den Worten der Bibel enthalten sind, damit Sie das ewige Leben erlangen und Ihre Herzen vom Reich Gottes angezogen werden. Mögen Ihre Seelen vom Licht der Worte Gottes erleuchtet werden, und mögen Sie zu Schatzkammern der Geheimnisse Gottes werden, denn es gibt keinen größeren Trost und kein größeres Glück als das geistige Erfassen der göttlichen Lehren. Wenn ein Mensch die wahre Bedeutung der Verse eines Dichters wie Shakespeare versteht, erfreut und begeistert ihn das. Wie viel größer ist seine Freude und Begeisterung, wenn er die Wahrheit der Heiligen Schriften erkennt und von den Geheimnissen des Königreiches erfährt! Ich bete dafür, dass die göttlichen Segnungen Tag für Tag auf Sie herabkommen, dass Ihre Herzen geöffnet werden, um die inneren Bedeutungen des Wortes Gottes wahrzunehmen. Es ist fruchtlos, die bloßen Buchstaben des Buches zu kennen. Die meisten Juden hatten die Texte des Alten Testaments auswendig gelernt und Tag und Nacht wiederholt, aber da sie die Bedeutung nicht kannten, blieben ihnen die Gaben Christi vorenthalten. Ich bete darum, dass Sie durch den Odem des Heiligen Geistes belebt und durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet werden. Mögen Sie an der Schwelle Gottes mit himmlischem Segen beschenkt werden und ewiges Leben erlangen. Das ist mein Gebet. Gott segne und erleuchte Sie.

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3. Dezember 1912 Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney 780 West End Avenue, New York Aufzeichnungen von Edna McKinney In New York habe ich mehr Versammlungen besucht als in allen anderen Städten zusammen. Tag und Nacht, einzeln und in Gemeinschaft habt ihr den Lehren und Ratschlägen Bahá'u'lláhs zugehört. Ich habe euch die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündet und euch die Wünsche der Gesegneten Vollkommenheit erläutert. Ich habe dargelegt, was zum menschlichen Fortschritt beiträgt und euch die demütige Haltung des Dienens gezeigt. Die Lehren Bahá'u'lláhs wurden klar dargelegt. Nun ist die Zeit gekommen, da ich euch verlassen muss, deshalb ist dies unser Abschiedstreffen. Ich bin sehr zufrieden mit euch allen und freue mich über die äußerst große Freundlichkeit und Zuneigung, die ihr mir entgegengebracht habt.

Ich wünsche mir, dass Bahá'u'lláh mit euch zufrieden ist, dass ihr Seinen Geboten folgt und Seiner Unterstützung würdig werdet.

Dazu ist es notwendig, dass euer Geist erleuchtet wird, dass die frohen Botschaften Gottes eure Seelen zum Jubeln bringen, dass euch geistige Tugenden durchdringen, dass euer tägliches Leben von Glauben und Gewissheit geprägt ist, dass eure Herzen geheiligt und rein sind und ein hohes Maß an Liebe und Anziehung zum Abhá-Königreich widerspiegeln.

Ihr sollt die Lampen Bahá'u'lláhs werden, damit ihr mit ewigem Licht leuchtet und Zeichen und Beweise Seiner Wahrheit seid.

Dann wird man in euren Taten solche Zeichen der Reinheit und Keuschheit sehen, dass die Menschen den himmlischen Glanz eures Lebens erkennen und sagen werden:

»Wahrlich, ihr seid die Beweise Bahá'u'lláhs.

Bahá'u'lláh ist ohne Zweifel der Eine Wahre, hat Er doch Seelen wie diese erzogen, von denen jede für sich ein Beweis ist.« Sie werden zu anderen sagen:

»Kommt und bezeugt das Verhalten dieser Seelen.

Kommt und hört, was sie sagen, seht das Leuchten ihrer Herzen, seht die Beweise der Liebe Gottes in ihnen, achtet auf ihre hohe Moral und entdeckt die Fundamente der Einheit der Menschheit, die in ihnen fest angelegt sind.

Welchen größeren Beweis für die Wahrheit und Wirklichkeit der Botschaft Bahá'u'lláhs kann es geben als diese Menschen?« Ich hoffe, dass jeder von euch ein Herold Gottes sein wird, der die Beweise Seines Erscheinens in Worten, Taten und Gedanken verkündet.

Lasst eure Taten und Worte bezeugen, dass ihr zum Königreich Bahá'u'lláhs gehört.

