Beantwortete Fragen á ‘Abdu’l-Bahá á Bahá'í Verlag GmbH, Auflage 13.01 (O-2022-01-25)
Beantwortete Fragen ‘Abdu’l-Bahá
Vorwort
Im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts führte die Verbreitung des Glaubens Bahá’u’lláhs im Westen bald zu einer gegenläufigen Bewegung in den Osten: Schon nach wenigen Jahren fanden sich erste Gruppen westlicher Pilger in der Gefängnisstadt ‘Akká ein, in der das irdische Leben und Wirken des Religionsstifters zu Ende gegangen war, und wo ‘Abdu’l-Bahá, der Mittelpunkt Seines Bundes, weiterhin lebte. Eine der herausragendsten Persönlichkeiten unter diesen frühen Pilgern war Laura Clifford Barney, die Tochter einer angesehenen Familie von Gelehrten und Künstlern aus Washington, D.C. Sie wurde um 1900 von May Bolles Maxwell in Paris mit dem neuen Glauben bekannt gemacht und unternahm bald darauf die erste von vielen weiteren Reisen nach ‘Akká. Es waren die gefährlichsten und dramatischsten Jahre der Amtszeit ‘Abdu’l-Bahás, in denen Er von den osmanischen Behörden innerhalb der Mauern der Gefängnisstadt gefangen gehalten wurde, einer fortwährenden Überwachung ausgesetzt und ständig von Weiterverbannung oder gar Hinrichtung bedroht war. Angesichts solcher Restriktionen und Verdächtigungen war es gefährlich, überhaupt Besucher zu empfangen, geschweige denn hochrangige westliche Gäste zu beherbergen. Doch ‘Abdu’l-Bahá war fest entschlossen, die frisch gekeimte Saat des Glaubens zu nähren. Inmitten dieser düsteren Zeit der Jahre 1904 – 1906 kam Miss Barney zu mehreren ausgedehnten Besuchen, die sich manchmal über Wochen oder Monate erstreckten, während derer sie das Vorrecht genoss, Ihm bei zahlreichen Gelegenheiten zu begegnen und Fragen zu sehr vielfältigen Themen zu stellen. Viele der Gespräche fanden am Mittagstisch statt. Es wurde dafür gesorgt, dass einer der Schwiegersöhne ‘Abdu’l-Bahás oder einer Seiner drei damaligen Sekretäre den Wortlaut Seiner Antworten auf Persisch niederschrieb. Aus dieser Sammlung von Aufzeichnungen wurde eine Auswahl getroffen. ‘Abdu’l-Bahá korrigierte diese Aufzeichnungen daraufhin zweimal mit eigener Hand, revidierte sie dabei bisweilen in erheblichem Maße und überprüfte den endgültigen Wortlaut sorgfältig. Von den ausgewählten und überarbeiteten Aufzeichnungen wurden 1908 drei verschiedene Erstausgaben von Beantwortete Fragen von großen Verlagen herausgegeben: Der persische Originaltext bei E. J. Brill in Holland; Miss Barneys englische Übersetzung bei Kegan Paul, Trench, Trübner Co. in London; und eine französische Übersetzung von Hippolyte Dreyfus (den Miss Barney später heiratete) bei Ernest Leroux in Paris. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis vermittelt bereits einen Eindruck von der Bandbreite der behandelten Themen. Teil 1 enthält eine Reihe einführender Vorträge über einige Religionsstifter und ihren Einfluss im Verlauf der Menschheitsgeschichte, sowie mehrere Kapitel, in denen bestimmte Prophezeiungen der Bibel erläutert werden. Teil 2 bietet neue Interpretationen wesentlicher Elemente der christlichen Lehre wie etwa die Taufe, die Dreieinigkeit, das Abendmahl und die Auferstehung Christi. Teil 3 befasst sich mit den Kräften und Seinsweisen der Manifestationen Gottes – Ihrer einzigartigen Stufe in der Welt, der Quelle Ihres Wissens und Einflusses und der zyklischen Natur Ihres Erscheinens auf der Bühne der Geschichte. Teil 4 behandelt den Ursprung, die Kräfte und Seinsweisen des Menschen, einschließlich seiner Entwicklung auf Erden und alles was damit zusammenhängt, die Unsterblichkeit der Seele, das Wesen des Verstandes und die Verbindung zwischen Seele und Körper. Teil 5 schließt ab mit verschiedenen Themen, von praktischen Fragen, wie etwa zu Arbeitsverhältnissen und der Bestrafung von Kriminellen, bis hin zu schwerer verständlichen Themen, wie der Reinkarnation und der Sufi-Vorstellung von der Einheit des Daseins. Wie umfassend und breit gefächert die in Beantwortete Fragen behandelten Themen auch sein mögen, so war das Buch, wie der Titel bestätigt, nicht dazu gedacht, die erschöpfende Darstellung einer in sich geschlossenen Weltsicht zu sein. Einige grundlegende Lehren des Glaubens werden daher nicht ausdrücklich erwähnt. Darüber hinaus wurde in den Monaten und Jahren, in denen die Vorträge gehalten wurden, das gleiche Thema manchmal bei unterschiedlichen Gesprächen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, sodass die Konzepte, die zum vollständigen Verstehen eines bestimmten Themas erforderlich sind, auf verschiedene Kapitel verteilt sein können oder der Inhalt eines nachfolgenden Kapitels die Grundlage für das Verständnis eines früheren bildet. Schließlich sei noch angemerkt, dass ‘Abdu’l-Bahá, obwohl Er den Text überprüfte und korrigierte, nicht versucht hat, dabei die ursprüngliche Struktur der Antworten zu ändern oder das Material umzustellen und zusammenzufassen. Für ein vollständigeres Bild der Erläuterungen ‘Abdu’l-Bahás zu einem bestimmten Thema sollte der aufmerksame Leser jedes Kapitel im Zusammenhang des gesamten Buches und das Buch im größeren Kontext der Gesamtheit der Bahá’í-Lehren betrachten. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist das Thema der Entwicklung der Arten, das in Teil 4 ausführlicher behandelt wird und das im Lichte verschiedener Bahá’í-Lehren verstanden werden muss, insbesondere des Prinzips, dass Wissenschaft und Religion im Einklang stehen. Religiöser Glaube darf Wissenschaft und Vernunft nicht widersprechen. Eine bestimmte Lesart mancher Passagen der Kapitel 46–51 könnte einige Gläubige zu persönlichen Schlussfolgerungen führen, die der modernen Wissenschaft widersprechen. Doch das Universale Haus der Gerechtigkeit erklärt, dass die Bahá’í ernsthaft danach trachten, ihr Verständnis der Aussagen ‘Abdu’l-Bahás mit den anerkannten wissenschaftlichen Sichtweisen in Einklang zu bringen. Man muss somit nicht daraus schließen, dass die Textstellen Vorstellungen beschreiben, die die Wissenschaft ablehnt, wie etwa eine ›parallel‹ verlaufende Evolution, die bedeuten würde, dass sich die Spezies Mensch seit Anbeginn des Lebens auf der Erde biologisch in einer unabhängigen Evolutionslinie parallel zum Tierreich entwickelt hätte. Eine sorgfältige Betrachtung der Aussagen ‘Abdu’l-Bahás in diesem Buch und in anderen Quellen legt nahe, dass Er sich nicht mit den Mechanismen der Evolution befasst, sondern mit den philosophischen, sozialen und spirituellen Auswirkungen der neuen Theorie. Seine Verwendung des Begriffs ›Art‹ etwa erinnert an das Konzept ewiger, beständiger Archetypen, was nicht der Definition des Begriffs in der heutigen Biologie entspricht. ‘Abdu’l-Bahá schließt eine Wirklichkeit jenseits der stofflichen Welt mit ein. Während ‘Abdu’l-Bahá an anderer Stelle die physischen Eigenschaften anerkennt, die der Mensch mit dem Tier gemein hatA1 und die dem Tierreich entstammen, betont Er in diesen Vorträgen eine andere Fähigkeit, nämlich eine Fähigkeit zum rationalen Bewusstsein, die den Menschen vom Tier unterscheidet und die weder im Tierreich noch in der Natur selbst zu finden ist. Diese einzigartige Fähigkeit, die ein Ausdruck des menschlichen Geistes ist, ist kein Ergebnis des Evolutionsprozesses, sondern ist in der Schöpfung selbst angelegt. Wie ‘Abdu’l-Bahá erklärt, »… da der Mensch vor zehn- oder hunderttausend Jahren aus denselben irdischen Elementen, mit denselben Abmessungen und Mengen, derselben Art der Zusammensetzung und Kombination und denselben Wechselwirkungen mit anderen Wesen hervorgebracht wurde –, folgt daraus, dass der Mensch genau so war, wie er heute existiert.« »Wenn daher in tausend Millionen Jahren«, so fährt Er fort, »die Bestandteile des Menschen zusammengeführt, nach den gleichen Verhältnissen bemessen, in gleicher Weise kombiniert und der gleichen Wechselwirkung mit anderen Wesen unterworfen werden, tritt genau derselbe Mensch ins Dasein.«A2 Sein Argument richtet sich im Kern also nicht gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern gegen die materialistischen Behauptungen, die auf ihnen fußen. Die Evolutionslehre wird von den Bahá’í anerkannt, nicht aber die Schlussfolgerung – mit all ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft – die Menschheit sei nur ein zufällig entstandener Zweig des Tierreichs. In den Jahren seit der ersten Veröffentlichung von Beantwortete Fragen wurde immer deutlicher, dass eine sorgfältige und gründliche Überarbeitung der Übersetzung sehr zugutekommen würde. Frau Barney erlernte damals, wie sie selbst sagte, die persische Sprache und beherrschte – ungeachtet ihrer Fähigkeiten – ihre Feinheiten nicht völlig. Auch konnte sie natürlich noch nicht vom Licht der Erläuterungen profitieren, das die autoritativen Übersetzungen Shoghi Effendis später auf die Heiligen Texte des Glaubens werfen sollten. Darüber hinaus wurde im Laufe der zahlreichen Nachdrucke die englische Übersetzung nur geringfügig korrigiert, so dass sie gegenüber dem Text der Erstausgabe weitgehend unverändert blieb. Das hundertjährige Jubiläum der Reisen ‘Abdu’l-Bahás in den Westen bietet eine passende Gelegenheit, um einerseits Laura Clifford Barneys unvergänglichen Beitrag als maßgebliche Impulsgeberin und erste Übersetzerin dieses Buches zu würdigen und andererseits eine verbesserte Übersetzung dieser »unschätzbar wertvollen Erklärungen«A3 zu präsentieren. Mit der Neuübersetzung soll hauptsächlich Inhalt und Stil des Originals getreuer wiedergegeben werden, insbesondere indem die Feinheiten in den Erklärungen ‘Abdu’l-Bahás klarer erfasst werden, der Gesprächscharakter und zugleich die Erhabenheit des Stils besser wiedergegeben werden und die philosophischen Begriffe im gesamten Text konsistentere Verwendung finden. In dieser Ausgabe wird versucht, viele der eleganten Formulierungen und gelungenen Redewendungen der ursprünglichen Übersetzung beizubehalten, ohne an sie gebunden zu sein. Beantwortete Fragen sind seit ihrer Veröffentlichung eine maßgebliche Quelle der profunden Einsichten ‘Abdu’l-Bahás und ein unentbehrlicher Bestandteil jeder Bahá’í-Bibliothek. Shoghi Effendi merkte an, dass das Buch die Grundüberzeugungen der Sache Gottes in einer einfachen und klaren Sprache darlege und erachtete dessen Inhalt als unentbehrlich, um Bedeutung und Tragweite der Bahá’í-Offenbarung zu erfassen. In Beantwortete Fragen, so schrieb er, werde man »einen Schlüssel zum Verständnis aller verwirrenden Fragen finden, die den Verstand des Menschen auf seiner Suche nach wahrer Erkenntnis aufwühlen. Je achtsamer und sorgfältiger dieses Buch gelesen wird, desto mehr wird es offenbaren und desto vollständiger versteht man seine innere Wahrheit und Bedeutung.«A4 Möge die neue Übersetzung zukünftigen Generationen helfen, auf diese unerschöpfliche Fundgrube des »Wissens über grundlegende spirituelle, ethische und soziale Fragen«A5 zuzugreifen.
Vorwort der Autorin zur ersten Auflage
»Ich habe dir meine Momente der Müdigkeit gewidmet«, waren die Worte ‘Abdu’l-Bahás, als Er sich nach der Beantwortung einer meiner Fragen vom Tisch erhob. So war es jeden Tag; zwischen den Arbeitsstunden erholte Er sich von Seiner Erschöpfung durch erneute Tätigkeit. Gelegentlich konnte Er ausgiebig sprechen; aber oft, auch wenn das Thema mehr Zeit erfordert hätte, wurde Er nach einigen Augenblicken hinausgerufen, und wieder konnten Tage, ja Wochen vergehen, in denen Er keine Gelegenheit fand, mich zu unterweisen. Aber ich konnte mich natürlich gedulden, denn ich hatte stets die bedeutendere Lektion vor Augen – die Unterweisung durch Sein persönliches Leben. Während meiner wiederholten Besuche in ‘Akká wurden, als ‘Abdu’l-Bahá sprach, diese Antworten auf Persisch festgehalten, nicht in Hinblick auf eine Veröffentlichung, sondern einfach um sie für künftige Studien verwenden zu können. Zuerst mussten sie der mündlichen Übersetzung des Dolmetschers angepasst werden und später meinem begrenzten Wortschatz, als ich etwas Persisch gelernt hatte. Allein aus diesem Grunde wiederholen sich manche Ausdrücke und Redewendungen, denn niemandem stehen treffende Formulierungen besser zu Gebote als ‘Abdu’l-Bahá. In diesen Unterweisungen ist Er nicht der Redner und Dichter, sondern der Lehrer, der sich Seinem Schüler anpasst. Dieses Buch stellt lediglich bestimmte Aspekte des Bahá’í-Glaubens dar, dessen Botschaft universell ist und für jeden Fragenden die Antwort bereithält, die auf seine eigene Entwicklung und besonderen Bedürfnisse zugeschnitten ist. In meinem Fall wurden die Lehren vereinfacht, um meinen nur rudimentären Kenntnissen zu entsprechen, und sie sind daher keineswegs umfassend und erschöpfend, wie es das Inhaltsverzeichnis suggerieren mag – das Inhaltsverzeichnis wurde lediglich hinzugefügt, um die behandelten Themen anzugeben. Aber ich glaube, dass das, was mir so wertvoll war, auch für andere nützlich sein könnte, da die Menschen bei aller Verschiedenartigkeit doch alle nach der Wahrheit suchen. Deshalb habe ich ‘Abdu’l-Bahá um Erlaubnis gebeten, diese Lehrgespräche veröffentlichen zu dürfen. Sie wurden ursprünglich nicht in einer bestimmten Reihenfolge gehalten, sondern jetzt als Hilfe für den Leser nach Themen geordnet. Die Übersetzung hält sich eng an den persischen Wortlaut, bisweilen sogar zu Lasten des Englischen; nur wo die wörtliche Wiedergabe zu verwirrend und unverständlich schien, wurden einige Änderungen angebracht. Die eingeschobenen Wörter, die erforderlich waren, um den Sinn zu verdeutlichen, wurden nicht besonders gekennzeichnet, um die allzu häufige Unterbrechung des Gedankens durch technische oder erklärende Hinweise zu vermeiden. Auch viele der persischen und arabischen Namen wurden in ihrer einfachsten Form geschrieben, ohne sich strikt an ein wissenschaftliches System zu halten, das den Leser unter Umständen verwirren könnte. Laura Clifford Barney
Teil 1–Der Einfluss der Propheten auf die Entwicklung der Menschheit
Kapitel 1
Die Natur steht unter einem allumfassenden Gesetz
Die Natur ist die Gegebenheit oder Wirklichkeit, auf die, äußerlich betracht, Leben und Tod – mit anderen Worten die Zusammensetzung und Auflösung aller Dinge – zurückzuführen ist. Diese Natur unterliegt einem ausgewogenen System, unumstößlichen Gesetzen, einer vollkommenen Ordnung und einer vollendeten Gestaltung, wovon sie niemals abweicht. Das gilt in einem Ausmaß, dass du, solltest du es mit Einsicht und Unterscheidungskraft betrachten, erkennen würdest, dass alle Dinge in der Welt des Daseins – von den kleinsten unsichtbaren Teilchen bis zu den größten Gestirnen, wie die Sonne, die anderen großen Sterne und leuchtenden Himmelskörper – hinsichtlich ihrer Ordnung, Zusammensetzung, äußeren Gestalt oder Bewegung aufs Vollkommenste angeordnet sind, und einem universellen Gesetz gehorchen, von dem sie niemals abweichen. Betrachtest du die Natur als solche, so erkennst du, dass sie weder Bewusstsein noch Willen hat. Es liegt in der Natur des Feuers, zu brennen; es brennt, ohne es zu wollen oder dessen gewahr zu sein. Es liegt in der Natur des Wassers, zu fließen; es fließt, ohne es zu wollen oder dessen gewahr zu sein. Es liegt in der Natur der Sonne, Licht zu spenden; sie scheint, ohne es zu wollen oder dessen gewahr zu sein. Es liegt in der Natur des Dampfes, aufzusteigen; er steigt empor, ohne es zu wollen oder dessen gewahr zu sein. So wird deutlich, dass die natürliche Bewegung in allem Erschaffenen zwingend erfolgt und sich nichts aus eigenem Antrieb bewegt, mit Ausnahme des Tieres und insbesondere des Menschen. Der Mensch kann der Natur widerstehen und sich ihr widersetzen, da er die Beschaffenheit der Dinge entdeckt und dank dieser Entdeckung die Natur selbst beherrscht. Tatsächlich geht jegliche Fertigkeit, die der Mensch entwickelt hat, aus dieser Entdeckung hervor. Er hat zum Beispiel den Telegrafen erfunden, der Ost und West verbindet. Daran sieht man, dass der Mensch über die Natur herrscht. Können nun ein solches System, eine solche Ordnung und solche Gesetze, wie du sie im Dasein beobachtest, allein der Wirkung der Natur zugeschrieben werden, obwohl doch die Natur selbst weder Bewusstsein noch Verstand besitzt? So wird deutlich, dass diese Natur, die weder Bewusstsein noch Verständnis hat, im Griff des allmächtigen Herrn liegt, der die Welt der Natur beherrscht und sie dazu bewegt, hervorzubringen, was immer Er wünscht. Einige sagen, dass die menschliche Existenz zu jenen Dingen gehört, die in der Welt des Seins erschienen sind und die den Erfordernissen der Natur geschuldet sind. Sollte dies zutreffen, so wäre der Mensch der Zweig und die Natur die Wurzel. Kann es sein, dass Wille, Bewusstsein und bestimmte Vorzüge im Zweig vorhanden sind, aber in der Wurzel fehlen? Daher ist klar, dass die Natur in ihrem innersten Wesen im machtvollen Griff Gottes ruht, und dass es dieser Ewige und Allmächtige ist, der die Natur vollkommenen Gesetzen und Ordnungsprinzipien unterwirft und über sie herrscht.
Kapitel 2
Beweise und Argumente für die Existenz Gottes
Zu den Beweisen und Argumenten für die Existenz Gottes gehört die Tatsache, dass der Mensch sich nicht selbst erschaffen hat, vielmehr, dass sein Schöpfer und Gestalter ein anderer ist. Es lässt sich gewiss nicht leugnen, dass der Schöpfer des Menschen nicht mit dem Menschen zu vergleichen ist, denn ein machtloses Wesen kann kein anderes Wesen erschaffen, vielmehr muss ein Schöpfer in seinem Wirken jede Vollkommenheit aufweisen, um sein Werk hervorzubringen. Kann ein Werkstück vollkommen sein, wenn der Handwerker unvollkommen ist? Kann ein Gemälde ein Meisterwerk sein, wenn der Maler es zwar geschaffen hat, aber seine Kunst nicht vollkommen beherrscht? Nein: Das Bild kann nicht wie der Maler sein, denn sonst hätte es sich selbst gemalt. Wie vollendet das Gemälde auch immer sein mag, im Vergleich zum Maler ist es absolut mangelhaft. So ist die bedingte Welt der Ursprung von Unzulänglichkeiten und Gott der Ursprung der Vollkommenheit. Gerade die Mängel der bedingten Welt zeugen von der Vollkommenheit Gottes. Wenn du zum Beispiel den Menschen betrachtest, stellst du fest, dass er schwach ist, und gerade die Schwäche des Geschöpfes ist ein Zeichen der Macht des Ewigen, des Allmächtigen, denn ohne Macht wäre Schwäche nicht vorstellbar. Die Schwäche des Geschöpfes ist also ein Zeichen für die Macht Gottes: Ohne Macht könnte es keine Schwäche geben. Diese Schwäche verdeutlicht, dass es eine Macht in der Welt gibt. Desgleichen gibt es Armut in der bedingten Welt, also muss es Reichtum geben, damit Armut in der Welt sichtbar wird. Es gibt Unwissenheit in der bedingten Welt, also muss es Wissen geben, damit Unwissenheit sichtbar wird. Wenn es kein Wissen gäbe, könnte es auch keine Unwissenheit geben; denn Unwissenheit ist die Abwesenheit von Wissen, und wenn es keine Existenz gäbe, könnte Nicht-Existenz nicht sein. Es ist sicher, dass die gesamte bedingte Welt unter einer Ordnung und einem Gesetz steht, wovon sie niemals abweichen kann. Selbst der Mensch muss sich dem Tod, dem Schlaf und anderen Daseinsbedingungen beugen – das heißt, er ist in bestimmten Bereichen Zwängen unterworfen, und eben diese Zwänge lassen auf die Existenz eines Allbezwingenden schließen. Solange die bedingte Welt durch Abhängigkeit gekennzeichnet ist und solange diese Abhängigkeit eines ihrer Wesensmerkmale ist, muss es Einen geben, der in Seinem eigenen Wesen von allem unabhängig ist. In gleicher Weise zeigt die Existenz eines Kranken, dass es einen Gesunden geben muss, denn ohne Letzteren wäre die Existenz des Ersteren nicht feststellbar. Offensichtlich gibt es also einen Ewigen, Allmächtigen, der Inbegriff der Vollkommenheit ist, denn andernfalls würde Er sich nicht von den Geschöpfen unterscheiden. So zeugt selbst das kleinste erschaffene Ding in der ganzen Welt des Daseins von der Existenz eines Schöpfers. Dieses Stück Brot etwa genügt als Beweis dafür, dass es jemand hergestellt hat. Gütiger Gott! Schon die äußere Veränderung des kleinsten aller Dinge beweist die Existenz eines Schöpfers: Wie könnte dann dieses riesige, grenzenlose Universum sich selbst erschaffen haben und ausschließlich durch die Wechselwirkung der Elemente ins Dasein getreten sein? Wie offensichtlich falsch ist solch eine Vorstellung! Dies sind theoretische Begründungen, die für schwache Seelen angeführt werden, wenn sich aber das geistige Auge öffnet, so wird es hunderttausend eindeutige Beweise schauen. Wenn daher der Mensch den Geist in seinem Innersten spürt, braucht er keine Beweise für dessen Existenz; aber für jene, die der Gnade des Geistes beraubt sind, muss man Begründungen aus der äußeren Welt heranziehen.
Kapitel 3
Die Notwendigkeit eines Erziehers
Wenn wir das Dasein betrachten, stellen wir fest, dass im Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich alles und jedes eines Erziehers bedarf. Wird das Feld von niemandem bestellt, ist das Resultat ein Dickicht wildwachsenden Unkrauts, wenn sich jedoch ein Bauer findet, um es zu bewirtschaften, wird die bevorstehende Ernte viele Lebewesen versorgen. Es ist also offensichtlich, dass das Land der Bewirtschaftung durch einen Bauern bedarf. Betrachte die Bäume: Wenn niemand für sie sorgt, werden sie keine Früchte tragen, und ohne Früchte sind sie nutzlos. Überlässt man sie einem Gärtner zur Pflege, wird der unfruchtbare Baum fruchtbar, und durch Kultivierung, Kreuzung und Veredelung bringt ein Baum mit bitteren Früchten süße Früchte hervor. Dies sind rationale Argumente, wie Menschen sie heutzutage erwarten. Betrachte auch die Tiere: Zähmt man ein Tier, wird es zutraulich, während der Mensch einem Tier gleich wird, wenn er ohne Bildung und Erziehung bleibt. Es ist sogar so, dass ein Mensch, der der Herrschaft der Natur überlassen wird, noch tiefer fällt als das Tier, wird er aber erzogen, wird er einem Engel gleich. Denn die meisten Tiere fressen ihre eigenen Artgenossen nicht, aber Menschen im Sudan, inmitten von Afrika, zerfleischen und verzehren sich gegenseitig. Nun beobachte, dass es die Bildung ist, die Ost und West der Herrschaft des Menschen unterstellt, all diese wunderbaren Handwerkskünste erzeugt, diese mächtigen Künste und Wissenschaften vorantreibt und diese neuen Entdeckungen und Unterfangen erst ermöglicht. Ohne einen Erzieher wären die Voraussetzungen für Wohlergehen, Zivilisation und Menschlichkeit nicht geschaffen worden. Wenn ein Mensch allein gelassen wird in der Wildnis, wo er keinem seiner Artgenossen begegnet, wird er zweifellos nichts als ein Tier. Es ist daher klar, dass ein Erzieher erforderlich ist. Doch es gibt drei Arten von Erziehung: auf materieller, menschlicher und geistiger Ebene. Die Erziehung auf materieller Ebene dient dem Wachstum und der Entwicklung des Körpers und besteht darin, seine Versorgung zu sichern sowie die Mittel für ein unbeschwertes Leben bereitzustellen. Diese Erziehung gilt für Mensch und Tier gleichermaßen. Erziehung und Bildung auf menschlicher Ebene umfasst hingegen Zivilisation und Fortschritt, das heißt gute Staatsführung, Gesellschaftsordnung, menschliche Wohlfahrt, Handel und Industrie, Künste und Wissenschaften, bedeutsame Entdeckungen und große Unternehmungen, was die zentralen Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Tier sind. Was die göttliche Erziehung betrifft, so ist sie die Erziehung durch das Königreich Gottes und besteht darin, himmlische Vollkommenheit zu erlangen. Das ist die wahre Erziehung, denn durch sie wird der Mensch zum Mittelpunkt göttlicher Segnungen und zur Verkörperung des Verses »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.«A6 Das ist das höchste Ziel für die Menschenwelt. Nun, es bedarf eines Erziehers, der in der Lage ist, zugleich auf der materiellen, menschlichen und geistigen Ebene zu erziehen, damit seine Autorität auf allen Daseinsstufen wirken kann. Und sollte jemand sagen: »Ich bin mit vollkommener Vernunft und Einsicht begabt und bedarf keines solchen Erziehers«, so würde er das Offenkundige leugnen. Es ist, als ob ein Kind sagen würde: »Ich brauche keine Erziehung, sondern werde entsprechend meinem eigenen Denken und Verständnis nach der Vollkommenheit des Daseins streben«, oder als ob ein Blinder behauptete: »Ich brauche kein Augenlicht, denn es gibt viele Blinde, die zurechtkommen.« Es ist daher klar und erwiesen, dass der Mensch eines Erziehers bedarf. Dieser Erzieher muss zweifellos in jeder Hinsicht vollkommen sein und sich vor allen Menschen auszeichnen. Denn wenn er wie jeder andere wäre, könnte er niemals ihr Erzieher sein, zumal er sie zugleich in materieller, menschlicher und geistiger Hinsicht erziehen muss. Das bedeutet, er muss für die Regelung ihrer materiellen Belange sorgen, und eine Gesellschaftsordnung stiften, damit sie einander darin unterstützen, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und damit ihre materiellen Belange in jeder Hinsicht geordnet sein mögen. Ebenso muss er das Fundament der menschlichen Bildung legen – das heißt, er muss Verstand und Denken der Menschen so schulen, dass sie bedeutsame Fortschritte erzielen können; dass Wissenschaft und Erkenntnisse wachsen und gedeihen; dass die Wirklichkeit der Dinge, die Geheimnisse des Universums und die Eigenschaften alles Existierenden enthüllt werden; dass Gelehrsamkeit, Entdeckungen und große Unternehmungen sich täglich mehren; und dass aus dem mit den Sinnen Wahrgenommenen durch den Verstand Schlüsse gezogen und Erkenntnisse abgeleitet werden können. Er muss auch geistige Erziehung vermitteln, damit Geist und Verstand die metaphysische Welt wahrnehmen, den geheiligten Odem des Heiligen Geistes einatmen und mit den himmlischen Heerscharen in Beziehung treten möge, und damit göttliche Segnungen sich in der Wirklichkeit des Menschen offenbaren, auf dass alle Namen und Attribute Gottes sich in der Wirklichkeit des Menschen spiegeln mögen und die Bedeutung des gesegneten Verses: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei« verwirklicht werde. Es ist allerdings klar, dass menschliche Macht allein dieser gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen ist und menschliches Denken allein solche Segnungen nicht bewirken kann. Wie kann eine einzelne Person ohne Hilfe oder Unterstützung das Fundament für ein solch erhabenes Bauwerk legen? Es bedarf somit einer göttlichen, einer geistigen Kraft, die ihn befähigt, diesen Auftrag zu erfüllen. Schau, wie ein geheiligtes Wesen der Menschenwelt neues Leben einhaucht, das Antlitz der Erde verwandelt, den Verstand der Menschen weiterentwickelt, die Seelen belebt, neues Leben entstehen lässt, neue Grundlagen schafft, die Welt ordnet, die Völker und Religionen unter einem Banner versammelt, den Menschen aus dem Griff der Niedertracht und der Unzulänglichkeit befreit und ihn ermahnt und ermutigt seine angeborene und erworbene Vollkommenheit zu entfalten. Gewiss kann nichts anderes als eine göttliche Macht eine solche Meisterleistung vollbringen! Man muss dies gerecht betrachten, hier ist Unvoreingenommenheit geboten. Eine heilige Seele verbreitet – ohne jede Hilfe oder Unterstützung – eine Sache, die alle Regierungen und Völker der Erde, trotz all ihrer Macht und ihrer Armeen, zu fördern und zu verbreiten außerstande sind! Kann dies durch bloße menschliche Kraft erreicht werden? Nein, bei Gott! Christus hat zum Beispiel allein und auf sich gestellt das Banner des Friedens und der Freundschaft gehisst – eine Tat, dergleichen alle mächtigen Regierungen der Welt mit vereinten Kräften nicht vollbringen konnten. Schau, in welch großer Zahl die verschiedenen Regierungen und Nationen wie Italien, Frankreich, Deutschland, Russland, England und andere unter dem gleichen Baldachin versammelt wurden! Entscheidend ist, dass das Erscheinen Christi die Verbundenheit dieser unterschiedlichen Völker bewirkte. Tatsächlich waren einige dieser Völker, die an Christus glaubten, so geeint, dass sie sogar Leben und Vermögen füreinander hingaben. Das blieb so bis zur Zeit Konstantins, der der Sache Christi zu höherem Ansehen verhalf. Nach einer gewissen Zeit kam es wegen unterschiedlicher Interessen erneut zu Spaltungen unter ihnen. Damit ist gemeint, dass Christus diese Völker einte, nach langer Zeit die Regierungen aber von neuem Zwietracht heraufbeschworen. Kurzum, Christus hat vollbracht, wozu alle Könige der Erde außerstande waren. Er vereinte unterschiedliche Nationen und veränderte althergebrachte Bräuche. Schau, welche großen Gegensätze zwischen Römern, Griechen, Syrern, Ägyptern, Phöniziern, und Israeliten, sowie anderen Völkern Europas bestanden. Christus schaffte diese Gegensätze ab und wurde zum Wegbereiter für die Eintracht unter diesen Volksgruppen. Auch wenn die Regierungen nach längerer Zeit diese Einheit zerstörten, hatte Christus Seine Mission doch erfüllt. Damit ist gemeint, dass der universelle Erzieher auf materieller, menschlicher und geistiger Ebene zugleich wirkt. Erhaben über die Welt der Natur, muss Er über eine andere Macht verfügen, damit Er die Stufe eines göttlichen Lehrers einnehmen kann. Übte Er nicht eine solch himmlische Macht aus, so wäre Er nicht in der Lage zu erziehen, denn Er wäre selbst unvollkommen. Wie könnte Er dann Vervollkommnung fördern? Wäre Er unwissend, wie könnte Er anderen zu Wissen verhelfen? Wäre Er ungerecht, wie könnte Er andere dazu bringen, gerecht zu handeln? Wäre Er irdisch gesinnt, wie könnte Er in anderen himmlische Eigenschaften wecken? Jetzt müssen wir unvoreingenommen betrachten, ob diese göttlichen Manifestationen, die erschienen sind, all die Eigenschaften innehatten oder nicht. Fehlten ihnen diese Eigenschaften und diese Vollkommenheit, dann wären sie keine wahren Erzieher. Wir brauchen also für rationale Menschen rationale Argumente als Beweis für das Prophetentum Mose, Christi und der anderen göttlichen Manifestationen. Die Beweisführung, die uns hier vorliegt, fußt nicht auf Überlieferungen, sondern auf rationalen Argumenten. So zeigen rationale Argumente, dass für die Welt des Daseins ein Erzieher zwingend erforderlich ist, und ihre Erziehung durch eine himmlische Macht erfolgen muss. Diese himmlische Macht ist ohne Zweifel die göttliche Offenbarung und durch diese Macht, die menschliche Macht übersteigt, muss die Welt erzogen werden.
Kapitel 4
Abraham
Unter denen, die über diese göttliche Macht verfügten und durch sie bestätigt wurden, war Abraham. Der Beweis hierfür ist: Abraham wurde in Mesopotamien geboren und stammte aus einer Familie, die nicht um die Einheit Gottes wusste; Er stellte sich gegen die eigene Sippe, die Obrigkeit und sogar gegen Seine eigene Familie; Er lehnte all ihre Götter ab, und allein und auf sich gestellt widerstand Er einem mächtigen Volk. Solch hartnäckiger Widerstand war keineswegs einfach. Es ist, als würde man heutzutage unter Christen, die sich fest an die Bibel halten, Christus leugnen oder als würde man am päpstlichen Hof – Gott bewahre! – wider Christus lästern, sich gegen all Seine Anhänger auflehnen und sich dabei äußerst grob verhalten. Diese Menschen glaubten nicht an einen Gott, sondern an viele Götter, denen sie Wunder zuschrieben, und deshalb erhoben sie sich alle gegen Abraham. Niemand unterstützte Ihn außer Sein Neffe Lot sowie ein oder zwei andere Personen ohne nennenswerten Einfluss. Schließlich zwang ihn die heftige Gegnerschaft Seiner Feinde völlig zu Unrecht dazu, Seine Heimat zu verlassen. Tatsächlich wurde Er verbannt, um Ihn zugrunde zu richten, damit keine Spur von Ihm verbliebe. Daraufhin kam Abraham hier in diese Gegend, also ins Heilige Land. Ich will damit sagen: Seine Feinde dachten, diese Verbannung werde zu Seiner völligen Vernichtung führen. Und wirklich, wenn ein Mensch aus seinem Heimatland verbannt wird, seiner Rechte beraubt ist und von allen Seiten bedrängt wird, würde er – selbst als König – unweigerlich zunichte. Abraham aber zeigte außerordentliche Standhaftigkeit und Ausdauer, und Gott wandelte Seine Verbannung in bleibende Ehre, bis Er schließlich den Glauben an die Einheit Gottes begründete, denn zu jener Zeit waren die Menschen gemeinhin Götzenanbeter. Diese Verbannung wurde zur Ursache für den Fortschritt der Nachkommen Abrahams. Diese Verbannung führte dazu, dass ihnen das Heilige Land gegeben wurde. Diese Verbannung führte zur Verbreitung der Lehre Abrahams. Diese Verbannung führte zum Erscheinen Jakobs aus Abrahams Nachkommenschaft und Josefs, dem die Herrschaft über Ägypten übertragen wurde. Diese Verbannung führte zum Erscheinen Mose aus demselben Geschlecht. Diese Verbannung führte dazu, dass aus Seiner Abstammungslinie Christus erschien. Diese Verbannung führte dazu, dass sich Hagar fand, die Ismael gebar, von dem wiederum Muḥammad abstammte. Diese Verbannung führte dazu, dass aus der Nachkommenschaft Abrahams der Báb erschien. Diese Verbannung führte dazu, dass die Propheten Israels aus dem Geschlecht Abrahams hervorgingen – und so wird es für alle Zeit weitergehen. Diese Verbannung führte dazu, dass ganz Europa und der größte Teil Asiens in den Schatten des Gottes Israels trat. Seht, welche Macht es war, die es einem Auswanderer ermöglichte, eine solche Familie zu gründen, ein solches Volk hervorzubringen und eine solche Lehre zu verbreiten. Kann nun jemand behaupten, dass das alles Zufall war? Wir sollten uns unvoreingenommen fragen: War dieser Mann ein Erzieher oder nicht? Wir sollten einmal über Folgendes nachdenken: Wenn die Auswanderung Abrahams von Ur nach Aleppo in Syrien zu solchen Ergebnissen geführt hat, wie wird sich die Verbannung Bahá’u’lláhs von Ṭihrán nach Baghdád und von dort nach Konstantinopel, nach Rumelien und ins Heilige Land auswirken! Nun sieh, welch ein vollendeter Erzieher Abraham war!
Kapitel 5
Mose
Mose war lange Zeit ein Hirte in der Wildnis. Dem äußeren Anschein nach war Er ein Mann, der im Schoß der Tyrannei aufgewachsen war, als Mörder galt, Hirte wurde und grenzenlosem Hass und Zorn von Volk und Regierung des Pharaos ausgesetzt war. Ein solcher Mensch befreite ein großes Volk von den Fesseln der Gefangenschaft und überzeugte es davon, Ägypten zu verlassen und ins Heilige Land zu ziehen. Die Angehörigen dieses Volkes waren in tiefste Erniedrigung gesunken und wurden zum Gipfel der Herrlichkeit erhoben. Sie waren Gefangene und wurden befreit. Sie waren unter allen Völkern durch völlige Unwissenheit gekennzeichnet und erlangten dann höchste Gelehrsamkeit. Dank der Grundlagen, die Er schuf, machten sie solche Fortschritte, dass sie sich unter allen Völkern auszeichneten. Ihr Ruhm breitete sich in allen Landen derart aus, dass die Bewohner der Nachbarländer, wenn sie jemanden loben wollten, sagten: »Das ist bestimmt ein Israelit!« Mose verfügte Gesetze und Gebote, die dem Volk Israel neues Leben verliehen, und führte es zum Gipfel der Zivilisation in jener Zeit. Ihr Fortschritt war so groß, dass die Philosophen Griechenlands bei den Gelehrten Israels nach Wissen suchten. Unter ihnen war Sokrates, der nach Syrien kam und von den Israeliten die Lehre von der Einheit Gottes und der Unsterblichkeit der Seele übernahm. Er kehrte dann nach Griechenland zurück und verbreitete diese Lehren, woraufhin die Bevölkerung sich gegen ihn auflehnte, ihn der Gottlosigkeit bezichtigte, ihn vor Gericht anklagte und zum Tode durch Gift verurteilte. Wie konnte nun so ein Mann, ein Stotterer, aufgewachsen im Hause des Pharaos, als Mörder bekannt, der sich aus Furcht lange Zeit verborgen hielt und sein Dasein als Hirte fristete, eine so gewaltige Sache ins Leben rufen, von der die weisesten Philosophen der Erde nicht einmal einen Bruchteil hätten hervorbringen können? Dass das außergewöhnlich ist, liegt auf der Hand. Ein Mensch, der stottert oder stammelt, wird kaum ein gewöhnliches Gespräch führen können, geschweige denn das erreichen, was Er vollbrachte. Nein, hätte keine göttliche Macht hinter Ihm gestanden, wäre Er nicht dazu in der Lage gewesen, solch eine gewaltige Aufgabe zu erfüllen. Das sind Argumente, die niemand leugnen kann. Die materialistischen Denker, die griechischen Philosophen und die großen Männer Roms, die in der ganzen Welt zu Ruhm gelangten, waren alle in nur einem Wissensgebiet bewandert. Galen und Hippokrates wurden für ihre Heilkunst, Aristoteles für logisches und spekulatives Denken und Plato für Ethik und göttliche Philosophie gerühmt. Wie kann ein einfacher Hirte das Fundament für all diese Wissenszweige legen? Es besteht kein Zweifel, dass eine außergewöhnliche Macht hinter Ihm stand. Sieh, wie die Menschen mit Prüfungen und Schwierigkeiten konfrontiert werden. Mose streckte einen Ägypter nieder, um einen Drangsalierten zu schützen und ward fortan als Mörder verrufen, zumal das Opfer der Herrscherklasse angehörte, musste fliehen und wurde nach all dem doch zum Propheten erhoben. Sieh, wie Er trotz Seines schlechten Rufs von einer außergewöhnlichen Macht darin unterstützt wurde, großartige Einrichtungen ins Leben zu rufen und mächtige Vorhaben in die Wege zu leiten!
Kapitel 6
Christus
Danach erschien Christus und sprach: »Ich bin aus dem Heiligen Geist geboren.« Es fällt heute den Christen zwar leicht, diesen Anspruch anzuerkennen, damals war das aber sehr schwierig. So fragten die Pharisäer dem Evangelium zufolge: »Ist das nicht der Sohn von Josef aus Nazareth, den wir kennen? Wie kann er denn sagen: ›Ich bin vom Himmel gekommen‹?«A7 Kurz, dieser in aller Augen unbedeutende Mann erhob sich dennoch mit der Macht, ein fünfzehnhundert Jahre altes religiöses Gesetz abzuschaffen, obgleich man schon durch die geringste Übertretung in ernste Gefahr geriet und dem sicheren Tod entgegensah. Zudem waren die allgemeinen Sitten und die Verhaltensweisen der Israeliten zur Zeit Christi gänzlich verdorben und Israel war in einen Zustand äußerster Erniedrigung, in Elend und Knechtschaft gesunken. Einmal fielen sie in die Hände der Chaldäer und Perser, ein andermal wurden sie von den Assyrern unterjocht. Das eine Mal wurden sie Untertanen und Vasallen der Griechen, ein anderes Mal wurden sie von den Römern bezwungen und gedemütigt. Obschon jung an Jahren, hob Christus mit einer außergewöhnlichen Macht das altehrwürdige mosaische Gesetz auf und begab sich daran, die allgemeinen Sitten zu erneuern. Er legte erneut die Grundlagen ewigen Ruhms für die Israeliten – mehr noch, Er stellte sich der Aufgabe, das Wohl der ganzen Menschheit wiederherzustellen – und verbreitete Lehren, die nicht allein Israel vorbehalten waren, sondern die Grundlage für das allgemeine Glück der menschlichen Gesellschaft bildeten. Die ersten, die sich erhoben Ihn zu vernichten, waren die Israeliten – Sein eigenes Volk und Seine eigene Sippe. Dem äußeren Anschein nach bezwangen sie Ihn tatsächlich und stürzten Ihn in äußerste Erniedrigung, bis sie Ihm schließlich die Dornenkrone aufs Haupt setzten und Ihn kreuzigten. Doch während Er äußerlich zutiefst erniedrigt war, verkündete Er: »Diese Sonne wird aufgehen, dieses Licht wird erstrahlen, Meine Gnade wird die Welt umfangen und alle Meine Feinde werden besiegt sein.« Und es geschah so, wie Er es gesagt hatte, denn kein König auf Erden konnte sich Ihm widersetzen. Mehr noch, all ihre Standarten wurden niedergerissen, während die Standarte dieses Unterdrückten zu höchsten Höhen emporgehoben ward. Ist dies nach menschlichem Ermessen überhaupt möglich? Nein, bei Gott! Man sieht also, dass dieses erhabene Wesen wirklich ein Erzieher der Menschheit war und eine göttliche Macht Ihn unterstützte.
Kapitel 7
Muḥammad
Was nun Muḥammad betrifft, so haben die Menschen in Europa und Amerika gewisse Geschichten über den Propheten gehört und für wahr gehalten, auch wenn solche Schilderungen oftmals von christlichen Geistlichen verbreitet wurden, die teils unwissend oder gar böswillig waren. Auch einige unwissende Muslime verbreiteten haltlose Geschichten über Muḥammad, die Ihm ihrer Ansicht nach zum Ruhme gereichten. So wurde die Vielzahl Seiner Frauen von einigen einfältigen Muslimen aufs Höchste gelobt und als Zeichen für Seine wundersamen Kräfte angesehen, denn für diese Unwissenden grenzte das an ein Wunder. Die Berichte europäischer Historiker beruhen zum größten Teil auf den Aussagen solcher Ignoranten. Zum Beispiel erzählte einmal ein törichter Mensch einem christlichen Priester, dass der Beweis für wahre Größe in überragender Tapferkeit und im Blutvergießen läge und dass einer der Anhänger Muḥammads an einem einzigen Tag hundert Männer auf dem Schlachtfeld enthauptet habe! Daraufhin mutmaßte der Priester, dass der Wahrheitsbeweis der Religion Muḥammads im Töten bestand, was nichts als reine Einbildung ist. Im Gegenteil, Muḥammads Kriegszüge dienten stets Verteidigungszwecken. Der deutliche Beweis dafür ist: Dreizehn Jahre lang haben Er und Seine Gefährten in Mekka die heftigsten Verfolgungen erduldet und waren immerzu das Ziel für die Pfeile des Hasses. Einige Seiner Gefährten wurden getötet und ihres Besitzes beraubt; andere ließen ihre Heimat zurück und flohen in fremde Lande. Muḥammad Selbst wurde aufs Schwerste verfolgt und als Seine Feinde den Entschluss fassten Ihn zu töten, war Er gezwungen mitten in der Nacht aus Mekka zu fliehen und nach Medina auszuwandern. Doch selbst dann ließen Seine Feinde nicht von ihrem Vorhaben ab und verfolgten die Muslime bis nach Medina und nach Abessinien. Die arabischen Stämme waren äußerst barbarisch und raubgierig und im Vergleich zu ihnen waren die wilden und streitbaren Ureinwohner Amerikas die Platoniker ihrer Zeit, denn sie begruben nicht ihre Töchter bei lebendigem Leib, wie die Araber, die das mit ihren Töchtern machten und noch behaupteten, es sei eine ehrenvolle Tat, derer sie sich brüsteten. So bedrohten viele Männer ihre Frauen und sagten: »Wenn dir eine Tochter geboren wird, töte ich dich.« Sogar heute noch schrecken viele Araber vor dem Gedanken zurück, eine Tochter zu haben. Ein Mann konnte tausend Frauen nehmen, und die meisten Männer hatten mehr als zehn Frauen in ihrem Haushalt. Wenn diese Stämme Krieg gegeneinander führten, nahmen die Sieger die Frauen und Kinder der Besiegten gefangen und betrachteten sie als Sklaven, mit denen sie Handel trieben. Wenn ein Mann starb und zehn Frauen hinterließ, dann eilten die Söhne dieser Frauen zu den anderen Müttern, und sobald einer von ihnen seinen Umhang über das Haupt einer der Frauen seines Vaters warf und sie als sein rechtmäßiges Eigentum beanspruchte, so wurde diese unglückliche Frau zur Gefangenen und Sklavin ihres Stiefsohnes, der mit ihr verfahren konnte, wie es ihm beliebte. Er konnte sie töten, in ein Kellerloch sperren, sie Tag für Tag schlagen, verfluchen und misshandeln, bis sie langsam zugrunde ging. In Übereinstimmung mit den Gesetzen und Gebräuchen der Araber stand es ihm bei all dem frei zu tun, was ihm beliebte. Dass Verbitterung und Eifersucht, Hass und Feindseligkeit zwischen den Ehefrauen mitsamt ihren Kindern herrschten, ist vollkommen klar und bedarf keiner weiteren Darlegung. Stell dir vor, unter welchen Bedingungen diese unterdrückten Frauen leben mussten! Darüber hinaus lebten diese arabischen Stämme von Raub- und Beutezügen, die sie gegeneinander führten, wodurch sie sich in ständigem Streit und Krieg befanden, einander töteten, sich gegenseitig ausplünderten, sich der Frauen und Kinder bemächtigten und sie an Fremde verkauften. Wie oft verbrachten die Söhne und Töchter eines Stammesfürsten den Tag unbeschwert in Luxus, doch schon zur Abenddämmerung fanden sie sich in völliger Erniedrigung, in Elend und Gefangenschaft wieder. Gestern noch waren sie Fürsten, heute schon sind sie Gefangene; gestern noch waren sie angesehene Damen, heute schon sind sie Sklavinnen. Solcherart waren die Stämme, zu denen Muḥammad entsandt wurde. Dreizehn Jahre lang fügten sie Ihm alles erdenkliche Leid zu, bis Er schließlich aus der Stadt floh und nach Medina auswanderte. Doch es kam ihnen nicht in den Sinn nachzulassen, vielmehr verbündeten sie sich, stellten eine Armee auf und griffen an, um all Seine Gefährten, Männer, Frauen und Kinder zu vernichten. Unter diesen Umständen und gegen ein solches Volk war Muḥammad gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Das sind die wahren Umstände: Wir wollen nicht fanatisch an etwas festhalten, noch blind nach einer Rechtfertigung suchen, vielmehr prüfen wir und schildern den Sachverhalt unvoreingenommen. Sie sollten ebenfalls Folgendes unvoreingenommen abwägen: Wenn Christus Selbst in ähnlicher Weise unter solch gesetzlose und barbarische Stämme geraten wäre; wenn Er und Seine Jünger dreizehn Jahre lang jede ihnen zugefügte Grausamkeit geduldig ertragen hätten; wenn sie durch diese Unterdrückung gezwungen worden wären, ihre Heimat zu verlassen und Zuflucht in der Wüste zu suchen; und wenn diese gesetzlosen Stämme auch weiterhin das Ziel verfolgt hätten, die Männer niederzumetzeln, ihre Besitztümer zu entwenden und sich ihrer Frauen und Kinder zu bemächtigen – wie wäre Christus mit ihnen umgegangen? Hätte diese gewaltsame Unterdrückung nur Ihm gegolten, dann hätte Er ihnen vergeben und eine solche Vergebung hätte Lob und höchste Anerkennung verdient; aber hätte Er gesehen, dass grausame und blutrünstige Mörder darauf bedacht waren zu töten, zu plündern, viele wehrlose Menschen zu quälen und sich der Frauen und Kinder zu bemächtigen, so ist sicher, dass Er die Unterdrückten verteidigt und sich den Unterdrückern entgegengestellt hätte. Was kann man da Muḥammad zum Vorwurf machen? Etwa, dass Er sich nicht mit Seinen Gefährten, ihren Frauen und Kindern diesen gesetzlosen Stämmen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hatte? Zudem war es ein Geschenk des Himmels, diese Stämme von ihrer Blutgier zu befreien; sie im Zaum zu halten und in ihre Schranken zu verweisen war reine Gnade. Es ist, wie wenn ein Mann einen Giftbecher hält und im Begriff ist, ihn zu leeren. Ein wahrer Freund würde ihm gewiss den Becher aus der Hand schlagen und ihn am Trinken hindern. Christus hätte in so einer Situation zweifellos mit allbezwingender Macht die Männer, Frauen und Kinder aus den Klauen solch gieriger Wölfe befreit. Muḥammad kämpfte niemals gegen die Christen; im Gegenteil, Er behandelte sie mit Respekt und gewährte ihnen vollkommene Freiheit. In Najrán lebte eine christliche Gemeinde unter Seinem Schutz. Muḥammad sprach: »Sollte jemand ihre Rechte verletzen, so wird er in mir einen Feind finden, der ihn vor Gott anklagt.« In Seinen Erlassen heißt es ganz klar, dass Leben, Eigentum und Ehre von Juden und Christen unter dem Schutz Gottes stehen; dass ein muslimischer Gatte seine christliche Frau nicht daran hindern darf, zur Kirche zu gehen, noch von ihr verlangen darf, einen Schleier zu tragen; dass er nach ihrem Tod ihre sterblichen Überreste einem Priester anzuvertrauen hat; und dass, wenn die Christen eine Kirche bauen wollen, die Muslime sie darin unterstützen müssen. Ferner waren in Zeiten des Krieges zwischen dem islamischen Reich und seinen Feinden die Christen vom Kriegsdienst befreit, es sei denn, sie wünschten in Anbetracht des Schutzes, den sie genossen, sich aus freien Stücken den Muslimen anzuschließen und sie bei der Schlacht zu unterstützen. Zum Ausgleich für diese Freistellung hatten sie jedes Jahr einen kleinen Betrag zu zahlen. Kurz gesagt, es gibt sieben umfangreiche Erlasse zu diesen Themen und einige Abschriften davon sind bis heute in Jerusalem erhalten.A8 Dies ist eine Tatsache und nicht nur meine eigene Behauptung: Der Erlass des zweiten KalifenA9 ist immer noch in der Obhut des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, das steht außer Zweifel. Doch nach einer Weile regte sich Missgunst und Hass zwischen Muslimen und Christen, da sich beide Seiten Übergriffe zu Schulden kommen ließen. Abgesehen von dieser Wahrheit ist alles, was auch immer Muslime, Christen oder andere sagen mögen, reine Erfindung, die aus Fanatismus, Unwissenheit und erbitterter Feindschaft entsteht. Zum Beispiel behaupten Muslime, der Mond sei von Muḥammad gespalten worden und auf den Berg von Mekka gefallen. Sie stellen sich den Mond als ein kleines Gebilde vor, das Muḥammad entzweischlug, davon einen Teil auf einen Berg und den zweiten auf einen anderen warf! Solche Geschichten entstehen aus purem Fanatismus. Ebenso sind die Darstellungen der christlichen Geistlichen und ihre Anschuldigungen immer übertrieben und oft haltlos. Kurz, Muḥammad erschien in der Wüste Ḥijáz auf der Arabischen Halbinsel, einer baumlosen und unfruchtbaren Einöde, die sandig, ausgesprochen trostlos und an einigen Orten, wie Mekka und Medina, überaus heiß war. Die dort lebenden Nomaden folgten den Sitten und Verhaltensweisen von Wüstenbewohnern und waren bar jeder Bildung und Gelehrsamkeit. Selbst Muḥammad war des Lesens und Schreibens unkundig, und der Qur’án wurde ursprünglich auf Schulterknochen von Schafen oder auf Palmblätter geschrieben. Daraus kannst du schließen, welche Verhältnisse unter den Menschen herrschten, zu denen Muḥammad gesandt wurde! Als erstes warf Er ihnen vor: »Warum lehnt ihr die Thora und das Evangelium ab und warum weigert ihr euch, an Christus und Mose zu glauben?« Diese Aussage traf sie wirklich hart, denn sie fragten: »Was ist denn dann mit unseren Vätern und Vorvätern, die nicht an die Thora und das Evangelium geglaubt haben?« Er antwortete: »Sie waren auf Abwege geraten und ihr müsst euch von denen lossagen, die nicht an die Thora und das Evangelium glauben, auch wenn es eure eigenen Vorfahren sind.« In solch einem Land, unter solch barbarischen Stämmen, brachte ein ungebildeter Mensch ein Buch hervor, in dem die Attribute und die Vollkommenheit Gottes, die prophetische Stufe Seiner Gesandten, die Gebote Seiner Religion und bestimmte Wissensgebiete sowie wissenschaftliche Fragestellungen höchst vollkommen und eloquent dargelegt wurden. Wie du weißt, war es beispielsweise vor den Beobachtungen des bekannten Astronomen aus jüngerer Vergangenheit,A10 das heißt von den ersten Jahrhunderten bis hin zum fünfzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, bei allen Mathematikern der Welt Konsens, dass die Erde im Mittelpunkt steht und die Sonne sie umkreist. Auf diesen Astronomen geht die neue Theorie zurück, nach der die Erde sich bewegt und die Sonne ein Fixstern ist. Bis zu seiner Zeit hielten alle Mathematiker und Philosophen der Welt am ptolemäischen System fest und wer nur ein Wort dagegen sprach, galt als unwissend. Es stimmt schon, dass Pythagoras und Plato in der zweiten Hälfte ihres Lebens die Vorstellung entwickelten, dass die Bewegung der Sonne im Jahresverlauf entlang des Tierkreises nicht von ihr selbst herrührt, sondern von der sie umkreisenden Erde. Diese Theorie geriet jedoch völlig in Vergessenheit und die ptolemäische Theorie wurde allgemein von sämtlichen Mathematikern angenommen. Im Qur’án jedoch wurden einige Verse offenbart, die dem ptolemäischen System widersprachen. In einem davon heißt es: »Und die Sonne bewegt sich an einem festen Ort«A11, was auf die feste Position der Sonne und ihre Bewegung um eine Achse hinweist. Auch in einem anderen Vers, »Sie alle schweben auf einer Himmelsbahn«A12, wird die Bewegung der Sonne, des Mondes, der Erde und der anderen Himmelskörper beschrieben. Als der Qur’án nun über die Landesgrenzen hinaus verbreitet wurde, spotteten alle Mathematiker darüber und führten diese Sichtweise auf Unwissenheit zurück. Selbst die muslimischen Geistlichen, die feststellten, dass diese Verse dem ptolemäischen System widersprachen, sahen sich genötigt, sie bildhaft auszulegen, denn Letzteres wurde als unumstößliche Tatsache angesehen, obwohl der Qur’án dem ausdrücklich widersprach. Erst ab dem fünfzehnten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, fast neunhundert Jahre nach Muḥammad, kam es zu neuen Beobachtungen eines berühmten Mathematikers;A13 das Teleskop wurde erfunden, es kam zu wichtigen Entdeckungen, die Rotation der Erde und die Fixposition der Sonne wurden nachgewiesen und deren Bewegung um eine Achse wurde ebenfalls entdeckt. Dann wurde klar, dass der Wortlaut des Qur’án vollkommen mit der Wirklichkeit übereinstimmte und das ptolemäische System reine Einbildung war. Kurz gesagt: Eine Vielzahl östlicher Völker wurde seit dreizehn Jahrhunderten im Schatten des Glaubens Muḥammads erzogen. Im Mittelalter, als Europa in den tiefsten Abgründen der Barbarei versunken war, übertrafen die Araber alle anderen Völker der Erde in Wissenschaften und Handwerkskunst, in Mathematik, Kultur, Staatsführung und anderen Künsten. Erzieher und Triebfeder für die Entwicklung der Stämme auf der arabischen Halbinsel und Stifter einer auf menschliche Vervollkommnung aufbauenden Kultur unter den rivalisierenden Stämmen war ein ungelehrter Mann, Muḥammad. War dieser hoch geschätzte Mann ein universeller Erzieher oder nicht? Lasst uns unvoreingenommen urteilen.
Kapitel 8
Der Báb
Der BábA14 – möge meine Seele ein Opfer für Ihn sein – erhob sich in jungen Jahren, das heißt im fünfundzwanzigsten Jahr Seines gesegneten Lebens, um Seine Sache zu verkünden. Unter den Schiiten ist allseits bekannt, dass Er nie in einer Schule studiert oder bei einem Lehrer Wissen erworben hat. Jedermann in Shíráz wird das bezeugen. Und dennoch trat Er plötzlich mit vollendetem Wissen vor den Menschen auf und – obschon nur ein Kaufmann – verblüffte Er alle Geistlichen Persiens. Ganz auf sich gestellt übernahm Er eine nahezu aussichtslose Aufgabe; denn die Perser sind in der ganzen Welt für ihren religiösen Fanatismus bekannt. Dieses erhabene Wesen erhob sich mit solcher Macht, dass die Grundlagen der religiösen Gesetze, Bräuche und Verhaltensweisen, der Sitten und Gewohnheiten in Persien erschüttert wurden und stiftete ein neues Gesetz, einen neuen Glauben und eine neue Religion. Obwohl die bedeutenden Staatsmänner, der Großteil des Volkes und die Religionsführer sich geschlossen erhoben, Ihn auszulöschen und zu vernichten, bot Er ihnen völlig auf Sich gestellt die Stirn und versetzte ganz Persien in Aufruhr. Wie zahlreich die Geistlichen, die führenden Persönlichkeiten und Bewohner dieses Landes, die ihr Leben in vollkommener Freude und Glückseligkeit auf Seinem Pfade opferten und auf das Feld des Martyriums eilten! Die Regierung, das Volk, der Klerus und führende Persönlichkeiten versuchten Sein Licht auszulöschen, jedoch vergeblich. Schließlich ging Sein Mond auf, Sein Stern erstrahlte, der Grundstein war gelegt und der Horizont Seines Erscheinens lichtüberflutet. Er ließ einer Vielzahl von Menschen göttliche Erziehung angedeihen und übte wundervollen Einfluss auf Gedanken, Bräuche, Moral und Verhaltensweisen der Perser aus. Er verkündete all Seinen Anhängern die Frohe Botschaft vom Erscheinen der Sonne Bahás und machte sie für Glauben und Gewissheit empfänglich. Dass solch wunderbare Zeichen sichtbar wurden und gewaltige Unterfangen entstanden, Gedanken und Verstand der Menschen beeinflusst wurden, die Grundlagen für Fortschritt gelegt und die Voraussetzungen für Erfolg und Wohlergehen durch einen jungen Kaufmann geschaffen wurden, ist der größte Beweis dafür, dass Er ein universeller Erzieher war. Kein unvoreingenommener Mensch würde zögern, diese Tatsache anzuerkennen.
