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Zweites Kapitel

ZWEITES KAPITEL Inhalt der Gita zusammengefaßt

VERS 1 Sanjaya sagte: Als Madhusudana, Krsna, Arjuna voller Mitleid und sehr betrübt sah, mit Tränen in den Augen, sprach Er die folgenden Worte. ERLÄUTERUNG Materielles Mitleid, Klagen und Tränen sind alles Zeichen dafür, dass man das wirkliche Selbst nicht kennt. Mitleid mit der ewigen Seele bedeutet Selbstverwirklichung. Das Wort "Madhusudana" ist in diesem Vers von Bedeutung. Sri Krsna tötete den Dämon Madhu, und jetzt wollte Arjuna, dass Krsna den Dämon des Mißverständnisses vernichtete, der ihn während der Erfüllung seiner Pflicht überwältigt hatte. Niemand weiß, worauf Mitleid gerichtet werden soll. Mitleid mit der Kleidung eines Ertrinkenden ist sinnlos. Ein Mensch, der in das Meer der Unwissenheit gefallen ist, kann nicht dadurch gerettet werden, dass man nur sein äußeres Gewand rettet - den groben materiellen Körper. Wer dies nicht weiß und um das äußere Gewand klagt, wird als sudra bezeichnet oder jemand, der unnötigerweise jammert. Arjuna war ein ksatriya, und ein solches Verhalten wurde nicht von ihm erwartet. Sri Krsna kann jedoch das Klagen des unwissenden Menschen vertreiben, und zu diesem Zweck wurde die Bhagavad-Gita von Ihm gesungen. Dieses Kapitel unterrichtet uns durch ein analytisches Studium des materiellen Körpers und der Seele, das von der höchsten Autorität, Sri Krsna, vorgenommen wird, in Selbstverwirklichung. Diese Verwirklichung wird möglich, wenn das nach fruchttragenden Ergebnissen strebende Lebewesen in einem gefestigten Verständnis vom wahren Selbst handelt.

VERS 2 Die Höchste Person [Bhagavan] sprach: Mein lieber Arjuna, wie konnten diese Unreinheiten über dich kommen? Sie ziemen sich in keiner Weise für einen Mann, der die höheren Werte des Lebens kennt. Sie führen nicht zu höheren Planeten, sondern zu Schande. ERLÄUTERUNG Krsna und die Höchste Persönlichkeit Gottes sind identisch. Deshalb wird Sri Krsna die ganze Gita hindurch als "Bhagavan" bezeichnet. Bhagavan ist das endgültige in der Absoluten Wahrheit. Die Absolute Wahrheit wird in drei Verständnisphasen erkannt, nämlich als Brahman oder die unpersönliche, alldurchdringende spirituelle Natur; als Paramatma oder der lokalisierte Aspekt des Höchsten im Herzen aller Lebewesen und als Bhagavan oder die Höchste Persönlichkeit Gottes, Sri Krsna. Im Srimad-Bhagavatam (1.2.11) wird dieses Verständnis von der Absoluten Wahrheit demgemäß erklärt: "Die Absolute Wahrheit wird von demjenigen, der Sie kennt, in drei Aspekten wahrgenommen, die alle miteinander identisch sind. Diese Aspekte der Absoluten Wahrheit werden als Brahman, Paramatma und Bhagavan bezeichnet." Diese drei göttlichen Aspekte können am Beispiel der Sonne näher erklärt werden, die ebenfalls drei verschiedene Aspekte hat, nämlich den Sonnenschein, die Sonnenoberfläche und den Sonnenplaneten selbst. Wer nur den Sonnenschein studiert, befindet sich auf der ersten Stufe der Verwirklichung; wer die Oberfläche der Sonne versteht, ist weiter fortgeschritten, und wer in den Sonnenplaneten eingehen kann, befindet sich auf der höchsten Stufe. Gewöhnliche Schüler, die zufrieden sind, wenn sie nur den Sonnenschein verstehen, das heißt seine universale Ausbreitung und die gleißende Ausstrahlung seines unpersönlichen Wesens, mögen mit denen verglichen werden, die nur den Brahman-Aspekt der Absoluten Wahrheit erkennen können. Der Schüler, der weiter fortgeschritten ist, kann darüber hinaus die Sonnenscheibe erkennen, was mit dem Wissen um den Paramatma-Aspekt der Absoluten Wahrheit verglichen wird. Und der Schüler, der in das Herz des Sonnenplaneten eingehen kann, wird mit jemandem verglichen, der die persönlichen Merkmale der Höchsten Absoluten Wahrheit erkennt. Daher sind die bhaktas oder jene Transzendentalisten, die den Bhagavan-Aspekt der Absoluten Wahrheit erkannt haben, die höchsten Transzendentalisten, wenngleich alle Schüler, die sich dem Studium der Absoluten Wahrheit widmen, mit dem gleichen Thema zu tun haben. Der Sonnenschein, die Sonnenscheibe und das Geschehen im Innern des Sonnenplaneten können nicht voneinander getrennt werden, und dennoch gehören die Schüler, die diese drei verschiedenen Aspekte studieren, nicht zur gleichen Kategorie. Das Sanskritwort Bhagavan wird von der bedeutenden Autorität Parasara Muni, dem Vater Vyasadevas, wie folgt erklärt: "Die Höchste Persönlichkeit, die allen Reichtum, alle Stärke, allen Ruhm, alle Schönheit, alles Wissen und alle Entsagung in Sich birgt, wird Bhagavan genannt." Es gibt viele Personen, die sehr reich, sehr mächtig, sehr schön, sehr berühmt, sehr gelehrt und sehr entsagungsvoll sind, aber niemand kann behaupten, er besitze allen Reichtum, alle Stärke usw. in vollem Umfang. Nur Krsna kann diesen Anspruch erheben, denn Er ist die Höchste Persönlichkeit Gottes. Kein Lebewesen, nicht einmal Brahma, Siva oder Narayana, kann Reichtümer in solcher Fülle besitzen wie Krsna. Deshalb kommt Brahma in der Brahma-samhita zu dem Schluss, dass Sri Krsna die Höchste Persönlichkeit Gottes ist. Niemand kommt Ihm gleich oder steht über Ihm. Er ist der urerste Herr, Bhagavan, bekannt als Govinda, und Er ist die höchste Ursache aller Ursachen. "Es gibt viele Persönlichkeiten, die die Eigenschaften Bhagavans besitzen, aber Krsna ist die höchste, da niemand Ihn übertreffen kann. Er ist die Höchste Person, und Sein Körper ist ewig, voller Wissen und voller Glückseligkeit. Er ist der urerste Herr, Govinda, und die Ursache aller Ursachen." (Bs. 5.1) Im Srimad-Bhagavatam findet man auch ein Verzeichnis vieler Inkarnationen der Höchsten Persönlichkeit Gottes, doch Krsna wird als die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes beschrieben, von der viele Inkarnationen und Persönlichkeiten Gottes ausgehen: "All die hier aufgeführten Inkarnationen Gottes sind entweder vollständige Erweiterungen oder Teile der vollständigen Erweiterungen des Höchsten Gottes, doch Krsna ist die Höchste Persönlichkeit Gottes Selbst." (SB. 1.3.28) Somit ist Krsna die ursprüngliche Höchste Persönlichkeit Gottes, die Absolute Wahrheit, der Ursprung sowohl der Überseele als auch des unpersönlichen Brahman. In Gegenwart der Höchsten Persönlichkeit Gottes war Arjunas Klage um seine Verwandten gewiss unangebracht, und daher gebrauchte Krsna das Wort kutas (woher), um Seine Überraschung zum Ausdruck zu bringen. Solche unmännlichen Gefühle erwartete man niemals von jemand, der zur zivilisierten Klasse der Männer, den öryas gehörte. Das Wort arya trifft auf Menschen zu, die den Wert des Lebens kennen und eine auf spirituelle Erkenntnis gründende Zivilisation haben. Menschen, die sich von der materiellen Lebensauffassung leiten lassen, wissen nicht, dass das Ziel des Lebens die Erkenntnis der Absoluten Wahrheit, das heißt Visnus oder Bhagavans, ist. Sie lassen sich von den äußeren Erscheinungen der materiellen Welt fesseln und wissen deshalb nicht, was Befreiung ist. Menschen, die nicht wissen, was Befreiung aus materieller Knechtschaft bedeutet, werden als Nicht-öryas bezeichnet. Obwohl Arjuna ein ksatriya war, wich er von seinen vorgeschriebenen Pflichten ab, als er sich weigerte, zu kämpfen. Ein solch feiges Verhalten wird eher als für Nicht-Aryas typisch beschrieben. Ein derartiges Abweichen von der Pflicht hilft einem nicht, im spirituellen Leben fortzuschreiten; noch verschafft es einem die Möglichkeit, in dieser Welt zu Ruhm zu kommen. Sri Krsna billigte Arjunas sogenanntes Mitleid mit seinen Verwandten nicht.

VERS 3

O Sohn Prthas, gib dieser entwürdigenden Schwachheit nicht nach. Es ist dir nicht angemessen. Gib diese kleinliche Schwäche des Herzens auf und erhebe dich o Bezwinger des Feindes. ERLÄUTERUNG Arjuna wurde als "Sohn Prthas" angesprochen, da Prtha die Schwester von Krsnas Vater Vasudeva war. Arjuna war also ein Blutsverwandter Krsnas. Wenn sich der Sohn eines ksatriya weigert, zu kämpfen, ist er nur dem Namen nach ein ksatriya, ebenso wie des Sohn eines brahmana, der gottlos handelt, nur dem Namen nach ein brahmana ist. Solche ksatriyas und brahmanas sind unwürdige Söhne ihrer Väter; Krsna wollte daher nicht, dass Arjuna zu einem unwürdigen Sohn eines ksatriya wurde. Arjuna war Krsnas engster Freund, und Krsna lenkte ihn auf dem Streitwagen; aber wenn sich Arjuna von der Schlacht zurückzog, würde er damit, trotz all dieser Vorteile, unehrenhaft handeln; deshalb sagte Krsna, eine solche Haltung sei Arjunas Persönlichkeit nicht angemessen. Arjuna mochte erwidern, er wolle an der Schlacht wegen seiner großmütigen Haltung gegenüber dem höchst ehrwürdigen Bhisma und seinen Verwandten nicht teilnehmen, doch war Krsna der Ansicht, diese Art von Großmut werde von Autoritäten nicht gebilligt. Deshalb sollte solcher Großmut oder sogenannte Gewaltlosigkeit von Menschen wie Arjuna unter der unmittelbaren Führung Krsnas aufgegeben werden.

VERS 4 Arjuna sagte: O Vernichter des Madhu [Krsna], wie kann ich mit Pfeilen in der Schlacht Männer wie Bhisma und Drona bekämpfen, die meiner Verehrung würdig sind? ERLÄUTERUNG Achtbare Höhergestellte, wie Bhisma, der Großvater, und Dronacarya, der Lehrer, sind immer verehrenswert. Selbst wenn sie angreifen, sollte man sie nicht bekämpfen. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Höherstehende nicht einmal in einem Wortgefecht bekämpft werden dürfen. Selbst wenn sie manchmal grob sein mögen, sollten sie nicht grob behandelt werden. Wie soll es also Arjuna möglich sein, ihnen entgegenzutreten? Würde Krsna jemals Seinen eigenen Großvater, Ugrasena, oder Seinen Lehrer, Sandipani Muni, angreifen? So lauteten einige der Einwände, die Arjuna Krsna gegenüber vorbrachte.

VERS 5 Es ist besser, in dieser Welt durch Betteln zu leben als auf Kosten der Leben großer Seelen, die meine Lehrer sind. Obwohl sie von Habsucht getrieben werden, sind sie dennoch Höhergestellte. Wenn sie getötet werden, wird unser Gewinn mit Blut befleckt sein. ERLÄUTERUNG Den Unterweisungen der Schriften gemäß soll man einen Lehrer, der eine abscheuliche Handlung begeht und sein Unterscheidungsvermögen verloren hat, aufgeben. Bhisma und Drona waren wegen Duryodhanas finanzieller Hilfe verpflichtet, sich auf seine Seite zu stellen, wenngleich sie eine solche Stellung, nur aufgrund finanzieller Überlegungen, nicht hätten annehmen sollen. Unter diesen Umständen hatten sie ihr Ansehen als Lehrer verloren. Arjuna glaubte jedoch, dass sie trotzdem seine Vorgesetzten blieben und dass daher, materielle Gewinne zu genießen, nachdem man sie getötet hätte, bedeuten würde, sich an einer mit Blut bedeckten Siegesbeute zu erfreuen.

VERS 6 Auch wissen wir nicht, was besser ist - die Söhne Dhrtarastrs zu besiegen oder von ihnen besiegt zu werden. Wenn wir sie töteten, wäre es besser, nicht mehr zu leben. Nun stehen sie vor uns auf dem Schlachtfeld. ERLÄUTERUNG Arjuna wußte nicht, ob er kämpfen und damit wagen sollte, unnötig Gewalt anzuwenden, obwohl Kämpfen die Pflicht der ksatriyas ist, oder ob es besser sei, sich zurückzuziehen und von Betteln zu leben. Falls er den Feind nicht bezwänge, wäre Betteln das einzige Mittel, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Auch war der Sieg nicht sicher, da jede Seite aus der Schlacht siegreich hervorgehen mochte. Selbst wenn Sieg sie erwartete (und ihre Sache war gerecht), wäre es dennoch sehr schwer, in der Abwesenheit der Söhne Dhrtarastrs zu leben, wenn diese in der Schlacht fielen. Unter diesen Umständen wäre dies eine andere Art von Niederlage. All diese Überlegungen Arjunas beweisen eindeutig, dass er nicht nur ein großer Geweihter des Herrn war, sondern dass er auch sehr erleuchtet war und vollkommene Herrschaft über seinen Geist und seine Sinne besaß. Sein Wunsch, sich durch Betteln am Leben zu erhalten, obwohl er in einer königlichen Familie geboren worden war, ist ein weiteres Zeichen von Loslösung. Er war wahrhaft tugendhaft, wie diese Eigenschaften und sein

Glauben in die unterweisenden Worte Sri Krsnas (seines spirituellen Meisters) zeigen. Man kann hieraus schließen, dass Arjuna durchaus geeignet war, Befreiung zu erlangen. Solange die Sinne nicht beherrscht sind, besteht keine Möglichkeit, auf die Ebene von Wissen erhoben zu werden, und ohne Wissen und Hingabe ist es nicht möglich, befreit zu werden. Arjuna besaß also, noch über seine hervorragenden materiellen Eigenschaften hinaus, auch all diese wunderbaren Eigenschaften.

VERS 7 Ich weiß nicht mehr, was meine Pflicht ist, und ich habe aus Schwäche meine Fassung verloren. In diesem Zustand bitte ich Dich, mir klar zu sagen, was das beste für mich ist. Jetzt bin ich Dein Schüler und eine Dir ergebene Seele. Bitte unterweise mich. ERLÄUTERUNG Es liegt in der Natur der Dinge, dass das ganze System materieller Tätigkeiten für jeden eine Quelle der Verwirrung darstellt. Bei jedem Schritt gibt es Verwirrung, und deshalb ist es angebracht, sich an einen echten spirituellen Meister zu wenden, der einem die richtige Führung geben kann, den Sinn des Lebens zu erfüllen. Alle vedischen Schriften geben uns den Rat, einen spirituellen Meister aufzusuchen, um von den Verwirrungen des Lebens frei zu werden, die ohne unseren Wunsch auftreten. Sie gleichen einem Waldbrand, der wütet, ohne von jemand entfacht worden zu sein. In ähnlicher Weise ist die Weltlage so beschaffen, dass Verwirrungen im Leben von selbst entstehen, ohne dass wir uns ein solches Durcheinander wünschen. Niemand will, dass es brennt, aber dennoch geschieht es, und wir geraten außer Fassung. Die vedische Weisheit ordnet daher an, dass man sich an einen spirituellen Meister in der Schülernachfolge wenden muss, um die Verwirrungen des Lebens zu lösen und die Wissenschaft von dieser Loslösung zu verstehen. Von einem Menschen mit einem echten spirituellen Meister kann man erwarten, dass er alles weiß. Man sollte daher nicht in materiellen Verwirrungen verstrickt bleiben, sondern einen spirituellen Meister aufsuchen. Das ist die Bedeutung dieses Verses. Wer ist nun eigentlich materiellen Verwirrungen ausgesetzt? Es ist derjenige, der die Probleme des Lebens nicht begreift. In der Garga Upanisad wird der verwirrte Mensch wie folgt beschrieben: "Nur ein Geizhals löst die Probleme des Lebens nicht als Mensch und verlässt daher diese Welt wie die Katzen und Hunde, ohne die Wissenschaft der Selbstverwirklichung zu verstehen." Die menschliche Form des Lebens ist ein überaus kostbares Gut für das Lebewesen, denn es kann sie zur Lösung der Probleme des Lebens nutzen; wer daher diese Gelegenheit nicht richtig nutzt, ist ein Geizhals. Auf der anderen Seite gibt es den brahmana oder den Menschen, der intelligent genug ist, diesen Körper zur Lösung aller Probleme des Lebens zu nutzen. Die Krpanas oder Geizhnlse verschwenden ihre Zeit mit übermäßiger Zuneigung zu Familie, Gesellschaft, Land usw. in der materiellen Lebensauffassung. Die meisten Menschen haften am Familienleben, an Frau, Kindern und anderen Angehörigen - und diese Anziehung auf der körperlichen Ebene wird "Hautkrankheit" genannt. Der Krpana glaubt, er könne seine Familienangehörigen vor dem Tode schützen, oder der Krpana denkt, seine Familie oder Gesellschaft könne ihn vor dem Rachen des Todes retten. Solche Familienanhaftung kann man selbst bei Tieren finden, die sich ebenfalls um ihre Kinder sorgen. Da Arjuna intelligent war, konnte er verstehen, dass seine Zuneigung zu Familienangehörigen und sein Wunsch, sie vor dem Tode zu schützen, die Ursachen seiner Verwirrung waren. Obwohl er verstehen konnte, dass es seine Pflicht war zu kämpfen, konnte er dennoch aufgrund geiziger Schwäche seine Pflichten nicht erfüllen. Er bittet daher Sri Krsna, den höchsten spirituellen Meister, eine endgültige Lösung herbeizuführen. Er bietet sich Krsna als Schüler an. Er möchte freundschaftliche Gespräche beenden. Gespräche zwischen dem Meister und dem Schüler sind ernst, und jetzt will Arjuna vor dem anerkannten spirituellen Meister sehr ernst sprechen. Krsna ist daher der ursprüngliche spirituelle Meister der Wissenschaft von der Bhagavad-Gita, und Arjuna ist der erste Schüler für das Verständnis der Gita. Wie Arjuna die Bhagavad-Gita versteht, wird in der Gita selbst gesagt. Und dennoch erklären törichte weltliche Gelehrte, es sei nicht notwendig, sich Krsna als Person zu ergeben, sondern vielmehr dem "Ungeborenen in Krsna". Es besteht kein Unterschied zwischen Krsnas Innerem und Krsnas Äußerem. Wer keinen Sinn für dieses Verständnis hat, erweist sich bei dem Versuch, die Bhagavad-Gita zu verstehen, als der größte Narr.

VERS 8 Ich kann kein Mittel finden, dieses Leid zu vertreiben, das meine Sinne austrocknet. Ich wäre nicht einmal fähig, davon frei zu werden, wenn ich ein unangefochtenes Königreich auf der Erde mit einer Oberherrschaft wie die der Halbgötter im Himmel gewönne. ERLÄUTERUNG Obwohl Arjuna so viele Einwände vorbrachte, die auf Kenntnis der Grundsätze von Religion und Moralgesetzen beruhten, scheint es, dass er seine eigentlichen Probleme ohne die Hilfe des spirituellen Meisters, Sri Krsna ,nicht zu lösen vermochte. Er konnte verstehen, dass sein sogenanntes Wissen nutzlos war, wenn es darum ging, die Probleme zu meistern, die seine ganze Existenz austrockneten, und es war ihm unmöglich, solche Verwirrungen ohne die Hilfe eines spirituellen Meisters wie Krsna zu lösen. Akademisches Wissen, Gelehrsamkeit, eine hohe Stellung usw. sind nutzlos, wenn es darum geht, die Probleme des Lebens zu lösen. Hilfe kann nur ein spiritueller Meister wie Krsna geben. Die Schlussfolgerung lautet daher, dass ein spiritueller Meister, der zu einhundert Prozent Krsnabewusst ist, der echte spirituelle Meister ist, da er die Probleme des Lebens lösen kann. Sri Caitanya sagte, dass jemand, der Meister in der Wissenschaft des Krsna- Bewusstseins ist, ungeachtet seiner sozialen Stellung, der wahre spirituelle Meister ist. Im Caitanya-caritamrta (Madhya 8.127) heißt es: "Es ist gleichgültig, ob jemand ein vipra [ein großer Gelehrter im vedischen Wissen] ist, ob er in einer niedrigen Familie geboren wurde oder ob er im Lebensstand der Entsagung steht - wenn er Meister in der Wissenschaft von Krsna ist, ist er der vollkommene und echte spirituelle Meister." Ohne ein Meister in der Wissenschaft des Krsna- Bewusstseins zu sein, ist also niemand ein echter spiritueller Meister. In den vedischen Schriften wird auch gesagt: "Ein gelehrter brahmana, der auf allen Gebieten des vedischen Wissens bewandert ist, eignet sich nicht als spiritueller Meister, wenn er kein Vaisnava ist oder sich in der Wissenschaft des Krsna-Bewusstseins nicht auskennt. Jemand aber, der in einer Familie aus einer niederen Kaste geboren wurde, kann ein spiritueller Meister werden, wenn er ein Vaisnava oder Krsna-bewusst ist."