Das sind die Pflichten, die euch Bahá'u'lláh auferlegt hat. Bahá'u'lláh ertrug die größten Entbehrungen. Er fand weder Ruhe in der Nacht noch Frieden am Tage. Er stand ständig unter dem Druck großen Unheils – mal im Gefängnis, mal in Ketten, mal vom Schwert bedroht – bis Er schließlich den Käfig der Gefangenschaft zerbrach, diese sterbliche Welt verließ und in den Himmel Gottes aufstieg. Er hat all diese Drangsal um unseretwillen auf Sich genommen und diese Entbehrungen erlitten, damit wir die Gaben der göttlichen Freigebigkeit erlangen. Deshalb müssen wir Ihm treu sein und uns von unseren eigenen selbstischen Wünschen und Vorstellungen abwenden, damit wir verwirklichen können, was unser Herr von uns verlangt. Es ist mein Wunsch, dass ihr euch erhebt, um nach diesen Lehren und Ratschlägen zu leben, dass wir alle durch Gott gestärkt werden, in das Paradies des Königreiches des Geistes eintreten, dass wir das Licht der Sonne der Wahrheit verbreiten und dafür sorgen, dass die Wellen dieses Größten Ozeans alle Menschenseelen erreichen, damit diese irdische Welt in die himmlische Welt verwandelt wird und dieser öde Boden in das Paradies Abhá.

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4. Dezember 1912 Ansprache in der Theosophischen Gesellschaft 2228 Broadway, New York Aufzeichnungen von Esther Foster Diejenigen, die von der Wirklichkeit nichts wissen, die die existierenden Dinge nicht begreifen, die die innere Wahrheit der Schöpfung nicht erkennen, die die wahren Geheimnisse materieller und geistiger Erscheinungen nicht durchdringen und die nur eine oberflächliche Vorstellung vom gesamten Leben und Dasein haben, sind bloß Verkörperungen reiner Unwissenheit. Sie glauben nur, was sie von ihren Vätern und Vorfahren gehört haben. Ihnen selbst fehlen Hörvermögen, Sehkraft, Vernunft und Einsicht. Sie verlassen sich allein auf die Überlieferung. Solche Menschen bilden sich ein, die Herrschaft Gottes sei eine bedingte Herrschaft. So glauben sie zum Beispiel, diese Welt sei vor sechs- oder siebentausend Jahren erschaffen worden, so als ob Gott vor dieser Zeit nicht geherrscht hätte und es vor dieser Zeit keine Schöpfung gegeben hätte. Sie denken, das Göttliche sei bedingt, denn für sie hängt das Göttliche von den existierenden Dingen ab, während es in Wirklichkeit eine Schöpfung gab, solange es einen Gott gab. Solange es Licht gab, gab es Empfänger dieses Lichtes, denn Licht kann sich nicht zeigen, wenn nichts existiert, das es erkennen und wertschätzen kann. Die Welt des Göttlichen setzt eine Schöpfung voraus, setzt Empfänger der Gaben und die Existenz von Welten voraus. Man kann sich das Göttliche nicht getrennt von der Schöpfung denken, denn das wäre, als wenn man sich ein Reich ohne Volk vorstellte. Ein König muss notwendigerweise ein Reich haben, muss ein Heer und Untertanen haben. Ist es möglich, König zu sein ohne Land, ohne Armee und ohne Untertanen? Das ist absurd. Wenn wir sagen, es habe eine Zeit ohne Land, ohne Armee und ohne Untertanen gegeben, wie kann es dann einen König und Regenten gegeben haben? Denn diese Dinge sind für einen König wesentlich. Folglich gilt:

So wie die göttliche Wirklichkeit keinen Anfang hatte – d.h.

Gott war immer Schöpfer, Gott war immer Erhalter, Gott war immer Beleber, Gott war immer Geber –, so hat es nie eine Zeit gegeben, in der die Eigenschaften Gottes nicht zum Ausdruck kamen.

Die Sonne ist die Sonne wegen ihrer Strahlen, wegen ihrer Wärme.

Würden wir annehmen, es hätte eine Zeit gegeben, in der die Sonne ohne Wärme und Licht war, würde das bedeuten, dass es überhaupt keine Sonne gab und dass sie erst später zur Sonne geworden ist.

Würden wir sagen, es habe eine Zeit gegeben, da Gott ohne Schöpfung und ohne Geschöpfe war, eine Zeit, in der es keine Empfänger Seiner Gaben gab und Seine Namen und Eigenschaften nicht zu erkennen waren, so käme dies einer völligen Ablehnung des Göttlichen gleich, denn es würde bedeuten, dass das Göttliche bedingt ist.