Kapitel 9
Bahá’u’lláh
Bahá’u’lláhA15 erschien zu einer Zeit, als Persien in finsterste Unwissenheit versunken und von blindem Fanatismus zersetzt war. Zweifellos hast du in den Geschichtsbüchern Europas ausführliche Berichte über Moral, Sitten und Gedankenwelt der Perser in den letzten Jahrhunderten gelesen und dies bedarf keiner Wiederholung. Es genügt zu sagen, dass Persien so abgrundtief gesunken war, dass ausländische Reisende allesamt beklagten, dass ein Land, das einst der Inbegriff der Größe und Kultur war, nun derart erniedrigt, verwüstet und verfallen war und seine Bewohner in äußerstem Elend dahinsiechten. In solch einer Zeit erschien Bahá’u’lláh. Sein Vater war ein Minister am Hofe, kein Geistlicher, und es ist in ganz Persien bekannt, dass Bahá’u’lláh nie eine Schule besucht hat oder in Kreisen von Gelehrten und Geistlichen verkehrte. Er verbrachte den Anfang Seines Lebens äußerst glücklich und zufrieden und Seine Freunde und Gefährten waren eher Persönlichkeiten von Rang und Namen als Gelehrte. Sobald der Báb Seine Sache offenbart hatte, verkündete Bahá’u’lláh: »Dieser herausragende Mann ist der Herr der Rechtschaffenen, und es obliegt allen, Ihm treu ergeben zu sein.« Er erhob sich, die Sache des Báb zu verbreiten, indem Er schlüssige Beweise und überzeugende Argumente für Dessen Wahrheitsanspruch anführte. Obwohl die Geistlichen des Landes die persische Regierung genötigt hatten, heftigsten Widerstand zu leisten; obwohl sie selbst alle Dekrete für Massaker, Plünderung, Verfolgung und Vernichtung der Bábí erlassen hatten; und obwohl sich die Bevölkerung im ganzen Land aufgemacht hatte, sie zu töten, zu verbrennen und auszurauben und sogar ihre Frauen und Kinder zu peinigen – trotz alledem setzte sich Bahá’u’lláh mit höchster Standhaftigkeit und Gelassenheit für die Verherrlichung des Wortes des Báb ein. Er verbarg sich niemals, sondern trat in aller Öffentlichkeit unter die, die Ihm übelwollten, widmete Sich der Beweisführung und wurde bekannt dafür, das Wort Gottes zu erhöhen. Immer wieder sah Er sich größten Widrigkeiten ausgesetzt und jeden Augenblick war Sein Leben in ernster Gefahr. Er wurde in Ketten gelegt und in ein unterirdisches Verlies geworfen. Sein beträchtliches ererbtes Vermögen wurde vollständig geplündert, Er wurde vier Mal von Land zu Land verbannt und schließlich dauerhaft in das Größte GefängnisA16 verbracht. Trotz alledem wurde unaufhörlich der Ruf Gottes erhoben und der Ruhm Seiner Sache erscholl über die Landesgrenzen hinaus. Er legte ein solches Wissen, eine solche Weisheit und Vollkommenheit an den Tag, dass jeder in Persien darüber staunte. Alle gelehrten Menschen – ob Freund oder Feind –, die in Ṭihrán, Baghdád, Konstantinopel, Adrianopel oder in ‘Akká in Seine Gegenwart gelangten, erhielten auf jede ihrer Fragen eine umfassende, für sie überzeugende Antwort. Alle bestätigten ohne Umschweife, dass Er in jeder Hinsicht vollkommen war und niemand auf der Welt Ihm gleichkam. Oft kamen in Baghdád muslimische, jüdische und christliche Geistliche und europäische Gelehrte in Seiner gesegneten Gegenwart zusammen. Jeder von Ihnen stellte eine andere Frage und trotz ihrer unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen erhielt jeder eine vollständige und überzeugende Antwort, die ihn zufrieden stellte. Sogar die persischen Geistlichen, die in Karbilá oder in NajafA17 wohnten, bestimmten einen Gelehrten namens Mullá Ḥasan ‘Amú und entsandten ihn als ihren Vertreter. Er gelangte in Seine gesegnete Gegenwart und stellte in ihrem Auftrag eine Reihe von Fragen, die Bahá’u’lláh beantwortete. Dann sagte Er: »Die Geistlichen sind sich vollkommen des Ausmaßes Ihres Wissens und Ihrer Errungenschaften bewusst und alle erkennen an, dass Sie in jedem Wissensgebiet ohnegleichen sind. Zudem ist offenkundig, dass Sie diese Gelehrsamkeit nicht durch Studieren erworben haben. Nun sagen aber die Geistlichen, dass sie sich damit nicht zufrieden geben und dass sie die Wahrheit Ihres Anspruchs nicht allein auf Grundlage Ihres Wissens und Ihrer Errungenschaften anerkennen können. Darum bitten sie Sie, ein Wunder zu vollbringen, um sie zufrieden zu stellen und ihren Herzen Gewissheit zu verschaffen.« »Auch wenn sie kein Recht haben, darum zu bitten«, erwiderte Bahá’u’lláh, »denn es ist Gott, der Seine Geschöpfe prüft, und es ist nicht an ihnen, Gott zu prüfen, so wird in diesem Fall ihr Ansinnen akzeptiert und zugelassen. Aber die Sache Gottes ist keine Schauspielbühne, auf der jede Stunde eine neue Aufführung dargeboten und jeden Tag eine neue Forderung gestellt werden kann. Denn andernfalls würde die Sache Gottes zum Spielzeug für Kinder werden. Mögen also die Geistlichen zusammenkommen, sich einstimmig auf ein Wunder einigen und sodann schriftlich festhalten, dass sie, sobald es vollbracht ist, keinen Zweifel mehr hegen werden, sondern die Wahrheit dieser Sache anerkennen und bezeugen werden. Dieses Schriftstück sollen sie versiegeln und Mir überbringen. Als Maßstab für die Wahrheit sollen sie Folgendes festhalten: Wenn es vollbracht wird, darf auf ihrer Seite kein Zweifel mehr verbleiben; und wenn nicht, so sind Wir des Betrugs überführt. « Der Gelehrte erhob sich und erwiderte: »Dem ist nichts hinzuzufügen.« Er küsste Bahá’u’lláhs Knie, obwohl er kein Gläubiger war, und reiste ab. Dann rief er die Geistlichen zusammen und übermittelte ihnen Bahá’u’lláhs Botschaft. Sie berieten miteinander und stellten fest: »Dieser Mann ist ein Magier; vielleicht wird er irgendeinen Zauber vorführen und dann haben wir keine weitere Handhabe mehr«, und so trauten sie sich nicht zu antworten. MulláḤasan‘Amú erzählte jedoch in vielen Versammlungen, was sich zugetragen hatte. Er verließ Karbilá und ging nach Kirmánsháh und Ṭihrán, wo er überall von den Einzelheiten dieses Vorfalls berichtete und die Furcht und Untätigkeit der Geistlichen beschrieb. Der Punkt hier ist, dass die Größe Bahá’u’lláhs, Seine Vortrefflichkeit, Sein Wissen und Seine Bildung von all Seinen Gegnern im Osten anerkannt wurden und sie Ihn trotz ihrer Feindseligkeit als ›den berühmten Bahá’u’lláh‹ bezeichneten. Kurz gesagt, dieser größte Stern erschien plötzlich am Horizont Persiens und alle Menschen dieses Landes, ob Amtsträger, Geistliche oder Bevölkerung, erhoben sich gegen Ihn in erbitterter Feindschaft und behaupteten, Er sei darauf aus, Religion, Gesetz, Volk und Reich restlos auszulöschen – so wie es schon Christus nachgesagt worden war. Doch ohne auch nur im Geringsten zu wanken, konnte Bahá’u’lláh allein und auf sich gestellt ihnen allen standhalten. Schließlich sagten sie: »Solange dieser Mann in Persien ist, wird es weder Frieden noch Ruhe geben. Er sollte verbannt werden, damit Persien wieder zur Ruhe kommt.« Sie brachten daher Bahá’u’lláh in schwerste Bedrängnis, auf dass Er gezwungen wäre, die Erlaubnis zum Verlassen Persiens einzuholen, und sie wähnten, dass hierdurch die Lampe der Sache ausgelöscht würde. Diese Verfolgung führte jedoch zum Gegenteil: Die Sache gewann an Größe und ihre Flamme brannte noch heller. War sie bis dahin nur innerhalb Persiens verbreitet, weitete sie sich nun auch auf andere Gebiete aus. Später sagten sie: »Der Irak ist zu nah an Persien; wir müssen Ihn in entlegenere Länder verbringen.« So ließ die persische Regierung nicht nach, bis Bahá’u’lláh vom Irak nach Konstantinopel weiterverbannt worden war. Aber wieder sahen sie, dass Er keinerlei Schwäche zeigte. Sie sagten: »In Konstantinopel treffen verschiedene Völker und Nationen aufeinander und dort gibt es viele Perser.« Also unternahmen sie weitere Schritte und sorgten dafür, dass Er nach Adrianopel verbannt wurde. Aber die Flamme brannte immer heißer und die Sache gewann sogar noch an Ansehen. Schließlich sagten die Perser: »Keiner dieser Orte war für Ihn wirklich demütigend: Er muss an einen Ort verbracht werden, der Ihn entehrt, wo Er Prüfungen und Verfolgungen ausgesetzt sein wird und Seine Verwandtschaft und Seine Anhänger schrecklichstes Leid ertragen werden.« So entschieden sie sich für die Gefängnisstadt ‘Akká, die Aufständischen, Mördern, Dieben und Straßenräubern vorbehalten war, und zwangen Ihn unter solchen Menschen zu leben. Aber die Macht Gottes offenbarte sich, denn dieses Gefängnis wurde zum Mittel für die Erhöhung Seines Glaubens und die Verherrlichung Seines Wortes. Die Größe Bahá’u’lláhs zeigte sich darin, dass es Ihm gelang, aus einem solchen Gefängnis heraus und unter solch erniedrigenden Umständen den Zustand Persiens völlig zu verwandeln, Seine Feinde zu überwinden und allen die unwiderstehliche Macht Seiner Sache vor Augen zu führen. Seine heiligen Lehren verbreiteten sich überallhin und Seine Sache war fest verankert. Hasserfüllt erhoben sich Seine Feinde in jeder Provinz Persiens und zerstörten Hunderte von Haushalten, deren Mitglieder sie ergriffen und töteten, verprügelten und verbrannten, wobei sie jede Art von Gewalt einsetzten, um Seine Sache auszulöschen. Dessen ungeachtet brachte Er Seine Sache voran und verkündete Seine Lehre aus diesem Gefängnis voller Mörder, Diebe und Wegelagerer, rüttelte viele Seiner erbittertsten Feinde auf und machte sie zu standhaften Gläubigen. Seine Taten entwickelten einen solchen Einfluss, dass die persische Regierung selbst aus ihrem Schlaf erwachte und bedauerte, was auf Betreiben der bösartigen Geistlichen angerichtet worden war. Als Bahá’u’lláh in diesem Gefängnis im Heiligen Land ankam, wurden aufmerksame Menschen der Tatsache gewahr, dass die Prophezeiungen, die Gott durch die Zunge Seiner Propheten zwei- oder dreitausend Jahre zuvor geäußert hatte, allesamt eingetreten waren und dass sich Seine Verheißungen erfüllt hatten, denn Er hatte bestimmten Propheten offenbart und dem Heiligen Land verkündet, dass der Herr der Heerscharen dort erscheinen werde. All diese Verheißungen wurden erfüllt, aber ohne die Gegnerschaft Seiner Feinde, ohne Seine Vertreibung und Verbannung ist kaum vorstellbar, warum Bahá’u’lláh Persien verlassen und Sein Zelt im Heiligen Land hätte aufschlagen sollen. Seine Feinde beabsichtigten mit dieser Gefangenschaft Seine Sache vollständig zu zerstören und zu vernichten, aber stattdessen wurde Seine Einkerkerung zur größten Bestätigung und zur Ursache ihrer Verbreitung. Der Ruf Gottes erreichte den Osten und den Westen und die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchteten alle Lande. Preis sei Gott! Obwohl Er ein Gefangener war, wurde Sein Zelt auf dem Karmel aufgestellt und mit größter Majestät konnte Er sich dort frei bewegen. Und wer auch immer in Seine Gegenwart trat, ob Freund oder Fremder, rief aus: »Dies ist kein Gefangener, sondern ein König!« Unmittelbar nach Seiner Ankunft im Gefängnis schickte Er über den französischen Botschafter einen Sendbrief an Napoleon, dessen Tenor ist: »Erkundige dich, für welches Verbrechen Wir in dieses Gefängnis gesperrt wurden.«A18 Napoleon gab keine Antwort. Dann wurde ein zweiter Brief entsandt, der in der Súriy-i-Haykal zu finden ist und der im Wesentlichen sagt: »O Napoleon! Da du es versäumt hast, Meinen Ruf zu beachten und darauf zu antworten, wirst du deine Herrschaft verlieren und völlig zunichtewerden.«A19 Dieser Brief wurde Napoleon per Post mit Hilfe von César CatafagoA20 übersandt und all Seine Gefährten im Exil waren darüber im Bilde. Der Inhalt des Sendschreibens erreichte bald ganz Persien, denn das Kitáb-i-Haykal, das auch dieses Sendschreiben enthielt, wurde damals in jeden Winkel des Landes versandt. Dies geschah im Jahr 1869, und da die Súriy-i-Haykal in ganz Persien und Indien verbreitet worden war, hatten alle Gläubigen sie zur Hand und warteten auf das, was dieses Schreiben angekündigt hatte. Nicht lange danach, im Jahre 1870, entbrannte der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, und obwohl niemand zu dem Zeitpunkt den Sieg Deutschlands erwartete, erlitt Napoleon eine vernichtende Niederlage, ergab sich seinen Feinden und musste mit ansehen, wie sich seine Herrlichkeit in tiefste Erniedrigung verwandelte. Auch anderen Königen wurden Sendbriefe geschickt, darunter ein Schreiben an Seine Majestät Náṣiri’d-Dín Sháh. In diesem Brief schrieb Bahá’u’lláh: »Rufe Mich in deine Gegenwart, versammle sodann alle Geistlichen und frage nach Zeugnis und Beweis, auf dass Wahrheit von Irrtum unterschieden werde.«A21 Seine Majestät leitete Bahá’u’lláhs Brief weiter an die Geistlichen und übertrug ihnen diese Aufgabe, aber sie wagten es nicht, sie anzunehmen. Dann beauftragte er sieben der bekanntesten Religionsgelehrten damit, auf diesen Brief zu antworten. Nach einer Weile sandten sie den Brief zurück und stellten fest: »Dieser Mann ist ein Gegner des Glaubens und ein Feind des Königs.« Seine Majestät der Shháh von Persien war sehr verärgert und sagte: »Dies ist eine Frage von Beweisführung und Zeugnis, von Wahrheit und Irrtum. Was hat es mit der Feindseligkeit gegenüber der Regierung zu tun? Ein Jammer, dass wir diesen Geistlichen solche Achtung erwiesen haben, dabei können sie nicht einmal eine Antwort auf diesen Brief verfassen.« Kurzum, alles, was in den Sendbriefen an die Könige niedergeschrieben wurde, ist eingetreten. Man muss nur einmal ihren Inhalt mit den Ereignissen vergleichen, die sich seit dem Jahr 1870 zugetragen haben, um zu erkennen, dass jede Voraussage sich erfüllt hat, abgesehen von wenigen, die sich in der Zukunft noch erfüllen werden. Menschen aus dem Ausland und Nichtgläubige schrieben darüber hinaus Bahá’u’lláh wundersame Werke zu. Einige glaubten, Er sei ein Heiliger, und einige schrieben in diesem Sinne sogar Berichte, wie etwa Siyyid Dávúdí, ein sunnitischer Geistlicher aus Baghdád, der eine kurze Abhandlung verfasste, in der er in einem gewissen Zusammenhang manche außergewöhnliche Taten Bahá’u’lláhs beschrieb. Bis zum heutigen Tag gibt es überall im Osten Menschen, die nicht an Bahá’u’lláh als eine Manifestation Gottes glauben, die Ihn jedoch als einen Heiligen betrachten und Ihm Wunder zuschreiben. Zusammenfassend kann man sagen, dass kein einziger Mensch, weder Freund noch Feind, der in Bahá’u’lláhs Gegenwart gelangte, umhinkam, Seine Größe anzuerkennen und zu bezeugen. Wenngleich er nicht zu einem Gläubigen wurde, so bezeugte er doch Seine Größe. Sobald jemand in Seine Gegenwart trat, machte diese Begegnung solch einen Eindruck auf diese Person, dass sie sich in den meisten Fällen außerstande sah, auch nur ein Wort herauszubringen. Wie oft war ein erbitterter Feind fest dazu entschlossen, in Seiner Gegenwart das eine oder andere zu sagen oder Ihm dies oder jenes vorzuhalten, nur um zu erleben, wie verblüfft, verwirrt und völlig sprachlos er war! Bahá’u’lláh hatte nie Arabisch gelernt, keinen Lehrer oder Hauslehrer gehabt und keine Schule besucht. Doch Seine Redekunst und Sprachgewandtheit, die sich sowohl im gesprochenen Arabisch als auch in Seinen arabischen Sendschreiben zeigte, erstaunte die beredsamsten und sachkundigsten arabischen Literaten und sie alle gestanden ein, dass Seine Fertigkeiten ihresgleichen suchten. Wenn wir den Text der Thora sorgfältig untersuchen, sehen wir, dass keine der Manifestationen Gottes jemals zu denen, die Sie leugneten, sagte: »Ich bin bereit, jedes von euch verlangte Wunder zu vollbringen. Ich werde mich jeder Prüfung, die ihr vorschlagt, unterziehen.« Und dennoch stellt Bahá’u’lláh in Seinem Sendbrief an den Sháh deutlich heraus: »Versammle die Geistlichen und rufe Mich in deine Gegenwart, damit Zeugnis und Beweis erbracht werden.« Fünfzig Jahre lang hielt Bahá’u’lláh Seinen Feinden stand, unverrückbar wie ein Berg: Sie alle versuchten Ihn auszulöschen; sie alle griffen Ihn an; sie planten tausendmal Ihn zu kreuzigen und zu vernichten; und während dieser fünfzig Jahre war Er stets in größter Gefahr. Was Persien betrifft, das sich bis heute in einem solch erbärmlichen und zerrütteten Zustand befindet, erkennt im Inland wie im Ausland jeder Verständige, der mit der Lage dort vertraut ist, dass Fortschritt, Wohlstand und Kultur Persiens völlig von der Verkündung der Lehren und der Verbreitung der Prinzipien dieses erhabenen Wesens abhängen. Während Seines gesegneten Lebens erzog Christus in der Tat nur elf Menschen, wobei der Bedeutendste unter ihnen, Petrus, Ihn dreimal verleugnete, als er geprüft wurde. Sieh, wie sich die Sache Christi dennoch in der Folge über die ganze Erde verbreitete! An diesem Tag aber hat Bahá’u’lláh tausende Seelen erzogen, die durch das Schwert bedroht, zum höchsten Himmel riefen: »O Du Herrlichkeit des Allherrlichen!«A22 und deren Antlitz glänzend wie Gold im Feuer der Prüfungen leuchtete. Schließe nun daraus, was sich in Zukunft ereignen wird! Wir müssen unvoreingenommen sein und anerkennen, was für ein Erzieher der Menschheit dieses erhabene Wesen war, welch wunderbare Zeichen Er offenbarte und welche Macht und Kraft in der Welt des Seins durch Ihn zum Vorschein kam.
Kapitel 10
Vernunftbeweise und überlieferte Argumente aus der Heiligen Schrift
Lass uns heute bei Tisch ein wenig über Beweise reden. Wärst du in den Tagen, als das überaus hell strahlende LichtA23 erschien, zu diesem gesegneten Ort gelangt, und hättest du den Hof Seiner Gegenwart betreten und Sein leuchtendes Antlitz geschaut, du hättest sofort erkannt, dass Seine Äußerungen und Seine Schönheit keines weiteren Beweises bedurften. In welch großer Zahl gelangten Menschen in Seine Gegenwart, wurden auf der Stelle zu überzeugten Gläubigen und bedurften keines weiteren Beweises mehr! Selbst die von abgrundtiefem Hass und völliger Missachtung durchdrungen waren, bezeugten in der Begegnung mit Bahá’u’lláh Seine Größe und sagten: »Dies ist ein wirklich herausragender Mann. Wie bedauerlich, dass er einen solchen Anspruch erhebt! Denn was immer er sonst sagen könnte, wäre uns willkommen.« Da aber die Sonne der Wahrheit untergegangen ist, sind alle auf Beweise angewiesen, und so haben wir uns mit Vernunftbeweisen befasst. Einen weiteren unwiderleglichen Beweis sollten wir noch erwähnen und dieser allein sollte jedem gerecht urteilenden Menschen genügen: Dieses erhabene Wesen trieb Seine Sache vom Größten Gefängnis aus voran, von dort erstrahlte Sein Licht, umspannte Sein Ruhm die Welt und erreichte die Kunde Seiner Herrlichkeit den Osten wie den Westen. Bis zum heutigen Tage hat sich nichts Derartiges ereignet, wenn man es unvoreingenommen betrachtet. Aber manche Menschen urteilen auch dann nicht gerecht, wenn ihnen sämtliche Beweise der Welt vorgelegt werden! Mit all ihrer Machtfülle waren Regierungen und Völker nicht in der Lage, sich Ihm zu widersetzen; Er hingegen, allein und auf sich gestellt, ungerecht behandelt und eingekerkert, vollbrachte alles, was Er sich zum Ziel gesetzt hatte. Ich will nicht über die Wunder Bahá’u’lláhs sprechen, denn wer davon hört, könnte entgegnen, das seien lediglich Überlieferungen, die wahr sein können oder auch nicht. So ist es ja auch mit dem Evangelium, in dem uns die Apostel und niemand sonst von den Wundern Christi berichten, die von den Juden jedoch geleugnet werden. Sollte ich dennoch Bahá’u’lláhs wundersame Taten erwähnen: Sie sind zahlreich und werden im Orient zweifelsfrei anerkannt, selbst von einigen Nichtgläubigen. Aber diese Berichte können kein schlüssiger Beweis für die Allgemeinheit sein, denn wer davon erfährt könnte sagen, sie beruhten nicht auf Tatsachen, denn Anhänger anderer Glaubensgemeinschaften berichten auch von Wundern ihrer Anführer. Die Hindus erzählen beispielsweise von gewissen Wundern des Brahma. Wie können wir wissen, dass die einen falsch und die anderen wahr sind? Wenn es sich hier um Überlieferungen handelt, so auch dort. Wenn diese weithin bezeugt werden, so gilt dasselbe für jene. Also stellen solche Berichte keinen hinreichenden Beweis dar. Für einen Augenzeugen mag ein Wunder natürlich ein Beweis sein, aber selbst dann könnte er nicht sicher sein, ob das, was er sah, ein echtes Wunder oder bloße Zauberei war. Tatsächlich wurden auch einigen Zauberern außergewöhnliche Taten zugeschrieben. Kurz, es geht darum, dass Bahá’u’lláh viel Wunderbares vollbracht hat, aber wir berichten nicht darüber, denn es stellt weder Beweis noch Zeugnis für die Menschheit dar, ja es ist nicht einmal ein entscheidender Beweis für die, die dabei waren und es möglicherweise für Zauberei halten. Darüber hinaus haben die meisten der Wunder, die den Propheten zugeschrieben werden, eine innere Bedeutung. Zum Beispiel berichtet das Evangelium, dass unmittelbar nach dem Märtyrertod Christi eine Dunkelheit hereinbrach, die Erde bebte, der Vorhang des Tempels entzweiriss und die Toten aus ihren Gräbern auferstanden. Wenn sich das tatsächlich so zugetragen hätte, so wäre das wirklich erstaunlich gewesen. Ein solches Ereignis wäre zweifellos in den Chroniken der damaligen Zeit aufgezeichnet worden; Bestürzung hätte die Menschenherzen ergriffen. Zumindest hätten die Soldaten Christus vom Kreuz genommen oder wären geflohen. Da aber diese Ereignisse in keiner Chronik aufgezeichnet sind, ist klar, dass sie nicht wörtlich, sondern nach ihrer inneren Bedeutung zu verstehen sind. Damit soll nichts in Frage gestellt, sondern lediglich darauf hingewiesen werden, dass diese Berichte keinen schlüssigen Beweis darstellen und dass sie eine innere Bedeutung haben, nichts weiter. Und so werden wir uns heute bei Tisch mit Erklärungen überlieferter Argumente aus den Heiligen Schriften befassen, denn bisher haben wir lediglich über rationale Argumente gesprochen. Da es sich hier um die Stufe der Suche nach Wahrheit und des Strebens nach Erkenntnis der Wirklichkeit handelt – die Stufe, da der unter brennendem Durst Leidende nach dem Wasser des Lebens lechzt und der sich mühende Fisch das Meer erreicht, da der Kranke den wahren Arzt aufsucht und ihm göttliche Heilung gewährt wird, da die verirrte Karawane den Weg der Wahrheit findet und das planlos herumtreibende Schiff das rettende Ufer erreicht –, muss der Sucher mit bestimmten Eigenschaften begabt sein. Zunächst muss er unvoreingenommen und losgelöst sein von allem außer Gott. Sein Herz muss völlig dem Höchsten Horizont zugewandt sein und es muss von den Fesseln eitler und selbstischer Begierden befreit sein, denn dies sind Hindernisse auf dem Pfad. Darüber hinaus muss er jede Trübsal ertragen, höchste Reinheit und Heiligkeit verkörpern und sich abkehren von Liebe und Hass zu allen Völkern der Welt, damit seine Liebe für das eine ihn nicht davon abhalte, das andere zu erforschen oder sein Hass gegen etwas ihn nicht hindere, dessen Wahrheit zu erkennen. Dies ist die Stufe der Suche und der Suchende muss mit diesen Eigenschaften und Merkmalen ausgestattet sein – das heißt, solange er diese Stufe nicht erreicht, wird es ihm unmöglich sein, die Sonne der WahrheitA24 zu erkennen. Lass uns zu unserem Thema zurückkehren. Alle Völker der Welt erwarten zwei Manifestationen, die Zeitgenossen sind. Das wurde ihnen allen verheißen. Den Juden wird in der Thora der Herr der Heerscharen und der Messias verheißen. Im Evangelium wird die Wiederkehr Christi und des Elias vorausgesagt. In der Religion Muḥammads gibt es die Verheißung, dass der Mahdi und der Messias kommen werden. Das Gleiche gilt für die Zoroastrier und andere, aber dies weiter auszuführen, würde unser Gespräch in die Länge ziehen. Damit soll lediglich zum Ausdruck gebracht werden, dass allen Menschen zwei aufeinanderfolgende Manifestationen verheißen wurden. Durch diese zwei Manifestationen, so ist prophezeit worden, wird die Erde zu einer anderen Erde; wird alles Sein erneuert; wird die bedingte Welt mit dem Gewand neuen Lebens bekleidet; werden Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit den Erdball umfassen; werden Hass und Feindschaft verschwinden; wird jede erdenkliche Ursache von Spaltung unter Stämmen, Völkern und Nationen getilgt; und alles, was Einheit, Harmonie und Eintracht sicherstellt, wird gefördert. Die Achtlosen werden aus ihrem Schlaf erwachen, die Blinden sehen, die Tauben hören, die Stummen sprechen, die Kranken geheilt werden, die Toten auferweckt werden und Krieg wird dem Frieden weichen. Feindschaft wird in Liebe verwandelt; die Ursachen von Streit und Zwietracht werden beseitigt; die Menschheit wird wahre Glückseligkeit erlangen; diese Welt wird zum Spiegel für das himmlische Königreich werden und die Erde hienieden wird zum Thron des Reiches droben. Alle Nationen werden zu einer; alle Religionen werden zu einer; die ganze Menschheit wird zu einer Familie, zu einer Sippe; alle Regionen der Erde werden zu einer; rassische, nationale, persönliche, sprachliche und politische Vorurteile werden vollständig beseitigt und alle werden ewiges Leben unter dem Schatten des Herrn der Heerscharen erlangen. Nun gilt es, das Kommen dieser beiden Manifestationen mit Bezug auf die Heiligen Schriften und durch Folgerungen aus den Worten der Propheten zu begründen. Denn hier sollen nun Argumente angeführt werden, die den Heiligen Schriften entnommen sind, da Vernunftbeweise für die Wahrheit dieser beiden Manifestationen vor einigen Tagen bei Tisch erbracht wurden.A25 Das Buch Daniel legt den Zeitraum zwischen dem Wiederaufbau Jerusalems und dem Märtyrertod Christi mit siebzig WochenA26 fest, denn durch den Märtyrertod Christi wird dem Opferbrauch ein Ende bereitet und der Altar verwüstet. Diese Prophezeiung bezieht sich somit auf das Kommen Christi. Diese siebzig Wochen beginnen mit dem Wiederaufbau Jerusalems. Dazu wurden vier Edikte von drei Königen erlassen. Das erste Edikt stammt von Kyros aus dem Jahr 536 vor Christus und ist im ersten Kapitel des Buches Esra festgehalten. Das zweite Edikt über den Wiederaufbau Jerusalems stammt von Darius von Persien aus dem Jahr 519 vor Christus und ist im sechsten Kapitel von Esra verzeichnet. Das dritte wurde von Artaxerxes im siebten Jahr seiner Regentschaft ausgegeben, das heißt 457 vor Christus, und ist im siebten Kapitel von Esra verzeichnet. Das vierte Edikt wurde von Artaxerxes 444 vor Christus erlassen und ist im zweiten Kapitel von Nehemia festgehalten. Daniel bezieht sich auf das dritte Edikt, das 457 vor Christus ausgegeben wurde. Siebzig Wochen ergeben insgesamt 490 Tage. Nach dem Text der Bibel entspricht ein Tag einem Jahr, denn in der Thora heißt es: »Der Tag des Herrn ist ein Jahr.«A27 Somit entsprechen 490 Tage 490 Jahren. Das dritte Edikt von Artaxerxes wurde 457 Jahre vor der Geburt Christi erlassen, und Christus war dreiunddreißig Jahre alt zu der Zeit Seines Märtyrertods und Seines Aufstiegs. Dreiunddreißig Jahre zu den 457 Jahren hinzugezählt ergeben 490 Jahre, die von Daniel angekündigte Zeitspanne bis zum Erscheinen Christi. In Daniel 9:25 hingegen wird dies anders ausgedrückt, da heißt es, sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen, was dem äußeren Anschein nach von der ersten Aussage abweicht. Viele waren ratlos darüber, wie sie diese beiden Aussagen in Einklang bringen sollen. Wie kann an einer Stelle von siebzig Wochen und an anderer von zweiundsechzig und sieben Wochen die Rede sein? Diese beiden Aussagen stimmen nicht überein. In Wirklichkeit bezieht sich Daniel auf zwei verschiedene Zeitangaben. Eine beginnt mit dem Edikt, das Artaxerxes an Esra richtete, Jerusalem wiederaufzubauen, und entspricht den siebzig Wochen, die mit dem Aufstieg Christi zu Ende gingen, als Opferbräuche und Opfergaben durch Seinen Märtyrertod beendet wurden. Die zweite, die in Daniel 9:26 erwähnt wird, beginnt nach dem Abschluss des Wiederaufbaus Jerusalems zweiundsechzig Wochen vor dem Aufstieg Christi. Der Wiederaufbau von Jerusalem dauerte sieben Wochen, was neunundvierzig Jahren entspricht. Sieben Wochen zu zweiundsechzig Wochen hinzugefügt ergibt neunundsechzig Wochen, und in der letzten Woche erfolgte der Aufstieg Christi. Damit sind die siebzig Wochen vollständig und der Widerspruch ist aufgelöst. Da nun das Kommen Christi in den Prophezeiungen Daniels nachgewiesen ist, wollen wir Hinweise auf das Kommen Bahá’u’lláhs und des Báb erbringen. Bisher haben wir nur rationale Argumente angeführt; kommen wir nun zu den Argumenten, die auf Überlieferungen beruhen. In Daniel 8:13 heißt es: »Ich hörte aber einen Heiligen reden, und ein anderer Heiliger sprach zu dem, der da redete: Wie lange gilt dies Gesicht vom täglichen Opfer, vom verwüstenden Frevel und dass Heiligtum und Heer ausgeliefert und zertreten werden? Und er antwortete mir: Bis zweitausenddreihundert Abende und Morgen vergangen sind; dann wird das Heiligtum wieder sein Recht erhalten,« bis es heißt: »Dies Gesicht gilt der Zeit des Endes.« Also wie lange soll diese Heimsuchung, dieser Verfall, diese Erniedrigung und Demütigung dauern? Mit anderen Worten, wann wird der Morgen der Offenbarung anbrechen? Darauf sprach er: »2300 Tage; dann wird das Heiligtum wieder sein Recht erhalten.« Um es kurz zu machen, der Punkt ist, dass er einen Zeitraum von 2300 Jahren festsetzt, denn nach dem Text der Thora entspricht jeder Tag einem Jahr. Daher sind vom Zeitpunkt des Edikts von Artaxerxes, Jerusalem wiederaufzubauen bis zum Tag der Geburt Christi 456 Jahre und von der Geburt Christi bis zum Tag des Kommens des Báb 1844 Jahre vergangen, und wenn 456 Jahre zu 1844 hinzugefügt werden, ergeben sich 2300 Jahre. Das heißt, die Vision von Daniel erfüllte sich im Jahr 1844, und dies ist das Jahr, in dem der Báb erschien. Prüfe den Text des Buches Daniel und schau, wie klar er das Jahr Seines Erscheinens angibt! In der Tat könnte es keine klarere Prophezeiung für eine Manifestation Gottes geben als diese. In Matthäus 24:3 sagt Christus deutlich, dass sich Daniel mit dieser Prophezeiung auf das Datum des Erscheinens der Manifestation bezieht, und dies ist der Vers: »Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?« Er antwortete darauf unter anderem mit folgenden Worten: »Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel – wer das liest, der merke auf! –« Also verwies Er sie auf das achte Kapitel des Buches Daniel und deutete an, dass, wer immer es liest, begreifen sollte, wann jene Zeit kommen würde. Sieh, wie klar und deutlich in der Thora und im Evangelium das Kommen des Báb angegeben ist! Nun wollen wir aus der Thora das Datum für das Kommen Bahá’u’lláhs bestimmen. Dieses Datum wird ausgehend von der Offenbarung der Sendung Muḥammads und Seiner Auswanderung in Mondjahren berechnet. Denn in der Religion Muḥammads wird der Mondkalender verwendet und alle Verordnungen zu Gottesdiensten folgen diesem Kalender. In Daniel 12:6 heißt es: »Und er sprach zu dem Mann in leinenen Kleidern, der über den Wassern des Stroms stand: Wann kommt das Ende dieser großen Wunder? Und ich hörte den Mann in leinenen Kleidern, der über den Wassern des Stroms stand. Er hob seine rechte und linke Hand auf gen Himmel und schwor bei dem, der ewiglich lebt, dass es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit währen soll; und wenn der ein Ende hat, der die Macht des heiligen Volks zerschlägt, soll dies alles geschehen.« Da ich bereits die Bedeutung von »Tag« erläutert habe, bedarf es keiner weiteren Erklärung, aber lass uns kurz festhalten, dass jeder Tag des Vaters einem Jahr entspricht, und jedes Jahr aus zwölf Monaten besteht. So entsprechen dreieinhalb Jahre zweiundvierzig Monaten, zweiundvierzig Monate entsprechen 1260 Tagen, und jeder Tag in der Bibel entspricht einem Jahr. Und gemäß dem islamischen Kalender ist es genau im Jahre 1260 nach der Auswanderung Muḥammads, dass der Báb, der Vorbote Bahá’u’lláhs, Seine Sendung offenbarte. Später heißt es in Vers 11 und 12: »Und von der Zeit an, da das tägliche Opfer abgeschafft und das Gräuelbild der Verwüstung aufgestellt wird, sind 1290 Tage. Wohl dem, der da wartet und erreicht 1335 Tage!« Der Beginn dieser Rechnung nach dem Mondkalender fällt mit der öffentlichen Verkündigung des Prophetentums Muḥammads im Lande Ḥijáz zusammen; und das war drei Jahre nach der Offenbarung Seiner Sendung, denn am Anfang war das Prophetentum Muḥammads noch verborgen und niemand außer Khadíjih und Ibn-i-NawfalA28 wusste davon, bis es drei Jahre später öffentlich verkündigt wurde. Und im Jahr 1290, ausgehend von der Bekanntgabe der Sendung Muḥammads, verkündete Bahá’u’lláh Seine Offenbarung.A29
Kapitel 11
Kommentar zum elften Kapitel der Offenbarung des Johannes
In der Offenbarung des Johannes 11:1–2 heißt es: »Und es wurde mir ein Rohr gegeben, einem Messstab gleich, und mir wurde gesagt: Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die dort anbeten. Aber den äußeren Vorhof des Tempels lass weg und miss ihn nicht, denn er ist den Heiden gegeben; und die Heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang.« Mit diesem Schilfrohr ist der Vollkommene Mensch gemeint und der Grund für diesen Vergleich ist, dass ein Schilfrohr, wenn das Mark aus seinem Innern vollends entfernt wird, wundervolle Melodien hervorbringen kann. Es ist nicht das Rohr selbst, das diese melodischen Weisen hervorbringt, sondern der, der darauf spielt. In gleicher Weise ist das geheiligte Herz dieses gesegneten Wesens leer und frei von allem außer Gott, jegliche selbstsüchtige Neigung liegt ihm fern und es ist innig vertraut mit dem Odem des göttlichen Geistes. Seine Rede geht nicht von Ihm selbst aus, sondern vom vollkommenen Spieler und von der göttlichen Offenbarung. Daher wird Er mit einem Schilfrohr verglichen, das wiederum einem Stab gleicht, was bedeutet, es ist ein Beistand für die Schwachen und eine Stütze für den Körper der Welt. Es ist der Stab des Wahren Hirten, mit dem Er Seine Herde hütet und sie durch die Auen des Gottesreichs führt. Dann wird gesagt, dass der Engel sich an ihn wandte und sprach: »Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die dort anbeten«; das heißt, wäge und messe. Messen bedeutet, etwas in seinen Ausmaßen zu bestimmen. Damit sagt der Engel, er solle das Allerheiligste, den Altar und die dort Betenden erfassen – das heißt ihren wahren Zustand erkunden, ihren Rang und ihre Stufe, ihre Errungenschaften, ihre Vollkommenheit, ihr Verhalten und ihre Eigenschaften entdecken und sich vertraut machen mit den Geheimnissen dieser heiligen Seelen, die auf der Stufe der Reinheit und Heiligkeit im Allerheiligsten weilen. »Aber den äußeren Vorhof des Tempels lass weg und miss ihn nicht, denn er ist den Heiden gegeben.« Als am Anfang des siebten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung Jerusalem erobert wurde, wurde das Allerheiligste – das von Salomon errichtete Gebäude – äußerlich bewahrt, aber sein Vorhof wurde besetzt und den Heiden übergeben. »Und die Heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang«; das heißt, die Heiden werden Jerusalem für zweiundvierzig Monate oder 1260 Tage oder, da ein Tag einem Jahr entspricht, 1260 Jahre lang besetzen und unterwerfen, was der Dauer der qur’ánischen Sendung entspricht. Denn nach dem Text der Bibel entspricht jeder Tag einem Jahr, so wie es in Hesekiel 4:6 heißt: »… und sollst tragen die Schuld des Hauses Juda vierzig Tage lang; denn ich gebe dir hier auch je einen Tag für ein Jahr.« Diese Prophezeiung bezieht sich auf die Dauer der Sendung des Islam, als Jerusalem mit Füßen getreten, sprich, entehrt wurde, während das Allerheiligste erhalten, beschützt und geachtet blieb. Dieser Zustand währte bis zum Jahr 1260. Diese 1260 Jahre stellen eine Prophezeiung dar, die sich auf das Kommen des Báb bezieht – das zu Bahá’u’lláh führende ›Tor‹ – das sich im Jahr 1260 nach der Hijrah ereignete. Nach Abschluss der Zeitspanne von 1260 Jahren beginnt die Heilige Stadt Jerusalem nun wieder zu blühen und zu gedeihen. Wer Jerusalem vor sechzig Jahren sah und es heute wieder sieht, wird erkennen, wie sehr es sich in der Zwischenzeit entwickelt hat und wieder zu Ehren gekommen ist. Dies ist der äußere Sinn dieser Verse der Offenbarung des Johannes, aber sie haben auch eine innere Bedeutung und einen symbolischen Sinngehalt, wie folgt. Die Religion Gottes besteht aus zwei Teilen: Einer ist das Fundament schlechthin und gehört zur Welt des Geistes, das heißt, er betrifft geistige Tugenden und göttliche Eigenschaften. Dieser Teil unterliegt weder Wechsel noch Wandel: Er ist das Allerheiligste, das Wesen der Religion Adams, Noahs, Abrahams, Mose, Christi, Muḥammads, des Báb und Bahá’u’lláhs, und er wird in allen prophetischen Sendungen fortbestehen. Er wird niemals aufgehoben, denn er besitzt eine geistige und keine materielle Wirklichkeit. Er bedeutet Glaube, Erkenntnis, Gewissheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, edle Gesinnung, Vertrauenswürdigkeit, Liebe zu Gott und Nächstenliebe. Er ist Barmherzigkeit gegenüber den Armen, Beistand für die Unterdrückten, Freigebigkeit gegenüber den Bedürftigen und eine helfende Hand für den Gestrauchelten. Er ist Reinheit, Loslösung, Demut, Nachsicht, Geduld und Beständigkeit. Dies sind himmlische Eigenschaften. Diese Gebote werden niemals aufgehoben, sie werden vielmehr in alle Ewigkeit gültig bleiben. Diese menschlichen Tugenden werden in jeder Sendung wieder neu belebt; denn am Ende jeder Sendung schwindet das geistige Gesetz Gottes, das in den menschlichen Tugenden besteht, und was verbleibt, ist nur noch eine äußere Hülle. So verschwand mit dem Kommen Christi, zum Ende der Sendung Mose, die wahre Religion Gottes aus dem Volk der Juden und nur eine leblose Hülle verblieb. Das Allerheiligste gab es nicht mehr, nur der Vorhof des Tempels, der für die äußere Form der Religion steht, fiel den Heiden in die Hände. Genauso existiert der wahre Kern der Religion Christi, der die höchsten menschlichen Tugenden umfasst, nicht mehr, aber die äußere Hülle verblieb in den Händen der Priester und Mönche. Ebenso hat sich die Grundlage der Religion Muḥammads aufgelöst, nur noch seine äußere Form verbleibt in den Händen der muslimischen Geistlichen. Diese Grundlagen der Religion Gottes jedoch, geistig und aus den menschlichen Tugenden bestehend, werden niemals aufgehoben, sondern gelten für alle Zeit und werden in jeder prophetischen Sendung erneuert. Der zweite Teil der Religion Gottes, der sich auf die materielle Welt bezieht, und solche Dinge betrifft wie Fasten, Gebet, Gottesdienst, Ehe, Scheidung, Freilassung von Sklaven, richterliche Entscheidungen, Handel, Strafen bei Mord, Überfall, Diebstahl und Körperverletzung, wird in jeder prophetischen Sendung verändert und abgewandelt und kann aufgehoben werden, denn Richtlinien, Handels- und Strafvorschriften und andere Gesetze müssen gemäß den Erfordernissen der Zeit abgewandelt werden. Kurz, mit dem Begriff »Allerheiligstes« ist jenes auf das Geistige bezogene Gesetz gemeint, das nie verändert oder aufgehoben werden kann, und mit »Heilige Stadt« ist das auf das Weltliche bezogene Gesetz gemeint, das durchaus außer Kraft gesetzt werden kann; und dieses auf das Weltliche bezogene Gesetz – die Heilige Stadt – wurde 1260 Jahre lang mit Füßen getreten. »Und ich werde meinen zwei Zeugen Vollmacht geben, und sie werden 1260 Tage weissagen, mit Sacktuch bekleidet.«A30 Mit diesen zwei Zeugen sind Muḥammad, der Gesandte Gottes, und ‘Alí, der Sohn von Abú-Ṭálib, gemeint. Im Qur’án heißt es, dass Gott zu Muḥammad sprach: »Wir haben Dich als Zeugen, als Freudenboten und Warner gesandt.«A31 Das heißt, wir haben Dich als Einen bestimmt, der Zeugnis ablegt, der frohe Botschaften von künftigen Ereignissen überbringt und der vor dem Zorn Gottes warnt. Ein ›Zeuge‹ ist jemand, durch dessen Bestätigung ein Sachverhalt geklärt wird. Die Gebote dieser beiden Zeugen sollten 1260 Tage befolgt werden, wobei jeder Tag einem Jahr entspricht. Muḥammad war hier die Wurzel und ‘Alí der Zweig, sowie es bei Mose und Josua war. Es wird gesagt, dass sie »mit Sacktuch bekleidet« sind, was bedeutet, dass sie offenbar kein neues Gewand, sondern ein altes tragen. Mit anderen Worten, anfangs haben sie keine Bedeutung für andere Völker und ihre Sache erscheint nicht wirklich neu. Die geistigen Prinzipien der Religion Muḥammads entsprechen nämlich den Prinzipien Christi im Evangelium und Seine auf das Weltliche ausgerichteten Gebote entsprechen zum größten Teil denen der Thora. Darauf spielt die Symbolik vom alten Gewand an. »Diese sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen.«A32 Diese zwei Seelen werden mit Olivenbäumen verglichen, weil zu jener Zeit in allen Lampen nachts Olivenöl brannte. Mit anderen Worten, durch diese zwei Seelen wird das Öl der göttlichen Weisheit – die Ursache für die Erleuchtung der Welt – zum Vorschein kommen und die Lichter Gottes werden hell und strahlend leuchten. So wurden sie auch mit Kerzenständern verglichen. Der Kerzenständer ist der Ort, wo das Licht scheint, und von dort breitet es sich aus. In gleicher Weise erstrahlt von diesen leuchtenden Angesichtern das Licht der Führung. Weiter heißt es: »Sie stehen in der Gegenwart Gottes«, das bedeutet, sie haben sich erhoben, Ihm zu dienen, und erziehen Seine Geschöpfe. So wurden die rohen, in der Wüste lebenden Stämme der arabischen Halbinsel durch sie derart gebildet, dass sie den Gipfel der damaligen menschlichen Kultur erreichten und ihr Ruhm und Ansehen sich in der Welt verbreitete. »Wenn ihnen jemand Schaden zufügen will, schlägt Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde.«A33 Das heißt, kein Mensch könnte ihrer Macht widerstehen. Sollte also jemand danach trachten, ihre Lehren oder ihr Gesetz zu untergraben, würde er durch dieses Gesetz, das knapp oder ausführlich aus ihrem Munde hervorgeht, bezwungen und besiegt werden. Mit anderen Worten, sie würden einen Befehl erteilen, der jeden Feind vernichten würde, sollte er versuchen, ihnen zu schaden oder sich ihnen entgegenzustellen. Und genau das ist geschehen: All ihre Gegner wurden bezwungen, auseinander getrieben und vernichtet und diese zwei Zeugen wurden ganz offensichtlich durch die Macht Gottes unterstützt. »Sie haben Macht, den Himmel zu verschließen, damit kein Regen fällt in den Tagen ihres Wirkens als Propheten.«A34 Das bedeutet, sie üben in jenem Zeitalter höchste Herrschaft aus. Mit anderen Worten, das Gesetz und die Lehren Muḥammads und die Erläuterungen und Auslegungen ‘Alís sind eine himmlische Gnade. Es liegt in ihrer Macht diese Gnade zu gewähren, wie es ihnen gefällt, und sollte dies nicht ihrem Wunsch entsprechen, so wird kein Regen fallen. Mit »Regen« ist hier die Ausgießung der Gnade gemeint. »Sie haben auch Macht, das Wasser in Blut zu verwandeln.«A35 Das bedeutet, das Prophetentum Muḥammads glich dem des Mose und die Macht ‘Alís ähnelte der Josuas. Das heißt: Wäre es ihr Wunsch gewesen, so hätten sie die Macht gehabt, für die Ägypter und für die Leugner das Wasser des Nils in Blut zu verwandeln – mit anderen Worten, wegen ihrer Unwissenheit und ihrem Stolz die Quelle ihres Lebens in die Ursache ihres Todes zu verwandeln. So wurden Herrschaft, Reichtum und Macht des Pharao und seines Volkes, die Lebensgrundlage dieser Nation waren, durch Feindschaft, Leugnung und Stolz für sie zur Ursache von Tod, Ruin, Zerstörung, Erniedrigung und Elend. Somit wird deutlich, dass diese zwei Zeugen die Macht haben, Nationen zu zerstören. »Und die Erde zu schlagen mit allen möglichen Plagen, sooft sie wollen.«A36 Dies bedeutet, sie sind auch mit äußerlicher Macht und Überlegenheit ausgestattet, um den Übeltätern und Verkörperungen der Unterdrückung und Tyrannei eine Lehre erteilen zu können. Denn Gott hatte diesen zwei Zeugen sowohl äußere als auch innere Macht verliehen und so bewirkten sie Wandel und Erziehung der niederträchtigen, blutrünstigen und bösartigen arabischen Wüstensöhne, die reißenden Wölfen und Bestien glichen. »Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben«A37, das bedeutet, wenn sie ihren Auftrag erfüllt und die göttliche Botschaft überbracht haben, die Religion Gottes verkündet und Seine himmlischen Lehren verbreitet haben, so dass die Zeichen geistigen Lebens in den Seelen der Menschen erscheinen, das Licht menschlicher Tugenden erstrahle und diese Wüstenstämme grundlegende Fortschritte erzielen. »…wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, sie besiegen und töten.«A38 Mit diesem Tier sind die Umayyaden gemeint, die aus dem Abgrund des Irrtums diese Zeugen überfielen. Und so geschah es wirklich, dass die Umayyaden die Religion Muḥammads und die Wahrheit ‘Alís, die auf Liebe zu Gott beruhen, angriffen. »Das Tier wird Krieg gegen diese beiden Zeugen führen.«A39 Gemeint ist hier ein geistiger Krieg, bei dem das Tier so sehr in völligem Widerspruch zu den Lehren, dem Verhalten und Charakter dieser zwei Zeugen handelt, dass die Tugenden und Vollkommenheiten, die durch die Macht der zwei Zeugen unter den Völkern und Nationen verbreitet worden waren, gänzlich verloren gingen und tierische Charakterzüge und fleischliche Begierden vorherrschen. Daher wird dieses Tier Krieg gegen sie führen und die Vorherrschaft erlangen, was darauf hinweist, dass das Dunkel des Irrtums, den das Tier verbreitet, sich in der ganzen Welt durchsetzen und die beiden Zeugen umbringen wird – das heißt, es wird ihr geistiges Licht im Volke auslöschen, ihre göttlichen Gesetze und Lehren vernichten, die Religion Gottes mit Füßen treten und nichts als einen toten und seelenlosen Körper zurücklassen. »Und ihr Leichnam wird auf der Straße der großen Stadt liegen, die, geistlich gesprochen, Sodom und Ägypten heißt, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.«A40 Mit »ihrem Leichnam« ist die Religion Gottes und mit »der Straße« deren öffentliche Zurschaustellung gemeint. »Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde«, bezieht sich auf das Land Syrien und vor allem auf Jerusalem, denn die Umayyaden hatten ihr Machtzentrum in diesem Land, und hier schwanden die Religion Gottes und die göttlichen Lehren als erstes und ließen einen seelenlosen Körper zurück. »Ihr Leichnam« bezieht sich auf die Religion Gottes, die als toter und seelenloser Körper zurückblieb. »Und viele aus den Völkern und Stämmen und Sprachen und Nationen sehen ihren Leichnam drei Tage und einen halben und erlauben nicht, ihre Leichname ins Grab zu legen.«A41 Wie bereits erläutert, bedeuten dreieinhalb Tage im Sprachgebrauch der Heiligen Schriften dreieinhalb Jahre. Dreieinhalb Jahre entsprechen zweiundvierzig Monaten und zweiundvierzig Monate sind 1260 Tage. Da nach dem Wortlaut der Bibel jeder Tag einem Jahr entspricht, bedeutet dies, dass 1260 Jahre lang – was der Dauer der qur’ánischen Sendung entspricht – Nationen, Stämme und Völker deren Leichname sehen; das heißt, sie werden die Religion Gottes vor Augen haben, aber nicht im Einklang mit ihr handeln. Dennoch werden sie es nicht zulassen, dass diese Leichname – die Religion Gottes – zur letzten Ruhe gebettet werden. Das heißt, sie klammern sich an ihre äußere Form und lassen sie weder gänzlich aus ihrer Mitte verschwinden, noch erlauben sie, dass der Körper völlig zerstört und vernichtet wird. Vielmehr geben sie seine Wirklichkeit auf, während sie nach außen hin seinen Namen und sein Gedenken aufrechterhalten. Hier wird auf solche Stämme, Völker und Nationen angespielt, die unter dem Schatten des Qur’án versammelt waren. Sie sind es, die nicht zulassen, dass die Sache Gottes und der Glaube auch nach außen hin vernichtet wird. So hielten sie sich zwar noch an das Beten und Fasten, aber die wahre Grundlage der Religion Gottes – ein guter Charakter, aufrechtes Verhalten und die Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse – war verschwunden; das Licht menschlicher Tugenden, das aus der Liebe und Erkenntnis Gottes hervorgeht, war erloschen; die Dunkelheit der Unterdrückung und der Tyrannei, der fleischlichen Begierden und satanischen Eigenschaften hatten obsiegt, und der Körper der Religion Gottes wurde wie ein Leichnam öffentlich zur Schau gestellt. Im Verlauf von 1260 Tagen, jeder Tag einem Jahr entsprechend – das heißt für die Dauer der islamischen Sendung – ging alles, was diese zwei Personen als die Grundlage der Religion Gottes aufgebaut hatten, bei ihren Anhängern verloren. Die Spuren menschlicher Tugenden – die Gaben Gottes sind und die den Geist dieser Religion ausmachen – wurden so sehr verwischt, dass Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Eintracht, Reinheit, Heiligkeit, Loslösung, einfach alle himmlischen Eigenschaften aus ihrer Mitte verschwanden und was von der Religion verblieb, war nur Gebet und Fasten. Dieser Zustand hielt 1260 Jahre an, was der qur’ánischen Sendung entspricht. Es war, als wären diese beiden Personen gestorben und hätten nur ihre seelenlosen Körper hinterlassen. »Und die Bewohner der Erde freuen sich darüber, beglückwünschen sich und schicken sich gegenseitig Geschenke; denn die beiden Propheten hatten die Bewohner der Erde gequält.«A42 Mit »den Bewohnern der Erde« sind andere Völker und Nationen gemeint, wie jene aus Europa und aus fernen asiatischen Ländern, die sahen, dass der Charakter des Islam sich gänzlich verändert hatte, dass man die Religion Gottes aufgegeben hatte, dass Tugend, Anstand und Ehre verschwunden waren und der Charakter der Menschen verdorben war und die sich daraufhin freuten, dass die Moral der Muslime korrumpiert worden war und sie somit von anderen Nationen besiegt werden konnten. Und dies ist ganz unübersehbar eingetreten. Schau, wie dieses Volk, das einst größte Macht ausübte, erniedrigt und unterjocht wurde! Die anderen Völker »schicken sich gegenseitig Geschenke« bedeutet, dass sie sich gegenseitig unterstützen, denn »die beiden Propheten hatten die Bewohner der Erde gequält«; das heißt, sie hatten die anderen Völker und Nationen der Erde unterjocht und unterworfen. »Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie stellten sich auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel auf die, die sie sahen.«A43 Dreieinhalb Tage sind, wie bereits erklärt, 1260 Jahre. Diesen beiden Personen, deren Leichname seelenlos dalagen, – das sind die Lehren und die Religion, die von Muḥammad gestiftet und von ‘Alí verbreitet worden waren, deren Wirklichkeit verloren gegangen und von denen nur eine leere Hülle verblieben war –, wurde wieder ein neuer Geist eingehaucht; diese Lehren wurden gewissermaßen neu begründet. Das heißt, das Geistige der Religion Gottes, das dem Stofflichen gewichen war; die Tugenden, die zum Laster geworden waren; die Liebe Gottes, die zum Hass geworden war; das Licht, das zur Finsternis geworden war; die göttlichen Eigenschaften, die zu satanischen Merkmalen geworden waren; die Gerechtigkeit, die zur Tyrannei verkommen war; die Barmherzigkeit, die zur Bosheit geworden war; die Aufrichtigkeit, die zur Heuchelei geworden war; die Führung, die zur Irreleitung geworden war; die Reinheit, die zur Fleischeslust geworden war – all diese göttlichen Lehren, himmlischen Tugenden und Vollkommenheiten sowie geistigen Gaben – wurden nach dreieinhalb Tagen, was nach dem Sprachgebrauch der Heiligen Schriften 1260 Jahren entspricht, durch das Erscheinen des Báb und durch die Gefolgschaft von Quddús erneuert. So wehten die Brisen der Heiligkeit, das Licht der Wahrheit erstrahlte, die lebensspendende Frühlingszeit begann und der Morgen der Führung brach an. Diese zwei Leichname wurden wieder zum Leben erweckt und diese zwei großen Persönlichkeiten – der Stifter und der Verkünder – erhoben sich und wirkten wie zwei Leuchten, denn sie erhellten die ganze Welt mit dem Licht der Wahrheit. »Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen: Steigt herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel in einer Wolke«A44, das heißt, sie hörten, wie vom unsichtbaren Himmel aus die Stimme Gottes zu ihnen sprach: Ihr habt alles erfüllt, womit ihr beauftragt wart im Hinblick auf die Erziehung der Menschen und die Verkündigung der frohen Botschaft dessen, was kommen wird. Ihr habt Meine Botschaft dem Volk überbracht, den Ruf der Wahrheit erhoben und jede Eurer Verpflichtungen erfüllt. Nun sollt ihr es Christus gleichtun, euer Leben auf dem Pfad des Geliebten hingeben und den Märtyrertod erleiden. Und in diesem Sinne gingen beide, die Sonne der Wirklichkeit und der Mond der Führung,A45 wie Christus am Horizont des höchsten Opfers unter und stiegen in das himmlische Reich auf. »Und es sahen sie ihre Feinde.«A46 Das heißt, nach ihrem Martyrium erkannten viele ihrer Feinde ihre erhabene Stufe und ihre vortreffliche Tugendhaftigkeit, und sie bezeugten ihre Größe und Vollkommenheit. »Und zu derselben Stunde geschah ein großes Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt stürzte ein; und es wurden getötet in dem Erdbeben siebentausend Menschen.«A47 Dieses Erdbeben ereignete sich in Shíráz nach dem Märtyrertod des Báb. Die Stadt versank in Aufruhr und viele Menschen wurden getötet. Ein erheblicher Aufruhr entstand zudem durch Krankheiten, Cholera, Unterversorgung, Hungersnöte und andere Bedrängnisse – ein Aufruhr, desgleichen man bis dahin nie gesehen hatte. »Und die andern erschraken und gaben dem Gott des Himmels die Ehre.«A48 Als sich das Erdbeben in der Provinz Fárs ereignete, jammerten und klagten die Überlebenden Tag und Nacht, priesen Gott und flehten Ihn an. Ihre Angst und Unruhe waren so groß, dass sie des Nachts weder Ruhe noch Frieden finden konnten. »Das zweite Wehe ist vorüber; siehe, das dritte Wehe kommt schnell.«A49 Das erste Wehe war das Erscheinen des Gesandten Gottes, Muḥammad, der Sohn des ‘Abdu’lláh, Friede sei mit Ihm. Das zweite Wehe war das Kommen des Báb, auf Ihm sei Herrlichkeit und Lobpreis. Das dritte Wehe ist der große Tag der Ankunft des Herrn der Heerscharen und die Offenbarung der verheißenen Schönheit. Die Erklärung dieser Frage findet sich im dreißigsten Kapitel Hesekiels, wo es heißt: »Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage und sprich: So spricht Gott der Herr: Heulet! Wehe, was für ein Tag! Denn der Tag ist nahe, ja, des Herrn Tag ist nahe.«A50 Es ist also offensichtlich, dass der Tag des Wehs der Tag des Herrn ist; denn an jenem Tag gilt das Weh den Achtlosen, den Sündern und den Unwissenden. Darum heißt es, »Das zweite Wehe ist vorüber; und siehe, das dritte Wehe kommt schnell.« Dieses dritte Wehe ist der Tag der Offenbarung Bahá’u’lláhs, der Tag Gottes, und es ist nahe dem Tag des Erscheinens des Báb. »Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen: Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.«A51 Dieser Engel erwähnt menschliche Seelen, die mit himmlischen Eigenschaften ausgestattet wurden und denen eine engelhafte Natur und Gesinnung verliehen ist. Stimmen werden sich erheben und das Erscheinen der göttlichen Manifestation wird weithin verkündet. Es wird verkündet, dass dieser Tag der Tag des Erscheinens des Herrn der Heerscharen und diese Sendung die Gnadengabe göttlicher Vorsehung ist. In allen heiligen Büchern und Schriften wurde verheißen und festgehalten, dass an diesem Tag Gottes Seine himmlische und geistige Herrschaft errichtet wird, die Welt erneuert wird, ein neuer Geist dem Körper der Schöpfung eingehaucht wird, der göttliche Frühling eingeläutet wird, die Wolken der Barmherzigkeit herabregnen werden, die Sonne der Wahrheit erstrahlen wird und lebensspendende Brisen wehen werden. Die Menschenwelt wird mit einem neuen Gewand geschmückt, das Antlitz der Erde wird geradezu dem höchsten Paradies gleichen, der Menschheit wird Erziehung zuteilwerden; Krieg, Uneinigkeit, Auseinandersetzungen und Streit werden verschwinden; Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Frieden und Frömmigkeit werden obsiegen; Liebe, Eintracht und Einheit werden die Welt umfassen und Gott wird für immer herrschen – das heißt, eine immerwährende geistige Herrschaft wird errichtet. Das ist der Tag Gottes. Alle Tage, die kamen und gingen, waren die Tage Abrahams, Mose, Christi oder anderer Propheten; dieser Tag jedoch ist der Tag Gottes, da an diesem Tag die Sonne der Wahrheit mit der größten Intensität und Strahlkraft scheinen wird. »Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast!«A52 In jeder Sendung gab es zwölf Auserwählte: Zur Zeit Josefs gab es zwölf Brüder, zur Zeit Mose zwölf Stammesführer, zur Zeit Christi zwölf Apostel und zur Zeit Muḥammads gab es zwölf Imáme. Aber in dieser ruhmreichen Offenbarung gibt es, bedingt durch ihre Größe, vierundzwanzig solcher Seelen, doppelt so viele wie bei all den anderen.A53 Diese heiligen Seelen thronen in der Gegenwart Gottes, was bedeutet, dass sie auf ewig herrschen. Obwohl diese vierundzwanzig ruhmreichen Seelen auf dem Throne ewiger Souveränität sitzen, verbeugen sie sich dennoch in demütiger Ergebenheit vor jener allumfassenden Manifestation Gottes und sprechen: »Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast!« Das heißt: Du wirst alle Deine Lehren verkünden, die ganze Menschheit unter Deinem Schatten versammeln und alle Menschen unter einem einzigen Tabernakel zusammenführen. Und obwohl die Herrschaft immer Gottes ist und Er seit jeher und bis in alle Ewigkeit höchster Herrscher bleiben wird, bezieht sich diese Stelle hier auf die Souveränität der Manifestation Seines eigenen Selbstes, die Gesetze und Lehren verkünden wird, die den Geist der Menschenwelt und die Quelle ewigen Lebens darstellen. Diese allumfassende Manifestation wird die Welt nicht durch Krieg und Streit, sondern durch eine geistige Macht unterwerfen. Er wird die Welt mit Frieden und Einklang schmücken und nicht mit Schwertern und Speeren. Er wird diese göttliche Herrschaft durch aufrichtige Liebe begründen, nicht durch militärische Macht. Er wird diese göttlichen Lehren durch Güte und Freundschaft verbreiten, nicht durch Gewalt und Waffen. Auch wenn diese Nationen und Völker angesichts der Verschiedenartigkeit ihrer Verhältnisse, ihrer unterschiedlichen Bräuche und Wesenszüge, der Vielfalt ihrer Religionen und Hautfarben so unterschiedlich sind wie der Wolf und das Lamm, der Leopard und das Böcklein, der Säugling und die Natter, wird Er sie so erziehen, dass sie einander umarmen, sich zueinander gesellen und einander vertrauen werden. Rassenhass, religiöse Feindseligkeit und nationale Rivalitäten werden völlig beseitigt, und alle werden vollkommene Gemeinschaft und Eintracht unter dem Schutz des Gesegneten Baumes finden. »Und die Völker sind zornig geworden«, denn Deine Weisungen standen im Widerspruch zu den selbstsüchtigen Wünschen der anderen Völker, »und es ist gekommen Dein Zorn«A54, was bedeutet, dass alle schwerwiegende Verluste erleiden mussten, da sie Deinen Ratschlägen, Ermahnungen und Lehren nicht folgten; sie waren der ewigen Gnade beraubt und Schleier trennten sie vom Licht der Sonne der Wahrheit. »Und die Zeit, die Toten zu richten«A55 bedeutet, dass die Zeit gekommen ist, in der über die Toten, also jene, die den Geist der Liebe Gottes entbehren und des ewigen und heiligen Lebens beraubt sind, das gerechte Urteil gesprochen werden soll, was bedeutet, dass jeder nach Wert und Fähigkeit auferweckt wird und dass die volle Wahrheit offen gelegt werden soll, in welchen Abgründen der Erniedrigung sie sich in dieser Welt des Seins befinden und dass sie wahrhaftig zu den Toten zählen. »Und den Lohn zu geben Deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die Deinen Namen fürchten, die Kleinen und die Großen«A56, das heißt, Du wählst die Gerechten für Deine grenzenlose Gnade aus, lässt sie wie himmlische Sterne am Horizont urewiger Herrlichkeit leuchten und stehst ihnen bei, ein Verhalten und einen Charakter an den Tag zu legen, mit dem sie die Menschenwelt erleuchten und zum Mittel der Führung und zum Born ewigen Lebens im Königreich Gottes werden. »Und zu vernichten, die die Erde vernichten.«A57 Das heißt, Du wirst den Achtlosen alles nehmen; denn die Blindheit der Blinden wird bloßgestellt und die Sehkraft der Sehenden wird offenkundig; die Unwissenheit und Torheit der Irregeleiteten wird erkannt werden und die Erkenntnis und Weisheit der Rechtgeleiteten wird offenbart und so werden die Zerstörer vernichtet. »Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan.«A58 Damit ist gemeint, dass das himmlische Jerusalem erschienen und das Allerheiligste offenbar geworden ist. Für die Menschen mit wahrem Wissen bezieht sich das Allerheiligste auf das Wesen der Religion Gottes und auf Seine wahre Lehre, die, wie zuvor erklärt, in allen prophetischen Sendungen unverändert geblieben ist, wobei Jerusalem die Wirklichkeit der Religion Gottes, also das Allerheiligste, ebenso umfasst wie all die Gesetze, Transaktionen, die Riten und materiellen Verordnungen, die die Stadt ausmachen. Darum heißt es das himmlische Jerusalem. Kurz gesagt, im Laufe der Sendung der Sonne der Wahrheit werden die Lichter Gottes mit größter Pracht leuchten und so wird der Kern göttlicher Lehren in der Welt des Seins verwirklicht werden, die Dunkelheit der Unwissenheit und der Torheit wird vertrieben, die Welt wird eine andere Welt, geistige Erleuchtung wird alle umfassen, und so wird das Allerheiligste erscheinen. »Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan.«A59 Das heißt auch, dass durch die Verbreitung dieser göttlichen Lehren, die Enthüllung dieser himmlischen Mysterien und durch das Aufgehen der Sonne der Wahrheit die Pforten des Fortschritts nach allen Seiten weit geöffnet und die Zeichen himmlischer Segnungen und Gnadengaben offenkundig werden. »Und die Lade seines Bundes wurde in seinem Tempel sichtbar.«A60 Das bedeutet, dass das Buch Seines Bundes in Seinem Jerusalem erscheinen wird, dass die Tafel des Testaments aufgezeichnet wird und dass die Bedeutung des Bundes und des Testaments klar ersichtlich wird. Der Ruf Gottes wird überall in Ost und West widerhallen, und der Ruhm der Sache Gottes wird die Erde umspannen. Die Bundesbrecher werden gedemütigt und erniedrigt, und die Gläubigen werden Ehre und Ruhm erlangen, denn sie halten sich beharrlich an das Buch des Bundes und bleiben standhaft und unerschütterlich auf dem Pfad des Testaments. »Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und ein großer Hagel.«A61 Das bedeutet, dass nach dem Erscheinen des Buches des Bundes ein großer Sturm hereinbrechen wird, dass Blitze des göttlichen Grolls und Zorns aufflammen, der Donner des Bundesbruchs losbrechen, das Beben des Zweifels die Erde erschüttern, der Hagel der Qualen auf die Bundesbrecher niederprasseln wird und dass diejenigen, die behaupten zu glauben, auf die Probe gestellt werden.