Den Problemen des materiellen Daseins - Geburt, Alter, Krankheit und Tod kann nicht durch Anhäufung von Reichtum und durch wirtschaftlichen Fortschritt entgegengewirkt werden. In vielen Teilen der Welt gibt es Staaten, denen alle Annehmlichkeiten des Lebens zur Verfügung stehen, die sehr reich und wirtschaftlich fortgeschritten sind und die trotzdem immer noch mit den Problemen des materiellen Daseins zu kämpfen haben. Sie suchen auf verschiedenen Wegen nach Frieden, aber sie können wirkliches Glück nur dann erreichen, wenn sie sich Krsna zuwenden oder die Bhagavad-Gita und das Srimad- Bhagavatam zu Rate ziehen die die Wissenschaft von Krsna beinhalten -, oder wenn sie sich an den echten Vertreter Krsnas, den Menschen im Krsna-Bewusstsein, wenden. Wenn wirtschaftlicher Fortschritt und materielle Annehmlichkeiten das Gejammer um familiäre, soziale, nationale oder internationale Trugbilder vertreiben könnten, hätte Arjuna nicht gesagt, dass selbst ein unangefochtenes Königreich auf Erden oder Oberherrschaft wie die der Halbgötter auf den himmlischen Planeten nicht imstande seien, sein Leid zu vertreiben. Er suchte daher Zuflucht im Krsna-Bewusstsein, und das ist der richtige Weg zu Frieden und Harmonie. Wirtschaftlicher Fortschritt oder Herrschaft über die Welt können jeden Augenblick durch die Umwälzungen der materiellen Natur beendet werden. Selbst der Aufstieg zu höheren Planeten, wie zum Beispiel der Versuch des Menschen, Lebensraum auf dem Mond zu suchen, kann ebenfalls mit einem Schlag beendet werden. Die Bhagavad-Gita (9.21) bestätigt dies: "Wenn die Früchte frommer Werke aufgezehrt sind, fällt man vom Gipfel höchsten Glücks wieder auf die niedrigste Stufe des Lebens zurück." Viele Politiker dieser Welt sind auf diese Weise zu Fall gekommen. Solche Stürze werden nur zu weiteren Ursachen des Klagens. Wenn wir daher Klagen ein für allemal bezwingen wollen, müssen wir bei Krsna Zuflucht suchen, wie es auch Arjuna erstrebt. Arjuna bat also Krsna, seine Probleme endgültig zu lösen, und das ist der Weg des Krsna-Bewusstseins.

VERS 9 Sanjaya sagte: Nachdem Arjuna, der Bezwinger der Feinde, so gesprochen hatte, sagte er zu Krsna: "Govinda, ich werde nicht kämpfen!" und verstummte. ERLÄUTERUNG Dhrtarastra muss sehr erfreut gewesen sein, als er hörte, dass Arjuna nicht kämpfen wollte und statt dessen beabsichtigte, das Schlachtfeld zu verlassen, um ein Bettler zu werden. Aber Sanjaya enttäuschte ihn eigentlich zugleich, als er ihm mitteilte, dass Arjuna befähigt war, seine Feinde zu töten (parantapaH). Obwohl Arjuna aus Zuneigung zu seiner Familie zeitweise von falschem Schmerz überwältigt war, vertraute er sich Krsna, dem höchsten spirituellen Meister, als Schüler an. Dies deutete an, dass er bald von falscher Klage aus Zuneigung zu seiner Familie frei sein und mit vollkommenem Wissen um Selbsterkenntnis oder Krsna- Bewusstsein erleuchtet sein und dann gewiss kämpfen würde. Auf diese Weise würde Dhrtarastrs Frohlocken in Enttäuschung enden, da Arjuna von Krsna erleuchtet sein und bis zum Letzten kämpfen würde.

VERS 10 O Nachfahre Bharatas [Dhrtarastra ], da sprach Krsna in der Mitte zwischen den beiden Heeren zu dem kummervollen Arjuna lächelnd die folgenden Worte. ERLÄUTERUNG Das Gespräch fand zwischen engen Freunden statt, zwischen Hrsikesa und Gudakesa. Als Freunde befanden sich beide auf der gleichen Ebene, doch einer wurde freiwillig der Schüler des anderen. Krsna lächelte, weil sich ein Freund entschlossen hatte, ein Schüler zu werden. Als Herr allen Seins nimmt Er als der Meister eines jeden immer die übergeordnete Stellung ein, und doch nimmt der Herr auch jemand an, der Freund, Sohn, Geliebte oder Geweihter sein oder Ihn Selbst in einer solchen Rolle sehen möchte. Als Er aber als Meister akzeptiert wurde, nahm Er sogleich diese Rolle an und sprach mit dem Schüler wie der Meister - mit Ernst, wie es notwendig ist. Es scheint, dass das Gespräch zwischen dem Meister und dem Schüler öffentlich, vor den beiden Heeren, geführt wurde, so dass alle ihren Nutzen daraus ziehen konnten. Die Gespräche der Bhagavad-Gita sind also nicht für eine bestimmte Person, Gesellschaft oder Gemeinschaft gedacht, sondern für alle, und Freunde wie Feinde haben gleichermaßen das Recht, sie zu hören.

VERS 11 Der Höchste Herr sprach: Während du gelehrte Worte sprichst, betrauerst du, was des Kummers nicht wert ist. Die Weisen beklagen weder die Lebenden noch die Toten. ERLÄUTERUNG Der Herr nahm sofort die Stellung des Lehrers ein und rügte den Schüler, indem Er ihn indirekt einen Toren nannte. Der Herr sagte: "Du sprichst wie ein Gelehrter, aber du weißt nicht, dass jemand, der wirklich gelehrt ist - der weiß, was Körper und was Seele ist - niemals die Verfassung des Körpers beklagt, weder im lebendigen noch im toten Zustand." Wie in späteren Kapiteln eindeutig erklärt werden wird, bedeutet Wissen, die Materie, die spirituelle Seele und den Lenker von beiden zu kennen. Arjuna wandte ein, religiösen Grundsätzen solle mehr Bedeutung beigemessen werden als Politik oder Soziologie, aber er wußte nicht, dass Wissen von der Materie, der Seele und dem Höchsten sogar noch wichtiger ist als religiöse Rituale. Und weil es ihm an diesem Wissen fehlte, hätte er sich nicht als großer Gelehrter ausgeben sollen. Da er nun tatsächlich kein großer Gelehrter war, jammerte er um etwas, was des Klagens überhaupt nicht wert war. Der Körper wird geboren und hat das Schicksal, heute oder morgen zu vergehen; deshalb ist der Körper nicht so wichtig wie die Seele. Wer dies weiß, ist wahrhaft gelehrt, und für ihn gibt es keinen Grund zu klagen - ungeachtet des Zustands, in dem sich der materielle Körper befindet.

VERS 12 Niemals gab es eine Zeit, als Ich oder du oder all diese Könige nicht existierten, noch wird in der Zukunft einer von uns aufhören zu sein. ERLÄUTERUNG In den Veden, das heißt sowohl in der Katha Upanisad als auch in der Svetasvatara Upanisad, steht geschrieben, dass der Herr, die Höchste Persönlichkeit, der Erhalter unzähliger Lebewesen ist und sie versorgt - je nach ihren unterschiedlichen Lebensumständen, die aus individueller Arbeit und der Reaktion auf dieses Tun resultieren. Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, lebt auch durch Seine vollständigen Teile im Herzen eines jeden Lebewesens. Nur heilige Menschen, die sowohl im Innern als auch außerhalb den gleichen Höchsten Herrn wahrnehmen können, sind imstande, wahrhaft vollkommenen und ewigen Frieden zu erlangen. Die gleiche vedische Wahrheit, die Arjuna verkündet wurde, wird allen Menschen auf der Weit offenbart, die sich als sehr gelehrt hinstellen, aber in Wirklichkeit nur über dürftiges Wissen verfügen. Der Herr sagt eindeutig, dass Er Selbst, Arjuna und all die auf dem Schlachtfeld versammelten Könige ewig individuelle Wesen sind und dass Er ewig der Erhalter der individuellen Lebewesen sowohl in ihren bedingten als auch in ihren befreiten Situationen ist. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist die höchste individuelle Person, und Arjuna, der ewige Gefährte des Herrn, und all die dort versammelten Könige sind ebenfalls individuelle, ewige Personen. Es ist nicht so, dass sie in der Vergangenheit nicht als Individuen existiert haben, und es ist nicht so, dass sie nicht ewige Personen bleiben werden. Ihre Individualität existierte in der Vergangenheit, und ihre Individualität wird in der Zukunft ohne Unterbrechung weiterbestehen. Deshalb besteht kein Anlaß, irgend jemand zu beklagen. Die Theorie der Mayavadis, die individuelle Seele, getrennt durch die Bedeckung mayas oder der Illusion, werde nach der Befreiung mit dem unpersönlichen Brahman verschmelzen und ihre individuelle Existenz verlieren, wird hier von Sri Krsna, der höchsten Autorität, nicht unterstützt. Noch wird hier die Theorie untermauert, dass wir uns im bedingten Zustand Individualität nur einbilden. Krsna sagt hier deutlich, dass in der Zukunft auch die Individualität des Herrn und anderer, wie in den Upanisaden bestätigt ist, fortbestehen wird. Diese Erklärung Krsnas ist maßgebend, denn Krsna kann nicht der Illusion unterliegen. Wenn Individualität keine Tatsache wäre, hätte Krsna sie nicht so sehr betont - sogar für die Zukunft. Die Mayavadis mögen einwenden, die Individualität, von der Krsna spreche, sei nicht spirituell, sondern materiell, aber selbst wenn man das Argument akzeptiert, dass Individualität materiell sei, wie ist dann Krsnas Individualität zu verstehen? Krsna bekrnftigt, dass Er in der Vergangenheit Seine Individualität hatte, und versichert, dass Er auch in der Zukunft Seine Individualität haben wird. Er hat Seine Individualität auf vielerlei Weise bestätigt, und es ist erklärt worden, dass das unpersönliche Brahman Ihm untergeordnet ist. Krsna hat Seine spirituelle Individualität immer bewahrt. Wenn man Ihn für eine gewöhnliche bedingte Seele mit individuellem Bewusstsein hält, hat Seine Bhagavad-Gita als maßgebende Schrift keinen Wert. Ein gewöhnlicher Mensch mit den vier Mnngeln menschlicher Unvollkommenheit ist unfähig, etwas zu lehren, was es wert ist, gehört zu werden. Die Gita steht über solcher Literatur. Kein weltliches Buch ist mit der Bhagavad-Gita vergleichbar. Wenn man Krsna für einen gewöhnlichen Menschen hält, verliert die Gita ihre ganze Bedeutung. Die Mayavadis argumentieren, die in diesem Vers angesprochene Pluralität sei im herkömmlichen Sinne zu verstehen und beziehe sich auf den Körper. Aber an früherer Stelle, vor diesem Vers, ist eine solche körperliche Auffassung bereits verurteilt worden. Wie konnte also Krsna, nachdem Er das körperliche Verständnis von den Lebewesen verurteilt hatte, eine übliche Vorstellung vom Körper vertreten? Die Auffassung von der Individualität wird daher auf spiritueller Grundlage aufrechterhalten, wie es von großen acaryas wie Sri Ramanuja und anderen, bestätigt wird. An vielen Stellen in der Gita heißt es eindeutig, dass diese spirituelle Individualität nur von denen verstanden wird, die Geweihte des Herrn sind. Diejenigen, die Krsna als die Höchste Persönlichkeit Gottes beneiden, haben keinen Zugang zu diesem großartigen Literaturwerk. Ein Nichtgottgeweihter, der sich mit den Lehren der Gita befaßt, gleicht einer Biene, die an einem Honigtopf leckt. Man kann den Geschmack des Honigs nicht erfahren, solange man nicht den Topf öffnet. In ähnlicher Weise kann auch das Geheimnis der Bhagavad-Gita nur von Gottgeweihten verstanden werden, und niemand sonst kann davon einen Geschmack bekommen, wie im Vierten Kapitel des Buches bestätigt wird. Auch ist die Gita Menschen nicht zugänglich, die auf die bloße Existenz des Herrn neidisch sind. Deshalb ist die Mayavadi-Auslegung der Gita eine höchst irreführende Darstellung der ganzen Wahrheit. Sri Krsna Caitanya hat uns verboten, Kommentare der Mayavadis zu lesen, und Er weist uns darauf hin, dass derjenige, der sich der Philosophie der Mayavadis zuwende, die Fähigkeit verliere, das eigentliche Geheimnis der Gita zu verstehen. Wenn sich Individualität auf das empirische Universum bezieht, dann ist es nicht notwendig, dass der Herr überhaupt lehrt. Die Pluralität der individuellen Seele und des Herrn ist eine ewige Tatsache und wird, wie oben erwähnt, von den Veden bestätigt.

VERS 13 So wie die verkörperte Seele in diesem Körper fortgesetzt von Knabenzeit zu Jugend und zu Alter wandert, so geht die Seele beim Tod in ähnlicher Weise in einen anderen Körper ein. Die selbstverwirklichte Seele ist durch einen solchen Wechsel nicht verwirrt. ERLÄUTERUNG Da jedes Lebewesen eine individuelle Seele ist, wechselt es seinen Körper in jedem Augenblick und manifestiert sich so manchmal als Kind, manchmal als Jugendlicher und manchmal als alter Mann. Dennoch handelt es sich um die gleiche spirituelle Seele, die sich nicht wandelt. Diese individuelle Seele wechselt den Körper zum Zeitpunkt des Todes endgültig und geht in einen anderen Körper ein, und da sie mit Sicherheit bei der nächsten Geburt einen anderen Körper bekommt - entweder einen materiellen oder einen spirituellen -, gab es für Arjuna keinen Grund, den Tod zu beklagen, auch den Bhismas oder Dronas nicht, um die er sich so sorgte. Vielmehr sollte er sich freuen, dass sie ihre alten Körper gegen neue eintauschen und so ihre Energie erneuern würden. Solche Körperwechsel bedeuten eine Vielfalt von Freuden oder Leiden, die sich je nach der Handlungsweise im Leben richten. Da Bhisma und Drona edle Seelen waren, wurden sie in ihrem nächsten Leben mit Gewissheit entweder spirituelle Körper oder zumindest ein Leben in himmlischen Körpern erhalten, in denen ein höherer Genuss des materiellen Daseins möglich wäre. In beiden Fällen gab es also keinen Grund zu klagen. Jeder Mensch, der über vollkommenes Wissen von der Beschaffenheit der individuellen Seele, der Überseele und der Natur - der materiellen wie auch der spirituellen - verfügt, wird als dhÖra oder ein überaus besonnener Mensch bezeichnet. Ein solcher Mensch lässt sich niemals durch den Wechsel von Körpern täuschen. Die Mayavadi- Theorie des Einsseins der spirituellen Seele kann nicht damit begründet werden, dass die Seele nicht in fragmentarische Teile zerlegt werden kann und dass ein solches Zerlegen in verschiedene individuelle Seelen den Höchsten teilbar und wandelbar machen würde, was dem Prinzip widerspräche, dass die Höchste Seele unwandelbar ist. Wie in der Gita bestätigt wird, bestehen die fragmentarischen Teile des Höchsten ewig (sanatana) und werden ksara genannt, was bedeutet, dass sie die Neigung haben, in die materielle Natur zu fallen. Diese fragmentarischen Teile sind ewig so beschaffen, und selbst nach der Befreiung bleibt die individuelle Seele der gleiche fragmentarische Teil. Aber einmal befreit, lebt sie zusammen mit dem Herrn, der Persönlichkeit Gottes, ein ewiges Leben in Glückseligkeit und Wissen. Am Beispiel der Spiegelung kann man die Überseele verstehen, die in jedem einzelnen individuellen Körper anwesend ist und die man als Paramatma kennt, der vom individuellen Lebewesen verschieden ist. Wenn der Himmel im Wasser gespiegelt wird, repräsentieren die Spiegelungen sowohl die Sonne und den Mond als auch die Sterne. Die Sterne können mit den Lebewesen verglichen werden und die Sonne oder der Mond mit dem Höchsten Herrn. Die individuelle, fragmentarische Seele wird von Arjuna repräsentiert, und die Höchste Seele ist die Persönlichkeit Gottes, Sri Krsna. Sie befinden sich nicht auf der gleichen Ebene, wie zu Beginn des Vierten Kapitels deutlich werden wird. Wenn sich Arjuna auf der gleichen Ebene wie Krsna befindet und Krsna nicht über Arjuna steht, dann wird ihre Beziehung als Lehrer und Schüler bedeutungslos. Wenn beide von der illusionierenden Energie (maya) getäuscht sind, ist es nicht notwendig, dass der eine Lehrer und der andere Schüler ist. Solche Unterweisungen wären nutzlos, da niemand in der Gewalt mayas ein maßgebender Lehrer sein kann. Hier jedoch wird Sri Krsna als der Höchste Herr anerkannt, der Sich in einer höheren Stellung befindet als das Lebewesen, Arjuna, der eine von maya irregeführte, vergessliche Seele ist.

VERS 14 O Sohn Kuntis, das unbeständige Erscheinen von Glück und Leid und ihr Verschwinden im Laufe der Zeit gleichen dem Kommen und Gehen von Sommer und Winter. Sie entstehen durch Sinneswahrnehmung, o Nachkomme Bharatas, und man muss lernen, sie zu dulden, ohne gestört zu sein. ERLÄUTERUNG Wenn man seine Pflicht richtig erfüllen will, muss man lernen, das unbeständige Erscheinen und Verschwinden von Glück und Leid zu dulden. Nach vedischer Unterweisung muss man sogar im Monat Magha (Januar- Februar) früh morgens sein Bad nehmen. Zu dieser Zeit ist es sehr kalt, aber trotzdem zögert ein Mann, der an den religiösen Grundsätzen festhält, nicht, sein Bad zu nehmen. In ähnlicher Weise zögert eine Frau nicht, während der Monate Mai und Juni - dem heißesten Teil der Sommerzeit - in der Küche zu kochen. Man muss trotz klimabedingter Unbequemlichkeiten seine Pflicht erfüllen. In ähnlicher Weise ist Kämpfen das religiöse Prinzip der ksatriyas, und auch wenn man mit einem Freund oder Verwandten kämpfen muss, sollte man nicht von seiner vorgeschriebenen Pflicht abweichen. Man muss den vorgeschriebenen Regeln und Regulierungen religiöser Prinzipien folgen, um zur Ebene von Wissen aufzusteigen, denn nur durch Wissen und Hingabe kann man sich aus den Klauen mayas befreien. Die beiden Namen, mit denen Arjuna hier bedacht wird, sind ebenfalls bedeutsam. Die Anrede "Kaunteya" zeigt seine bedeutende Blutsverwandtschaft mit der Familie seiner Mutter an, und die Anrede "Bharata" deutet auf seine Größe von Seiten seines Vaters hin. Man kann also annehmen, dass er von beiden Seiten ein großes Erbe mitbrachte. Ein großes Erbe bringt in Bezug auf die richtige Erfüllung von Pflichten Verantwortung mit sich, und daher kann er den Kampf nicht vermeiden.