Um es noch deutlicher zu machen:

Wenn wir denken, dass es vor fünfzigtausend oder hunderttausend Jahren keine Schöpfung gab, dass es damals keine Welten, keine Menschen, keine Tiere gab, würde dieser Gedanke bedeuten, dass es vor dieser Zeit das Göttliche nicht gab.

Wenn wir sagen würden, es habe eine Zeit gegeben, da es zwar einen König gab, aber keine Untertanen, kein Heer und kein Land, über das er herrschte, so würde das in Wirklichkeit bedeuten, dass es eine Zeit gab, da kein König existierte, und der König bedingt ist.

Da die Wirklichkeit des Göttlichen keinen Anfang hat, ist somit klar, dass auch die Schöpfung keinen Anfang hat.

Das ist so klar wie die Sonne.

Wenn wir dieses gewaltige Triebwerk allgegenwärtiger Kraft betrachten, diesen unbegrenzten Raum und seine unzähligen Welten wahrnehmen, dann wird klar, dass diese unendliche Schöpfung älter ist als sechstausend Jahre; nein, sie ist sehr, sehr alt. Dennoch lesen wir im 1. Buch Mose im Alten Testament, das Alter der Schöpfung betrage nur sechstausend Jahre. Das hat eine innere Bedeutung; man darf es nicht wörtlich nehmen. So heißt es etwa im Alten Testament, dass bestimmte Dinge am ersten Tag erschaffen wurden. Die Erzählung berichtet, dass zu jener Zeit die Sonne noch nicht erschaffen war. Wie können wir uns einen Tag vorstellen, wenn es keine Sonne am Himmel gab? Denn der Tag hängt vom Sonnenlicht ab. Wenn also die Sonne noch nicht erschaffen war, wie konnte sich der erste Tag ereignen? Daher haben diese Aussagen andere Bedeutungen als die wörtliche. Um es kurz zu machen: Es geht darum, dass die göttliche Herrschaft, das Reich Gottes, eine altehrwürdige Herrschaft ist, dass sie keine bedingte Herrschaft ist; es ist wie ein Königreich, das die Existenz von Untertanen, eines Heeres und eines Landes voraussetzt, denn sonst sind die Begriffe Herrschaft, Autorität und Königtum nicht vorstellbar. Wenn wir uns also die Schöpfung als bedingt vorstellten, wären wir gezwungen, den Schöpfer als bedingt anzunehmen, obwohl die göttlichen Gaben immer fließen und die Strahlen der Sonne der Wahrheit immer scheinen. Ein Versiegen der göttlichen Gaben ist unmöglich, so wie die Sonnenstrahlen nicht versiegen können. Dies ist klar und offensichtlich. Folglich hat es viele heilige Manifestationen Gottes gegeben. Vor tausend Jahren, vor zweihunderttausend Jahren, vor einer Million Jahren strömten die Gaben Gottes, leuchtete der Strahlenglanz Gottes, existierte die Herrschaft Gottes. Warum erscheinen diese heiligen Manifestationen Gottes? Welche Weisheit steckt dahinter und welchen Zweck hat Ihr Kommen? Was ist das Ergebnis Ihrer Sendung? Offensichtlich tritt die menschliche Persönlichkeit in zweierlei Formen in Erscheinung, als Ebenbild Gottes und als Abbild Satans. Die menschliche Wirklichkeit liegt zwischen diesen beiden Aspekten, dem göttlichen und dem satanischen. Offenkundig ist der Mensch über seinen irdischen Körper hinaus mit einer anderen Wirklichkeit ausgestattet, die aus der Welt der Urbilder besteht, die die himmlische Gestalt des Menschen bilden. So sagt der Mensch: »Ich sah«, »Ich sprach«, »Ich ging«. Wer ist dieses »Ich«? Dieses »Ich« unterscheidet sich offensichtlich von diesem Körper. Somit ist klar: Wenn der Mensch denkt, ist das so, als würde er mit jemand anderem beraten. Mit wem berät er sich? Offensichtlich ist es eine vom Körper unabhängige, andere Wirklichkeit, mit der er sich berät, wenn er denkt: »Soll ich dies machen oder nicht?« »Was wird dabei herauskommen, wenn ich es mache?« Oder wenn er die andere Wirklichkeit fragt: »Was spricht dagegen, dies zu tun?