Sendbrief an einen Arzt
Der „Sendbrief an einen Arzt“ (arabisch/persisch
Lawh-i-Tibb) ist ein Sendschreiben Bahá'u'lláhs. Es wurde in den frühen 1870er
Jahren in der Stadt Akkon an einen Arzt namens Áqá Mírzá
Muhammad-Ridáy-i-Tabib-i-Yazdí verfasst.
„Für einen Arzt herniedergesandt, der Glanz Gottes sei
auf ihm. Er ist Gott, der Allwissende.
Die Zunge der Ewigkeit legt dar, was den Einsichtigen in
Abwe¬senheit eines Arztes genügen wird.
Sprich: o Volk, esst nur, wenn ihr hungrig seid, und
trinket nicht, nachdem ihr euch zum Schlafen gelegt habt.' Vortrefflich ist
Sport bei leerem Magen, denn durch ihn erstarken die Glieder; bei vollem Magen
jedoch ist er ein schwerer Schaden. Unterlasse die Heilbehandlung nicht, wenn
du ihrer bedarfst, und verzichte auf sie, wenn du bei guter Gesundheit' bist.
Nimm keine Speise zu dir, bevor du die vorige verdaut hast und schlucke nicht
herunter, bevor du gut gekaut hast. Behandle die Krankheit vorwiegend mit
Ernährung, und greife nicht voreilig zu Medikamenten. Wenn du das Ziel durch
ein einfaches Medikament erreichst, so enthalte dich zusammengesetzter
Medikamente. Verzichte bei Wohlerge¬hen auf Arznei, und verwende sie bei
Bedarf.
Wenn sich zwei gegensätzliche Speisen auf dem Tisch
befinden, so vermenge sie nicht und begnüge dich mit einer von beiden. Greife
zunächst zu Feinem vor Grobem und zu Flüssigem vor Festem. Eine Speise über die
andere zu sich zu nehmen ist gefähr¬lich, sei davor auf der Hut. Wenn du mit
dem Mahl anfängst, so beginne mit Meinem Namen, des Allherrlichen, und beende
es im Namen deines Herrn, des Besitzers von Himmel und Erde. Wenn du gespeist
hast, dann gehe ein wenig, damit die Speise sich setzt. Alles, was schwer zu
kauen ist, ist bei den Verständigen verpönt. Dies gebietet dir die Höchste
Feder. Wenig zu essen am Morgen ist eine Lampe für den Körper, gib die
schädlichen Gewohnheiten auf, denn sie sind eine Heimsuchung für den Menschen.
Begegne den Krankheiten in ihrer Ursachen. Dies ist das entscheidende Wort zu
diesem Thema.
Es obliegt dir, genügsam in allen Lebenslagen zu sein.
Dadurch wird das Selbst» von Trägheit und Unwohlsein bewahrt. Meide Sorge und
Kummer; mit diesen beiden geht schweres Unheil ein¬her. Sprich: Neid zerfrisst
den Körper, Zorn und Ärger verbrennen die Leber. Meidet beide, wie ihr den
Löwen meidet! Reinigung von Überflüssen ist ein Prinzip, allerdings nur in den
milden Jah¬reszeiten. Die Krankheit desjenigen wird schwerwiegend sein, der
beim Essen das Maß überschreitet. Wir bestimmten für jede Sache eine Ursache
und verliehen ihr eine Wirkung. All dies entspringt der Herrlichkeit Meines
Namens, der auf alle Dinge wirkt. Wahrlich, Er ist dein Herr, Er ist der, der
entscheidet über alles, was Er will.
Sprich: Durch die Beachtung dieser Regeln, die Wir
erklärten, bleiben die Mischungen im Gleichgewicht und ihre Proportionen
überschreiten die gehörigen Verhältnisse nicht. Der Ursprung; bleibt rein. Und
das Sechstel und ein Sechstel des Sechstels bleiben bei ihrem Zustand. Die
beiden aktiven und die beiden passiven Faktoren bleiben gewahrt, auf Gott ruht
unser Vertrauen. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Heilenden, dem Wissenden,
dessen Hilfe erfleht wird.
Die Höchste Feder hat diese Worte nur aus Liebe zu dir
hervorgebracht, damit du weißt, dass Sorgen die Altehrwürdige Schönheit nicht
überwältigt haben. Er war nicht traurig durch das, was Völker Ihm zugefügt
haben. Die Trauer liegt bei demjenigen, de etwas entgeht, und Seinem Griff
entgeht nichts, was in den Himmeln und auf Erden ist.
O Arzt, heile die Kranken zunächst dadurch, indem du den
Na¬men deines Herrn nennst, des Herrschers am Tag des Gerichts, danach heile
durch die Mittel, die Wir für die rechte Gesundheit' der Menschen bestimmen.