Kapitel 12
Kommentar zum elften Kapitel Jesajas
In Jesaja 11:1–9 heißt es: »Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. Und auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht des HERRN; und er wird sein Wohlgefallen haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, und nicht zurechtweisen nach dem, was seine Ohren hören, sondern er wird die Geringen richten in Gerechtigkeit und die Elenden des Landes zurechtweisen in Geradheit. Und er wird den Gewalttätigen schlagen mit dem Stab seines Mundes und mit dem Hauch seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Schurz seiner Hüften sein und die Treue der Schurz seiner Lenden. Und der Wolf wird beim Lamm weilen und der Leopard beim Böckchen lagern. Das Kalb und der Junglöwe und das Mastvieh werden zusammen sein, und ein kleiner Junge wird sie treiben. Kuh und Bärin werden miteinander weiden, ihre Jungen werden zusammen lagern. Und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und der Säugling wird spielen an dem Loch der Viper und das entwöhnte Kind seine Hand ausstrecken nach der Höhle der Otter. Man wird nichts Böses tun noch verderblich handeln auf meinem ganzen heiligen Berg. Denn das Land wird voll von Erkenntnis des HERRN sein, wie von Wasser, das das Meer bedeckt.« Dieser »Spross aus dem Stumpf Isais« scheint auf Christus hinzuweisen, denn Josef war ein Nachkomme von Isais, dem Vater von David. Weil Christus aber durch den göttlichen Geist ins Leben gerufen wurde, bezeichnete Er sich als Sohn Gottes. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte diese Aussage durchaus auf Ihn zutreffen können. Darüber hinaus sind die für die Tage dieses Spross’ vorhergesagten Ereignisse im übertragenen Sinne nur teilweise eingetreten und wenn man sie wörtlich nimmt, dann sind sie in den Tagen Christi gänzlich ausgeblieben. Zum Beispiel könnte man sagen, der Leopard und das Böckchen, der Löwe und das Kalb, der Säugling und die Viper repräsentieren die verschiedenen Nationen, die feindlichen Völker und streitenden Stämme auf Erden, die in ihrer Feindseligkeit Wolf und Lamm glichen und durch die Brisen des messianischen Geistes mit dem Geist der Einheit und Gemeinschaft beschenkt wurden, zum Leben erwachten und vertrauten Umgang miteinander pflegten. Der Zustand aber, auf den hier angespielt wird, »Man wird nichts Böses tun noch verderblich handeln auf meinem ganzen heiligen Berg. Denn das Land wird voll von Erkenntnis des HERRN sein, wie von Wasser, das das Meer bedeckt«, ist in der Sendung Christi nicht eingetreten. Tatsächlich gibt es bis zum heutigen Tage verschiedene einander feindlich gesinnte und miteinander streitende Völker: Nur wenige erkennen den Gott Israels an und die meisten sind bar der Erkenntnis Gottes. Ebenso wurde mit dem Kommen Christi kein allumfassender Friede begründet, das heißt, unter den feindseligen und streitsüchtigen Nationen wurden Frieden und Wohlergehen nicht verwirklicht, Auseinandersetzungen und Konflikte nicht beigelegt und Eintracht und Aufrichtigkeit nicht erreicht. So herrschen sogar bis heute unter christlichen Völkern extreme Feindschaft, Hass und Konflikte. Diese Verse treffen aber Wort für Wort auf Bahá’u’lláh zu. In dieser wundersamen Sendung wird zudem die Erde zu einer anderen Erde und die Menschenwelt wird in vollkommener Ruhe und Schönheit erstrahlen. Zwietracht, Streit und Blutvergießen werden weichen für Frieden, Aufrichtigkeit und Eintracht. Unter den Nationen, Völkern, Stämmen und Regierungen wird Liebe und Freundschaft herrschen und Zusammenarbeit und enge Verbundenheit wird dauerhaft bestehen. Schließlich wird der Krieg gänzlich abgeschafft und sobald die Gesetze des Heiligsten Buches in Kraft gesetzt sind, werden Auseinandersetzungen und Streitigkeiten von einem weltweiten Gerichtshof der Regierungen und Völker in äußerster Gerechtigkeit beigelegt und alle etwaigen Probleme gelöst. Die fünf Kontinente der Welt werden wie ein einziger Kontinent, ihre verschiedenen Nationen zu einer Nation, die Erde wird zu einer Heimat und die Menschheit zu einem Volk. Länder werden so eng miteinander verbunden sein, und Völker und Nationen werden so miteinander verwoben und vereint, dass die Menschheit wie eine einzige Familie wird. Das Licht der himmlischen Liebe wird leuchten, und die düstere Finsternis von Hass und Feindschaft wird so weit wie möglich aufgelöst werden. Allumfassender Frieden wird sein Festzelt inmitten der Schöpfung errichten und der gesegnete Baum des Lebens wird so wachsen und gedeihen, dass sein schützender Schatten sich über Ost und West erstreckt. Starke und Schwache, Reiche und Arme, streitende Stämme und feindliche Nationen – sie gleichen Wolf und Lamm, Leopard und Böckchen, Löwe und Kalb – werden einander mit größter Liebe, Einheit, Gerechtigkeit und Unparteilichkeit begegnen. Die Erde wird erfüllt sein mit Wissen und Gelehrsamkeit, mit den Wahrheiten und Geheimnissen der Schöpfung und mit der Erkenntnis Gottes. Nun bedenke, wie weit in diesem ruhmreichen Zeitalter, dem Jahrhundert Bahá’u’lláhs, Wissen und Gelehrsamkeit fortgeschritten sind, wie umfassend die Geheimnisse der Schöpfung enthüllt worden sind und wie viele großartige Unternehmungen auf den Weg gebracht wurden und sich Tag für Tag mehren! Bald werden weltliches Wissen und Gelehrsamkeit sowie geistige Erkenntnis derartige Fortschritte machen und solche Wunder bewirken, dass sie jedes Auge in Staunen versetzen und die ganze Bedeutung des Verses Jesajas offenbaren: »Denn das Land wird voll von Erkenntnis des Herrn sein.« Bedenke auch, dass in der kurzen Zeitspanne seit dem Kommen Bahá’u’lláhs Menschen aller Nationen, Geschlechter und Völker in den Schatten dieser Sache getreten sind. Christen, Juden, Zoroastrier, Hindus, Buddhisten und Perser begegnen einander mit solch vollkommener Liebe und Verbundenheit, als hätten sie tausend Jahre lang demselben Stamm und derselben Familie angehört – als wären sie tatsächlich Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Schwester und Bruder. Dies ist eine der Bedeutungen der Gemeinschaft von Wolf und Lamm, von Leopard und Böckchen, von Löwe und Kalb. Eines der großen Ereignisse, das sich am Tag der Manifestation dieses unvergleichlichen Schösslings ereignen wird, ist das Hissen des Banners Gottes unter allen Völkern. Damit ist gemeint, dass alle Völker und Geschlechter unter dem Schatten dieses göttlichen Banners, das nichts anderes als der Schössling des Herrn selbst ist, zu einem einzigen Volk werden. Religiöse und sektiererische Gegensätze, Feindschaft zwischen Völkern und Menschen unterschiedlicher Herkunft und Streitigkeiten zwischen Nationen werden beseitigt sein. Alle Menschen werden einer Religion angehören, einem gemeinsamen Glauben folgen, zu einem Menschengeschlecht verschmelzen und zu einem einzigen Volk werden. Alle werden in einem gemeinsamen Heimatland wohnen, das den gesamten Erdball umschließt.A62 Allumfassender Friede und Eintracht wird unter allen Nationen herrschen. Dieser unvergleichliche Schössling wird ganz Israel versammeln; das heißt, in Seiner Sendung wird Israel im Heiligen Land versammelt werden; das jüdische Volk, das jetzt im Osten und Westen, im Norden und im Süden verstreut ist, wird versammelt werden. Beachte, dass diese Ereignisse nicht in der christlichen Sendung stattgefunden haben, denn die Nationen haben sich nicht unter einem einzigen Banner – jenem göttlichen Schössling – versammelt, aber in dieser Sendung des Herrn der Heerscharen werden alle Nationen und Völker in Seinen Schatten treten. Desgleichen wurde das über die ganze Welt verstreute Israel nicht im Zuge der christlichen Sendung im Heiligen Land versammelt, aber zu Beginn der Sendung Bahá’u’lláhs begann diese in allen Büchern der Propheten eindeutig gegebene göttliche Verheißung Wirklichkeit zu werden. Sieh, wie aus allen Teilen der Welt jüdische Volksgruppen in das Heilige Land kommen, Dörfer und Ländereien erwerben, um dort zu wohnen und von Tag zu Tag werden es immer mehr, so dass ganz Palästina für sie zur Wohnstatt wird.
Kapitel 13
Kommentar zum zwölften Kapitel der Offenbarung des Johannes
Wir haben bereits erörtert, dass mit der Heiligen Stadt oder dem göttlichen Jerusalem in den Heiligen Schriften meist die Religion Gottes gemeint ist, die bisweilen auch mit einer Braut verglichen wird oder ›Jerusalem‹ genannt oder als der neue Himmel und die neue Erde beschrieben wird. So heißt es in der Offenbarung, Kapitel 21: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.«A63 Denke darüber nach, wie unverkennbar »der erste Himmel« und »die erste Erde« sich auf die äußeren Aspekte der früheren Religion beziehen. Denn es heißt: »… der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.« Das heißt, die Erde ist der Schauplatz des Jüngsten Gerichts, und dort wird es das Meer nicht mehr geben, was bedeutet, dass die Lehre und das Gesetz Gottes auf der ganzen Erde verbreitet sein werden, die ganze Menschheit Seine Sache angenommen haben wird, und die Erde gänzlich von Gläubigen bevölkert sein wird. Es wird also kein Meer mehr geben, weil der Mensch das Festland und nicht das Meer bewohnt – das heißt, in jener Sendung wird sich der Einflussbereich der Religion über alle von Menschen bewohnten Länder erstrecken und sie wird auf festem Grund stehen, auf dem die Füße nicht straucheln. Ebenso wird die Religion Gottes als die Heilige Stadt und das Neue Jerusalem bezeichnet. Es liegt auf der Hand, dass das Neue Jerusalem, das vom Himmel herabkommt, keine Stadt aus Stein und Kalk, aus Ziegel und Mörtel ist, sondern vielmehr die Religion Gottes, die vom Himmel hernieder kommt und als neu bezeichnet wird. Denn es ist offensichtlich, dass nicht das Jerusalem aus Stein und Mörtel vom Himmel herabkommt und erneuert wird; was erneuert wird ist die Religion Gottes. Zudem wird die Religion Gottes mit einer geschmückten Braut verglichen, die mit größter Anmut erscheint, wie es in Kapitel 21 der Offenbarung des Johannes heißt: »Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.«A64 Und in Kapitel 12 heißt es: »Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Diese Frau ist jene Braut, die Religion Gottes, die auf Muḥammad herabkam. Die Sonne, mit der sie bekleidet war, und der Mond unter ihren Füßen sind die beiden Regierungen, die im Schatten dieser Religion stehen, die persische und die osmanische, denn das Wahrzeichen Persiens ist die Sonne und das des Osmanischen Reiches ist der Halbmond. So spielen die Sonne und der Mond auf zwei Regierungen im Schatten der Religion Gottes an. Danach heißt es, dass »… auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen« ruhe. Diese zwölf Sterne stehen für die zwölf Imáme, die Förderer der Religion Muḥammads und Erzieher des Volkes waren und wie Sterne am Himmel der Führung leuchteten. Dann heißt es: »Sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und litt große Qual bei der Geburt«A65, was bedeutet, dass diese Religion unter großen Schwierigkeiten zu leiden hat und große Not und Mühsal ertragen wird, bis ein vollkommener Nachkomme aus ihr hervorgeht, das heißt, bis die nachfolgende und verheißene Manifestation als vollkommener Nachkomme im Schoße dieser Religion aufgewachsen ist, die Ihm wie eine Mutter ist. Mit diesem Nachkommen ist der Báb gemeint, der Erste Punkt, der ja tatsächlich aus der Religion Muḥammads hervorging. Mit anderen Worten, diese heilige Wirklichkeit, die Kind und Frucht der Religion Gottes – seiner Mutter – und zugleich ihr Verheißener war, kam im Himmelreich dieser Religion ins Dasein, wurde aber zu Gott entrückt, um dem Aufstieg des Drachens zu entgehen. Nach 1260 Tagen wurde der Drache vernichtet und der Nachkomme der Religion Gottes, des Verheißenen, wurde offenbart. »Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen. Und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde.«A66 Dieser Drache steht für die Umayyaden, die die Herrschaft der Religion Muḥammads an sich gerissen hatten; und die sieben Häupter und sieben Kronen repräsentieren die sieben Herrschaftsgebiete und Königreiche, über die sie regierten: das römische Herrschaftsgebiet in Syrien; das persische, arabische und ägyptische Herrschaftsgebiet; das Herrschaftsgebiet Afrikas, das heißt Tunesien, Marokko und Algerien; das Herrschaftsgebiet Andalusiens, das heutige Spanien; und das Herrschaftsgebiet der türkischen Stämme von Transoxanien. Die Umayyaden erlangten Macht über all diese Herrschaftsgebiete. Die zehn Hörner stehen für die Namen der Umayyaden-Herrscher, denn abgesehen von Wiederholungen sind es zehn Regenten, also zehn Namen von Oberhäuptern und Herrschern. Der erste ist Abú Sufyán und der letzte ist Marván. Einige Namen wiederholen sich, darunter sind zwei Mu‘áviyihs, drei Yazíds, zwei Valíds und zwei Marváns. Werden diese Namen jedoch nur einmal gezählt, so sind es insgesamt zehn. Angefangen bei Abú Sufyán, dem ehemaligen Oberhaupt von Mekka und Gründer der Dynastie, bis hin zu Marván – vernichteten die Umayyaden ein Drittel der heiligen und gesegneten Nachkommen aus der reinen Abstammung Muḥammads, die wie die Sterne am Himmel waren. »Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«A67 Diese Frau ist die Religion Gottes, wie zuvor erklärt wurde. Dass der Drache vor ihr steht, deutet darauf hin, dass er nur darauf wartet, ihr Kind sofort nach der Geburt zu verschlingen. Dieses Kind war die verheißene Manifestation, der Nachkomme der Religion Muḥammads. Die Umayyaden waren stets darauf bedacht, den Verheißenen, der von Muḥammad abstammen sollte, zu ergreifen, um Ihn zu vernichten, denn sie hatten große Angst vor Seinem Kommen. Und wo immer sie einen Nachkommen von Muḥammad fanden, der bei den Menschen besonders angesehen war, töteten sie ihn. »Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe.«A68 Dieser herrliche Sohn ist die verheißene Manifestation, geboren aus der Religion Gottes und aufgewachsen im Schoß der göttlichen Lehren. Der eiserne Stab ist eine Metapher für Kraft und Macht – sie ist kein Schwert – und bedeutet, dass Er alle Völker der Erde mit Seiner göttlichen Kraft und Macht weiden wird. Und mit diesem Sohn ist der Báb gemeint. »Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.«A69 Dies ist eine Prophezeiung über den Báb, der zum Königreich, dem Throne Gottes und Sitz Seiner Souveränität emporgestiegen ist. Sieh, wie genau dies mit dem übereinstimmt, was tatsächlich eingetreten ist. »Und die Frau entfloh in die Wüste«A70; das heißt, die Religion Gottes zog sich in die Wüste zurück, womit die riesige Wüste von Ḥijáz und die arabische Halbinsel gemeint ist. »Wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott«A71, das heißt, die Arabische Halbinsel wurde zum Zufluchtsort, zur Wohnstätte und zum Zentrum der Religion Gottes. »Dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage«A72. Gemäß der Terminologie der Bibel bedeuten diese 1260 Tage, wie zuvor erläutert wurde, 1260 Jahre. So wurde 1260 Jahre lang die Religion Gottes in der riesigen Wüste Arabiens aufgebaut, bis der Verheißene erschien. Nach 1260 Jahren wurde diese Religion außer Kraft gesetzt, denn die Frucht dieses Baumes war erschienen und sein Ergebnis war erreicht. Betrachte, wie genau die Prophezeiungen miteinander übereinstimmen! Das Buch der Offenbarung legt das Erscheinen des Verheißenen auf zweiundvierzig Monate fest. Der Prophet Daniel gibt drei Zeiten und eine halbe an, das entspricht auch 42 Monaten oder 1260 Tagen. Ein anderer Abschnitt der Offenbarung des Johannes nennt unmittelbar 1260 Tage, und in der Bibel wird explizit darauf verwiesen, dass jeder Tag einem Jahr entspricht. Noch klarer könnten diese Prophezeiungen nicht miteinander übereinstimmen. Der Báb erschien im Jahr 1260 nach der Hijrah, dem Kalender entsprechend, dem alle Muslime folgen. In der Heiligen Schrift gibt es keine klarere Prophezeiung über irgendeine Manifestation als diese. Gerecht beurteilt ist die Übereinstimmung zwischen den von diesen erhabenen Seelen angegebenen Zeiten der schlüssigste Beweis und kann nicht anders gedeutet werden. Gesegnet sind die Gerechten, die die Wahrheit suchen. Wenn es jedoch an Gerechtigkeit mangelt, dann ziehen die Menschen das Offensichtliche in Zweifel, bestreiten und leugnen es. Ihr Verhalten ist wie das der Pharisäer in der Zeit Christi, die die Auslegungen und Erklärungen von Ihm und Seinen Aposteln hartnäckig abstritten, und die vorsätzlich die Wahrheit vor den unwissenden Massen verbargen, indem sie sagten: »Diese Prophezeiungen beziehen sich nicht auf Jesus, sondern auf den Verheißenen, der bald unter den in der Thora genannten Voraussetzungen erscheinen wird« – dazu zählt, dass Er ein König sein und auf dem Thron Davids sitzen werde, das Gesetz der Thora durchsetzen, die größte Gerechtigkeit einführen und bewirken werde, dass sich Wolf und Lamm an derselben Quelle versammeln. Und so haben sie die Menschen davon abgehalten, Christus zu erkennen.
Kapitel 14
Zyklen in der materiellen und der geistigen Welt
In der materiellen Welt bringt die Zeit zyklische Veränderungen mit sich und der Raum unterliegt wechselnden Bedingungen. Jahreszeiten folgen aufeinander und Menschen machen Fortschritte, Rückschritte und entwickeln sich. Es gibt die Zeit des Frühlings und die des Herbstes; es gibt die Zeit des Sommers und die des Winters. Die Frühlingszeit bringt schwere Regenwolken und duftende Moschusbrisen, sanften warmen Wind und ein wunderbar mildes Wetter. Es regnet, die Sonne scheint, belebende Brisen wehen, die Welt wird erneuert, und der Lebensodem offenbart sich in Pflanze, Tier und Mensch. Alles irdische Dasein geht von einem Zustand in einen anderen über. Alle Dinge sind mit einem neuen Gewand bekleidet: Die schwarze Erde wird von üppigem Gras bedeckt, Berge und Ebenen erscheinen in einem smaragdgrünen Gewand, Bäume tragen Blätter und Blüten, Gärten bringen Blumen und duftende Kräuter hervor, die Welt wird zu einer anderen Welt und die ganze Schöpfung wird mit neuem Leben erfüllt. Die Erde, die wie ein lebloser Körper war, empfängt einen neuen Geist und zeigt sich in höchster Schönheit, Anmut und Ausstrahlung. So bringt die Frühlingszeit neues Leben hervor und verleiht einen neuen Geist. Dann kommt der Sommer, die Hitze nimmt zu und Wachstum und Entwicklung entfalten ihre ganze Kraft. Die Lebenskraft im Pflanzenreich erlangt ihre Fülle: Früchte und Getreide bilden sich heraus, die Erntezeit kommt, die Saat wird zur Garbe, und es wird für die Wintermonate vorgesorgt. Dann kommt der unerbittliche Herbst, wenn sich unheilvolle Stürme erheben, heftige Winde wehen und die karge, entbehrungsreiche Jahreszeit beginnt. Alles verdorrt, die angenehme Luft wird rau und kühl, die Frühlingsbrisen verwandeln sich in Herbstwinde, Bäume, die zuvor grün und fruchtbar waren, verkümmern und werden kahl, Blumen und Kräuter welken dahin und köstliche Gärten werden zu trostlosen Staubhaufen. Es folgt der Winter, wenn eisige Winde wehen und Stürme aufkommen. Es schneit und stürmt, es hagelt und regnet, es donnert und blitzt; alles friert und erstarrt. Pflanzen sterben und Tiere siechen dahin und verkümmern. Wenn dieses Stadium erreicht ist, kehrt die lebensspendende Frühlingszeit wieder zurück und ein neuer Zyklus beginnt. Der Frühling mit seiner grenzenlosen Energie und Anmut und in der Fülle seiner Größe und Majestät, schlägt sein Zelt auf Bergen und Ebenen auf. Und erneut wird die Gestalt erschaffener Dinge wiederbelebt und die Schöpfung bedingter Wesen erneuert. Lebendige Körper wachsen und entwickeln sich, Felder und Ebenen werden grün und fruchtbar, Bäume bringen Blüten hervor, und der Frühling des letzten Jahres kehrt in größter Majestät und Pracht zurück. Die bloße Existenz des Erschaffenen wird immer von diesen Zyklen und Abfolgen abhängen und durch sie aufrechterhalten werden. Das sind die Zyklen und Umwälzungen in der materiellen Welt. Die geistigen Zyklen, die mit den Propheten Gottes verbunden sind, verlaufen in gleicher Weise. Das heißt, der Tag des Erscheinens der Heiligen Manifestationen ist der geistige Frühling. Er ist göttlicher Glanz und himmlische Gnade; er ist der Odem des Lebens und die Morgendämmerung der Sonne der Wahrheit. Der Geist wird belebt, das Herz erfrischt, die Seele veredelt, alles Sein wird in Bewegung versetzt, der Menschen Wirklichkeit frohlockt und Fertigkeiten und Vollendung nehmen zu. Allgemeiner Fortschritt wird erzielt, die Seelen werden versammelt und die Toten zum Leben erweckt, denn es ist der Tag der Auferstehung, die Zeit der Unruhe und Gärung, die Stunde der Freude und des Glücks, die Zeit der Verzückung und der Hingabe. Dieser lebensspendende Frühling bringt dann einen Sommer voller Früchte hervor. Das Wort Gottes wird verkündet, Sein Gesetz verbreitet, und alles Dasein erreicht einen Zustand der Vollkommenheit. Die himmlische Tafel wird ausgebreitet, die duftenden Brisen der Heiligkeit dringen nach Ost und West, die Lehren Gottes erobern die ganze Erde, Seelen werden erzogen, lobenswerte Ergebnisse werden erzielt, allgemeiner Fortschritt wird im Menschenreich erlangt, die göttlichen Gaben umfassen alles Dasein, und die Sonne der Wahrheit scheint über dem Horizont des himmlischen Königreichs in ihrer vollen Macht und Stärke. Wenn diese Sonne ihren Zenit erreicht, beginnt sie zu sinken, und auf diese Sommerzeit des Geistes folgt der Herbst. Wachstum und Entwicklung kommen zum Stillstand, sanfte Brisen verwandeln sich in verheerende Winde und die karge, entbehrungsreiche Jahreszeit lässt die Lebenskraft und Schönheit der Gärten, Felder und Lauben schwinden. Das heißt, geistige Anziehungskräfte schwinden, göttliche Eigenschaften vergehen, das Strahlen der Herzens verblasst, die Geistigkeit der Seelen wird getrübt, Tugenden werden zu Lastern, Heiligkeit und Reinheit sind nicht mehr zu finden. Vom Gesetz Gottes verbleibt nichts als ein Name und von den göttlichen Lehren nichts als eine äußere Form. Die Grundfesten der Religion Gottes werden zerstört und vernichtet, Bräuche und Traditionen treten an ihre Stelle, es kommt zu Spaltungen und Standhaftigkeit verwandelt sich in Bestürzung. Der Geist verkümmert, das Herz ermattet und die Seele erstarrt. Der Winter bricht herein; das heißt, die Kälte der Torheit und Unwissenheit umhüllt die Welt und es herrscht die Dunkelheit eigensinniger und selbstsüchtiger Wünsche. Darauf folgt Gleichgültigkeit und Widerspenstigkeit, Trägheit und Torheit, Niedertracht und tierische Merkmale, Kälte und Versteinerung, genau wie zur Winterzeit, wenn der Erdball ohne den Einfluss der Sonnenstrahlen wüst und leer wird. Wenn das Reich von Geist und Verstand dieses Stadium erreicht, verbleibt nichts als der unabänderliche Tod und endloses Nichtsein. Wenn jedoch die Winterzeit zu Ende geht, kehrt der geistige Frühling wieder zurück und ein neuer Zyklus offenbart seinen Glanz. Die Brisen des Geistes wehen, der strahlende Morgen bricht an, die Wolken des Barmherzigen regnen herab, die Strahlen der Sonne der Wahrheit leuchten, und die Welt des Seins wird mit neuem Leben erfüllt und in ein wundersames Gewand gekleidet. In dieser neuen Jahreszeit erscheinen alle Zeichen und Gaben des vorangegangenen Frühlings wieder, vielleicht sogar in noch größerem Maße. Die geistigen Zyklen der Sonne der Wahrheit befinden sich wie die Zyklen der physischen Sonne in einem Zustand ständiger Bewegung und Erneuerung. Die Sonne der Wahrheit kann mit der materiellen Sonne verglichen werden, die an vielen verschiedenen Orten aufgeht. Einmal erhebt sie sich im Zeichen des Krebses und einmal im Zeichen der Waage; einmal erstrahlt sie im Zeichen des Wassermanns und ein andermal im Zeichen des Widders. Doch die Sonne ist nur eine Sonne und eine einzige Wirklichkeit. Die wahres Wissen besitzen, lieben die Sonne und sind nicht ihren Aufgangsorten verhaftet. Wer mit Einsicht begabt ist, sucht die Wahrheit selbst, nicht ihre Stellvertreter oder ihre Verkörperungen. So beugen sie sich in Anbetung vor der Sonne, in welchem Zeichen und über welchem Horizont sie auch immer aufgehen mag, und suchen die Wahrheit bei jeder geheiligten Seele, die sie offenbaren könnte. Solche Menschen entdecken unweigerlich die Wahrheit und sind nicht durch Schleier vom Licht der Sonne des göttlichen Himmels getrennt. Wer die Strahlen liebt und das Licht sucht, wird sich stets der Sonne zuwenden, ob sie nun im Zeichen des Widders scheint, ob sie ihre Gunst im Zeichen des Krebses gewährt oder ihre Strahlen im Zeichen des Zwillings aussendet. Aber die Törichten und Unwissenden sind nur von den Tierkreiszeichen angetan und von den Aufgangsorten verzaubert, nicht von der Sonne selbst. Als sie im Krebs stand, wandten sie sich ihr zu, aber als sie in die Waage überging, fuhren sie – an das frühere Zeichen gefesselt – fort ihren Blick auf dieses Zeichen zu richten und daran festzuhalten. So beraubten sie sich der Strahlen der Sonne, sobald sie sich bewegt hatte. So erstrahlte einst die Sonne der Wahrheit im Zeichen Abrahams, später erhob sie sich im Zeichen Mose und erleuchtete den Horizont und noch später schien sie mit größter Kraft, Wärme und Ausstrahlung im Zeichen Christi. Die nach der Wahrheit suchten, beteten sie an, wo immer sie sie sahen, aber sobald die Sonne ihre Strahlen auf den Sinai warf und die Wirklichkeit Mose erleuchtete, wurden diejenigen, die sich weiter an Abraham hielten, ihrer beraubt. Und die sich an Mose klammerten, waren ebenso wie durch Schleier von Gott getrennt, als die Sonne der Wahrheit die Strahlenfülle ihres himmlischen Glanzes vom Aufgangsort Christi aus verbreitet hatte und so setzte es sich immer weiter fort. Deshalb muss man nach der Wahrheit suchen, sich von jeder geheiligten Seele, in der man sie findet, verzücken und verzaubern lassen und sich ganz und gar von den Gnadengaben Gottes anziehen lassen. Wie ein Nachtfalter muss man das Licht lieben, in welcher Lampe es auch immer leuchtet; und wie eine Nachtigall muss man von der Rose bezaubert sein, in welcher Laube sie auch immer blüht. Würde die Sonne im Westen aufgehen, so wäre es immer noch die Sonne. Ja, wo auch immer die Sonne aufgehen mag, es ist stets dieselbe Sonne. Man darf nicht annehmen, dass ihr Aufgang sich auf einen einzigen Ort beschränkt und dass die anderen Orte daran keinen Anteil haben. Man darf sich nicht von ihrem Aufgang im Osten täuschen lassen und den Westen als Ort ihres Untergangs betrachten. Man muss nach der mannigfachen Gunst Gottes suchen, nach dem göttlichen Strahlenglanz Ausschau halten und sich von jeder Wirklichkeit, in der sie klar und deutlich zu finden sind, verzücken und verzaubern lassen. Bedenke: Hätten sich die Juden nicht an den Horizont Mose geklammert, sondern ihren Blick auf die Sonne der Wahrheit gerichtet, dann hätten sie gewiss die Sonne in ihrer göttlichen Strahlenfülle in diesem wahren Aufgangsort, in Christus, wahrgenommen. Aber ach, tausendmal ach! Sie klammerten sich an den Namen Mose und beraubten sich dieser himmlischen Gnade und dieses göttlichen Glanzes.
Kapitel 15
Wahres Glück
Ehre und Erhabenheit alles Existierenden hängt von bestimmten Ursachen und Bedingungen ab. Die Vortrefflichkeit, Zierde und Vollkommenheit der Erde liegen darin, dass sie durch die Frühlingsschauer grün und fruchtbar wird, Pflanzen aus ihr hervorsprießen, Blumen und Kräuter wachsen, blühende Bäume reichen Ertrag und frische und saftige Früchte hervorbringen, Gärten entstehen, Wiesen erblühen, Ebenen und Berge in smaragdgrünem Gewand erscheinen und Felder, Lauben, Dörfer und Städte geschmückt sind. Das ist das GlückA73 des Mineralreichs. Der Gipfel der Erhabenheit und Vollkommenheit für die Pflanzenwelt liegt darin, dass ein Baum an einem Fluss frischen Wassers steht, eine sanfte Brise weht und die Sonne ihm ihre Wärme spendet, ein Gärtner ihn pflegt und er von Tag zu Tag wächst und Früchte trägt. Aber ihr wahres Glück liegt darin, in die Welt der Tiere und Menschen überzugehen und zu ersetzen, was in den Körpern der Tiere und Menschen verbraucht wurde. Die Erhabenheit der Tierwelt liegt darin, vollkommene Glieder, Organe und Kräfte zu besitzen und alle Bedürfnisse decken zu können. Das ist der Gipfel ihrer Herrlichkeit, Ehre und Erhabenheit. So liegt das größte Glück für ein Tier in einer grünen fruchtbaren Wiese, in einem Fluss mit kristallklarem Wasser oder in einem belebten Wald. Wenn all diese Dinge bereit stehen, kann man sich kein größeres Glück für das Tier vorstellen. Sollte zum Beispiel ein Vogel sein Nest in einem grünen fruchtbaren Wald, in angenehmer Höhe, auf einem mächtigen Baum, in den höchsten Zweigen bauen, und sollte er so viel Körner und Wasser haben wie er braucht, dann wäre das sein vollkommenes Glück. Aber wahres Glück liegt für das Tier darin, aus der Tierwelt ins Menschenreich zu gelangen, wie die mikroskopisch kleinen Lebewesen, die durch Luft und Wasser in den Körper des Menschen gelangen, aufgenommen werden und ersetzen, was von ihm verbraucht wurde. Das ist die größte Ehre und das größte Glück für die Tierwelt, und keine größere Ehre ist für sie vorstellbar. Solch materielle Unbeschwertheit, Bequemlichkeit und Fülle stellt also offensichtlich das höchste Glück für Mineralien, Pflanzen und Tiere dar. Kein Reichtum, kein Wohlstand, keine Behaglichkeit und keine Unbeschwertheit in unserer materiellen Welt kann dem Reichtum eines Vogels gleichkommen, denn er hat die ganze Weite der Felder und Berge als Heimstatt; alle Samenkörner und Ernten sind sein Reichtum und seine Nahrung; und alle Ländereien, Dörfer, Wiesen, Weiden, Wälder und jede Wildnis sein Besitz. Wer ist nun reicher – dieser Vogel oder der Reichste unter den Menschen? Ganz gleich, wie viele Körner der Vogel auch sammeln oder verschenken mag, sein Reichtum wird nicht geschmälert. Somit ist klar, dass Ehre und Erhabenheit des Menschen nicht nur in materiellen Freuden und irdischen Vorteilen liegen kann. Das materielle Glück ist zweitrangig, während die Erhabenheit des Menschen in erster Linie in solchen Tugenden und Errungenschaften liegt, die die menschliche Wirklichkeit schmücken. Diese bestehen in göttlichen Segnungen, himmlischen Gaben, aufrichtigen Gefühlen, Liebe und Erkenntnis Gottes, Bildung, Verstandeswahrnehmungen und wissenschaftlichen Entdeckungen. Sie bestehen in Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, Wahrhaftigkeit und Güte, innerem Mut und natürlicher Menschlichkeit, dem Schutz der Rechte anderer und der Wahrung der Unantastbarkeit von Verträgen und Vereinbarungen. Sie bedeuten rechtschaffenes Verhalten unter allen Umständen, bedingungslose Liebe zur Wahrheit, Aufopferung für das Wohl aller Menschen, Güte und Mitgefühl für alle Völker, Gehorsam gegenüber den Lehren Gottes, Dienst für das himmlische Königreich, Führung für die gesamte Menschheit und Bildung für alle Völker und Nationen. Das ist das Glück der Menschenwelt! Das ist die Erhabenheit des Menschen in der bedingten Welt! Das ist ewiges Leben und himmlische Ehre! Diese Gaben erscheinen jedoch in der Wirklichkeit des Menschen allein durch eine heilige und göttliche Macht, und durch die himmlischen Lehren, denn sie bedürfen einer übernatürlichen Macht. Ansatzweise mag diese Vollkommenheit zwar in der Natur auftauchen, aber sie ist so flüchtig und kurzlebig wie Sonnenstrahlen auf einer Wand. Da der barmherzige Herr das Haupt des Menschen mit einem solch strahlenden Diadem gekrönt hat, müssen wir danach streben, dass seine leuchtenden Edelsteine ihr Licht auf die ganze Welt werfen.
Teil 2 – Einige christliche Themen
Kapitel 16
Intelligible Wirklichkeiten und ihr mit den Sinnen wahrnehmbarer Ausdruck
Es gibt einen Gesichtspunkt, der ausschlaggebend für das tiefere Verständnis der Fragen ist, die wir bereits erörtert haben und noch erörtern werden, dass nämlich menschliche Erkenntnis auf zweierlei Wegen erfolgt. Ein Weg ist die Erkenntnis über die Sinne. Was das Auge, das Ohr, der Geruchs-, Geschmacks- oder Tastsinn erfassen kann, nennt man ›mit den Sinnen wahrnehmbar‹. Zum Beispiel ist die Sonne wahrnehmbar, da man sie sehen kann. Ebenso sind Töne wahrnehmbar, da das Ohr sie hören kann; Gerüche, da sie eingeatmet und durch den Geruchssinn wahrgenommen werden können; Speisen, da der Gaumen ihren süßen, sauren, bitteren oder salzigen Geschmack wahrnehmen kann; Hitze und Kälte, da sie durch den Tastsinn wahrgenommen werden können. Dies nennen wir mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeiten. Der andere Weg zur Erkenntnis geht über das verstandesmäßig Fassbare; das sind die intelligiblen Wirklichkeiten, die nicht an Form und Raum gebunden und nicht mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Beispielsweise ist weder die Kraft des Verstandes noch irgendeine menschliche Eigenschaft mit den Sinnen wahrnehmbar: Es sind intelligible Wirklichkeiten. Auch Liebe ist eine intelligible und keine mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit. Denn das Ohr hört diese Wirklichkeiten nicht, das Auge sieht sie nicht, der Geruchssinn kann sie nicht wahrnehmen, der Geschmacksinn sie nicht feststellen, der Tastsinn sie nicht spüren. Selbst der Äther, dessen Kräfte in der Naturphilosophie mit Wärme, Licht, Elektrizität und Magnetismus beschrieben werden, ist eine intelligible und keine mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit. Auch das Wesen der Natur ist eine intelligible und keine mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit; der menschliche Geist ist eine intelligible und keine mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit. Wenn du aber versuchst, diese intelligiblen Wirklichkeiten zu erklären, dann bist zu gezwungen, sie in eine mit den Sinnen wahrnehmbare Form zu gießen, da es in der Außenwelt nichts gibt, das über die Sinneswahrnehmung hinaus geht. Wenn du also die Wirklichkeit des Geistes, seinen Zustand und seine Stufen darstellen möchtest, musst du sie zwangsläufig wie etwas beschreiben, das mit den Sinnen wahrnehmbar ist, denn in der Außenwelt gibt es nur das mit den Sinnen Wahrnehmbare. Kummer und Freude sind zum Beispiel intelligible Zustände. Wenn man diese geistigen Befindlichkeiten jedoch beschreiben möchte, sagt man: »Mir wurde schwer ums Herz« oder »Mir wurde leicht ums Herz«, obwohl das Herz nicht wirklich schwerer oder leichter wird. Vielmehr handelt es sich um einen geistigen, intelligiblen Zustand, der nur mit Analogien aus der Sinneswahrnehmung beschrieben werden kann. Ein anderes Beispiel wäre die Aussage: »Ein gewisser Soundso ist weit voran gekommen«, obgleich er an Ort und Stelle geblieben ist, oder: »Soundso hat eine hohe Stellung«, obwohl er, wie jeder andere auch, weiterhin auf der Erde einhergeht. Aufstieg und Fortschritt bezeichnen geistige Zustände und intelligible Wirklichkeiten; um sie jedoch darzustellen, muss man sie mit Begriffen der Sinneswelt beschreiben, da es in der Außenwelt nichts gibt, das über die Sinneswahrnehmung hinaus geht. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Wissen wird bildhaft als Licht und Unwissen als Dunkelheit beschrieben. Aber denke darüber nach: Ist Wissen wahrnehmbares Licht oder Unwissen wahrnehmbare Dunkelheit? Natürlich nicht. Es sind nur intelligible Zustände. Wenn man sie jedoch anschaulich beschreiben möchte, bezeichnet man Wissen als Licht und Unwissen als Dunkelheit und sagt: »Mein Herz war finster und es wurde erleuchtet.« Da das Licht des Wissens und die Dunkelheit des Unwissens intelligible und keine sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeiten sind, müssen wir sie als Sinneswahrnehmung beschreiben, um sie in der Außenwelt zum Ausdruck bringen zu können. Desgleichen ist offensichtlich, dass die Taube, die auf Christus herniederkam,A74 keine leibhaftige Taube war, sondern ein Geisteszustand, der für ein besseres Verständnis so versinnbildlicht wurde. Beispielsweise heißt es im Alten Testament, dass Gott als Feuersäule erschienA75. Gemeint ist hier kein mit den Sinnen wahrnehmbares Phänomen, sondern eine intelligible Wirklichkeit, die auf diese Weise veranschaulicht wird. Christus sagt: »Wisst, dass der Vater in mir ist und ich im Vater.«A76 Ist denn nun Christus in Gott oder Gott in Christus? Nein, bei Gott! Dies ist ein intelligibler Zustand, der in einer mit den Sinnen fassbaren Weise ausgedrückt wurde. Wir kommen nun zur Erklärung der Worte Bahá’u’lláhs: »O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und lag schlafend auf Meinem Lager. Siehe, da wehten die Lüfte des Allherrlichen über Mich hin und lehrten Mich die Erkenntnis all dessen, was war. Dies ist nicht von Mir, sondern von Einem, der allmächtig und allwissend ist.«A77 Das ist die Stufe göttlicher Offenbarung. Es ist keine mit den Sinnen wahrnehmbare, sondern eine intelligible Wirklichkeit. Sie ist geheiligt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und transzendiert diese. Es handelt sich um einen Vergleich, eine Analogie, eine Metapher und nicht um die Wahrheit im wortwörtlichen Sinn. Wenn hier davon die Rede ist, dass jemand schlief und dann erwachte, so ist damit nicht das gängige Verständnis gemeint, sondern es bezeichnet den Übergang eines Zustands in einen anderen. Schlafen ist zum Beispiel der Zustand der Ruhe und Wachsein der Zustand der Bewegung. Schlafen ist der Zustand der Stille und Wachsein der Zustand der Äußerung. Schlafen ist der Zustand der Verborgenseins und Wachsein der Zustand Sichtbarwerdens. So heißt es etwa im Persischen und Arabischen, dass die Erde schlief, dann der Frühling kam und die Erde erwachte, oder dass die Erde tot war, der Frühling kam und sie wieder lebendig wurde. Diese Ausdrucksweisen sind Vergleiche, Analogien und bildhafte Auslegungen und beziehen sich auf die innere Bedeutung. Kurz gesagt, die Manifestationen Gottes waren immer leuchtende Wirklichkeiten und werden es immer sein, und in ihrem Wesen gibt es weder Wandel noch Veränderung. Sie sind allenfalls vor Ihrer Offenbarung ruhig und schweigsam, wie jemand, der schläft, und nach Ihrer Offenbarung sind sie beredt und strahlend, wie jemand, der wach ist.
Kapitel 17
Die Geburt Christi
Frage: Wie wurde Christus aus dem Heiligen Geist geboren? Antwort: In dieser Frage widersprechen sich die geistig gesinnten und die materialistischen Philosophen. Die einen glauben, Christus sei aus dem Heiligen Geist geboren, während die anderen so etwas für unmöglich und unhaltbar erachten und der Auffassung sind, Er habe notwendigerweise einen menschlichen Vater gehabt. Im Qur’án heißt es: »… da sandten Wir Unseren Geist zu ihr, und Er erschien ihr in Gestalt eines vollkommenen Menschen«A78, was bedeutet, dass der Heilige Geist menschliche Gestalt annahm, etwa wie ein Bild im Spiegel erscheint, und dann zu Maria sprach. Die materialistischen Philosophen halten Paarung für unabdingbar und sagen, dass ein lebendiger Körper keinesfalls von einem leblosen Körper ins Dasein gebracht werden könne und ohne Vereinigung von Mann und Frau nicht entstehen könne. Sie sind der Ansicht, dass dies nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren und darüber hinaus sogar bei Pflanzen unmöglich sei. Denn eine Paarung von männlich und weiblich gebe es bei allen Tieren und Pflanzen. Sie argumentieren sogar, dass auch der Qur’án diese Paarung aller Dinge bestätige: »Preis sei dem, der all die Paare erschaffen hat: bei dem, was die Erde wachsen lässt, bei den Menschen selbst und bei dem, was sie nicht wissen!«A79; das heißt, Menschen, Tiere und Pflanzen existieren alle in Paaren. »Und von allem haben Wir ein Paar erschaffen«A80; das heißt, Wir haben alles Existierende in Paaren erschaffen. Kurz, sie sagen, ein Mensch sei ohne menschlichen Vater undenkbar. Die geistig gesinnten Philosophen halten jedoch dagegen, so etwas sei nicht ausgeschlossen, nur weil es niemand beobachtet habe, und es gebe einen Unterschied zwischen dem Unmöglichen und dem, was lediglich nicht beobachtet wurde. Vor der Erfindung des Telegrafen, beispielsweise, war ein unmittelbarer Nachrichtenaustausch zwischen Ost und West unbekannt, aber nicht unmöglich; ebenso waren Fotografie und Tonaufzeichnung noch unbekannt, aber nicht unmöglich. Die materialistischen Philosophen beharren auf ihrer Überzeugung, und die geistig gesinnten Philosophen antworten: »Besteht dieser Erdball ewig oder ist er entstanden?« Die materialistischen Philosophen antworten, dass er gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge entstanden ist; dass er anfangs eine geschmolzene Kugel war, die allmählich abkühlte; dass sich eine Kruste darum gebildet hat; und dass auf dieser Erdkruste Pflanzen entstanden, dann Tiere und schließlich Menschen. Die geistig gesinnten Philosophen sagen: »Aus Ihrer Aussage geht klar hervor, dass die menschliche Gattung auf dem Erdball entstanden und nicht ewig ist. Somit hatte der erste Mensch sicherlich weder Vater noch Mutter, denn die Existenz der Gattung Mensch hat einen zeitlichen Beginn. Was ist nun fraglicher: dass der Mensch, wenn auch allmählich, ohne Vater und Mutter entsteht, oder dass er ohne Vater ins Dasein tritt? Wenn du zugibst, dass der erste Mensch ohne Vater und ohne Mutter entstanden ist, sei es allmählich oder in kurzer Zeit, kann es keinen Zweifel daran geben, dass auch ein Mensch ohne menschlichen Vater möglich und logisch nachvollziehbar ist. Man kann dies also nicht einfach als unmöglich zurückweisen und täte man es, so würde dies einen Mangel an Unvoreingenommenheit verraten. Wenn man zum Beispiel sagt, diese Lampe sei ohne Docht und ohne Öl angezündet worden, und dann sagt, dass es unmöglich sei, sie ohne Docht anzuzünden, dann verrät dies einen Mangel an Unvoreingenommenheit.« Christus hatte eine Mutter, aber der erste Mensch hatte nach den materialistischen Philosophen weder Vater noch Mutter.
Kapitel 18
Die Größe Christi
Frage: Welchen Vorteil und Nutzen hat es, vaterlos zu sein? Antwort: Ein herausragender Mensch ist herausragend, mit oder ohne menschlichen Vater. Wäre es eine Tugend vaterlos zu sein, so würde Adam alle Propheten und Gesandten übertreffen, denn er hatte weder Vater noch Mutter. Was zu Größe und Ruhm beiträgt, ist der Strahlenglanz und die Ausgießung göttlicher Vollkommenheit. Die Sonne entstand aus Materie und Form, die man mit Vater und Mutter vergleichen kann, und doch ist sie absolute Vollkommenheit; die Dunkelheit dagegen hat weder Materie noch Form, weder Vater noch Mutter, und doch ist sie schiere Unvollkommenheit. Die Materie für das stoffliche Leben Adams war Staub, aber die Materie Abrahams war ein reiner Samen; und sicherlich steht ein reiner und guter Samen über Erde und Stein. Ferner heißt es im Johannesevangelium 1:12–13: »Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.«A81 Aus diesem Vers des Johannes geht klar hervor, dass auch das Dasein der Apostel von einer geistigen Wirklichkeit und nicht etwa von einer materiellen Kraft ausgeht. Die Ehre und Größe Christi liegt nicht darin, dass Er keinen Vater hatte, sondern vielmehr in Seiner göttlichen Vollkommenheit, Seinen göttlichen Ausgießungen und Seinem göttlichen Strahlenglanz. Läge die Größe Christi in Seiner Vaterlosigkeit begründet, so wäre Adam noch bedeutender, denn er hatte weder Vater noch Mutter. In der Thora heißt es: »Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«A82 Denke darüber nach, dass gesagt wird, Adam sei aus dem Geist des Lebens entstanden. Darüber hinaus beweist Johannes’ Äußerung über die Apostel, dass auch sie vom himmlischen Vater kommen. So ist klar erwiesen, dass die heilige Wirklichkeit – die wahre Existenz – eines jeden herausragenden Menschen von Gott ausgeht und ihr Dasein dem Odem des Heiligen Geistes zu verdanken hat. Damit meine ich, wenn es die größte menschliche Errungenschaft wäre, vaterlos zu sein, so würde Adam alle übertreffen, denn er hatte weder Vater noch Mutter. Ist es besser, wenn ein Mensch aus lebendiger Materie oder aus Staub erschaffen wird? Sicher ist es besser, aus lebendiger Materie erschaffen zu sein. Christus jedoch wurde durch den Heiligen Geist geboren und kam durch ihn ins Dasein. Kurz gesagt, die Ehre und Herrlichkeit dieser geheiligten Seelen, der Manifestationen Gottes, beruht auf ihrer Vollkommenheit, ihren Ausgießungen und ihrem Strahlenglanz, die alle dem Himmel entstammen, und auf nichts anderem.
Kapitel 19
Wahre Taufe
In Matthäus 3:13–15 heißt es: »Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.« Frage: Warum bedurfte Christus angesichts Seiner angeborenen Vollkommenheit der Taufe und was war die Weisheit dahinter? Antwort: Das Wesen der Taufe ist die Reinigung durch Reue. Johannes warnte und ermahnte die Menschen, sorgte dafür, dass sie bereuen und taufte sie dann. So ist diese Reinigung offensichtlich ein Symbol der Abkehr von jeglicher Sünde, als ob man sagte: »O Gott! So wie mein Körper von Schmutz gesäubert und gereinigt worden ist, so reinige und heilige auch meinen Geist von den Verunreinigungen der Welt der Natur, die Deiner göttlichen Schwelle unwürdig sind.« Reue ist die Rückkehr von der Widerspenstigkeit zum Gehorsam. Erst nachdem der Mensch Entfremdung und Entbehrung von Gott erlebt hat, bereut er und reinigt sich. Diese Reinigung ist somit ein Symbol, das besagt: »O Gott! Mache mein Herz gut und rein, reinige und heilige es von allem außer Deiner Liebe.« Da Christus wünschte, dass dieser von Johannes eingeführte Brauch zu jener Zeit von allen praktiziert werde, unterwarf Er sich ihm, auf dass Menschen erweckt und das aus der früheren Religion hervorgegangene Gesetz erfüllt würde. Denn obwohl dieser Brauch von Johannes eingeführt wurde, stellte er in Wirklichkeit die Reinigung durch Reue dar, die in allen göttlichen Religionen praktiziert wurde. Christus bedurfte der Taufe nicht, aber Er unterzog sich ihr, weil diese Handlung damals vor Gott lobenswert und annehmbar war und die frohe Botschaft des Gottesreiches ankündigte. Später verkündete Er jedoch, dass die wahre Taufe nicht mit stofflichem Wasser, sondern mit Geist und Wasser erfolgen müsse, und an anderer Stelle sprach Er von Geist und Feuer.A83 Was hier mit »Wasser« gemeint ist, ist kein stoffliches Wasser, denn an anderer Stelle wird ausdrücklich gesagt, dass die Taufe durch Geist und Feuer erfolgen muss, und Letzteres macht deutlich, dass es sich nicht um stoffliches Feuer und Wasser handelt, da eine Taufe mit Feuer unmöglich ist. Mit »Geist« ist göttliche Gnade gemeint, mit »Wasser« Wissen und Leben und mit »Feuer« die Liebe Gottes. Stoffliches Wasser reinigt nämlich nicht das Herz des Menschen, sondern seinen Körper. Das Herz des Menschen aber wird durch himmlisches Wasser und Geist, das für Wissen und Leben steht, geläutert und gereinigt. Mit anderen Worten, das Herz, das an der ausströmenden Gnade des Heiligen Geistes teilhat und geheiligt wird, wird gut und rein. Die menschliche Wirklichkeit soll so von Verunreinigungen durch die Welt der Natur – von schändlichen Eigenschaften wie Zorn, Lust, Weltlichkeit, Stolz, Unehrlichkeit, Heuchelei, Betrug, Eigenliebe und vielem mehr – gereinigt und geheiligt werden. Der Mensch kann sich ohne die bestätigende Gnade des Heiligen Geistes nicht selbst vom Ansturm eitler und selbstsüchtiger Wünsche befreien. Deshalb heißt es, dass die Taufe mit dem Geist, mit Wasser und Feuer erfolgen muss, das heißt mit dem Geist der göttlichen Gnade, mit dem Wasser des Wissens und des Lebens und mit dem Feuer der Liebe Gottes. Mit diesem Geist, diesem Wasser und diesem Feuer muss der Mensch getauft werden, damit er der ewigen Gnade teilhaftig werden kann. Denn welcher Nutzen liegt darin, mit stofflichem Wasser getauft zu werden? Nein, diese Taufe mit Wasser stand in Wirklichkeit für Reue und für den Wunsch nach Vergebung der Sünden. In der Sendung Bahá’u’lláhs jedoch ist diese symbolische Handlung nicht mehr nötig, denn ihre Wirklichkeit – mit dem Geist und der Liebe Gottes getauft zu werden – ist erwiesen und als wahr erkannt.