« Dann teilt jene Wirklichkeit im Menschen ihm ihre Meinung zum fraglichen Punkt mit. Diese Wirklichkeit im Menschen ist also klar und offensichtlich eine andere als sein Körper – ein Ich, mit dem der Mensch sich berät und dessen Meinung er sucht. Oft entscheidet sich ein Mensch für eine Sache; so beschließt er etwa, eine Reise zu unternehmen. Dann denkt er darüber nach – er befragt also seine innere Wirklichkeit – und kommt letztlich zum Schluss, dass er den Reiseplan aufgibt. Was ist geschehen? Warum gibt er seine ursprüngliche Absicht auf? Offensichtlich hat er seine innere Wirklichkeit zurate gezogen, die ihm die Nachteile einer solchen Reise aufzeigt. Deshalb fügt er sich dieser Wirklichkeit und ändert seine ursprüngliche Absicht. Überdies sieht der Mensch in der Traumwelt. Er reist in den Osten, er reist in den Westen, obwohl sein Körper sich nicht bewegt und hier bleibt. Es ist diese Wirklichkeit in ihm, die die Reise macht, während der Körper schläft. Zweifellos existiert noch eine andere Wirklichkeit als die äußere, stoffliche. So ist ein Mensch beispielsweise tot und begraben. Später sieht man ihn im Traum und spricht mit ihm, obwohl sein Körper unter der Erde liegt. Wer ist die Person, die man in seinen Träumen sieht, mit der man spricht und die auch mit uns spricht? Auch dies beweist, dass es eine andere Wirklichkeit gibt als die körperliche, die stirbt und begraben wird. Es ist also sicher, dass es im Menschen eine Wirklichkeit gibt, die nicht der Körper ist. Manchmal wird der Körper schwach, aber diese andere Wirklichkeit ist in ihrem normalen Zustand. Der Körper schläft ein und ist wie tot. Aber diese andere Wirklichkeit regt sich, versteht Dinge, drückt sie aus und ist sich sogar ihrer selbst bewusst. Diese andere, innere Wirklichkeit wird himmlischer Leib genannt, die geistige Gestalt, die mit diesem Körper korrespondiert. Dies ist die bewusste Wirklichkeit, die die innere Bedeutung der Dinge entdeckt, denn der äußere Körper des Menschen entdeckt nichts. Die innere, geistige Wirklichkeit begreift die Geheimnisse des Daseins, entdeckt wissenschaftliche Wahrheiten und weist auf ihre technische Anwendung hin. Sie entdeckt die Elektrizität, bringt den Telegrafen und das Telefon hervor und öffnet das Tor zur Welt der Künste. Wenn der äußere, materielle Körper das fertigbrächte, dann wäre auch ein Tier fähig, wissenschaftliche, wunderbare Entdeckungen zu machen, denn das Tier teilt mit dem Menschen alle körperlichen Fähigkeiten und Begrenzungen. Was ist also jene Kraft, die in die Wirklichkeiten des Daseins eindringt und im Tier nicht zu finden ist? Es ist die innere Wirklichkeit, die die Dinge begreift, Licht auf die Geheimnisse des Lebens und des Seins wirft, das himmlische Reich entdeckt, die Geheimnisse Gottes entschlüsselt und den Menschen vom Tier unterscheidet. Daran kann es keinen Zweifel geben. Wie schon gesagt, befindet sich diese Wirklichkeit des Menschen zwischen seiner höheren und seiner niederen Natur, zwischen der Welt des Tieres und der Welt des Göttlichen. Wenn tierische Neigungen im Menschen überhandnehmen, sinkt er sogar tiefer als das Tier. Wenn die himmlischen Kräfte in seiner Natur gewinnen, wird er zum edelsten und höchsten Wesen in der Schöpfung. Alle Unvollkommenheiten des Tieres finden sich auch im Menschen. Feindseligkeit, Hass, eigennütziger Kampf ums Dasein finden sich in ihm; in seinem Wesen lauern Eifersucht, Rache, Grausamkeit, Arglist, Heuchelei, Gier, Ungerechtigkeit und Tyrannei. Die Wirklichkeit des Menschen ist äußerlich gleichsam in das Gewand des Tieres gehüllt, in das Kleid der Natur, der Welt der Finsternis, der Unvollkommenheit und der absoluten Niedrigkeit. Auf der anderen Seite finden wir im Menschen Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Wissen, Weisheit, Erleuchtung, Barmherzigkeit und Mitgefühl, gepaart mit Denkvermögen, dem Verstand und der Fähigkeit, die Wirklichkeit der Dinge zu erfassen und die wahren Zusammenhänge des Daseins zu durchdringen. All diese vollkommenen Eigenschaften sind im Menschen zu finden. Deshalb sagen wir: Der Mensch ist eine Wirklichkeit zwischen Licht und Finsternis. In diesem Sinne ist sein Wesen von dreierlei Art: tierisch, menschlich und himmlisch. Die tierische Natur ist Finsternis, die himmlische ist Licht über Licht. Die heiligen Manifestationen Gottes kommen in die Welt, um die Finsternis der tierischen oder stofflichen Natur des Menschen zu vertreiben und ihn von seinen Unvollkommenheiten zu reinigen, damit seine himmlische und geistige Natur belebt, seine göttlichen Eigenschaften erweckt, seine Vollkommenheit sichtbar, seine ihm innewohnenden Kräfte offenbar und alle in ihm angelegten menschlichen Tugenden lebendig werden.

