Selbsterkenntnis und Psychologie Ein Memorandum der Forschungsabteilung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 1.
August 1988 Die Forschungsabteilung hat die im Brief vom 21.
Juni 1988 vom Nationalen Geistigen Rat von Italien enthaltene Frage an das Universale Haus der Gerechtigkeit studiert.
Der Nationale Rat ist besorgt über das wachsende Interesse an Psychologie in der Bahá’í-Gemeinde.
Er hat die Beobachtung gemacht, daß Psychologie ein übertriebenes Gefühl für die Wichtigkeit der Selbstreflexion wecken kann, was dann die jungen Gläubigen stark beschäftigt und sie vom Lehren und Vertiefen ablenkt.
Der Nationale Rat erbittet eine Zusammenstellung von Auszügen aus den Schriften zu diesem Thema, die als Grundlage für seine Bemühungen dienen soll, die Mitglieder der italienischen Gemeinde hier zu unterstützen.
Wir bieten folgende Antwort an.
Die Schriften bestätigen eindeutig die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis, betonen die Notwendigkeit, sich um die Unterordnung des Ego zu bemühen und weisen darauf hin, daß die “sehr junge und nicht exakte Wissenschaft” der Psychologie dabei eine Funktion hat.
Die beigefügte Zusammenstellung behandelt diese Themen und schneidet eine Reihe von Punkten an, die dem Nationalen Geistigen Rat bei seiner Untersuchung der verschiedenen Aspekte dieses wichtigen Gegenstandes helfen könnten.
Einige der in der Zusammenstellung behandelten Themen:
1.
Selbsterkenntnis ihre Bedeutung (Auszug 1 und 2) das “wahre Selbst” (Auszug 3) die Grundlage für das “wahre Verständnis” des Selbstes (Auszug 12) 2.
Entwicklung des Selbstes die Bedeutung der Erziehung (Auszug 8 und 10) die Rolle des individuellen Wollens und Bemühens (Auszug 5 und 9) der “Schlüssel” zum Sieg über das Selbst (Auszug 14) 3.
Gefahren der alleinigen Konzentration auf das Selbst (Auszug 11 und 13) 4.
Die Notwendigkeit, über das Selbst hinauszuschauen ein “weltumfassender”
Blick (Auszug 4) lebhafte Anteilnahme an den “Nöten der Zeit” (Auszug 7) 5.
Das Ego und das Selbst zwei Bedeutungen des Selbstes (Auszug 15) Unterordnung oder Auslöschung des Egos (Auszug 20) Notwendigkeit, gegen das Ego anzukämpfen (Auszug 16) moderne Überbetonung des Egos und des Selbstes in der Psychologie (Auszug 20) 6.
Die Rolle der Psychologie in der Bahá’í-Religion Kommentar über Freud, Psychiatrie, Psychologie und Kinderpsychologie (Auszug 17) Bahá’í wird nicht abgeraten, psychiatrische und psychologische Hilfe anzunehmen (Auszug 17) Die Psychologie ist vorläufig eine “sehr junge und ungenaue Wissenschaft” (Auszug 18) Ratschlag für Bestimmungsmöglichkeiten “welche Konzepte der Psychologie nach Bahá’í-Maßstäben gültig sind” (Auszug 21) Bahá’í werden Beiträge zur Entwicklung des ganzen Bereiches der Psychologie machen (Auszug 18 und 19) Selbsterkenntnis Aus den Schriften Bahá’u’lláhs 1.
Das erste Taráz und der erste Lichtstrahl, der am Horizont des Mutterbuches anbricht, ist, daß der Mensch sich selbst erkennen und unterscheiden soll, was zu Erhöhung und Erniedrigung, zu Ruhm und Schande, zu Reichtum und Armut führt. … Botschaften aus Akka 4:8 2.
Wahren Verlust erleidet, wer seine Tage in völliger Unkenntnis über sein wahres Selbst verbringt.