Kapitel 20
Die Taufe und der Wandel des göttlichen Gesetzes
Frage: Ist die Reinigung durch Taufe nützlich und notwendig, oder ist sie nutzlos und unnötig? Wenn Ersteres gilt, warum wurde sie trotz ihrer Notwendigkeit aufgehoben? Und wenn Letzteres gilt, warum hat Johannes sie praktiziert, obwohl sie unnötig ist? Antwort: Wechsel und Wandel der Verhältnisse sowie Abfolge und Umwälzung von Zeitaltern gehören zu den notwendigen Wesensmerkmalen der bedingten Welt, und diese notwendigen Wesensmerkmale können nicht von der Wirklichkeit der Dinge getrennt werden. So ist es unmöglich, Hitze von Feuer, Nässe von Wasser oder Strahlen von der Sonne zu trennen, denn das sind notwendige Wesensmerkmale. Und da Wechsel und Wandel zu den Erfordernissen von allem Bedingten gehören, ändern sich auch die Gebote Gottes entsprechend dem Wandel der Zeit. Zum Beispiel war in den Tagen Mose Sein Gesetz notwendig und stimmte mit den damals herrschenden Verhältnissen überein. Doch in den Tagen Christi hatten sich die Verhältnisse so geändert, dass das mosaische Gesetz nicht mehr angemessen war und den Bedürfnissen der Menschheit nicht mehr gerecht wurde, und deshalb wurde es aufgehoben. So brach Christus den Sabbat und verbot die Scheidung. Nach Ihm erlaubten vier Jünger, darunter Petrus und Paulus, den Verzehr tierischer Speisen, die in der Thora verboten waren, ausgenommen davon war der Verzehr von Fleisch strangulierter Tiere, von Opfergaben für Götzen und von Blut. Sie verboten auch die Unzucht.A84 Demnach behielten sie diese vier Gebote bei. Später erlaubte Paulus das Essen von strangulierten Tieren, von Tieren, die Götzen geopfert wurden und von Blut, aber er behielt das Verbot der Unzucht bei. So schreibt er in Römer 14:14: »Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein.« Außerdem steht in Titus 1:15 geschrieben: »Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen.« Nun war dieser Wandel, diese Veränderung und Aufhebung darauf zurückzuführen, dass das Zeitalter Christi mit dem des Mose nicht vergleichbar war. Die Verhältnisse und Anforderungen hatten sich völlig geändert und deshalb wurden die früheren Gebote aufgehoben. Der Körper der Welt kann mit dem eines Menschen verglichen werden, und die Propheten und Gesandten Gottes mit fähigen Ärzten. Ein Mensch bleibt nicht immer im gleichen Zustand. Es treten unterschiedliche Beschwerden auf, die jeweils ein bestimmtes Heilmittel erfordern. So behandelt ein fähiger Arzt nicht alle Beschwerden auf gleiche Weise, sondern er passt Behandlung und Heilmittel den verschiedenen Beschwerden und dem jeweiligen Zustand an. Eine Person kann schwer an einer Erkrankung leiden, die durch Überhitzung hervorgerufen wird. Der fähige Arzt wird dann zwangsläufig kühlende Medikamente verabreichen.A85 Wenn sich zu einem anderen Zeitpunkt der Zustand dieser Person ändert und die Hitze einem Übermaß an Kälte weicht, wird der Arzt natürlich die kühlende Arznei beiseitelassen und eine wärmende verschreiben. Dieser Wechsel und Wandel hängt vom Zustand des Patienten ab und beweist offenkundig das Geschick des Arztes. Betrachte folgendes Beispiel: Könnte das Gesetz der Thora in der heutigen Zeit umgesetzt werden? Nein, bei Gott! Das wäre völlig unmöglich, und aus diesem Grund war es notwendig, dass Gott zur Zeit Christi das Gesetz der Thora aufgehoben hat. Bedenken Sie, dass auch in den Tagen Johannes des Täufers die Reinigung durch die Taufe dazu diente, die Menschen zu erwecken, zu ermahnen und sie dazu zu bewegen, alle Sünden zu bereuen und das Kommen des Reiches Christi zu erwarten. Aber heutzutage tauchen Katholiken und Orthodoxe in Asien Säuglinge in eine Mischung aus Wasser und Olivenöl, so dass einige durch diese Strapaze krank werden und während der Taufe zittern und sich wehren. Andernorts sprenkelt der Priester das Taufwasser auf die Stirn. Aber in keinem der beiden Fälle führt das bei diesen Kindern zu irgendwelchen geistigen Empfindungen. Wozu soll es also gut sein? Andere Völker fragen sich, warum das Kind ins Wasser getaucht wird, da dies weder geistiges Bewusstsein noch Glauben noch Erweckung verleiht, sondern lediglich ein Brauch ist, der befolgt wird. In der Zeit von Johannes dem Täufer war es aber nicht so: Johannes ermahnte zuerst die Menschen, brachte sie dazu, ihre Sünden zu bereuen und rief sie auf, das Kommen Christi zu erwarten. Alle durch die Taufe Geläuterten bereuten sodann mit größter Bescheidenheit und Demut ihre Sünden, säuberten und reinigten auch ihren Leib von äußeren Verunreinigungen und erwarteten voller Sehnsucht Tag und Nacht und jeden Augenblick das Kommen Christi und die Aufnahme in Sein Reich. Kurz gesagt, gemeint ist hier, dass Wechsel und Wandel in den Bedingungen und Erfordernissen der Zeit die Ursache für die Aufhebung religiöser Gesetze ist, denn die Zeit kommt, da diese früheren Gebote nicht mehr den herrschenden Bedingungen entsprechen. Bedenke, wie sehr sich die Anforderungen der Neuzeit von denen der Antike und des Mittelalters unterscheiden! Könnten die Gebote früherer Jahrhunderte in dieser jüngeren Zeit erlassen werden? Ganz offensichtlich wäre dies völlig unmöglich. Ebenso wird das, was heute notwendig ist, nach Ablauf vieler Jahrhunderte nicht mehr den Bedürfnissen jenes künftigen Zeitalters entsprechen und Änderung und Wandel werden unvermeidlich sein. In Europa werden die Gesetze laufend verändert und angepasst. Wie zahlreich sind die Gesetze, die einst in den europäischen Rechtssystemen und Regelwerken existierten und die inzwischen außer Kraft gesetzt wurden! Diese Veränderungen sind auf den Wandel des Denkens, der Gepflogenheiten und der Lebensbedingungen zurückzuführen, und ohne sie wäre das Wohlergehen der Menschenwelt gestört. Zum Beispiel verhängt die Thora das Todesurteil für den, der den Sabbat bricht. Die Thora sieht sogar in zehn Fällen die Todesstrafe vor. Könnten diese Gebote in unserer Zeit angewandt werden? Es liegt auf der Hand, dass dies völlig unmöglich wäre. So wurden sie geändert und abgewandelt, und allein dieser Wechsel und Wandel der Gesetze stellt einen hinreichenden Beweis für die vollendete Weisheit Gottes dar. Über dieses Thema muss man tief nachdenken, und der Grund dafür ist klar und deutlich. Gut steht es um die, die nachdenken!
Kapitel 21
Brot und Wein
Frage: Christus sagte: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.«A86 Was bedeutet diese Äußerung? Antwort: Mit diesem Brot ist die himmlische Nahrung göttlicher Vollkommenheit gemeint. Mit anderen Worten, wem diese Nahrung zuteilwird – das heißt, wer die göttliche Gnadenfülle erlangt, wer Erleuchtung aus Seinem Licht zieht und seinen Anteil an der Vollkommenheit Christi erhält, der wird ewiges Leben erlangen. Mit Blut ist wiederum der Geist des Lebens gemeint, der aus göttlicher Vollkommenheit, himmlischem Glanz und ewiger Gnade besteht. Denn jeder Teil des Körpers erhält seine Lebenskraft aus dem Blutkreislauf. In Johannes 6:26 heißt es: »Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.« Offensichtlich waren die Brotlaibe, von denen die Jünger aßen und satt wurden, die himmlische Gnade, denn in Vers 33 desselben Kapitels heißt es: »Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.« Offensichtlich kam der Leib Christi nicht vom Himmel herab, sondern wurde aus dem Schoß Marias geboren: Was vom Himmel Gottes herabkam, war der Geist Christi. In der Annahme, dass Christus von Seinem Leib sprach, brachten die Juden den Einwand, wie in Vers 42 desselben Kapitels geschrieben steht: »Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel gekommen?« Bedenke, wie eindeutig es ist, dass Christus mit dem himmlischen Brot Seinen Geist, Seine vielfältige Gunst, Seine Vollkommenheit und Seine Lehren meinte; denn in Vers 63 des besagten Kapitels heißt es: »Der Geist ist’s, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze.« Somit ist klar geworden, dass der Geist Christi eine göttliche Gabe war, die vom Himmel herabkam, und dass jeder, der die Ausgießungen dieses Geistes empfängt, also dessen himmlische Lehren annimmt, ewiges Leben erlangt. So heißt es in Vers 35: »Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.« Beachte, dass Er »zu Ihm kommen« als Essen und »an Ihn glauben« als Trinken bezeichnet. Somit ist klar erwiesen, dass die himmlische Nahrung aus göttlichen Gaben, geistigem Strahlenglanz, himmlischen Lehren und allumfassenden Wahrheiten Christi besteht, und essen bedeutet, Ihm näher zu kommen und trinken bedeutet, an Ihn zu glauben. Denn Christus hatte sowohl einen stofflichen als auch einen himmlischen Körper. Der stoffliche Körper wurde gekreuzigt, aber der himmlische ist lebendig, ewig und die Quelle unvergänglichen Lebens. Der stoffliche Körper war Seine menschliche Natur und der himmlische Körper Seine göttliche Natur. Gütiger Gott! Manche wähnen, das Brot des Abendmahls sei die Wirklichkeit Christi, und das Göttliche und der Heilige Geist seien darin verkörpert und gegenwärtig, obwohl das Abendmahl, nachdem es eingenommen wurde, sich in wenigen Minuten völlig auflöst und verwandelt. Wie kann man zu solch einem Fehlschluss gelangen? Ich bitte Gott um Vergebung für einen solch groben Irrtum! Diese Worte besagen, dass durch die Manifestation Christi die heiligen Lehren – diese immerwährende Gnade – weithin verbreitet wurden, das Licht der Führung erstrahlte und der Geist des Lebens den Menschen verliehen wurde. Wer recht geleitet wurde, fand Leben und wer auf dem Irrweg blieb, fiel dem endgültigen Tod anheim. Der himmlische Leib Christi und das, woraus Seine Geistigkeit bestand, war das Brot, das vom Himmel herabkam, wovon die Jünger aßen und wodurch sie ewiges Leben erlangten. Die Jünger hatten so oft Speisen aus der Hand Christi erhalten; warum wurde dann das letzte Abendmahl hervorgehoben? Mit dem himmlischen Brot ist also offensichtlich nicht dieses stoffliche Brot gemeint, sondern die göttliche Speise des geistigen Leibes Christi, das heißt, die göttliche Gnade und die himmlische Vollkommenheit, an denen Seine Jünger teilhatten und die sie erfüllte. Bedenke auch, dass Christus, als Er das Brot segnete und es Seinen Jüngern gab und sagte: »Das ist Mein Leib«A87, deutlich sichtbar persönlich und körperlich unter ihnen anwesend war und nicht in Brot und Wein verwandelt wurde. Wäre Er selbst zu Brot und Wein geworden, so hätte Er nicht deutlich sichtbar körperlich und persönlich unter ihnen anwesend bleiben können. Daher ist klar, dass Brot und Wein Symbole waren, die bedeuteten: Meine Gunst und Meine Vollkommenheit wurden euch gegeben, und da ihr dieser vielfältigen Gunst teilhaftig wurdet, habt ihr immerwährendes Leben erlangt und euren Anteil an der himmlischen Speise empfangen.
Kapitel 22
Die Wunder Christi
Frage: Christus wurden gewisse Wunder zugeschrieben. Sind diese Berichte wörtlich zu verstehen oder haben sie andere Bedeutungen? Denn durch gründliche Forschungen ist belegt, dass sich das innere Wesen der Dinge nicht wandelt, dass alles Erschaffene einem universellen Gesetz und Ordnungsgefüge unterliegt, von dem es unmöglich abweichen kann, und dass demzufolge nichts gegen dieses universelle Gesetz verstoßen kann. Antwort: Die Manifestationen Gottes sind Ursprung erstaunlicher Zeichen und Wunder. Was schwierig oder ausgeschlossen scheint, ist für sie machbar und zulässig. Denn Sie vollbringen außergewöhnliche Taten durch eine außergewöhnliche Macht und beeinflussen die Natur durch Kräfte, die über die Natur hinausgehen. Jede von Ihnen hat Wunder bewirkt. In den Heiligen Schriften wird indessen eine besondere Ausdrucksweise verwendet, und in den Augen der Manifestationen Gottes sind diese Zeichen und Wunder ohne Bedeutung – sodass Sie deren Erwähnung nicht einmal als wünschenswert erachten. Denn selbst wenn diese Wunder als unschlagbare Beweise gelten würden, so wären sie doch nur für Augenzeugen ein gültiger Beweis, nicht für die Abwesenden. Wenn zum Beispiel einem nicht gläubigen Fragesteller von den Wundern Mose und Christi berichtet würde, so würde er sie abstreiten und sagen: »Wunder wurden seit ewigen Zeiten auch bestimmten Götzen durch das Zeugnis einer Vielzahl von Menschen zugeschrieben und in Büchern festgehalten. So haben die Brahmanen ein ganzes Buch über die Wunder Brahmas zusammengestellt.« Der Fragesteller würde dann sagen: »Wie können wir wissen, dass die Juden und Christen die Wahrheit sagen und die Brahmanen lügen? Beide Berichte beruhen auf Überlieferungen, beide werden weithin akzeptiert und beide sind in einem Buch festgehalten. Jeder kann als glaubwürdig oder als unglaubwürdig angesehen werden. Wie bei jedem anderen Bericht gilt: Wenn einer wahr ist, müssen beide wahr sein; wenn einer angenommen wird, müssen beide angenommen werden.« Wunder können daher kein schlüssiger Beweis sein, denn selbst wenn sie gültige Beweise für die Augenzeugen sind, können sie jene nicht überzeugen, die nicht dabei waren. Doch am Tag der Offenbarung Gottes werden die Einsichtigen alles, was mit dem Offenbarer zusammenhängt, als Wunder ansehen. Denn all dies hebt sich von allem anderen ab, und diese Besonderheit ist an sich schon ein wahres Wunder. Überlege, wie Christus allein und eigenständig, ohne Helfer oder Beschützer, ohne Legionen oder Streitkräfte und mit äußerster Sanftmut das Banner Gottes vor allen Völkern der Welt hisste, wie Er ihnen widerstand und wie Er sie schließlich alle unterwarf, auch wenn Er augenscheinlich gekreuzigt wurde. Nun, dies ist ein wahres Wunder, das keineswegs geleugnet werden kann. Tatsächlich bedarf die Wahrheit Christi keines weiteren Beweises. Die sichtbaren Wunder sind für die Anhänger der Wahrheit bedeutungslos. Ein Blinder zum Beispiel, der zum Sehen gebracht wird, wird am Ende wiederum sein Augenlicht verlieren, denn er wird sterben und seiner Sinne und Fähigkeiten beraubt sein. Es ist also nicht von bleibender Bedeutung, Blinde zum Sehen zu bringen, da die Sehkraft am Ende zwangsläufig wieder schwindet. Und wenn ein Leichnam wiederbelebt wird, was wird dadurch gewonnen, da er am Ende wieder sterben muss? Wichtig ist, wahre Erkenntnis und immerwährendes Leben zu verleihen, d.h. ein geistiges und göttliches Leben; denn dieses stoffliche Leben wird nicht bestehen bleiben und sein Dasein ist gleichbedeutend mit Nichtsein. Wie Christus einem Seiner Jünger zur Antwort gab: »Lass die Toten ihre Toten begraben!«, denn »Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.«A88 Bedenke, dass Christus jene für tot erachtete, die doch augenscheinlich körperlich lebendig waren; denn das wahre Leben ist das ewige Leben und die wahre Existenz ist die geistige Existenz. Wenn also in den Heiligen Schriften von der Auferweckung der Toten die Rede ist, dann bedeutet das, dass sie das immerwährende Leben erlangt haben; wenn es heißt, dass ein Blinder sehend wurde, dann ist die Bedeutung dieser Sehkraft die wahre Erkenntnis; wenn es heißt, dass ein Gehörloser hörend wurde, dann bedeutet das, dass er ein inneres Ohr und geistiges Hörvermögen erlangt hat. Dies geht aus dem Text des Evangeliums hervor, wo Christus sagt, sie seien wie jene, über die Jesaja einst bemerkte, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht; und Er heile sie.A89 Das soll nicht heißen, dass die Manifestationen Gottes keine Wunder vollbringen können, denn das liegt sehr wohl in Ihrer Macht. Aber in Ihren Augen ist allein das innere Sehen, das geistige Hören und das ewige Leben von Bedeutung. Wo immer also in den Heiligen Schriften berichtet wird, dass jemand blind war und sehend wurde, bedeutet das, dass er innerlich blind war und geistige Einsicht gewann oder dass er unwissend war und zur Erkenntnis gelangte oder achtlos war und aufmerksam wurde oder der Welt verhaftet war und seinen Sinn auf das Himmlische richtete. Da dieses innere Sehen, Hören, Leben und Heilen ewig währt, ist es wirklich wichtig. Welche Bedeutung, welchen Wert und Nutzen können demgegenüber bloßes tierisches Leben und dessen Kräfte besitzen? In wenigen Tagen wird es vorübergehen wie eine flüchtige Laune. Wenn man zum Beispiel eine Lampe anzündet, wird sie bald darauf wieder erlöschen, das Licht der Sonne hingegen strahlt immerzu und das ist es, worauf es ankommt.
Kapitel 23
Die Auferstehung Christi
Frage: Was bedeutet die Auferstehung Christi nach drei Tagen? Antwort: Die Auferstehung der Manifestationen Gottes ist nicht die des Leibes. Alles, was Sie betrifft – Ihr jeweiliger Zustand und Ihre Lebensbedingungen, alles, was Sie tun, gründen, lehren, auslegen, veranschaulichen und verordnen – hat mystischen und geistigen Charakter und gehört nicht zum Reich der Materie. So ist es auch beim Kommen Christi vom Himmel. An zahlreichen Stellen des Evangeliums heißt es ganz klar, dass der Menschensohn vom Himmel herabgekommen ist oder im Himmel ist oder in den Himmel aufsteigen wird. So heißt es in Johannes 6:38: »Denn ich bin vom Himmel gekommen« und in Johannes 6:42 steht geschrieben: »Und sie sprachen: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?«, und in Johannes 3:13 heißt es: »Und niemand ist in den Himmel aufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn.« Bedenke, wie gesagt wird, dass der Menschensohn im Himmel ist, obwohl Christus zu diesem Zeitpunkt auf der Erde weilte. Bedenke auch, dass es ausdrücklich heißt, dass Christus vom Himmel kam, obwohl Sein Leib aus dem Schoß Marias geboren wurde. Es ist daher klar, dass die Behauptung, der Menschensohn sei vom Himmel herabgekommen, eher eine mystische als eine wörtliche Bedeutung hat und eher ein geistiges als ein physisches Ereignis ist. Es soll bedeuten, dass Christus zwar aus dem Schoß Marias geboren wurde, aber in Wirklichkeit vom Himmel kam, dem Sitz der Sonne der Wahrheit, die in der göttlichen Welt des himmlischen Königreichs leuchtet. Und da feststeht, dass Christus aus dem geistigen Himmel des göttlichen Königreichs gekommen ist, muss sein dreitägiges Verschwinden unter der Erde eine mystische und keine wörtliche Bedeutung haben. Ebenso ist Seine Auferstehung aus dem Schoß der Erde eine mystische Angelegenheit und beschreibt kein physisches, sondern vielmehr ein geistiges Geschehen. Und Seine Himmelfahrt ist in ihrem Wesen ebenfalls geistig und nicht physisch. Abgesehen davon hat die Wissenschaft festgestellt, dass der physische Himmel ein grenzenloser leerer Raum ist, in dem sich zahllose Sterne und Planeten bewegen. Meine Deutung der Auferstehung Christi ist daher die Folgende: Nach dem Märtyrertod Christi waren die Apostel verwirrt und bestürzt. Die Wirklichkeit Christi, die in Seinen Lehren, Gnadengaben, Seiner Vollkommenheit und geistigen Kraft besteht, war nach Seinem Märtyrertod zwei oder drei Tage lang verborgen und trat nach außen nicht mehr in Erscheinung – es war, als wäre sie völlig verloren. Denn es gab nur ganz wenige, die wirklich glaubten, und selbst diese wenigen waren verwirrt und bestürzt. Die Sache Christi war somit wie ein lebloser Leib. Nach drei Tagen gewannen die Apostel an Festigkeit und Standhaftigkeit, erhoben sich die Sache Christi zu fördern, beschlossen die göttlichen Lehren zu verbreiten und den Weisungen ihres Herrn nachzukommen und bemühten sich Ihm zu dienen. Daraufhin erstrahlte die Wirklichkeit Christi und Seine Gnade, Seine Religion wurde neu belebt und Seine Lehren und Ermahnungen wurden deutlich sichtbar. Mit anderen Worten, die Sache Christi glich einem leblosen Körper und wurde zum Leben erweckt und von der Gnade des Heiligen Geistes umfangen. Das ist die Bedeutung der Auferstehung Christi, und dies war eine wahre Auferstehung. Aber da die Priester die Bedeutung der Evangelien nicht erfassten und dieses Geheimnis nicht begriffen, wurde behauptet, dass die Religion der Wissenschaft widerspreche und die Wissenschaft mit der Religion unvereinbar sei, denn der Aufstieg Christi in einem physischen Körper zum sichtbaren Himmel steht, wie auch andere Dinge, im Widerspruch zur Naturwissenschaft. Aber wenn der wahre Hintergrund dieser Frage klargestellt und dieses Sinnbild erläutert ist, steht es in keiner Weise der Wissenschaft entgegen, vielmehr wird es von Wissenschaft und Vernunft bestätigt.
Kapitel 24
Das Herabsteigen des Heiligen Geistes auf die Apostel
Frage: In den Evangelien wird berichtet, dass der Heilige Geist auf die Apostel herabgestiegen sei. Wie geschah dieses Herabsteigen und welche Bedeutung hatte es? Antwort: Das Herabsteigen des Heiligen Geistes ist nicht so, wie wenn Luft in den menschlichen Körper eintritt. Es ist weder ein genaues Bild noch ein Bericht, vielmehr ist es eine Metapher und Analogie. Damit ist gemeint, dass es dem Herabsteigen der Sonne in einen Spiegel gleicht, wenn ihr Strahlenglanz darin reflektiert wird. Nach dem Tode Christi waren die Apostel verwirrt und uneins in ihren Gedanken und Meinungen; später aber wurden sie standhaft und einig. Zu Pfingsten versammelten sie sich, entsagten der Welt, gaben ihre eigenen Wünsche auf, verzichteten auf jedes irdische Wohl und Glück, opferten ihrem Geliebten Leib und Seele, verließen ihr Heim, trennten sich von all ihren Fürsorgepflichten und ihrem Hab und Gut und vergaßen sogar ihr eigenes Leben. Dann wurde ihnen göttlicher Beistand gewährt und die Kraft des Heiligen Geistes zeigte sich. Der Geist Christi obsiegte und die Liebe Gottes gewann die Oberhand. An jenem Tag empfingen sie göttliche Bestätigungen, jeder ging in eine andere Richtung, die Sache Gottes zu lehren und löste seine Zunge, um Beweise vorzubringen und Zeugnis abzulegen. Das Herabsteigen des Heiligen Geistes bedeutet also, dass die Apostel zum messianischen Geist hingezogen wurden, Beständigkeit und Standhaftigkeit erlangten, durch den Geist der Liebe Gottes neues Leben fanden und in Christus ihren immerwährenden Helfer und Beschützer erkannten. Sie waren nur Tropfen und wurden zum Ozean; sie waren klägliche Mücken und wurden zu Adlern hoch am Himmel; sie waren schwach und wurden mit Kraft erfüllt. Sie waren wie der Sonne zugewandte Spiegel und die Strahlen und der Glanz der Sonne werden zweifellos darin reflektiert.
Kapitel 25
Der Heilige Geist
Frage: Was ist mit ›dem Heiligen Geist‹ gemeint? Antwort: Mit ›dem Heiligen Geist‹ ist die überfließende Gnade Gottes und das leuchtende Strahlen gemeint, das von Seiner Manifestation ausgeht. So war Christus der Brennpunkt für die Strahlen der Sonne der Wahrheit, und von diesem mächtigen Mittelpunkt, der Wirklichkeit Christi, strahlte die Gnade Gottes auf die anderen Spiegel, die Wirklichkeit der Apostel. Die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel bedeutet, dass diese herrliche göttliche Gnade ihr Licht und ihren Glanz auf deren Wirklichkeit wirft. Im Übrigen sind Eintritt und Austritt, Abstieg und Verbleib Merkmale von Körpern, nicht von geistigen Wesen. Das heißt, Eintritt und Verbleib betreffen nur Wirklichkeiten, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind, nicht aber intelligible Feinheiten. Und intelligible Wirklichkeiten wie Vernunft, Liebe, Erkenntnis, Vorstellungskraft und Denken treten nicht ein und aus, noch verbleiben sie, vielmehr bezeichnen sie Verbindungen. Zum Beispiel ist Erkenntnis, die im Verstand Form annimmt, etwas Intelligibles, und es ist widersinnig zu sagen, es trete in den Verstand ein oder aus ihm heraus. Vielmehr ist die Verbindung ein Aufnehmen, so wie bei Bildern, die in einem Spiegel reflektiert werden. Da intelligible Wirklichkeiten offensichtlich und erwiesenermaßen weder eintreten noch verbleiben, folgt daraus, dass der Heilige Geist in keiner Weise auf- oder absteigen, ein- oder austreten, sich vermischen oder verbleiben kann. Allenfalls erscheint er wie die Sonne im Spiegel. Zudem ist an manchen Stellen in den Heiligen Schriften, wo auf den Geist angespielt wird, eine ganz bestimmte Person gemeint, so wie es im allgemeinen Sprachgebrauch heißt, dieser oder jener Mensch sei der Geist in Person oder er sei die Verkörperung der Barmherzigkeit und Freigebigkeit. In diesem Fall liegt das Hauptaugenmerk nicht auf der Lampe, sondern auf dem Licht. So heißt es zum Beispiel in Johannes 16:12 in Bezug auf den Verheißenen, der nach Christus kommen wird: »Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört.« Nun achte genau darauf, dass die Worte »Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört« deutlich zum Ausdruck bringen, dass der Geist der Wahrheit von einem Menschen verkörpert wird, der eine Seele hat, der Ohren hat zu hören, und eine Zunge zu sprechen. Auch Christus wird ›Geist Gottes‹ genannt, in gleicher Weise, wie wir von Licht sprechen und damit sowohl das Licht als auch die Lampe meinen.
Kapitel 26
Die Wiederkunft Christi und der Tag des Gerichts
In den Heiligen Schriften steht geschrieben, dass Christus wiederkommen wird und dass Seine Wiederkunft von der Erfüllung bestimmter Zeichen abhängt: Wenn Er wiederkommt, werden Ihn diese Zeichen begleiten. Eines der Zeichen ist: »Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen.« Zu dieser Zeit werden »alle Stämme der Erde wehklagen«, und »das Zeichen des Menschensohnes« wird »am Himmel erscheinen«, »und sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.«A90 Zu diesen Versen hat Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Íqán eine ausführliche Auslegung gegeben, und wir müssen sie hier nicht wiederholen. Greife darauf zurück und du wirst ihre Bedeutung verstehen.A91 Im Folgenden möchte ich noch einige Worte zu diesem Thema sagen. Christus kam auch beim ersten Mal vom Himmel, wie es im Evangelium ausdrücklich heißt. Christus selbst sagt, der Menschensohn kam vom Himmel herab und der Menschensohn ist im Himmel: Und niemand ist in den Himmel aufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist.A92 So wird von allen anerkannt, dass Christus vom Himmel herabkam, obwohl Er dem äußeren Anschein nach aus dem Schoß Marias kam. Ebenso wie Er das erste Mal in Seiner äußeren Erscheinung aus dem Schoß der Mutter kam, aber in Wirklichkeit vom Himmel, so wird Er auch das zweite Mal in Seiner äußeren Erscheinung aus dem Mutterleib kommen, aber in Wirklichkeit vom Himmel. Wie zuvor erläutert, sind die im Evangelium verzeichneten Bedingungen für die Wiederkunft Christi in der Tat dieselben, wie die für Sein erstes Kommen. Das Buch Jesaja verkündet, dass der Messias den Osten und den Westen erobern wird, dass sich alle Nationen der Erde unter Seinem Schatten versammeln werden, dass Sein Königreich errichtet wird, dass Er von einem unbekannten Ort kommen wird, dass die Sünder gerichtet werden und dass die Gerechtigkeit so weit obsiegen wird, dass der Wolf und das Lamm, der Leopard und das Böckchen, der Säugling und die Viper sich alle an einer Quelle, auf einer Aue und in einer Wohnstätte versammeln werden. Auch das erste Kommen geschah unter diesen Bedingungen, wenngleich keine von ihnen sichtbar eintrat. So bekrittelten die Juden Christus. Sie nannten Ihn – Gott bewahre – ein UngeheuerA93 und betrachteten Ihn als Zerstörer des Bauwerks Gottes, als Sabbat- und Gesetzesbrecher und erwirkten Sein Todesurteil. Nun hat jede einzelne dieser Bedingungen eine innere Bedeutung, aber den Juden fehlte dafür das Verständnis, daher blieb ihnen verwehrt Ihn zu erkennen. Die Wiederkunft Christi folgt einem ähnlichen Muster. Alle dargelegten Zeichen und Bedingungen haben eine innere Bedeutung und sind nicht wörtlich zu nehmen. So heißt es unter anderem, dass die Sterne auf die Erde fallen werden. Es gibt jedoch unzählige Sterne und heutige Mathematiker haben den wohlbegründeten Nachweis erbracht, dass die Masse der Sonne etwa anderthalb Millionen Mal größer ist als die der Erde, und dass jeder Fixstern tausendmal größer als die Sonne ist. Wenn diese Sterne auf die Erdoberfläche fallen würden, wie könnte dort Platz für sie sein? Es wäre, als ob tausend Millionen Berge, so gewaltig wie der Himalaya, auf ein Senfkorn fallen würden. So etwas ist gemäß der Vernunft und Wissenschaft – und allein schon dem gesunden Menschenverstand zufolge – völlig unmöglich. Und noch erstaunlicher ist, dass Christus sprach: Vielleicht werde ich kommen, wenn ihr schlaft, denn das Kommen des Menschensohnes gleicht dem Kommen eines Diebes.A94 Vielleicht ist der Dieb im Haus und der Besitzer ist sich dessen nicht bewusst. Deshalb ist klar und offensichtlich, dass diese Zeichen innere Bedeutungen haben und nicht wörtlich genommen werden dürfen. Diese Bedeutungen wurden ausführlich im Kitáb-i-Íqán erklärt, greife darauf zurück.
Kapitel 27
Die Trinität
Frage: Was ist die Bedeutung der Trinität und ihrer drei Personen? Antwort: Die Wirklichkeit des Göttlichen ist geheiligt und erhaben über das Begreifen alles Erschaffenen; sterblicher Geist und Verstand kann sich kein Bild von ihr machen und sie übersteigt jede menschliche Vorstellung. Diese Wirklichkeit lässt keine Teilung zu, denn Teilung und Vervielfältigung gehören zu den Merkmalen des erschaffenen und damit bedingten Seins und sind keine Vorgänge, die auf das Notwendigerweise Existierende Sein einwirken könnten. Die göttliche Wirklichkeit ist über Einzigkeit geheiligt – wie viel mehr über Vielheit. Denn ein Herabsteigen dieser göttlichen Wirklichkeit auf Ebenen und Stufen wäre gleichbedeutend mit Unzulänglichkeit, es wäre der Vollkommenheit entgegengesetzt und schlechthin unmöglich. Sie war immer auf den höchsten Höhen der Heiligkeit und Reinheit und wird immer dort bleiben. Alles, was in Bezug auf die Erscheinung und Offenbarung Gottes erwähnt wurde, bezieht sich auf den Glanz Seines Lichts und nicht auf einen Abstieg auf die Stufe des Daseins. Gott ist reine Vollkommenheit und die Schöpfung absolute Unvollkommenheit. Stiege Gott auf die Stufe des Daseins herab, so wäre das die größte aller Unvollkommenheiten; vielmehr ist Sein Sichtbarwerden, Heraufdämmern und Erstrahlen vergleichbar mit dem Erscheinen der Sonne in einem klaren, glänzenden und polierten Spiegel. Alle erschaffenen Dinge sind strahlende Zeichen Gottes. So scheinen die Sonnenstrahlen auf alles Irdische, doch fällt nur so viel Licht auf Ebenen, Berge, Bäume und Früchte, dass alles sichtbar ist, alles wachsen kann und seinen Daseinszweck erfüllt. Der Vollkommene Mensch indessen ist mit einem klaren Spiegel vergleichbar, in dem sich die Sonne der Wahrheit in der Fülle ihrer Eigenschaften und in aller Vollkommenheit offenbart. Dementsprechend war die Wirklichkeit Christi ein blank polierter Spiegel von höchster Reinheit und Klarheit. Die Sonne der Wahrheit, das Wesen des Göttlichen, erschien in diesem Spiegel und offenbarte ihr Licht und ihre Hitze darin, aber sie stieg nicht von den geweihten Höhen und vom Himmel der Heiligkeit herab, um darin zu wohnen. Nein, sie verbleibt in ihrer erhabenen Höhe, offenbart sich aber im Spiegel in all ihrer Schönheit und Vollkommenheit. Wenn wir nun sagen, dass wir die Sonne in zwei Spiegeln gesehen haben – einer davon Christus und der andere der Heilige Geist – oder, mit anderen Worten, dass wir drei Sonnen gesehen haben – eine im Himmel und zwei auf der Erde –, dann sprechen wir die Wahrheit. Und würden wir sagen, es gibt nur eine Sonne, die in ihrer absoluten Einzigkeit keinen Ebenbürtigen oder Partner hat, dann entspräche das wiederum der Wahrheit. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Wirklichkeit Christi ein klarer Spiegel war, in dem die Sonne der Wahrheit – also das göttliche Wesen – erschien und in unendlicher Vollkommenheit und mit grenzenlosen Eigenschaften erstrahlte. Es ist nicht so, dass die Sonne, die das Wesen der Göttlichkeit darstellt, jemals geteilt oder vervielfacht wurde – sie bleibt nur eine – aber sie manifestierte sich im Spiegel. Deshalb sagte Christus: »Der Vater ist im Sohn«, was bedeutet, dass jene Sonne in diesem Spiegel offenbar und sichtbar erstrahlt. Der Heilige Geist ist die Gnade Gottes, die sich in der Wirklichkeit Christi offenbart und manifestiert hat. Die Sohnschaft ist die Ebene des Herzens Christi, während der Heilige Geist die Ebene Seines Geistes ist. Es ist also klar erwiesen, dass das Wesen des Göttlichen absolute Einheit ist ohne jede Gleichrangigkeit, Ebenbürtigkeit oder Ähnlichkeit. Dies ist die wahre Bedeutung der drei Personen der Trinität. Andernfalls würden die Grundlagen der Religion Gottes auf einer unlogischen Annahme beruhen, die kein Verstand sich jemals vorstellen kann; und wie könnte vom Verstand gefordert werden etwas zu glauben, was er sich nicht vorstellen kann? So etwas könnte die menschliche Vernunft nicht begreifen, wie viel weniger könnte es in eine intelligible Form gefasst werden; es würde bloße Einbildung bleiben. Nun, mit dieser Erklärung wird die Bedeutung der drei Personen der Trinität verdeutlicht und zugleich das Eins-Sein Gottes festgestellt.
Kapitel 28
Die Präexistenz Christi
Frage: Welche Bedeutung hat der folgende Vers im Johannes-Evangelium: »Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.«A95 Antwort: Es gibt zwei Arten der Präexistenz. Die eine ist die Präexistenz im Wesen, der keine Ursache vorausgeht, sondern die durch sich selbst existiert. Zum Beispiel scheint die Sonne aus sich selbst und braucht für ihr Licht nicht die Strahlen der anderen Sterne. Das wird wesenhaftes Licht genannt. Das Licht des Mondes hingegen stammt von der Sonne, denn der Mond braucht die Sonne um zu leuchten. Auf das Licht bezogen ist somit die Sonne die Ursache und der Mond die Wirkung. Die Erste ist sehr alt, ihre Ursprünge liegen weit zurück, vor allem anderen, während bei Letzterem schon etwas vorher existierte. Die zweite Art der Präexistenz ist die zeitliche Präexistenz, die keinen Anfang hat. Das transzendente Wort Gottes ist über die Zeit geheiligt. Vor Gott ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Gleiche. Für die Sonne gibt es kein Gestern, Heute oder Morgen. Auch im Hinblick auf Ehre und Auszeichnung gibt es eine Rangordnung; das heißt, das am höchsten Ausgezeichnete überragt das Ausgezeichnete. So überragt die Wirklichkeit Christi – das Wort Gottes – zweifellos alles Erschaffene in Bezug auf Wesen, Eigenschaften und Auszeichnung. Vor seinem Auftreten in Menschengestalt befand sich das Wort Gottes in einem Zustand höchster Heiligkeit und Herrlichkeit und weilte in vollkommener Schönheit und Pracht auf der Höhe seiner Majestät. Als dieses Wort durch die Weisheit des Allerhöchsten sein Licht vom Gipfel der Herrlichkeit auf die körperliche Welt ergoss, erfuhr es Angriffe durch das Fleisch. So fiel es in die Hände der Juden, wurde zum Gefangenen der Unwissenden und Ungerechten und wurde schließlich gekreuzigt. Deshalb rief Er zu Gott: Befreie Mich von den Fesseln des Körperlichen, erlöse Mich von diesem Käfig, damit Ich zu den Höhen der Größe und Majestät aufsteigen und die einstige Heiligkeit und Herrlichkeit wiedererlangen kann, derer Ich Mich erfreute, bevor die Welt des Fleisches zu Meiner Wohnstatt wurde; lass Mich frohlocken im ewigen Reiche und Meinen Flug nehmen zu Meiner wahren Wohnstätte, dem Reich des Raumlosen im ungeschauten Königreich. Wie du gesehen hast, hat sich die Größe und Herrlichkeit Christi nach Seinem Aufstieg sowohl im Reich der Herzen als auch über die Grenzen der Erde hinweg und selbst in jedem Staubkorn gezeigt. Solange Er in der Welt des Körpers weilte, wurde Er vom schwächsten Volk auf Erden, den Juden, die es für angemessen hielten, dass eine Dornenkrone auf Sein gesegnetes Haupt gesetzt wird, verachtet und beschimpft. Aber nach Seinem Aufstieg unterwarfen sich alle juwelenbesetzten Königskronen demütig dieser Dornenkrone. Seht die Herrlichkeit, die das Wort Gottes sogar in dieser Welt erlangt hat!
Kapitel 29
Sünde und Vergebung
Frage: Im 1. Korintherbrief 15:22 steht geschrieben: »Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.« Was bedeuten diese Worte? Antwort: Wisse, dass die Natur des Menschen von zweierlei Art ist, stofflich und geistig. Die stoffliche Natur des Menschen ist das Erbe Adams, während die geistige Natur Erbe der Wirklichkeit des Wortes Gottes ist, das geistige Wesen Christi. Die stoffliche Natur ist aus Adam geboren, aber die geistige Natur wird aus der Gnade des Heiligen Geistes geboren. Die stoffliche Natur ist die Quelle für jede Unvollkommenheit und die geistige Natur die Quelle aller Vollkommenheit. Christus hat sich Selbst geopfert, damit die Menschheit von den Unvollkommenheiten der stofflichen Natur befreit und mit den Tugenden der geistigen Natur bekleidet werde. Diese geistige Natur, die durch die Gnade der göttlichen Wirklichkeit entstand, ist der Inbegriff der Vollkommenheit und geht aus dem Odem des Heiligen Geistes hervor. Sie ist göttliche Vollkommenheit, Licht, Geistigkeit, Rechtleitung, Erhöhung, hohe Gesinnung, Gerechtigkeit, Liebe, Großzügigkeit, Güte gegenüber der ganzen Schöpfung und Wohltätigkeit: Sie ist Leben über Leben. Diese geistige Natur ist eine Ausstrahlung des Glanzes der Sonne der Wahrheit. Christus ist der Brennpunkt des Heiligen Geistes; Er wurde aus dem Heiligen Geist geboren; Er wurde vom Heiligen Geist erweckt; Er entspringt dem Heiligen Geist; das heißt, Seine Wirklichkeit entstammt nicht der Familie Adams, sondern ist aus dem Heiligen Geist geboren. Die Bedeutung vom Korinther 15:22, wo es heißt: »Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden« ist daher: Adam wird gemeinhin als »Vater des Menschen« bezeichnet, das heißt, er ist die Ursache des stofflichen Lebens der Menschheit und nimmt die Stellung stofflicher Vaterschaft ein. Er ist eine lebendige, wenn auch keine lebensspendende Seele, während Christus die Ursache für das geistige Leben des Menschen ist, und im Hinblick auf den Geist nimmt Er die Stellung geistiger Vaterschaft ein. Adam ist eine lebendige Seele; Christus ist ein lebensspendender Geist. In dieser stofflichen Welt wird der Mensch von Instinkten und Begierden beherrscht, die unausweichlich zur Sünde führen, denn diese Begierden sind nicht an die Gesetze der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit gebunden. Der Körper des Menschen ist ein Gefangener der Natur und wird tun, was auch immer ihm die Natur gebietet. Daraus folgt, dass in der stofflichen Welt Sünden wie Zorn, Neid, Streitsucht, Gier, Habsucht, Unwissenheit, Groll, Korruption, Stolz und Grausamkeit existieren müssen. Diese tierischen Eigenschaften existieren alle in der Natur des Menschen. Ein Mensch, dem eine geistige Erziehung verwehrt wurde, gleicht einem Tier, wie jene Bewohner Afrikas, deren Taten, Verhaltensweisen und Sitten nur den Instinkten folgen und die nach den Zwängen der Natur handeln, sogar soweit, dass sie sich gegenseitig zerreißen und essen. So wird deutlich, dass die stoffliche Welt des Menschen eine Welt der Sünde ist und dass der Mensch auf dieser Ebene vom Tier nicht zu unterscheiden ist. Jede Sünde wird durch Forderungen der Natur ausgelöst. Diese Zwänge der Natur, die zu den Kennzeichen körperlichen Daseins gehören, sind in Bezug auf das Tier keine Sünden, aber in Bezug auf den Menschen sind sie Sünden. Das Tier ist die Quelle solcher Unvollkommenheiten wie Ärger, Begierde, Neid, Gier, Grausamkeit und Stolz. All diese tadelnswerten Eigenschaften gehören zur Natur des Tieres und sind in Bezug auf das Tier keine Sünden, wohingegen sie beim Menschen Sünden sind. Adam ist die Ursache für das stoffliche Leben des Menschen, aber die Wirklichkeit Christi, das heißt das Wort Gottes, ist die Ursache für sein geistiges Leben. Sie ist lebensspendender Geist, was bedeutet, dass jede Unvollkommenheit, die durch das stoffliche Leben des Menschen verursacht wird, durch die Unterweisung und Rechtleitung dieses Wesens der Loslösung in menschliche Vollkommenheit verwandelt wird. Deshalb war Christus ein lebensspendender Geist und die Ursache für das geistige Leben der ganzen Menschheit. Adam war die Ursache des stofflichen Lebens, und da die materielle Welt des Menschen das Reich der Unvollkommenheit ist und Unvollkommenheit dem Tod gleichkommt, verglich Paulus das eine mit dem anderen. Aber die meisten Christen glauben, dass Adam eine Sünde und Übertretung beging, indem er vom verbotenen Baum aß, dass die verhängnisvollen und verheerenden Folgen dieser Übertretung für alle Zeit von Seinen Nachkommen ererbt wurden und dass Adam so zur Ursache des Todes für den Menschen wurde. Diese Erklärung widerspricht aller Vernunft und ist offensichtlich falsch, denn sie besagt, dass alle Menschen, selbst die Propheten und Gesandten Gottes ohne eigenes Verschulden und ohne eine Sünde begangen zu haben, aus keinem anderen Grund als ihrer Abstammung von Adam schuldig geworden sind und bis zum Tag des Opfers Christi die Qualen der Hölle zu erleiden hatten. Das läge der Gerechtigkeit Gottes fern. Wenn Adam ein Sünder war, welche Sünde hat Abraham begangen? Was war die Verfehlung von Isaak und Josef? Was war die Übertretung von Mose? Aber Christus, das Wort Gottes, hat Sich Selbst geopfert. Dies hat zwei Bedeutungen – eine äußere und eine wahre Bedeutung. Die äußere Bedeutung ist folgende: Da Christus eine Sache voranbringen wollte, die die Erziehung der Menschheit, die Belebung der Menschenkinder und die Erleuchtung der gesamten Menschheit mit sich brachte, und da die Förderung einer solch mächtigen Sache – eine Sache, die alle Völker der Erde gegen sich aufbringen und dem Widerstand jeder Nation und Regierung trotzen würde, – zwangsläufig zum Vergießen Seines Blutes und zu Seinem Kreuzestod führen würde, opferte Er in dem Augenblick, in dem Er Seine Sendung offenbarte, Sein Leben, hieß das Kreuz als Seinen Thron willkommen, betrachtete jede Wunde als Balsam und jedes Gift als süßen Honig und erhob sich, um die Menschen zu unterweisen und rechtzuleiten. Das heißt, Er opferte sich Selbst, um den Geist des Lebens zu verleihen, und Er starb körperlich, um andere geistig zu beleben. Die zweite Bedeutung des Opfers ist jedoch folgende: Christus war wie ein Samenkorn, und dieses Samenkorn opferte seine Gestalt, damit der Baum wachsen und sich entwickeln konnte. Obwohl die Gestalt des Samenkorns zerstört wurde, zeigte sich seine Wirklichkeit in vollkommener Majestät und Schönheit in der äußeren Gestalt des Baumes. Die Stufe Christi war die Stufe absoluter Vollkommenheit. Diese göttliche Vollkommenheit leuchtete gleichsam wie die Sonne auf alle gläubigen Seelen, und die Ausgießungen dieses Lichtes offenbarten sich strahlend in deren Wirklichkeiten. Darum sagt Er: »Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe«A96, das heißt, wer an dieser göttlichen Nahrung teilhat, der wird ewiges Leben erlangen. So fand ein jeder, der dieser Gunst teilhaftig wurde und einen Anteil an dieser Vollkommenheit erlangte, ewiges Leben, und ein jeder, der Erleuchtung von Seiner altehrwürdigen Gnade begehrte, wurde von der Finsternis des Irrtums befreit und durch das Licht der Rechtleitung erleuchtet. Die Gestalt des Samenkorns wurde für den Baum geopfert, aber seine Vollkommenheit wurde durch dieses Opfer enthüllt und offenbart: Denn der Baum, seine Zweige, seine Blätter, seine Blüten lagen im Samenkorn schlummernd verborgen, aber als die Gestalt des Samenkorns geopfert wurde, zeigte sich seine Vollkommenheit in den Blättern, Blüten und Früchten.
Kapitel 30
Adam und Eva
Frage: Inwiefern ist die Geschichte von Adam, der vom Baum der Erkenntnis aß, wahr? Antwort: In der Thora steht geschrieben, dass Gott Adam in den Garten Eden brachte, damit er diesen pflege und hege, und zu Ihm sprach: »Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.«A97 Dann heißt es, dass Gott Adam einschlafen ließ, Ihm einen Rippenknochen entnahm und Ihm daraus eine Frau als Gefährtin erschuf. Weiter heißt es, die Schlange habe die Frau dazu verleitet, vom Baum zu essen, indem sie sagte: »Gott hat euch verboten, vom Baum zu essen, damit eure Augen nicht geöffnet werden und ihr nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden könnt.«A98 Dann aß Eva von dem Baum und gab etwas davon Adam, der auch aß. Daraufhin wurden ihre Augen geöffnet, sie sahen, dass sie nackt waren und bedeckten ihre Blöße mit Blättern. Daraufhin stellte Gott sie zur Rede, indem Er zu Adam sprach: »Hast du vom verbotenen Baum gegessen?« Adam antwortete: »Eva hat mich dazu verleitet.« Dann rügte Gott Eva, die zur Antwort gab: »Die Schlange hat mich dazu verleitet.« Dafür wurde die Schlange verflucht, und daraus entstand Feindschaft zwischen der Schlange und Eva und zwischen ihren Nachkommen. Und Gott sprach: »Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Vielleicht wird er vom Baum des Lebens essen und ewig leben.« Daher bewachte Gott den Baum des Lebens.A99 Sollten wir diese Erzählung, dem üblichen Sprachgebrauch folgend, wörtlich nehmen, wäre das wirklich höchst sonderbar und man könnte vom menschlichen Verstand nicht erwarten, es zu akzeptieren, dem zuzustimmen oder es sich auch nur vorzustellen. Denn solche komplexen Zusammenhänge und Einzelheiten, solche Aussagen und Vorhaltungen wären unglaubwürdig, selbst wenn sie von einer intelligenten Person stammten, geschweige denn von der Gottheit Selbst, die dieses unendliche Universum in höchst vollkommener Form geschaffen und seine zahllosen Wesen in bester Ordnung, Robustheit und Vollkommenheit gestaltet hat. Man sollte hier etwas innehalten: Sollte die wortwörtliche Bedeutung dieser Erzählung einem weisen Mann zugeschrieben werden, so würden alle klugen Menschen dies sicherlich ablehnen mit der Begründung, ein derartiges Konzept und Gedankenkonstrukt könne nie und nimmer von solch einer Person herrühren. Die Erzählung von Adam und Eva, wie sie von dem Baum gegessen haben und aus dem Paradies vertrieben wurden, besteht aus Sinnbildern und göttlichen Geheimnissen. Sie haben umfassende Bedeutungen und es gibt dafür wunderbare Auslegungen, aber ihre wahre Tragweite eröffnet sich nur denen, die mit den göttlichen Geheimnissen vertraut sind und die vom allgenügenden Gott begünstigt wurden. Die Verse der Thora haben somit zahlreiche Bedeutungen. Eine davon werden wir erklären und darlegen, dass mit »Adam« der Geist Adams gemeint ist und mit »Eva« Sein Selbst. Denn an bestimmten Stellen der Heiligen Schriften, wo Frauen erwähnt werden, ist das menschliche Selbst gemeint. Mit »dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse« ist die materielle Welt gemeint, denn das himmlische Reich des Geistes ist reine Güte und vollkommener Strahlenglanz. In der materiellen Welt jedoch sind Licht und Dunkelheit, Gut und Böse und alle möglichen Gegensätze zu finden. Die Schlange steht für die Bindung an die materielle Welt. Diese Bindung des Geistes an die materielle Welt führte zur Vertreibung des Selbstes und des Geistes Adams aus dem Reich der Freiheit in die Welt der Knechtschaft und bewirkte, dass Er sich vom Reich Göttlicher Einheit zur Welt des menschlichen Daseins wandte. Sobald Adams Selbst und Geist in die materielle Welt gelangte, verließ Er das Paradies der Freiheit und stieg hinab in das Reich der Knechtschaft. Er hatte sich in den Höhen der Heiligkeit und des absolut Guten aufgehalten und betrat dann die Welt von Gut und Böse. Mit »Baum des Lebens« ist die höchste Stufe in der Welt des Seins gemeint, die Stufe des Wortes Gottes und Seiner allumfassenden Manifestation. Tatsächlich war diese Stufe wohl gehütet und verborgen, bis sie strahlend in der höchsten Offenbarung Seiner allumfassenden Manifestation erschien. Denn im Hinblick auf die Offenbarung und das Erscheinen göttlicher Vollkommenheit war die Stufe Adams die eines Embryos; die Stufe Christi war die des Heranwachsens und Heranreifens; und die Morgendämmerung des Größten LichtsA100 war die Stufe der Vollkommenheit im Wesen und in den Eigenschaften. Deshalb steht der Baum des Lebens im höchsten Paradies für den Mittelpunkt vollkommener Heiligkeit und Reinheit, nämlich die allumfassende Manifestation Gottes. Denn von den Tagen Adams bis zur Zeit Christi wurde wenig über das ewige Leben und die allumfassende Vollkommenheit des Reiches der Höhe gesprochen. Dieser Baum des Lebens verweist auf die Stufe der Wirklichkeit Christi: Er wurde in Seiner Sendung gepflanzt und mit unvergänglichen Früchten geschmückt. Schau, wie genau diese Deutung mit der Wirklichkeit übereinstimmt: Denn als der Geist und das Selbst Adams sich an die materielle Welt banden, gelangten sie aus dem Reich der Freiheit in das Reich der Knechtschaft; dieser Zustand setzte sich in jeder nachfolgenden Generation fort, und Seine Nachkommen erbten diese Bindung von Geist und Selbst an die materielle Welt, was gleichbedeutend ist mit Sünde. Diese Bindung ist die Schlange, die für immer mitten im Geiste der Nachkommen Adams und in Feindschaft mit ihnen sein wird, denn die Bindung an die Welt wurde die Ursache für die Knechtschaft des Geistes. Diese Knechtschaft ist die Sünde, die von Adam an Seine Nachkommen weitergegeben wurde, denn sie hat die Menschen daran gehindert, ihre wesenhafte Geistigkeit zu erkennen und zu erhabenen Stufen zu gelangen. Als der heilige Odem Christi und das geheiligte Licht der Größten Lichtgestalt sich überallhin ausbreiteten, wurde die Wirklichkeit der Menschen – das heißt der Menschen, die sich dem Wort Gottes zuwandten und an Seiner vielfältigen Gunst teilhatten – von dieser Bindung und Sünde errettet, ihnen wurde ewiges Leben gewährt, sie wurden aus den Ketten der Knechtschaft befreit und betraten das Reich der Freiheit. Sie wurden von irdischen Lastern befreit und mit himmlischen Tugenden begabt. Die Bedeutung der Worte Christi ist, dass Er Sein Blut für das Leben der Welt gab.A101 Das heißt, Er hatte sich entschieden, alle Prüfungen, Leiden und Trübsale, selbst das größte Martyrium zu ertragen, um dieses höchste Ziel zu erreichen und die Vergebung der Sünden sicherzustellen – das heißt, die Loslösung des Geistes von der Welt der Materie und die Anziehung hin zum göttlichen Reich –, damit sich Menschen erheben, die zum Wesen der Rechtleitung und zur Verkörperung der Vollkommenheit des Königreichs der Höhe werden. Beachte: Würden diese Aussagen wörtlich genommen, so wie das Volk der SchriftA102 es sich vorstellt, wäre dies schiere Ungerechtigkeit und reine Tyrannei. Wenn Adam sündigte, als Er sich dem verbotenen Baum näherte, was war dann die Sünde des ruhmreichen Abraham, des Freundes Gottes, und die Verfehlung des Mose, der mit Gott sprach? Was war das Vergehen des Propheten Noah und die Übertretung des aufrichtigen Josef? Was war die Schuld der Propheten Gottes und was das Versäumnis von Johannes, dem Keuschen? Würde es die göttliche Gerechtigkeit zulassen, dass die lichterfüllten Offenbarer wegen der Sünde Adams so lange die Qualen der Hölle erleiden, bis sie durch das Kommen Christi und Seinen Opfertod aus den Tiefen des Feuers gerettet werden? Eine solche Vorstellung liegt jenseits aller Regeln und Prinzipien und kein vernünftiger Mensch kann so etwas jemals akzeptieren. Wie bereits erwähnt ist die Bedeutung vielmehr: Adam ist der Geist Adams und Eva ist Sein Selbst; der Baum ist die materielle Welt, und die Schlange ist die Bindung daran. Diese Bindung – das ist die Sünde – wurde an die Nachkommen Adams weitergegeben. Durch den Odem der Heiligkeit hat Christus Seelen von dieser Bindung errettet und sie von dieser Sünde erlöst. Diese Sünde in Adam steht im Übrigen im Zusammenhang mit Seiner Stufe: Obwohl diese weltliche Bindung beachtliche Ergebnisse gezeitigt hat, wird sie in Bezug auf die Bindung zum geistigen Reich nichtsdestotrotz als Sünde angesehen, und es bestätigt sich hierbei die Wahrheit des Ausspruchs »Die guten Taten der Rechtschaffenen sind die Sünden derer, die Gott nahestehen«. Anders gesagt, es ist wie die Kraft des Körpers, die im Gegensatz zur Kraft des Geistes unvollkommen ist – sie ist im Vergleich dazu nichts als Schwäche. Ebenso wird das körperliche Leben im Vergleich zum ewigen Dasein und dem Leben des Königreichs als Tod angesehen. Daher bezeichnete Christus dieses körperliche Leben als Tod und sagte: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.«A103 Obwohl jene Seelen sich des körperlichen Lebens erfreuten, war dieses Leben in Seinen Augen wie der Tod. Dies ist nur eine der Bedeutungen der biblischen Erzählung über Adam. Denke darüber nach, damit du auch die anderen herausfindest.
Kapitel 31
Lästerung wider den Heiligen Geist
Frage: »Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Heiligen Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.«A104 Antwort: Die geheiligte Wirklichkeit der Manifestationen Gottes hat zwei geistige Stufen: Die eine ist die mit der Sonne vergleichbare Stufe der göttlichen Manifestation, und die andere ist die der Ausstrahlung und der Offenbarung, die mit dem göttlichen Licht und der göttlichen Vollkommenheit – dem Heiligen Geist – verglichen werden kann. Denn der Heilige Geist verkörpert die vielfältigen Gnadengaben und die Vollkommenheit Gottes; und diese göttliche Vollkommenheit gleicht den Strahlen und der Wärme der Sonne. Die Sonne ist die Sonne wegen ihres Strahlenglanzes; ohne diese Strahlen wäre sie nicht die Sonne. Wenn die Vollkommenheit Gottes sich nicht in Jesus offenbart hätte, so wäre Er nicht Christus. Er ist genau deswegen eine Manifestation Gottes, weil die göttliche Vollkommenheit in Ihm offenbar wird. Die Propheten Gottes sind Manifestationen, und die göttliche Vollkommenheit – also der Heilige Geist – ist das, was in Ihnen erscheint. Wenn sich ein Mensch von der Manifestation entfernt, kann er noch erweckt werden, weil er vielleicht nicht um Sie wusste und Sie nicht als die Verkörperung göttlicher Vollkommenheit erkannt hat. Wenn er aber die göttliche Vollkommenheit, also den Heiligen Geist, verabscheut, dann zeigt dies, dass er wie eine Fledermaus das Licht hasst. Dieser Hass auf das Licht selbst ist unheilbar und unverzeihlich, das heißt, es ist einer solchen Seele unmöglich, Gott nahe zu kommen. Diese Lampe hier ist eine Lampe wegen ihres Lichts; ohne das Licht wäre sie keine Lampe. Eine Seele, die das Licht der Lampe verabscheut, ist sozusagen blind und kann das Licht nicht wahrnehmen, und diese Blindheit ist die Ursache ewigen Verlustes. Es ist offensichtlich, dass den Seelen durch die Ausgießungen des Heiligen Geistes, die in den Manifestationen Gottes zum Ausdruck kommen, Gnade zuteilwird und nicht etwa durch die individuelle Persönlichkeit der Manifestation. Wenn also eine Seele an den Ausgießungen des Heiligen Geistes keinen Anteil hat, bleibt sie der Gnade Gottes beraubt, und dieser Verlust selbst ist gleichbedeutend mit dem Entzug göttlicher Vergebung. Deshalb gab es viele Menschen, die sich den Manifestationen Gottes entgegenstellten, ohne zu erkennen, dass Sie Manifestationen waren, aber sie wurden zu Freunden, nachdem sie Sie anerkannt hatten. So war die Feindschaft gegen die Manifestation Gottes nicht die Ursache ewigen Verlustes, denn sie waren Feinde des Kerzenleuchters und erkannten nicht, dass es der Sitz des strahlenden Lichtes Gottes war. Sie waren nicht die Feinde des Lichtes selbst, und als sie verstanden, dass der Kerzenleuchter der Sitz des Lichtes war, wurden sie wahre Freunde. Damit ist gemeint, dass das Fernsein vom Kerzenleuchter nicht die Ursache ewigen Verlustes ist, denn man kann noch erweckt und rechtgeleitet werden; vielmehr ist die Feindschaft gegenüber dem Licht selbst die Ursache ewigen Verlustes und dagegen gibt es kein Heilmittel.