Diese heiligen Manifestationen Gottes sind die Erzieher und Ausbilder der Welt des Daseins, die Lehrer der Menschheit.

Sie erlösen den Menschen aus dem Dunkel der niederen Natur, befreien ihn von Verzweiflung, Irrtum, Unwissenheit, Unvollkommenheit und allen schlechten Eigenschaften.

Sie kleiden ihn in das Gewand der Vollkommenheit und der erhabenen Tugenden.

Die Menschen sind unwissend; die Manifestationen Gottes machen sie weise.

Sie sind tierisch; die Manifestationen machen sie menschlich.

Sie sind wild und grausam; die Manifestationen führen sie in Reiche des Lichtes und der Liebe.

Sie sind ungerecht; die Manifestationen machen sie gerecht.

Der Mensch ist egoistisch; Sie befreien ihn vom Selbst und der Begierde.

Der Mensch ist hochmütig; Sie machen ihn sanftmütig, demütig und freundlich.

Er ist irdisch; Sie machen ihn himmlisch.

Menschen sind stofflich; die Manifestationen verwandeln sie in ein göttliches Abbild.

Menschen sind unreife Kinder; die Manifestationen bringen sie zur Reife.

Der Mensch ist arm; Sie sorgen für seinen Wohlstand.

Der Mensch ist niedrig, trügerisch und gemein; die Manifestationen Gottes verhelfen ihm zu Würde, Adel und Erhabenheit. Diese heiligen Manifestationen befreien die Menschheit von ihren Unvollkommenheiten und lassen die Menschen in der Schönheit himmlischer Vollkommenheit erscheinen. Ohne das Kommen dieser heiligen Manifestationen Gottes befände sich die ganze Menschheit auf der Stufe des Tieres. Die Menschen würden im Dunkel und unwissend bleiben wie solche, denen der Schulunterricht verweigert wurde und die nie einen Lehrer oder Ausbilder hatten. Zweifellos werden solche Unglücklichen in ihrem Zustand der Bedürftigkeit und Entbehrung verharren. Werden die Berge, Hügel und Ebenen der stofflichen Welt wild und unkultiviert der Herrschaft der Natur überlassen, so werden sie eine unerschlossene Wildnis bleiben, in der nirgends ein fruchttragender Baum zu finden ist. Ein wahrer Gärtner verwandelt diesen Urwald in einen Garten, zieht seine Bäume so heran, dass sie Frucht tragen, und sorgt dafür, dass Blumen statt Dornen und Disteln wachsen. Die heiligen Manifestationen sind die vollkommenen Gärtner der Menschenseelen, sie kultivieren die Menschenherzen auf göttliche Weise. Die Welt des Daseins ist nichts als ein Urwald der Unordnung und Verworrenheit, ein Naturzustand, der nichts als unfruchtbare, nutzlose Bäume hervorbringt. Die vollkommenen Gärtner ziehen diese wilden, unkultivierten menschlichen Bäume heran, machen sie fruchtbar, wässern und pflegen sie täglich, sodass sie die Welt des Daseins schmücken und dauerhaft in größter Schönheit gedeihen. Man kann also nicht sagen, die göttliche Güte habe aufgehört, die Herrlichkeit des Göttlichen sei erschöpft oder die Sonne der Wahrheit sei im ewigen Sonnenuntergang versunken, in jener Finsternis, der kein Licht folgt, in jener Nacht, der keine Dämmerung und kein Sonnenaufgang folgt, in jenem Tod, dem kein Leben folgt, in jenem Irrtum, dem keine Wahrheit folgt. Ist es denkbar, dass die Sonne der Wahrheit in ewiger Finsternis versinkt? Nein! Die Sonne wurde erschaffen, damit ihr Licht die Welt erleuchtet und sie alle Reiche des Daseins gestaltet. Wie könnte dann die vollkommene Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, für immer untergehen? Denn das würde das Ende der göttlichen Gaben bedeuten, und die göttlichen Gaben sind in ihrem wahren Wesen dauerhaft und unendlich. Ihre Sonne scheint ewig; ihre Wolken spenden immer Regen; ihre Winde wehen ewig; ihre Gunstbeweise sind allumfassend; ihre Gaben sind immer vollkommen. Folglich müssen wir immer erwarten, immer hoffen und darum beten, dass Gott uns Seine heiligen Manifestationen in Ihrer vollkommenen Macht, mit der durchdringenden göttlichen Macht Seines Wortes sendet, sodass diese himmlischen Wesen unter allen anderen Wesen in jeder Hinsicht, durch jede Eigenschaft ausgezeichnet sind, gerade so wie die herrliche Sonne vor allen Sternen ausgezeichnet ist. Obwohl die Sterne funkeln und leuchten, ist die Sonne ihnen an Leuchtkraft überlegen.