Botschaften aus Akka 10:22 3. … Durch die Lehren dieser Sonne der Wahrheit wird jeder Mensch fortschreiten und sich entwickeln, bis er die Stufe erreicht, auf der er alle in ihm verborgenen Kräfte offenbaren kann, mit denen sein innerstes wahres Selbst begabt worden ist.
Zu eben diesem Zweck sind in jedem Zeitalter und in jeder Sendung die Propheten Gottes und Seine Auserwählten unter den Menschen erschienen und haben eine Kraft gezeigt, wie sie von Gott geboren ist, und eine Macht, wie sie nur der Ewige offenbaren kann.
Ährenlese 27:5 4.
Laßt eueren Blick weltumfassend sein, anstatt ihn auf euer Selbst zu beschränken.
Ährenlese 43:5 5.
Und nun zu deiner Frage nach der Erschaffung des Menschen.
Wisse, daß alle Menschen in der von Gott, dem Bewahrer, dem Selbstbestehenden, bestimmten Art erschaffen sind.
Jedem ist, wie auf Gottes mächtigen, wohlverwahrten Tafeln verfügt, ein vorbestimmtes Maß zugewiesen.
Alles, was ihr an Anlagen besitzt, kann jedoch nur als Ergebnis eueres eigenen Wollens offenbar werden.
Euere Taten bezeugen diese Wahrheit. … Ährenlese 77:1 6.
Alles in den Himmeln und auf Erden ist unmittelbar Beweis dafür, daß sich darin Gottes Eigenschaften und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des Größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen.
Mich dünkt, ohne die Macht dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen.
Wie hell strahlen die Leuchten der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen!
In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der unter allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde.
Denn in ihm sind alle Namen und Eigenschaften Gottes der Anlage nach in einem Maß offenbart, das nichts Erschaffenes sonst überragt oder übertrifft.
Alle diese Namen und Eigenschaften treffen auf ihn zu.
So hat Er gesagt:
“Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis.”
Mannigfaltig sind die Verse, die in all den himmlischen Büchern und den heiligen Schriften wiederholt zu diesem tiefsten, erhabensten Thema offenbart worden sind.
So hat Er offenbart:
“Wir werden ihnen sicherlich Unsere Zeichen zeigen in der Welt und in ihnen selbst.” (Qur’an 51:21-22) Und wiederum offenbarte Er:
“Und seid nicht wie jene, die Gott vergessen und die Er darum ihr eigenes Selbst vergessen ließ.” (Qur’an 59:20) In diesem Zusammenhang hat Er, der ewige König – mögen die Seelen aller, die im mystischen Tabernakel wohnen, ein Opfer für Ihn sein – gesprochen:
“Der hat Gott erkannt, der sich selbst erkannt hat.” (Ausspruch des Imám‘Alí) Ährenlese 90:1 7.
Der allwissende Arzt legt Seinen Finger an den Puls der Menschheit.
Er erkennt die Krankheit und verschreibt in Seiner unfehlbaren Weisheit das Heilmittel.
Jede Zeit hat ihr eigenes Problem, jede Seele ihre besondere Sehnsucht.
Das Heilmittel, dessen die Welt in ihren gegenwärtigen Nöten bedarf, kann nicht das gleiche sein, das ein späteres Zeitalter erfordern mag.
Befaßt euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Ährenlese 106:1 8. … Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert.
Nur die Erziehung kann bewirken, daß es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.
Ährenlese 122:1 9.
Aus dem erhabenen Quell, aus dem Wesen Seiner Gunst und Güte hat Er alles Erschaffene mit einem Zeichen Seiner Erkenntnis betraut, auf daß keines Seiner Geschöpfe davon ausgeschlossen sei, seinen Anteil von dieser Erkenntnis kundzutun, jedes nach seiner Fähigkeit und nach seinem Rang.
Dieses Zeichen ist der Spiegel Seiner Schönheit in der Welt der Schöpfung. … Es kann keinen Zweifel geben, daß durch die Anstrengungen, die jeder Mensch bewußt unternimmt, und durch den Einsatz seiner geistigen Fähigkeiten dieser Spiegel vom Schmutz irdischer Befleckung so gereinigt und von teuflischem Wahn so befreit werden kann, daß er den Auen ewiger Heiligkeit nahen und die Höfe immerwährender Gemeinschaft erreichen kann. … Ährenlese 124:2, 3 10.