VERS 15 O Bester unter den Menschen [Arjuna], wer sich durch Glück und Leid nicht stören lässt, sondern in beiden geduldig ist, eignet sich gewiss dazu, Befreiung zu erlangen. ERLÄUTERUNG Jeder, der mit fester Entschlossenheit nach der fortgeschrittenen Stufe spiritueller Erkenntnis strebt und mit Gleichmut die Angriffe von Leid und Glück duldet, ist gewiss geeignet, befreit zu werden. In der varnasrama- Einrichtung stellt die vierte Stufe des Lebens, nämlich der Lebensstand der Entsagung (sannyasa), ein mühevolles Leben dar. Doch wem es ernst ist, sein Leben zu vervollkommnen, der tritt mit Sicherheit trotz aller Schwierigkeiten in den sannyasa-Stand des Lebens ein. Die Schwierigkeiten entstehen im allgemeinen daraus, dass man die Beziehung zu seiner Familie abbrechen, das heißt die Verbindung zu Frau und Kindern, aufgeben muss. Aber wenn jemand fähig ist, solche Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, ist sein Weg zur spirituellen Erkenntnis gewiss vollkommen. Ebenso bekommt Arjuna bei seiner Pflichterfüllung als ksatriya den Rat, standhaft zu bleiben - auch wenn es schwierig ist, mit seinen Familienangehörigen oder anderen nahestehenden Menschen zu kämpfen. Sri Caitanya nahm im Alter von vierundzwanzig Jahren sannyasa an, und Seine Angehörigen, nämlich Seine junge Frau und Seine alte Mutter, hatten außer Ihm niemand, der sich um sie kümmerte. Dennoch nahm Er um einer höheren Sache willen sannyasa an und erfüllte mit Beständigkeit höhere Pflichten. Das ist der Weg, Befreiung aus der materiellen Knechtschaft zu erlangen.

VERS 16 Die Weisen, die die Wahrheit sehen, haben erkannt, dass das Inexistente ohne Dauer und das Existente ohne Ende ist. Zu diesem Schluss sind die Weisen gekommen, nachdem sie das Wesen von beiden studiert hatten. ERLÄUTERUNG Der sich wandelnde Körper ist nicht von Dauer. Dass sich der Körper in jedem Augenblick durch die Aktionen und Reaktionen der verschiedenen Zellen verändert, wird von der modernen medizinischen Wissenschaft bestätigt, und so finden also im Körper Wachstum und Alter statt. Aber die spirituelle Seele besteht fortwährend und bleibt trotz aller Wandlungen des Körpers und des Geistes dieselbe. Das ist der Unterschied zwischen Materie und spiritueller Natur. Von Natur aus wandelt sich der Körper ständig, aber die Seele ist ewig. Zu dieser Schlussfolgerung sind alle Arten von Weisen, sowohl Unpersönlichkeits- als auch Persönlichkeitsphilosophen, gekommen. Im Visnu Purana heißt es, dass Visnu und Seine Reiche alle von selbstleuchtender spiritueller Existenz sind Die Wörter "existent" und "inexistent" beziehen sich nur auf die spirituelle Natur und die Materie. Das ist die Ansicht aller Weisen. Hier beginnen die Unterweisungen des Herrn an die Lebewesen, die durch den Einfluss der Unwissenheit verwirrt sind. Eine Beseitigung der Unwissenheit bedeutet auch, dass die ewige Beziehung zwischen dem Verehrenden und dem Verehrten wiederhergestellt und folglich der Unterschied zwischen den winzigen, teilhaften Lebewesen und der Höchsten Persönlichkeit Gottes verstanden wird. Man kann das Wesen des Höchsten anhand eines eingehenden Studiums seinerselbst verstehen, vorausgesetzt, dass man den Unterschied zwischen sich selbst und dem Höchsten als die Beziehung zwischen dem Teil und dem Ganzen versteht. In den Vedanta-sutras und ebenso im Srimad-Bhagavatam ist der Höchste als der Ursprung aller Inkarnationen anerkannt worden. Diese Inkarnationen kann man anhand der Folgeerscheinungen höherer und niederer Natur wahrnehmen. Wie im Siebten Kapitel offenbart werden wird, gehören die Lebewesen zur höheren Natur. Obwohl kein Unterschied zwischen der Energie und dem Ursprung der Energie besteht, wird der Energieursprung als der Höchste und die Energie oder Natur als Ihm untergeordnet anerkannt. Deshalb sind die Lebewesen dem Höchsten Herrn immer untergeben - wie der Diener dem Meister oder der Schüler dem Lehrer. Solch klares Wissen ist unter dem Zauber der Unwissenheit unmöglich zu verstehen, und um solche Unwissenheit zu vertreiben, lehrt der Herr die Bhagavad-Gita zur Erleuchtung aller Lebewesen für alle Zeiten.

VERS 17 Wisse, das was den gesamten Körper durchdringt, ist unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Seele zu zerstören. ERLÄUTERUNG Dieser Vers erklärt noch deutlicher das wirkliche Wesen der Seele, das über den gesamten Körper verbreitet ist. Jeder kann verstehen, was über den ganzen Körper verbreitet ist: es ist Bewusstsein. Jeder ist sich der Schmerzen und Freuden bewusst, die entweder in einem Teil des Körpers oder im gesamten Körper empfunden werden. Diese Verbreitung von Bewusstsein beschränkt sich auf den eigenen Körper. Die Schmerzen und Freuden des einen Körpers sind einem anderen unbekannt. Daher ist jeder einzelne Körper die Verkörperung einer individuellen Seele, und das Symptom für die Anwesenheit der Seele wird als individuelles Bewusstsein erfahren. Diese Seele wird als so groß wie der zehntausendste Teil einer Haarspitze beschrieben. Die Svetasvatara Upanisad (5.9) bestätigt dies wie folgt: "Wenn eine Haarspitze in hundert Teile und jedes dieser Teile in weitere hundert Teile zerlegt wird, dann entspricht eines dieser Teile der Größe der Seele." Im Bhagavatam wird diese Tatsache in ähnlicher Weise erklärt: "Es gibt unzählige Partikel von spirituellen Atomen, und jedes von ihnen ist so groß wie der zehntausendste Teil einer Haarspitze." Hiernach ist das individuelle Partikel, das eine spirituelle Seele darstellt, ein spirituelles Atom, das kleiner ist als die materiellen Atome, und solche Atome sind unzählbar. Dieser sehr kleine spirituelle Funken bildet das Grundprinzip des materiellen Körpers, und der Einfluss eines solchen spirituellen Funkens ist über den ganzen Körper verbreitet, ebenso wie sich der Einfluss des aktiven Prinzips eines Medikaments im gesamten Körper verbreitet. Diese Ausbreitung der Seele wird überall im Körper als Bewusstsein verspürt, und das ist der Beweis für die Gegenwart der Seele. Jeder Laie kann verstehen, dass der materielle Körper ohne Bewusstsein ein toter Körper ist und dass dieses Bewusstsein im Körper durch keine materielle Bemühung wiederbelebt werden kann. Bewusstsein ist daher auf keinerlei Menge materieller Verbindungen zurückzuführen, sondern auf die spirituelle Seele. In der Mundaka Upanisad (3.1.9) wird weiter erklärt, wie man die atomische spirituelle Seele mißt. "Die Seele ist atomisch klein und kann durch vollkommene Intelligenz wahrgenommen werden. Diese atomische Seele schwebt in den fünf Luftarten prana, apana, vyana, samana und udana, befindet sich im Herzen und verbreitet ihren Einfluss über den gesamten Körper des verkörperten Lebewesens. Wenn die Seele von der Verunreinigung durch die fünf Arten materieller Luft geläutert ist, entfaltet sich ihr spiritueller Einfluss." Das hatha-yoga-System ist dazu gedacht, die fünf Luftarten, die die reine Seele umkreisen, durch verschiedene Sitzstellungen zu meistern - nicht um irgendeines materiellen Gewinns willen, sondern um die winzige Seele aus der Verstrickung in die materielle Atmosphnre zu befreien. Das Wesen der winzigen Seele wird also in allen vedischen Schriften anerkannt und in der praktischen Erfahrung jedes geistig gesunden Menschen tatsächlich empfunden. Nur ein Geistesgestörter kann glauben, die winzig kleine Seele sei das alldurchdringende Visnu-tattva. Der Einfluss der winzigen Seele kann vollständig über einen bestimmten Körper verbreitet werden. Wie es in der Mundaka Upanisad heißt, befindet sich die atomische Seele im Herzen des Lebewesens, und da die Messung der atomischen Seele jenseits der Reichweite der materiellen Wissenschaftler liegt, behaupten einige von ihnen törichterweise, es gebe keine Seele. Es besteht kein Zweifel darüber, dass die individuelle winzige Seele zusammen mit der Überseele im Herzen weilt, und daher kommen alle

Energien, die zur Bewegung des Körpers benötigt werden, aus diesem Teil des Körpers. Die roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff aus der Lunge mit sich tragen, bekommen Energie von der Seele. Wenn die Seele diese Stellung verlässt, kommt die Tätigkeit des Blutes, die die Verbrennungsvorgänge anregt, zum Stillstand. Die medizinische Wissenschaft erkennt die Bedeutung der roten Blutkörperchen an, aber sie kann nicht herausfinden, dass die Quelle der Energie die Seele ist. Auf der anderen Seite aber rnumt die medizinische Wissenschaft ein, dass das Herz der Sitz aller Energien des Körpers ist. Diese atomischen Partikel des Spirituellen Ganzen werden mit den Molekülen des Sonnenscheins verglichen. Im Sonnenschein gibt es unzählige strahlende Moleküle. In ähnlicher Weise sind die fragmentarischen Teile des Höchsten Herrn atomische Funken der Strahlen des Höchsten, die als prabha oder höhere Energie bezeichnet werden. Weder das vedische Wissen noch die moderne Wissenschaft verleugnen die Existenz der spirituellen Seele im Körper, und die Wissenschaft von der Seele wird ausführlich von der Höchsten Persönlichkeit Gottes Selbst in der Bhagavad-Gita erklärt.

VERS 18 Nur der materielle Körper des unzerstörbaren, unmeßbaren und ewigen Lebewesens unterliegt der Zerstörung. Deshalb kämpfe, o Nachkomme Bharatas. ERLÄUTERUNG Der materielle Körper ist von Natur aus vergänglich. Er mag sogleich vergehen oder erst nach hundert Jahren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt keine Möglichkeit, ihn

unbegrenzt zu erhalten. Die spirituelle Seele aber ist so winzig, dass sie von einem Feind nicht einmal gesehen, geschweige denn getötet werden kann. Wie im vorherigen Vers erwähnt wurde, ist sie so klein, dass niemand irgendeine Vorstellung hat, wie man ihre Dimension messen kann. Von beiden Gesichtspunkten aus betrachtet gibt es also keinen Grund zu klagen, denn weder kann das Lebewesen, so wie es ist, getötet noch kann der materielle Körper, der nicht einmal eine Sekunde länger als vorgesehen erhalten werden kann, bleibend beschützt werden. Das winzige Partikel des Spirituellen Ganzen nimmt seinem Tun gemäß einen materiellen Körper an, und daher soll man die Einhaltung religiöser Grundsätze nutzen. In den Vedanta-sutras wird das Lebewesen eigenschaftsmäßig als Licht eingestuft, da es ein Bestandteil des höchsten Lichts ist. So wie Sonnenlicht das gesamte Universum erhält, so erhält das Licht der Seele den materiellen Körper. Sobald die spirituelle Seele den materiellen Körper verlassen hat, beginnt der Körper zu zerfallen; daher ist es die spirituelle Seele, die den Körper erhält. Der Körper selbst ist unwichtig. Arjuna wurde angewiesen, zu kämpfen und den materiellen Körper um der Religion willen zu opfern.

VERS 19 Wer glaubt, das Lebewesen töte oder werde getötet, befindet sich in Unwissenheit. Wer in Wissen gründet, weiß, dass das Lebewesen weder tötet noch getötet wird. ERLÄUTERUNG Wenn ein verkörpertes Lebewesen durch tödliche Waffen verletzt wird, muss man wissen, dass das Lebewesen innerhalb des Körpers nicht getötet wird. Wie aus den vorangegangenen Versen deutlich hervorgeht, ist die spirituelle Seele so klein, dass es unmöglich ist, sie mit irgendeiner materiellen Waffe zu töten. Allein aufgrund seiner spirituellen Beschaffenheit kann das Lebewesen niemals vernichtet werden. Das, was vernichtet oder angeblich zerstört wird, ist nur der Körper. Dies soll aber keineswegs dazu auffordern, den Körper zu töten. Die vedische Unterweisung lautet: mahimsyat sarva-bhutani. "Tu niemals irgend jemand Gewalt an." Auch ermutigt das Verständnis, dass das Lebewesen nicht getötet werden kann, nicht dazu, Tiere zu schlachten. Den Körper irgendeines Lebewesens zu vernichten, ohne dazu befugt zu sein, ist verabscheuungswürdig und wird sowohl vom Gesetz des Staates als auch vom Gesetz des Herrn bestraft. Arjuna jedoch soll für das Prinzip der Religion töten - nicht aus einer Laune heraus.

VERS 20 Für die Seele gibt es weder Geburt noch Tod. Auch hört sie, da sie einmal war, niemals auf zu sein. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend, unsterblich und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper erschlagen wird. ERLÄUTERUNG Der Qualität nach ist der winzige fragmentarische Teil des Höchsten Spirituellen Wesens mit dem Höchsten eins. Er unterliegt keinem Wandel wie der Körper. Manchmal wird die Seele als "die Beständige" oder kutastha bezeichnet. Der Körper unterliegt sechs Arten von Wandlungen: Er wird in der Gebnrmutter des mütterlichen Körpers geboren, bleibt dort einige Zeit, wächst heran, zeugt Nachkommen, verfällt allmählich und gernt schließlich in Vergessenheit. Die Seele aber durchlnuft nicht solche Wandlungen. Die Seele selbst wird nicht geboren, aber weil sie einen materiellen Körper annimmt, wird der Körper geboren. Die Seele wird nicht geboren, und die Seele stirbt nicht. Alles, was geboren wird, muss sterben. Und da die Seele nie geboren wurde, kennt sie weder Vergangenheit noch Gegenwart, noch Zukunft. Sie ist ewig, immerwährend und urerst - das heißt, es gibt in der Geschichte keine Spur ihrer Entstehung. Unter dem Einfluss der körperlichen Vorstellung suchen wir nach dem Zeitpunkt der Geburt usw. der Seele. Die Seele wird zu keiner Zeit alt, wie es der Körper wird. Daher fühlt der sogenannte alte Mann, dass er der gleiche ist wie in seiner Kindheit oder Jugend. Die

Wandlungen des Körpers beeinflussen nicht die Seele. Die Seele unterliegt nicht dem Zerfall wie ein Baum oder etwas anderes Materielles. Die Seele hat auch keine Nachkommen. Die Nebenprodukte des Körpers, nämlich Kinder, sind ebenfalls verschiedene individuelle Seelen, und nur im Hinblick auf den Körper erscheinen sie als Kinder eines bestimmten Mannes. Der Körper entwickelt sich, weil die Seele anwesend ist; aber weder hat die Seele Abkömmlinge, noch unterliegt sie dem Wandel. Folglich ist die Seele von den sechs Wandlungen des Körpers frei. Auch in der Katha Upanisad (1.2.18) finden wir einen ähnlichen Abschnitt, in dem es heißt: Die Aussage und Bedeutung dieses Verses ist die gleiche wie in der Bhagavad-Gita, aber hier in diesem Vers gibt es

ein besonderes Wort, nämlich vipascit, was soviel bedeutet wie "gelehrt" oder "mit Wissen". Die Seele ist voll Wissen oder immer von Bewusstsein erfüllt. Daher ist Bewusstsein das Merkmal der Seele. Selbst wenn man die Seele nicht im Herzen findet, wo sie sich aufhält, kann man die Gegenwart der Seele einfach durch die Anwesenheit von Bewusstsein verstehen. Manchmal finden wir die Sonne am Himmel nicht, weil sich Wolken davor geschoben haben oder aus irgendeinem anderen Grund, aber das Licht der Sonne ist immer da, und wir sind überzeugt, dass es deshalb Tag ist. Sobald frühmorgens ein wenig Licht am Himmel ist, können wir verstehen, dass die Sonne am Himmel steht. In ähnlicher Weise können wir auch die Gegenwart der Seele verstehen, da in allen Körpern - ob Mensch oder Tier - Bewusstsein vorhanden ist. Dieses Bewusstsein der Seele unterscheidet sich jedoch vom Bewusstsein des Höchsten, da das höchste Bewusstsein Allwissen ist - es umfaßt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Bewusstsein der individuellen Seele neigt dazu, vergeßlich zu sein. Wenn sie ihre wahre Natur vergißt, empfängt sie aus den erhabenen Lehren Krsnas Erziehung und Erleuchtung. Aber Krsna ist nicht mit der vergeßlichen Seele zu vergleichen. Wenn dem so wäre, würden Seine Lehren in der Bhagavad-Gita nutzlos sein. Es gibt zwei Arten von Seelen. die winzig kleine Seele (anuatma) und die Überseele (vibhu-atma). Dies wird auch in der Katha Upanisad (1.2.20) wie folgt bestätigt: "Sowohl die Überseele [Paramatma] als auch die winzig kleine Seele [jivatma] sitzen auf dem gleichen Baum des Körpers, im gleichen Herzen des Lebewesens, und nur jemand, der von allen materiellen Wünschen und Klagen

frei geworden ist, kann durch die Gnade des Höchsten die Herrlichkeit der Seele verstehen." Krsna ist auch der Ursprung der Überseele, wie in den folgenden Kapiteln enthüllt werden wird, und Arjuna ist die winzig kleine Seele, die ihre wahre Natur vergessen hat und daher von Krsna oder Seinem echten Vertreter (dem spirituellen Meister) erleuchtet werden muss.

VERS 21 O Partha, wie kann ein Mensch, der weiß, dass die Seele unzerstörbar, ungeboren, ewig und unveränderlich ist, jemand töten oder einen anderen veranlassen zu töten? ERLÄUTERUNG Alles hat seinen bestimmten Nutzen, und ein Mensch, der in vollkommenem Wissen gründet, weiß, wie und wo ein Ding seine richtige Verwendung hat. In ähnlicher Weise hat auch Gewalt ihre Nützlichkeit, und wie Gewalt anzuwenden ist, liegt bei demjenigen, der über Wissen verfügt. Obwohl der Friedensrichter über einen Menschen, der wegen Mordes verurteilt ist, die Todesstrafe verhängt, kann gegen ihn kein Vorwurf erhoben werden, da er Gewalt gegen einen anderen in Übereinstimmung mit dem Gesetz befiehlt. In der Manu-samhita, dem Gesetzbuch der Menschheit, wird bestätigt, dass ein Mörder zum Tode verurteilt werden sollte, damit er in seinem nächsten Leben für die große Sünde, die er begangen hat, nicht zu leiden braucht. Deshalb ist die Strafe des Königs, einen Mörder zu hängen, durchaus segensreich. In ähnlicher Weise verhält es sich mit Krsna: Wenn Er den Befehl gibt zu kämpfen, muss man daraus schließen, dass Gewalt um höchster Gerechtigkeit willen stattfindet. Arjuna sollte der Anweisung folgen, da er wohl weiß, dass solche Gewalt, die im Kampf für Krsna angewandt wird, keineswegs Gewalt ist; denn der Mensch oder vielmehr die Seele kann auf keinen Fall getötet werden. Um für Gerechtigkeit zu sorgen, ist also sogenannte Gewalt gestattet. Ein chirurgischer Eingriff soll den Patienten nicht töten, sondern heilen. Daher findet der Kampf, den Arjuna im Auftrag Krsnas austragen soll, in vollem Wissen statt, und daher kann keine sündhafte Reaktion folgen.