Ebenso sind diese heiligen, göttlichen Offenbarer immer unter allen anderen Wesen in allen Eigenschaften der Herrlichkeit und Vollkommenheit ausgezeichnet und werden es immer sein, damit es sich erweist, dass der Offenbarer der wahre Lehrer und wirkliche Ausbilder ist, dass Er die Sonne der Wahrheit ist und ausgestattet mit höchstem Glanz die Schönheit Gottes widerspiegelt.

Hingegen ist es uns unmöglich, irgendeinen Menschen zu unterweisen und, nachdem wir ihn ausgebildet haben, an ihn zu glauben und ihn als die heilige Manifestation Gottes anzunehmen.

Der wahre Offenbarer Gottes muss mit göttlichem Wissen begabt und nicht von Schulwissen abhängig sein.

Er muss der Lehrende sein, nicht der Belehrte; Seine Leitlinie:

Eingebung statt Schulbildung.

Er muss vollkommen und nicht unvollkommen, groß und herrlich, nicht schwach und ohnmächtig sein.

Er muss reich sein an den Schätzen der geistigen Welt und nicht bedürftig.

Mit einem Wort, die heilige, göttliche Manifestation Gottes muss Sich in jeder Hinsicht und in jeder Fähigkeit vor allen anderen Menschen auszeichnen, damit Sie imstande ist, die menschliche Gesellschaft wirksam zu erziehen, die Finsternis, die die Menschenwelt umhüllt, zu beseitigen, die Menschheit aus einem niederen in ein höheres Reich zu erheben, durch die durchdringende Kraft Ihres Wortes die segensreiche Botschaft des Weltfriedens unter den Menschen zu verbreiten, die Einheit der Menschheit im religiösen Glauben durch eine offenbare göttliche Macht herbeizuführen, alle Glaubensrichtungen und Konfessionen in Einklang zu bringen und alle Länder und Nationen in eine einzige Heimat und ein Vaterland zu verwandeln. Ich hoffe, dass die Segnungen Gottes uns alle umfangen, die göttlichen Gaben offenbar werden, das Licht der Sonne der Wahrheit unsere Augen erleuchte, unsere Herzen inspiriere, unseren Seelen freudige Botschaften Gottes vermittle, unsere Gedanken erhebe und unsere Anstrengungen zu herrlichen Ergebnissen führe. Mit einem Wort, die Hoffnung ist, dass wir das erreichen, was der Höhepunkt menschlichen Strebens und menschlicher Wünsche ist. Ich habe neun Monate in Amerika verbracht und bin in alle großen Städte gereist, habe vor verschiedenen Versammlungen gesprochen, habe ihnen die Einheit der Menschenwelt verkündet und alle zu Vereinigung, Harmonie und Einheit aufgerufen. Ich habe in der Tat die größte Freundlichkeit des amerikanischen Volkes erfahren. Ich betrachte es als eine edle Nation, die zu jeder Vollkommenheit fähig ist. Morgen reise ich nach Europa, und jetzt verabschiede ich mich von Ihnen allen und erflehe für Sie göttliche Barmherzigkeit, unvergängliche Herrlichkeit und das ewige Leben; und ich bete darum, dass Sie die höchste menschliche Stufe erreichen. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Treffen. Meine Freude ist groß. Ich werde Sie nie vergessen. Sie werden immer in meinen Gedanken leben. Ich werde immer zum Reich Gottes flehen und um himmlischen Segen für Sie beten.