Wer immer sich unter euch erhebt, die Sache seines Herrn zu lehren, der lehre vor allem sein eigenes Ich, damit seine Rede die Herzen seiner Hörer anziehe.
Ehe er sich nicht selbst lehrt, werden die Worte seines Mundes das Herz des Suchers nicht berühren.
Habt acht, o Menschen, daß ihr nicht zu denen gehört, die anderen einen guten Rat geben, aber vergessen, ihn selbst zu befolgen.
Ährenlese 128:5 11.
Selig bist du, weil du den Götzen des Selbstes und des leeren Trugs vernichtet und den Schleier eitlen Wahns durch die Kraft und Macht deines Herrn, des höchsten Beschirmers, des Allmächtigen, des einzig Geliebten, zerrissen hast. … Ährenlese 135:2 12.
O Meine Diener, könntet ihr begreifen, mit welchen Wundern Meiner Großmut und Freigebigkeit Ich eure Seelen betrauen will, ihr würdet euch in Wahrheit von der Bindung an alles Erschaffene lösen und wahre Erkenntnis eurer selbst gewinnen – eine Erkenntnis, die das gleiche ist wie das Begreifen Meines eigenen Seins.
Ihr würdet euch von allem außer Mir unabhängig finden und würdet mit euerem inneren und äußeren Auge, klar wie die Offenbarung Meines strahlenden Namens, die Meere Meiner Güte und Freigebigkeit in euch wogen sehen.
Laßt nicht zu, daß euere nichtigen Einbildungen, euere bösen Leidenschaften, euere Unaufrichtigkeit und Herzensblindheit den Glanz einer so erhabenen Stufe trüben oder ihre Heiligkeit beflecken.
Ährenlese 253:6 13. … manche schwachen Seelen sind der Sonne der geistigen Bedeutung und der Geheimnisse des ewigen Geliebten beraubt, da sie den Boden der Erkenntnis mit der Mauer des Ichs und des Begehrens und durch die Schleier der Achtlosigkeit und Blindheit begrenzt haben.
Sie sind weit von den Juwelen der Weisheit der offenbaren Religion des Herrn der Boten abgewichen und vom Heiligtum der Erhabenen Schönheit und der Ka’bih der Herrlichkeit ausgeschlossen worden.
Dies ist der Zustand des heutigen Menschen!
Sieben Täler, Tal der Einheit Aus den Worten ’Abdu’l-Bahás 14. … Heute ist die Bestätigung des Abhá-Königreiches mit jenen, die sich selbst verleugnen, die eigene Meinung vergessen, von Persönlichkeiten unabhängig zu werden und an das Wohl anderer denken.
Wer sich selbst vergaß, hat das Weltall und seine Bewohner gefunden.
Wer mit sich selbst beschäftigt ist, wandert in der Wüste der Achtlosigkeit und des Schmerzes.
Der “Universalschlüssel” zur Selbstbeherrschung ist Selbstvergessen.
Der Weg zum Palast des Lebens führt durch den Pfad der Selbstverleugnung. (Star of the West, Bd.17, Nr.2, v.
Mai 1926, S.348) Aus Briefen im Auftrage Shoghi Effendis 15. … Der Begriff “Selbst” hat in den Bahá’í-Schriften tatsächlich zwei Bedeutungen oder wird in zweifachem Sinn gebraucht.
Zum einen ist das Selbst die Identität des von Gott geschaffenen Individuums.
Es ist das Selbst, das in Sätzen wie diesem gemeint ist:
“Der hat Gott erkannt, der sich selbst erkannt hat” usw.
Das andere Selbst ist die Ichhaftigkeit, das dunkle triebhafte Erbe, das jeder von uns hat, die niedere Natur, die zu einem Ungeheuer von Selbstsucht, Brutalität, Lust usw. auswachsen kann.