Kapitel 32
Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt
Frage: Christus sagt im Evangelium: »Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt«A105 und im Qur’án steht geschrieben: »Gott aber schenkt Seine Barmherzigkeit in besonderer Weise, wem Er will.«A106 Welche Weisheit liegt darin? Antwort: Wisse, dass die Ordnung und Vollkommenheit des Universums eines Daseins bedarf, das in unzähligen Formen entstehen muss. Erschaffene Dinge können daher nicht auf einer einzigen Stufe, auf einer Seinsebene, in einer Weise, Beschaffenheit und Art entstehen: Es muss zwangsläufig Stufenunterschiede, Formenvielfalt und eine Vielzahl von Arten geben. Die Reiche des Minerals, der Pflanze, des Tieres und des Menschen sind also notwendig, denn allein durch den Menschen könnte die Welt des Daseins nicht hinreichend geordnet, geschmückt, geregelt und vervollkommnet werden. Aus dem gleichen Grund würde allein mit Tieren, Pflanzen oder Mineralien diese Welt keine so wunderbare Erscheinung besitzen, nicht so wohl geordnet und fein ausgestaltet sein: Unterschiede des Ranges, der Stufe, und der Art sind nötig, damit das Dasein in höchster Vollkommenheit erstrahlen kann. Wenn zum Beispiel dieser Baum gänzlich zu Früchten würde, so könnte das Pflanzenreich keine Vollkommenheit erlangen, denn es bedarf der Blätter, Blüten und Früchte, damit der Baum in höchster Schönheit und Vollkommenheit erscheinen kann. Betrachte in gleicher Weise den Körper des Menschen, der notwendigerweise aus verschiedenen Teilen, Gliedern und Organen zusammengesetzt sein muss. Für die Schönheit und Vollkommenheit des menschlichen Körpers sind Ohr, Auge, Gehirn und sogar Nägel und Haare erforderlich: Wenn der Mensch ausschließlich aus Gehirn, Augen oder Ohren bestünde, wäre das gleichbedeutend mit Unvollkommenheit. Das Fehlen von Haaren, Wimpern, Zähnen und Nägeln stellt demnach eine Unvollkommenheit dar, denn auch wenn Letztere im Vergleich zu den Augen zu keiner Sinneswahrnehmung in der Lage sind und damit dem Mineral und der Pflanze ähneln, so ist es doch höchst misslich und unangenehm, wenn sie im Körper fehlen. Solange sich also die erschaffenen Dinge auf unterschiedlichen Stufen befinden, werden manche naturgemäß anderen überlegen sein. Demnach folgt aus der Tatsache, dass die Auswahl bestimmter Geschöpfe, so etwa des Menschen für die höchste Stufe, die Einordnung anderer, wie der Pflanzen auf der mittleren Stufe und wieder anderer, etwa der Mineralien, auf der niedrigsten Stufe, allesamt auf den Willen und die Absicht Gottes zurückzuführen sind, dass die Auswahl des Menschen für die höchste Stufe durch die Gnade Gottes geschieht und dass Unterschiede zwischen den Menschen hinsichtlich geistiger Errungenschaften und himmlischer Vollkommenheit ebenfalls bestehen, weil der Allbarmherzige es so wünschte. Denn der Glaube – das ewige Leben – ist ein Zeichen der Gnade und nicht das Ergebnis der Gerechtigkeit. In dieser Welt aus Erde und Wasser brennt die Flamme des Feuers der Liebe durch Anziehungskraft und nicht durch menschliches Bemühen und Streben, obwohl man tatsächlich durch Letzteres zu Wissen, Gelehrsamkeit und Vervollkommnung auf weiteren Gebieten gelangen kann. Es ist also das Licht der göttlichen Schönheit, das durch seine Anziehungskraft den Geist aufrütteln und bewegen muss. Darum heißt es: »Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.«A107 Was die stofflichen Lebewesen betrifft, so dürfen sie nicht wegen ihres eigenen Ranges und ihrer Stufe getadelt, verurteilt oder zur Rechenschaft gezogen werden. So sind das Mineral, die Pflanze und das Tier auf ihren jeweiligen Stufen annehmbar, aber wenn sie hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben sollten, wären sie zu tadeln, auch wenn die Stufe selbst vollkommen ist. Gleichwohl ist der Unterschied zwischen den Menschen von zweierlei Art: Der eine ist ein Rangunterschied und der ist nicht tadelnswert. Der andere Unterschied liegt im Glauben und in der Gewissheit – ihr Fehlen ist tadelnswert, denn um dieser Gnadengabe und der Anziehungskraft der Liebe Gottes beraubt zu sein, muss die Seele ihren eigenen Begierden und Leidenschaften zum Opfer gefallen sein. So lobenswert und annehmbar sie auf ihrer menschlichen Stufe sein mag, so wird sie, der Vollkommenheit dieser Stufe beraubt, zu einer Quelle von Unzulänglichkeiten und wird dafür zur Rechenschaft gezogen.
Kapitel 33
Die Wiederkunft der Gottesboten
Frage: Würden Sie das Thema der Wiederkunft erläutern? Antwort: Dieses Thema hat Bahá’u’lláh detailreich und ausführlich im Kitáb-i-ÍqánA108 erläutert. Lies es, dann wird die Wahrheit dieser Angelegenheit klar und offensichtlich. Aber weil du die Frage aufgeworfen hast, gibt es hier auch eine kurze Erklärung dazu. Wir werden dieses Thema anhand des Textes des Evangeliums erklären. Darin heißt es, dass Johannes, der Sohn des Zacharias, erschien und den Menschen die Ankunft des Reiches Gottes ankündigte, und sie fragten ihn: »Wer bist du? Bist du der verheißene Messias?« Er antwortete: »Ich bin nicht der Messias.« Daraufhin fragten sie ihn: »Bist du Elias?« Er antwortete: »Ich bin es nicht.«A109 Aus diesen Worten geht eindeutig hervor, dass Johannes, der Sohn des Zacharias, nicht der verheißene Elias war. Am Tag der Verklärung auf dem Berg Tabor jedoch sagte Christus ausdrücklich, dass Johannes, der Sohn des Zacharias, der verheißene Elias war. In Markus 9:11 heißt es: »Und sie fragten Ihn und sprachen: Sagen nicht die Schriftgelehrten, dass zuvor Elias kommen muss? Er aber antwortete und sprach zu ihnen, Elias soll ja zuvor kommen und alles wieder zurechtbringen. Wie steht dann geschrieben von dem Menschensohn, dass er viel leiden und verachtet werden soll? Aber ich sage euch: Elias ist gekommen, und sie haben ihm angetan, was sie wollten, wie von ihm geschrieben steht.« Und in Matthäus 17:13 heißt es: »Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.« Nun hatten sie Johannes den Täufer gefragt: »Bist du Elias?« und er hatte geantwortet: »Ich bin es nicht«, während im Evangelium gesagt wird, dass Johannes der verheißene Elias selbst war, und Christus das auch klar zum Ausdruck gebracht hatte. Wenn Johannes Elias war, warum hat er gesagt, dass er es nicht war, und wenn er nicht Elias war, warum hat Christus gesagt, dass er es war? Der Grund dafür ist, dass wir hier nicht die individuelle Persönlichkeit, sondern die Wirklichkeit seiner Vollkommenheit betrachten, das heißt, die gleiche Vollkommenheit, die Elias besaß, zeigte sich auch in Johannes dem Täufer. So gesehen war Johannes der Täufer der verheißene Elias. Was hier betrachtet wird, ist nicht das WesenA110, sondern die Eigenschaften. Letztes Jahr gab es hier zum Beispiel eine Blume und in diesem Jahr ist hier auch eine Blume erschienen. Wenn ich sage, dass die Blume des letzten Jahres zurückgekehrt ist, dann meine ich nicht, dass die Blume mit derselben Identität zurückgekehrt ist. Aber da diese Blume mit denselben Attributen ausgestattet ist wie die Blume des letzten Jahres – sie besitzt ja denselben Duft, dieselbe Zartheit, Farbe und Form – heißt es, dass die Blume des letzten Jahres zurückgekehrt ist und dass es genau dieselbe Blume ist. Ebenso sagen wir, wenn der Frühling kommt, dass der Frühling des letzten Jahres zurückgekehrt ist, denn alles, was es im vorherigen Frühling gab, gibt es im darauffolgenden wieder. Deshalb sagte Christus: »Ihr werdet selbst alles sehen, was in den Tagen der früheren Propheten geschehen ist.«A111 Nehmen wir noch ein weiteres Beispiel: Im letzten Jahr wurde ein Samen gesät, Zweige und Blätter erschienen, Blüten und Früchte bildeten sich aus, und schließlich wurde ein neuer Samen hervorgebracht. Wenn dieser zweite Samen gepflanzt wird, wird er zu einem Baum heranwachsen, wieder werden Blätter, Blüten, Zweige und Früchte zurückkehren und der frühere Baum wird wieder zum Vorschein kommen. Da es am Anfang ein Samenkorn gab und am Ende ebenfalls, sagen wir, dass der Samen zurückgekehrt ist. Wenn wir die stoffliche Substanz des Baumes betrachten, ist sie eine andere, aber wenn wir die Blüten, Blätter und Früchte betrachten, werden der gleiche Duft, der gleiche Geschmack und die gleiche Köstlichkeit hervorgebracht. Somit ist die Vollkommenheit des Baumes erneut zurückgekehrt. Wenn wir desgleichen das Individuum betrachten, ist es ein anderes, aber wenn wir die Eigenschaften und Vollkommenheit betrachten, sind genau dieselben zurückgekehrt. Als Christus also sagte: »Das ist Elias«, meinte Er: In diesem Menschen zeigen sich die Gnade, die Vollkommenheit, die Qualitäten, die Eigenschaften und die Tugenden des Elias. Und als Johannes der Täufer sagte: »Ich bin nicht Elias«, meinte er: »Ich bin nicht dieselbe Person wie Elias.« Christus betrachtete ihre Attribute, Vollkommenheit, Qualitäten und Tugenden, und Johannes bezog sich auf sein physisches Dasein und seine Individualität. Es ist wie bei dieser Lampe: Gestern Abend war sie hier, heute Abend wird sie wieder angezündet, und auch morgen Abend wird sie wieder leuchten. Wenn wir sagen, dass die Lampe von heute Abend dieselbe ist wie die von gestern Abend und dass sie zurückgekehrt ist, meinen wir das Licht und nicht das Öl, den Docht oder den Halter. Diese Aspekte wurden ausführlich im Kitáb-i-Íqán erläutert.
Kapitel 34
Petrus und das Papsttum
Frage: Im Matthäusevangelium sagt Christus zu Petrus: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen«A112. Was bedeutet dieser Vers? Antwort: Diese Äußerung Christi ist eine Bestätigung der Antwort von Petrus als Christus fragte: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?«, worauf Petrus antwortete: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« Dann sagte Christus zu ihm: »Du bist Petrus«A113 – denn »Kephas« bedeutet auf Hebräisch ›Fels‹ – »und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.« Denn andere hatten Christus geantwortet, Er sei Elias, oder Johannes der Täufer, oder Jeremia, oder einer der Propheten.A114 Christus wollte durch diesen bildlichen Ausdruck und die Anspielung Petri Worte bestätigen. Und da dessen Name ›Fels‹ bedeutete, sagte er: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.« Das heißt, dein Glaube, dass Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist, wird das Fundament der Religion Gottes werden, und auf diesem Glauben wird das Fundament der Kirche Gottes – also das Gesetz Gottes – errichtet werden. Hinsichtlich der Grabstätte des Petrus ist es fraglich und umstritten, ob sie sich in Rom befindet, manche vermuten sie in Antiochia. Außerdem sollten wir die Taten mancher Päpste an der Religion Christi messen. Christus, der Hunger litt und mittellos war, ernährte sich von den Kräutern der Wildnis und hätte es nicht zugelassen, dass irgendein Herz betrübt wird. Der Papst fährt in einer goldenen Kutsche, verbringt seine Tage in größtem Luxus und umgibt sich mit Annehmlichkeiten und Vergnügungen, die sogar den Überfluss und die Selbstgefälligkeit aller Könige der Erde übertrifft. Christus hat niemandem Schaden zugefügt, manche Päpste aber haben viele unschuldige Menschen getötet. Schlag nach in den Geschichtsbüchern. Wie viel Blut haben die Päpste vergossen, nur um ihre vergängliche Herrschaft zu sichern! Wie viele Tausende von Dienern der Menschheit, darunter gelehrte Männer, die die Geheimnisse des Universums entdeckt hatten, haben sie gefoltert, eingesperrt und getötet, alles nur wegen Meinungsverschiedenheiten! Wie nachdrücklich haben sie sich der Wahrheit entgegengestellt! Betrachte die Ermahnungen Christi und untersuche die Gepflogenheiten und Verhaltensweisen der Päpste: Stimmen die Ermahnungen des einen mit der Amtsführung der anderen in irgendeiner Weise überein? Wir suchen nicht gern nach Fehlern, doch die Chroniken des Vatikans sind wirklich erstaunlich. Damit soll gesagt sein, dass die Anweisungen Christi eine Sache sind und das Verhalten der päpstlichen Regierung eine ganz andere: Sie stimmen nicht im Geringsten überein. Schau, wie viele Protestanten auf Befehl der Päpste ermordet wurden, welche Missstände und Grausamkeiten gutgeheißen und welche Foltern und Strafen verhängt wurden! Können die süßen Düfte Christi in irgendeiner Weise in diesen Taten wahrgenommen werden? Nein, bei der Gerechtigkeit Gottes! Dergleichen Menschen haben nicht auf Christus gehört, während die heilige Barbara, deren Bild wir hier haben, Ihm gehorchte, auf Seinem Pfad wandelte und sich an Seine Ermahnungen hielt. Tatsächlich gab es besonders in den frühen Jahrhunderten der christlichen Ära, als irdische Mittel knapp und Prüfungen, die der Himmel schickte, heftig waren, unter den Päpsten einige gesegnete Seelen, die den Fußspuren Christi folgten. Aber als die Mittel für eine irdische Herrschaft geschaffen und weltliche Ehre und Wohlstand erzielt worden waren, vernachlässigte die päpstliche Regierung Christus völlig und befasste sich nur noch mit irdischer Herrschaft und Größe, mit materiellen Annehmlichkeiten und Luxus. Sie brachte Menschen zu Tode, wandte sich gegen die Verbreitung von Bildung, verfolgte Wissenschaftler, verbarg das Licht der Erkenntnis und erteilte Befehle zu morden und zu plündern. Tausende von Menschen, Wissenschaftler und Gelehrte sowie Unschuldige, gingen in den Gefängnissen Roms zugrunde. Wie kann man bei solch einem Verhalten und solchen Taten den Anspruch auf das Stellvertreteramt Christi anerkennen? Der Heilige Stuhl hat konsequent die Ausweitung von Wissen bekämpft; das ging so weit, dass in Europa die Auffassung vertreten wird, Religion sei der Feind der Wissenschaft und Wissenschaft zerstöre die Grundlage der Religion. Die Religion Gottes hingegen verficht die Wahrheit, schafft die Grundlage für Wissenschaft und Lernen, unterstützt das Wissen, sorgt für die Kultivierung der Menschheit, deckt die Geheimnisse des Daseins auf und erleuchtet die Horizonte der Welt. Wie könnte sie sich dann dem Wissen entgegenstellen? Gott bewahre! Im Gegenteil, vor Gott ist Wissen die bedeutsamste menschliche Tugend und die edelste menschliche Vollkommenheit. Wissen abzulehnen ist reine Unwissenheit, und wer die Künste und Wissenschaften verabscheut, ist kein Mensch, sondern wie ein Tier ohne Verstand. Denn Wissen ist Licht, Leben, Glückseligkeit, Vollkommenheit und Schönheit und bewirkt, dass die Seele sich der göttlichen Schwelle nähert. Es ist Ruhm und Ehre in der Menschenwelt und die größte aller Gaben Gottes. Wissen ist identisch mit Rechtleitung, Unwissenheit hingegen der Inbegriff des Irrtums. Glücklich, wer seine Tage mit der Suche nach Wissen, der Entdeckung von Geheimnissen des Universums und der sorgfältigen Erforschung der Wahrheit verbringt! Und wehe denen, die sich mit Unwissenheit begnügen, sich an gedankenloser Nachahmung erfreuen, in den Abgrund von Unwissenheit und Achtlosigkeit gefallen sind und damit ihr Leben vergeudet haben!
Kapitel 35
Freier Wille und Vorherbestimmung
Frage: Wenn Gott um die zukünftige Tat einer Person weiß und diese auf der ›Verwahrten Tafel‹ des Schicksals aufgezeichnet wird, ist es dann möglich, sich dem zu widersetzen? Antwort: Das Wissen um etwas ist nicht die Ursache dafür, dass es geschieht, denn das wesenhafte Wissen Gottes umfasst die Wirklichkeit aller Dinge bevor und nachdem sie ins Dasein treten, aber es ist nicht die Ursache ihres Daseins. Dies ist ein Ausdruck der Vollkommenheit Gottes. Gleiches gilt für die Aussagen der Propheten, die ihnen durch göttliche Offenbarung eingegeben wurden und die das Kommen des in der Thora Verheißenen verkündeten: auch sie waren nicht die Ursache für das Erscheinen Christi. Aber die verborgenen Geheimnisse künftiger Tage wurden den Propheten enthüllt, wodurch sie künftiger Ereignisse gewahr wurden, die sie dann verkündeten. Dieses Wissen und die Verkündigung waren nicht die Ursache für das Eintreten dieser Ereignisse. Zum Beispiel weiß heute Abend jeder, dass in sieben Stunden die Sonne aufgehen wird, aber dass dies jedermann weiß, verursacht nicht den Sonnenaufgang. Genauso bringt Gottes Wissen in der bedingten Welt nicht die Form der Dinge hervor. Vielmehr ist dieses Wissen frei davon, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden und es entspricht allem, was geschieht, ohne die Ursache für dessen Verwirklichung zu sein. Ebenso wird etwas, das in den Heiligen Schriften verzeichnet ist oder Erwähnung findet, nicht zur Ursache dafür, dass es existiert. Die Propheten Gottes erfuhren durch göttliche Eingebung, dass gewisse Ereignisse sich zutragen würden. Durch göttliche Eingebung wussten sie zum Beispiel, dass Christus als Märtyrer sterben würde, was sie daraufhin verkündeten. Hat nun ihr Wissen und ihre Kenntnis das Martyrium Christi verursacht? Nein: Dieses Wissen ist ein Zeichen ihrer Vollkommenheit und nicht die Ursache Seines Martyriums. Durch astronomische Berechnungen können Mathematiker den Zeitpunkt bestimmen, an dem eine Sonnen- oder Mondfinsternis eintreten wird. Sicherlich ist diese Vorhersage nicht der Auslöser der Finsternis. Das ist natürlich nur ein Vergleich und kein exaktes Bild.
Teil 3 – Über die Kräfte und Seinsweisen der Manifestationen Gottes
Kapitel 36
Die fünf Arten des Geistes
Wisse, dass es insgesamt fünf Arten von Geist gibt. Zunächst ist da der Geist der PflanzeA115, die Kraft, die aus der Zusammensetzung und Verbindung der Elemente gemäß der Weisheit und dem Befehl des Höchsten entsteht und sich sowohl aus ihren Wechselwirkungen als auch aus ihrem Einfluss auf andere erschaffene Dinge und ihrer Verknüpfung mit ihnen ergibt. Wenn diese Bestandteile und Elemente voneinander getrennt werden, verschwindet die damit verbundene Wachstumskraft ebenfalls. Um einen Vergleich zu ziehen: Wenn bestimmte Bauteile zusammengefügt werden, kann elektrischer Strom fließen, aber sobald diese Teile voneinander getrennt werden, wird die elektrische Kraft sofort unterbrochen und verschwindet. So ist es auch mit dem Geist der Pflanze. Als Nächstes kommt der Geist des Tieres: auch er entsteht, wenn Elemente in einer einzigartigen Weise miteinander verbunden werden. Aber diese Zusammensetzung ist vollendeter, und wenn sie durch den Ratschluss des allmächtigen Herrn eine größere Vollkommenheit der Verbindung erreicht, entsteht der Geist des Tieres, der auf der Kraft der Sinne beruht. Diese Kraft nimmt die den Sinnen zugängliche Wirklichkeit wahr – alles, was man sehen, hören, schmecken, riechen oder berühren kann. Nach Trennung und Auflösung dieser zusammengesetzten Bestandteile wird auch dieser Geist naturgemäß aufhören zu existieren. Es ist wie die Lampe, die du hier siehst: Wenn Öl, Docht und Flamme zusammengebracht werden, wird Licht erzeugt; aber wenn das Öl verbraucht ist und der Docht abgebrannt ist, wird auch das Licht verlöschen. Mit dem menschlichen Geist verhält es sich ähnlich wie mit den Gaben der Sonne bezogen auf ein Glas. Das heißt, der Körper des Menschen, der sich aus Elementen zusammensetzt, ist die vollendetste Form der Zusammensetzung und Verbindung, die beste Anordnung, die edelste Zusammensetzung und das vollkommenste aller existierenden Dinge. Er wächst und entwickelt sich durch den Geist des Tieres. Dieser vollkommene Körper ist vergleichbar mit einem Spiegel und der menschliche Geist mit der Sonne: Wenn das Glas zersplittert oder der Spiegel zerbricht, dann ändert das nichts an der Gnade, die der Sonne unbeeinträchtigt weiter entströmt. Dieser Geist ist die Kraft der Entdeckung, die alle Dinge umfasst. Alle wundersamen Zeichen, alle Handwerke und Entdeckungen, all die mächtigen Unternehmungen und bedeutsamen historischen Ereignisse, die dir bekannt sind, wurden von diesem Geist entdeckt und durch seine geistige Kraft aus dem unsichtbaren Reich auf die Ebene des Sichtbaren gebracht. So wohnt er auf der Erde und macht doch Entdeckungen am Himmel und erschließt sich Unbekanntes aus bekannten und sichtbaren Wirklichkeiten. Zum Beispiel befindet sich der Mensch auf dieser Hemisphäre, aber durch die Kraft des Verstandes entdeckt er, genau wie Kolumbus, den amerikanischen Kontinent, der bis dahin unbekannt war. Er hat einen schweren Körper, aber er fliegt am Himmel mit Vehikeln, die er selbst erfunden hat. Seine Bewegung ist langsam, aber er reist in hoher Geschwindigkeit durch Ost und West mit Hilfe von Fahrzeugen, die er entwickelt hat. Kurz gesagt, diese Kraft umfasst alle Dinge. Aber dieser menschliche Geist hat zwei Seiten: eine himmlische und eine satanische – das heißt, er ist sowohl zur höchsten Vollkommenheit als auch zur größten Unvollkommenheit fähig. Wenn er sich Tugenden aneignet, ist er von allem Erschaffenen das Edelste und wenn er sich Laster aneignet, dann ist er an Abscheulichkeit nicht zu überbieten. Was die vierte Art des Geistes betrifft, so ist es der himmlische Geist, das heißt der Geist des Glaubens und die Gnadenfülle des Allbarmherzigen. Dieser Geist geht aus dem Odem des Heiligen Geistes hervor und wird durch die Kraft Gottes zur Ursache ewigen Lebens. Diese Kraft macht die irdische Seele himmlisch und den unvollkommenen Menschen vollkommen. Sie reinigt die Unreinen, löst die Zunge der Schweigsamen, heiligt die Sklaven der Leidenschaft und Begierde und verleiht den Unwissenden Wissen. Die fünfte Art des Geistes ist der Heilige Geist, der Mittler zwischen Gott und Seiner Schöpfung. Er ist wie ein Spiegel, der der Sonne zugewandt ist: So wie ein makelloser Spiegel die Strahlen der Sonne aufnimmt und ihre Gaben anderen spiegelt, so ist auch der Heilige Geist der Mittler für das Licht der Heiligkeit, das er von der Sonne der Wahrheit an geheiligte Seelen weitergibt. Dieser Geist ist mit jeglicher göttlichen Vollkommenheit geschmückt. Wann immer er erscheint, wird die Welt wiederbelebt, wird ein neuer Zyklus eingeleitet und der Körper der Menschheit in ein neues Gewand gekleidet. Es ist wie der Frühling: Wenn er anbricht, versetzt er die Welt von einem Zustand in einen anderen. Denn mit dem Frühlingsbeginn werden die dunkle Erde, die Felder und die Wiesen grün und fruchtbar; Blumen und süß duftende Kräuter aller Art treiben aus; Bäume erwachen zu neuem Leben; wunderbare Früchte gedeihen; und ein neuer Zyklus wird eröffnet. Genauso ist es mit der Manifestation des Heiligen Geistes: Wann immer Er erscheint, verleiht Er der Menschheit neues Leben und der menschlichen Wirklichkeit einen neuen Geist. Er kleidet alles Sein in ein prächtiges Gewand, vertreibt die Dunkelheit der Unwissenheit und lässt das Licht menschlicher Vollkommenheit erstrahlen. Mit eben dieser Kraft erneuerte Christus diesen Zyklus – woraufhin die göttliche Frühlingszeit mit höchster Frische und Anmut in der Menschenwelt ihr Zelt aufschlug und die Sinne der erleuchteten Seelen mit ihren lebensspendenden, duftenden Brisen erfüllte. Ebenso glich die Offenbarung Bahá’u’lláhs einer neuen Frühlingszeit, die mit den süßen Düften der Heiligkeit, mit den Heerscharen ewigen Lebens und mit der Kraft des himmlischen Königreichs erschien. Er errichtete mitten im Herzen der Welt den Thron der Herrschaft Gottes, erweckte durch die Kraft des Heiligen Geistes die Seelen zu neuem Leben und läutete einen neuen Zyklus ein.
Kapitel 37
Die Verbindung zwischen Gott und Seinen Manifestationen
Frage: Was ist die Wirklichkeit des Göttlichen und ihre Verbindung zum jeweiligen Tagesanbruch des göttlichen Strahlenglanzes und den Dämmerungsorten des Lichtes des Allbarmherzigen? Antwort: Wisse, dass die göttliche Wirklichkeit und das erhabene Wesen Gottes unaussprechliche und absolute Heiligkeit ist, das heißt, erhaben und geheiligt über jeden Lobpreis. Alle Attribute, die den höchsten Ebenen des Daseins in Bezug auf diese Stufe zugeschrieben werden, entspringen der Phantasie. Das Unsichtbare und Unerreichbare kann nie erkannt werden; das absolute Wesen kann niemals beschrieben werden. Denn das göttliche Wesen ist allumfassend und alle erschaffenen Dinge werden davon umfasst. Das Allumfassende ist mit Sicherheit größer als das Umfasste, und so kann das Umfasste keinesfalls zum Allumfassenden vordringen oder seine Wirklichkeit begreifen. Wie weit der menschliche Verstand auch voranschreiten mag, selbst wenn er den höchsten Grad menschlichen Begreifens erreichte, so liegt doch die äußerste Grenze für dieses Begreifen darin, die Zeichen und Attribute Gottes in der Welt der Schöpfung zu schauen, nicht aber im Reich des Göttlichen. Denn das Wesen und die Attribute des allherrlichen Herrn sind in den unerreichbaren Höhen der Heiligkeit verwahrt und Verstand und Begreifen des Menschen werden niemals einen Weg zu dieser Stufe finden. »Der Weg ist versperrt und jede Suche verwehrt.«A116 Offensichtlich folgt alles, was der Mensch versteht, aus seinem Dasein, und der Mensch ist ein Zeichen des Allbarmherzigen: Wie kann dann das, was aus dem Zeichen folgt, den Schöpfer des Zeichens umfassen? Mit anderen Worten: Wie kann menschliches Verständnis, das aus dem Dasein des Menschen folgt, Gott begreifen? So ist die Wirklichkeit des Göttlichen allem Begreifen verborgen und verhüllt vor dem Verstand aller Menschen, und es ist unmöglich zu dieser Stufe aufzusteigen. Wir können beobachten, dass alles Niedere unfähig ist, die Wirklichkeit des Höheren zu begreifen. Wieweit sie sich auch entwickeln mögen, können der Stein, die Erde und der Baum niemals die Wirklichkeit des Menschen begreifen oder sich die Kräfte des Sehens, des Hörens und der anderen Sinne vorstellen, selbst wenn das eine wie das andere erschaffene Dinge sind. Wie kann dann der Mensch, ein bloßes Geschöpf, die Wirklichkeit des geheiligten Wesens des Schöpfers begreifen? Kein menschliches Verstehen kann in die Nähe dieser Stufe gelangen, keine Äußerung kann ihre Wahrheit erschließen, und keine Anspielung kann ihr Geheimnis vermitteln. Was hat ein Staubkorn mit der Welt der Heiligkeit zu tun, und welche Verbindung kann je zwischen dem begrenzten Verstand und der Weite des grenzenlosen Reiches bestehen? Der menschliche Verstand ist machtlos, Ihn zu verstehen, und Seelen sind verwirrt, wenn sie versuchen, Seine Wirklichkeit zu beschreiben. »Die Blicke erreichen Ihn nicht, Er aber erreicht die Blicke. Und Er ist der Feinfühlige, der Kenntnis von allem hat!«A117 Daher ist in Bezug auf diese Stufe jede Aussage und Erklärung unzureichend, jede Beschreibung und Charakterisierung unwürdig, jede Vorstellung haltlos und jeder Versuch, sie zu ergründen, zwecklos. Aber dieser Wesenskern allen Wesens, diese Wahrheit aller Wahrheiten, dieses Geheimnis aller Geheimnisse, zeigt sich durch Pracht, Strahlenglanz, Offenbarungen und Erscheinungen in der Welt des Seins. Die Aufgangsorte dieses Strahlenglanzes, die Dämmerungsorte und der jeweilige Ursprung dieser Offenbarungen sind jene Verkörperungen der Heiligkeit, jene universellen Wirklichkeiten und göttlichen Wesen, die die wahren Spiegel des geheiligten Wesens des Göttlichen sind. Jede Vollkommenheit, alle Gaben und die Pracht des einen wahren Gottes sind in der Wirklichkeit Seiner Heiligen Manifestationen deutlich sichtbar, so wie das Licht der Sonne mit all seiner Vollkommenheit und seinen Gaben in einem klaren, makellosen Spiegel vollständig reflektiert wird. Und wenn gesagt wird, dass die Spiegel die Offenbarungen der Sonne und die Dämmerungsorte des Tagesgestirns der Welt sind, so bedeutet das nicht, dass die Sonne von den Höhen ihrer Heiligkeit herabgestiegen ist oder sich im Spiegel verkörpert hat, oder dass diese grenzenlose Wirklichkeit auf diese sichtbare Ebene beschränkt worden wäre. Gott bewahre! Das ist die Überzeugung derer, die den Anthropomorphismus vertreten. Nein, all diese Beschreibungen, jeder Ausdruck von Lobpreis und Herrlichkeit beziehen sich auf diese heiligen Manifestationen; das heißt, alles, was wir erwähnen, jede Beschreibung, jedes Lob, jeder Name und jedes Attribut Gottes, gilt Ihnen. Aber niemand hat je die Wirklichkeit des Wesens des Göttlichen ergründet, um sie gebührend andeuten, beschreiben, loben oder verherrlichen zu können. So bezieht sich alles, was die menschliche Wirklichkeit von den Namen, Attributen und der Vollkommenheit Gottes erkennt, entdeckt und versteht, auf diese heiligen Manifestationen und auf nichts anderes: »Der Weg ist abgeschnitten und alles Suchen ist verwehrt.« Dennoch schreiben wir der Wirklichkeit des Göttlichen bestimmte Namen und Attribute zu und preisen Ihn für Sein Auge, Sein Ohr, Seine Macht, Sein Leben und Sein Wissen. Wir betonen diese Namen und Attribute nicht, um die Vollkommenheit Gottes zu bekräftigen, sondern um zu bestreiten, dass Er irgendeine Unvollkommenheit haben könnte. Wenn wir die bedingte Welt betrachten, erkennen wir, dass Unwissenheit Unvollkommenheit bedeutet und Wissen Vollkommenheit ist, und deshalb nennen wir das geheiligte Wesen Gottes allwissend. Schwäche ist Unvollkommenheit und Kraft ist Vollkommenheit, und so sagen wir, dass das geheiligte und göttliche Wesen allmächtig ist. Dies bedeutet nicht, dass wir Sein Wissen, Sehen, Hören, Seine Kraft oder Sein Leben an sich verstehen können: Das geht sicherlich über unser Begreifen hinaus, denn die wesenhaften Namen und Attribute Gottes sind identisch mit Seinem Wesen, und Sein Wesen ist über alles Verstehen geheiligt. Wären die wesenhaften Attribute nicht identisch mit dem Wesen, dann müsste es eine Vielzahl von Präexistenzen geben und die Unterscheidung zwischen dem Wesen und den Attributen wäre somit auch fest begründet und präexistent. Aber das würde eine unendliche Kette von Präexistenzen implizieren, was offensichtlich falsch ist. Daraus folgt, dass all diese Namen, Attribute und Lobpreisungen auf die Manifestationen Gottes selbst zutreffen und dass alles, was wir uns darüber hinaus ausdenken oder überlegen könnten, reine Einbildung ist, denn wir können niemals einen Weg zum Unsichtbaren und Unzugänglichen finden. Deshalb wurde gesagt: »Alles, was ihr in eurer Eitelkeit meint erkannt zu haben und in allerfeinsten Worten beschrieben habt, ist nur eine Schöpfung wie ihr selbst und geht auf euch selbst zurück.«A118 Wenn wir uns die Wirklichkeit des Göttlichen vorstellen wollten, liegt auf der Hand, dass diese Vorstellung selbst umfasst wäre und unser Verstand es ist, der sie umfasst – und das Umfassende ist gewiss größer als das Umfasste! Daraus folgt, dass jede Wirklichkeit, die wir uns jenseits der heiligen Manifestationen für das Göttliche vorstellen könnten, nur eine Einbildung wäre, da es keine Möglichkeit gibt, sich der göttlichen Wirklichkeit zu nähern, die völlig außerhalb der Reichweite des Verstandes liegt. Und alles, was wir uns vorstellen könnten, ist reine Einbildung. Überlege dann, wie die Völker der Welt um ihre eigenen eitlen Einbildungen kreisen und die Götzen ihrer eigenen Gedanken und Vorstellungen verehren, ohne sich auch nur im Geringsten dessen bewusst zu sein. Sie halten diese eitlen Einbildungen für jene Wirklichkeit, die über allem Verstehen geheiligt und über jede Andeutung erhaben ist. Sie verstehen sich als Verfechter der göttlichen Einheit und betrachten alle anderen als Götzenverehrer, auch wenn Götzen zumindest ein mineralisches Dasein genießen, während die Götzen der menschlichen Gedanken und Vorstellungen reine Einbildungen sind und nicht einmal das Dasein eines Steins besitzen. »Zieht nun die Lehre daraus, ihr Einsichtigen.«A119 Wisse, dass die Attribute der Vollkommenheit, die göttliche Gnadenfülle und der Strahlenglanz göttlicher Offenbarung aus allen Manifestationen Gottes hervorleuchten, dass aber Christus, das allumfassende Wort Gottes, und Bahá’u’lláh, Sein Größter Name, mit einer Offenbarung erschienen sind, die jede Vorstellung übersteigt. Denn sie besitzen nicht nur jede Vollkommenheit der früheren Manifestationen, sie überragen sie vielmehr mit solch einer Vollkommenheit, dass alle anderen eher ihren Jüngern gleichen. So waren alle Propheten Israels Empfänger göttlicher Offenbarung, und so auch Christus, aber wie groß ist der Unterschied zwischen der Offenbarung dessen, der das Wort Gottes war, und der Inspiration eines Jesaja, eines Jeremia oder eines Elias! Beachte, dass Licht auf die Schwingungen des Äthers hindeutet, was den Sehnerv stimuliert und das Sehen ermöglicht. Nun, diese Schwingungen des Äthers gibt es sowohl in der Lampe als auch in der Sonne, doch welch ein Unterschied besteht zwischen dem Licht der Sonne, dem der Sterne oder dem der Lampe! Der menschliche Geist weist im Stadium des Embryos bestimmte Merkmale und Erscheinungsformen auf und im Stadium der Kindheit, der Jugend und der Reife zeigt sich noch eine ganz andere Pracht und Ausprägung. Der Geist ist ein einziger, und doch fehlt ihm im embryonalen Stadium die Kraft des Sehens und Hörens, während er in den Stadien der Jugend und Reife mit größter Pracht und Ausstrahlung erscheint. Ebenso beginnt der Samen sein Wachstum anfangs nur als Blatt, dem Erscheinungsort des Pflanzengeistes; und wenn er Früchte trägt manifestiert sich derselbe Geist, das heißt die Kraft des Wachstums, in der Fülle seiner Vollkommenheit – doch wie weit ist die Stufe des Blattes von derjenigen der Frucht entfernt! Denn aus der Frucht werden mit der Zeit hunderttausend Blätter hervorgehen, auch wenn sie alle durch denselben pflanzlichen Geist wachsen und sich entwickeln. Und nun denke einen Moment nach über den Unterschied zwischen den Tugenden und der Vollkommenheit Christi und der Pracht und dem Strahlenglanz Bahá’u’lláhs einerseits und den Tugenden der Propheten des Hauses Israel wie Hesekiel oder Samuel andererseits. Sie alle waren Empfänger göttlicher Offenbarung, aber wie unermesslich ist der Unterschied zwischen ihnen.
Kapitel 38
Die drei Seinsebenen der göttlichen Manifestationen
Wisse, dass Tugend und Vollkommenheit der Manifestationen Gottes zwar grenzenlos sind, Sie aber nur drei Seinsebenen einnehmen: Erstens die körperliche Ebene; zweitens die menschliche Ebene, also die der vernunftbegabten Seele; und drittens die Ebene der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes. Was die körperliche Ebene betrifft, so liegt ihr Ursprung in der Zeit, denn sie ist aus Elementen zusammengesetzt, und jeder Zusammensetzung folgt notwendigerweise eine Auflösung. Es ist in der Tat unmöglich, dass auf eine Zusammensetzung kein Zerfall folgt. Die zweite Ebene ist die der vernunftbegabten Seele, sie ist die Wirklichkeit des Menschen. Auch diese Ebene hat einen Anfang und die Manifestationen Gottes teilen sie mit allen Menschen. Die dritte Ebene ist die der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes; sie ist das Wort Gottes, die immerwährende Gnade und der Heilige Geist. Auf dieser Ebene gibt es weder Anfang noch Ende, denn Anfang und Ende gehören zur bedingten Welt, nicht aber zur Welt Gottes. Bei Gott sind Anfang und Ende ein und dasselbe. Auch die Berechnung von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren – von gestern und heute – richtet sich nach der Erde; in der Sonne sind sie unbekannt: Es gibt weder gestern noch heute noch morgen, weder Monate noch Jahre – alle sind gleich. In gleicher Weise ist das Wort Gottes über alle diese Bedingungen geheiligt und über jedes Gesetz, jede Einschränkung und Begrenzung der bedingten Welt erhaben. Wisse, dass Menschen zwar seit unzähligen Zeitaltern und Zyklen auf der Erde existieren, die menschliche Seele aber dennoch erschaffen ist. Und weil sie ein Zeichen Gottes ist, lebt sie, einmal ins Dasein gelangt, in alle Ewigkeit. Der menschliche Geist hat einen Anfang, aber kein Ende: Er bleibt für immer bestehen. Auch die verschiedenen Spezies, die auf der Erde leben, haben einen zeitlichen Ursprung; denn es wird allgemein anerkannt, dass es eine Zeit gab, in der diese Arten nirgendwo auf Erden existierten, und darüber hinaus gab es eine Zeit, in der selbst die Erde nicht existierte. Aber die Welt des Seins gab es immer, denn sie ist nicht auf diese Erdkugel beschränkt. Damit soll gesagt werden, dass die menschlichen Seelen zwar einen Ursprung haben, aber dennoch unsterblich sind und ewig fortdauern. Die stoffliche Welt ist nämlich eine Welt der Unvollkommenheit verglichen mit der des Menschen; und die Menschenwelt ist eine Welt der Vollkommenheit verglichen mit der stofflichen Welt. Erreichen unvollkommene Dinge die Stufe der Vollkommenheit, so werden sie unvergänglich. Dies soll ein Beispiel sein: Versuche zu erfassen, was damit wirklich gemeint ist. Nun hat die Wirklichkeit des Prophetentums, die das Wort Gottes und die Stufe vollkommener göttlicher Offenbarung ist, weder Anfang noch Ende, aber ihr Strahlen ist veränderlich wie das der Sonne. Zum Beispiel erhob sie sich überaus strahlend und prächtig im Zeichen Christi, und dies bleibt so für immer und ewig. Sieh, wie viele Könige die Welt eroberten, und wie viele kluge Minister und Herrscher kamen und gingen und doch fielen sie allesamt der Vergessenheit anheim – während jetzt noch die Brisen Christi wehen, Sein Licht leuchtet, Sein Ruf erhoben wird, Sein Banner entfaltet ist, Seine Heerscharen kämpfen, Seine wohlklingende Stimme ertönt, Seine Wolken lebensspendende Schauer herabregnen, Sein Blitz den Himmel erhellt, Seine Herrlichkeit klar und unbestreitbar ist, Seine Pracht strahlend leuchtet; und das Gleiche gilt für eine jede Seele, die unter Seinem Schatten wohnt und teilhat an Seinem Lichte. Daher ist klar, dass es für die Manifestationen Gottes drei verschiedene Seinsebenen gibt: die physische Ebene, die Ebene der vernunftbegabten Seele und die Ebene der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes. Die körperliche Ebene wird unausweichlich vergehen. Was die Ebene der vernunftbegabten Seele betrifft: Sie hat zwar einen Anfang, aber kein Ende und ist ausgestattet mit ewigem Leben. Was aber die heilige Wirklichkeit betrifft, von der Christus sagt: »Der Vater ist im Sohn«A120, so hat sie weder Anfang noch Ende: Ihr ›Anfang‹ bezieht sich lediglich auf die Offenbarung Seiner eigenen Stufe. So vergleicht Er Sein Schweigen mit dem Schlaf: Ein Mann, der schweigt, ist wie einer, der schläft, und wenn er spricht, dann ist es, als sei er erwacht.A121 Und doch sind der Schlafende und der Wachende ein und derselbe: An seiner Stufe, seiner Erhabenheit, seiner Größe, seiner Wirklichkeit und seiner Natur hat sich nichts geändert. Es wurde nur der Zustand des Schweigens mit dem Schlaf und der Zustand der Offenbarung mit dem Wachsein verglichen. Ein Mensch ist derselbe, ob er schläft oder wacht. Schlaf ist nur ein möglicher Zustand, Wachsein ein anderer. Und so wird die Zeit des Schweigens mit dem Schlaf, und die Zeit der Offenbarung und Führung mit dem Wachzustand verglichen. Im Evangelium heißt es: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.« Daraus folgt, dass Christus nicht erst im Augenblick Seiner Taufe, als der Heilige Geist in Form einer Taube auf Ihn herabkam, Seine messianische Stufe und Seine Vollkommenheit erreichte. Vielmehr war das Wort Gottes immer auf den höchsten Höhen der Heiligkeit und wird es immer sein.
Kapitel 39
Die menschliche und die göttliche Seinsebene der Manifestationen
Wir haben bereits von den drei Seinsebenen der Manifestationen Gottes gesprochen: erstens die stoffliche Wirklichkeit, die den menschlichen Körper betrifft; zweitens die individuelle Wirklichkeit, das heißt die vernunftbegabte Seele; und drittens die himmlische Offenbarung, die aus den vollkommenen göttlichen Eigenschaften besteht und die Quelle des Lebens der Welt, der Erziehung der Seelen, der Führung der Menschen und der Erleuchtung der ganzen Schöpfung ist. Die körperliche Ebene ist menschlicher Natur und wird sich auflösen, denn sie ist eine Zusammensetzung von Elementen und das, was aus Elementen zusammengesetzt ist, muss zwangsläufig zerfallen und sich auflösen. Aber die individuelle Wirklichkeit der Manifestationen des Allbarmherzigen ist eine geheiligte Wirklichkeit, weil sie alle erschaffenen Dinge in ihrem Wesen und in ihren Attributen übertrifft. Sie ist wie die Sonne, die aufgrund ihrer naturgegebenen Beschaffenheit zwangsläufig Licht erzeugen muss und mit der sich kein Mond vergleichen lässt. Beispielsweise sind die Bestandteile der Sonne nicht mit denen des Mondes vergleichbar. Durch die Zusammensetzung und Anordnung der Bestandteile der Ersteren werden notwendig Strahlen erzeugt, während durch die des Letzteren zwangsläufig Licht aufgenommen, aber nicht erzeugt wird. Die menschliche Wirklichkeit aller anderen Seelen gleicht der des Mondes, der sein Licht von der Sonne bezieht, wohingegen jene geheiligte Wirklichkeit aus sich selbst heraus leuchtet. Die dritte Seinsebene ist die der göttlichen Gnade, die Enthüllung der Schönheit des Altehrwürdigen der Tage und der Strahlenglanz des Lichtes des lebendigen und allmächtigen Herrn. Die individuelle Wirklichkeit der heiligen Manifestationen kann genauso wenig von göttlicher Gnade und Offenbarung getrennt werden, wie die physische Masse der Sonne von ihrem Licht getrennt werden kann. So ist das Hinscheiden der heiligen Manifestationen einfach das Verlassen ihres physischen Körpers. Betrachte beispielsweise die Lampe, die diese Nische beleuchtet. Ihre Strahlen können nicht mehr auf die Nische fallen, wenn diese zerstört wird, aber die Lichtfülle der Lampe wird nicht unterbrochen. Die präexistente Gnade der heiligen Manifestationen ist wie das Licht, Ihre individuelle Wirklichkeit wie der Glasschirm und ihr menschlicher Tempel wie die Nische: Wenn die Nische zerstört ist, brennt die Lampe weiter. Die Manifestationen Gottes gleichen vielen verschiedenen Spiegeln, denn jede hat Ihre eigene Individualität, aber das, was von diesen Spiegeln reflektiert wird, ist ein und dieselbe Sonne. Somit ist offensichtlich, dass die Wirklichkeit Christi sich von der des Mose unterscheidet. Von Anfang an ist sich diese geheiligte Wirklichkeit des Geheimnisses des Seins bewusst, und von Kindheit an sind die Zeichen der Größe in Ihm deutlich sichtbar. Wie könnte Er nun trotz solcher Gaben und solcher Vollkommenheit Seine eigene Stufe nicht wahrnehmen? Wir erwähnten die drei Seinsebenen der Manifestationen Gottes: die körperliche Existenz, die individuelle Wirklichkeit und die vollkommene göttliche Offenbarung, was vergleichbar ist mit der Sonne, ihrer Hitze und ihrem Licht. Andere Menschen haben ebenfalls ein körperliches Dasein und eine vernunftbegabte Seele – den Geist und Verstand. Aussagen wie »Ich schlief auf Meinem Lager, als der Windhauch Gottes über Mich wehte und Mich aus Meinem Schlummer erweckte«A122, ähneln dem Worte Christi: »Das Fleisch ist mit Kummer beladen, aber der Geist ist voller Freude«, oder Bemerkungen wie: »Ich bin betrübt«, oder »Ich bin entspannt«, oder »Ich bin beunruhigt«: All diese Aussprüche beziehen sich auf die körperliche Ebene und haben keinen Einfluss auf die individuelle Wirklichkeit oder auf die Stufe der Offenbarung der göttlichen Wirklichkeit. Zum Beispiel könnte der menschliche Körper tausenden von Wechselfällen ausgesetzt sein, aber der Geist ist sich dessen überhaupt nicht bewusst. Es ist sogar möglich, dass einzelne Körperfunktionen völlig ausfallen, während das Wesen des Verstandes unberührt bleibt. Ein Kleidungsstück mag vielfach durchlöchert und zerrissen werden, sein Träger kann trotzdem unversehrt bleiben. So beziehen sich die Worte Bahá’u’lláhs, »Ich schlief auf Meinem Lager, als ein Windhauch über Mich wehte und Mich aus Meinem Schlummer erweckte«, auf den Körper. In der Welt Gottes gibt es keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft: Alles dies ist eins. Wenn also Christus sagte: »Im Anfang war das Wort«A123, meinte Er damit, das Wort war, ist und wird sein, denn in der Welt Gottes gibt es keine Zeit. Zeit herrscht über die Geschöpfe, nicht aber über Gott. So spricht Christus in dem Gebet: »Geheiligt werde Dein Name«A124, was bedeutet: Dein Name war und ist geheiligt und wird immer geheiligt sein. Abermals, Morgen, Mittag und Abend gibt es auf der Erde, aber auf der Sonne gibt es weder Morgen, noch Mittag noch Abend.
Kapitel 40
Das Wissen der Manifestationen Gottes
Frage: Welche Grenzen sind den Kräften der Manifestationen Gottes gesetzt, insbesondere bezüglich Ihres Wissens? Antwort: Wissen ist von zweierlei Art: wesenhaftes Wissen und formales Wissen, das heißt, intuitives Wissen und konzeptionelles Wissen. Das Wissen, das die Menschen haben, gewinnen sie in der Regel durch Verständnis von Zusammenhängen und durch Beobachtung, das heißt, entweder wird das Objekt mit dem Verstand erfasst, oder durch seine Beobachtung wird ein Bild davon im Spiegel des Herzens erzeugt. Dieses Wissen ist recht begrenzt, da man es erst erwerben und sich aneignen muss. Die andere Art von Wissen jedoch, wesenhaftes und intuitives Wissen, ist wie das Wissen und die Kenntnis des Menschen über sein eigenes Selbst. Zum Beispiel sind sich Verstand und Geist des Menschen all seiner Befindlichkeiten und Gegebenheiten, aller Teile und Glieder seines Körpers und all seiner körperlichen Empfindungen sowie seiner geistigen Kräfte, Wahrnehmungen und Zustände bewusst. Dies ist ein wesenhaftes Wissen, durch das der Mensch seinen eigenen Zustand wahrnimmt. Er fühlt und begreift es, weil der Geist den Körper umfasst und sich seiner Empfindungen und Kräfte bewusst ist. Dieses Wissen wird nicht durch Anstrengung erworben: Es ist Teil des Wesens, einfach eine Gabe. Da jene geheiligten Wirklichkeiten, die allumfassenden Manifestationen Gottes, alle erschaffenen Dinge sowohl in ihrem Wesen als auch in ihren Eigenschaften umfassen, da Sie alle existierenden Wirklichkeiten übersteigen und enthüllen; und da Sie um alle Dinge wissen, ist folglich Ihr Wissen göttlich und nicht etwa erworben – das heißt, es ist eine himmlische Gnade und eine göttliche Enthüllung. Nehmen wir ein Beispiel, nur um den Punkt klar zu machen. Das edelste aller irdischen Wesen ist der Mensch. In ihm sind das Tier-, das Pflanzen- und das Mineralreich verwirklicht; das heißt, all diese Ebenen sind in ihm enthalten, so dass er mit ihnen allen ausgestattet ist. Und mit all diesen Ebenen und Stufen betraut, ist er ihrer Mysterien gewahr und kennt die Geheimnisse ihrer Existenz. Dies ist nur ein Beispiel und nicht etwa eine genaue Entsprechung. Kurz gesagt, die allumfassenden Manifestationen Gottes sind sich der Wahrheit, die den Mysterien aller erschaffenen Dinge zugrunde liegt, bewusst und so schaffen Sie eine Religion, die auf dem vorherrschenden Zustand der Menschheit beruht und damit in Einklang steht. Denn Religion beruht auf den notwendigen Beziehungen, die sich aus den Wirklichkeiten der Dinge ableiten. Wenn die Manifestation Gottes – der göttliche Gesetzgeber – nicht über die Wirklichkeiten der Dinge im Bilde wäre, wenn Er die notwendigen Beziehungen, die sich aus diesen Wirklichkeiten ergeben, nicht verstehen würde, könnte Er sicherlich keine Religion schaffen, die zu den Nöten und Bedingungen der Zeit passt. Die Propheten Gottes, die allumfassenden Manifestationen, gleichen fähigen Ärzten; die Welt des Seins ist wie der Körper des Menschen; und die göttlichen Religionen sind wie die Therapie und das Heilmittel. Der Arzt muss über alle Körperteile und Organe, die Konstitution und die Lebensumstände des Patienten Bescheid wissen, damit er ein wirksames Heilmittel verschreiben kann. Tatsächlich leitet der Arzt aus der Krankheit selbst das Heilmittel ab, denn er diagnostiziert zuerst die Erkrankung und behandelt dann deren Ursache. Solange die Krankheit nicht genau diagnostiziert ist, wie kann da eine Therapie oder ein Heilmittel verschrieben werden? Der Arzt muss daher die Konstitution, die Körperteile, Organe und die Lebensumstände des Patienten genau kennen und ebenso mit jeder Krankheit und jedem Heilmittel vertraut sein, um die richtige Behandlung zu verordnen. Religion beruht also auf den notwendigen Beziehungen, die sich aus der Wirklichkeit der Dinge ableiten. Im Bewusstsein der Geheimnisse der Schöpfung sind die allumfassenden Manifestationen Gottes vollkommen über diese notwendigen Beziehungen im Bilde und schaffen damit die Religion Gottes.
Kapitel 41
Universelle Zyklen
Frage: Es wurden universelle Zyklen erwähnt, die in der Welt des Seins auftreten. Bitte erläutern Sie, wie es sich damit in Wirklichkeit verhält. Antwort: Jeder der leuchtenden Himmelskörper dieses grenzenlosen Firmaments hat seinen Umlaufzyklus, der Zeitraum, in dem eine volle Umlaufbahn beendet wird, bevor eine neue beginnt. Die Erde beispielsweise vollzieht alle 365 Tage, fünf Stunden und annähernd achtundvierzig Minuten einen Umlauf und beginnt dann erneut auf derselben Erdumlaufbahn. Ebenso durchläuft das gesamte Universum Zyklen bedeutender Ereignisse und Geschehnisse, sei es im Hinblick auf das Reich der Natur oder des Menschen. Wenn ein Zyklus zum Abschluss kommt, wird ein neuer eröffnet, und der vorhergehende Zyklus schwindet aufgrund folgenschwerer Ereignisse so gänzlich aus der Erinnerung, dass er keine Aufzeichnung oder Spur hinterlässt. Wie du weißt, haben wir keine Aufzeichnungen aus der Zeit vor zwanzigtausend Jahren, obwohl wir vorher durch rationale Argumente festgestellt haben, dass das Leben auf dieser Erde sehr alt ist – nicht ein oder zweihunderttausend, nicht einmal ein oder zwei Millionen Jahre alt: Es ist in der Tat uralt, und die Aufzeichnungen und Spuren der Urzeit wurden vollständig ausgelöscht. Für jeden der Offenbarer Gottes gibt es ebenfalls einen Zyklus, in dem Seine Religion und Sein Gesetz ihre volle Kraft und Wirkung haben. Wenn Sein Zyklus durch das Kommen eines neuen Offenbarers beendet ist, beginnt ein neuer Zyklus. So werden Zyklen eröffnet, abgeschlossen und erneuert, bis ein universeller Zyklus in der Welt des Daseins vollendet ist und folgenschwere Ereignisse eintreten, die jede Aufzeichnung und Spur der Vergangenheit auslöschen; dann beginnt ein neuer universeller Zyklus in der Welt, denn das Reich des Daseins hat keinen Anfang. Wir haben bereits Argumente und Beweise zu diesem Thema dargelegt, und es ist nicht nötig sie zu wiederholen.A125 Kurz gesagt, wir stellen fest, dass ein universeller Zyklus in der Welt des Daseins einen gewaltigen Zeitraum und unzählige Zeitalter und Epochen umfasst. In einem solchen Zyklus treten die Offenbarer Gottes in der sichtbaren Welt in Erscheinung, bis ein allumfassender und höchster Offenbarer die Welt zum Mittelpunkt göttlichen Glanzes macht und sie durch Seine Offenbarung zur Stufe der Reife führt. Die Dauer Seines Zyklus ist sehr lang. Andere Offenbarer werden sich im Laufe dieses Zyklus in Seinem Schatten erheben und entsprechend den Zeiterfordernissen bestimmte Gesetze in Bezug auf materielle Angelegenheiten und Vorgänge erneuern, aber sie werden in Seinem Schatten bleiben. Wir befinden uns in dem Zyklus, der mit Adam begann und dessen allumfassender Offenbarer Bahá’u’lláh ist.
Kapitel 42
Die Macht und Vollkommenheit der göttlichen Manifestationen
Frage: Wie weit erstrecken sich die Kräfte und die Vollkommenheit der Manifestationen Gottes, jener Throne der Wahrheit, und welche Grenzen hat ihr Einfluss? Antwort: Betrachte die Welt des Daseins, also die stoffliche Schöpfung. Das Sonnensystem ist von Dunkelheit umgeben. Innerhalb seiner Grenzen ist die Sonne der Mittelpunkt allen Lichts, alle zugehörigen Planeten umkreisen sie und werden von ihrer Gabenfülle erleuchtet. Die Sonne ist der Ursprung von Leben und Licht und die Ursache für Wachstum und Entwicklung aller Dinge innerhalb des Sonnensystems. Würde die Gabenfülle der Sonne versiegen, könnte dort kein Lebewesen mehr existieren: Alles würde im Dunkel versinken und zugrunde gehen. Es ist daher klar und offensichtlich, dass die Sonne innerhalb des Sonnensystems das Zentrum allen Lichts und der Ursprung allen Lebens ist. In gleicher Weise sind die heiligen Manifestationen Gottes die Brennpunkte des Lichtes der Wahrheit, die Quellen der verborgenen Geheimnisse und der Ursprung der ausströmenden göttlichen Liebe. Sie werfen ihren Strahlenglanz auf das Reich des Herzens und des Verstandes und gewähren der Welt des Geistes ewige Gnade. Sie verleihen geistiges Leben und erstrahlen im Glanz innerer Wahrheiten und Bedeutungen. Die Erleuchtung der Welt der Gedanken geht aus von jenen Mittelpunkten des Lichts, die die Geheimnisse enthüllen. Ohne die Gnade der Offenbarung und Unterweisung durch diese geheiligten Wesen würde die Welt der Menschen und das Reich der Gedanken in tiefste Finsternis stürzen. Ohne die wohlbegründeten und wahren Lehren dieser Erklärer der Geheimnisse würde die menschliche Welt zum Schauplatz tierischer Merkmale und Eigenschaften, alles Dasein würde zu einer flüchtigen Einbildung und es gäbe kein wahres Leben mehr. Deshalb heißt es im Evangelium: »Im Anfang war das Wort«, das heißt, es war der Ursprung allen Lebens.A126 Betrachte nun den durchdringenden Einfluss der Sonne auf alle irdischen Wesen und welche sichtbaren Wirkungen und Folgen sich aus ihrer Nähe oder Ferne, ihrem Auf- und Untergang ergeben. Zu einer Zeit ist es Herbst, zu einer anderen ist es Frühling. Zu einer Zeit ist es Sommer, zu einer anderen ist es Winter. Wenn die Sonne die Tagundnachtgleiche passiert, erscheint der lebensspendende Frühling in seiner ganzen Pracht, und wenn sie die Sommersonnenwende erreicht, gelangen die Früchte zur vollen Reife, Getreide und Pflanzen bringen ihre Erträge, und alles Irdische erreicht die Fülle seines Wachstums und seiner Entwicklung. Sobald in vergleichbarer Weise die heilige Manifestation Gottes – die Sonne der Welt der Schöpfung – Ihre Pracht auf die Welt der Herzen, des Verstandes und des Geistes wirft, wird ein geistiger Frühling eingeläutet und ein neues Leben enthüllt. Die Kraft der unvergleichlichen Frühlingszeit erscheint und ihre wunderbaren Gaben werden sichtbar. So kannst du beobachten, dass mit dem Kommen jeder der Manifestationen Gottes erstaunliche Fortschritte im Bereich des menschlichen Verstandes, der Gedanken und des Geistes erzielt wurden. Betrachte zum Beispiel den Fortschritt, der in diesem göttlichen Zeitalter in der Welt des Verstandes und der Gedanken erreicht wurde – und das ist erst der Anfang der Morgendämmerung! Bald schon wird sich zeigen, wie diese neuen Gnadengaben und himmlischen Lehren diese düstere Welt mit ihrem Licht durchfluten und dieses mit Kummer erfüllte Reich in das allerhöchste Paradies verwandeln. Würden wir den Einfluss und die Gnadengaben jeder der Manifestationen Gottes ausführlich erläutern, so würde dies sehr lange dauern. Sinne tief darüber nach, um selbst dieser Frage auf den Grund zu gehen und die Wahrheit zu erfassen.