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5. Dezember 1912 Ansprache am Abreisetag an Bord des Dampfschiffs Celtic, New York An Bord des Dampfschiffs Celtic, New York Aufzeichnungen von Mariam Haney Dies ist mein letztes Treffen mit euch, denn nun bin ich auf dem Schiff, bereit zur Abreise. Dies sind meine letzten Ratschläge. Ich habe euch immer wieder zur Einheit der Menschheit aufgerufen und verkündet, dass alle Menschen Diener desselben Gottes sind und Gott der Schöpfer aller ist. Er ist der Versorger und Lebensspender. Alle werden von Ihm gleichermaßen geliebt und sind Seine Diener, auf die Seine Barmherzigkeit und Sein Mitgefühl herabkommen. Deshalb müsst ihr den Völkern der Welt die größte Güte und Liebe erweisen, jeglichen Fanatismus beiseite lassen und religiöse, nationalistische und rassistische Vorurteile ablegen. Die Erde ist eine einzige Heimat, ein einziges Zuhause, und alle Menschen sind Kinder eines einzigen Vaters. Gott hat sie erschaffen, und sie sind die Empfänger Seines Mitgefühls. Wer also einem anderen Unrecht tut, der tut Gott Unrecht. Es ist der Wunsch unseres himmlischen Vaters, dass jedes Herz vor Freude jubelt und wir glücklich und zufrieden zusammenleben. Rassistische und religiöse Vorurteile, Konkurrenzkampf und unmenschliches Verhalten gegeneinander stehen dem menschlichen Glück im Wege. Eure Augen sind erleuchtet, eure Ohren sind aufmerksam und eure Herzen sind verständig. Ihr müsst frei von Vorurteilen und Fanatismus sein, ohne auf Unterschiede zwischen den Völkern und Religionen zu achten. Ihr müsst eure Augen auf Gott richten, denn Er ist der wahre Hirte und alle Menschen sind Seine Schafe. Er liebt sie alle, liebt sie in gleichem Maße. Da dies so ist, warum sollten dann die Schafe miteinander streiten? Sie sollten Gott von Herzen dankbar sein, und die beste Art, Gott zu danken, ist, einander zu lieben. Habt acht, dass ihr kein Herz verletzt, dass ihr über niemanden in seiner Abwesenheit schlecht sprecht, dass ihr euch nicht den Dienern Gottes entfremdet. Ihr müsst alle Seine Diener als eure eigene Familie und eure Verwandten betrachten. Richtet all eure Anstrengungen darauf, die Verzagten glücklich zu machen, gebt den Hungrigen zu essen, kleidet die Bedürftigen und ehrt die Demütigen. Seid jedem Hilflosen ein Helfer und erweist euren Mitgeschöpfen Güte, damit ihr das Wohlgefallen Gottes erlangt. Dies führt zur Erleuchtung der Menschheit und zu eurem eigenen ewigen Glück. Ich erflehe Gottes ewige Herrlichkeit für euch; daher ist dies mein Gebet und meine Bitte. Denkt daran, was derzeit auf dem Balkan passiert. Das Blut der Menschen wird vergossen, Häuser werden zerstört, Eigentum wird geplündert, Städte und Dörfer werden verwüstet. Auf dem Balkan ist ein Feuer ausgebrochen, das die Welt in Flammen setzt. Gott hat die Menschen erschaffen, einander zu lieben; stattdessen töten sie einander voll Grausamkeit und Blutvergießen. Gott hat sie erschaffen, damit sie zusammenwirken und sich einvernehmlich zueinander gesellen; stattdessen verwüsten, plündern und zerstören sie im Gemetzel der Schlacht. Gott hat sie als gegenseitige Quelle des Glücks und Friedens erschaffen; aber stattdessen entstehen Zwietracht, Trauer und Verzweiflung in den Herzen der Unschuldigen und Bedrängten. Was euch betrifft: Euer Streben muss erhaben sein. Müht euch mit Herz und Seele, damit hoffentlich durch eure Anstrengungen das Licht des Weltfriedens erstrahle und die Finsternis der Entfremdung und Feindschaft zwischen den Menschen vertrieben werde, dass alle Menschen wie eine Familie werden und einander in Liebe und Güte begegnen, dass der Osten dem Westen beistehe und der Westen dem Osten helfe, denn alle sind Bewohner eines einzigen Planeten, das Volk eines einzigen ursprünglichen Herkunftslandes und die Herden eines einzigen Hirten. Seht, wie die Propheten, die gesandt wurden, die erhabenen Seelen, die erschienen, und die Weisen, die sich in der Welt erhoben, die Menschen zur Einheit und zum Frieden riefen. Das war das Wesentliche ihrer Sendung und Lehre. Das war der Zweck ihrer Unterweisung und Botschaft. Die Propheten, Heiligen, Seher und Philosophen haben ihr Leben geopfert, um diese Grundsätze und Lehren unter den Menschen zu verbreiten. Seht die Achtlosigkeit in der Welt. Trotz all der Mühen und Leiden der Propheten Gottes sind die Völker und Nationen der Welt noch immer in Feindschaft und Kampf verstrickt. Ungeachtet der himmlischen Gebote, einander zu lieben, vergießen sie immer noch gegenseitig ihr Blut. Wie achtlos und unwissend sind die Völker der Welt! Wie undurchdringlich ist die Finsternis, die sie umhüllt! Obwohl sie die Kinder eines barmherzigen Gottes sind, leben und handeln sie auch weiterhin gegen Seinen Willen und Sein Wohlgefallen. Gott liebt alle Menschen und ist freundlich zu allen, und dennoch erweisen sie einander erbitterte Feindschaft und Hass. Gott ist ihr Lebensspender, und doch versuchen sie immer wieder, Leben zu vernichten. Gott segnet und beschützt ihr Heim. Sie aber wüten, plündern und zerstören gegenseitig ihre Häuser. Bedenkt ihre Unwissenheit und Achtlosigkeit! Ihr müsst euch anders verhalten, denn ihr wisst um die Geheimnisse Gottes.