Dieses Selbst – oder diese Seite unserer Natur – ist es, gegen das wir ankämpfen müssen, um das geistige Wesen in uns zu kräftigen und zu befreien und ihm zu helfen, seine Vollkommenheit zu erlangen….
10.
Dezember 1947, an einen Gläubigen (Zum wirklichen Leben, S.28) 16. … Das Leben ist ein ständiger Kampf, nicht nur gegen die Kräfte um uns, sondern vor allem gegen unser eigenes “Ego”.
Wir können es uns niemals erlauben, auf unseren Lorbeeren auszuruhen, denn wenn wir es tun, werden wir bald merken, wie die Strömung uns zurücktreibt.
Viele, die von der Sache abdriften, tun dies, weil sie aufgehört haben sich weiterzuentwickeln.
Sie werden selbstgefällig oder gleichgültig und hören daher auf, die geistige Stärke und Lebenskraft aus der Sache zu beziehen, die sie brauchen.
Natürlich versagen einige manchmal, weil sie sich einer Prüfung nicht stellen, und oft bereiten wir uns gegenseitig die schlimmsten Prüfungen.
Gewiß sollten die Gläubigen versuchen, diese Dinge zu vermeiden und wenn es trotzdem geschieht, sie durch Liebe zu heilen.
Ganz allgemein kann man sagen, daß neun Zehntel der Schwierigkeiten der Freunde daher rühren, daß sie in ihrer Beziehung zu einander, zu den Verwaltungseinrichtungen oder in ihrem persönlichen Leben nicht das tun, was Bahá’í tun sollten. (Aus einem Brief an einen Gläubigen, veröffentlicht in “Principles of Bahá’í Administration:
A Compilation”, 3.
Ausgabe (London:
Bahá’í Publishing Trust, 1973), S.87-88) Aus Briefen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit oder in dessen Auftrag geschrieben 17.
Ihr Brief vom 4.
Dezember berichtet über gewisse Pilgernotizen, die dem geliebten Hüter abwertende Bemerkungen über Psychiatrie und Psychologie zuschreiben.
Folgender Auszug aus einem Brief des Hüters, der in den U.S.
Bahá’í News Nr.236, Oktober 1950, veröffentlicht wurde, könnte Ihnen bei dieser Frage von Nutzen sein:
In unseren Lehren steht nichts über Freud und seine Methoden.
Psychiatrische Behandlung im allgemeinen ist ohne Zweifel ein wichtiger Beitrag zur Medizin, aber wir glauben, daß es eher eine sich noch im Wachstum befindende, als eine ausgereifte Wissenschaft ist.
Da Bahá’u’lláh uns aufgefordert hat, die Hilfe guter Ärzte zu suchen, steht es den Bahá’í selbstverständlich nicht nur frei, sich an die Psychiatrie um Hilfe zu wenden, sondern sie sollten es auch tun, wenn diese zur Verfügung steht.
Dies bedeutet nicht, daß Psychiater immer weise sind und immer Recht haben; es bedeutet, daß es uns freisteht, das beste für uns in Anspruch zu nehmen, was die Medizin uns zu bieten hat.
Was der Hüter über Psychiatrie gesagt hat, kann ganz allgemein auch über die Psychologie gesagt werden, einschließlich der Kinderpsychologie, aber wir haben keine Texte gefunden, die dies belegen. (18.
Februar 1972, geschrieben vom Universalen Haus der Gerechtigkeit an einen Gläubigen) 18.
Bei all dem sprachen wir über die Einstellung, die Bahá’í gegenüber dem Gestez Bahá’u’lláhs haben sollten.
Jedoch werden Sie als Arzt, der hauptsächlich als Berater in Familien- und Sexualproblemen arbeitet, zum großen Teil damit beschäftigt sein, Nicht-Bahá’í zu beraten, die die Gesetze Bahá’u’lláhs nicht anerkennen und auch keinen Grund sehen, sie zu befolgen.