Kapitel 43
Die zwei Arten von Propheten
Frage: Wie viele Arten von Propheten gibt es? Antwort: Man kann von zwei Arten von Propheten sprechen. Einige sind unabhängige Propheten mit Nachfolgern, während andere nicht unabhängig und selbst Nachfolger sind. Jeder der unabhängigen Propheten ist Urheber einer göttlichen Religion und Stifter einer neuen Sendung. Mit Ihrem Kommen wird die Welt in ein neues Gewand gekleidet, es wird eine neue Religion gestiftet und ein neues Buch offenbart. Diese Propheten erlangen ohne einen Vermittler die Gnadenfülle der göttlichen Wirklichkeit. Ihr Strahlen ist ein wesensbedingtes Strahlen, vergleichbar mit der Sonne, die in sich selbst und durch sich selbst leuchtet und deren Leuchtkraft eine wesensbedingte Bestimmung ist und nicht etwa von einem anderen Stern erworben wurde: Somit gleichen sie der Sonne, nicht dem Mond. Diese Morgendämmerungen göttlicher Einheit sind der Urquell göttlicher Gnade und die Spiegel für das Wesen der Wirklichkeit. Die andere Art von Propheten sind Nachfolger und Verkünder, denn sie nehmen eine abhängige, keine unabhängige Stufe ein. Sie erlangen die göttliche Gnade von den unabhängigen Propheten und suchen das Licht der Führung bei der Wirklichkeit des allumfassenden Prophetentums. Sie sind wie der Mond, der nicht aus sich selbst leuchtet und strahlt, sondern sein Licht von der Sonne empfängt. Zu den allumfassenden, unabhängig erschienenen Propheten gehören: Abraham, Mose, Christus, Muḥammad, der Báb und Bahá’u’lláh. Zur anderen Art, die aus Nachfolgern und Verkündern besteht, gehören Salomon, David, Jesaja, Jeremia, Hesekiel. Die unabhängigen Propheten sind Stifter; das bedeutet, Sie errichten eine neue Religion, erschaffen die Seelen neu, erneuern die ethischen Grundlagen der Gesellschaft und verkünden eine neue Lebensweise und einen neuen Verhaltensmaßstab. Durch sie erscheint eine neue Sendung und eine neue Religion wird gestiftet. Ihr Kommen gleicht dem Frühling, wenn alle irdischen Dinge ein neues Gewand anlegen und zu neuem Leben gelangen. Was die zweite Art von Propheten betrifft, die Nachfolger sind, so fördern sie die Religion Gottes, verbreiten Seinen Glauben und verkünden Sein Wort. Sie verfügen über keine eigene Macht und Autorität, sondern leiten die ihrige von den unabhängigen Propheten ab. Frage: Zu welcher Kategorie gehören Buddha und Konfuzius? Antwort: Auch Buddha stiftete eine neue Religion und Konfuzius erneuerte die althergebrachten Verhaltensweisen und Moralvorstellungen, aber die ursprünglichen Grundsätze wurden völlig verändert und ihre Anhänger halten sich nicht mehr an das ursprüngliche Muster des Glaubens und des Gottesdienstes. Der Stifter des Buddhismus war ein kostbares Wesen, der in Seinen Lehren die Einheit Gottes bestätigte; aber später gerieten Seine ursprünglichen Grundsätze in Vergessenheit und wurden durch primitive Bräuche und Rituale verdrängt, was schließlich zur Anbetung von Statuen und Bildern führte. Denke zum Beispiel daran, dass Christus die Menschen immer wieder dazu anhielt, die Zehn Gebote der Thora zu beachten und auf ihrer strikten Einhaltung bestand. Eines der Zehn Gebote verbietet aber die Anbetung von Bildern und Statuen.A127 Dennoch gibt es heute in den Kirchen bestimmter christlicher Konfessionen zahllose Bilder und Statuen. Offensichtlich wahrte die Religion Gottes nicht ihre ursprünglichen, Grundsätze sondern wurde allmählich bis zur Unkenntlichkeit verändert und umgestaltet und so erscheint eine neue Manifestation und stiftet eine neue Religion. Denn wenn die frühere Religion nicht verändert und abgewandelt worden wäre, so hätte es keine Notwendigkeit für Erneuerung gegeben. Anfangs war dieser Baum voller Lebenskraft und mit Blüten und Früchten beladen, aber allmählich wurde er alt, verbraucht und unfruchtbar, bis er gänzlich dahinwelkte und verdorrte. Daher wird der Wahre Gärtner erneut einen zarten Ableger vom selben Stamm pflanzen, damit er Tag für Tag wachse und sich entwickle, seinen schützenden Schatten in diesem himmlischen Garten ausbreite und seine wertvollen Früchte hervorbringe. Genauso verhält es sich mit den göttlichen Religionen: Im Laufe der Zeit verändern sich ihre ursprünglichen Grundsätze, ihre zugrundeliegende Wahrheit erlischt völlig, ihr Geist schwindet, Häresien kommen auf und sie werden zu einem seelenlosen Körper. Aus diesem Grunde werden sie erneuert. Damit soll gesagt sein, dass die Anhänger von Buddha und Konfuzius heutzutage Bilder und Statuen anbeten und sich der Einheit Gottes nicht mehr bewusst sind, stattdessen aber wie die alten Griechen an imaginäre Götter glauben. Aber das waren nicht ihre ursprünglichen Grundsätze; in der Tat waren ihre ursprünglichen Grundsätze und ihr Verhalten völlig anders. Bedenke auch, inwieweit die ursprünglichen Grundsätze der christlichen Religion vergessen wurden und wie viele Häresien entstanden sind. Zum Beispiel verbot Christus Gewalt und Rache und forderte stattdessen, Böses und Verletzendes mit Güte und Liebe zu erwidern. Aber bedenke, wie viele blutige Kriege christliche Völker gegeneinander geführt haben und wie viel Unterdrückung, Grausamkeit, Raffgier und Blutrünstigkeit damit verbunden war! Tatsächlich wurden viele dieser Kriege auf Geheiß der Päpste geführt. Es ist daher völlig klar, dass die Religionen im Laufe der Zeit gänzlich verändert und abgewandelt werden, und deshalb werden sie erneuert.
Kapitel 44
Die Vorhaltungen, die Gott den Propheten macht
Frage: In den Heiligen Schriften wurden gewisse Worte des Tadels an die Propheten Gottes gerichtet. An wen sind sie gerichtet und auf wen beziehen sie sich letztlich? Antwort: Jede göttliche Äußerung in Form eines Tadels, mag sie auch äußerlich an die Propheten Gottes gerichtet sein, wendet sich in Wirklichkeit an ihre Anhänger. Die Weisheit darin ist nichts als reine Barmherzigkeit, auf dass die Menschen nicht bestürzt, entmutigt oder durch solchen Vorwurf und Tadel belastet werden. Diese Worte sind deswegen nach außen hin an die Propheten gerichtet, aber eigentlich sind sie für die Anhänger und nicht für den Gesandten bestimmt. Mehr noch: ein mächtiger und souveräner Monarch eines Landes repräsentiert alle Bewohner dieses Landes; das heißt, alles, was er äußern mag, ist das Wort für alle, und jeder Bund, den er schließt, ist der Bund für alle, denn Wünsche und Ziele all seiner Untertanen sind in seinen eigenen eingeschlossen. Ebenso ist jeder Prophet der Vertreter der Gesamtheit seiner Anhänger. Der Bund, den Gott mit Ihm schließt, und die Worte, die Er an Ihn richtet, gelten somit für Sein gesamtes Volk. Nun wird ein göttlicher Vorwurf und Tadel in der Regel die Herzen der Menschen belasten und betrüben und deshalb verlangt die vollkommene Weisheit Gottes solch eine Form der Ansprache. Aus der Thora selbst geht zum Beispiel hervor, dass die Israeliten gegen Mose rebellierten und sagten: »Wir können die Amalekiter nicht bekämpfen, denn sie sind mächtig, wild und kühn.« Gott tadelte dann Mose und Aaron, obwohl Mose vollkommen gehorsam war und sich nicht auflehnte.A128 Sicherlich muss ein solch ruhmreiches Wesen, der Kanal der Gnade Gottes und Verfechter Seines Gesetzes, dem göttlichen Gebot gehorsam sein. Diese heiligen Seelen sind wie die Blätter eines Baumes, die durch eine Brise und nicht aus eigenem Antrieb in Bewegung versetzt werden, denn sie werden vom Odem der Liebe Gottes angezogen und haben ihren eigenen Willen aufgegeben. Ihr Wort ist das Wort Gottes, Ihr Gebot ist das Gebot Gottes, Ihr Verbot ist das Verbot Gottes. Sie sind wie dieser gläserne Lampenschirm, dessen Licht von der Flamme der Lampe herrührt. Obwohl das Licht aus dem Glas zu kommen scheint, geht es in Wirklichkeit von der Flamme aus. Ebenso ergeben sich Bewegung und Ruhe der Propheten Gottes, die Seine Manifestationen sind, aus der göttlichen Offenbarung und nicht aus bloßem menschlichen Verlangen. Wäre es nicht so, wie könnte der Prophet als vertrauenswürdiger Stellvertreter und auserwählter Gesandter Gottes handeln? Wie könnte Er Gottes Gebote und Verbote verkünden? Alle Mängel, die die Heiligen Schriften den Manifestationen Gottes zuschreiben, müssen daher in diesem Licht verstanden werden. Gelobt sei Gott, dass ihr hier hergekommen seid und den Dienern Gottes begegnet seid! Hast du außer dem Duft des Wohlgefallens des Herrn jemals etwas anderes bei ihnen wahrgenommen? Gewiss nicht! Mit eigenen Augen hast du gesehen, wie sie sich Tag und Nacht um nichts anderes bemühen, als das Wort Gottes zu verherrlichen, die Erziehung der Menschen zu unterstützen, das Glück der Menschheit wiederherzustellen, für geistigen Fortschritt zu sorgen, universellen Frieden voranzubringen, allen Völkern und Nationen Freundlichkeit und guten Willen zu erweisen, sich für das Gemeinwohl zu opfern, ihren eigenen materiellen Vorteil aufzugeben und die Tugenden der Menschenwelt zu fördern. Doch lass uns zu unserem Thema zurückkommen. Im Alten Testament bei Jesaja 48:12 heißt es »Höre mir zu, Jakob, und du, Israel, den ich berufen habe: Ich bin’s, ich bin der Erste und auch der Letzte.« Es ist offensichtlich, dass die beabsichtigte Bedeutung nicht Jakob ist, der Israel genannt wurde, sondern die Israeliten. Auch in Jesaja 43:1 heißt es: »Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Ferner heißt es im 4. Buch Mose, 20:23–4: »Und der Herr redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach: Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser«; und in Vers 20:13: »Das ist das Haderwasser, wo die Israeliten mit dem Herrn haderten und er sich heilig an ihnen erwies.« Beachte, dass es das Volk Israel war, das rebelliert hatte, aber der Vorwurf wurde nach außen an Aaron und Mose gerichtet, wie es im 5. Buch Mose, 3:26 heißt: »Aber der Herr zürnte mir um euretwillen und erhörte mich nicht, sondern sprach zu mir: Lass es genug sein! Rede mir davon nicht mehr!« Nun, dieser Vorwurf und Tadel richtete sich in Wirklichkeit an die Kinder Israels, die wegen ihrer Auflehnung gegen die Gebote Gottes lange Zeit in der kargen Wüste jenseits des Jordans wohnen mussten, bis zur Zeit Josuas. Dieser Vorwurf und Tadel schien an Mose und Aaron gerichtet zu sein, aber in Wirklichkeit galt er dem Volk Israel. In gleicher Weise wird im Qur’án zu Muḥammad gesagt: »Wir haben dir einen offenkundigen Erfolg gewährt, damit Gott dir deine Sünden vergebe, die früheren und die späteren.«A129 Obwohl nun diese Worte scheinbar an Muḥammad gerichtet waren, war in Wirklichkeit Sein ganzes Volk damit gemeint; und dies entspringt, wie wir zuvor festgestellt haben, der vollkommenen Weisheit Gottes, damit die Herzen nicht beunruhigt, verwirrt oder bestürzt werden. Wie oft haben die Propheten Gottes und Seine allumfassenden Manifestationen in Ihren Gebeten Ihre Sünden und Verfehlungen bekannt! Das geschieht nur, um andere zu lehren, sie zu inspirieren und zu ermutigen, demütig und gehorsam vor Gott zu sein und ihre eigenen Sünden und Verfehlungen einzugestehen. Denn diese heiligen Seelen sind über jegliche Sünde geheiligt und frei von jeder Verfehlung. Zum Beispiel heißt es im Evangelium, dass ein Mensch zu Christus kam und ihn »Guter Meister« nannte. Christus antwortete darauf: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.«A130 Nun, das bedeutete nicht – Gott bewahre –, dass Christus ein Sünder war, Seine Absicht war vielmehr, den Mann, den Er ansprach, Demut, Milde, Sanftmut und Bescheidenheit zu lehren. Diese gesegneten Seelen sind Licht, und Licht verträgt sich nicht mit Dunkelheit. Sie sind ewiges Leben, und Leben ist nicht mit Tod vereinbar. Sie sind Führung, und Führung kann nicht mit Eigensinn zusammengebracht werden. Sie sind das wahre Wesen des Gehorsams, und Gehorsam kann nicht mit Auflehnung Hand in Hand gehen. Kurz, damit ist gemeint, dass die in den Heiligen Schriften niedergeschriebenen Vorhaltungen, auch wenn sie sich äußerlich an die Propheten – die Manifestationen Gottes – richten, in Wirklichkeit für das Volk bestimmt sind. Wenn du die Bibel liest, wird dies klar und deutlich werden.
Kapitel 45
Die Größte Unfehlbarkeit
In dem gesegneten Vers wird gesagt: »Er, der Aufgangsort der Sache Gottes, hat keinen Teilhaber an der Größten Unfehlbarkeit. Im Reiche der Schöpfung ist Er die Manifestation des ›Er tut, was immer Er will‹. Gott hat Seinem Selbst diese Auszeichnung vorbehalten und niemandem einen Anteil an dieser hehren, überragenden Stufe zuerkannt.«A131 Wisse, dass es zwei Arten von Unfehlbarkeit gibt: Unfehlbarkeit dem Wesen nach und Unfehlbarkeit als Attribut. Das Gleiche gilt für alle anderen Namen und Attribute: So gibt es zum Beispiel das Wissen um das Wesen einer Sache und das Wissen um ihre Eigenschaften. Unfehlbarkeit des Wesens ist den allumfassenden Manifestationen Gottes vorbehalten; denn Unfehlbarkeit ist ihr notwendiges Wesensmerkmal, wobei das Wesensmerkmal einer Sache untrennbar mit der Sache selbst verbunden ist. Die Strahlen sind ein notwendiges Wesensmerkmal der Sonne und untrennbar mit ihr verbunden; Wissen ist ein notwendiges Wesensmerkmal Gottes und untrennbar mit Ihm verbunden; Macht ist ein notwendiges Wesensmerkmal Gottes und ebenso untrennbar mit Ihm verbunden. Wäre es möglich, all dies von Ihm zu trennen, so wäre Er nicht Gott. Wenn die Strahlen von der Sonne getrennt werden könnten, wäre es nicht die Sonne. Würde man sich also vorstellen, die Größte Unfehlbarkeit wäre von der allumfassenden Manifestation Gottes getrennt, so wäre Er keine allumfassende Manifestation und Ihm würde die wesenseigene Vollkommenheit fehlen. Unfehlbarkeit als Attribut ist jedoch kein notwendiges Wesensmerkmal; sie ist vielmehr ein Strahl der Gabe der Unfehlbarkeit, der von der Sonne der Wahrheit ausgeht, bestimmte Herzen erleuchtet und einen Anteil daran gewährt. Obwohl diese Seelen dem Wesen nach nicht unfehlbar sind, stehen sie unter der Obhut, dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes – das heißt, Gott bewahrt sie vor Irrtum. Und so gab es viele heilige Seelen, die nicht selbst Tagesanbruch der Größten Unfehlbarkeit waren, aber dennoch unter dem Schatten der Fürsorge und des Schutzes Gottes behütet und vor Irrtum bewahrt wurden. Sie waren nämlich zwischen Gott und Mensch die Kanäle für Seine Gunst, und wenn Gott sie nicht vor Irrtum bewahrt hätte, dann hätten sie alle Gläubigen ebenfalls in die Irre geleitet und damit die Grundlage der Religion Gottes völlig untergraben, was Seiner erhabenen Wirklichkeit unangemessen und unwürdig gewesen wäre. Um zusammenzufassen: Die wesenhafte Unfehlbarkeit ist den allumfassenden Manifestationen Gottes vorbehalten, während die Unfehlbarkeit als Attribut geheiligten Seelen verliehen wird. Das Universale Haus der Gerechtigkeit zum Beispiel, wenn es unter den erforderlichen Bedingungen errichtet wird – das heißt, wenn es von der gesamten Gemeinde gewählt wird – dieses Haus der Gerechtigkeit wird unter dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes stehen. Sollte dieses Haus der Gerechtigkeit einstimmig oder durch Stimmenmehrheit in einer Angelegenheit entscheiden, die nicht ausdrücklich im Buche verzeichnet ist, wird dieser Beschluss und diese Verfügung vor Irrtum bewahrt sein. Nun sind die Mitglieder des Hauses der Gerechtigkeit als Individuen nicht wesenhaft unfehlbar, aber die Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit steht unter dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes: Dies wird als verliehene Unfehlbarkeit bezeichnet. Kurz, Bahá’u’lláh sagt: »Er, der Aufgangsort der Sache Gottes« ist die Manifestation des »Er tut, was immer Er will«, diese Stufe ist jenem geheiligten Wesen vorbehalten, und niemand anderes hat an dieser wesenhaften Vollkommenheit einen Anteil. Da die wesenhafte Unfehlbarkeit der allumfassenden Manifestationen Gottes erwiesen ist, stimmt somit alles, was von Ihnen ausgeht, mit der Wahrheit überein und entspricht der Wirklichkeit. Sie stehen nicht im Schatten der vorhergehenden Religion. Was auch immer Sie sagen, ist das, was Gott sagt, und was auch immer Sie tun, ist eine gerechte Tat, und kein Gläubiger hat das Recht zu widersprechen; er muss in dieser Hinsicht vielmehr uneingeschränkte Ergebenheit zeigen, denn die Manifestation Gottes handelt mit vollendeter Weisheit, und der Verstand der Menschen mag unfähig sein, die verborgene Weisheit in bestimmten Dingen zu erfassen. Aus diesem Grund ist alles, was die allumfassende Manifestation sagt und tut, der Inbegriff der Weisheit und stimmt mit der Wirklichkeit überein. Nun, falls gewisse Menschen die Geheimnisse, die in einem bestimmten Befehl oder einer Handlung des Einen Wahren verborgen sind, nicht erfassen können, sollten sie keinen Einwand erheben, denn der allumfassende Offenbarer Gottes »tut, was immer Er will«. Wie oft ist es schon geschehen, dass ein kluger, fähiger und scharfsinniger Mensch einen Weg eingeschlagen hat, und diejenigen, die die Weisheit dahinter nicht begreifen konnten, Einwände erhoben und in Frage stellten, warum er so handelte oder sich so äußerte. Dieser Vorbehalt entspringt der Unwissenheit, wohingegen die Weisheit dieses Weisen frei und geheiligt von Irrtum ist. In gleicher Weise tut ein qualifizierter Arzt »was immer er will«, wenn er den Patienten behandelt, und letzterer hat kein Recht zu widersprechen. Was der Arzt auch sagen oder tun mag, es ist fundiert und zutreffend und alle müssen ihn ansehen als den Inbegriff des »Er tut, was immer Er will und verordnet, was immer Ihm beliebt.« Der Arzt wird zweifellos Heilmittel verschreiben, die nicht den gängigen Auffassungen entsprechen, aber ist es zulässig, dass diejenigen, die keine Kenntnisse der Wissenschaft und Medizin haben, sich dagegen wenden? Nein, bei Gott! Im Gegenteil, alle müssen sich damit zufrieden geben und dem folgen, was immer der qualifizierte Arzt verordnet. Der qualifizierte Arzt »tut, was er will«, und die Patienten haben keinen Anteil an dieser Stufe. Zuerst muss die Qualifizierung des Arztes sichergestellt werden, und sobald dies erfolgt ist, »tut er, was er will«. Ebenso wird ein General, der die Kriegskunst beherrscht wie kein Zweiter, in allem, was er sagt oder befiehlt, »tun, was immer er will«, und Gleiches gilt für den Kapitän, der die Seefahrt beherrscht, und für den Wahren Erzieher, dem alle menschliche Vollkommenheit zu eigen ist: Sie tun, was immer sie wollen, in allem, was sie äußern und anordnen. »Er tut, was immer Er will« bedeutet zusammengefasst: Wenn der Offenbarer Gottes einen Befehl erteilt, ein Gesetz erlässt oder etwas tut, dessen Weisheit Seine Anhänger nicht begreifen können, dürfen sie auch nicht für einen Moment daran denken, Seine Worte oder Sein Handeln in Frage zu stellen. Alle stehen im Schatten der allumfassenden Manifestation, müssen sich der Autorität der Religion Gottes unterwerfen und dürfen nicht um Haaresbreite davon abweichen. Vielmehr müssen sie all ihr Tun und Handeln mit der Religion Gottes in Einklang bringen, und sollten sie davon abweichen, werden sie zurechtgewiesen und müssen vor Gott Rechenschaft ablegen. Klar ist, dass sie keinen Anteil haben an der Stufe des »Er tut, was Er will«, denn sie ist auf die allumfassende Manifestation Gottes beschränkt. So war Christus – möge meine Seele ein Opfer für Ihn sein! – die Verkörperung der Worte »Er tut, was immer Er will«, Seine Schüler hatten jedoch keinen Anteil an dieser Stufe, denn sie standen in Seinem Schatten und es war ihnen nicht erlaubt, von Seinem Willen und Befehl abzuweichen.
Teil 4 – Über den Ursprung, die Kräfte und die Seinsweisen des Menschen
Kapitel 46
Die Evolution und die wahre Natur des Menschen
Wir kommen nun zu der Frage nach der Veränderung der Arten und der evolutionären Entwicklung der Organe, ob also der Mensch aus dem Tierreich hervorgegangen ist.A132 Im Denken einiger europäischer Philosophen ist diese Vorstellung fest verankert, und es ist sehr schwierig, die Fehleinschätzung begreiflich zu machen. In Zukunft wird es jedoch klar und deutlich werden, und die europäischen Philosophen werden es selbst erkennen. Denn es handelt sich wirklich um einen offenkundigen Irrtum. Wer die Schöpfung eingehend untersucht, wer die Feinheiten alles Erschaffenen erfasst und den Zustand, die Ordnung und die Vollendung der Welt des Seins erkennt, der wird von der Wahrheit überzeugt sein, dass »es nichts Wundersameres in der Schöpfung gibt, als das, was bereits existiert«A133. Denn alles, was besteht, sei es auf Erden oder im Himmel, selbst dieses grenzenlose Firmament mit allem, was darin enthalten ist, wurde aufs Trefflichste erschaffen, gestaltet, zusammengesetzt, angeordnet und vollendet und weist keinerlei Makel auf. Das ist so zutreffend, dass selbst wenn alle Geschöpfe zu reiner Intelligenz würden und bis zum Ende, das kein Ende hat, darüber nachdächten – so könnten sie sich doch nichts Besseres vorstellen als das, was bereits existiert. Hätte es der Schöpfung in der Vergangenheit jedoch an solcher Vollständigkeit und Ausstattung gefehlt, und hätte sie sich in einem niederen Zustand befunden, dann wäre das Dasein notwendigerweise unzulänglich, unvollkommen und damit unvollständig gewesen. Dieses Thema erfordert größte Aufmerksamkeit und tiefes Nachdenken. Stellen wir uns zum Beispiel vor, die gesamte bedingte Welt – die Welt des Seins – würde dem Körper des Menschen entsprechen. Wären die Zusammensetzung, die Anordnung, die Vollständigkeit, die Schönheit und die Vollkommenheit, die jetzt im menschlichen Körper existieren, in irgendeiner Weise anders, wäre das Ergebnis reine Unvollkommenheit. Wenn wir uns also eine Zeit vorstellen würden, in der der Mensch zum Tierreich gehörte, das heißt, als er nur ein Tier war, so wäre das Dasein unvollkommen gewesen. Das bedeutet, es hätte keinen Menschen gegeben, und dieser Hauptbestandteil, der für den Körper der Welt wie der Verstand und das Gehirn für den Menschen ist, hätte gefehlt, und die Welt wäre somit gänzlich unvollkommen gewesen. Das genügt als Beweis dafür, dass, wenn der Mensch zu irgendeiner Zeit zum Tierreich gehört hätte, die Vollständigkeit des Daseins zerstört gewesen wäre, denn der Mensch ist der Hauptbestandteil des Weltenkörpers und ein Körper ohne sein Hauptbestandteil ist zweifellos unvollkommen. Wir betrachten den Menschen als Hauptbestandteil, weil er unter allen erschaffenen Dingen alle Vollkommenheit des Daseins umfasst. Was hier mit ›Mensch‹ gemeint ist, ist der vollständige Mensch, das vortrefflichste Wesen in der Welt, das alle geistige und materielle Vollkommenheit in sich vereint und unter allen erschaffenen Dingen wie die Sonne ist. Nun stell dir eine Zeit vor, in der die Sonne nicht als solche existierte, mit anderen Worten, eine Zeit, als die Sonne nur ein weiterer Himmelskörper war. Zu einer solchen Zeit hätte es zwischen den bestehenden Dingen zweifellos keine Verbindung gegeben. Wie wäre so etwas vorstellbar? Sollte jemand die Welt des Seins sorgfältig untersuchen, würde ihm allein dieses Argument genügen. Wir wollen noch einen scharfsinnigeren Beweis liefern: Die unzähligen erschaffenen Dinge in der Welt des Seins – seien es Menschen, Tiere, Pflanzen oder Mineralien – müssen alle aus Elementen zusammengesetzt sein. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Vollständigkeit jedes einzelnen Wesens durch göttliche Schöpfung entsteht und zwar aus den jeweiligen Bestandteilen, ihrer entsprechenden Kombination, ihrer passenden Abmessung, der Art ihrer Zusammensetzung und dem Einfluss durch andere erschaffene Dinge. Denn alle Wesen sind wie eine Kette miteinander verbunden, und gegenseitige Hilfe, Unterstützung und Zusammenarbeit gehören zu ihren ureigenen Eigenschaften und sind die Ursache für ihre Entstehung, ihre Entwicklung und ihr Wachstum. Zahlreiche Beweise und Argumente belegen, dass alles und jedes direkt oder über eine Kausalkette auf alles andere wirkt und es beeinflusst. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vollständigkeit von allem und jedem – also die Vollständigkeit, die jetzt im Menschen oder in anderen Wesen in Bezug auf ihre Organe, Gliedmaßen und Kräfte zu sehen ist – sich aus ihren Bestandteilen, Mengen und Abmessungen, der Art und Weise ihrer Zusammensetzung und der Wechselwirkung durch Handeln, Interaktion und Einflussnahme ergibt. Wenn all dies zusammenkommt, tritt der Mensch ins Dasein. Da die Vollständigkeit des Menschen ganz von den Bestandteilen, ihren Abmessungen, ihrer Art der Zusammensetzung und der Wechselwirkung mit anderen Wesen herrührt – und da der Mensch vor zehn- oder hunderttausend Jahren aus denselben irdischen Elementen, mit denselben Abmessungen und Mengen, derselben Art der Zusammensetzung und Kombination und denselben Wechselwirkungen mit anderen Wesen hervorgebracht wurde –, folgt daraus, dass der Mensch genau so war, wie er heute existiert. Das ist eine offensichtliche Wahrheit, sie kann nicht bezweifelt werden. Wenn daher in tausend Millionen Jahren die Bestandteile des Menschen zusammengeführt, nach den gleichen Verhältnissen bemessen, in gleicher Weise kombiniert und der gleichen Wechselwirkung mit anderen Wesen unterworfen werden, tritt genau derselbe Mensch ins Dasein. Wenn man zum Beispiel in hunderttausend Jahren Öl, Flamme, Docht, Lampe und ein Streichholz zusammenbringen würde – kurz, wenn alles, was jetzt benötigt wird, auch dann zusammenkäme – würde genau die gleiche Lampe entstehen. Diese Angelegenheit ist offensichtlich und diese Argumente sind schlüssig. Was aber die europäischen Philosophen vorgebracht haben, ist bloße Vermutung und nicht wirklich schlüssig.
Kapitel 47
Der Ursprung des Universums und die Entwicklung des Menschen
Wisse, dass es eine der verwirrendsten Fragen des Göttlichen ist, dass die Welt des Daseins – das heißt, dieses unendliche Universum – keinen Anfang hat. Wir haben bereits erklärt, dass die Namen und Attribute des Göttlichen die Existenz des Erschaffenen voraussetzen. Obwohl dieses Thema bereits ausführlich erklärt wurde,A134 soll es hier noch einmal kurz angesprochen werden. Wisse, dass ein Fürst ohne seine Vasallen nicht vorstellbar ist; dass es einen Herrscher ohne Untergebene nicht geben kann; dass kein Lehrer ohne Schüler eingesetzt werden kann; dass ein Schöpfer ohne Schöpfung unmöglich ist; dass ein Versorger ohne jemanden, der zu versorgen wäre, undenkbar ist – denn alle göttlichen Namen und Eigenschaften erfordern die Existenz der Schöpfung. Wenn wir uns eine Zeit vorstellen wollten, in der es keine Schöpfung gab, käme das dem Negieren der Göttlichkeit Gottes gleich. Abgesehen davon kann völliges Nichtsein nicht zu Dasein werden. Wäre das Universum ein bloßes Nichts, hätte ein Dasein nicht entstehen können. Da also jenes Wesen der Einheit, das göttliche Sein, ewig und unvergänglich ist, das heißt, da es weder Anfang noch Ende hat, so folgt daraus, dass die Welt des Daseins, dieses unendliche Universum, ebenfalls ohne Anfang ist. Natürlich könnte ein Teil der Schöpfung – etwa einer der Himmelskörper – neu entstehen oder vergehen, aber die unzähligen anderen Himmelskörper blieben weiterhin bestehen und die Welt des Daseins selbst würde nicht beeinträchtigt oder zerstört werden. Im Gegenteil, sie existiert unverändert immer weiter. Da nun jeder Himmelskörper einen Anfang hat, muss er auch zwangsläufig ein Ende haben, denn alles, was zusammengesetzt ist, ob ganz oder teilweise, muss notwendigerweise zerfallen. Manches mag schnell und anderes wiederum langsam zerfallen, aber es ist unmöglich, dass etwas Zusammengesetztes letztlich nicht zerfällt. Wir müssen daher wissen, was ein jedes der großen existierenden Dinge zu Beginn war. Ohne Zweifel gab es anfangs nur einen einzigen Ursprung: Es kann keine zwei Ursprünge gegeben haben. Weil der Ursprung aller Zahlen eins und nicht zwei ist, bedarf die Zahl zwei selbst eines Ursprungs. Damit wird deutlich, dass es ursprünglich nur einen Grundstoff gab, und dass dieser eine Grundstoff in jedem Element in einer anderen Form auftrat. So entstanden verschiedene Formen, und dabei nahmen sie jeweils eine eigenständige Form an und wurden zu einem bestimmten Element. Aber diese Differenzierung erreichte erst nach sehr langer Zeit ihre Vollendung und ihre Verwirklichung. Diese Elemente wurden zu unendlich vielen Formen zusammengefügt, angeordnet und verbunden; mit anderen Worten, aus der Zusammensetzung und Verbindung dieser Elemente erschienen unzählige Wesen. Diese Zusammensetzung und Anordnung entstand durch die Weisheit Gottes und Seine urewige Macht aus einer einzigen natürlichen Ordnung. Da diese Zusammensetzung und Verbindung vollkommen robust aus einer natürlichen Ordnung entstand, einer vollendeten Weisheit folgt und einem universellen Gesetz unterliegt, ist offenkundig, dass es eine göttliche Schöpfung und keine zufällige Zusammensetzung und Anordnung ist. Schöpfung bedeutet, dass aus jeder natürlichen Zusammensetzung ein Lebewesen entsteht, aber aus einer zufälligen Zusammensetzung wird kein Lebewesen entstehen. Wenn beispielsweise der Mensch, mit all seiner Scharfsinnigkeit und Intelligenz, bestimmte Elemente zusammenstellen und verbinden sollte, würde dadurch kein Lebewesen entstehen, weil es nicht der natürlichen Ordnung entspräche. Das beantwortet auch die implizite Frage, die sich stellen könnte, ob wir nicht auch – da diese Wesen durch Zusammensetzung und Verbindung der Elemente entstehen – genau die gleichen Elemente zusammenstellen und verbinden könnten um so ein Lebewesen zu erschaffen? Diese Vorstellung ist falsch, denn die ursprüngliche Zusammensetzung ist eine göttliche Zusammensetzung, die Verbindung wird entsprechend der natürlichen Ordnung von Gott hervorgebracht, und aus diesem Grund wird aus dieser Zusammensetzung ein Lebewesen geschaffen und ins Dasein gebracht. Aber eine von Menschen gemachte Zusammensetzung bringt nichts hervor, weil der Mensch kein Leben erschaffen kann. Kurz gesagt, wir haben darüber gesprochen, dass aus der Zusammensetzung von Elementen, aus ihrer Verbindung, ihrer Art und ihren Mengenverhältnissen und durch Wechselwirkungen mit anderen Wesen zahllose Formen und Wirklichkeiten und unzählige Wesen ins Dasein getreten sind. Aber natürlich ist diese Erdkugel in ihrer jetzigen Gestalt nicht auf einmal entstanden, vielmehr durchlief das allgemeine Dasein nach und nach verschiedene Stufen, bis es in seiner heutigen Vollendung erschien. Das allgemeine Dasein kann mit dem konkreten verglichen werden, denn beides untersteht einer einzigen natürlichen Ordnung, einem allgemein gültigen Gesetz und einer göttlichen Anordnung. Wir sehen zum Beispiel, wie die kleinsten Atome in ihrer allgemeinen Struktur den größten Gebilden im Universum gleichen, und es ist offensichtlich, dass sie aus einem einzigen Labor der Macht gemäß einer natürlichen Ordnung und einem universellen Gesetz hervorgegangen sind und daher miteinander verglichen werden können. Zum Beispiel wächst und entwickelt sich der menschliche Embryo allmählich im Schoß seiner Mutter und durchlebt verschiedene Formen und Zustände, bis er in äußerster Schönheit zur Reife gelangt und in vollendeter Form mit größtem Liebreiz erscheint. Genauso war der Same dieser Blume, die du vor dir siehst, am Anfang klein und unbedeutend, aber er wuchs und entwickelte sich im Schoß der Erde und nahm verschiedene Formen an, bis er diesen Zustand vollkommener Lebenskraft und Eleganz erreichte. Es ist genauso offensichtlich, dass diese Erdkugel im Gefüge des Universums ins Dasein trat, wuchs, sich entwickelte und verschiedene Formen und Zustände annahm, bis sie allmählich zu ihrer gegenwärtigen Vollständigkeit gelangte und mit unzähligen Geschöpfen geschmückt in solch vollendeter Form erschien. Somit ist offensichtlich, dass die Ursubstanz, die dem Embryo entspricht, zunächst zusammengesetzte, miteinander verbundene Elemente bildete und diese Zusammensetzung allmählich über unzählige Zeitalter und Jahrhunderte wuchs und sich von einer Gestalt und Form zur nächsten entwickelte, bis sie durch die vollendete Weisheit Gottes in solcher Vollständigkeit, Ordnung, Zusammensetzung und Tauglichkeit erschien. Lass uns zu unserem Thema zurückkehren. Seit Beginn seines Daseins im Schoße der Erdkugel wuchs und entwickelte sich der Mensch allmählich wie ein Embryo im Mutterleib und ging von einer Gestalt und Form zur anderen über, bis er in dieser Schönheit und Vollkommenheit, dieser Kraft und Beschaffenheit erschien. Gewiss besaß er anfangs nicht solch eine Lieblichkeit, Anmut und Feinheit, und erst allmählich erlangte er eine solche Gestalt, Beschaffenheit, Schönheit und Anmut. Zweifellos erschien der Embryo der Menschheit, genau wie der Embryo im Mutterleib, nicht unmittelbar in dieser Ausprägung und verkörperte noch nicht die Worte: »Geheiligt sei der Herr, der vortrefflichste aller Schöpfer!«A135 Vielmehr durchlief er nach und nach verschiedene Zustände und Ausprägungen, bis er diese Gestalt und Schönheit, diese Vollkommenheit, Feinheit und Zier erlangte. Es ist daher klar und deutlich, dass das Wachstum und die Entwicklung des Menschen auf diesem Planeten bis zu seiner gegenwärtigen Vollständigkeit, ähnlich wie das Wachstum und die Entwicklung des Embryos im Mutterleib, Stufe um Stufe und von einer Form zur nächsten erfolgt ist, denn dies entspricht den Erfordernissen der universellen Ordnung und des göttlichen Gesetzes. Das bedeutet, der menschliche Embryo nimmt verschiedene Zustände an und durchläuft zahlreiche Stadien, bis er zu der Gestalt gelangt, in der er die Wirklichkeit der Worte »Geheiligt sei der Herr, der vortrefflichste aller Schöpfer!« verkörpert und die Zeichen der vollen Entwicklung und Reife aufweist. Ebenso muss seit den ersten Anfängen des Menschen auf diesem Planeten bis er seine jetzige Gestalt, Form und Beschaffenheit annahm, eine lange Zeit verstrichen sein, und er muss viele Stufen durchschritten haben, bevor er seinen gegenwärtigen Zustand erreichte. Aber seit dem Beginn seines Daseins war der Mensch eine eigene Art. Das ist vergleichbar mit dem Embryo des Menschen im Mutterleib: Er hat zunächst eine merkwürdige Gestalt. Dann nimmt sein Körper eine Gestalt und Form nach der anderen an, bis er in voller Schönheit und Vollkommenheit erscheint. Aber selbst wenn er im Mutterleib eine merkwürdige Gestalt besitzt – völlig anders als seine gegenwärtige Gestalt und Erscheinung – ist es der Embryo einer eigenen Art und nicht der eines Tieres: Das Wesen der Art und die angeborene Wirklichkeit erfahren keinerlei Veränderung. Sollte nun jemand Spuren verkümmerter Organe finden, würde das die Unabhängigkeit und Ursprünglichkeit der Art nicht widerlegen. Es würde allenfalls beweisen, dass sich die Gestalt, das Aussehen und die Organe des Menschen im Laufe der Zeit entwickelt haben. Aber der Mensch war schon immer eine eigene Art – er war immer Mensch, nicht Tier. Überlege: Wenn der Embryo des Menschen im Mutterleib von einer Gestalt zu einer anderen übergeht, die in keiner Weise der früheren ähnelt, ist das ein Beweis für eine Veränderung der Art? Dass er zuerst ein Tier war und seine Organe sich immer weiter entwickelten, bis er ein Mensch wurde? Nein, bei Gott! Wie haltlos und unbegründet ist diese Annahme! Denn die Ursprünglichkeit der menschlichen Art und die Unabhängigkeit des menschlichen Wesens sind klar und offenkundig.
Kapitel 48
Der Unterschied zwischen Mensch und Tier
Wir hatten schon ein- oder zweimal über das Thema Geist gesprochen, aber ohne es mitzuschreiben. Wisse, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gibt, also Menschen, die zu zwei Gruppen gehören. Die eine Gruppe leugnet den Menschengeist und sagt, der Mensch sei eine Art Tier. Warum ist das so? Weil wir sehen, dass es Kräfte und Sinne gibt, über die Mensch und Tier gleichermaßen verfügen. Die einfachen, einzelnen Elemente, die den Raum um uns herum füllen, werden in unzähligen Variationen zusammengesetzt und eine jede davon ergibt ein anderes Wesen. Darunter sind fühlende Wesen, die mit bestimmten Kräften und Sinnen ausgestattet sind. Je vollständiger die Zusammensetzung, desto edler das Wesen. Die Verbindung der Elemente im Körper des Menschen ist vollständiger als in jedem anderen Wesen und seine Bestandteile sind völlig ausgewogen zusammengefügt; deshalb ist er edler und vollkommener. Der Mensch, so wird behauptet, verfüge keineswegs über eine besondere Kraft oder einen besonderen Geist, der anderen Tieren fehle. Auch Tiere besäßen Sinneswahrnehmungen, nur dass die Kräfte des Menschen in gewisser Hinsicht noch feiner seien – wenngleich das Tier hinsichtlich der äußeren Kräfte wie Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen, und selbst bei inneren Kräften wie etwa dem Gedächtnis, dem Menschen überlegen ist. Das Tier, sagen sie, besitze Verstandeskraft und Auffassungsvermögen. Sie gestehen lediglich ein, dass die Auffassungsgabe des Menschen größer sei. So etwas wird von heutigen Philosophen behauptet. Das sind ihre Worte und ihre Behauptungen und das gibt ihnen ihre Einbildung vor. Und so stellen sie nach eingehenden Nachforschungen und mit schlagkräftigen Argumenten gerüstet den Menschen in eine Linie mit dem Tier, indem sie sagen, der Mensch sei einstmals ein Tier gewesen und diese Spezies habe sich allmählich verändert und entwickelt, bis sie die Stufe des Menschen erreichte. Aber die geistig gesinnten Philosophen sagen, das sei so nicht. Obwohl Mensch und Tier die gleichen äußeren Kräfte und Sinne besitzen, gibt es im Menschen eine außergewöhnliche Kraft, die dem Tier fehlt. Sämtliche Wissenschaften, Künste und Erfindungen, jedes Handwerk und jede Entdeckung einer Wahrheit entspringen dieser einzigartigen Kraft. Es ist eine Kraft, die alle erschaffenen Dinge umfasst, ihre Wirklichkeit begreift, ihre verborgenen Geheimnisse enträtselt und sie kontrolliert. Sie begreift sogar Dinge, die kein äußeres Dasein haben, also intelligible, nicht fühlbare und unsichtbare Wirklichkeiten wie Verstand und Geist, menschliche Eigenschaften und Tugenden, Liebe und Trauer, die allesamt intelligible Wirklichkeiten sind. Darüber hinaus waren einst alle Wissenschaften und Handwerkskünste, alle großen Unternehmungen und unzähligen Entdeckungen des Menschen versteckte und verborgene Geheimnisse, und nur dank der allumfassenden menschlichen Kraft wurden sie entdeckt und aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare gebracht. So waren Telegrafie, Fotografie, Grammofon – all diese großen Erfindungen und Handwerkskünste – einst verborgene Geheimnisse, die von dieser menschlichen Wirklichkeit entdeckt und aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare gebracht wurden. Es gab sogar eine Zeit, da war dieses Stück Eisen vor dir, und in der Tat jedes Mineral, ein verborgenes Geheimnis. Die menschliche Wirklichkeit entdeckte dieses Mineral und schmiedete das Metall in diese Form. Das Gleiche gilt für alle anderen zahllosen Entdeckungen und Erfindungen des Menschen. Diese Tatsachen sind nicht zu widerlegen und es ist zwecklos, sie zu leugnen. Würden wir behaupten, dass all dies den Kräften der tierischen Natur und den physischen Sinnen entspringt, dann könnten wir ganz deutlich erkennen, dass die Tiere im Hinblick auf diese Kräfte dem Menschen überlegen sind. Zum Beispiel ist das Sehvermögen von Tieren viel schärfer als das des Menschen, ihr Gehör viel feiner und Gleiches gilt auch für ihr Geruchsvermögen und ihren Geschmackssinn. Kurz, bei den Kräften, die Mensch und Tier gemeinsam haben, ist das Tier oft überlegen. Nimm das Gedächtnis: Wenn du eine Taube von hier aus in ein fernes Land bringst und dort freilässt, wird sie sich an den Weg erinnern und nach Hause zurückkehren. Bring einen Hund von hier bis ins Innere Asiens, lass ihn frei und er wird nach Hause zurückkehren, ohne auch nur vom Weg abzukommen. Und so ist es auch mit den anderen Kräften wie Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen. Somit ist klar: Hätte der Mensch keine Kräfte, die über die der Tiere hinausgehen, würde das Tier bei bedeutenden Entdeckungen und im Verständnis der Wirklichkeit den Menschen zwangsläufig übertreffen. Aus dieser Beweisführung folgt, dass der Mensch mit einer Gabe ausgestattet ist und eine Vollkommenheit aufweist, die es im Tier nicht gibt. Ferner kann das Tier zwar das mit den Sinnen Wahrnehmbare erkennen, intelligible Wahrheiten kann es jedoch nicht erkennen. Was zum Beispiel im Sichtbereich des Tieres ist, kann es erkennen, aber was dahinter liegt, kann es nicht durchschauen oder nachvollziehen. So kann das Tier unmöglich begreifen, dass die Erde eine kugelförmige Gestalt hat. Aber der Mensch kann das Unbekannte aus dem Bekannten ableiten und unbekannte Wirklichkeiten entdecken. So kann der Mensch zum Beispiel auf die Krümmung der Erde schließen, wenn er die Neigungswinkel am Himmel beobachtet. Der Polarstern über ‘Akká steht zum Beispiel auf 33 Grad; seine Neigung über dem Horizont beträgt also 33 Grad. Geht man Richtung Nordpol, so erhebt sich der Polarstern für jeden Grad zurückgelegten Weges um ein weiteres Grad über dem Horizont; das heißt, der Neigungswinkel des Polarsterns erreicht 34 Grad, dann 40, 50, 60 und 70 Grad. Wenn man zum Nordpol gelangt, wird der Neigungswinkel des Polarsterns 90 Grad betragen und der Stern wird im Zenit zu sehen sein, das heißt er erhebt sich genau über dem Pol. Der Polarstern ist mit den Sinnen erfassbar, ebenso wie sein Aufstieg, also die Tatsache, dass der Polarstern umso höher steigt, je näher man dem Pol kommt. Und mit Hilfe dieser beiden bekannten Tatsachen wird eine unbekannte Tatsache entdeckt, nämlich der Neigungswinkel am Himmel, was bedeutet, dass der Himmel über dem Horizont auf jedem Breitengrad anders ist als auf einem anderen Breitengrad. Der Mensch begreift diesen Zusammenhang und begründet damit ein bisher unbekanntes Phänomen, nämlich die Krümmung der Erde. Dem Tier ist es jedoch nicht möglich, dies zu verstehen. Ebenso wenig kann das Tier begreifen, dass die Sonne im Zentrum steht und die Erde sie umkreist. Das Tier ist ein Gefangener seiner Sinne und wird von ihnen begrenzt. Es kann nichts begreifen, was jenseits der Reichweite oder Kontrolle der Sinne liegt, obwohl es den Menschen hinsichtlich der äußeren Kräfte und Sinneswahrnehmungen übertrifft. Es ist also klar erwiesen, dass der Mensch mit einer Entdeckerkraft ausgestattet ist, die ihn vom Tier unterscheidet, und diese Kraft ist nichts anderes als der menschliche Geist. Preis sei Gott! Der Mensch strebt immer nach größeren Höhen und erhabeneren Zielen. Stets strebt er nach einer Welt, die besser ist als die, in der er lebt, und zu einer Stufe aufzusteigen, die über die seine hinausgeht. Diese Liebe zur Transzendenz ist eines der Wesensmerkmale des Menschen. Ich bin erstaunt, dass manche Philosophen in Amerika und Europa sich selbst bereitwillig in das Tierreich erniedrigen und damit einen Rückschritt hinnehmen, wo doch alles Dasein immer aufwärts streben muss. Doch solltest du einen von ihnen als Tier bezeichnen, wäre er schwer verletzt und gekränkt. Welch ein Unterschied besteht zwischen der Menschenwelt und dem Tierreich! Welch ein Unterschied besteht zwischen der Erhabenheit des Menschen und der Niedrigkeit des Tieres, zwischen der Vollkommenheit des Menschen und der Unwissenheit des Tieres, zwischen der Herrlichkeit des Menschen und der Herabstufung des Tieres! Ein zehnjähriges arabisches Kind kann zwei oder dreihundert Kamele in der Wüste bändigen und sie mit seiner bloßen Stimme führen. Ein schwacher Inder kann einen mächtigen Elefanten so zähmen, dass er sich völlig gehorsam verhält. Alles wird bezwungen durch die Hand des Menschen, der die Natur beherrscht. Alle anderen Geschöpfe sind Gefangene der Natur und können sich nicht von ihren Zwängen befreien – allein der Mensch kann die Natur beherrschen. So zieht die Natur alle Körper zum Mittelpunkt der Erde, aber mit Hilfe der Mechanik entfernt sich der Mensch davon und erhebt sich in die Luft. Die Natur verhindert, dass der Mensch über das Meer gelangt, aber der Mensch baut Schiffe und überquert den größten Ozean, und dergleichen mehr – das Thema ist endlos. Zum Beispiel durchquert der Mensch Berge und Ebenen in Fahrzeugen und erfährt an einem beliebigen Ort von den Geschehnissen in Ost und West. So trotzt der Mensch der Natur. Das ganze weite Meer kann nicht ein Jota vom Gesetz der Natur abweichen; die Sonne in all ihrer Größe kann nicht einmal um die Spitze einer Nadel vom Gesetz der Natur abweichen, noch kann sie jemals den Zustand, die Beschaffenheit, die Eigenschaften, die Bewegungen und die Natur des Menschen begreifen. Welche Macht ist es nun, die der kümmerlichen Gestalt des Menschen innewohnt und all dies umfasst? Welch bezwingende Macht ist es, die alles unterwirft? Noch ein weiterer Punkt bleibt. Moderne Philosophen sagen: »Wir sehen nirgendwo einen Geist im Menschen, und obwohl wir das Innerste des menschlichen Körpers bis ins kleinste Detail untersucht haben, finden wir nirgendwo eine geistige Kraft. Wie können wir uns dann eine Macht vorstellen, die nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist?« Die geistig gesinnten Philosophen erwidern: »Der Geist des Tieres ist auch nicht mit den Sinnen wahrnehmbar und durch unsere körperlichen Kräfte nicht erfassbar: Wie lässt sich auf seine Existenz schließen? Zweifellos wirst du von seinen Auswirkungen auf die Existenz einer Kraft im Tier schließen, die es in der Pflanze nicht gibt, und das ist die Kraft der Sinne, des Sehens, des Hörens und der anderen Kräfte. Daraus folgt, dass es einen Geist im Tier gibt. In gleicher Weise solltest du aus den erwähnten Zeichen und Argumenten auf die Existenz eines Menschengeistes schließen. Da es also im Tier Zeichen gibt, die man nicht in der Pflanze findet, kannst du sagen, dass diese Sinneskraft eines der Kennzeichen des Tiergeistes ist. Ebenso siehst du im Menschen Zeichen, Kräfte und eine Vollkommenheit, die das Tier nicht besitzt: Du kannst daraus schließen, dass er eine Kraft innehat, die dem Tier fehlt.« Wenn wir alles bestreiten würden, was den Sinnen nicht zugänglich ist, dann wären wir gezwungen, zweifellos existierende Tatsachen zu leugnen. Zum Beispiel ist der Äther nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, obwohl seine Wirklichkeit nachgewiesen werden kann. Die Anziehungskraft der Erde ist nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, obwohl ihre Existenz ebenfalls unbestreitbar ist. Wie können wir feststellen, dass es sie gibt? Anhand ihrer Wirkung. Dieses Licht besteht beispielsweise aus den Schwingungen des Äthers, und von diesen Schwingungen schließen wir auf seine Existenz.
Kapitel 49
Die Evolution und die Existenz des Menschen
Frage: Was sagen Sie zu der von manchen europäischen Philosophen vertretenen Theorie von der Entwicklung der Lebewesen? Antwort: Wir sind auf diese Frage bereits vor kurzem eingegangen, aber wir werden noch einmal darüber sprechen. Kurz gesagt, diese Frage bezieht sich auf die Ursprünglichkeit oder Nicht-Ursprünglichkeit der Arten, das heißt, ob das Wesen der menschlichen Art vom Ursprung her festgelegt war oder ob es sich aus dem Tierreich entwickelt hat. Manche europäische Philosophen gehen davon aus, dass die Arten sich nicht nur entwickeln, sondern sich sogar ändern und in andere Arten umwandeln können. Zu den Beweisen, die sie für diese Behauptung vorbringen, gehört, dass durch sorgfältige geologische Forschungen und Untersuchungen klar und offenkundig geworden ist, dass die Existenz der Pflanzen derjenigen der Tiere vorausging, und dass die Existenz der Tiere der des Menschen vorausging. Außerdem gehen sie davon aus, dass es sowohl im Pflanzenreich als auch im Tierreich eine Veränderung gegeben hat; denn in bestimmten Schichten der Erde sind Pflanzen entdeckt worden, die in der Vergangenheit existierten, aber inzwischen verschwunden sind, was bedeutet, dass sie sich weiterentwickelt haben, widerstandsfähiger geworden sind und sich in Form und Aussehen verändert haben und somit auch eine Änderung der Art erfolgt sei. Ebenso gibt es in den Erdschichten bestimmte Tierarten, die sich verändert haben. Eine davon ist die Schlange, die verkümmerte Gliedmaßen hat, d. h. Zeichen deuten darauf hin, dass sie einst Füße hatte, die im Laufe der Zeit verschwunden sind und von denen nur ein Rest übrig geblieben ist. In der Wirbelsäule des Menschen befindet sich gleichfalls ein Überbleibsel, das darauf hinweist, dass er wie andere Tiere einst einen Schwanz hatte, von dem, so behaupten sie, Spuren noch vorhanden sind. Irgendwann war dieses Körperteil nützlich, aber als der Mensch sich entwickelte, verlor es seinen Nutzen und verschwand allmählich. Genauso brauchte die Schlange keine Füße mehr, als sie begann unterirdisch zu leben und zu einem kriechenden Tier zu werden, und so verschwanden die Füße und es blieb nur ein Relikt übrig. Ihr Hauptbeweis ist, dass diese verkümmerten Gliedmaßen Zeugnis von der Existenz früherer Gliedmaßen ablegen, die wegen fehlendem Nutzen allmählich verschwunden sind, und deren Fortbestand keinen Vorteil mehr bietet. So blieben die notwendigen Gliedmaßen erhalten, während die überflüssigen durch die Veränderung der Art allmählich verschwunden sind, jedoch ein Relikt zurückgelassen haben. Die erste Antwort auf diese Beweisführung lautet, dass die Tiere, die vor dem Menschen lebten, kein Beweis dafür sind, dass es im Wesen der menschlichen Art eine Veränderung oder einen Wandel gegeben hat, oder dass der Mensch dem Tierreich entstammte. Denn solange man anerkennt, dass diese unterschiedlichen Lebewesen im Lauf der Zeit erschienen sind, ist es möglich, dass der Mensch einfach nach dem Tier ins Dasein trat. So stellen wir im Pflanzenreich fest, dass die Früchte verschiedener Bäume nicht alle zugleich erscheinen, im Gegenteil, einige erscheinen früher in der Jahreszeit und andere später. Diese Reihenfolge ist kein Beweis dafür, dass die spätere Frucht eines Baumes aus der früheren Frucht eines anderen gewonnen wurde. Zweitens könnte diesen kleinen Spuren und verkümmerten Gliedmaßen eine besondere Weisheit zugrunde liegen, die der menschliche Geist bisher nicht zu erfassen vermochte. Wie viele Dinge gibt es auf dieser Welt, deren zugrunde liegende Weisheit bis heute nicht verstanden wurde! So heißt es in der Physiologie – der Lehre von der Funktion der Körperorgane –, dass die zugrunde liegende Weisheit und Ursache für die Unterschiede in der Färbung von Tieren und menschlichem Haar, der Röte der Lippen oder der Farbenvielfalt der Vögel noch unbekannt ist und verborgen bleibt. Aber es wurde entdeckt, dass die Schwärze der Pupille des Auges darauf zurückzuführen ist, dass sie die Sonnenstrahlen absorbiert, denn wenn sie eine andere Farbe hätte – sagen wir, gleichmäßig weiß – könnte sie diese Strahlen nicht absorbieren. Insofern die Weisheit der oben erwähnten Dinge unbekannt ist, kann man sich auch gut vorstellen, dass Ursache und Weisheit der verkümmerten Gliedmaßen, ob beim Tier oder beim Menschen, ebenfalls unbekannt sind. Solch eine Weisheit dahinter gibt es natürlich, auch wenn sie vielleicht noch nicht bekannt ist. Drittens, selbst wenn wir annehmen würden, dass bestimmte Tiere oder sogar der Mensch einmal Gliedmaßen besaßen, die jetzt verschwunden sind, wäre dies kein ausreichender Beweis für die Veränderung der Art. Denn der Mensch nimmt von der Befruchtung des Embryos bis zur Erlangung der Reife unterschiedliche Gestalten und Erscheinungsformen an. Sein Aussehen, seine Gestalt, seine Merkmale und seine Farbe verändern sich, das heißt, er schreitet von Gestalt zu Gestalt und von Erscheinungsform zu Erscheinungsform. Und doch gehört er von der Entstehung des Embryos an zur menschlichen Art, ist also der Embryo eines Menschen und nicht der eines Tieres. Aber diese Tatsache ist zunächst nicht offensichtlich; erst später wird sie deutlich sichtbar. Nehmen wir einmal an, dass der Mensch einst dem Tier ähnelte und dass er sich seitdem entwickelt und gewandelt hat. Dieser Aussage zuzustimmen beweist nicht die Veränderung der Art, sondern könnte mit der Veränderung und dem Wandel verglichen werden, die – wie bereits erwähnt – der menschliche Embryo durchläuft, bevor er seine volle Entwicklung und Reife erreicht hat. Um es noch deutlicher auszudrücken: Nehmen wir an, der Mensch wäre einmal auf allen Vieren gelaufen oder hätte einen Schwanz gehabt: Diese Veränderung und dieser Wandel ist vergleichbar mit der des Fötus im Mutterleib. Auch wenn sich der Fötus in jeder erdenklichen Weise entwickelt und entfaltet, bevor er seine volle Entwicklungsstufe erreicht, gehört er doch von Anfang an zu einer eigenen Art. Dasselbe gilt auch im Pflanzenreich, wo wir sehen, dass sich der ursprüngliche und unverwechselbare Charakter einer Art nicht verändert, während sich Gestalt, Farbe und Masse verändern, wandeln und entwickeln. Zusammenfassend lässt sich sagen: So wie der Mensch im Mutterleib fortschreitet, sich entwickelt und von einer Gestalt und Erscheinung in eine andere umgestaltet wird, wobei er von Anfang an ein menschlicher Embryo war, so war auch der Mensch – das heißt, die menschliche Art – seit dem Beginn der Entstehung im Gefüge der Welt ein eigenes Wesen und hat allmählich eine Gestalt nach der anderen angenommen. Daraus folgt, dass diese Veränderung der äußeren Erscheinung, dieser Entwicklung der Organe, dieses Wachstum und diese Entwicklung die Ursprünglichkeit der Art nicht ausschließen. Doch auch wenn man die Existenz von Entwicklung und Fortschritt als gegeben annimmt, so hat der Mensch doch vom Augenblick seines Erscheinens an eine vollkommene Zusammensetzung besessen und hat die Fähigkeit und das Potential inne gehabt, sowohl materielle als auch geistige Vollkommenheit zu erlangen und die Verkörperung des Verses zu werden: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.«A136 Kurz: er ist gefälliger, verfeinerter und anmutiger geworden, und durch die Kultur ist er aus seinem wilden Zustand herausgewachsen, so wie die wilden Früchte durch die Kultivierung des Gärtners immer feiner und süßer, immer köstlicher und frischer werden. Die Gärtner für die Menschenwelt sind die Propheten Gottes.