Eure Augen sind erleuchtet, eure Ohren mit Hörvermögen gesegnet.

Deshalb müsst ihr einander und der ganzen Menschheit mit größter Liebe und Freundlichkeit begegnen.

Ihr habt keine Entschuldigung vor Gott, wenn ihr nicht nach Seinem Gebot lebt, denn ihr wisst, was Gott wohlgefällig ist.

Ihr habt Seine Gebote und Grundsätze vernommen.

Ihr müsst daher zu allen Menschen gütig sein; ihr müsst selbst eure Feinde wie Freunde behandeln.

Seht in denen, die euch übelwollen, eure Wohltäter.

Seht diejenigen, die nicht mit euch übereinstimmen, als zu euch passend und angenehm an, damit vielleicht die Finsternis der Zwietracht und des Streites zwischen den Menschen schwindet und das Licht des Göttlichen aufleuchten kann; damit der Orient erleuchtet und der Okzident mit Wohlgeruch erfüllt werde; nein, vielmehr, damit Ost und West sich in Liebe umarmen und einander mit Sympathie und Zuneigung begegnen.

Solange der Mensch diese hohe Stufe nicht erreicht, wird die Menschenwelt nicht zur Ruhe kommen und keine ewige Glückseligkeit erlangen.

Wenn der Mensch aber nach diesen göttlichen Geboten lebt, wird diese irdische Welt in eine himmlische Welt verwandelt und diese materielle Welt in ein Paradies der Herrlichkeit.

Es ist meine Hoffnung, dass ihr diesem hohen Anspruch gerecht werdet, damit ihr die Menschheit wie strahlende Lampen erleuchtet und diesem Dasein mit dem Geist des Lebens neuen Auftrieb gebt und es beflügelt.

Das ist ewige Herrlichkeit.

Das ist immerwährende Glückseligkeit.

Das ist unsterbliches Leben.

Das ist himmlische Vollendung.

Das bedeutet, nach dem Ebenbild Gottes erschaffen zu sein.

Und hierzu rufe ich euch auf und bete zu Gott, dass Er euch stärke und segne.

Quellenangaben

Anmerkungen

A1 Jesaja 40,1 A2 Johannes 1,14 A3 1. Korinther 13,12 A4 'Akká war bis 1918, dem Ende des Osmanischen Reiches, Teil einer größeren syrischen Provinz A5 Sultan des Osmanischen Reiches A6 Johannes 16,12-13 A7 Lukas 23,34 A8 Das Dokument "Emancipation Proclamation" wurde am 1. Januar 1863 von Abraham Lincoln in Kraft gesetzt. Es erklärte alle Sklaven in den konföderierten Staaten für frei. A9 Johannes 14,2 A10 Matthäus 18,3 A11 Lukas 9,60 A12 Johannes 3,6 A13 Matthäus 16,18 A14 1. Mose 1,26 A15 Ḥájí Mírzá Muḥammad-Taqí Afnán, ein Onkel des Báb A16 Johannes 18,11 A17 Matthäus 5, 44ff. A18 1861–1865 Sezessionskrieg in den USA A19 'Akká war bis 1918, dem Ende des Osmanischen Reiches, Teil einer größeren syrischen Provinz. A20 Bahá'u'lláh, Die Verborgenen Worte 1:59 A21 'Abdu'l-Bahá selbst A22 Vergl. Matthäus Vers: 22,14: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.«