Sie sind bereits ein qualifizierter Fachmann auf Ihrem Gebiet und geben ohne Zweifel Ihren Rat auf der Basis dessen, was Sie aus dem Studium und der Erfahrung gelernt haben – ein Geflecht von Konzepten über den menschlichen Geist und Verstand, sein Wachstum, seine Entwicklung und richtiges Funktionieren, das Sie ohne Bezug auf die Lehren Bahá’u’lláhs gelernt und erarbeitet haben.
Nun, als Bahá’í wissen Sie, daß das, was Bahá’u’lláh über den Zweck des menschlichen Lebens, die Natur des Menschen und die richtige Lebensführung des Menschen lehrt, göttlich offenbart und daher wahr ist.
Es wird Sie jedoch unweigerlich Zeit kosten, die Bahá’í-Lehren so zu studieren, daß Sie sie nicht nur verstehen, sondern auch herausarbeiten, wie sich Ihre beruflichen Konzepte ändern.
Dies ist natürlich für einen Wissenschaftler keine ungewöhnliche Situation.
Wie oft im Laufe der Forschung wurde ein Faktor entdeckt, der eine Revolution im Nachdenken über ein weites Gebiet menschlichen Bemühens erforderte.
In jedem Fall müssen Sie von Ihrem eigenen professionellen Wissen und Urteilsvermögen, das von Ihrem wachsenden Verständnis der Bahá’í-Lehren erleuchtet wird, geführt werden; zweifellos werden Sie feststellen, daß Ihr eigenes Verständnis der menschlichen Probleme, mit denen Sie bei Ihrer Arbeit zu tun haben, sich ändert und entwickelt und Sie werden neue und bessere Wege finden, wie Sie den Menschen helfen können, die zu Ihnen kommen.
Psychologie ist noch eine sehr junge und ungenaue Wissenschaft, und mit den Jahren werden Bahá’í-Psychologen, die durch die Lehren Bahá’u’lláhs das wahre Muster des Lebens erkennen, fähig sein, große Fortschritte in der Entwicklung dieser Wissenschaft zu machen, und werden tiefgreifend zur Linderung menschlichen Leidens beitragen. (12.
Januar 1973 geschrieben vom Universalen Haus der Gerechtigkeit an einen Gläubigen) 19.
Was das System der Individualpsychologie betrifft, so ist in den Schriften nichts zu finden, was irgendeine besondere Theorie dieser Wissenschaft unterstüzt….
Ohne Zweifel werden mit der Zeit fähige Bahá’í mit akademischen Neigungen, die Zugang zu den gesamten Texten der Heiligen Schriften haben, große Fortschritte in der Entwicklung der Psychologie, wie auch in anderen Wissenschaften, zum Nutzen der ganzen Menschheit machen. (21.
Juni 1976 im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an einen Gläubigen) 20.
Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat Ihren Brief vom 24.
April über moderne Vorstellungen der Psychologie erhalten und hat uns gebeten, seine Anmerkungen zu übermitteln.
Ihre Besorgnis bezüglich der Überbewertung des Selbstes und des Ego wiederholt ein zentrales Thema der Manifestation und ist Gegenstand vieler Andeutungen in Seinen Schriften, worin Er etwa von “dem Übel der Ichhaftigkeit” und von jenen, die “Gefangene der Ichhaftigkeit” sind, spricht.
Der Meister bezieht sich auf “den Rost der Ichhaftigkeit” und spricht von “… der Spitzfindigkeit des menschlichen Ego.
Es ist der Verführer (die spitzfindige Schlange des Verstandes) und die arme Seele, die von seinen Einflüsterungen nicht ganz frei ist, wird solange getäuscht, bis sie sich vollkommen von allem außer Gott löst.”
In einem anderen Abschnitt sagt Er:
“Solange das Ego den fleischlichen Gelüsten untertan ist, werden Sünde und Irrtum weiterbestehen.”
Und Er verspricht, daß mit beharrlichem Bemühen “der Mensch von Egoismus frei werden wird: er wird von der materiellen Welt erlöst…”.