VERS 22 Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anlegt, so gibt die Seele alt und unbrauchbar gewordene Körper auf und nimmt neue an. ERLÄUTERUNG Dass die atomische individuelle Seele den Körper wechselt, ist eine anerkannte Tatsache. Selbst einige moderne Wissenschaftler, die nicht an die Existenz der Seele glauben, aber zur gleichen Zeit die Energiequelle im Herzens nicht erklären können, müssen die fortwährenden Wandlungen des Körpers von Kindheit zu Knabenzeit, von Knabenzeit zu Jugend und von Jugend zu Alter anerkennen. Vom Alter aus wird die Wandlung auf einen anderen Körper übertragen. Dies ist schon im vorangegangenen Vers erklärt worden. Das Überwechseln der atomischen individuellen Seele in einen anderen Körper wird durch die Gnade der Überseele ermöglicht. Die Überseele erfüllt den Wunsch der atomischen Seele, ebenso wie ein Freund den Wunsch seines Freundes erfüllt. Die Veden, wie die Mundaka Upanisad und die SVetasvatara Upanisad, vergleichen die Seele und die Überseele mit zwei befreundeten Vögeln, die auf dem gleichen Baum sitzen. Einer der Vögel (die individuelle atomische Seele) ißt von den Früchten des Baumes, während der andere Vogel (Krsna) Seinen Freund nur beobachtet. Von diesen beiden Vögeln - obwohl sie sich eigenschaftsmäßig gleichen - ist der eine von den Früchten des materiellen Baumes bezaubert, wohingegen der andere einfach nur Zeuge der Tätigkeiten Seines Freundes ist. Krsna ist der bezeugende Vogel, und Arjuna ist der essende Vogel. Obwohl sie Freunde sind, ist trotzdem der eine Meister und der andere Diener. Dass die atomische Seele diese Beziehung vergißt, ist die Ursache dafür, dass sie von einem Baum zum anderen oder vielmehr von einem Körper zum anderen wechselt. Die jiva-Seele kämpft sehr schwer auf dem Baum des materiellen Körpers; aber sobald sie sich damit einverstanden erklärt, den anderen Vogel als den höchsten spirituellen Meister anzuerkennen - wie Arjuna einverstanden war, indem er sich Krsna freiwillig unterordnete, um sich von Ihm unterweisen zu lassen -, wird der untergeordnete Vogel sogleich von allem Klagen frei. Sowohl die Katha Upanisad als auch die Svetasvatara Upanisad bestätigen dies: "Obwohl die beiden Vögel im gleichen Baum sitzen, wird der essende Vogel von Angst und Unzufriedenheit geplagt, weil er die Fruchte des Baumes genießen will. Aber wenn er sich auf diese oder jene Weise seinem Freund, der der Herr ist, zuwendet und dessen Herrlichkeit erkennt, wird der leidende Vogel sogleich von allen Ängsten frei." Arjuna hat sich jetzt seinem ewigen Freund, Krsna, zugewandt und lässt sich von Ihm in der Bhagavad-Gita unterrichten. Indem er so von Krsna hört, kann er die erhabene Herrlichkeit des Herrn verstehen und von aller Klage frei werden. Arjuna wird hier vom Herrn unterwiesen, den Körperwechsel seines alten Großvaters und seines Lehrers nicht zu beklagen. Er sollte vielmehr froh darüber sein, ihre Körper in einem gerechten Kampf zu töten, so dass sie sogleich von allen Reaktionen auf verschiedene körperliche Tätigkeiten gereinigt werden mögen. Wer sein Leben auf dem Opferaltar oder auf dem geeigneten Schlachtfeld lässt, wird auf der Stelle von körperlichen Reaktionen gereinigt und auf eine höhere Stufe des Lebens erhoben. Es gab also für Arjuna keinen Grund zu klagen.

VERS 23 Die Seele kann weder von Waffen in Stücke geschnitten, noch kann sie von Feuer verbrannt, von Wasser benetzt oder vom Wind verdorrt werden. ERLÄUTERUNG Alle Arten von Waffen, wie Schwerter, Flammen, Regenfälle, Wirbelstürme usw., sind nicht imstande, die spirituelle Seele zu vernichten. Es scheint, dass es damals außer den modernen Feuerwaffen noch viele andere Arten von Waffen gab, die aus Erde, Wasser, Luft, Äther usw. bestanden. Selbst die Kernwaffen der heutigen Zeit werden als Feuerwaffen eingestuft. Vormals gab es noch andere Waffen, die aus allen möglichen materiellen Elementen hergestellt waren. Feuerwaffen bekämpfte man mit Wasserwaffen, die jetzt der modernen Wissenschaft unbekannt sind. Auch wissen moderne Wissenschaftler nichts von Wirbelsturmwaffen. Nichtsdestoweniger kann die Seele, ungeachtet wissenschaftlicher Erfindungen, niemals in Stücke geschnitten oder durch irgendeine Anzahl von Waffen vernichtet werden. Es war niemals möglich, die individuelle Seele von der ursprünglichen Seele abzutrennen. Die Mayavadis versuchen zu beschreiben, wie die individuelle Seele aus Unwissenheit hervorging und folglich von der täuschenden Energie bedeckt wurde. Weil die Lebewesen ewig (sanatana) atomische individuelle Seelen sind, neigen sie dazu, von der täuschenden Energie bedeckt zu werden, und so werden sie von der Gemeinschaft des Höchsten Herrn getrennt, ebenso wie die Funken eines Feuers, obwohl der Eigenschaft nach eins mit dem Feuer, zum Verlöschen neigen, wenn sie aus dem Feuer herausfallen. Im Varaha Purana werden die Lebewesen als abgesonderte winzige Bestandteile des Höchsten beschrieben. Sie sind dies ewig, wie auch von der Bhagavad-Gita bestätigt wird. Wie aus den Lehren des Herrn zu Arjuna ersichtlich ist, behält das Lebewesen also, selbst nachdem es von der Illusion befreit ist, seine gesonderte Identität. Arjuna wurde durch das Wissen, das er von Krsna empfing, zwar befreit, doch wurde er niemals eins mit Krsna.

VERS 24 Diese individuelle Seele ist unzerbrechlich und unauflöslich und kann weder verbrannt noch ausgetrocknet werden. Sie ist immerwährend, alldurchdringend, unwandelbar, unbeweglich und ewig dieselbe. ERLÄUTERUNG Alle diese Eigenschaften der winzigen Seele beweisen eindeutig, dass die individuelle Seele ewig der winzige Bestandteil des spirituellen Ganzen ist und ewig, ohne Veränderung, dasselbe Atom bleibt. Es ist sehr schwierig, in diesem Falle die Theorie des Monismus anzuwenden, denn es ist niemals zu erwarten, dass die individuelle Seele mit allem anderen eins und gleich wird. Nach der Befreiung von der materiellen Verunreinigung mag es die winzige Seele vorziehen, als ein spiritueller Funken in den leuchtenden Strahlen der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu verbleiben, aber die intelligenten Seelen gehen in die spirituellen Planeten ein, um mit der Persönlichkeit Gottes zusammenzusein. Das Wort sarva-gatah (alldurchdringend) ist bedeutsam, da kein Zweifel darüber besteht, dass es überall in Gottes Schöpfung Lebewesen gibt. Sie leben auf dem Land, im Wasser, in der Luft, unter der Erde und sogar im Feuer. Die Ansicht, Lebewesen würden im Feuer vernichtet werden, ist nicht annehmbar, da es hier unmißverständlich heißt, dass die Seele durch Feuer nicht verbrannt werden kann. Deshalb besteht kein Zweifel darüber, dass es auch im Sonnenplaneten Lebewesen gibt, die dort mit einem geeigneten Körper leben. Wäre die Sonne unbewohnt, dann wurde das Wort sarva-gatah (überall gibt es Leben) seine Bedeutung verlieren.

VERS 25 Es heißt, dass die Seele unsichtbar, unbegreiflich, unveränderlich und unwandelbar ist. Da du dies weißt, solltest du um den Körper nicht trauern. ERLÄUTERUNG Wie zuvor beschrieben wurde, ist die Größe der Seele für unsere materielle Berechnung so klein, dass sie nicht einmal mit dem stnrksten Mikroskop gesehen werden kann; deshalb ist sie unsichtbar. Was die Existenz der Seele betrifft, so kann niemand, über den Beweis von sruti oder der vedischen Weisheit hinaus, ihre Existenz experimentell nachweisen. Wir müssen diese Wahrheit akzeptieren, weil es keine andere Quelle gibt, die Existenz der Seele zu verstehen, wenngleich sie tatsächlich wahrgenommen werden kann. Es gibt viele Dinge, die wir allein auf der Grundlage höherer Autorität akzeptieren müssen. Niemand kann die auf die Autorität der Mutter gestützte Existenz seines Vaters leugnen. Außer der Autorität der Mutter gibt es keine andere Quelle, die Identität des Vaters zu verstehen. In ähnlicher Weise gibt es keine andere Möglichkeit, die Seele zu verstehen, als die Veden zu studieren. Mit anderen Worten: Die Seele ist durch menschliches experimentelles Wissen nicht zu begreifen. Die Seele ist Bewusstsein und bewusst - so lautet auch die Aussage der Veden, und wir haben die zu akzeptieren. Anders als der Körper, der sich wandelt, vollzieht sich in der Seele keine Wandlung. Da die Seele unveränderlich ist, ist sie im Vergleich zur unendlichen Höchsten Seele immer atomisch klein. Die Höchste Seele ist unendlich, und die atomische Seele ist unendlich klein. Folglich kann die unendlich kleine Seele, da unwandelbar, niemals der unendlichen Seele oder der Höchsten Persönlichkeit Gottes gleichkommen. Diese Auffassung wird in den Veden auf verschiedene Weise wiederholt, nur um die Unveränderlichkeit der Konzeption von der Seele zu untermauern. Wiederholung ist notwendig, damit wir etwas fehlerfrei und eingehend verstehen.

VERS 26 Wenn du jedoch glaubst, die Seele werde ständig aufs neue geboren und sterbe immer wieder, gibt es für dich dennoch keinen Grund zu klagen, o Starkarmiger. ERLÄUTERUNG Es gibt immer eine Klasse von Philosophen, die fast mit den Buddhisten gleichzusetzen ist und die nicht an eine vom Körper gesonderte Existenz der Seele glaubt. Als Sri Krsna die Bhagavad-Gita sprach, gab es Philosophen dieser Art, die als Lokayatikas oder Vaibhasikas bekannt waren. Diese Philosophen vertraten die Auffassung, Lebenssymptome oder die Seele entstünden in einem gewissen Reifestadium materieller Verbindungen. Die modernen materialistischen Wissenschaftler und Philosophen des Materialismus denken ähnlich. Ihrer Ansicht nach ist der Körper eine Kombination physikalischer Elemente und sie glauben, die Lebenssymptome entwickelten sich auf einer gewissen Stufe durch sie Wechselwirkung physikalischer und chemischer Elemente. Die Wissenschaft der Anthropologie stützt sich auf diese Philosophie. In neuerer Zeit gibt es viele Pseudo-Religionen - die jetzt vor allem in Amerika Mode werden -, die sich ebenfalls an diese Philosophie sowie an die nihilistischen, sich nicht hingebenden buddhistischen Sekten anschließen. Selbst wenn Arjuna nicht an die Existenz der Seele glaubte - wie es bei den Vertretern der Vaibhasika-Philosophie der Fall ist -, hätte dennoch kein Grund zur Klage bestanden. Niemand jammert um den Verlust einer Masse chemischer Stoffe und hört auf, seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen. In der modernen Wissenschaft und wissenschaftlichen Kriegsführung werden so viele Tonnen chemischer Substanzen verschwendet, um den Feind zu besiegen. Nach der Vaibhasika-Philosophie vergeht die sogenannte Seele (atma) mit der Auflösung des Körpers. In jedem Fall also - ob Arjuna die vedische Schlussfolgerung akzeptierte, dass es eine winzige Seele gibt, oder ob er nicht an die Existenz der Seele glaubte -, hatte er keinen Grund zu klagen. Da nach der Theorie der Vaibhasikas in jedem Augenblick unendlich viele Lebewesen aus der Materie erzeugt werden und unendlich viele sterben, braucht man um ein solches Ereignis nicht zu trauern. Da nun Arjuna eine Wiedergeburt der Seele nicht in Betracht zog, gab es für ihn keinen Grund, sich vor sündhaften Reaktionen zu fürchten, die entstehen würden, wenn er seinen Großvater und seinen Lehrer tötete. Krsna redete Arjuna hier spöttisch mit maha-bahu (Starkarmiger) an, da zumindest Er die Theorie der Vaibhasikas nicht akzeptierte, die das vedische Wissen außer acht lässt. Als ksatriya gehörte Arjuna der vedischen Kultur an, und daher war es seine Pflicht, weiter ihren Prinzipien zu folgen.

VERS 27 Einem, der geboren wurde, ist der Tod sicher, und einem, der gestorben ist, ist die Geburt gewiss. Deshalb solltest du bei der unvermeidlichen Erfüllung deiner Pflicht nicht klagen. ERLÄUTERUNG Die Tätigkeiten im Leben bestimmen die Geburt. Und nachdem man einen Kreis von Tätigkeiten beendet hat, muss man sterben, um für den nächsten geboren zu werden. Auf diese Weise dreht sich das Rad von Geburt und Tod, eine Umdrehung nach der anderen, ohne Befreiung. Dieser Kreislauf von Geburt und Tod rechtfertigt jedoch nicht unnötiges Morden, Schlachten oder Krieg. Aber zugleich sind Gewalt und Krieg in der menschlichen Gesellschaft unvermeidliche Faktoren, um Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Schlacht von Kuruksetra war ein unvermeidliches Ereignis, da sie der Wille des Höchsten war, und es ist die Pflicht des ksatriya, für die rechte Sache zu kämpfen. Warum sollte Arjuna den Tod seiner Verwandten fürchten oder darüber bekümmert sein, wenn er doch nur seine eigentliche Pflicht erfüllte? Es paßte nicht zu ihm, das Gesetz zu brechen und dadurch den Reaktionen sündiger Handlungen unterworfen zu werden, wovor er sich sehr fürchtete. Auch wenn er seine eigentliche Pflicht nicht erfüllte, könnte er den Tod seiner Verwandten nicht verhindern, und da er falsch gehandelt hätte, würde er sein Ansehen verlieren.

VERS 28 Alle erschaffenen Wesen sind am Anfang unmanifestiert, in ihrem Zwischenzustand manifestiert und wieder unmanifestiert, wenn sie vernichtet sind. Warum soll man also klagen? ERLÄUTERUNG Geht man einmal davon aus, dass es zwei Gruppen von Philosophen gibt - die einen, die an die Existenz der Seele glauben, und die anderen, die nicht an die Existenz der Seele glauben -, so gibt es in beiden Fällen keinen Grund zur Klage. Diejenigen, die nicht an die Existenz der Seele glauben, werden von den Nachfolgern der vedischen Weisheit als Atheisten bezeichnet. Selbst wenn wir, um der Beweisführung willen, die atheistische Theorie akzeptieren, gibt es dennoch keinen Grund zur Klage. Abgesehen von der gesonderten Existenz der Seele, bleiben die materiellen Elemente vor der Schöpfung unmanifestiert. Aus diesem feinen Zustand der Nichtmanifestation geht Manifestation hervor, ähnlich wie aus Äther Luft, aus Luft Feuer, aus Feuer Wasser und aus Wasser Erde entsteht. Aus der Erde gehen viele verschiedene Manifestationen hervor. Nehmen wir zum Beispiel einen riesigen Wolkenkratzer, der aus Erde besteht. Wenn man ihn zerstört, löst sich die Manifestation wieder auf, und letzten Endes bleiben nur Atome übrig. Das Gesetz der Energieerhaltung gilt immer, nur sind die Dinge im Laufe der Zeit einmal manifestiert und ein anderes Mal unmanifestiert - darin liegt der Unterschied. Welchen Grund gibt es also, entweder den Zustand der Manifestation oder den der Nichtmanifestation zu beklagen? Auf irgendeine Weise sind die Dinge selbst im unmanifestierten Zustand nicht verloren. Sowohl am Anfang als auch am Ende bleiben alle materiellen Elemente unmanifestiert, und nur in ihrem Zwischenstadium sind sie manifestiert, und das macht keinen wirklichen materiellen Unterschied. Wenn wir die vedische Schlussfolgerung akzeptieren, wie man sie in der Bhagavad-Gita (2.18) findet, dass nämlich die materiellen Körper im Laufe der Zeit vergehen (antavanta ime dehah), dass aber die Seele ewig ist (nityasyoktah saririnah), dann sollten wir uns immer daran erinnern, dass der Körper wie ein Gewand ist und warum sollte man den Wechsel eines Kleidungsstücks beklagen? Der materielle Körper hat im Verhältnis zur ewigen Seele keine wirkliche Existenz. Er ist so etwas wie ein Traum. Im Traum glauben wir vielleicht, dass wir in der Luft fliegen oder als König in einer Karosse sitzen; doch wenn wir erwachen, sehen wir, dass wir weder fliegen noch in einer Karosse sitzen. Die Veden fordern zur Selbstverwirklichung auf, wobei sie davon ausgehen, dass der materielle Körper im Grunde nicht existiert. Daher gibt es in keinem Fall - ob man an die Existenz der Seele glaubt oder ob man an die Existenz der Seele nicht glaubt - einen Grund, den Verlust des Körpers zu beklagen.

VERS 29 Einige betrachten die Seele als wunderbar; einige beschreiben sie als wunderbar, und einige hören, sie sei wunderbar, wohingegen andere, selbst nachdem sie von ihr gehört haben, sie überhaupt nicht verstehen können. ERLÄUTERUNG Da die Gitopanisad weitgehend auf den Prinzipien der Upanisaden beruht, ist es nicht überraschend, in der Katha

Upanisad den folgenden Abschnitt zu finden: Die Tatsache, dass sich die winzig kleine Seele im Körper eines riesigen Tieres, im Körper eines mächtigen Banyanbaums und sogar in winzigen Bakterien befindet von denen Millionen und Abermillionen nur einen

Zentimeter Raum einnehmen ist zweifellos sehr erstaunlich. Menschen mit geringem Wissen und Menschen, die nicht

enthaltsam sind, können die Wunder des individuellen winzigen Funkens spiritueller Natur nicht verstehen, obwohl diese Dinge von der größten Autorität des Wissens erklärt werden, die sogar Brahma, dem ersten Lebewesen im Universum Unterweisung erteilte. Aufgrund einer grobmateriellen Auffassung von den Dingen können sich die meisten Menschen in diesem Zeitalter nicht vorstellen, wie ein solch kleines Teilchen einmal so groß und ein anderes Mal so klein werden kann. Sie sehen daher die Seele als etwas Wunderbares an, entweder weil sie ihre Beschaffenheit kennen oder weil sie ihnen beschrieben worden ist. Getäuscht von der materielle Energie, befassen sich die meisten Menschen so sehr mit Dingen für die Befriedigung ihrer Sinne, dass sie nur sehr wenig Zeit haben, die Frage nach dem Verständnis des eigenen Selbst zu begreifen, obwohl es eine Tatsache ist, dass ohne dieses Selbstverständnis alle Handlungen im Kampf ums Dasein letzten Endes zum Scheitern verurteilt sind. Vielleicht weiß niemand, dass man über die Seele nachdenken und außerdem eine Lösung für die materiellen Leiden finden muss. Manche Menschen, die daran interessiert sind, etwas über die Seele zu erfahren, mögen Vorträge von autorisierten Sprechern hören, doch werden sie oft aufgrund von Unwissenheit irregeführt und glauben, die Überseele und die winzige Seele seien ohne Größenunterschied eins. Es ist sehr schwer, einen Menschen zu finden, der die Stellung der Seele, die Überseele, die winzige Seele, ihre jeweiligen Funktionen, Beziehungen und alle anderen größeren und kleineren Einzelheiten vollkommen versteht. Und es ist noch schwieriger, einen Menschen zu finden, der aus dem Wissen über die Seele tatsächlich vollen Nutzen gewonnen hat und die Stellung der Seele in verschiedenen Aspekten beschreiben kann. Aber wenn jemand irgendwie imstande ist, das Thema Seele zu verstehen, ist sein Leben erfolgreich. Der einfachste Vorgang, das Selbst zu verstehen, besteht indes darin; die Aussagen der BhagavadGita die von der größten Autorität, Sri Krsna, gesprochen wurde, anzunehmen, ohne sich von anderen Theorien ablenken zu lassen. Aber es erfordert auch ein hohes Maß an tapasya und Opfer, entweder in diesem Leben oder in vorangegangenen, bevor man fähig ist, Krsna als die

Höchste Persönlichkeit Gottes anzuerkennen. Krsna kann jedoch durch die grundlose Barmherzigkeit des reinen Gottgeweihten, und auf keine andere Weise, in dieser Eigenschaft erkannt werden.

VERS 30 O Nachkomme Bharatas, die Seele, die im Körper wohnt, ist ewig und kann niemals getötet werden. Daher brauchst du um kein Geschöpf zu trauern. ERLÄUTERUNG Hiermit beschließt der Herr Seine Unterweisungen über die unveränderliche spirituelle Seele. Indem Sri Krsna die unsterbliche Seele auf verschiedene Weise beschreibt, erhärtet Er die Tatsache, dass die Seele unsterblich und der Körper vergänglich ist. Arjuna war ein ksatriya, und

deshalb sollte er nicht aus Furcht, dass sein Großvater und sein Lehrer - Bhisma und Drona - in der Schlacht sterben wurden, seine Pflicht aufgeben. Man muss aufgrund der Autorität Sri Krsnas glauben, dass es eine Seele gibt und dass diese Seele vom materiellen Körper verschieden ist, und nicht, dass es so etwas wie die Seele nicht gibt oder dass Lebenssymptome auf einer gewissen Stufe materieller Reife aus der Wechselwirkung chemischer Stoffe entstehen. Obwohl die Seele unsterblich ist, wird Gewalt nicht befürwortet; doch in Kriegszeiten wird davon nicht abgeraten, wenn es wirklich notwendig ist. Diese Notwendigkeit muss durch den Willen des Herrn gerechtfertigt sein, nicht durch unser Gutdünken.