Kapitel 50
Geistige Beweise für die Ursprünglichkeit des Menschen
Die bisher angeführten Argumente für die Ursprünglichkeit der menschlichen Art waren rationaler Natur. Nun kommen wir zu geistigen Argumenten, die tatsächlich die grundlegenden sind. Wir haben mit rationalen Argumenten die Existenz Gottes belegt, und mit rationalen Argumenten ebenfalls dargelegt, dass der Mensch seit Anbeginn Mensch war und der Wesenskern seiner Art seit Ewigkeiten besteht. Nun werden wir geistige Beweise dafür vorlegen, dass das menschliche Dasein – also die menschliche Art – notwendig ist und dass die Vollkommenheit des Göttlichen ohne den Menschen nicht erstrahlen würde. Das sind jedoch geistige und keine rationalen Argumente. Wir haben immer wieder durch Argumente und Beweise belegt, dass der Mensch das edelste aller Wesen und der Inbegriff aller Vollkommenheit ist. Alles was existiert ist in der Tat der Enthüllungsort der Offenbarung göttlichen Strahlenglanzes, das heißt, die Zeichen der Göttlichkeit Gottes sind in der Wirklichkeit aller Dinge offenbar. So wie die Erde der Ort ist, an dem die Sonnenstrahlen reflektiert werden – was bedeutet, dass das Licht, die Wärme und der Einfluss der Sonne in allen Atomen der Erde klar und deutlich sichtbar sind – so kündet auch jedes einzelne Atom des Universums in diesem unendlichen Raum von einer der vollkommenen Eigenschaften Gottes. Nichts ist davon ausgenommen: Ein jedes ist entweder ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes oder ein Zeichen Seiner Macht, Seiner Größe, Seiner Gerechtigkeit, Seiner bleibenden Fürsorge, Seiner Großmut, Seines Sehens, Seines Hörens, Seines Wissens, Seiner Güte und so weiter. Damit soll zum Ausdruck kommen, dass alles was existiert notwendigerweise der Enthüllungsort der Offenbarung göttlichen Strahlenglanzes ist, das heißt, die Vollkommenheit Gottes verkörpert und offenbart sich darin. Es ist so wie die Sonne, die auf die Wüste, auf das Meer, die Bäume, die Früchte, die Blüten – auf alle irdischen Dinge scheint. Nun, die Welt des Daseins, ja, ein jedes erschaffenes Ding, verkündet nur einen der Namen Gottes, die Wirklichkeit des Menschen ist hingegen eine allumfassende und universelle Wirklichkeit – der Offenbarungsort der Fülle der göttlichen Vollkommenheit. Das heißt, für jeden einzelnen Namen, jedes Attribut und jede vollkommene Eigenschaft, die wir Gott zuschreiben, existiert ein Zeichen im Menschen. Wäre das nicht der Fall, dann wäre er nicht dazu in der Lage, sich diese Vollkommenheit vorzustellen oder sie zu begreifen. Zum Beispiel sagen wir, dass Gott alles sieht. Das Auge ist das Zeichen Seines Sehvermögens: Wenn diese Fähigkeit dem Menschen fehlte, wie könnten wir uns dann das Sehvermögen Gottes vorstellen? Denn jemand, der von Geburt an blind ist, kann sich nicht vorstellen, was es bedeutet, zu sehen, ebenso wenig, wie jemand, der von Geburt an taub ist, sich vorstellen kann, was es heißt zu hören, oder der Leblose, was es bedeutet lebendig zu sein. So offenbart sich die Göttlichkeit Gottes – der Inbegriff aller Vollkommenheit – in der Wirklichkeit des Menschen, das heißt, das göttliche Wesen ist die Gesamtheit aller vollkommenen Eigenschaften, und von dieser Stufe aus wirft sie einen Strahl ihres Glanzes auf die menschliche Wirklichkeit. Mit anderen Worten, die Sonne der Wahrheit wird in diesem Spiegel reflektiert. So ist der Mensch ein vollkommener, der Sonne der Wahrheit zugewandter Spiegel, und er reflektiert sie. Der Strahlenglanz aller göttlichen Vollkommenheit offenbart sich in der Wirklichkeit des Menschen, und deshalb ist er der Statthalter und Apostel Gottes. Wenn es den Menschen nicht gäbe, würde das Universum keine Frucht bringen, denn der Zweck des Daseins ist die Offenbarung göttlicher Vollkommenheit. Wir können also nicht sagen, dass es eine Zeit gab, in der es den Menschen nicht gab. Wir können allenfalls sagen, dass es eine Zeit gab, in der diese Erde nicht existierte, und dass am Anfang der Mensch nicht auf ihr lebte. Aber vom Anfang, der keinen Anfang hat, bis zum Ende, das kein Ende hat, gab es immer eine vollkommene Manifestation. Dieser Mensch, von dem wir hier sprechen, ist nicht irgendein Mensch; hier ist vielmehr der Vollkommene Mensch gemeint. Denn der edelste Teil des Baumes und der grundlegende Zweck seines Daseins ist die Frucht. Ein Baum ohne Früchte ist ohne Nutzen. Daher kann man sich nicht vorstellen, dass die Welt des Daseins, seien es ihre Höhen oder Niederungen, einst von Kühen und Eseln, Katzen und Mäusen bevölkert waren und ihr doch die Gegenwart des Menschen vorenthalten blieb. Was für eine falsche und nichtige Vorstellung! Das Wort Gottes ist klar wie die Sonne. Dies ist ein geistiges Argument, das aber nicht direkt zu Anfang den materialistisch gesinnten Philosophen vorgelegt werden kann. Vielmehr müssen zunächst rationale Argumente und erst dann geistige Argumente vorgelegt werden.
Kapitel 51
Das Erscheinen von Geist und Verstand im Menschen
Frage: Sind Geist und Seele von Anfang an in der menschlichen Spezies erschienen? Oder manifestierten sie sich in der allmählichen Entwicklung der Menschheit oder erst nach ihrer Vervollkommnung? Und im letzteren Fall: Geschah dies über einen kurzen oder einen langen Zeitraum? Antwort: Der Beginn der Herausbildung des Menschen auf der Erdkugel ist vergleichbar mit der Entstehung des menschlichen Embryos im Mutterleib. Der Mensch wächst und entwickelt sich als Embryo allmählich bis zu seiner Geburt, danach wächst und entwickelt er sich weiter, bis er zur Reife gelangt. Obwohl im Menschen die Zeichen von Verstand und Geist bereits in der Kindheit vorhanden sind, erscheinen sie da noch nicht in ihrer Vollkommenheit und bleiben begrenzt. Sobald der Mensch zur Reife gelangt, treten Verstand und Geist in höchster Vollkommenheit hervor. Ebenso glich der Mensch zu Beginn seiner Entstehung im Gefüge der Welt einem Embryo. Dann schritt er von Stufe zu Stufe voran, wuchs und entwickelte sich, bis er das Stadium der Reife erreichte, in dem sich Verstand und Geist in höchster Vollkommenheit zeigten. Zwar existierten Verstand und Geist von Anbeginn seiner Entstehung, aber sie waren verborgen und zeigten sich erst später. Auch in der Welt des Mutterleibes existieren Verstand und Geist im Embryo, sind aber verborgen und zeigen sich erst später. Es ist wie bei einem Samenkorn: Der Baum existiert darin, ist aber noch verborgen und unsichtbar; sobald der Samen wächst und sich entwickelt, zeigt sich der Baum in seiner ganzen Pracht. Wachstum und Entwicklung aller Wesen erfolgt in gleicher Weise, Schritt für Schritt. Das ist das universelle, von Gott bestimmte Gesetz und die natürliche Ordnung. Das Samenkorn wird nicht plötzlich zum Baum; der Embryo wird nicht unmittelbar zum Menschen; die mineralische Substanz wird nicht sofort zum Stein: Nein, alles wächst und entwickelt sich allmählich, bis das jeweilige Maß der Vollkommenheit erreicht ist. Alle Wesen, sei es in ihrer Gesamtheit oder in ihrer besonderer Ausprägung, wurden von Anfang an in vollendeter und vollkommener Weise erschaffen. Man kann allenfalls sagen, dass ihre Vollkommenheit erst allmählich sichtbar wird. Es gibt nur ein Gesetz Gottes, eine Entwicklung des Daseins, eine göttliche Ordnung. Alle Wesen – seien sie groß oder klein – unterliegen einem einzigen Gesetz und einer einzigen Ordnung. Jedes Samenkorn trägt von Anfang an die ganze Vollkommenheit der Pflanze in sich. So existierte beispielsweise in dem Samenkorn von Anfang an die ganze pflanzliche Vollkommenheit, sie war aber unsichtbar und erschien erst nach und nach. Zuerst geht also der Keimling aus dem Samen hervor, dann folgen die Zweige, Blätter und Blüten und schließlich die Frucht. Aber von Beginn seines Werdens an existierte das alles schon, wenn auch unsichtbar, als Möglichkeit im Samenkorn. Ebenso besitzt der Embryo von Anfang an jede Vollkommenheit – den Geist, den Verstand, das Seh- und Riechvermögen und den Geschmack – mit einem Wort, alle Kräfte – aber sie sind unsichtbar und treten erst nach und nach in Erscheinung. Auch die Erdkugel wurde von Anfang an mit all ihren Elementen, Substanzen, Mineralien und Bestandteilen erschaffen, aber erst nach und nach erschienen zuerst die Mineralien, dann die Pflanzen, dann die Tiere und schließlich der Mensch. Diese Gattungen und Arten waren jedoch von Anfang an im Erdball verborgen und erschienen erst nach und nach. Denn das höchste Gesetz Gottes und die universelle natürliche Ordnung umfassen alle Dinge und unterwerfen sie ihren Regeln. Wenn du diese universelle Ordnung betrachtest, siehst du, dass kein einziges Wesen, unmittelbar nachdem es ins Dasein tritt, das volle Maß der Vollkommenheit erreicht, vielmehr wächst es und entwickelt sich nach und nach, bis es diese Stufe erreicht.
Kapitel 52
Das Erscheinen des Geistes im Körper
Frage: Welche Weisheit steht hinter dem Erscheinen des Geistes im Körper? Antwort: Dem Erscheinen des Geistes im Körper liegt folgende Weisheit zugrunde: Der menschliche Geist ist ein von Gott anvertrautes Gut und muss alle Stufen durchschreiten, denn indem er die Stufen des Daseins durchschreitet, erlangt er Vollkommenheit. Wenn zum Beispiel jemand gut geplant und systematisch durch viele verschiedene Länder und Regionen reist, wird dies sicherlich ein Mittel zur Vervollkommnung sein, denn er wird mit eigenen Augen verschiedene Orte, Landschaften und Regionen sehen; sich über die Angelegenheiten und Lebensumstände anderer Völker informieren; sich mit der Geographie anderer Länder vertraut machen; sich mit ihren Künsten und Wundern auseinandersetzen; Näheres über die Sitten und Gebräuche, sowie den Charakter ihrer Bürger erfahren; die Kultur und die Errungenschaften der Zeit kennenlernen; und die Regierungsführung, die Fähigkeit und Empfänglichkeit jedes Landes erkunden. In gleicher Weise wird der menschliche Geist, wenn er die Stufen des Daseins durchquert und jede Stufe und jede Ebene – auch die des Körpers – erreicht, ganz gewiss zur Vervollkommnung gelangen. Darüber hinaus müssen die Zeichen der Vollkommenheit des Geistes in dieser Welt erscheinen, damit das Reich der Schöpfung Früchte in Hülle und Fülle trage und der Körper der bedingten Welt belebt werde und die göttlichen Gnadengaben offenbare. So muss zum Beispiel die Sonne auf die Erde scheinen und ihre Wärme muss alle irdischen Wesen versorgen; wenn die Strahlen und die Wärme der Sonne die Erde nicht erreichen würden, bliebe sie öde und trostlos und es gäbe keine Entwicklung mehr. Ebenso würde diese Welt ohne das Erscheinen der Vollkommenheit des Geistes finster und ganz und gar animalisch werden. Durch das Erscheinen des Geistes im Körper wird diese Welt erleuchtet. So wie der Geist des Menschen die Ursache für das Leben seines Körpers ist, so ist die ganze Welt wie ein Körper und der Mensch ist wie ihr Geist. Wenn der Mensch nicht existierte, wenn sich die Vollkommenheit des Geistes nicht verkörperte und das Licht des Verstandes nicht in dieser Welt erstrahlte, wäre sie wie ein Körper ohne Geist. Ebenso ist diese Welt wie ein Baum und der Mensch wie die Frucht; ohne Frucht wäre der Baum nutzlos. Darüber hinaus wirken die Elemente, Bestandteile und Verbindungen, die sich im Menschen befinden, wie ein Magnet für den Geist: Der Geist muss darin erscheinen. Genauso ist ein polierter Spiegel dazu bestimmt, das Licht der Sonne aufzunehmen, angestrahlt zu werden und wundervolle Bilder wiederzugeben. Das heißt, wenn diese physischen Elemente entsprechend der natürlichen Ordnung und mit äußerster Vollkommenheit zusammenkommen und sich verbinden, so werden sie zu einem Magneten für den Geist, und der Geist wird darin mit all seiner Vollkommenheit erscheinen. Aus dieser Perspektive fragt man nicht: »Warum müssen die Sonnenstrahlen auf den Spiegel fallen?«; denn durch die Beziehungen, ob geistig oder materiell, die alle Dinge verbinden, muss zwangsläufig ein Spiegel, wenn er poliert und der Sonne zugewandt ist, deren Strahlen reflektieren. Ebenso wird der menschliche Geist, wenn die Elemente nach der erhabensten Ordnung, Einteilung, Art und Weise zusammengesetzt und verbunden werden, erscheinen und sich darin zeigen. So hat es der Allmächtige, der Allweise verfügt.
Kapitel 53
Die Verbindung zwischen Gott und Seiner Schöpfung
Frage: Welcher Art ist die Verbindung zwischen Gott und Seiner Schöpfung, zwischen dem Absoluten und unerreichbaren Einen und allen anderen Wesen? Antwort: Die Verbindung zwischen Gott und Seiner Schöpfung ist die zwischen dem Erzeuger und dem Erzeugten, der Sonne und den dunklen Himmelskörpern, dem Handwerker und seiner Handarbeit. Die Sonne ist nicht nur in ihrem Wesen geheiligt über alle Himmelskörper, die durch sie erleuchtet werden, auch ihr Licht ist in seinem Wesen geheiligt und unabhängig von der Erde. Obwohl die Erde von der Sonne versorgt wird und ihr Licht empfängt, sind die Sonne und ihre Strahlen über sie geheiligt. Die Erde und alles irdische Leben hingegen könnten ohne die Sonne nicht existieren. Gottes Schöpfung ist ein Prozess, der durch Emanation entsteht. Das heißt, die Schöpfung emaniert von Gott; Gott erscheint nicht in ihr. Die Verbindung beruht auf Emanation und nicht auf Manifestation. Das Licht der Sonne emaniert aus der Sonne; es manifestiert sie nicht. Das Erscheinen durch EmanationA137 ist wie das Erscheinen der Sonnenstrahlen: Das geheiligte Wesen der Sonne der Wahrheit ist unteilbar und steigt nicht auf die Stufe der Schöpfung herab. Ebenso wenig teilt sich die Sonne auf oder steigt auf die Erde herab, sondern ihre Strahlen – die Ausgießungen ihrer Gnade – emanieren aus ihr und erleuchten die dunklen Himmelskörper. Aber das Erscheinen durch Manifestation ist wie die Manifestation der Zweige, Blätter, Blüten und Früchte aus dem Samen; denn der Same selbst wird zu den Zweigen und Früchten, und seine Wirklichkeit geht in sie ein. Dieses Erscheinen durch Manifestation wäre für den Allhöchsten reine Unvollkommenheit und gänzlich unmöglich, denn es würde voraussetzen, dass die unbedingte Präexistenz Attribute des Erschaffenen annehmen müsste, dass absolute Unabhängigkeit sich in extreme Bedürftigkeit verwandelte und der Inbegriff des Seins zu bloßem Nichtsein würde; und das ist schlichtweg unmöglich. Folglich ist alles aus Gott emaniert: das heißt es ist Gott, durch den alle Dinge in die Wirklichkeit treten, und durch Ihn ist die bedingte Welt entstanden. Das erste, was aus Gott emaniert, ist jene universelle Wirklichkeit, die die alten Philosophen ›Erster Intellekt‹ nannten und von dem das Volk Bahás als dem ›Ersten Willen‹ spricht. Diese Emanation ist in Bezug auf ihr Wirken in der Welt Gottes weder zeitlich noch räumlich begrenzt und hat weder Anfang noch Ende, denn bei Gott sind Anfang und Ende ein und dasselbe. Die Präexistenz Gottes bezieht sich sowohl auf das Wesen als auch auf die Zeit, während die Entstehung der bedingten Welt nur das Wesen betrifft, nicht aber die Zeit, wie wir bereits früher einmal beim Essen erläuterten.A138 Obwohl der Erste Intellekt ohne Anfang ist, bedeutet das nicht, dass er an Gottes Präexistenz teilhat, denn im Vergleich zur Existenz Gottes ist die Existenz dieser universellen Realität ein bloßes Nichts – man kann nicht einmal sagen, dass sie existiert, geschweige denn, dass sie an Gottes Präexistenz teilhat. Diese Frage wurde bereits bei einer früheren Gelegenheit erläutert. Für alles Erschaffene gilt, dass Zusammensetzung Leben bedeutet und Zersetzung Tod. Aber die Materie und die universellen Elemente können nicht vollständig zerstört und vernichtet werden. Nein, Ihre Vernichtung ist lediglich eine Umwandlung. Wenn etwa ein Mensch stirbt, zerfällt sein Körper zu Staub, aber er wird nicht zu völligem Nichts: Er behält eine mineralische Existenz, aber es hat eine Veränderung stattgefunden, und das Zusammengesetzte wurde zersetzt. Das Gleiche gilt für die Vernichtung aller anderen Wesen; denn Dasein wird nicht zu völligem Nichtsein, und völliges Nichtsein erlangt kein Dasein.
Kapitel 54
Das Hervorgehen des menschlichen Geistes aus Gott
Frage: Wie geht der menschliche Geist aus Gott hervor? In der Thora wird ja gesagt, Gott habe den Geist in den menschlichen Körper gehaucht.A139 Antwort: Wisse, dass das Hervorgehen auf zweierlei Art geschieht: Hervorgehen und in Erscheinung treten durch Emanation, und Hervorgehen und in Erscheinung treten durch Manifestation. Das Hervorgehen durch Emanation ist wie das Hervorbringen eines Werkstücks durch dessen Urheber. Ein Schriftstück etwa wird vom Schriftsteller hervorgebracht. Nun, so wie die Schrift aus dem Schriftsteller und die Rede aus dem Redner emaniert, so emaniert auch der menschliche Geist aus Gott. Aber das verkörpert Ihn nicht; das heißt, von der göttlichen Wirklichkeit hat sich kein Teil getrennt, um in den Körper des Menschen einzutreten. Nein, so wie die Sprache aus dem Sprecher emaniert, so emaniert der menschliche Geist und zeigt sich im Körper des Menschen. Mit dem Entstehen durch Manifestation hingegen ist gemeint, dass sich die Wirklichkeit von etwas in anderer Gestalt manifestiert, so wie dieser Baum oder diese Blume aus ihren Samen entsteht, denn es ist der Same selbst, der sich in Form von Zweigen, Blättern und Blumen manifestiert hat. Das nennt man Entstehen durch Manifestation. Der Geist des Menschen geht durch Emanation aus Gott hervor, so wie die Rede vom Redner und die Schrift vom Schreiber; das bedeutet, dass der Redner selbst nicht zur Rede wird, ebenso wenig wie der Schreiber zur Schrift wird: Die Verbindung ist vielmehr ein Hervorgehen durch Emanation. Denn der Sprecher bleibt in seinem Können und seiner Kraft völlig uneingeschränkt während die Rede aus ihm emaniert, so wie eine Handlung aus dem Handelnden. Der wahre Sprecher, die göttliche Wesenheit, bleibt immer im gleichen Zustand und erfährt weder Wechsel noch Wandel, weder Umgestaltung noch Veränderung. Sie hat weder Anfang noch Ende. Das Hervorgehen des Menschengeistes aus Gott ist daher ein Hervorgehen durch Emanation. Dort, wo in der Thora gesagt wird, dass Gott dem Menschen Seinen Geist eingehaucht hat, entspricht dieser Geist der Rede, die aus dem wahren Sprecher emaniert und in der Wirklichkeit des Menschen wirkt. Wenn wir nun das Hervorgehen durch Manifestation als ›in Erscheinung treten‹ und nicht etwa als ›Aufspaltung in Teile‹ verstehen, so ist das, wie bereits gesagt, die Art des Hervorgehens und Erscheinens des Heiligen Geistes und des Wortes, die von Gott kommen. Wie es im Johannesevangelium heißt: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.«A140 Folglich sind der Heilige Geist und das Wort die Erscheinung Gottes und bestehen in der göttlichen Vollkommenheit, die in der Wirklichkeit Christi erstrahlt. Und diese Vollkommenheit war bei Gott, genauso wie die Sonne, die die Fülle ihrer Herrlichkeit in einem Spiegel offenbart. Denn mit dem »Wort« ist nicht der Leib Christi gemeint, sondern die göttliche Vollkommenheit, die sich in Ihm offenbart hat. So war Christus wie ein makelloser Spiegel, der sich der Sonne der Wahrheit zuwandte, und die Vollkommenheit dieser Sonne – das heißt, ihr Licht und ihre Wärme – zeigten sich deutlich in diesem Spiegel. Wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir die Sonne und sagen, es sei die Sonne. Deswegen stellen das Wort und der Heilige Geist, die aus der Vollkommenheit Gottes bestehen, die Erscheinung des Göttlichen dar. Das ist die Bedeutung des Verses im Evangelium, in dem es heißt: »Das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort«A141, denn die göttliche Vollkommenheit kann nicht vom Wesen Gottes unterschieden werden. Die Vollkommenheit Christi wird als das Wort bezeichnet, denn alle erschaffenen Dinge sind wie einzelne Buchstaben und einzelne Buchstaben vermitteln keine vollständige Bedeutung, während die Vollkommenheit Christi ein ganzes Wort ist, denn aus einem Wort lässt sich eine vollständige Bedeutung ableiten. Da die Wirklichkeit Christi die Manifestation göttlicher Vollkommenheit war, kam sie einem Wort gleich. Warum ist das so? Weil sie eine vollständige Bedeutung umfasste, wurde sie das Wort genannt. Wisse, dass das Hervorgehen des Wortes und des Heiligen Geistes aus Gott ein Hervorgehen und Erscheinen durch Manifestation ist und nicht so zu verstehen ist, dass die Wirklichkeit des Göttlichen geteilt oder vervielfältigt wurde oder von ihren Höhen der Reinheit und Heiligkeit herabgestiegen wäre. Gott bewahre! Wenn ein klarer und makelloser Spiegel vor die Sonne gestellt würde, so würden sich das Licht und die Hitze, die Form und das Bild der Sonne darin so manifestieren, dass ein Betrachter – sollte er sagen: »Das ist die Sonne« – die Wahrheit spräche. Aber der Spiegel ist der Spiegel und die Sonne ist die Sonne. Die Sonne bleibt immer nur die eine Sonne, auch wenn sie in zahlreichen Spiegeln erscheint. Es gibt hier kein Innewohnen, kein Eintreten, keine Vermischung und kein Herabsteigen; denn Eintreten, Austreten, Innewohnen, Abstieg und Vermischung gehören zu den Merkmalen und Erfordernissen des Körpers, nicht zu denen des Geistes – wie viel weniger zu denen der geheiligten und geweihten Wirklichkeit des Göttlichen. Verherrlicht ist Gott über alles, was Seiner Heiligkeit und Reinheit nicht zugehört, und erhaben ist Er in den höchsten Höhen! Die Sonne der Wahrheit ist, wie gesagt, immer im gleichen Zustand geblieben und durchläuft weder Wechsel noch Wandel, weder Umgestaltung noch Veränderung. Sie hat weder Anfang noch Ende. Aber die geheiligte Wirklichkeit des Wortes Gottes ist wie ein klarer, makelloser und glänzender Spiegel, in dem die Hitze und das Licht, die Gestalt und das Bild der Sonne der Wahrheit – also all ihre Vollkommenheit – reflektiert werden. Deshalb sagt Christus im Evangelium: »Der Vater ist im Sohn«A142, das heißt, dass Vollkommenheit der Sonne der Wahrheit in diesem Spiegel hell erstrahlt. Preis sei Ihm, Der Seine Pracht auf diese über alles Erschaffene geheiligte Wirklichkeit geworfen hat!
Kapitel 55
Geist, Seele und Verstand
Frage: Was ist der Unterschied zwischen Verstand, Geist und Seele? Antwort: Es wurde bereits erklärt, dass der Geist insgesamt in fünf Kategorien unterteilt ist: der Geist der Pflanze, der Geist des Tieres, der Geist des Menschen, der Geist des Glaubens und der Heilige Geist.A143 Der Geist der Pflanze ist jene Kraft des Wachstums, die durch den Einfluss anderer erschaffener Dinge im Samenkorn entsteht. Der Geist des Tieres ist jene allumfassende Kraft der Sinne, die durch die Zusammensetzung und Verbindung der Elemente entsteht. Wenn diese Zusammensetzung zerfällt, vergeht auch der Geist und hört auf zu existieren. Er kann mit dieser Lampe verglichen werden: Wenn Öl, Docht und Flamme zusammengebracht und miteinander verbunden werden, leuchtet sie; und wenn sich diese Verbindung löst, das heißt, wenn die Bestandteile voneinander getrennt werden, erlischt auch die Lampe. Der Geist des Menschen, der Mensch und Tier unterscheidet, ist die vernunftbegabte Seele, und diese beiden Begriffe – der Geist des Menschen und die vernunftbegabte Seele – bezeichnen ein und dasselbe. Dieser Geist, der in der Terminologie der Philosophen die vernunftbegabte Seele genannt wird, umfasst alle Dinge, entdeckt – soweit es menschliche Fähigkeiten ermöglichen – deren Wirklichkeit, und wird sich der Eigenschaften und Wirkungen, der Merkmale und Zustände irdischer Dinge bewusst. Aber der Geist des Menschen kann mit den göttlichen Geheimnissen und himmlischen Wirklichkeiten nicht vertraut werden, es sei denn, er wird vom Geist des Glaubens unterstützt. Er ist wie ein Spiegel, der zwar klar, glänzend und poliert ist, aber dennoch des Lichtes bedarf. Erst wenn ein Sonnenstrahl auf ihn fällt, kann er die göttlichen Geheimnisse entdecken. Was den Verstand betrifft: Er ist die Kraft des menschlichen Geistes. Der Geist ist wie die Lampe, und der Verstand ist wie ihr strahlendes Licht. Der Geist ist wie der Baum, der Verstand wie die Frucht. Der Verstand ist die Vollendung des Geistes und ein wesentliches Attribut desselben, so wie die Sonnenstrahlen ein Wesensmerkmal der Sonne sind. Diese Erklärung ist zwar kurz, aber vollständig. Denke darüber nach und du wirst, so Gott will, die Feinheiten darin erfassen.
Kapitel 56
Die äußeren und inneren Kräfte des Menschen
Es gibt fünf nach außen gerichtete physische Kräfte im Menschen, die der Wahrnehmung dienen, das heißt fünf Kräfte, durch die der Mensch das materielle Umfeld wahrnimmt. Das Sehvermögen sieht äußere Formen; das Hörvermögen nimmt Klänge wahr; der Geruchssinn nimmt Gerüche wahr; der Geschmackssinn nimmt essbare Dinge wahr; und der Tastsinn, der auf den ganzen Körper verteilt ist, nimmt Tastbares wahr. Diese fünf Kräfte nehmen äußere Objekte wahr. Der Mensch hat zudem einige geistige Kräfte: die Vorstellungskraft, die ein geistiges Bild von etwas schafft; das Denkvermögen, das über die Wirklichkeit der Dinge nachsinnt; das Verstehen, das diese Wirklichkeit begreift; und das Gedächtnis, das behält, was der Mensch sich vorgestellt, gedacht und verstanden hat. Zwischen diesen fünf nach außen gerichteten Kräften und den inneren Kräften gibt es einen Gemeinsinn, einen vermittelnden Sinn, der den inneren Kräften alles weitergibt, was die nach außen gerichteten Kräfte wahrgenommen haben. Er wird als Gemeinsinn bezeichnet, da er sowohl den nach außen gerichteten als auch den inneren Kräften zugerechnet wird. Die Sehkraft, eine der nach außen gerichteten Kräfte, sieht zum Beispiel diese Blume, nimmt sie wahr und übermittelt diese Wahrnehmung der inneren Kraft des Gemeinsinns; der Gemeinsinn überträgt sie an die Vorstellungskraft, die dieses Bild wiederum empfängt, formt und es an die Kraft des Denkens überträgt; die Kraft des Denkens sinnt darüber nach und gibt es, nachdem sie dessen Wirklichkeit erfasst hat, an die Kraft des Verstehens weiter; und sobald diese Kraft es verstanden hat, übergibt sie das Bild des wahrnehmbaren Objekts dem Gedächtnis, das es in Erinnerung bewahrt. Es gibt fünf äußere Kräfte: das Sehvermögen, das Hörvermögen, den Geschmackssinn, den Geruchssinn und den Tastsinn. Und es gibt auch fünf innere Kräfte: den Gemeinsinn, die Vorstellungskraft, das Denkvermögen, das Verstehen und das Gedächtnis.
Kapitel 57
Charakterunterschiede unter den Menschen
Frage: Wie viele verschiedene Charaktertypen gibt es und woher rühren ihre Unterschiede und ihre Vielfalt? Antwort: Es gibt den angeborenen Charakter, den ererbten Charakter und den erworbenen Charakter, der sich durch Erziehung bildet. Was den angeborenen Charakter betrifft: Obwohl die von Gott verliehene angeborene Natur vollkommen gut ist, so unterscheidet sich dieser Charakter doch durch den Grad, in dem ein Mensch ihn besitzt: Alle Abstufungen sind gut, aber einige sind besser als andere. So besitzt jeder Mensch Intelligenz und Fähigkeiten, aber Intelligenz, Fähigkeiten und Begabung unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Das ist offensichtlich. Nehmen wir zum Beispiel einige Kinder aus demselben Ort und derselben Familie, die dieselbe Schule besuchen und vom selben Lehrer unterrichtet werden, mit der gleichen Nahrung und im selben Klima aufwachsen, die gleiche Kleidung tragen und denselben Unterricht erhalten: Gewiss werden sich einige dieser Kinder in Kunst und Wissenschaft qualifizieren, einige werden durchschnittlich begabt sein und andere werden dumm bleiben. Es ist daher klar, dass es in der angeborenen Natur des Menschen unterschiedliche Abstufungen, Begabungen und Fähigkeiten gibt, aber es ist keine Angelegenheit von Gut oder Böse – es geht lediglich um einen unterschiedlichen Grad. Einer nimmt den höchsten Rang ein, ein weiterer den mittleren und noch ein anderer den niedrigsten. In gleicher Weise existiert der Mensch, das Tier, die Pflanze und das Mineral, aber die Existenz dieser vier Lebensformen ist unterschiedlich. Welch ein Unterschied besteht zwischen der Existenz des Menschen und der des Tieres! Doch sie alle existieren, und es ist offensichtlich, dass es im Dasein Rangunterschiede gibt. Was die Unterschiede im ererbten Charakter betrifft, so ergeben sie sich aus Stärke und Schwäche der Konstitution des Menschen, das heißt, wenn die Eltern eine schwache Konstitution haben, werden auch die Kinder so sein, und wenn sie stark sind, werden auch die Kinder robust sein. Darüber hinaus übt die Vortrefflichkeit der Abstammungslinie großen Einfluss aus; denn ein guter Samen ist so wie der hochwertige Grundstock, der ebenso im Pflanzen- und Tierreich existiert. Zum Beispiel siehst du, dass Kinder von schwachen und kränklichen Eltern von Natur aus eine schwache Konstitution und schwache Nerven haben, es fehlt ihnen an Geduld, Ausdauer, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen, sie sind impulsiv, denn sie haben die Schwäche und Anfälligkeit ihrer Eltern geerbt. Abgesehen davon wurden bestimmte Familien und Abstammungslinien für einen besonderen Segen erwählt. So erhielten die Nachkommen Abrahams den besonderen Segen, dass alle Propheten des Hauses Israel von ihnen abstammten. Dies ist ein Segen, den Gott dieser Abstammungslinie verliehen hat. Mose durch Seinen Vater und Seine Mutter; Christus durch Seine Mutter; Muḥammad, der Báb und alle Propheten und Heiligen Israels gehören zu dieser Abstammungslinie. Auch Bahá’u’lláh ist ein Nachfahre Abrahams, denn Abraham hatte neben Ismael und Isaak noch weitere Söhne, die damals nach Persien und Afghanistan auswanderten, und die Gesegnete Schönheit ist einer ihrer Nachkommen. Das zeigt deutlich, dass es auch ererbten Charakter gibt und zwar in einem Ausmaß, dass jemand, dessen Charakter nicht mit dem der eigenen Vorfahren übereinstimmt, im geistigen Sinne nicht zu dieser Abstammungslinie gezählt wird, selbst wenn er körperlich diesem Geschlecht entstammte. Dies ist der Fall bei Kanaan, der nicht zu den Nachkommen Noahs gerechnet wird.A144 Was die Charakterunterschiede betrifft, die von der Erziehung und Bildung herrühren, so sind sie in der Tat groß, denn Erziehung und Bildung üben einen enormen Einfluss aus. Durch Erziehung und Bildung wird der Unwissende gelehrt, der Feige mutig, der krumme Ast wird gerade, die scharfe und bittere Frucht der Berge und Wälder wird köstlich und süß, und eine Blume mit fünf Blütenblättern bringt hundert Blütenblätter hervor. Durch Erziehung werden barbarische Völker zivilisiert und selbst Tiere nehmen menschenähnliche Verhaltensweisen an. Der Erziehung und Bildung muss die größte Bedeutung beigemessen werden; denn so wie Krankheiten in der körperlichen Welt leicht übertragbar sind, so sind auch Charakterzüge im Bereich von Herz und Geist leicht übertragbar. Die Unterschiede, die durch Erziehung und Bildung geschaffen werden, sind gewaltig und haben einen überragenden Einfluss. Nun mag jemand sagen, solange Fähigkeiten und Begabungen von Menschen unterschiedlich sind, wie kann man den Bösen einen Vorwurf machen, da der Unterschied doch auf ihren Fähigkeiten beruht.A145 Aber das ist nicht der Fall, denn Fähigkeiten sind von zweierlei Art: angeboren und erworben. Die angeborenen Fähigkeiten, die Gott erschaffen hat, sind ganz und gar gut – in der angeborenen Natur gibt es nichts Böses. Die erworbenen Fähigkeiten können jedoch zur Ursache des Bösen werden. Zum Beispiel hat Gott alle Menschen in einer solchen Weise mit solchen Fähigkeiten und Veranlagungen erschaffen, dass ihnen Zucker und Honig guttun, sie aber durch Gift geschädigt oder getötet werden. Dies ist eine angeborene Fähigkeit und Veranlagung, die Gott allen Menschen gleichermaßen verliehen hat. Aber der Mensch kann anfangen nach und nach Gift zu sich zu nehmen, indem er jeden Tag eine kleine Menge einnimmt und sie allmählich steigert, bis er so weit kommt, dass er ohne den täglichen Konsum von mehreren Gramm Opium zugrunde gehen würde und seine angeborenen Fähigkeiten vollständig untergraben sind. Schau, wie angeborene Fähigkeiten und Veranlagungen durch eine veränderte Gewohnheit und Erziehung so vollständig umgewandelt werden können, dass sie ins Gegenteil verkehrt werden. Es ist nicht ihre angeborene Fähigkeit und Veranlagung, die man den Frevlern vorwirft, sondern das, was sie selbst aus sich gemacht haben. In der Natur der Dinge liegt nichts Böses – alles ist gut. Dies gilt auch für bestimmte tadelnswerte Eigenschaften und Anlagen, die manchen Menschen innezuwohnen scheinen, die aber in Wirklichkeit nicht verwerflich sind. Zum Beispiel kannst du bei einem Säugling vom Beginn seines Lebens an Zeichen von Gier, Zorn und Wut sehen; und so könnte man argumentieren, dass Gut und Böse in der Wirklichkeit des Menschen angeboren sind, und dass dies im Widerspruch zur reinen Güte der Schöpfung und der angeborenen Natur steht. Die Antwort ist, dass Gier, also das Verlangen nach immer mehr, eine lobenswerte Eigenschaft ist, vorausgesetzt, sie zeigt sich unter den richtigen Umständen. Sollte also eine Person Gier zeigen, wenn es um den Erwerb von Wissenschaften und Erkenntnis geht, oder wenn sie Mitgefühl, Aufgeschlossenheit und Gerechtigkeit übt, wäre dies höchst lobenswert. Und sollte er seine Wut und seinen Zorn gegen blutrünstige Tyrannen richten, die wilden Tiere gleichen, wäre auch das höchst lobenswert. Sollte er diese Eigenschaften aber unter anderen Bedingungen zeigen, wäre es tadelnswert. Daraus folgt also, dass es im Dasein und in der Schöpfung nichts Böses gibt, dass es aber wohl zu tadeln ist, wenn die angeborenen Eigenschaften des Menschen in unrechtmäßiger Weise genutzt werden. Wenn also ein wohlhabender und großzügiger Mensch einem armen Mann Almosen zur Deckung seiner Bedürfnisse spendet, und wenn dieser dann die Summe in unangemessener Weise ausgibt, so ist dies tadelnswert. Das Gleiche gilt für alle angeborenen Eigenschaften des Menschen, die den Reichtum des menschlichen Lebens ausmachen: Wenn sie sich in unrechter Weise zeigen und eingesetzt werden, sind sie tadelnswert. Es ist also klar, dass die angeborene Natur uneingeschränkt gut ist. Bedenke, dass der schlimmste Charakterzug, die abscheulichste Eigenschaft und die Grundlage allen Übels die Lüge ist und man sich im gesamten Dasein keine schlimmere oder verwerflichere Eigenschaft vorstellen kann. Sie macht jegliche menschliche Vollkommenheit zunichte und führt zu zahllosen Lastern. Es gibt keine schlechtere Eigenschaft als diese, und sie ist die Grundlage aller Verderbtheit. Trotz alledem sollte ein Arzt einen Patienten trösten und sagen: »Gott sei Dank, es geht dir besser und es gibt Hoffnung auf deine Genesung«, auch wenn diese Worte der Wahrheit widersprechen mögen, aber manchmal werden sie das Gemüt des Patienten beruhigen und zum Mittel werden, die Krankheit zu heilen. Und das ist nicht zu tadeln. Diese Frage wurde nun eindeutig geklärt.
Kapitel 58
Ausmaß und Grenzen menschlichen Begreifens
Frage: Wie weit reicht das menschliche Begreifen und wo liegen seine Grenzen? Antwort: Wisse, dass das Begriffsvermögen variiert. Seine niedrigste Stufe bilden die Sinnesfunktionen des Tierreichs, das heißt die natürlichen Empfindungen, die sich aus den Kräften der nach außen gerichteten Sinne ergeben. Dieses Begriffsvermögen haben Menschen und Tiere gemein, und tatsächlich übertreffen manche Tiere in dieser Hinsicht den Menschen. In der Menschenwelt variiert das Begriffsvermögen jedoch entsprechend dem unterschiedlichen Niveau, auf dem der Mensch sich befindet. Den höchsten Grad an Begriffsvermögen in der Welt der Natur besitzt die vernunftbegabte Seele. Diese Kraft und dieses Begriffsvermögen haben alle Menschen gemein, ob sie nun achtlos oder aufmerksam sind, ob sie vom Weg abgekommen oder treu sind. In der Schöpfung Gottes umfasst die vernunftbegabte Seele des Menschen alle anderen erschaffenen Dinge und zeichnet sich ihnen gegenüber aus: Da sie edler und vornehmer ist, umfasst sie alle. Durch die Kraft der vernunftbegabten Seele kann der Mensch die Wirklichkeit der Dinge entdecken, ihre Merkmale begreifen und die Geheimnisse des Daseins durchdringen. Alle Wissenschaften, Wissensgebiete, Künste, Erfindungen, Einrichtungen, Unternehmungen und Entdeckungen entspringen dem Begriffsvermögen der vernunftbegabten Seele. Einst handelte es sich um undurchdringliche Geheimnisse, verborgene Mysterien und unbekannte Wirklichkeiten, doch die vernunftbegabte Seele entdeckte sie nach und nach und brachte sie aus dem Unsichtbaren in das Reich des Sichtbaren. Dies ist die höchste Kraft des Begreifens in der Welt der Natur; und die äußerste Grenze, zu der es sich aufzuschwingen vermag, ist das Erfassen der Wirklichkeiten, Zeichen und Eigenschaften des Bedingten. Aber der umfassende göttliche Verstand, der die Natur transzendiert, ist die überströmende Gnade der präexistenten Macht. Er umfasst alle existierenden Wirklichkeiten und empfängt seinen Anteil am Licht und an den Geheimnissen Gottes. Er ist eine allwissende Kraft, keine Kraft des Erforschens oder der Sinneswahrnehmung. Die geistige Kraft in der Welt der Natur ist die Kraft des Forschens, und durch das Erforschen entdeckt sie die Wirklichkeit und die Eigenschaften der Dinge. Aber die über die Natur hinausgehende himmlische Verstandeskraft umfasst, kennt und begreift alle Dinge; sie ist sich der göttlichen Geheimnisse, Wahrheiten und inneren Bedeutungen bewusst und entdeckt die verborgenen Wahrheiten des Königreichs. Diese göttliche Verstandeskraft ist auf die heiligen Manifestationen und die Aufgangsorte des Prophetentums beschränkt. Ein Strahl dieses Lichts fällt auf die Spiegel der Herzen der Rechtschaffenen, damit sie durch die heiligen Manifestationen einen Anteil und Nutzen aus dieser Kraft empfangen. Für die heiligen Manifestationen gibt es drei Seinsebenen: die Ebene des Körpers, die Ebene der vernunftbegabten Seele und die Ebene, auf der sich der göttliche Glanz vollkommen manifestiert. Ihre Körper nehmen Dinge nur im Rahmen der Fähigkeit der materiellen Welt wahr, und so kommt es, dass sie zu bestimmten Zeiten körperliche Schwäche zeigten. Zum Beispiel: »Ich schlief auf Meinem Lager, siehe, da wehte der Windhauch Meines Herrn, des Allbarmherzigen, über Mich, erweckte Mich aus Meinem Schlummer und befahl Mir, Meine Stimme zu erheben«A146; oder als Christus in Seinem dreißigsten Lebensjahr getauft wurde und auf Ihn der Heilige Geist herabkam, der sich zuvor nicht in Ihm offenbart hatte. All dies bezieht sich auf die körperliche Ebene der Manifestationen, aber ihre himmlische Ebene umfasst alle Dinge und Sie sind sich aller Geheimnisse bewusst, wissen um alle Zeichen und herrschen über alle Dinge. Und das gilt sowohl vor dem ersten Anzeichen Ihrer Sendung als auch danach in gleicher Weise. Deshalb sagte Christus: »Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte«A147 – das heißt, es gab nie und wird niemals einen Wechsel oder Wandel in Mir geben.
Kapitel 59
Was der Mensch von Gott begreifen kann
Frage: In welchem Ausmaß kann die menschliche Wahrnehmung Gott begreifen? Antwort: Dieses Thema benötigt Zeit und es bei Tisch zu erklären, wird schwierig sein. Dennoch soll es kurz erläutert werden. Wisse, dass es zwei Arten von Wissen gibt: das Wissen um das Wesen von etwas und das Wissen um dessen Eigenschaften. Das Wesen von etwas lässt sich nur durch seine Eigenschaften erkennen; darüber hinaus ist sein Wesen unbekannt und unergründlich. Da sogar unser Wissen um die erschaffenen und begrenzten Dinge nur ihre Eigenschaften und nicht ihr Wesen berührt, wie sollte es dann möglich sein, das Wesen der unumschränkten Wirklichkeit des Göttlichen zu begreifen? Denn das innerste Wesen von etwas kann niemals erkannt werden, nur seine Eigenschaften. Zum Beispiel ist die innere Wirklichkeit der Sonne unbekannt, aber sie wird durch ihre Eigenschaften – Hitze und Licht – verstanden. Das innere Wesen des Menschen ist unbekannt und unergründet, aber es wird durch seine Eigenschaften charakterisiert und erkannt. So wird alles durch seine Eigenschaften und nicht durch sein Wesen erkannt: Auch wenn der menschliche Verstand alles umfasst und alle äußeren Dinge begreift, so sind sie doch in ihrem Wesen unbekannt und können nur in ihren Eigenschaften erkannt werden. Wie kann dann der Herr, der immer war und immer sein wird, der über alles Begreifen und über jede Vorstellung geheiligt ist, in Seinem Wesen erkannt werden? Wenn also alles Erschaffene nur durch seine Eigenschaften und nicht durch sein Wesen erkannt werden kann, bleibt auch die Wirklichkeit des Göttlichen im Wesen unbekannt und wird nur hinsichtlich ihrer Eigenschaften erkannt. Wie kann darüber hinaus eine Wirklichkeit, die erschaffen wurde, jene Wirklichkeit umfassen, die schon seit aller Ewigkeit existiert? Denn Begreifen ist das Ergebnis des Umfassens – Letzteres muss geschehen, damit Ersteres eintritt –, das göttliche Wesen hingegen ist allumfassend und kann niemals umfasst werden. Überdies verhindern Stufenunterschiede in der Welt der Schöpfung die Erkenntnis. Weil zum Beispiel dieses Mineral zum Mineralreich gehört, kann es, soweit es auch emporsteigen mag, niemals die Wachstumskraft begreifen. Pflanzen und Bäume, wie weit sie sich auch entwickeln mögen, können sich weder die Sehkraft noch die übrigen Sinneskräfte vorstellen. Das Tier kann sich die Stufe des Menschen, das heißt seine Geisteskräfte, nicht vorstellen. So verhindern Stufenunterschiede die Erkenntnis: Die niedrigere Stufe kann die höhere nicht erfassen. Wie sollte dann eine erschaffene Wirklichkeit jene Wirklichkeit begreifen können, die seit aller Ewigkeit existiert? Gott zu erkennen bedeutet daher, Seine Attribute, nicht aber Sein Wesen zu begreifen und zu erkennen. Und selbst diese Erkenntnis Seiner Attribute bleibt völlig unzulänglich und reicht nur so weit, wie es menschliche Möglichkeiten und Fähigkeiten zulassen. In der Philosophie geht es darum, die innere Wirklichkeit von Dingen soweit zu erfassen, wie es dem Menschen möglich ist. Für die erschaffene Wirklichkeit gibt es keinen anderen Weg, als die präexistenten Attribute innerhalb der Grenzen menschlicher Fassungskraft zu begreifen. Das unsichtbare Reich des Göttlichen ist geheiligt und erhaben über das Begreifen aller Wesen, und alles, was man sich vorstellen kann, entspricht nur dem menschlichen Verständnis. Die Kraft menschlichen Verstehens umfasst nicht die Wirklichkeit des göttlichen Wesens: Alles, was der Mensch je erreichen kann, ist die Attribute des Göttlichen zu erfassen, deren Licht sich in der Welt und in den Seelen glänzend manifestiert. Bei genauer Betrachtung der Welt und der Seele des Menschen erscheinen die deutlichen Zeichen der Vollkommenheit des Göttlichen klar und offenbar, denn die Wirklichkeit aller Dinge zeugt von der Existenz einer allumfassenden Wirklichkeit. Die Wirklichkeit des Göttlichen gleicht der Sonne, die von ihren geheiligten Höhen auf alle Lande scheint und von deren Strahlen jedes Land und jede Seele einen Anteil erhält. Ohne dieses Licht und dieses Strahlen könnte nichts existieren. Alles Erschaffene kündet von diesem Licht, bekommt seinen Anteil an den Strahlen, aber die ganze Pracht der Vollkommenheit, der Gnadengaben und der Attribute des Göttlichen erstrahlt aus der Wirklichkeit des Vollkommenen Menschen, jener einzigartigen Person, die die allumfassende Manifestation Gottes ist. Denn alle anderen Wesen haben jeder für sich nur einen Teil jenes Lichtes empfangen, die allumfassende Manifestation Gottes hingegen ist der Spiegel, der vor diese Sonne gehalten wird und Letztere zeigt sich darin mit all ihrer Vollkommenheit, mit all ihren Eigenschaften, Zeichen und Wirkungen. Die Erkenntnis der Wirklichkeit des Göttlichen ist in keiner Weise möglich, die Erkenntnis der Manifestationen Gottes hingegen ist die Erkenntnis Gottes, denn die Gnadengaben, der Strahlenglanz und die Eigenschaften Gottes sind in Ihnen offenbar. Wer also zur Erkenntnis der Manifestationen Gottes gelangt, gelangt zur Erkenntnis Gottes, und wer achtlos bleibt, beraubt sich dieser Erkenntnis. Somit steht fest, dass die Heiligen Manifestationen himmlische Gaben, Zeichen und jegliche Vollkommenheit in sich vereinigen. Gesegnet sind, die das Licht göttlicher Gnadengaben von diesen leuchtenden Sonnenaufgängen empfangen! Wir hegen die Hoffnung, dass die Geliebten Gottes wie eine magnetische Kraft diese Gaben direkt aus ihrer Quelle schöpfen und sich so strahlend erheben und einen solchen Einfluss üben, dass sie zu unübersehbaren Zeichen der Sonne der Wahrheit werden.
Kapitel 60
Die Unsterblichkeit des Geistes (1)
Nachdem die Existenz des menschlichen GeistesA148 feststeht, sollten wir nun seine Unsterblichkeit nachweisen. In den himmlischen Büchern wird die Unsterblichkeit des Geistes erwähnt, die wahre Grundlage göttlicher Religionen. Denn es wird gesagt, dass es zwei Arten von Lohn und Strafe gebe – zum einen Lohn und Strafe im Dasein und zum anderen Lohn und Strafe in der nächsten Welt. Das Paradies und die Hölle des Daseins ist in allen Welten Gottes zu finden, ob in dieser Welt oder in den himmlischen Welten des Geistes, und den Lohn zu bekommen bedeutet das ewige Leben zu erlangen. Deshalb sagte Christus: Handelt so, dass ihr ewiges Leben erlangt, aus Wasser und Geist geboren werdet und so in das Königreich eintretet.A149 Den Lohn des Daseins bilden Tugenden und Vollkommenheit, die Zierde der menschlichen Wirklichkeit. Zum Beispiel war der Mensch in Dunkelheit gehüllt und wird erleuchtet; er war unwissend und erlangt Wissen; er war achtlos und wird achtsam; er schlief und ist erwacht; er war tot und ist zum Leben erweckt; er war blind und wird sehend; er war taub und wird hörend; er war irdisch und wird himmlisch; er war materialistisch und wird geistig. Durch diesen Lohn wird er im Geist wiedergeboren, wird neu erschaffen und er wird zur Manifestation des Verses im Evangelium, in dem es heißt, dass die Apostel »nicht aus Blut, aus Fleisch oder aus dem Willen des Menschen geboren wurden, sondern aus Gott«A150 – das bedeutet, sie wurden befreit von den tierischen Eigenschaften und Merkmalen, die der menschlichen Natur innewohnen, und erlangten himmlische Eigenschaften, die der Gnade Gottes entströmen. Dies ist die wahre Bedeutung der Wiedergeburt. Für solche Seelen gibt es keine größere Qual, als wie durch Schleier von Gott getrennt zu sein, und keine schmerzlichere Strafe als selbstsüchtige und böse Eigenschaften, niedrige Gesinnung und Verstrickung in fleischliche Begierden. Wenn diese Seelen durch das Licht des Glaubens aus der Dunkelheit dieser Laster befreit werden, wenn sie durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet und mit jeder menschlichen Tugend begabt sind, betrachten sie dies als höchsten Lohn und als das wahre Paradies. In gleicher Weise betrachten sie es als geistige Strafe, das heißt existenzielle Qual und Pein, sollten sie der Welt der Natur unterworfen sein; wie durch Schleier von Gott getrennt; unwissend und unachtsam; ungezügelten Begierden verhaftet; ganz in tierischen Lastern aufgehend; von bösen Eigenschaften wie Tyrannei und Ungerechtigkeit gekennzeichnet; weltlichen Dingen verhaftet und in satanische Vorstellungen eingetaucht – all dies schätzen sie als die größte aller Qualen und Strafen ein. Der höchste Lohn, das ewige Leben, ist in allen heiligen Schriften ausdrücklich verzeichnet. Er ist himmlische Vollkommenheit, ewige Gnade und immerwährende Freude. Der höchste Lohn sind die Gaben und die Vollkommenheit, die der Mensch in den geistigen Welten erlangt, nachdem er diese Welt verlassen hat. Der Lohn im Diesseits indessen sind jene wahren und strahlenden vollkommenen Eigenschaften, die noch zu Lebzeiten erlangt werden und die Ursache ewigen Lebens sind. Denn der Lohn im Diesseits bestehen im Fortschritt des Daseins selbst – vergleichbar mit dem Fortschritt des Menschen von der Stufe des Embryos zur Reife, wenn er zur Verkörperung des Verses wird: »Gepriesen sei der Herr, der vortrefflichste aller Schöpfer!«A151 Der höchste Lohn sind geistige Gnaden und Gunstbezeigungen, wie die vielfältigen Gaben für die Seele nach ihrem Aufstieg ins Königreich Gottes, die Erfüllung der Herzenssehnsucht und die Wiedervereinigung mit Ihm im ewigen Reich. In gleicher Weise besteht Vergeltung und Strafe in der nächsten Welt darin, der besonderen Gunstbezeigungen und unerschöpflichen Gaben Gottes beraubt zu sein und auf die niedrigsten Stufen des Daseins herabzusinken. Und wer dieser Gnadengaben beraubt ist, gilt in den Augen des Volkes der Wahrheit als tot, auch wenn er nach dem Tode weiter existiert. Ein Vernunftbeweis für die Unsterblichkeit des Geistes ist, dass etwas nicht Existentes keine Wirkung hervorbringen kann; das heißt es ist unmöglich, dass aus dem absoluten Nichts irgendeine Wirkung hervorgeht. Denn die Wirkung einer Sache ist seiner Existenz untergeordnet; und das Untergeordnete hängt von der Existenz des Übergeordneten ab. So können von einer nicht existenten Sonne keine Strahlen ausgehen; auf einem nicht existenten Meer können keine Wellen wogen; aus einer nicht existenten Wolke kann kein Regen fallen; ein nicht existenter Baum kann keine Frucht tragen; ein nicht existenter Mensch kann nichts hervorbringen. Solange also die Wirkungen der Existenz sichtbar sind, beweisen sie, dass der Urheber dieser Wirkung existiert. Sieh, wie die Herrschaft Christi bis zum heutigen Tage besteht. Wie kann eine so bedeutende Herrschaft von einem nicht existenten Herrscher herrühren? Wie können sich hohe Wogen aus einem nicht existenten Meer erheben? Wie können solch himmlische Brisen aus einem nicht existenten Garten herüberwehen? Bedenke: Zerfällt etwas in seine Bestandteile und löst sich die Zusammensetzung seiner Elemente auf – seien es Mineralien, Pflanzen oder Tiere –, so verschwindet jede Wirkung, jeder Einfluss und jede Spur davon. Das ist jedoch ganz anders mit dem menschlichen Geist und der menschlichen Wirklichkeit, die weiterhin ihre Zeichen offenbaren, Einfluss üben und Wirkung zeigen – auch nach der Auflösung und Zersetzung der verschiedenen Teile und Glieder des Körpers. Diese Frage ist sehr tiefgründig: Denke sorgfältig darüber nach. Dies ist ein rationaler Beweis, wir bringen ihn vor, damit rational denkende Menschen ihn auf der Waage der Vernunft und Unparteilichkeit prüfen können. Wenn aber der Geist des Menschen von Freude erfüllt und zum Königreich hingezogen ist, wenn sich das innere Auge öffnet, das geistige Ohr sich einstimmt und wenn geistige Empfindungen vorherrschen, dann wird die Unsterblichkeit des Geistes so deutlich erkennbar sein wie die Sonne und die himmlischen Botschaften und Andeutungen werden diesen Geist erfüllen. Morgen werden wir weitere Beweise anführen.
Kapitel 61
Die Unsterblichkeit des Geistes (2)
Gestern haben wir über die Unsterblichkeit des Geistes gesprochen. Wisse, dass es für den menschlichen Geist zwei Wege gibt, wahrzunehmen und Einfluss zu üben; das heißt, der menschliche Geist kann auf zweierlei Art wirken und verstehen. Eine Art nutzt die Mittel und Organe des Körpers. So sieht er mit dem Auge, hört mit dem Ohr und spricht mit der Zunge. Dies sind Wirkungen des Geistes und Vorgänge in der menschlichen Wirklichkeit, aber sie erfolgen durch körperliche Mittel. So ist es der Geist, der sieht, aber mit Hilfe des Auges; es ist der Geist, der hört, aber durch das Ohr; es ist der Geist, der spricht, aber mittels der Zunge. Die andere Art, wie der Geist wirkt und Einfluss übt, erfolgt ohne diese körperlichen Mittel und Organe. Zum Beispiel sieht er im Schlaf ohne Augen, hört ohne Ohren, spricht ohne Zunge, läuft ohne Füße – kurz gesagt, alle diese Kräfte wirken ohne körperliche Mittel und Organe. Wie oft kommt es vor, dass der Geist in der Welt des Schlafes einen Traum hat, dessen Inhalt zwei Jahre später genau eintritt! Und wie oft kommt es vor, dass der Geist in der Traumwelt ein Problem löst, das er im wachen Zustand nicht lösen konnte. Im Wachzustand sieht das Auge nur über eine kurze Entfernung, aber in der Traumwelt kann jemand, der sich im Osten befindet, den Westen sehen. Im Wachzustand sieht er nur die Gegenwart; im Schlaf nimmt er die Zukunft wahr. Im Wachzustand reist er nicht schneller als 120 Kilometer pro Stunde; im Schlaf durchquert er in einem Augenblick den Osten und den Westen. Denn der Geist hat zwei Möglichkeiten zu reisen: ohne Hilfsmittel als geistige Reise und mit Hilfsmitteln als körperliche Reise – so wie wenn ein Vogel fliegt oder in einem Fahrzeug transportiert wird. Im Schlaf ist dieser physische Körper gleichsam tot. Er sieht nicht, hört nicht, fühlt nicht und hat weder Bewusstsein noch Wahrnehmung – seine Kräfte sind aufgehoben. Aber der Geist ist nicht nur lebendig und beständig, sondern er übt auch einen größeren Einfluss aus, erhebt sich in erhabenere Höhen und besitzt ein tieferes Verständnis. Anzunehmen, dass der Geist beim Tod des Körpers zugrunde ginge, ist wie die Vorstellung, dass ein in einem Käfig eingesperrter Vogel umkäme, wenn der Käfig zerbräche, obwohl der Vogel vom Zerbrechen des Käfigs nichts zu befürchten hat. Dieser Körper ist dem Käfig und der Geist dem Vogel vergleichbar. Wir beobachten, dass der Vogel ohne seinen Käfig frei durch die Welt des Schlafes fliegt. Sollte der Käfig zerbrochen werden, würde der Vogel nicht nur weiterleben, sondern seine Sinne würden geschärft, seine Wahrnehmung würde erweitert und seine Freude würde intensiver werden. In der Tat würde er einen qualvollen Ort verlassen um in ein herrliches Paradies einzutreten; denn für die dankbaren Vögel gibt es kein größeres Paradies als von ihrem Käfig befreit zu sein. Und so kommt es, dass die Märtyrer das Feld des Opfers frohlockend und in höchster Freude betreten. Im Wachzustand sieht das Auge des Menschen höchstens bis zu einer Entfernung von einer Wegstunde, denn der Einfluss des Geistes reicht mit körperlichen Mitteln nur so weit; aber mit dem Auge des Verstandes und der Vorstellungskraft sieht er Amerika, versteht dieses Land, erfährt von seinem Zustand und ordnet die Dinge dementsprechend. Wäre der Geist mit dem Körper identisch, so könnte seine Sehkraft nicht weiter reichen. Somit liegt auf der Hand, dass der Geist vom Körper verschieden ist, dass der Vogel vom Käfig verschieden ist und dass Kraft und Einfluss des Geistes ohne die Vermittlung des Körpers ausgeprägter sind. Wenn nun das Mittel nicht mehr gebraucht wird, bleibt sein Anwender weiter bestehen. Wenn der Stift beispielsweise nicht benutzt wird oder zerbrochen ist, bleibt der Schriftsteller dennoch gesund und lebendig; und wenn ein Haus zerstört wird, lebt sein Besitzer weiter. Dies ist einer der Vernunftbeweise für die Unsterblichkeit der Seele. Ein weiterer Beweis ist folgender: Der Körper des Menschen kann schwach oder stark, krank oder gesund, müde oder ausgeruht sein; er kann eine Hand oder ein Bein verlieren; seine körperlichen Kräfte können nachlassen; er kann blind, taub, stumm oder bewegungsunfähig werden – kurz gesagt, er kann schwer beeinträchtigt sein. Trotzdem behält der Geist seinen ursprünglichen Zustand und seine geistigen Wahrnehmungen bei und erleidet keine Beeinträchtigung oder Störung. Wenn der Körper jedoch von einer schweren Krankheit oder einem großen Unglück heimgesucht wird, ist er der Segnungen des Geistes beraubt, wie ein Spiegel, der zerbrochen oder mit Staub bedeckt das Licht der Sonne nicht mehr reflektieren und ihre Gaben nicht mehr offenbaren kann. Wir haben bereits erklärt, dass der Geist des Menschen nicht im Körper enthalten ist, denn er ist befreit und geheiligt über Eintritt und Austritt, die zu den Kennzeichen des physischen Körpers gehören. Die Verbindung des Geistes mit dem Körper ist vielmehr wie die der Sonne mit dem Spiegel. Kurz gesagt, der menschliche Geist bleibt immer im selben Zustand. Er erkrankt weder an der Krankheit des Körpers, noch gesundet er durch seine Gesundheit; er wird nicht schwach und unfähig, elend oder niedergeschlagen, gemindert oder eingeschränkt – das bedeutet, er erleidet keinen Schaden und keine Krankheit aufgrund der Gebrechen des Körpers, selbst wenn der Körper verkümmert, wenn Hände, Füße und Zunge abgetrennt wären oder wenn das Seh- und Hörvermögen beeinträchtigt wäre. So ist klar und erwiesen, dass der Geist sich vom Körper unterscheidet und dass seine Unsterblichkeit nicht von der Unsterblichkeit des Körpers abhängt, sondern dass der Geist in der Welt des Körpers die Oberherrschaft hat und seine Kraft und sein Einfluss so deutlich sichtbar sind wie die Freigebigkeit der Sonne in einem Spiegel. Doch wenn der Spiegel mit Staub bedeckt oder zerbrochen ist, bleiben ihm die Sonnenstrahlen vorenthalten.