Auszüge aus im Auftrag des geliebten Hüters von seinen Sekretären geschrieben Briefen werden hilfreich sein, gewisse Ihrer Fragen zu klären:
In bezug auf Ihre Fragen, die Sie in Ihrem Brief gestellt haben:
Die einzigen Menschen, die wahrlich von “der Schlacke des Selbstes” frei sind, sind die Propheten, denn vom eigenen Ego frei zu sein, ist ein Kennzeichen der Vollkommenheit.
Wir Menschen werden niemals vollkommen werden, denn Vollkommenheit gehört zu einem Bereich, in den einzutreten für uns nicht bestimmt ist.
Wir müssen jedoch beständig immer höher steigen und versuchen vollkommener zu werden.
Das Ego ist das Tier in uns, das Erbe des Fleisches, welches voller selbstsüchtiger Begierden ist.
Indem wir den Gesetzen Gottes gehorchen, versuchen, das Leben so zu leben, wie es in unseren Lehren niedergelegt ist, und durch Gebet und Mühe, können wir unser Selbst überwinden.
Wir nennen jene Menschen “Heilige”, die den höchsten Grad der Beherrschung Ihres Selbsts erreicht haben.
Es besteht kein Widerspruch zwischen Ährenlese 27:3 und 124:3.
An einer Stelle sagt Er, daß der Spiegel niemals sich selbst vom Schmutz befreien kann, an einer anderen sagt Er, er wird so “gereinigt sein, daß er fähig wird,” usw.
Dies ist relativ; Vollkommenheit wird niemals erreicht, aber großer und immer größerer Fortschritt kann gemacht werden. (an einen Gläubigen, am 8.
Januar 1949) Die Gläubigen sollten sich, wie wir alle wissen, bemühen, ein solches Vorbild in ihrem persönlichen Leben und Verhalten zu sein, daß andere sich gedrängt sehen, einen Glauben anzunehmen, der den menschlichen Charakter verwandelt.
Leider erreicht jedoch nicht jeder leicht und schnell den Sieg über das Selbst.
Jeder Gläubige, neu oder altgedient, sollte sich bewußt machen, daß die Sache (Gottes) die geistige Kraft besitzt, uns neu zu erschaffen, wenn wir die Anstrengung machen, dieser Macht zu erlauben, Einfluß auf uns zu haben, und die größte Hilfe hierzu ist das Gebet.
Wir müssen Bahá’u’lláh bitten, uns zu helfen, die Schwächen unseres Charakters zu überwinden und auch unsere eigene Willenskraft einsetzen, um unser Selbst zu meistern. (an einen Gläubigen, am 24.
Januar 1945) Zu den Punkten, die Sie in Ihrem Brief anschneiden:
Die völlige, gänzliche Auslöschung des Ich würde Vollkommenheit bedeuten – die der Mensch nie ganz erreichen kann – aber das Ich kann und sollte in steigendem Maß der erleuchteten Seele des Menschen untergeordnet werden.
Das ist mit geistigem Fortschritt gemeint. (an einen Gläubigen, am 19.
Dezember 1941) Vielleicht ist es für Sie von zusätzlicher Hilfe, sich in dieser komplexen Frage des Selbstes und seiner Eigenschaften mit Bahá’í zu beraten, die in Psychologie und Psychiatrie ausgebildet und vielleicht in der Lage sind, die Unterschiede zwischen den heutigen wissenschaftlichen Begriffen des Verstandes und seiner Funktionen und den Begriffen, die aus den Heiligen Schriften herrühren, zu erklären.
Die Schriften beziehen sich häufig auf die Unverletzlichkeit des einzelnen, aber auch auf die sozialen Regeln, die auf den ethischen Grundsätzen des Glaubens gründen – Grundsätze, die jeder von uns beachten muß, wenn wir nicht dabei versagen wollen, in unserem Leben jene Tugenden widerzuspiegeln, die von dem großen Lehrer unseres Tages vorgetragen werden, und damit versäumen, unserer wahren Bestimmung als geistige Wesen zu entsprechen. (4.