VERS 31 Im Hinblick auf deine besondere Pflicht als ksatriya solltest du wissen, dass es für dich keine bessere Beschäftigung gibt, als auf der Grundlage religiöser Prinzipien zu kämpfen. Daher ist es nicht notwendig zu zögern. ERLÄUTERUNG Von den vier Einteilungen gesellschaftlicher Administration wird die zweite Stufe, die für eine gute Verwaltung zuständig ist, ksatriya genannt. Ksat bedeutet verletzen, und jemand, der vor Schaden beschützt, wird als ksatriya bezeichnet (trayate bedeutet Schutz gewnhren). Ksatriyas werden im Wald darin ausgebildet, zu töten. Früher ging ein ksatriya in den Wald und forderte einen Tiger zum Zweikampf heraus und kämpfte dann mit dem Tiger mit dem bloßen Schwert in der Hand. Wenn der Tiger getötet war, wurde er auf Anordnung des Königs verbrannt. Dieser Brauch wird bis zum heutigen Tage von den ksatriya-Königen des Staates Jaipur gepflegt. Weil religiöse Gewalt manchmal notwendig ist, werden die ksatriyas besonders darin ausgebildet, herauszufordern und zu töten. Deshalb ist es für ksatriyas niemals vorgesehen, direkt in den Stand des sannyasa oder der Entsagung einzutreten. Gewaltlosigkeit mag in der Politik ein diplomatisches Vorgehen sein, aber sie ist niemals ein entscheidender Faktor oder ein Grundsatz. In den religiösen Gesetzbüchern heißt es: "Während ein König oder ksatriya auf dem Schlachtfeld mit einem anderen König kämpft, der ihn beneidet, ist er geeignet, nach dem Tod die himmlisch Planeten zu erreichen, ebenso wie die brahmanas ebenfalls die himmlischen Plane erreichen, indem sie Tiere im Opferfeuer opfern." Wenn daher in einer Schlacht auf der Grundlage religiöser Prinzipien getötet wird oder wenn Tiere im Opferfeuer getötet werden, gilt dies keinesfalls als Gewalttat; denn jeder der Beteiligten zieht aus den miteinbezogenen religiösen Prinzip seinen Nutzen. Das geopferte Tier bekommt augenblicklich die menschliche Form des Lebens, ohne sich dem allmählichen Evolutionsprozeß von einer Lebensform zur anderen unterziehen zu müssen, und die auf dem Schlachtfeld getöteten ksatriyas erreichen die himmlischen Planeten, ebenso wie die brahmanas, die Opfer darbringen. Es gibt zwei Arten von sva-dharmas oder bestimmten Pflichten. Solange man nicht befreit ist, muss man, um Befreiung zu erlangen, die Pflichten des jeweiligen Körpers, in dem man sich befindet, in Übereinstimmung mit den religiösen Prinzipien erfüllen. Wenn man befreit ist, wird der sva-dharma - die bestimmte Pflicht - spirituell und befindet sich nicht mehr auf der Ebene des materiellen Körpers. In der körperlichen Auffassung vom Leben gibt es sowohl für die brahmanas als auch für die ksatriyas bestimmte Pflichten, und diese Pflichten sind unvermeidlich. Sva-dharma ist vom Herrn festgelegt, und dies wird im Vierten Kapitel näher erklärt werden. Auf der körperlichen Ebene wird sva-dharma als varnasramadharma bezeichnet oder das Sprungbrett des Menschen zu spirituellem Verstehen. Menschliche Zivilisation beginnt erst auf der Stufe des varnasrama-dharma, das heißt dann, wenn die bestimmten Pflichten erfüllt werden, die sich nach den jeweilige Erscheinungsweisen der Natur richten, die den Körper beeinflussen. Erfüllt man in irgendeinem Bereich des Handelns seine jeweilige Pflicht in Übereinstimmung mit dem varnasrama-dharma, wird man auf eine höhere Stufe des Lebens gehoben.

VERS 32 O Partha, glücklich sind die ksatriyas, denen sich unverhofft solche Gelegenheiten zum Kampf bieten, da sie ihnen die Tore der himmlischen Planeten öffnen. ERLÄUTERUNG Als höchster Lehrer der Welt verurteilt Sri Krsna die Haltung Arjunas, der sagte: "Ich sehe in diesem Kampf nichts Gutes. Ewiger Aufenthalt in der Hölle wird die Folge sein." Solche Äußerungen Arjunas waren nur auf Unwissenheit zurückzuführen. Er wollte bei der Erfüllung seiner bestimmten Pflicht gewaltlos werden. Auf dem Schlachtfeld zu stehen und gewaltlos zu werden ist für einen ksatriya die Philosophie der Narren. In der Parasarasmrti, den religiösen Gesetzen, die von Parasara, dem großen Weisen und Vater Vyasadevas, verfasst wurden, heißt es: "Es ist die Pflicht des ksatriya, die Bürger vor allen auftretenden Schwierigkeiten zu schützen, und aus diesem Grund muss er in manchen Fällen Gewalt anwenden, um Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. Daher hat er die Pflicht, die Soldaten feindlicher Könige zu besiegen, um dann, auf der Grundlage religiöser Prinzipien, die Welt zu regieren." Wenn man alle Gesichtspunkte in Betracht zieht, hatte Arjuna keinen Grund, sich vom Kampf zurückzuziehen. Wenn er seine Feinde besiegte, wurde er sich des Königreichs erfreuen können, und wenn er in der Schlacht sterben sollte, würde er zu den himmlischen Planeten erhoben werden, deren Tore ihm weit offenstanden. Zu kämpfen würde ihm also in jedem Fall nützen.

VERS 33 Wenn du jedoch in diesem religiösen Krieg nicht kämpfst, wirst du gewiss Sünden auf dich laden, weil du deine Pflichten vernachlässigst, und so deinen Ruf als Kämpfer verlieren. ERLÄUTERUNG Arjuna war ein berühmter Krieger, und er hatte Ruhm erworben, indem er mit vielen mächtigen Halbgöttern - selbst Siva - kämpfte. Als er gegen den als Jnger verkleideten Siva im Kampf siegreich war, fand der große Halbgott Wohlgefallen an ihm und gab ihm als Belohnung eine Waffe, die als pasupata-astra bekannt war. Jeder wußte, dass Arjuna ein großer Krieger war. Selbst Dronacarya gab ihm seinen Segen und schenkte ihm eine besondere Waffe, mit der er sogar seinen Lehrer töten konnte. Er war also von vielen Autoritäten, auch von seinem Vater, Indra, dem Himmelskönig, mit so vielen militärischen Auszeichnungen geehrt worden; aber wenn er die Schlacht verließe, würde er nicht nur seine bestimmte Pflicht als ksatriya vernachlässigen, sondern er würde auch all seinen Ruhm und seinen guten Namen verlieren und so seinen Abstieg in die Hölle vorbereiten. Mit anderen Worten: Nicht wenn Arjuna kämpft, sondern wenn er sich von der Schlacht zurückzieht, fährt er in die Hölle.

VERS 34 Für alle Zeiten wird man von deiner Schmach sprechen, und für jemand, der einmal geehrt wurde, ist Schande schlimmer als der Tod. ERLÄUTERUNG Sowohl als Freund wie auch als Philosoph fällt Sri Krsna jetzt Sein endgültiges Urteil über Arjunas Absicht, nicht zu kämpfen. Der Herr sagt: "Arjuna, wenn du das Schlachtfeld verlässt, werden dich die Menschen schon vor deiner eigentlichen Flucht einen Feigling nennen. Und wenn du meinst, dass die Menschen dich ruhig beschimpfen könnten, du aber lieber dein Leben retten möchtest, indem du vom Schlachtfeld fliehst, so rate Ich dir, lieber in der Schlacht zu sterben. Für einen ehrbaren Mann wie dich ist Schande schlimmer als der Tod. Deshalb solltest du nicht aus Angst um dein Leben fliehen, sondern lieber in der Schlacht sterben. Das wird dich vor der Schande bewahren, Meine Freundschaft mißbraucht zu haben, und dein Ansehen in der Gesellschaft retten." Das endgültige Urteil des Herrn sah für Arjuna also vor, in der Schlacht zu sterben, und nicht, sich zurückzuziehen.

VERS 35 Die großen Generäle, die deinen Namen und Ruhm hoch ehrten, werden denken, du habest das Schlachtfeld nur aus Furcht verlassen, und so werden sie dich für einen Feigling halten. ERLÄUTERUNG Sri Krsna fährt fort, Arjuna Seine Entscheidung zu erklären: "Glaube nicht, die großen Generale, wie Duryodhana, Karna und andere, werden denken, du habest das Schlachtfeld aus Mitleid mit deinen Brüdern und deinem Großvater verlassen. Sie werden glauben, du seiest aus Angst um dein Leben geflohen, und so wird ihrer hohe Wertschätzung deiner Persönlichkeit ins Gegenteil umschlagen."

VERS 36 Deine Feinde werden schlecht über dich reden und deine Fähigkeit verspotten. Was könnte schmerzlicher für dich sein? ERLÄUTERUNG Sri Krsna war zu Anfang über Arjunas ungerufenes Mitleid verwundert sagte, sein Mitleid sei den Nicht-Aryas angemessen. Mit vielen Worten hat Er Seine Einwände gegen Arjunas sogenanntes Mitleid erläutert.

VERS 37 O Sohn Kuntis, entweder wirst du auf dem Schlachtfeld getötet werden und die himmlischen Planeten erreichen, oder du wirst siegen und so das irdische Königreich genießen. Erhebe dich daher, und kämpfe mit Entschlossenheit. ERLÄUTERUNG Obwohl es nicht sicher war, dass Arjunas Seite siegen wurde, musste er dennoch kämpfen; denn selbst wenn er den Tod fände, konnte er zumindest zu den himmlischen Planeten erhoben werden.

VERS 38 Kämpfe um des Kampfes willen, ohne Glück oder Leid, Verlust oder Gewinn, Sieg oder Niederlage zu beachten. Wenn du so handelst, wirst du niemals Sünde auf dich laden. ERLÄUTERUNG Sri Krsna sagt jetzt unmittelbar, dass Arjuna um des Kampfes willen kämpfen solle, da Er die Schlacht wünsche. Bei Tätigkeiten im Krsna-Bewusstsein achtet man nicht auf Glück oder Leid, Verlust oder Gewinn, Sieg oder

Niederlage. Transzendentales Bewusstsein bedeutet, dass alles für Krsna getan werden sollte; es folgt dann keine Reaktion auf materielle Tätigkeiten. Jemand, der um der Befriedigung seiner eigenen Sinne willen handelt, entweder in Tugend oder in Leidenschaft, ist der Reaktion unterworfen, sei diese gut oder schlecht. Aber jemand, der sich völlig den Tätigkeiten im Krsna-Bewusstsein ergeben hat, ist nicht länger irgend jemand verpflichtet, noch ist er irgend jemand etwas schuldig, wie man es im gewöhnlichen Verlauf von Tätigkeiten ist. Es wird gesagt: "Jeder, der sich Krsna, Mukunda, völlig ergeben und alle anderen Pflichten aufgeben hat, ist niemandem mehr verpflichtet oder irgend jemandem etwas schuldig - weder den Halbgöttern noch den Weisen, noch den Mitmenschen, noch den Verwandten, noch der Menschheit, noch den Vorvätern." (SB. 11.5.41) Das ist der indirekte Hinweis, den Krsna Arjuna in diesem Vers gibt. In den folgenden Versen wird diese Sache eingehender erklärt werden.

VERS 39 Bisher habe Ich dir das analytische Wissen der sankhya- Philosophie erklärt. Höre jetzt von dem Wissen um jenen yoga, durch den man ohne fruchttragendes Ergebnis arbeitet. O Sohn Prthas, wenn du mit solcher Intelligenz handelst, kannst du dich von der Fessel der Werke befreien. ERLÄUTERUNG Nach dem vedischen Wörterbuch Nirukti bedeutet sankhya "das, was die Erscheinungen in allen Einzelheiten beschreibt", während sich sankhya auf jene Philosophie bezieht, die die wahre Natur der Seele beschreibt. Zu yoga gehört auch die Meisterung der Sinne. Arjunas EntSchluss, nicht zu kämpfen, hatte seine Ursache in dem Verlangen nach Sinnenbefriedigung. Seine vornehmste Pflicht vergessend, wollte er aufhören zu kämpfen, da er glaubte, glücklicher zu sein, wenn er seine Familienangehörigen und Verwandten nicht tötete, als wenn er sich des Königreiches erfreute, indem er seine Vettern und Brüder - die Söhne Dhrtarastrs - tötete. In beiden Fällen würde er mit dem Beweggrund der Sinnenbefriedigung handeln. Sowohl Glück, das man erfährt, wenn man die Verwandten besiegt, als auch Glück, das man verspürt, wenn man sie lebend sieht, befinden sich auf der Ebene persönlicher Sinnenbefriedigung, da man dabei weises Handeln und die Erfüllung der Pflicht aufgibt. Krsna wollte daher Arjuna erklären, dass er die Seele selbst nicht töten würde, wenn er den Körper seines Großvaters erschlugen und Er machte ihm klar, dass alle individuellen Personen, einschließlich des Herrn Selbst, ewige Individuen sind. Sie waren Individuen in der Vergangenheit, sie sind Individuen in der Gegenwart, und sie werden auch in der Zukunft Individuen bleiben, denn wir alle sind ewig individuelle Seelen und wechseln nur unser körperliches Gewand auf verschiedene Weise. Aber selbst nachdem wir von den Fesseln des materiellen Körpers befreit sind, behalten wir unsere Individualität. In einem analytischen Studium ist das Wesen der Seele und des Körpers von Sri Krsna bereits sehr sorgfältig erklärt worden. Und dieses anschauliche Wissen, das die Seele und den Körper von verschiedenen Gesichtspunkten aus beschreibt, ist mit Bezugnahme auf das Nirukti-Wörterbuch hier als sankhya bezeichnet worden. Dieser sankhya hat mit der sankhya-Philosophie des Atheisten Kapila nichts zu tun. Lange bevor der Betrüger Kapila seine sankhya-Philosophie aufstellte, war die sankhya-Philosophie, wie sie im Srimad-Bhagavatam beschrieben wird, von dem wirklichen Kapila, einer Inkarnation Sri Krsnas, Seiner Mutter Devahuti erklärt worden. Es wird von Ihm eindeutig erklärt, dass der purusa oder der Höchste Herr aktiv ist und dass Er erschafft, indem Er über die prakrti oder die materielle Natur blickt. Diese Tatsache wird in den Veden und in der Gita anerkannt. Die Beschreibung in den Veden deutet darauf hin, dass der Herr über die prakrti blickte und sie mit winzigen individuellen Seelen schwängerte. Alle diese Individuen arbeiten in der materiellen Welt, um ihre Sinne zu befriedigen, und unter dem Zauber der materiellen Energie halten sie sich für Genießer. Diese Geisteshaltung findet ihren Höhepunkt in dem Wunsch nach Befreiung, wenn das Lebewesen mit dem Höchsten Herrn eins werden will. Das ist die letzte Falle mayas oder der Illusion, die Sinne befriedigen zu können, und nur nach vielen, vielen Leben solcher sinnenbefriedigender Tätigkeiten geschieht es, dass sich eine große Seele Vasudeva, Krsna, ergibt und so an das Ende ihrer Suche nach der endgültigen Wahrheit gelangt. Arjuna hat Krsna bereits als seinen spirituellen Meister angenommen, als er sich Ihm ergab: Folglich will Krsna ihm jetzt etwas über die Prinzipien des buddhi-yoga oder karma-yoga sagen, das heißt, mit anderen Worten, über die Praxis hingebungsvollen Dienstes ausschließlich für die Befriedigung der Sinne des Herrn. Im zehnten Vers des Zehnten Kapitels wird klar gesagt, dass buddhi-yoga die Gemeinschaft mit dem Herrn bedeutet, der als Paramatma im Herzen eines jeden weilt. Aber solche Gemeinschaft kommt nicht ohne hingebungsvollen Dienst zustande. Wer daher im hingebungsvollen oder transzendentalen liebenden Dienst des Herrn oder, mit anderen Worten, im Krsna-Bewusstsein verankert ist, erreicht diese Stufe des buddhi-yoga durch die besondere Gnade des Herrn. Der Herr sagt deshalb, dass Er nur diejenigen mit dem reinen Wissen der liebenden Hingabe beschenkt, die sich immer aus transzendentaler Liebe im hingebungsvollen Dienst beTätigen. Auf diese Weise kann der Gottgeweihte Ihn sehr leicht im ewig-glückseligen Königreich Gottes erreichen. Der in diesem Vers erwähnte buddhi-yoga ist also der hingebungsvolle Dienst für den Herrn, und das hier erwähnte Wort sankhya hat nichts mit dem atheistischen sankhya-yoga zu tun, den der Betrüger Kapila verkündete. Man sollte daher den sankhya-yoga, der hier erwähnt wird, auf keinen Fall mit dem atheistischen sankhya verwechseln. Auch hatte diese Philosophie in der damaligen Zeit überhaupt keinen Einfluss, und Sri Krsna hätte niemals solch gottlose philosophische Spekulationen erwähnt. Wirkliche sankhya-Philosophie wird von Kapila, dem Herrn, im Srimad Bhagavatam beschrieben, aber selbst dieser sankhya hat nichts mit den hier behandelten Themen zu tun. Hier ist mit sankhya die analytische Beschreibung des Körpers und der Seele gemeint. Sri Krsna gab eine analytische Beschreibung der Seele, nur um Arjuna zur Stufe des buddhi-yoga oder bhakti-yoga hinzuführen. Deshalb ist Sri Krsnas sankhya und Kapilas sankhya, wie er im Bhagavatam beschrieben wird, ein und dasselbe. Beides ist bhakti-yoga. Krsna sagte daher, nur die weniger intelligenten Menschen unterschieden zwischen sankhyayoga und bhakti-yoga. Natürlich hat atheistischer sankhya-yoga nichts mit bhaktiyoga zu tun, aber dennoch behaupten unintelligente Menschen, die Bhagavad-Gita beziehe sich auf den, atheistischen sankhya-yoga. Man soll daher verstehen, dass buddhi-yoga bedeutet, im Krsna-Bewusstsein, das heißt in der vollkommenen Glückseligkeit und im allumfassenden Wissen des hingebungsvollen Dienstes, zu arbeiten. Wer ausschließlich für die Zufriedenstellung des Herrn arbeitet, ganz gleich wie schwierig solche Arbeit sein mag, arbeitet nach den Prinzipien des buddhi-yoga und ist immer in transzendentale Glückseligkeit eingetaucht. Durch solche transzendentale Bestätigung entwickelt man, dank der Gnade des Herrn, alle transzendentalen Eigenschaften von selbst, und so ist die erlangte Befreiung in sich selbst vollkommen, ohne dass man sich gesondert darum bemühen muss, Wissen zu erwerben. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Arbeit im Krsna-Bewusstsein und Arbeit um fruchttragender Ergebnisse willen, insbesondere für Sinnenbefriedigung, wenn man nach Ergebnissen in Form von Familie oder materiellem Glück strebt. Buddhiyoga ist daher die transzendentale Qualität der Arbeit, die wir verrichten.