Bei Meinem Leben! Den Arzt zu tref¬fen, der den Wein Meiner Liebe getrunken
hat, ist wahrlich Hei¬lung, und sein Odem Erbarmen und Hoffnung. Sprich: Haltet
euch an ihn, um der Ausgewogenheit der Mischungen willen, denn er wird in der
Behandlung wahrlich von Gott unterstützt.
Sprich: diese Wissenschaft ist die vornehmste aller
Wissenschaf¬ten. Sie ist von Gott, der die Knochen beleben wird, zur größten
Ursache für die Erhaltung der Körper der Völker gemacht wor¬den, und Er gab ihr
den Vorrang vor allen Wissenschaften und Weisheiten. Heute aber ist der Tag, an
dem du dich zu meinem Beistand erheben mögest, losgelöst von den Welten.
Sprich: Dein Name ist meine Heilung, o mein Gott, Dein
Gedenken meine Arznei, Deine Nähe meine Hoffnung, und die Liebe zu Dir mein
Gefährte. Dein Erbarmen ist meine Heilung und Hilfe inbeiden Welten, in dieser
und der künftigen. Du bist wahrlich der Allgütige, der Allwissende, der
Allweise.
Überbringt allen Freunden die Grüße Gottes. Sprich: Heute
sind zwei Dinge wohlgefällig und erwünscht. Das erste ist die Weis¬heit und
Erklärung'. Das zweite ist Standhaftigkeit in der Sache eures Herrn, des
Erbarmers. Jede Seele, die an diesen beiden Din¬gen teilhat, wird von Gott zu
den Bewohnern der ewigen Stadt gezählt und genannt werden, da durch diese
beiden die Sache Got¬tes unter den Menschen begründet wurde und werden wird.
Wenn Weisheit und Klarheit nicht wären, wie würden alle Not leiden! In diesem Falle bliebe keine Seele zurück, um
die Men¬schen zum Göttlichen Gesetz zu führen. Und wenn Standhaftig¬keit nicht
wäre, würde der Hauch des von Gott Sprechenden keine Wirkung zeigen.
Sprich: 0
Freunde, Angst und Verwirrung sind Sache der Schwä¬cheren'', und wenn die
Freunde Gottes tief über die Welt und die offenbaren Geheimnisse darin
nachdenken würden, so sollte sie der Angriff der Tyrannen nicht in Furcht
versetzen, sondern sie sollten mit den Flügeln der Sehnsucht zum Glanze des
Horizontes eilen. Dieser Diener wünscht das, was Er für sich selbst wünscht,
für alle Freunde des Glaubens.
Und dass Weisheit
und Bewahrung befohlen wurden und wird, hat die Absicht, dass diejenigen, die
Meiner gedenken auf der Er¬de verweilen mögen, um sich der Verkündigung des
Herrn der Welten zu widmen. Deshalb ist für alle der Schutz des eigenen
Selbstes und jener der Freunde um der Sache Gottes Willen bin¬dend und
notwendig. Wenn die Freunde befolgen würden, was ih¬nen befohlen wurde, wären
die meisten derer, die auf Erden sind, mit dem Mantel des Glaubens geschmückt.
Glücklich derjenige, der eine Seele zu. den immerwährenden Glauben Gottes führt
und zum ewigen Leben geleitet. Dies ist eine der größten Taten vor deinem
Herrn, dem Mächtigen, dem Erhabenen.
Möge der Geist
und die Herrlichkeit auf dir ruhen!"
27 Die Übersetzung erfolgte durch Dr. N.
Towfigh. Berücksichtigt wurden in dieser Fassung auch provisorische englische
Übersetzungen; v. a. durch Lambden und Fananapazir. (s. o.) Eine leicht
abweichende Übersetzung des arabischen Teils des Sendbriefes findet sich in
Schwartz-Klapp, P. & Klapp, P.: Gesundheit, Ernährung, Medizin und Heilen.
Rudolfstadt: Verlag Schwartz-Klapp, 2003, S. 13-16.
28 arab.:
al-hujú'; Eine alternative und ebenso treffende Übersetzung lautet: „...und
trinket nicht, wenn ihr gesättigt seid.".
29 arab.:
al-misaj; auch „im Gleichgewicht"; „in rechter Mischung des Säfte",
s.u.
30 arab.:
al-nafs; das Selbst könnte auch mit „Seele" übersetzt werden. Alterna¬tiv:
Psyche, Gemüt, Sinn, Selbst, Lebensodem, Lebensgeist.
31 auch „rechte
Mischung"; s.o.
32 pers.: Bayán;
Erklärung, Klarheit.
33 wörtlich: der
Frauen.