August 1977 im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an einen Gläubigen) 21.
In bezug auf Ihre Frage, welche Konzepte der Psychologie dem Bahá’í-Standard entsprechen, schlägt das Universale Haus vor, daß ein genaues Studium des Teils IV der “Beantworteten Fragen”, besonders Kapitel 48 über “Den Unterschied zwischen Mensch und Tier”, Ihnen helfen wird, jeden Begriff in der richtigen Perspektive zu sehen, der im Rahmen ihres Promotions-Lehrplans gelehrt wird.
Als Bahá’í können Sie feststellen, wann ein Begriff den geistigen Teil des Menschen unberücksichtigt läßt. (14.
September 1980 im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an einen Gläubigen) - -- - -- - Liebe Freunde, der Nationale Geistige Rat hatte vor einigen Monaten Anlaß, sich in einer eingehenden Beratung dem Thema “Psychologische Konzepte im Zusammenhang mit Aktivitäten der Bahá’í-Gemeinde” zu widmen.
Hierbei wurde die Führung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit zugrundegelegt, das u.a. in einem Schreiben vom 1.
Februar 1995 den Kern des Sachverhaltes wie folgt herausstellt:
“…Das Haus der Gerechtigkeit hat uns gebeten zu bestätigen, daß… es ausgezeichnet ist, wenn die Freunde ihre Talente und beruflichen Fähigkeiten zum Nutzen der Menschheit in Einklang mit den Lehren des Glaubens entwickeln.
Hervorragend ist auch, wenn sie durch ihre Arbeit in der Lage sind, das Wissen um den Glauben und seine Lehren zu verbreiten und Seelen anzuziehen, die Botschaft Bahá’u’lláhs zu erkennen und anzunehmen.
Es ist nicht zu vermeiden, daß Bahá’í, die auf diese Weise zum Glauben hingezogen werden, wie auch Mitglieder der Bahá’í-Gemeinde, denen die angewandte Methode geholfen hat, dazu neigen werden, gegenseitige Freundschaft und Zusammenarbeit aufzubauen.
Dies ist völlig natürlich und wird nicht schaden, es sei denn, der Prozeß bringt unerwünschte Folgen mit sich, wie zum Beispiel: a) Der Öffentlichkeit oder den Teilnehmer selbst wird der Eindruck vermittelt, daß der Bahá’í-Glaube oder die Institutionen der Bahá’í-Gemeinde die bestimmte Methode oder damit zusammenhängende Aktivitäten besonders billigen oder unterstützen. b) Die betroffenen Freunde erlauben sich von den jeweiligen Methoden oder Themen so begeistert zu werden, daß sie diese den Aktivitäten der Bahá’í-Gemeinde aufdrängen und dabei die Tatsache übersehen, daß deren Besonderheiten nicht Teil der Bahá’í-Lehren sind und – obwohl sie selbst diese als sehr nützlich empfunden haben – andere Bahá’í vielleicht nicht so zustimmend reagieren und demzufolge den Eindruck erhalten, daß der Bahá’í-Glaube dazu benutzt wird, eine bestimmte private Sichtweise oder Methode voranzutreiben, und das zum Schaden des Glaubens….”
Der Nationale Geistige Rat möchte in diesem Zusammenhang auf seine diesbezügliche Stellungnahme in den Bahá’í-Nachrichten vom August 1994 hinweisen, in der auf die Trennung und zu vermeidende Vermengung von Aktivitäten der Bahá’í-Gemeinde und psychologischen Modellen eingegangen wird.
Von Interesse für die Freunde ist sicherlich auch ein Memorandum der Forschungsabteilung des Weltzentrums zum Thema “Selbsterkenntnis und Psychologie”, das im Vertiefungsteil dieser Ausgabe der Bahá’í-Nachrichten veröffentlicht ist.
In herzlicher Verbundenheit Der Nationale Geistige Rat (Bahá'í-Nachrichten, September 1996, S.
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