VERS 40 Bei diesem Bemühen gibt es weder Verlust noch Minderung, und schon ein wenig Fortschritt auf diesem Pfad kann einen vor der größten Gefahr bewahren. ERLÄUTERUNG Handeln im Krsna-Bewusstsein oder zum Nutzen Krsnas zu handeln, ohne Sinnenbefriedigung zu erwarten, ist die höchste transzendentale Art von Arbeit. Selbst ein kleiner Anfang solcher Tätigkeit findet kein Hindernis, noch kann dieser kleine Anfang auf irgendeiner Stufe verloren gehen. Jede auf der materiellen Ebene begonnene Arbeit muss vollendet werden; sonst ist der ganze Versuch ein Fehlschlag. Aber jede Arbeit, die man im Krsna- Bewusstsein beginnt, hat eine dauernde Wirkung, selbst wenn sie nicht zu Ende geführt wird. Wer solche Arbeit verrichtet, verliert daher nichts, auch wenn seine Arbeit im Krsna-Bewusstsein unvollendet bleibt. Selbst wenn man ein Prozent der Tätigkeiten im Krsna-Bewusstsein ausführt, sind bleibende Ergebnisse die Folge, so dass man das nächste Mal bei zwei Prozent weitermachen kann, wohingegen es bei materieller Tätigkeit ohne einen hundertprozentigen Erfolg keinen Gewinn gibt. Ajamila erfüllte seine Pflicht zu einem gewissen Prozentsatz im Krsna-Bewusstsein, aber das Ergebnis, das ihm am Ende zuteil wurde, war durch die Gnade des Herrn ein hundertprozentiger Erfolg. In diesem Zusammenhang findet man im Srimad-Bhagavatam (1.5.17) einen schönen Vers: "Wenn jemand es aufgibt, der Befriedigung seiner Sinne nachzujagen, im Krsna-Bewusstsein arbeitet und dann zu Fall kommt, weil er seine Arbeit nicht vollendet, was verliert er dabei? Und was kann jemand gewinnen, wenn er seine materiellen Tätigkeiten in vollkommener Weise ausführt?" Oder wie es die Christen ausdrucken: "Was nützte es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber an seiner ewigen Seele Schaden nähme?" Materielle Tätigkeiten und ihre Ergebnisse enden mit dem Körper. Arbeit im Krsna-Bewusstsein aber trägt einen Menschen, selbst nach dem Verlust des Körpers, erneut zum Krsna-Bewusstsein. Zumindest ist es sicher, dass man im nächsten Leben eine Möglichkeit hat, entweder in der Familie eines hochgebildeten brahmana oder in einer reichen aristokratischen Familie wieder als Mensch geboren zu werden, wodurch man eine weitere Gelegenheit zur Erhebung bekommt. Das ist die einzigartige Qualität der Arbeit, die im Krsna-Bewusstsein verrichtet wird.

VERS 41 Diejenigen, die diesen Pfad beschreiten, sind entschlossen in ihrem Vorhaben, und ihr Ziel ist eins. O geliebtes Kind der Kurus, die Intelligenz der Unentschlossenen jedoch ist vielverzweigt. ERLÄUTERUNG Starker Glaube im Krsna-Bewusstsein, dass man zur höchsten Vollkommenheit des Lebens erhoben werden sollte, bezeichnet man als vyavasayatmika-Intelligenz. Im Caitanya-caritamrta (Madhya 22.62) heißt es: Glaube bedeutet unerschütterliches Vertrauen in etwas Erhabenes. Wenn man die Pflichten im Krsna-Bewusstsein erfüllt, braucht man den Verpflichtungen, die man in der materiellen Weit gegenüber der Familie, der Menschheit oder der Nation haben mag, nicht nachzukommen. Fruchtbringende Tätigkeiten sind die Handlungen, die aus den Reaktionen auf vergangene gute oder schlechte Taten hervorgehen. Wenn man im Krsna-Bewusstsein wach ist, braucht man sich bei seinem Tun nicht länger um gute Ergebnisse zu bemühen. Wenn man im Krsna-Bewusstsein verankert ist, befinden sich alle Handlungen auf der absoluten Ebene, da sie nicht länger Dualitäten wie gut und schlecht unterworfen sind. Die höchste Vollkommenheit des Krsna-Bewusstseins ist die Entsagung der materiellen Auffassung vom Leben. Diese Stufe wird mit fortschreitendem Krsna-Bewusstsein von selbst erreicht. Die Entschlossenheit eines Menschen im Krsna-Bewusstsein beruht auf der Erkenntnis, dass Vasudeva oder Krsna die Wurzel aller manifestierten Ursachen ist (vasudevaH sarvam iti sa mahatma sudurlabhaH; Bg. 7.19). So wie man den Blättern und Zweigen eines Baumes dient, indem man die Wurzel begießt, so kann man jedem - sich selbst, der Familie, der Gesellschaft, dem Land, der Menschheit usw. - den höchsten Dienst erweisen, indem man im Krsna- Bewusstsein handelt. Wenn man durch sein Tun Krsna zufriedenstellt, dann wird jeder zufrieden sein. Dienst im Krsna-Bewusstsein wird jedoch am besten unter der kundigen Führung eines spirituellen Meisters ausgeführt, der ein echter Vertreter Krsnas ist, der das Wesen des Schülers kennt und der ihn so anleiten kann, dass er im Krsna-Bewusstsein handelt. Um daher im Krsna- Bewusstsein wirklich fortzuschreiten, muss man fest entschlossen handeln und dem Stellvertreter Krsnas gehorchen, und man sollte die Anweisung des echten spirituellen Meisters als seine Lebensaufgabe ansehen. Srila Rupa Visvanatha Cakravarti Thakura lehrt uns in seinen berühmten Gebeten zum spirituellen Meister: "Wenn man den spirituellen Meister zufriedenstellt, wird die Höchste Persönlichkeit Gottes zufrieden. Und wenn man den spirituellen Meister nicht zufriedenstellt, ist es nicht möglich, auf die Ebene des Krsna-Bewusstseins erhoben zu werden. Ich sollte daher dreimal tnglich über meinen spirituellen Meister meditieren, um seine Barmherzigkeit bitten und ihm meine achtungsvollen Ehrerbietungen erweisen. " Der ganze Vorgang hängt jedoch davon ab, dass man vollkommen verstanden hat, dass sich die Seele jenseits der körperlichen Auffassung befindet - nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, indem man nicht mehr versucht, seine Sinne durch fruchtbringende Handlungen zu befriedigen. Jemand, der im Geiste nicht wahrhaft gefestigt ist, wird von verschiedenen fruchtbringenden Handlungen abgelenkt.

VERS 42-43 Menschen mit geringem Wissen hängen sehr an den

blumenreichen Worten der Vedas, die ihnen verschiedene fruchtbringende Tätigkeiten zur Erhebung zu himmlischen Planeten empfehlen, wo eine gute Geburt, Macht und so fort auf sie warten. Da sie nach Sinnenbefriedigung und einem Leben in Hülle und Fülle begehren, sagen sie, es gebe nichts, was darüber hinausgehe. ERLÄUTERUNG Die meisten Menschen sind nicht sehr intelligent, und aufgrund ihrer Unwissenheit haften sie sehr stark an den im karma-kanda-Teil der Veden empfohlenen fruchtbringenden Tätigkeiten. Sie wünschen sich nichts mehr als Vorschlnge für Sinnenbefriedigung, wie man das Leben auf himmlischen Planeten genießen kann, wo Wein und Frauen zur Verfügung stehen und materieller Reichtum sehr üblich ist. In den Veden werden viele Opfer, besonders die jyotistoma-Opferung, für die Erhebung zu den himmlischen Planeten empfohlen. Ja, es heißt sogar, dass jeder, der zu den himmlischen Planeten erhoben werden will, diese Opfer ausführen muss, und Menschen mit geringem Wissen glauben, dies sei der ganze Sinn und Zweck der vedischen Weisheit. Solch unerfahrenen Menschen fällt es sehr schwer, sich das entschlossene Handeln im Krsna-Bewusstsein zu eigen zu machen. So wie Toren sich zu den Blüten giftiger Bäume hingezogen fühlen, ohne die Folgen solcher Reize zu kennen, so werden Menschen, die nicht erleuchtet sind, von solch himmlischem Reichtum und der damit verbundenen Sinnenfreude betört. Im karma-kanda-Teil der Veden heißt es, dass diejenigen, die sich die vier monatlichen Bußen auferlegen, die Eignung erwerben, den soma-rasa-Trank zu trinken, um für immer unsterblich und glücklich zu werden. Selbst auf der Erde sind einige Menschen sehr begierig, diesen somarasa- Trank zu bekommen, um stark und gesund zu werden und Sinnenbefriedigung genießen zu können. Solche Menschen glauben nicht an die Befreiung aus der materiellen Knechtschaft und haften sehr an den pompösen Zeremonien der vedischen Opfer. Sie sind im allgemeinen sinnlich und trachten nach nichts anderem als den himmlischen Freuden des Lebens. Es ist bekannt, dass es auf den himmlischen Planeten Gärten gibt, nandanakanana genannt, in denen sich genügend Gelegenheiten bieten, mit engelgleich-schönen Frauen zusammenzusein und reichlich soma-rasa-Wein zu trinken. Solch körperliches Glück ist zweifellos sinnlich; daher sind dort diejenigen anzutreffen, die - als "Herren der materiellen Welt" - nichts anderem als materiellem, zeitweiligem Glück verhaftet sind.

VERS 44 Im Geist derer, die zu sehr an SinnenGenuss und materiellem Reichtum haften und von solchen Dingen verwirrt sind, kommt es nicht zu dem festen EntSchluss, dem Höchsten Herrn in Hingabe zu dienen. ERLÄUTERUNG Samadhi bedeutet "festverankerter Geist". Das vedische Wörterbuch Nirukti erklärt hierzu: "Wenn der Geist fest darauf gerichtet ist, das Selbst zu verstehen, nennt man dies samadhi." Samadhi ist niemals möglich für Menschen, denen es um materiellen SinnenGenuss geht, auch nicht für diejenigen, die von solch zeitweiligen Dingen verwirrt sind. Sie sind durch die Wirkungsweise der materiellen Energie mehr oder minder verdammt.

VERS 45 Die Veden handeln hauptsächlich von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Erhebe dich über diese Erscheinungsweisen, o Arjuna; Sei transzendental zu ihnen allen. Sei frei von allen Dualitäten und aller Sorge um Gewinn und Sicherheit, und sei im Selbst verankert. ERLÄUTERUNG Alle materiellen Tätigkeiten beinhalten Aktionen und Reaktionen in den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Sie werden mit der Absicht ausgeführt, fruchtbringende Ergebnisse zu bekommen, die ihrerseits Knechtschaft in der materiellen Welt verursachen. Die Veden handeln hauptsächlich von fruchtbringenden Tätigkeiten, um die allgemeine Masse der Menschen allmählich aus dem Bereich der Sinnenbefriedigung zu einer Stellung auf der transzendentalen Ebene zu erheben. Arjuna bekommt als Schüler und Freund Krsnas den Rat, sich auf die transzendentale Ebene der Vedanta-Philosophie zu erheben, die am Anfang brahma-jijnasa oder Fragen über die Höchste Transzendenz aufwirft. Alle Lebewesen, die sich in der materiellen Welt aufhalten, kämpfen sehr schwer um ihre Existenz. Für sie gab der Herr nach der Schöpfung der materiellen Welt die vedische Weisheit, die Rat erteilt, wie man leben soll und sich aus der materiellen Verstrickung befreien kann. Wenn die Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung, nämlich das karma-kanda-Kapitel, abgeschlossen sind, wird die Möglichkeit spiritueller Erkenntnis in Form der Upanisaden angeboten, die Teile verschiedener Veden sind, ebenso wie die Bhagavad-Gita ein Teil des fünften Veda, des Mahabharata, ist. Die Upanisaden beschreiben den Beginn transzendentalen Lebens. Solange der materielle Körper existiert, gibt es Aktionen und Reaktionen in den materiellen Erscheinungsweisen. Man muss lernen, Dualitäten wie Glück und Leid oder Knlte und Hitze zu ertragen, und indem man solche Dualität duldet, wird man frei von aller Sorge um Gewinn oder Verlust. Diese transzendentale Stellung wird in vollem Krsna-Bewusstsein erreicht, wenn man völlig von Krsnas Wohlwollen abhängig ist.

VERS 46 Alle Zwecke, die ein kleiner Teich nach und nach erfüllt, können große Gewässer sofort erfüllen. In ähnlicher Weise kann alle Früchte der Veden erreichen, wer das Ziel der Veden kennt. ERLÄUTERUNG Die im karma-kanda-Teil der vedischen Literatur erwähnten Rituale und Opfer sollen dazu ermutigen, allmählich Selbstverwirklichung zu erlangen. Und der Sinn von Selbstverwirklichung wird im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-Gita (15.15) deutlich erklärt: Der Zweck des Studiums der Veden ist es, Sri Krsna, die urerste Ursache aller Dinge, zu erkennen. Selbstverwirklichung bedeutet also, Krsna und unsere ewige Beziehung zu Ihm zu verstehen. Die Beziehung der Lebewesen zu Krsna wird ebenfalls im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-Gita (15.7) erwähnt. Die Lebewesen sind winzige Teile Krsnas; deshalb ist die Wiederbelebung von Krsna-Bewusstsein durch das individuelle Lebewesen die am höchsten vervollkommnete Stufe vedischen Wissens. Dies wird im Srimad-Bhagavatam (3.33.7) wie folgt bestätigt: "O mein Herr, ein Mensch, der Deinen Heiligen Namen chantet, befindet sich auf der höchsten Ebene der Selbstverwirklichung, selbst wenn er in einer niedrigen Familie wie der eines candala (Hundeessers) geboren wurde. Ein solcher Mensch muss alle Arten von tapasya und Opfern in Übereinstimmung mit den vedischen Ritualen ausgeführt und viele, viele Male die vedischen Schriften studiert haben, nachdem er an allen heiligen Pilgerstntten gebadet hatte. Daher muss er als der vortrefflichste der Aryan-Familie angesehen werden." Man muss deshalb intelligent genug sein, den Zweck der Veden zu verstehen, ohne nur an den Ritualen zu haften, und man darf nicht danach trachten, zu den himmlischen Königreichen erhoben zu werden, um eine höhere Form der Sinnenbefriedigung zu genießen. Es ist in diesem Zeitalter dem gewöhnlichen Menschen nicht möglich, alle Regeln und Vorschriften der vedischen Rituale und die Anweisungen des Vedanta und der Upanisaden zu befolgen. Es erfordert viel Zeit, Energie, Wissen und Mittel, die Forderungen der Veden zu erfüllen. Dies ist im gegenwnrtigen Zeitalter kaum möglich. Das höchste Ziel der vedischen Kultur wird jedoch erreicht, wenn man den Heiligen Namen des Herrn chantet, wie es Sri Caitanya, der Befreier aller gefallenen Seelen, empfahl. Als Sri Caitanya von dem großen vedischen Gelehrten Prakasananda Sarasvati gefragt wurde, warum Er, anstatt die Veden zu studieren, wie ein mentaler Träumer den Heiligen Namen des Herrn chante, entgegnete der Herr, Sein spiritueller Meister habe Ihn für einen großen Narren befunden und Ihn daher angewiesen, den Heiligen Namen Sri Krsnas zu chanten. Er tat dies und befand sich von da an in ständiger Ekstase, so dass Ihn die Menschen für verrückt hielten. Im Zeitalter des Kali ist der größte Teil der Bevölkerung töricht und nicht genügend gebildet, die Vedanta-Philosophie zu verstehen; doch der Sinn und Zweck der Vedanta-Philosophie wird erfüllt, wenn man den Heiligen Namen des Herrn ohne Vergehen chantet. Der Vedanta bildet die letzte Stufe des vedischen Wissens, und der Verfasser und Kenner der Vedanta-Philosophie ist Sri Krsna Selbst. Und ein Meister des Vedanta ist jene große Seele, die Freude daran findet, den Heiligen Namen des Herrn zu chanten. Das ist der letztliche Sinn aller vedischen Mystik.

VERS 47 Du hast das Recht, deine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen, aber du hast keinen Anspruch auf die Früchte des Handelns. Halte dich niemals für die Ursache der Ergebnisse deiner Tätigkeiten, und hafte niemals daran, deine Pflicht nicht zu erfüllen. ERLÄUTERUNG Hier wird von drei Dingen gesprochen, nämlich von vorgeschriebenen Pflichten, launenhafter Arbeit und UnTätigkeit. Unter vorgeschriebenen Pflichten versteht man Tätigkeiten, die ausgeführt werden müssen, solange man sich unter dem Einfluss der Erscheinungsweisen der materiellen Natur befindet. Unter launenhafter Arbeit versteht man Handlungen, die ohne Einwilligung einer Autorität ausgeführt werden, und Untätigkeit bedeutet, seine vorgeschriebenen Pflichten nicht zu erfüllen. Der Herr gab Arjuna den Rat, nicht untätig zu sein, sondern seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen, ohne am Ergebnis zu haften. Wer am Ergebnis seiner Arbeit haftet, ist auch die Ursache der Handlung und muss daher das Ergebnis genießen oder erleiden. Was vorgeschriebene Pflichten betrifft, so können sie in drei Unterteilungen gegliedert werden, nämlich Routinearbeit, Arbeit im Notfall und wunschgemäße Tätigkeiten. Routinearbeit nach den Anordnungen der Schriften wird ohne Verlangen nach Ergebnissen ausgeführt. Obligatorische Arbeit befindet sich in der Erscheinungsweise der Tugend, da man zu ihrer Ausführung genötigt ist. Arbeit um der Ergebnisse willen wird die Ursache von Bindung; deshalb ist solche Arbeit nicht vorteilhaft. Jeder hat ein Anrecht auf die Erfüllung vorgeschriebener Pflichten, doch sollte er ohne Anhaftung an das Ergebnis handeln. Solch uneigennützige,

obligatorische Pflichten führen einen ohne Zweifel auf den Pfad der Befreiung. Krsna gab deshalb Arjuna den Rat, aus reiner Pflichterfüllung zu kämpfen, ohne am Ergebnis zu haften. Würde er an der Schlacht nicht teilnehmen, wäre dies eine andere Form der Anhaftung. Solches Anhaften führt einen niemals auf den Pfad der Erlösung. Jedes Anhaften - ob positiv oder negativ - ist die Ursache für Bindung. UnTätigkeit ist sündhaft. Daher war Kämpfen aus reiner Pflichterfüllung der einzig glückverheißende Pfad der Erlösung für Arjuna.

VERS 48 Sei fest im yoga verankert, o Arjuna. Erfülle deine Pflicht, und gib alle Anhaftung an Erfolg oder Mißerfolg auf. Solche Ausgeglichenheit des Geistes wird yoga genannt. ERLÄUTERUNG Krsna sagt zu Arjuna, er solle in yoga handeln. Was ist nun dieser yoga? Yoga bedeutet, den Geist auf den Höchsten zu richten, indem man die ständig störenden Sinne meistert. Und wer ist der Höchste? Der Höchste ist der Herr. Und da Er Selbst Arjuna anweist zu kämpfen, hat Arjuna mit den Ergebnissen des Kampfes nichts zu tun. Gewinn oder Sieg sind Krsnas Sache; Arjuna ist nur angewiesen, nach dem Gebot Krsnas zu handeln. Krsnas Gebot zu folgen ist wirklicher yoga, und dies wird in dem Vorgang praktiziert, den man Krsna-Bewusstsein nennt. Allein durch Krsna-Bewusstsein kann man die Vorstellung, irgend etwas zu besitzen, aufgeben. Man muss der Diener Krsnas oder der Diener des Dieners von Krsna werden. Das ist der richtige Weg, seine Pflicht im Krsna- Bewusstsein zu erfüllen, das einem helfen kann, in yoga zu handeln. Arjuna ist ein ksatriya und gehört als solcher zur Einrichtung des varnasrama-dharma. Im Visnu Purana (3.8.9) heißt es, dass im varnasrama-dharma das ganze Ziel darin besteht, Visnu zufriedenzustellen. Niemand soll sich selbst zufriedenstellen, wie es in der materiellen Welt die Regel ist, sondern man soll Krsna erfreuen. Solange man also nicht Krsna zufriedenstellt, kann man die Prinzipien des varnasrama-dharma nicht richtig befolgen. Indirekt wurde Arjuna nahegelegt, so zu handeln, wie Krsna es ihm sagte.

VERS 49 O Dhanaijaya, befreie dich von allen fruchtbringenden Tätigkeiten durch hingebungsvollen Dienst, und ergib dich völlig in dieses Bewusstsein. Diejenigen, die die Früchte ihrer Arbeit genießen wollen, sind Geizhälse. ERLÄUTERUNG Wer seine wesensgemäße Stellung als ewiger Diener des Herrn wirklich verstanden hat, gibt alle anderen Beschäftigungen außer den Tätigkeiten im Krsna- Bewusstsein auf. Wie schon erklärt wurde, bedeutet buddhiyoga transzendentaler liebender Dienst für den Herrn. Solch hingebungsvoller Dienst ist die richtige Handlungsweise für das Lebewesen. Nur Geizhälse wollen die Frucht ihrer Arbeit genießen, wodurch sie nur noch mehr in die materielle Knechtschaft verstrickt werden. Außer Arbeit im Krsna-Bewusstsein sind alle Tätigkeiten verabscheuenswert, da sie den Handelnden fortgesetzt an den Kreislauf von Geburt und Tod binden. Man sollte daher niemals den Wunsch haben, selbst die Ursache von Arbeit zu sein. Alles sollte im Krsna-Bewusstsein getan werden, um Krsna zu erfreuen. Geizhälse wissen nicht, wie sie Besitztümer verwenden sollen, die sie durch glückliche Umstände oder harte Arbeit erwerben. Man sollte alle Energien verwenden, um im Krsna-Bewusstsein zu arbeiten; das wird unser Leben erfolgreich machen. Unglückselige Menschen stellen, wie die Geizhnlse, ihre menschliche Energie nicht in den Dienst des Herrn.

VERS 50 Jemand, der im hingebungsvollen Dienst Tätig ist, befreit sich schon in diesem Leben sowohl von guten als auch von schlechten Reaktionen. Deshalb strebe nach yoga, o Arjuna, der Kunst aller Arbeit. ERLÄUTERUNG Seit unvordenklicher Zeit hat jedes Lebewesen die verschiedenen Reaktionen auf seine gute und schlechte Arbeit angesammelt. So ist es zu erklären, dass es sich fortgesetzt in Unwissenheit über seine eigentliche, wesensgemäße Stellung befindet. Diese Unwissenheit kann durch die Unterweisung der Bhagavad-Gita beseitigt werden, die uns lehrt, sich Sri Krsna in jeder Hinsicht zu

ergeben und so von der Geburt für Geburt drohenden Preisgabe an Aktion und Reaktion frei zu werden. Arjuna wird daher der Rat gegeben, im Krsna-Bewusstsein zu handeln, dem Vorgang, durch den man sich von Reaktionen auf vergangene Handlungen befreien kann.

VERS 51 Die Weisen, die im hingebungsvollen Dienst Tätig sind, suchen Zuflucht beim Herrn und befreien sich aus dem Kreislauf von Geburt und Tod, indem sie den Früchten des Handelns in der materiellen Welt entsagen. Auf diese Weise können sie jenen Ort erreichen, der jenseits aller Leiden liegt. ERLÄUTERUNG Die befreiten Lebewesen suchen jenen Ort auf, an dem es keine mat. Leiden gibt. Im Bhagavatam (10.14.58) heißt es: "Für jemand, der das Boot der Lotusfüße des Herrn bestiegen hat - welcher der kosmischen Manifestation Zuflucht gewährt und welcher berühmt ist als Mukunda oder derjenige, der mukti gewährt -, für ihn ist der Ozean der materiellen Welt wie das Wasser im Hufabdruck eines Kalbes. Param padam oder Vaikuntha, wo es keine materiellen Leiden gibt, ist sein Ziel, und nicht der Ort, an dem auf Schritt und Tritt Gefahr lauert." Aufgrund von Unwissenheit weiß man nicht, dass die materielle Welt ein leidvoller Ort ist, wo auf Schritt und Tritt Gefahren drohen. Nur aus Unwissenheit versuchen weniger intelligente Menschen, sich durch fruchtbringende Tätigkeiten der Situation anzupassen, in dem Glauben, die sich ergebenden Handlungen würden sie glücklich machen. Sie wissen nicht, dass ihnen keine Art von materiellem Körper irgendwo im Universum ein Leben ohne Leiden geben kann. Die Leiden des Lebens, nämlich Geburt, Tod, Alter und Krankheiten, treten überall in der materiellen Welt auf. Wer aber seine wirkliche, wesensgemäße Stellung als der ewige Diener des Herrn versteht und somit die Position der Persönlichkeit Gottes kennt, betätigt sich im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn. Folglich wird er befähigt, in die Vaikuntha-Planeten einzugehen, wo es weder ein materielles, leidvolles Leben noch den Einfluss von Zeit und Tod gibt. Seine wesensgemäße Stellung zu kennen bedeutet, auch die erhabene Position des Herrn zu kennen. Wer fälschlich glaubt, die Stellung des Lebewesens und die des Herrn befänden sich auf der gleichen Ebene, ist von Dunkelheit umgeben und daher nicht imstande, sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn zu betätigen. Er wird selbst zu einem "Herrn" und ebnet sich so den Weg zur Wiederholung von Geburt und Tod. Wer aber versteht, dass es seine Position ist zu dienen, stellt sich in den Dienst des Herrn und wird sofort geeignet, nach Vaikunthaloka zu gehen. Dienst im Interesse des Herrn wird karma-yoga bzw. buddhi-yoga oder, in einfachen Worten, hingebungsvoller Dienst für den Herrn genannt.

VERS 52 Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der Täuschung herausgetreten ist, wirst du gleichgültig werden gegenüber allem, was gehört worden und was noch zu hören ist. ERLÄUTERUNG Es gibt viele gute Beispiele aus dem Leben großer Geweihter des Herrn, denen die Rituale der Veden einfach

durch hingebungsvollen Dienst für den Herrn gleichgültig wurden. Wenn jemand Krsna und seine Beziehung zu Krsna wirklich versteht, werden ihm, selbst wenn er ein erfahrener brahmana ist, natürlicherweise die Rituale fruchtbringender Tätigkeiten völlig gleichgültig. Sri Madhavendra Puri, ein großer Gottgeweihter und acarya in der Nachfolge der Gottgeweihten, sagt: "O Herr, in meinen Gebeten preise ich dreimal täglich Deinen höchsten Ruhm. Während ich mein Bad nehme, erweise ich Dir meine Ehrerbietungen. O Halbgötter! O Vorväter! Bitte entschuldigt meine Unfähigkeit, euch meine Achtung zu erweisen. Wo immer ich jetzt sitze, kann ich mich an den großen Nachfahren der Yadu-Dynastie [Krsna], den Feind Kamsas, erinnern, und so kann ich mich von allen sündhaften Bindungen befreien. Ich denke, dass dies für mich ausreicht." Die vedischen Riten und Rituale sind für Neulinge unbedingt erforderlich: dreimal täglich alle möglichen Gebete sprechen, frühmorgens ein Bad nehmen, den Vorvätern Achtung erweisen usw. Wenn man aber völlig im Krsna-Bewusstsein verankert und im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn Tätig ist, werden einem all diese regulierenden Prinzipien gleichgültig, da man die Vollkommenheit bereits erreicht hat. Wenn man die Ebene des Verstehens durch Dienst für den Höchsten Herrn, Sri Krsna, erreichen kann, braucht man nicht länger verschiedene Arten von tapasya und Opfern auszuführen, wie in den offenbarten Schriften empfohlen wird. Und wenn man auf der anderen Seite nicht verstanden hat, dass der Zweck der Veden darin besteht, Krsna zu erreichen, und einfach nur Rituale usw. vollzieht, verschwendet man mit solchen Beschäftigungen nutzlos seine Zeit. Menschen im Krsna-Bewusstsein überschreiten die Grenze des sabdabrahma oder des Bereichs der Veden und Upanisaden.

VERS 53 Wenn dein Geist nicht länger von der blumigen Sprache der Veden verwirrt ist und fest in der Trance der Selbstverwirklichung verankert bleibt, dann wirst du das göttliche Bewusstsein erreicht haben. ERLÄUTERUNG Wenn man sagt, jemand sei in samadhi, bedeutet dies, dass er Krsna-Bewusstsein vollständig verwirklicht hat; das heißt: Wer völlig in samadhi versunken ist, hat Brahman, Paramatma und Bhagavan erkannt. Die höchste Vollkommenheit der Selbstverwirklichung ist die Erkenntnis, dass man ewig Krsnas Diener ist und dass man nur die eine Aufgabe hat, seine Pflichten im Krsna- Bewusstsein zu erfüllen. Ein Krsna-bewusster Mensch, das heißt ein unerschütterlicher Gottgeweihter, sollte sich nicht durch die blumige Sprache der Veden stören lassen, noch sollte er fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen, um sich zum himmlischen Königreich zu erheben. Im Krsna - Bewusstsein kommt man unmittelbar mit Krsna in Verbindung, und so können auf dieser transzendentalen Ebene alle Weisungen Krsnas verstanden werden. Es ist sicher, dass man durch solches Tun Ergebnisse erreicht und schlüssiges Wissen erlangt. Man braucht nur die Anweisungen Krsna oder Seines Stellvertreters, des spirituellen Meisters, ausführen.

VERS 54 Arjuna sprach: O Kesava, welche Merkmale weist jemand auf, dessen Bewusstsein in die Transzendenz eingegangen ist? Wie und worüber spricht er? Wie sitzt er und wie geht er? ERLÄUTERUNG So wie jeder Mensch seiner jeweiligen Lage gemäß besondere, ihn kennzeichnende Züge aufweist, so hat in ähnlicher Weise auch jemand, der Krsna-bewusst ist, sein besonderes Wesen - Reden, Gehen, Denken, Fühlen usw. So wie ein reicher Mann bestimmte Merkmale hat, durch die man ihn als Reichen kennt; so wie ein Kranker gewisse Symptome hat, die ihn als krank kennzeichnen, oder wie ein Gelehrter seine Besonderheiten hat, so hat ein Mann im transzendentalen Bewusstsein von Krsna besondere Merkmale in seinen verschiedenen Verhaltensweisen. Man kann seine besonderen Merkmale aus der Bhagavad-Gita erfahren. Am wichtigsten ist, wie der Mann im Krsna- Bewusstsein spricht, denn Sprache ist die wichtigste Eigenschaft jedes Menschen. Man sagt, ein Esel bleibe unentdeckt, solange er nicht rede, und gewiss kann man einen gutgekleideten Esel nicht erkennen, solange er nicht spricht; doch sobald er den Mund öffnet, zeigt er sein wahres Gesicht. Das unmittelbare Merkmal eines Krsnabewussten Menschen ist, dass er nur über Krsna und mit Krsna verbundene Themen spricht. Andere Kennzeichen folgen dann von selbst, wie in den folgenden Versen beschrieben wird.

VERS 55 Der Höchste Herr sprach: O Partha, wenn ein Mensch alle Arten von Sinnesbegierden aufgibt, die gedanklicher Überlegung entspringen, und wenn sein Geist im Selbst allein Befriedigung findet, dann sagt man von ihm, er sei in reinem transzendentalem Bewusstsein verankert. ERLÄUTERUNG Das Bhagavatam bestätigt, dass jeder, der völlig im Krsna- Bewusstsein oder hingebungsvollen Dienst des Herrn verankert ist, alle guten Eigenschaften der großen Weisen besitzt, wohingegen jemand, der nicht auf solch transzendentale Weise verankert ist, keine guten Eigenschaften hat, weil er sich mit Sicherheit in seine eigenen gedanklichen Überlegungen flüchtet. Folglich wird hier ganz richtig gesagt, dass man alle Arten von Sinnenwünschen, die gedanklichen Überlegungen entspringen, aufgeben muss. Künstlich kann man solche Sinnenwünsche nicht einstellen. Wenn man aber im Krsna- Bewusstsein Beschäftigt ist, dann lassen Sinnenwünsche ohne zusätzliche Bemühungen von selbst nach. Deshalb muss man sich ohne Zögern im Krsna-Bewusstsein betätigen, denn solch hingebungsvoller Dienst wird einem augenblicklich helfen, auf die Ebene transzendentalen Bewusstseins zu gelangen. Die hochentwickelte Seele bleibt immer in sich selbst zufrieden, da sie sich als der ewige Diener des Höchsten Herrn erkennt. Eine auf diese Weise in der Transzendenz verankerte Seele hat keine Sinnenwünsche, die niedrigem Materialismus entspringen; vielmehr bleibt sie immer glücklich in ihrer natürlichen Stellung, ewig dem Höchsten Herrn zu dienen.

VERS 56 Wer trotz der dreifachen Leiden nicht verwirrt ist, nicht von Freude überwältigt wird, wenn er Glück erfährt, und frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist, wird ein Weiser mit stetigem Geist genannt. ERLÄUTERUNG Das Wort muni bezeichnet einen Menschen, der seinen Geist mit den verschiedensten gedanklichen Spekulationen aufrührt, ohne zu einer tatsächlichen Schlussfolgerung zu kommen. Man sagt, jeder muni habe eine andere Betrachtungsweise, und solange sich ein muni nicht von anderen munis unterscheide, könne man ihn strenggenommen nicht als muni bezeichnen. Nasau munir yasya matam na binnam. Aber ein sthita-dhi-muni, wie er hier vom Herrn erwähnt wird, unterscheidet sich von einem gewöhnlichen muni. Der sthita-dhi-muni ist immer im Krsna-Bewusstsein verankert, denn seine Versuche kreativer Spekulation haben sich erschöpft. Er hat die Stufe gedanklicher Spekulationen hinter sich gelassen und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Herr, Sri Krsna oder Vasudeva, alles ist. Ihn nennt man einen muni mit gefestigtem Geist. Ein solch völlig Krsna-bewusster Mensch fühlt sich durch die Angriffe der dreifachen Leiden keineswegs gestört, denn er betrachtet alle Leiden als die Barmherzigkeit des Herrn. Er findet es angemessen, aufgrund seiner vergangenen schlechten Taten mehr Unannehmlichkeiten zu bekommen, und er sieht, dass seine Leiden durch die Gnade des Herrn bis auf ein Mindestmaß verringert sind. In ähnlicher Weise dankt er, wenn er glücklich ist, dem Herrn für solche Güte und denkt, dass er dieses Glück nicht verdient habe. Er erkennt, dass er sich nur durch die Gnade des Herrn in einer solch angenehmen Lage befindet und imstande ist, dem Herrn besser zu dienen. Und um dem Herrn zu dienen, ist er immer unerschrocken und aktiv und lässt sich nicht von Anhaftung oder Ablehnung beeinflussen. Anhaftung bedeutet, Dinge für seine eigene Sinnenbefriedigung anzunehmen, und Losgelöstsein bedeutet das Fehlen einer solch sinnlichen Anhaftung. Wer aber im Krsna-Bewusstsein verankert ist, kennt weder Anhaftung noch Loslösung, da er sein Leben dem Dienst des Herrn geweiht hat. Folglich ist er niemals ärgerlich - auch dann nicht, wenn seine Versuche erfolglos sind. Ein Krsna-bewusster Mensch ist in seiner Entschlossenheit immer beständig.

VERS 57 Wer frei von Anhaftung ist und nicht frohlockt, wenn ihm Gutes widerfährt, noch jammert, wenn ihm Übles geschieht, ist fest in vollkommenem Wissen verankert. ERLÄUTERUNG In der materiellen Welt finden ständig Veränderungen statt, die gut oder schlecht sein mögen. Wer durch solche materiellen Veränderungen nicht beunruhigt wird, das heißt, wer sich von Gut und Schlecht nicht beeinflussen lässt, gilt als im Krsna-Bewusstsein gefestigt. Solange man sich in der materiellen Welt befindet, wird es immer Gutes und Schlechtes geben, denn diese Welt ist voller Dualität. Wer jedoch im Krsna-Bewusstsein gefestigt ist, wird von Gut und Schlecht nicht beeinflußt, da es ihm nur um Krsna geht, der absolut und allgut ist. Ein solches in Krsna ruhendes Bewusstsein versetzt einen in eine vollkommene, transzendentale Stellung, die man technisch als samadhi bezeichnet.

VERS 58 Wer imstande ist, seine Sinne von den Sinnesobjekten zurückzuziehen, so wie die Schildkröte ihre Glieder in den Panzer einzieht, gründet in wirklichem Wissen. ERLÄUTERUNG Der Prüfstein für einen yogi, einen Gottgeweihten oder eine selbstverwirklichte Seele ist die Fähigkeit, die Sinne nach Plan zu beherrschen. Die meisten Menschen jedoch sind Diener der Sinne und werden vom Diktat der Sinne gelenkt. Das ist die Antwort auf die Frage nach der Stellung des yogi. Die Sinne werden mit giftigen Schlangen verglichen. Sie wollen zügellos und ohne Einschränkung Tätig sein. Der yogi oder Gottgeweihte muss daher sehr stark sein, um die Schlangen - wie ein Schlangenbeschwörer - beherrschen zu können. Er gestattet ihnen niemals, unabhängig zu handeln. Die offenbarten Schriften beinhalten viele Unterweisungen: einige sind Verbote und andere sind Gebote. Solange man nicht fähig ist, den Geboten und Verboten zu folgen und sich von Sinnengenuss zurückzuhalten, ist es nicht möglich, fest im Krsna-Bewusstsein verankert zu sein. Das beste Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Schildkröte. Die Schildkröte kann augenblicklich ihre Sinne zurückziehen und diese zu jeder Zeit für bestimmte Zwecke wieder nach außen richten. In ähnlicher Weise werden die Sinne Krsnabewusster Menschen nur für einen bestimmten Zweck im Dienste des Herrn benutzt und sind sonst zurückgezogen. Wie man die Sinne immer im Dienst des Herrn beschäftigen kann, wird an dem Vergleich der Schildkröte deutlich, die ihre Gliedmaßen im Panzer zurückhalten kann.

VERS 59 Die verkörperte Seele mag zwar von Sinnenfreuden zurückgehalten werden, doch der Geschmack für Sinnesobjekte bleibt; wenn sie jedoch solche Neigungen aufgibt, da sie einen höheren Geschmack erfährt, ist sie im Bewusstsein gefestigt. ERLÄUTERUNG Solange man nicht in der Transzendenz verankert ist, ist es nicht möglich, von SinnenGenuss abzulassen. Den Genuss der Sinne durch Regeln und Regulierungen einzuschränken, ist so etwas, wie einem Kranken den Genuss bestimmter Speisen einzuschränken. Der Patient jedoch liebt solche Einschränkungen nicht, noch verliert er seinen Geschmack für diese Speisen. In ähnlicher Weise wird die Einschränkung der Sinne durch einen spirituellen Vorgang wie astanga-yoga, im Sinne von yama, niyama, asana, pranayama, pratyahara, dharana, dhyana usw., weniger intelligenten Menschen empfohlen, die über kein besseres Wissen verfügen. Wer aber im Verlauf seines Fortschritts im Krsna-Bewusstsein die Schönheit des Höchsten Herrn Sri Krsna gekostet hat, findet nicht länger Geschmack an toten materiellen Dingen. Einschränkungen sind daher für die weniger intelligenten Neulinge im spirituellen Leben gedacht, doch sind solche Einschränkungen nur gut, wer man tatsächlich den Geschmack am Krsna-Bewusstsein hat. Wenn man tatsächlich Krsna-bewusst ist, verliert man von selbst den Geschmack an faden Dingen.

VERS 60 Die Sinne sind so stark und ungestüm, o Arjuna, dass sie sogar den Geist eines Mannes gewaltsam fortreißen, der Unterscheidungsvermögen besitzt und bemüht ist, sie zu beherrschen. ERLÄUTERUNG Es gibt viele gelehrte Weise, Philosophen und Transzendentalisten, die die Sinne zu meistern versuchen; doch trotz ihrer Bemühungen fallen selbst die größten von ihnen manchmal dem materiellen SinnenGenuss zum Opfer, da ihr Geist erregt wurde. Selbst Visvamitra, ein großer Weiser und vollkommener yogi, wurde von Menaka zu sexuellem Genuss verleitet, obwohl er sich bemühte, mittels schwerer tapasya und durch yoga-Übungen seine Sinne zu beherrschen. Selbstverständlich gibt es noch viele andere, ähnliche Beispiele in der Weltgeschichte. Es ist also sehr schwierig, den Geist und die Sinne zu beherrschen, wenn man nicht völlig Krsna-bewusst ist. Ohne den Geist mit Krsna zu Beschäftigen, kann man von solch materiellen Betätigungen nicht ablassen. Ein praktisches Beispiel wird von Sri Yamunacarya, einem großen Heiligen und Gottgeweihten, gegeben, der sagt: "Seitdem mein Geist im Dienst der Lotusfüße Krsnas beschäftigt ist und ich eine immer neue transzendentale Gemütsstimmung genieße, wende ich mich augenblicklich ab, sobald ich an sexuelle Beziehungen zu einer Frau denke, und ich speie auf den Gedanken." Krsna-Bewusstsein ist solch eine transzendental-wunderbare Sache, dass materieller Genuss von selbst widerwärtig wird. Es ist so, als hätte ein Hungriger seinen Hunger mit einer ausreichenden Menge nahrhafter Speisen gestillt. Maharaja Ambarisa besiegte ebenfalls einen großen yogi, Durvasa Muni, einfach dadurch, dass sein Geist im Krsna- Bewusstsein Tätig war.

VERS 61 Wer seine Sinne zurückhält und sein Bewusstsein fest auf Mich richtet, ist bekannt als ein Mensch von stetiger Intelligenz. ERLÄUTERUNG In diesem Vers wird eindeutig erklärt, dass Krsna- Bewusstsein die höchste Stufe in der Vollendung des yoga ist. Ohne Krsna-bewusst zu sein, ist es keinesfalls möglich, die Sinne zu meistern. Wie oben erwähnt wurde, fing der große Weise Durvasa Muni mit Maharaja AmbarÖsa einen Streit an, und weil Durvasa Muni aus Stolz unnötigerweise zornig wurde, konnte er seine Sinne nicht beherrschen. Der König dagegen, der kein so mächtiger yogi wie der Weise, sondern ein Geweihter des Herrn war, ertrug geduldig alle Ungerechtigkeiten des Weisen und ging dadurch siegreich aus dem Streit hervor. Der König vermochte seine Sinne zu beherrschen, weil er die folgenden Qualifikationen besaß, die im Srimad-Bhagavatam (9.4.18-20) erwähnt werden: "König Ambarisa richtete seinen Geist fest auf die Lotusfüße Sri Krsnas; mit seinen Worten beschrieb er das Reich des Herrn; mit seinen Hnnden reinigte er den Tempel des Herrn; mit seinen Ohren hörte er über die Spiele des Herrn; mit seinen Augen sah er die Gestalt des Herrn; mit seinem Körper berührte er die Körper der Gottgeweihten; mit seiner Nase atmete er den Duft der Blumen ein, die den Lotusfüßen des Herrn geopfert waren; mit seiner Zunge schmeckte er die tulasi-Blätter, die dem Herrn geopfert waren; mit seinen Beinen pilgerte er zu den heiligen Stntten, an denen Tempel des Herrn errichtet waren; mit seinem Haupt brachte er dem Herrn Ehrerbietungen dar, und mit seinen Wünschen erfüllte er die Wünsche des Herrn. All diese Qualifikationen machten ihn geeignet, ein mat-paraH-Geweihter des Herrn zu werden." Das Wort mat-paraH ist in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung. Wie man ein mat-paraH werden kann, wird am Leben Maharaja AmbarÖsas deutlich. Sri Baladeva Vidyabhusana, ein großer Gelehrter und acarya in der Linie der mat-paraH, bemerkt hierzu: "Die Sinne können nur durch die Kraft des hingebungsvollen Dienstes für Krsna vollständig gemeistert werden." Manchmal wird auch das Beispiel des Feuers angeführt: "So wie kleine flammen alles in einem Zimmer verbrennen, so verbrennt Sri Visnu, der im Herzen des yogi weilt, alle Arten von Unreinheiten." Auch das Yoga-sutra schreibt die Meditation über Visnu, und nicht über die Leere, vor. Die sogenannten yogis, die über etwas anderes als die Form Visnus meditieren, verschwenden nur ihre Zeit mit der vergeblichen Suche nach einem Trugbild. Wir müssen Krsna-bewusst sein - der Persönlichkeit Gottes geweiht. Das ist das Ziel des wirklichen yoga.

VERS 62 Beim Betrachten der Sinnesobjekte entwickelt der Mensch Anhaftung an sie; aus solcher Anhaftung entwickelt sich Lust, und aus Lust geht Zorn hervor. ERLÄUTERUNG Wer nicht Krsna-bewusst ist, wird materielle Wünsche entwickeln, während er die Sinnesobjekte betrachtet. Die Sinne brauchen richtige Betätigung, und wenn sie nicht im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn beschäftigt sind, werden sie sich mit Sicherheit eine Beschäftigung im Dienst des Materialismus suchen. In der materiellen Welt ist jeder, selbst Siva und Brahma - von anderen Halbgöttern auf den himmlischen Planeten ganz zu schweigen - dem Einfluss der Sinnesobjekte unterworfen, und die einzige Möglichkeit, dieser Verwirrung des materiellen Daseins zu entkommen, besteht darin, Krsna-bewusst zu werden. Siva befand sich in tiefer Meditation, doch als Parvati ihn reizte, mit ihr Sinnenfreude zu genießen, war er mit dem Vorschlag einverstanden, und als Ergebnis wurde Karttikeya geboren. Als Haridasa Thakura noch ein junger Geweihter des Herrn war, wurde er von der Inkarnation Maya DevÖs in ähnlicher Weise in Versuchung geführt, aber Haridasa bestand die Prüfung mit Leichtigkeit dank seiner unverfälschten Hingabe an Sri Krsna. Wie in dem oben erwähnten Vers von Sri Yamunacarya deutlich wird, verabscheut ein aufrichtiger Geweihter des Herrn jeden materiellen Sinnengenuss, da er durch den spirituellen Genuss der Gemeinschaft des Herrn einen höheren Geschmack erfährt. Das ist das Geheimnis des Erfolges. Wer daher nicht Krsna-bewusst ist, wird letztlich mit Sicherheit scheitern - gleichgültig wie er seine Sinne durch künstliche Verdrängung beherrschen mag -, denn schon der geringste Gedanke an Sinnenfreude wird ihn dazu treiben, seine Begierden zu befriedigen. VERS 63 Aus Zorn entsteht Täuschung, und der Täuschung folgt die Verwirrung der Erinnerung. Wenn die Erinnerung verwirrt ist, geht die Intelligenz verloren, und wenn die Intelligenz verloren ist, fällt man wieder in den materiellen Sumpf zurück. ERLÄUTERUNG Durch die Entwicklung von Krsna-Bewusstsein kann man erkennen, dass alles seine Verwendung im Dienst des Herrn hat. Diejenigen, die kein Wissen vom Krsna-Bewusstsein haben, versuchen auf künstliche Weise, materielle Objekte zu vermeiden, und erreichen folglich, obwohl sie nach Befreiung aus der materiellen Knechtschaft streben, nicht die vollkommene Stufe der Entsagung. Im Gegensatz dazu weiß ein Krsna-bewusster Mensch, wie man alles im Dienste Krsnas verwenden kann; deshalb fällt er dem materiellen Bewusstsein nicht zum Opfer. Für einen Unpersönlichkeitsphilosophen zum Beispiel kann der Herr oder das Absolute, da unpersönlich, nicht essen. Während ein Unpersönlichkeitsanhänger bemüht ist, wohlschmeckende Speisen zu vermeiden, weiß der Gottgeweihte, dass Krsna der höchste Genießer ist und dass Er alles ißt, was Ihm mit Hingabe geopfert wird. Nachdem also der Gottgeweihte dem Herrn schmackhafte Speisen geopfert hat, ißt er die Überreste, die man prasada nennt. Auf diese Weise wird alles spiritualisiert, und es besteht nicht die Gefahr, zu Fall zu kommen. Der Gottgeweihte ißt prasada im Krsna-Bewusstsein, was der Nichtgottgeweihte als etwas Materielles ablehnt. Der Unpersönlichkeitsanhänger kann daher wegen seiner künstlichen Entsagung das Leben nicht genießen, und aus diesem Grund zieht ihn schon die geringste Erregung des Geistes wieder in den Sumpf des materiellen Daseins hinab. Es heißt, dass eine solche Seele, obwohl sie sogar bis zur Stufe der Befreiung aufsteigen mag, wieder zu Fall kommt, da sie nicht durch hingebungsvollen Dienst gestützt wird.

VERS 64 Wer seine Sinne meistern kann, indem er den regulierenden Prinzipien der Freiheit folgt, kann die volle Barmherzigkeit des Herrn erlangen und so von aller Anhaftung und Abneigung frei werden. ERLÄUTERUNG Es wurde bereits erklärt, dass man die Sinne durch einen künstlichen Vorgang zwar oberflächlich beherrschen mag, dass aber, solange die Sinne nicht im transzendentalen Dienst des Herrn beschäftigt sind, immer die Möglichkeit besteht, wieder zu Fall zu kommen. Auch wenn es so erscheinen mag, als befinde sich ein völlig Krsna-bewusster Mensch auf der sinnlichen Ebene, ist er dennoch, dank seines Krsna-Bewusstseins, sinnlichen Tätigkeiten nicht verhaftet. Dem Krsna-bewussten Menschen geht es nur darum, Krsna zufriedenzustellen, um nichts anderes. Deshalb steht er zu aller Anhaftung in transzendentaler Stellung. Wenn Krsna es wünscht, kann der Gottgeweihte alles tun, was gewöhnlich unangenehm wäre, und wenn Krsna es nicht wünscht, wird er nicht das tun, was er gewöhnlich zu seiner eigenen Befriedigung getan hätte. Deshalb wacht er darüber, was er tut und was er nicht tut, denn er handelt nur unter der Führung Krsnas. Dieses Bewusstsein ist die grundlose Barmherzigkeit des Herrn, die der Gottgeweihte trotz seiner Anhaftung an die sinnliche Ebene erlangen kann. VERS 65 Für jemand, der so im göttlichen Bewusstsein gründet, existieren die dreifachen Leiden des materiellen Daseins nicht länger, und in einem solch glücklichen Zustand wird seine Intelligenz sehr bald stetig.

VERS 66 Wer nicht im transzendentalen Bewusstsein gründet, kann weder einen beherrschten Geist noch stetige Intelligenz besitzen, ohne die keine Möglichkeit zum Frieden besteht. Und wie kann es Glück ohne Frieden geben? ERLÄUTERUNG Solange man nicht Krsna-bewusst ist, besteht keine Möglichkeit zum Frieden. Im neunundzwanzigsten Vers des Fünften Kapitels wird bestätigt, dass man nur dann wirklichen Frieden finden kann, wenn man versteht, dass Krsna der einzige Genießer aller guten Ergebnisse von Opfern und tapasya, der Eigentümer aller universalen Manifestationen und der wirkliche Freund aller Lebewesen ist. Daher kann es, wenn man nicht Krsna-bewusst ist, kein endgültiges Ziel für den Geist geben. Störung ist auf das Fehlen eines endgültigen Ziels zurückzuführen, und wenn man die Gewissheit hat, dass Krsna der Genießer, Eigentümer und Freund jedes Wesens und aller Dinge ist, kann man mit stetigem Geist Frieden finden. Wer daher ohne eine Beziehung zu Krsna Tätig ist, muss sicherlich immerzu leiden und kennt keinen Frieden, mag er auch noch so bemüht sein, Frieden und spirituellen Fortschritt im Leben zur Schau zu stellen. Im Krsna-Bewusstsein manifestiert sich von selbst ein friedvoller Zustand, der nur in Beziehung zu Krsna erreicht werden kann.

VERS 67 Gleich einem Boot auf dem Wasser, das von einem Sturm hinweggerissen wird, kann die Intelligenz des Menschen schon von einem der Sinne davongetragen werden, auf den der Geist sich richtet. ERLÄUTERUNG Solange nicht alle Sinne im Dienst des Herrn beschäftigt sind, kann schon ein einziger von ihnen, der nach seiner eigenen Befriedigung trachtet, den Gottgeweihten vom Pfad des transzendentalen Fortschritts abbringen. Wie am Leben Maharaja Ambarisas deutlich wurde, müssen alle Sinne im Krsna-Bewusstsein Beschäftigt sein, das ist die richtige Methode, den Geist zu beherrschen.

VERS 68 Daher, o Starkarmiger, verfügt jemand, dessen Sinne von ihren Objekte zurückgezogen sind, über stetige Intelligenz. ERLÄUTERUNG So wie Feinde nur durch überlegene Stärke bezwungen werden können, so können die Sinne durch keine menschliche Bemühung bezwungen werden, sondern nur, indem man sie ständig im Dienst des Herrn Beschäftigt. Wer dies verstanden hat, dass man nämlich nur durch Krsna-Bewusstsein auf der Ebene der Intelligenz wirklich gefestigt ist und dass man diese Kunst unter der Führung eines echten spirituellen Meisters erlernen sollte, wird als sadhaka bezeichnet oder jemand, der geeignet ist, befreit zu werden.

VERS 69 Was Nacht ist für alle Wesen, ist die Zeit des Erwachens für den Selbstbeherrschten, und die Zeit des Erwachens für alle Wesen ist Nacht für den nach innen gekehrten Weisen. ERLÄUTERUNG Es gibt zwei Arten von intelligenten Menschen. Der eine ist intelligent, soweit es materielle Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung betrifft, und der andere ist nach innen gewandt und sich der Notwendigkeit bewusst, Selbsterkenntnis zu kultivieren. Tätigkeiten des nach innen gekehrten Weisen oder nachdenklichen Mannes sind "Nacht" für Menschen, die nur an materielle Dinge denken. Materialistische Menschen schlafen in einer solchen "Nacht", da sie von Selbstverwirklichung nichts wissen. Der nach innen gewandte Weise bleibt in der "Nacht" der materialistischen Menschen wach. Der Weise empfindet transzendentale Freude bei seinem allmählichen Fortschritt spiritueller Kultur, wohingegen jemand, der materialistischen Tätigkeiten nachgeht, von Sinnenfreuden aller Art träumt, da er seine Selbstverwirklichung verschläft und sich in seinem Schlafzustand manchmal glücklich und manchmal unglücklich fühlt. Der nach innen gekehrte Mensch steht materialistischem Glück und Leid immer gleichgültig gegenüber. Ungestört von materieller Reaktion, geht er seinen Tätigkeiten nach, die ihn zur Selbstverwirklichung führen.

VERS 70 Nur wer durch die unaufhörliche Flut von Wünschen nicht gestört ist - die wie Flüsse in den Ozean münden, der ständig gefüllt wird, doch immer ruhig bleibt -, kann Frieden erlangen, und nicht derjenige, der danach trachtet, solche Wünsche zu befriedigen. ERLÄUTERUNG Obwohl der weite Ozean immer mit Wasser gefüllt ist, wird er, vor allem während der Regenzeit, mit noch viel mehr Wasser gefüllt. Aber der Ozean bleibt der gleiche - unbewegt; er wird nicht beunruhigt, noch tritt er jemals über seine Ufer. Dieses Beispiel trifft auch auf einen Menschen zu, der im Krsna-Bewusstsein gefestigt ist. Solange man den materiellen Körper hat, werden die Forderungen des Körpers nach Sinnenbefriedigung bestehenbleiben, doch der Gottgeweihte ist durch solche Wünsche nicht gestört, da er in sich selbst zufrieden ist. Ein Krsna-bewusster Mensch kennt keinen Mangel, denn der Herr sorgt für all seine materiellen Bedürfnisse. Daher ist er wie der Ozean - immer in sich selbst erfüllt. Wünsche mögen zu ihm kommen wie das Wasser der Flüsse, die in den Ozean strömen, doch er bleibt stetig in seinen Tätigkeiten und ist durch Wünsche nach Sinnenbefriedigung nicht im geringsten gestört. Das ist der Beweis dafür, dass jemand Krsna-bewusst ist: dass er alle Neigungen zu materieller Sinnenbefriedigung verloren hat, obwohl die Wünsche vorhanden sind. Da er im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn zufrieden ist, kann er stetig bleiben wie der Ozean und daher vollständigen Frieden genießen. Andere dagegen, die ihre Wünsche bis zur Grenze der Befreiung erfüllen, erlangen, ganz zu schweigen von materiellem Erfolg, niemals Frieden. Die fruchtbringenden Arbeiter, die nach Erlösung Suchenden und auch die yogis, die nach mystischen Kräften trachten, sind alle unglücklich, weil ihre Wünsche nicht erfüllt werden. Der Mensch im Krsna-Bewusstsein hingegen ist im Dienst des Herrn glücklich, und er hat keine Wünsche, die zu erfüllen ären. Ja, er wünscht sich nicht einmal Befreiung aus der sogenannten materiellen Knechtschaft. Die Geweihten Krsnas haben keine materiellen Wünsche, und daher leben sie in vollkommenem Frieden.

VERS 71 Jemand, der alle Wünsche nach Sinnenbefriedigung aufgegeben hat, der frei von Wünschen ist, allen Anspruch auf Besitz aufgegeben hat und frei von falschem Ego ist - er allein kann wirklichen Frieden erlangen. ERLÄUTERUNG Wunschlos zu werden bedeutet, nicht das geringste für die Befriedigung der eigenen Sinne zu begehren. Mit anderen Worten: Der Wunsch, Krsna-bewusst zu werden, ist wahre Wunschlosigkeit. Seine eigentliche Stellung als der ewige Diener Krsnas zu verstehen, ohne sich irrtümlich für den materiellen Körper zu halten und ohne fälschlich auf irgend etwas in der Welt einen Besitzanspruch zu erheben, ist die vollkommene Stufe des Krsna-Bewusstseins. Wer auf dieser vollkommenen Stufe verankert ist, weiß, dass Krsna der Besitzer aller Dinge ist und dass daher alles verwendet werden muss, um Krsna zufriedenzustellen. Arjuna weigerte sich zu kämpfen, weil er an seine eigene Befriedigung dachte, aber als er völlig Krsna-bewusst wurde, kämpfte er, weil Krsna es von ihm verlangte. Für sich selbst hatte er kein Verlangen zu kämpfen, aber für Krsna kämpfte der gleiche Arjuna nach besten Kräften. Der Wunsch, Krsna zufriedenzustellen, ist tatsächlich Wunschlosigkeit; es ist kein künstlicher Versuch, Wünsche zu verdrängen. Das Lebewesen kann nicht wunschlos oder sinnenlos sein; aber es muss die Qualität seiner Wünsche ändern. Jemand, der keine materiellen Wünsche mehr hat, weiß zweifellos, dass alles Krsna gehört (Ösavasyam idam sarvam), und erhebt daher nicht fälschlich einen Besitzanspruch auf irgend etwas. Dieses transzendentale Wissen gründet auf Selbsterkenntnis, nämlich dem unzweifelhaften Versändnis, dass jedes Lebewesen seiner spirituellen Identität nach ein ewiges Teilchen Krsnas ist und dass daher die ewige Stellung des Lebewesens niemals auf der Ebene Krsnas oder höher als Er ist. Dieses Verständnis vom Krsna-Bewusstsein bildet die Grundlage wahren Friedens.

VERS 72 Das ist der Weg des spirituellen und gottgefälligen Lebens. Nachdem man es erreicht hat, ist man nicht mehr verwirrt. Ist man selbst zur Stunde des Todes in diesem Bewusstsein verankert, kann man in das Königreich Gottes eintreten. ERLÄUTERUNG Man kann Krsna-Bewusstsein oder göttliches Leben augenblicklich erlangen - innerhalb einer Sekunde - oder nicht einmal nach Millionen von Geburten. Es hängt nur davon ab, ob man es versteht und annimmt. Khatvanga Maharaja erreichte diese Stufe des Lebens erst Minuten vor seinem Tod, indem er sich Krsna ergab. Nirvana bedeutet, das materialistische Leben zu beenden. Der buddhistischen Philosophie gemäß gibt es nach Beendigung des materiellen Lebens nur Leere; aber die Bhagavad-Gita lehrt etwas anderes. Nach Beendigung des materiellen Lebens beginnt erst das wirkliche Leben. Für den groben Materialisten genügt es zu wissen, dass man die materialistische Lebensweise beenden muss; doch für Menschen, die spirituell fortgeschritten sind, gibt es nach diesem materialistischen Leben noch ein anderes Leben. Wenn man vor Beendigung dieses Lebens das Glück hat, Krsna-bewusst zu werden, erreicht man sogleich die Stufe des brahma-nirvana. Es besteht kein Unterschied zwischen dem Königreich Gottes und dem hingebungsvollen Dienst des Herrn. Da sich beide auf der absoluten Ebene befinden, hat man das spirituelle Königreich bereits erreicht, wenn man im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn Tätig ist. In der materiellen Welt gibt es Tätigkeiten der Sinnenbefriedigung, wohingegen es in der spirituellen Welt Tätigkeiten des Krsna-Bewusstseins gibt. Krsna-Bewusstsein zu erreichen bedeutet, sogar noch während dieses Lebens, unmittelbar das Brahman zu erreichen. Ein im Krsna- Bewusstsein verankerter Mensch ist mit Sicherheit bereits in das Königreich Gottes eingetreten. Brahman ist genau das Gegenteil von Materie. Daher bedeutet brahmi sthitiH: "nicht auf der Ebene materieller Tätigkeiten". Der hingebungsvolle Dienst des Herrn wird in der Bhagavad-Gita als die befreite Stufe anerkannt. Folglich bedeutet brahmi sthitiH Befreiung aus der materiellen Knechtschaft. Srila Rupa Bhaktivinoda Thakura hat erklärt, dass dieses Zweite Kapitel der Bhagavad-Gita die Zusammenfassung des gesamten Textes ist. In der Bhagavad-Gita werden karmayoga, jnana-yoga und bhakti-yoga behandelt. Im Zweiten Kapitel sind karma-yoga und jnana-yoga ausführlich besprochen worden, und als Zusammenfassung des gesamten Textes wurde auch bhakti-yoga kurz erwähnt. Hiermit enden die Bhaktivedanta-ERLÄUTERUNGen zum Zweiten Kapitel der Srimad-Bhagavad-Gita mit dem Titel: "Inhalt der Gita zusammengefaßt".