Kapitel 62
Die grenzenlose Vervollkommnung des Daseins und der Fortschritt der Seele in der nächsten Welt
Wisse, dass die Stufen des Daseins beschränkt sind auf die Stufe des Dienstes, des Prophetentums und des Göttlichen. Aber die Vollkommenheit Gottes und die Vervollkommnung der Schöpfung sind grenzenlos. Wenn du den Sachverhalt sorgfältig untersuchst wirst du feststellen, dass es für das Dasein selbst in seiner rein äußerlichen Form keine Grenze der Vervollkommnung gibt; denn es ist unmöglich etwas Erschaffenes zu finden, das man sich nicht noch vollkommener vorstellen könnte. So wird man im Mineralreich keinen Rubin, im Pflanzenreich keine Rose und im Tierreich keine Nachtigall finden, von denen man sich nicht noch bessere Exemplare vorstellen könnte. Ebenso wie die Gnade Gottes grenzenlos ist, sind auch die Möglichkeiten zur Vervollkommnung des Menschen grenzenlos. Wenn es möglich wäre, dass irgendetwas in seiner Wirklichkeit den Gipfel der Vollkommenheit erreichte, dann würde es von Gott unabhängig werden und die Wirklichkeit des bedingten Seins würde die Stufe der Wirklichkeit des notwendigen Seins erreichen. Aber jedem erschaffenen Ding wurde eine Stufe zugewiesen, die es nicht überschreiten kann. Wer also die Stufe des Dienens einnimmt, kann niemals die Stufe der göttlichen Herrschaft erreichen, wie weit er auch fortschreiten und welche unendliche Vollkommenheit er auch erwerben mag. Dasselbe gilt für alle anderen erschaffenen Dinge. Wie weit ein Mineral auch fortschreiten mag, kann es im Mineralreich doch niemals die Kraft des Wachstums erlangen. Wie weit diese Blume auch fortschreiten mag, kann sich im Pflanzenreich an ihr doch niemals die Kraft der Sinne zeigen. So kann dieses Stück Silber niemals Seh- oder Hörvermögen erlangen; es kann höchstens auf seiner eigenen Stufe fortschreiten und ein vollkommenes Mineral werden, aber es kann weder Wachstums- noch Sinneskraft erlangen und niemals lebendig werden: es kann nur auf seiner eigenen Stufe fortschreiten. Zum Beispiel kann Petrus nicht Christus werden. Er kann allenfalls auf der Stufe der Dienstbarkeit unendliche Vollkommenheit erreichen, denn jede existierende Wirklichkeit ist zum Fortschritt fähig. Da der Geist des Menschen ewig weiterlebt, nachdem er diese ursprüngliche Hülle abgelegt hat, ist er wie alles Erschaffene zweifellos in der Lage, Fortschritte zu machen. Und deshalb kann man für den Fortschritt einer dahingeschiedenen Seele beten, dass ihr vergeben werde und sie die Gunst, die Gaben und die Gnade Gottes empfangen möge. Deshalb wird in den Gebeten Bahá’u’lláhs die Vergebung und Verzeihung Gottes für jene erfleht, die in die nächste Welt aufgestiegen sind. Mehr noch, so wie die Menschen Gott in dieser Welt brauchen, brauchen sie Ihn auch in der nächsten Welt. Die Geschöpfe sind immer bedürftig und Gott ist immer unabhängig von ihnen, ob in dieser oder in der künftigen Welt. Der Reichtum in der nächsten Welt besteht in der Nähe zu Gott. Es ist daher gewiss, dass diejenigen, die der göttlichen Schwelle nahe sind, Fürbitte einlegen dürfen, und dass diese Fürbitte von Gott angenommen wird. Die Fürbitte in der nächsten Welt hat jedoch keine Ähnlichkeit mit der Fürbitte in dieser Welt. Es ist ein völlig anderer Zustand und eine andere Wirklichkeit, die sich nicht in Worte fassen lassen. Sollte sich ein reicher Mann dazu entschließen, einen Teil seines Vermögens nach seinem Tod an die Armen und Bedürftigen zu vererben, wird diese Tat vielleicht göttliche Vergebung und Verzeihung bewirken und zu seinem Fortschritt im Königreich des Allbarmherzigen führen. In gleicher Weise ertragen Eltern für ihre Kinder größte Mühen und Schwierigkeiten, und oft gehen die Eltern in die jenseitige Welt ein, wenn die Kinder herangewachsen sind. Nur selten erfreuen sich Mutter und Vater in dieser Welt des Lohns für all die Mühen und Schwierigkeiten, die sie für ihre Kinder auf sich genommen haben. Die Kinder müssen daher als Dank für diese Mühen und Schwierigkeiten Spenden für wohltätige Zwecke leisten und gute Werke in ihrem Namen vollbringen und um Verzeihung und Vergebung für ihre Seelen bitten. Du solltest daher als Dank für die Liebe und Güte Deines Vaters in seinem Namen freigebig zu den Armen sein und mit äußerster Demut und aus tiefster Seele um Gottes Verzeihung und Vergebung und um Seine unendliche Barmherzigkeit beten.A152 Es ist sogar möglich, dass diejenigen, die in Sünde und Unglauben gestorben sind, verwandelt werden, das heißt, zum Gegenstand göttlicher Vergebung werden. Das geschieht durch die Gnade Gottes und nicht durch Seine Gerechtigkeit, denn es ist Gnade, jemanden zu beschenken, der es nicht verdient hat, und es ist Gerechtigkeit, nach Verdienst zu geben. So wie wir hier die Kraft haben, für diese Seelen zu beten, werden wir auch in der nächsten Welt, der Welt des Königreichs, die gleiche Kraft besitzen. Sind nicht alle Geschöpfe jener Welt von Gott erschaffen? Daher müssen sie auch in jener Welt Fortschritte machen können. Und so wie sie hier durch ernsthaftes Flehen Erleuchtung suchen können, können sie auch dort um Vergebung bitten und durch demütiges Gebet nach Erleuchtung suchen. So wie die Seelen in dieser Welt durch ihr eigenes Bitten und Flehen und durch die Gebete heiliger Seelen voranschreiten können, so können sie auch nach dem Tod durch ihre eigenen Gebete und inständiges Flehen voranschreiten, insbesondere wenn sie Gegenstand der Fürbitte der heiligen Manifestationen werden.
Kapitel 63
Der Fortschritt aller Dinge auf ihrer eigenen Stufe
Wisse, dass nichts, was existiert, in einem Zustand der Ruhe verharrt – das heißt, alle Dinge bleiben in Bewegung. Sie wachsen oder verfallen, kommen entweder vom Nichtsein ins Dasein oder gehen vom Dasein ins Nichtsein. So ist diese Blume, diese Hyazinthe, für eine gewisse Zeit vom Nichtsein ins Dasein getreten und geht jetzt wieder vom Dasein ins Nichtsein. Dies nennt man notwendige oder naturgegebene Bewegung, die nicht von den erschaffenen Dingen getrennt werden kann, denn sie ist ein unverzichtbares Wesensmerkmal, genau wie es ein unverzichtbares Wesensmerkmal des Feuers ist zu brennen. Daher ist erwiesen, dass Bewegung, sei es als Fortschritt oder Rückschritt, für das Dasein unerlässlich ist. Da nun der menschliche Geist nach dem Tod weiterlebt, muss er entweder Fortschritte oder Rückschritte machen, und in der nächsten Welt ist das Fehlen von Fortschritt dasselbe wie Rückschritt. Aber der menschliche Geist verlässt niemals seine eigene Stufe: Er schreitet nur auf seiner Stufe voran. Zum Beispiel werden der Geist und die Wirklichkeit Petri, soweit sie auch voranschreiten mögen, niemals die Stufe der Wirklichkeit Christi erreichen, sondern werden nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen voranschreiten. So siehst du, dass dieses Mineral, wie sehr es sich auch fortentwickeln mag, nur auf seiner eigenen Stufe fortschreitet; du kannst zum Beispiel das Kristall unmöglich in einen Zustand bringen, in dem es Sehkraft erlangt. Oder der Mond: Wie auch immer er sich entwickeln mag, kann er doch niemals zur strahlenden Sonne werden, seine Erdferne und seine Erdnähe werden immer innerhalb der Grenzen seiner eigenen Stufe bleiben. Und wie weit die Apostel fortgeschritten sein mögen, sie können doch nie Christus werden. Es ist wahr, dass Kohle zu einem Diamant werden kann, aber beide stehen auf der Stufe des Minerals und ihre Bestandteile sind gleich.
Kapitel 64
Stufe und Fortschritt des Menschen nach dem Tod
Wenn wir alle Dinge mit einem wachen Auge untersuchen, stellen wir fest, dass sie insgesamt nur drei Kategorien zuzuordnen sind: dem Mineralischen, dem Pflanzlichen, dem Tierischen. So gibt es drei Kategorien von Geschöpfen und jede hat ihre eigenen Spezies. Der Mensch ist die vornehmste Spezies, da er die Vollkommenheit jeder der drei Kategorien in sich vereint – das heißt, er besitzt einen materiellen Körper, die Wachstumskraft und die Sinneskraft. Über die Vollkommenheit des Mineralischen, Pflanzlichen und Tierischen hinaus besitzt er jedoch noch eine besondere Vollkommenheit, die anderen erschaffenen Dingen fehlt, nämlich die Vollkommenheit des Verstandes. Somit ist der Mensch das Edelste von allen Lebewesen. Der Mensch bekleidet den höchsten Rang des Stofflichen und steht am Anfang der Geistigkeit; das heißt, er befindet sich am Ende der Unvollkommenheit und am Anfang der Vollkommenheit. Er befindet sich am Ende der Finsternis und am Anfang des Lichts. Deshalb wird über die Stufe des Menschen gesagt, sie sei das Ende der Nacht und der Anbruch des Tages, was bedeutet, dass er jegliche Unvollkommenheit umfasst und potenziell jede Vollkommenheit besitzt. Er hat sowohl eine tierische als auch eine engelhafte Seite, und die Rolle des Erziehers besteht darin, die menschlichen Seelen so auszubilden, dass die engelhafte Seite die tierische überwinden kann. Wenn also die göttlichen Kräfte, die mit Vollkommenheit identisch sind, die satanischen Kräfte im Menschen, die völliger Unvollkommenheit entsprechen, überwinden, wird er das edelste aller Geschöpfe, im umgekehrten Fall wird er jedoch das schändlichste aller Wesen. Deshalb ist er das Ende der Unvollkommenheit und der Beginn der Vollkommenheit. Man sieht bei keiner anderen Spezies in der Welt des Daseins solche Unterschiede, Gegensätze, Kontraste und Widersprüche wie beim Menschen. So ist es auch der Mensch, auf den das strahlende Licht des Göttlichen fiel, so wie es bei Christus geschah – sieh, wie herrlich und edel der Mensch ist! Zugleich betet er Steine, Bäume und Lehmklumpen an – sieh, wie erbärmlich er ist, dass der Gegenstand seiner Verehrung die niedrigste Daseinsstufe ist, das heißt leblose Steine, Erdklumpen, Berge, Wälder und Bäume! Was kann es für den Menschen Erbärmlicheres geben, als die niedrigste Daseinsstufe anzubeten? Darüber hinaus ist Wissen eine menschliche Eigenschaft, aber auch Unwissenheit; Wahrhaftigkeit ist eine menschliche Eigenschaft, aber auch Lüge; und das Gleiche gilt für Vertrauenswürdigkeit und Verrat, Gerechtigkeit und Tyrannei und so weiter. Kurz gesagt, jede Vollkommenheit und Tugend ist wie jedes Laster eine Eigenschaft des Menschen. Man muss auch die Unterschiede berücksichtigen, die zwischen den Menschen bestehen. Christus hatte die Gestalt eines Menschen ebenso wie Kephas. Mose war ein Mensch und ebenso der Pharao; Abel war ein Mensch und Kain ebenso; Bahá’u’lláh war ein Mensch und YaḥyáA153 ebenso. Deshalb gilt der Mensch als das größte Zeichen Gottes – das heißt, er ist das Buch der Schöpfung – denn alle Geheimnisse des Universums sind in ihm zu finden. Sollte er in die Obhut des wahren Erziehers gelangen und richtig ausgebildet werden, wird er zum Edelstein aller Edelsteine, zum Licht allen Lichtes, zum Inbegriff des Geistes. Er wird zum Mittelpunkt göttlichen Segens, zur Quelle geistiger Attribute, zum Dämmerungsort himmlischen Lichtes und zum Empfänger göttlicher Inspiration. Sollte ihm diese Ausbildung jedoch vorenthalten bleiben, wird er zur Verkörperung satanischer Attribute, zum Inbegriff tierischer Laster und zur Quelle all dessen, was bedrückend und finster ist. Dies ist die Weisheit des Auftretens der Propheten: Die Menschheit zu erziehen, auf dass der Klumpen Kohle zu einem Diamanten werde und der unfruchtbare Baum veredelt werde und Früchte von größter Süße und Zartheit hervorbringe. Und nachdem die edelste Stufe der Menschenwelt erreicht wurde, kann ein weiterer Fortschritt nur im Grad der Vollkommenheit erzielt werden, aber nicht in der Stufe, denn die Stufen sind endlich, aber für die göttliche Vollkommenheit gibt es keine Grenze. Sowohl vor als auch nach dem Ablegen dieser stofflichen Hülle schreitet die menschliche Seele in ihrer Vollkommenheit voran, jedoch nicht in der Stufe. Alles Erschaffene entwickelt sich bis zu seinem Gipfel, dem vollendeten Menschen, und es gibt kein höheres Geschöpf als ihn. Der Mensch kann, nachdem er die menschliche Stufe erreicht hat, nur in der Vollkommenheit voranschreiten, aber nicht in der Stufe, denn es gibt keine höhere Stufe, zu der er gelangen kann, als die eines vollendeten Menschen. Er kann sich nur auf der menschlichen Stufe weiterentwickeln, da die Vervollkommnung des Menschen unendlich ist. So gelehrt ein Mensch auch sein mag, es ist immer möglich, sich einen noch gelehrteren vorzustellen. Weil es nun für die Vollkommenheit des Menschen keine Grenze gibt, kann er auch nach seinem Aufstieg aus dieser Welt Fortschritte in seiner Vervollkommnung machen.
Kapitel 65
Glaube und Taten
Frage: Im Kitáb-i-Aqdas heißt es: »… wer dessen beraubt ist, geht in die Irre, hätte er auch alle gerechten Werke vollbracht.«A154 Was bedeutet dieser Vers? Antwort: Die Bedeutung dieses gesegneten Verses ist, dass es die Grundlage von Erfolg und Erlösung ist, Gott anzuerkennen, und dass gute Taten, die Frucht des Glaubens sind, aus dieser Anerkennung erwachsen. Wenn diese Anerkennung nicht erfolgt, bleibt der Mensch wie durch Schleier von Gott getrennt, und wegen dieses Schleiers erreichen seine guten Werke nicht ihre volle und gewünschte Wirkung. Dieser Vers bedeutet nicht, dass die durch Schleier von Gott Getrennten alle gleich sind, ob sie nun Gutes oder Böses tun. Es bedeutet nur, dass Gott anzuerkennen, die Grundlage ist und gute Taten aus dieser Erkenntnis hervorgehen. Dennoch ist sicher, dass unter denen, die wie durch Schleier von Gott getrennt sind, ein Unterschied besteht zwischen dem, der gute Taten vollbringt, und dem Sünder und Übeltäter. Denn die wie durch Schleier von Gott getrennte Seele, die mit gutem Charakter und Verhalten ausgestattet ist, verdient die Vergebung Gottes. Dem wie durch Schleier von Gott getrennten Sünder, der schlechte Charakterzüge und Verhaltensweisen aufweist, bleiben jedoch die Wohltaten und Gaben Gottes versagt. Hierin liegt der Unterschied. Dieser gesegnete Vers bedeutet daher, dass ohne Gott anzuerkennen, gute Taten allein nicht zu ewiger Erlösung, dauerhaftem Erfolg und Heil und zur Aufnahme in das Reich Gottes führen können.A155
Kapitel 66
Der Fortbestand der vernunftbegabten Seele nach dem körperlichen Tod
Frage: Wodurch wird die vernunftbegabte Seele weiterleben, nachdem sie den Körper abgelegt hat und der Geist emporgestiegen ist? Nehmen wir an, dass die Seelen, die durch die Gnadengaben des Heiligen Geist unterstützt werden, wahres Sein und ewiges Leben erlangen. Aber was wird aus den vernunftbegabten Seelen, die wie durch Schleier von Gott getrennt sind? Antwort: Manche meinen, der Körper sei das Substanzielle und bestehe durch sich selbst, und der Geist sei unwesentlich und bestehe nur durch das Substanzielle des Körpers. Die Wahrheit ist jedoch, dass die vernunftbegabte Seele das Substanzielle ist, durch das der Körper besteht. Wenn das Nicht-Wesentliche – der Körper – zerstört wird, bleibt das Substanzielle – der Geist – übrig. Zweitens besteht die vernunftbegabte Seele, mit anderen Worten der menschliche Geist, nicht dadurch, dass sie dem Körper innewohnt, das heißt, sie tritt nicht in ihn ein; denn Innewohnen und Eintreten sind Merkmale von Körpern. Die vernunftbegabte Seele ist darüber erhaben. Sie ist von Anfang an niemals in den Körper eingetreten, andernfalls wäre eine andere Wohnstatt für sie erforderlich, sobald sie den Körper wieder verlässt. Nein, die Verbindung des Geistes mit dem Körper ist so wie die Verbindung dieser Lampe mit einem Spiegel. Wenn der Spiegel rein und makellos ist, erscheint das Licht der Lampe darin, aber wenn der Spiegel zerbrochen oder mit Staub bedeckt ist, bleibt das Licht verborgen. Die vernunftbegabte Seele – der menschliche Geist – ist von Anfang an nicht in diesen Körper herabgestiegen, noch besteht sie durch ihn, denn sonst wäre sie auch auf etwas Substanzielles angewiesen, nachdem sich die Bestandteile des Körpers aufgelöst haben. Im Gegenteil, die vernunftbegabte Seele ist das Substanzielle, auf das der Körper angewiesen ist. Die vernunftbegabte Seele besitzt von Anfang an ihre Individualität; sie erwirbt sie nicht mittels des Körpers. Was sich höchstens sagen lässt, ist, dass die Individualität und Identität der vernunftbegabten Seele in dieser Welt gestärkt werden kann, und dass die Seele entweder fortschreiten und sich vervollkommnen kann oder dass sie im tiefsten Abgrund der Unwissenheit verbleibt und wie durch Schleier von den Zeichen Gottes getrennt und ihrer Sicht beraubt bleibt. Frage: Wodurch kann der Geist des Menschen – die vernunftbegabte Seele – Fortschritte machen, nachdem er von dieser sterblichen Welt gegangen ist? Antwort: Nachdem der Geist vom Körper getrennt ist, macht der menschliche Geist in der göttlichen Welt entweder allein durch die Gunst und Gnade des Herrn Fortschritte, oder durch die Fürsprache und die Gebete anderer menschlicher Seelen oder durch großzügige Spenden und wohltätige Werke, die in seinem Namen dargebracht werden. Frage: Was geschieht mit Kindern, die vor Erreichen des Reifealters sterben oder gar vor dem Geburtstermin? Antwort: Diese Kinder weilen unter der Obhut der göttlichen Vorsehung, und da sie keine Sünde begangen haben und unbefleckt vom Schmutz der Welt der Natur sind, werden sie zu Offenbarungen der göttlichen Gnade und die Augen göttlicher Barmherzigkeit werden auf sie gerichtet sein.
Kapitel 67
Ewiges Leben und Eintritt in das Reich Gottes
Du hast nach dem ewigen Leben und dem Eintritt ins Königreich gefragt. Das Königreich wird äußerlich als ›Himmel‹ bezeichnet, aber dies ist nur ein Ausdruck und ein Vergleich, keine Tatsache oder Wirklichkeit. Denn das Königreich ist kein stofflicher Ort, sondern über Raum und Zeit geheiligt. Es ist ein geistiges Reich, eine göttliche Welt, und es ist der Sitz der Souveränität Gottes. Es ist über den Körper und alles Körperliche erhaben und es ist frei und geheiligt von den eitlen Vorstellungen der Menschen. An einen Ort gebunden zu sein, ist ein Merkmal des Körpers und nicht des Geistes: Raum und Zeit umfassen den Körper, nicht den Geist und die Seele. Beachte, dass der Aufenthaltsort für den Körper des Menschen ein begrenzter Raum ist, nicht mehr als ein Fleckchen Erde. Aber der Geist und Verstand des Menschen durchquert alle Länder und Regionen und sogar die grenzenlose Weite des Himmels; er umfasst alles Dasein und macht Entdeckungen in den Sphären droben und in den unendlichen Weiten des Universums. Dies liegt daran, dass der Geist an keinen Ort gebunden ist: Er ist eine Wirklichkeit ohne Ort, und für den Geist sind Erde und Himmel gleich, da er in beiden Entdeckungen macht. Aber der Körper ist beschränkt auf den Raum und weiß nicht um das, was darüber hinausgeht. Es gibt also zwei Arten von Leben, das des Körpers und das des Geistes. Das Leben des Körpers ist das stoffliche Leben, aber das Leben des Geistes ist eine himmlische Existenz, die darin besteht, die Gnade des göttlichen Geistes zu empfangen und durch den Odem des Heiligen Geistes belebt zu werden. Obwohl das stoffliche Leben ein Dasein hat, ist es in den Augen der heiligen und geistig gesinnten Seelen völlige Nichtexistenz und Tod. So existiert der Mensch ebenso wie dieser Stein, aber welch ein Unterschied besteht zwischen der Existenz des Menschen und der des Steins! Obwohl der Stein existiert, ist er im Vergleich zur Existenz des Menschen nicht existent. Mit ›ewigem Leben‹ ist gemeint, die Gnade des Heiligen Geistes zu empfangen, so wie eine Blume an den Gaben und Brisen des Frühlings teilhat. Schau, wie diese Blume anfangs ein rein mineralisches Leben besaß, wie sie aber mit Beginn des Frühlings, dem Herabregnen der Frühlingsschauer und der Hitze der strahlenden Sonne ein anderes Leben fand und mit größter Frische, zart und duftend erschien. Im Vergleich zu diesem Leben war das vorherige Leben der Blume wie der Tod. Damit soll gesagt sein, dass das Leben des Königreichs das Leben des Geistes ist, dass es ewig währt und über Zeit und Raum geheiligt ist, so wie der menschliche Geist, der an keinen Ort gebunden ist. Denn solltest du den menschlichen Körper gründlich untersuchen, so könntest du doch keinen bestimmten Platz oder Ort für den Geist finden. Der Geist ist an keinen Ort gebunden und er ist immateriell, aber er hat eine Verbindung mit dem Körper, so wie die Sonne eine Verbindung mit diesem Spiegel hat: Die Sonne nimmt keinen Platz im Spiegel ein, aber sie ist damit verbunden. Genauso ist auch die Welt des Königreichs über alles geheiligt, was vom Auge gesehen oder von den anderen Sinnen wie Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen wahrgenommen werden kann. Wo kann man nun im Menschen diesen Verstand finden, der ihm innewohnt und dessen Existenz außer Zweifel steht? Würdest du den menschlichen Körper mit dem Auge, dem Ohr oder den anderen Sinnen untersuchen, könntest du den Verstand nicht finden, obwohl er eindeutig existiert. Der Verstand hat somit keinen festen Ort, obwohl er mit dem Gehirn verbunden ist. Das Gleiche gilt für das Königreich. Ebenso hat die Liebe keinen festen Ort, aber sie ist mit dem Herzen verbunden. Und genauso hat das Königreich keinen Ort, sondern ist mit der menschlichen Wirklichkeit verbunden. Der Zugang zum Königreich erfolgt durch die Liebe Gottes, durch Loslösung, durch Läuterung und Heiligkeit, durch Wahrhaftigkeit und Reinheit, durch Standhaftigkeit und Treue und durch Selbstaufopferung. Aus diesen Erklärungen geht klar hervor, dass der Mensch unsterblich ist und ewig lebt. Wer an Gott glaubt, Ihn liebt und Gewissheit erlangt hat, erfreut sich an diesem gesegneten Leben, das wir das ewige Leben nennen; die aber, die wie durch Schleier von Gott getrennt sind, obwohl sie mit Leben ausgestattet sind, leben doch in Dunkelheit, und ihr Leben ist im Vergleich zu dem der Gläubigen Nichtsein. So lebt sowohl das Auge als auch der Fingernagel, aber das Leben des Fingernagels im Vergleich zu dem des Auges kommt dem Nichtsein gleich. Der Stein und der Mensch existieren beide, aber verglichen mit dem Menschen hat der Stein keine Existenz und kein Dasein. Denn wenn der Mensch stirbt und sein Körper zerfällt und zugrunde geht, wird er wie der Stein, die Erde und das Mineral. Es ist daher klar, dass das Mineral, obwohl es existiert, verglichen mit dem Menschen nicht existiert. Ebenso sind die Seelen, die vor Gott verhüllt sind, obwohl sie in dieser Welt und in der kommenden Welt existieren, verglichen mit dem geheiligten Dasein der Kinder des göttlichen Königreichs nicht existent und verloren.
Kapitel 68
Zweierlei Arten von Schicksal
Frage: Ist Schicksal, das in den Heiligen Büchern Erwähnung findet, etwas Unwiderrufliches? Wenn ja, welcher Nutzen liegt in dem Versuch, es abzuwenden? Antwort: Es gibt zwei Arten von Schicksal: Eines ist unwiderruflich und das andere ist bedingt, oder wie man sagt in der Schwebe. Unwiderrufliches Schicksal ist nicht zu ändern oder abzuwenden, während bedingtes Schicksal eintreffen kann oder auch nicht. So ist das unwiderrufliche Schicksal dieser Lampe, dass ihr Öl verbrannt und verbraucht wird. Ihr endgültiges Verlöschen ist daher gewiss, und es ist unmöglich, diesen Ausgang zu ändern, denn dies ist ihr unwiderrufliches Schicksal. Ebenso wurde der Körper des Menschen mit einer Kraft versehen, deren Abbau und Erschöpfung unvermeidlich zum Zerfall des Körpers führt. Es ist so wie mit dem Öl in dieser Lampe: Sobald es verbrannt und verbraucht ist, wird die Lampe mit Sicherheit verlöschen. Dem bedingten Schicksal wäre Folgendes vergleichbar: Obwohl noch Öl übrig ist, bläst ein starker Wind und löscht die Lampe aus. Dieses Schicksal ist bedingt. Es ist ratsam, dieses Schicksal abzuwenden, sich davor zu schützen und vorsichtig und umsichtig zu sein. Aber das unwiderrufliche Schicksal, das dem Verbrauch des Lampenöls gleicht, kann nicht geändert, abgewandelt oder verzögert werden. Es ist unausweichlich, die Lampe wird zweifellos verlöschen.
Kapitel 69
Der Einfluss der Sterne und wie alle Dinge miteinander verbunden sind
Frage: Haben die Sterne des Himmels einen geistigen Einfluss auf die menschliche Seele oder nicht? Antwort: Bestimmte Himmelskörper üben einen physischen Einfluss auf die Erde und ihre Geschöpfe aus, was klar und offensichtlich ist und keiner Erklärung bedarf. Betrachte die Sonne, die Dank göttlicher Gnade die Erde und alle ihre Geschöpfe versorgt. Ohne das Licht und die Wärme der Sonne würden tatsächlich alle irdischen Dinge aufhören zu existieren. Was geistige Einflüsse betrifft, mag es zwar seltsam erscheinen, dass die Sterne einen geistigen Einfluss auf die menschliche Welt ausüben sollen, aber würdest du tief über diese Angelegenheit nachdenken, wärest du davon nicht sehr überrascht. Damit will ich jedoch nicht behaupten, dass die Astrologen der Antike aus den Bewegungen der Sterne und Planeten die richtigen Schlussfolgerungen gezogen haben, denn das waren bloße Einbildungen, die ihren Ursprung bei den ägyptischen, assyrischen und chaldäischen Priestern hatten, oder vielmehr den törichten Annahmen der Hindus und dem Aberglauben der Griechen, der Römer und anderer Sternenanbeter entstammten. Ich will vielmehr sagen, dass dieses grenzenlose Universum wie der menschliche Körper ist, dessen Teile zusammenhängen und in höchster Vollkommenheit miteinander verbunden sind. Das heißt, so wie die Teile, Glieder und Organe des menschlichen Körpers miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützen, verstärken und beeinflussen, so sind auch die Teile und Glieder dieses endlosen Universums miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig geistig und stofflich. Zum Beispiel sieht das Auge etwas und es betrifft den gesamten Körper; das Ohr hört und alle Teile des Körpers werden angeregt. Daran besteht kein Zweifel, denn die Welt des Daseins gleicht einem lebendigen Menschen. Zu der Verbindung, die zwischen den verschiedenen Teilen des Universums besteht, gehören notwendigerweise gegenseitige Einflussnahme und Wechselwirkungen, sei es im Stofflichen oder im Geistigen. Für diejenigen, die den geistigen Einfluss materieller Dinge bestreiten, erwähnen wir hier ein kleines Beispiel: Schöne Klänge, wundersame Töne und harmonische Melodien sind Vorkommnisse, die auf die Luft einwirken; denn Schall besteht aus Luftschwingungen, und diese Schwingungen regen das Trommelfell und die Nerven an und das führt zum Hören. Bedenke, wie die Luftschwingungen, die ein Vorkommnis unter vielen sind und für bedeutungslos gehalten werden, den Geist des Menschen anziehen, ihn mit außerordentlicher Freude erfüllen und zutiefst bewegen: Sie bringen ihn zum Lachen, zum Weinen und können sogar bewirken, dass er sich selbst einer Gefahr aussetzt. Beobachte nun, welche Verbindung zwischen dem Geist des Menschen und den Schwingungen der Luft besteht, die ihn in einen anderen Zustand versetzen und ihn so überwältigen können, dass er jegliche Geduld und Gelassenheit verliert. Überlege, wie seltsam das ist, denn nichts kommt aus dem Sänger hervor und tritt in den Hörer ein, und dennoch werden große geistige Wirkungen erzeugt. Diese enge Beziehung zwischen allen erschaffenen Dingen muss daher zwangsläufig zu geistigen Einflüssen und Wirkungen führen. Es wurde bereits erwähnt, dass sich Körperteile und Organe im menschlichen Körper gegenseitig beeinflussen. Zum Beispiel sieht das Auge etwas und das Herz wird bewegt. Das Ohr hört und der Geist wird beeinflusst. Das Herz findet Frieden, die Gedanken erweitern sich und alle Glieder des Körpers erfahren einen Zustand des Wohlbefindens. Was für eine Verbindung und Beziehung ist das! Und wenn solche Beziehungen, solche geistigen Einflüsse und Wirkungen zwischen den verschiedenen Körperteilen des Menschen zu finden sind, der ja nur ein einzelnes Geschöpf unter vielen ist, dann müssen mit Sicherheit sowohl geistige als auch materielle Beziehungen zwischen der Gesamtheit der zahllosen Wesen bestehen. Und obwohl unsere gegenwärtigen Methoden und Wissenschaften diese Beziehungen innerhalb der Gesamtheit der Geschöpfe nicht nachweisen können, sind sie dennoch klar und unbestreitbar vorhanden. Zusammengefasst sind alle Geschöpfe als Gesamtheit und als Einzelne, gemäß Gottes vollendeter Weisheit miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Wäre dies nicht der Fall, würde die allumfassende Organisation und die universelle Ordnung des Daseins in Unordnung geraten und gestört. Und da alle erschaffenen Dinge aufs Beste miteinander verbunden sind, sind sie wohl geordnet, gestaltet und vollendet. Diese Frage verdient eine gründliche Untersuchung mit gebührender Aufmerksamkeit und sorgfältigem Nachdenken.
Kapitel 70
Der freie Wille und seine Grenzen
Ist der Mensch frei und uneingeschränkt in allem, was er tut, oder handelt er unter Zwang und ohne Wahlfreiheit? Antwort: Dies ist eine der wichtigsten Fragen des Göttlichen und die Zusammenhänge sind äußerst verwirrend. So Gott will, werden wir diese Angelegenheit an einem anderen Tag zu Beginn unseres Mittagessens ausführlich erläutern. Jetzt werden wir nur kurz ein paar Worte dazu sagen. Bestimmte Angelegenheiten unterliegen dem freien Willen des Menschen, wie zum Beispiel gerechtes, unparteiisches oder auch unrechtes, schädliches Handeln – mit anderen Worten, die Wahl zwischen guten und bösen Taten. Es ist ganz offensichtlich, dass der Wille des Menschen bei solchen Taten eine große Rolle spielt. Aber es gibt bestimmte Dinge, zu denen der Mensch gezwungen und genötigt ist, dazu gehören Schlaf, Tod, Krankheit, schwindende Kräfte, Unglück und materieller Verlust. Diese Dinge unterliegen nicht dem Willen des Menschen, und er ist nicht verantwortlich dafür, denn er ist gezwungen, sie zu erdulden. Aber er hat die freie Wahl zwischen guten und bösen Taten, und er führt sie aus eigenem Willen aus. Wenn er möchte, kann er zum Beispiel seine Tage damit verbringen, Gott zu preisen, und wenn er es wünscht, kann er sich mit anderem als Ihm beschäftigen. Er kann die Kerze seines Herzens mit der Flamme der Liebe Gottes entzünden und ein Wohltäter der Welt werden, oder er kann ein Feind der ganzen Menschheit werden oder seine Vorlieben auf weltliche Dinge richten; er kann sich entscheiden gerecht oder ungerecht zu sein. Über all diese Taten und Handlungen hat er die Kontrolle, und daher ist er dafür verantwortlich. Es stellt sich jedoch eine andere Frage: Der Mensch befindet sich in einem Zustand völliger Hilflosigkeit und absoluter Armut. Alle Kraft und Macht ist allein bei Gott, und Erhöhung wie Erniedrigung des Menschen hängen vom Willen und der Absicht des Höchsten ab. So heißt es im Neuen Testament, dass Gott wie ein Töpfer sei, der »ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch«A156 schafft. Nun hat das nicht ehrenvolle Gefäß kein Recht, dem Töpfer Vorwürfe zu machen und zu sagen: »Warum hast du mich nicht zu einem kostbaren Becher gemacht, der von einer Hand zur nächsten gereicht wird?« Diese Worte bedeuten, dass die Seelen unterschiedliche Stufen einnehmen. Was die niedrigste Stufe des Daseins einnimmt, so wie das Mineral, hat kein Recht zu klagen und zu sagen: »O Gott, warum hast Du mir die Vollkommenheit der Pflanze verwehrt?« Ebenso hat die Pflanze kein Recht, sich darüber zu beschweren, dass ihr die Vollkommenheit des Tierreiches vorenthalten bleibt. Und in ähnlicher Weise steht es dem Tier nicht zu, das Fehlen menschlicher Vollkommenheit zu beklagen. Nein, auf ihrer eigenen Stufe sind all diese Dinge vollkommen und müssen die Vollkommenheit dieser Stufe anstreben. Wie zuvor gesagt, ist das von niedrigerem Rang weder berechtigt noch befähigt, die Stufe und Vollkommenheit eines höheren Ranges anzustreben, sondern muss innerhalb des eigenen Ranges voranschreiten.A157 Abgesehen davon sind selbst Ruhe oder Bewegung des Menschen von der Hilfe Gottes abhängig. Sollte er diesen Beistand nicht bekommen, kann er weder Gutes noch Böses tun. Aber wenn mit dem Beistand des allfreigebigen Herrn der Mensch ins Dasein tritt, ist er sowohl zum Guten als auch zum Bösen fähig. Und sollte dieser Beistand enden, wäre er völlig machtlos. Deshalb wird in den Heiligen Schriften von der Hilfe und dem Beistand Gottes gesprochen. Es ist wie bei einem Schiff, das sich durch Wind- oder Dampfkraft bewegt. Sollte diese Kraft unterbrochen werden, könnte sich das Schiff überhaupt nicht bewegen. Unabhängig davon, in welche Richtung das Ruder gedreht wird, treibt die Kraft des Dampfes das Schiff in diese Richtung voran. Wenn das Ruder nach Osten gedreht wird, bewegt sich das Schiff nach Osten, und wenn es nach Westen gerichtet ist, bewegt sich das Schiff nach Westen. Die Fortbewegung wird nicht durch das Schiff selbst bewirkt, sondern durch Wind oder Dampf. Genauso werden alle Taten des Menschen durch die Kraft göttlichen Beistands gestützt, aber die Entscheidung für Gut oder Böse liegt allein bei ihm. Es ist, als würde der König jemanden zum Gouverneur einer Stadt ernennen, ihm die volle Autorität gewähren und ihm zeigen, was nach dem Gesetz gerecht und ungerecht ist. Sollte der Gouverneur nun ein Unrecht begehen, dann würde, auch wenn er durch die Macht und Autorität des Königs handelte, der König seine Ungerechtigkeit dennoch nicht gutheißen. Und sollte der Gouverneur gerecht handeln, würde dies ebenfalls durch die königliche Autorität geschehen, und der König wäre zufrieden und erfreut über seine Gerechtigkeit. Das bedeutet, dass die Wahl von Gut und Böse beim Menschen liegt, dass er aber unter allen Umständen auf den lebenserhaltenden Beistand der göttlichen Vorsehung angewiesen ist. Die Souveränität Gottes ist fürwahr gewaltig, und alle befinden sich fest im Griff Seiner Macht. Der Diener kann nichts allein aus eigenem Willen tun: Gott ist allmächtig und verleiht der ganzen Schöpfung Seinen Beistand. Diese Frage wurde nun eindeutig geklärt und erläutert.
Kapitel 71
Geistige Enthüllungen
Frage: Manche Menschen glauben, dass sie geistige Enthüllungen erleben, das heißt, dass sie mit Geistern kommunizieren. Wie kann das sein? Antwort: Es gibt zwei Arten von geistigen Enthüllungen: Die eine Art, auf die sich manche Völker beziehen, ist reine Einbildung, während die andere Art echte geistige Visionen sind, wie zum Beispiel die Offenbarungen von Jesaja, von Jeremia und von Johannes. Bedenke, dass die kontemplativen Kräfte des Menschen zwei Arten von Vorstellungen hervorbringen. Die eine Art besteht aus fundierten und zutreffenden Konzepten, die, verbunden mit Entschlossenheit, in der Welt realisiert werden, etwa in Form von geeigneten Maßnahmen, weisen Ansichten, wissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Neuerungen. Die andere Art besteht aus falschen Ideen und haltlosen Vorstellungen, die fruchtlos bleiben und jeder Grundlage entbehren. Sie branden auf wie die Wellen des Meeres der Täuschung und verblassen wie flüchtige Träume. Ebenso gibt es zwei Arten von geistigen Enthüllungen. Zum einen gibt es die Visionen der Propheten und die geistigen Enthüllungen der Auserwählten Gottes. Die Visionen der Propheten sind keine Träume, sondern wahre geistige Enthüllungen. Wenn sie also sagen: »Ich habe jemanden in einer solchen Gestalt gesehen, und ich habe solche Worte gesprochen, und er hat eine solche Antwort gegeben«, ereignet sich diese Vision im Wachzustand und nicht in der Traumwelt. Es ist eine geistige Entdeckung, die in Form einer Vision Ausdruck findet. Die andere Art der geistigen Enthüllung ist reine Einbildung, aber solche Einbildungen nehmen im Kopf eine so greifbare Form an, dass sie vielen leichtgläubigen Menschen real erscheinen. Der offensichtliche Beweis dafür ist, dass nie ein greifbarer Erfolg oder ein Ergebnis aus dieser vermeintlichen Geisterbeschwörung hervorgeht. Nein, das sind nichts als Fabeln und Fiktionen. Du solltest also wissen, dass die menschliche Wirklichkeit die Wirklichkeit aller Dinge umfasst und deren wahre Natur, ihre Eigenschaften und ihre Geheimnisse entdeckt. Beispielsweise wurden alle Handwerkskünste, Erfindungen, Wissenschaften und Wissensgebiete von der menschlichen Wirklichkeit entdeckt. Einstmals waren sie alle verborgene Geheimnisse, aber die Wirklichkeit des Menschen entdeckte sie allmählich und brachte sie aus der unsichtbaren Welt ins Reich des Sichtbaren. Es ist daher offensichtlich, dass die Wirklichkeit des Menschen alle Dinge umfasst. So befindet er sich in Europa und entdeckt Amerika; er befindet sich auf der Erde und macht Entdeckungen im Kosmos. Er lüftet die Geheimnisse aller Dinge und erfasst die Wirklichkeit aller Wesen. Diese wahren Enthüllungen, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen, ähneln Visionen – die in dem geistigen Verständnis, himmlischer Inspiration und engem geistigen Austausch von Menschen bestehen – und so wird der Empfänger sagen, dass er solches gesehen oder gesagt oder gehört hat. Daher ist klar, dass der Geist auch ohne die Vermittlung der fünf Sinnesorgane, wie etwa Augen und Ohren, zu machtvollen Wahrnehmungen fähig ist. In Bezug auf geistiges Verständnis und innere Enthüllungen gibt es unter den geistig gesinnten Seelen eine Einheit, die jede Vorstellung und jeden Vergleich übertrifft, und einen Austausch, der Raum und Zeit transzendiert. Wenn zum Beispiel im Evangelium geschrieben steht, dass Mose und Elias auf dem Berg Tabor zu Christus kamen, ist klar, dass dies keine stoffliche Zusammenkunft war, sondern ein geistiger Zustand, der als physische Begegnung beschrieben wurde. Die andere Art, Geister zu beschwören, mit ihnen zu sprechen und zu verkehren, ist leere Einbildung und bloße Illusion, auch wenn sie real erscheinen mag. Mit Verstand und Nachdenken entdeckt der Mensch zuweilen gewisse Wahrheiten, und dieses Nachdenken, dieses Entdecken führen zu konkreten Ergebnissen und sind von Nutzen. Solche Gedanken haben eine feste Grundlage. Aber viele Dinge fallen einem ein, die den Wellen des Meeres leerer Einbildung gleichen; sie tragen keine Früchte und bringen kein Ergebnis. Auch in der Welt des Schlafes mag man einen Traum haben, der genauso eintrifft, während man bei einer anderen Gelegenheit einen Traum haben wird, der absolut zu nichts führt. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass das, was wir als Gespräch oder Kommunikation mit Geistern bezeichnen, von zweierlei Art ist: Die eine ist reine Einbildung, und die andere ist real und besteht aus den in der Bibel erwähnten Visionen, wie den Visionen von Jesaja und Johannes und der Begegnung von Christus mit Mose und Elia. Letztere üben eine wunderbare Wirkung auf Verstand und Denken aus und erzeugen eine starke Anziehung in den Herzen.
Kapitel 72
Heilung ohne Arzneimittel
Frage: Es gibt Menschen, die heilen Erkrankte auf geistige Weise – das heißt ohne Arzneimittel. Wie ist das möglich? Antwort: Eine ausführliche Erklärung zu diesem Thema wurde bereits früher gegeben. Wenn dir nicht alles klar geworden sein sollte, will ich es hier für dich wiederholen. Wisse, dass es vier Arten der Behandlung und Heilung ohne Arzneimittel gibt. Zwei davon beruhen auf materiellen und die anderen beiden auf geistigen Ursachen. Was die zwei materiellen Verfahren betrifft, ist eines der Tatsache geschuldet, dass sowohl Gesundheit als auch Krankheit ansteckend sind. Die Ansteckung mit Krankheit geschieht schnell und heftig, wohingegen die Ansteckung durch Gesundheit äußerst langsam und schwach ist. Wenn zwei Körper in Kontakt miteinander sind, kommt es ganz sicher dazu, dass Mikroorganismen von einem auf den anderen übertragen werden. So wie sich eine Krankheit schnell und heftig von einem Körper auf einen anderen überträgt, kann auch die robuste Gesundheit eines gesunden Menschen eine sehr leichte Unpässlichkeit eines Kranken bessern. Das bedeutet, dass die Übertragung einer Krankheit schnell und heftig geschieht, wohingegen sich Gesundheit sehr langsam und mit beschränkter Wirkung überträgt, und nur in Fällen geringfügiger Erkrankung ist diese bescheidene Wirkung spürbar. In solchen Fällen überwindet die Kraft des gesunden Körpers die leichte Schwäche des kranken Körpers und lässt ihn gesunden. Dies ist eine Art der Heilung. Bei einer anderen geschieht die Heilung durch eine Art magnetischer Kraft des Körpers, bei der die magnetische Kraft des einen Körpers auf einen anderen Körper wirkt und zur Genesung führt. Auch diese Kraft hat nur eine geringfügige Wirkung. So kann jemand seine Hand auf den Kopf oder den Bauch eines Patienten legen und vielleicht wird es ihm nützen. Wieso? Weil die Wirkung des Magnetismus und der Eindruck auf die Psyche des Patienten die Krankheit vertreiben kann. Aber auch diese Wirkung ist ausgesprochen gering und schwach. Die beiden anderen Arten sind geistiger Natur, also das Mittel zur Heilung ist eine geistige Kraft. Eine davon kommt zum Tragen, wenn ein gesunder Mensch seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Kranken richtet und dieser seinerseits voller Zuversicht und vollkommen davon überzeugt ist, von der geistigen Kraft des Gesunden geheilt zu werden, so sehr, dass eine starke Verbindung zwischen ihren Herzen entsteht. Wenn der gesunde Mensch dann alle Anstrengungen unternimmt, um den Kranken zu heilen, und dieser völlig darauf vertraut, dass er gesund wird, kann durch diese von Seele zu Seele wirkenden Einflüsse eine Erregung in seinen Nerven erzeugt werden und schließlich zur Heilung führen. Wenn zum Beispiel ein Kranker plötzlich die frohe Botschaft erhält, dass sein sehnlichster Wunsch erfüllt wurde, kann die Begeisterung darüber seine Nerven so erregen, dass die Beschwerden vollkommen verschwinden. Auf gleiche Weise kann ein plötzlich eintretendes schreckliches Ereignis eine solche Erregung in den Nerven eines gesunden Menschen erzeugen, dass er sofort krank wird. Die Krankheit hat keine materielle Ursache, denn diese Person hat nichts zu sich genommen und ist mit nichts in Berührung gekommen: Allein die Erregung der Nerven hat die Krankheit verursacht. Ebenso kann die plötzliche Erfüllung eines zutiefst gehegten Wunsches solche Freude vermitteln, dass die Nerven erregt und die Gesundheit wiederhergestellt wird. Kurz gesagt, eine vollständige und perfekte Verbindung zwischen dem geistig gesinnten Arzt und dem Patienten, das heißt eine, bei der der Arzt seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Patienten richtet und bei der der Patient ebenfalls seine gesamte Aufmerksamkeit auf den geistig gesinnten Arzt richtet und davon ausgeht, dass Heilung eintritt, verursacht einen Nervenreiz, wodurch die Gesundheit wiederhergestellt wird. Dies ist jedoch nur bis zu einem gewissen Grad und nicht in allen Fällen wirksam. Sollte sich beispielsweise jemand eine schwere Krankheit oder Verletzung zuziehen, werden diese Mittel die Krankheit weder vertreiben noch die Verletzung lindern oder heilen – das heißt, diese Mittel haben keinen Einfluss auf schwere Krankheiten, es sei denn, sie werden durch die Konstitution des Patienten unterstützt, denn eine starke Konstitution wird eine Krankheit oft abwehren. Dies ist die dritte Art der Heilung. Bei der vierten Art jedoch wird Heilung durch die Kraft des Heiligen Geistes bewirkt. Diese hängt weder vom Körperkontakt, noch vom Sehen und nicht einmal von der Anwesenheit ab: Sie hängt von keiner Bedingung ab. Ob die Krankheit leicht oder schwer ist, ob es einen Kontakt zwischen den Körpern gibt oder nicht, ob eine Verbindung zwischen Patient und Arzt hergestellt wird oder nicht, ob der Patient anwesend ist oder nicht, diese Heilung erfolgt durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Kapitel 73
Heilung durch stoffliche Mittel
Wir haben in Verbindung mit der Frage nach Medizin und Heilung durch den Geist erwähnt, wie Krankheiten durch geistige Kräfte geheilt werden können. Nun werden wir über Heilung durch stoffliche Mittel sprechen. Die Wissenschaft der Medizin steckt noch in den Kinderschuhen, sie hat ihre Reife noch nicht erlangt. Wenn sie aber diese Stufe erreicht, werden Behandlungen mit Mitteln durchgeführt, die nicht abstoßend riechen oder schmecken, das heißt durch Nahrungsmittel, Früchte und Pflanzen, die wohlschmeckend sind und angenehm duften. Denn dass eine Krankheit den menschlichen Körper befällt, liegt entweder an den Körpersäften oder wird durch Nervenreizung verursacht. Was die Körpersäfte betrifft, die die Hauptursache für Krankheiten sind, so ist ihre Wirkung auf Folgendes zurückzuführen: Der menschliche Körper besteht aus zahlreichen Elementen, die einem bestimmten Gleichgewichtszustand entsprechen. Solange dieses Gleichgewicht erhalten bleibt, ist der Mensch vor Krankheit geschützt. Wird aber dieses grundlegende Gleichgewicht – die wichtigste Voraussetzung für eine gesunde Verfassung – gestört, so wird seine Konstitution so geschwächt, dass es zur Erkrankung kommt. Wenn zum Beispiel ein Mangel in einem der Bestandteile des Körpers und ein Überfluss in einem anderen auftritt, ist das Gleichgewicht gestört und es kommt zur Erkrankung. So kann für das Gleichgewicht beispielsweise tausend Gramm einer Komponente und fünf Gramm einer anderen erforderlich sein. Wenn das Gewicht der Ersteren auf siebenhundert Gramm fällt und das der Letzteren sich so weit erhöht, dass der Zustand des Gleichgewichts gestört ist, dann wird Krankheit eintreten, und sollte das Gleichgewicht durch Medikamente und Behandlungen wiederhergestellt werden, wird die Krankheit überwunden. Wenn etwa der Zuckeranteil zu hoch wird, beeinträchtigt das die Gesundheit; und wenn der Arzt süße und stärkehaltige Lebensmittel verbietet, nimmt der Zuckeranteil ab, das Gleichgewicht wird wiederhergestellt und die Krankheit wird gebannt. Nun kann das Gleichgewicht dieser körperlichen Komponenten durch zwei Mittel wiederhergestellt werden, entweder durch Medikamente oder durch Nahrungsmittel, und wenn die Konstitution wieder im Gleichgewicht ist, wird die Krankheit überwunden. Da alle Bestandteile des menschlichen Körpers auch in Pflanzen zu finden sind, würde, wenn eine dieser Komponenten einen Mangel erfährt und man sich dann an Lebensmittel hält, die reich an dieser Komponente sind, das Gleichgewicht wiederhergestellt und Heilung herbeigeführt. Solange es um das Gleichgewicht der Körperbestandteile geht, kann dies gleichermaßen durch Medikamente oder diverse Nahrungsmittel erfolgen. Von den meisten Krankheiten, die den Menschen befallen, sind auch Tiere betroffen, aber das Tier behandelt sie nicht mit Medikamenten. Der Arzt des Tieres in den Bergen und der Wildnis ist sein Geschmacks- und Geruchssinn. Das kranke Tier riecht die Pflanzen, die in der Wildnis wachsen, frisst solche, die sein Geruch und Geschmack als süß und duftend empfinden, und wird geheilt. Der Grund dafür ist folgender: Wenn zum Beispiel die Zuckerkomponente in seinem Körper unzulänglich wird, sehnt es sich nach Süßem und frisst so süß schmeckende Pflanzen, denn die Natur drängt und leitet es dazu. Wenn das Tier also Dinge frisst, die seinem Geruch und Geschmack entsprechen, nimmt die Zuckerkomponente zu und es gewinnt seine Gesundheit zurück. So wird klar, dass es möglich ist, Krankheiten durch Früchte und andere Nahrungsmittel zu heilen. Aber da die Wissenschaft der Medizin noch unvollkommen ist, hat man diese Tatsache noch nicht ganz verstanden. Wenn diese Wissenschaft zur Vollkommenheit gelangt, werden Behandlungen mit duftenden Früchten und Pflanzen sowie mit anderen Nahrungsmitteln und mit unterschiedlich temperiertem, heißem oder kaltem Wasser durchgeführt. Dies ist nur eine kurze Erklärung. So Gott will, werden wir dies ein anderes Mal bei passender Gelegenheit ausführlicher erklären.
Teil 5 – Verschiedene Themen
Kapitel 74
Über Gut und Böse
Die wahren Zusammenhänge zu erklären ist sehr schwierig. Wisse, dass es zwei Arten von erschaffenen Dingen gibt: stoffliche und geistige, mit den Sinnen wahrnehmbare und intelligible. Das heißt, einige Dinge sind mit den Sinnen wahrnehmbar, während andere nur mit dem Verstand wahrgenommen werden können. Den Sinnen zugängliche Wirklichkeiten sind solche, die von den fünf äußeren Sinnen wahrgenommen werden. So werden beispielsweise äußere Objekte, die das Auge sieht, als mit den Sinnen wahrnehmbar bezeichnet. Intelligible Wirklichkeiten sind solche, die kein äußeres Dasein haben, jedoch mit dem Verstand wahrgenommen werden. Der Verstand selbst ist zum Beispiel eine intelligible Wirklichkeit ohne äußere Existenz. Ebenso sind alle menschlichen Tugenden und Eigenschaften intelligibel und nicht greifbar. Das heißt, sie sind Wirklichkeiten, die mit dem Verstand und nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden. Kurz, geistig erfassbare Wirklichkeiten wie lobenswerte und vollkommene Eigenschaften des Menschen sind ausschließlich gut und existieren wirklich. Das Böse ist einfach deren Nichtvorhandensein. So ist Unwissenheit der Mangel an Wissen, Irrtum der Mangel an Führung, Vergesslichkeit der Mangel an Erinnerung, Torheit der Mangel an Verständnis. All dies für sich genommen ist nichtig und hat keine wirkliche Existenz. Auch für die den Sinnen zugänglichen Wirklichkeiten gilt: Sie sind gänzlich gut, und schlecht ist lediglich ihr Nichtvorhandensein; das heißt, Blindheit ist der Mangel an Sehvermögen, Taubheit der Mangel an Hörvermögen, Armut der Mangel an Reichtum, Krankheit der Mangel an Gesundheit, Tod das Fehlen des Lebens und Schwäche der Mangel an Kraft. Hier regt sich ein Zweifel: Skorpione und Schlangen sind giftig – ist das gut oder schlecht, da sie doch wirklich existieren? Ja, es ist wahr, dass Skorpione und Schlangen böse sind, aber nur im Verhältnis zu uns und nicht zu sich selbst, denn ihr Gift ist ihre Waffe und mit ihrem Stich verteidigen sie sich. Aber da die Zusammensetzung ihres Giftes sich nicht mit unserem Körper verträgt, da also die jeweiligen Bestandteile gegeneinander wirken, ist das Gift böse oder vielmehr sind die Bestandteile in ihrer Wechselwirkung böse, während sie in ihrer eigenen Wirklichkeit jeweils gut sind. Zusammenfassend kann man sagen, dass etwas im Verhältnis zu etwas anderem böse sein kann, aber nicht böse innerhalb der Grenzen seines eigenen Seins. Daraus folgt, dass es das Böse nicht gibt: Was auch immer Gott erschaffen hat, hat Er gut erschaffen. Das Böse besteht lediglich im Nichtvorhandensein. Zum Beispiel ist der Tod die Abwesenheit von Leben: Wenn ein Mensch nicht länger durch seine Lebenskraft erhalten wird, dann stirbt er. Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht: Wenn es kein Licht mehr gibt, herrscht Dunkelheit. Licht ist etwas, was wirklich existiert, aber Dunkelheit existiert nicht wirklich; sie ist nur die Abwesenheit von Licht. Ebenso ist Reichtum etwas, was wirklich existiert, Armut jedoch ist lediglich dessen Abwesenheit. Damit ist offensichtlich, dass alles Böse bloßes Nichtsein ist. Das Gute ist wirklich existent, Böses ist lediglich dessen Abwesenheit.
Kapitel 75
Zweierlei Arten von Qual
Wisse, dass es zweierlei Arten von Qual gibt, unterschwellige und spürbare Qual. Zum Beispiel ist Unwissenheit selbst schon eine Qual, aber sie ist eine unterschwellige Qual; Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist eine Qual; Falschheit ist eine Qual; Ungerechtigkeit und Verrat sind Qualen. Tatsächlich sind alle menschlichen Unvollkommenheiten Qualen, aber es sind subtile Qualen. Eine Person, die mit Einsicht begabt ist, wird sich sicherlich lieber töten lassen, als zu sündigen, und sie lässt sich eher die Zunge herausschneiden, als zu verleumden und zu lügen. Die andere Art der Qual ist körperlich spürbar und besteht aus physischen Strafen wie Inhaftierung, Prügel, Vertreibung und Verbannung. Die größte aller Qualen für das Volk Gottes ist aber, wie durch Schleier von Ihm getrennt zu sein.
Kapitel 76
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes
Wisse, Gerechtigkeit bedeutet einem jeden zu geben, was ihm gebührt. Wenn zum Beispiel ein Arbeiter von morgens bis abends arbeitet, so fordert es die Gerechtigkeit, dass er seinen Lohn erhält, während Großmut bedeutet, ihn zu belohnen, auch wenn er keine Arbeit geleistet und keine Anstrengung unternommen hat. Wenn du einem Armen, der keine Anstrengung unternommen hat und nichts zu deinem Wohle beigetragen hat, ein unverdientes Almosen gibst, dann ist das Großmut. So bat Christus um Vergebung für die, die für seinen Tod verantwortlich waren: Das ist Großmut. Darüber hinaus wird die Frage, ob Dinge vortrefflich oder schändlich sind, entweder durch die Vernunft oder durch religiöses Gesetz bestimmt. Für manche beruht sie auf dem religiösen Gesetz, so etwa bei den Juden, die glauben, dass alle Gebote der Thora verbindlich sind und es sich dabei um religiöses Gesetz handelt und nicht um eine Frage der Vernunft. So sagen sie, dass eines der Gebote der Thora ist, dass Fleisch und Butter nicht zusammen gegessen werden dürfen, denn das wäre ›trefah‹ (und ›trefah‹ bedeutet auf Hebräisch unrein, während ›koscher‹ rein bedeutet). Das, so sagen sie, sei eine Frage des religiösen Gesetzes und nicht der Vernunft. Aber die geistig gesinnten Philosophen sind der Meinung, dass Vortrefflichkeit und Schändlichkeit sowohl von der Vernunft als auch vom religiösen Gesetz abhängen. Auf Vernunft beruht etwa das Verbot von Mord, Diebstahl, Verrat, Falschheit, Heuchelei und Ungerechtigkeit: Jeder vernünftige Mensch kann begreifen, dass diese Dinge alle abscheulich und verwerflich sind. Wenn du einen Mann nur mit einem Dorn stichst, wird er vor Schmerz aufschreien: Wie gut muss er da nachvollziehen können, dass Mord aller Vernunft nach abscheulich und verwerflich ist. Und sollte er ein solches Verbrechen begehen, würde er dafür zur Rechenschaft gezogen werden, ob die prophetische Botschaft ihn erreicht hat oder nicht, denn die Vernunft selbst erkennt den verwerflichen Charakter dieser Tat. Wenn also eine solche Person derart schändliche Taten begeht, wird sie mit Sicherheit zur Verantwortung gezogen. Aber wenn die prophetischen Anordnungen einen Ort nicht erreicht haben und die Menschen infolgedessen nicht in Übereinstimmung mit den göttlichen Lehren handeln, dann werden sie nach religiösem Gesetz nicht zur Rechenschaft gezogen. Zum Beispiel hat Christus angeordnet, dass man Grausamkeit mit Güte begegnen sollte. Wenn eine Person nichts von dieser Anordnung weiß und instinktiv reagiert, wenn sie also auf eine Verletzung mit einer Gegenverletzung reagiert, dann wird sie nach den Gesetzen der Religion nicht zur Verantwortung gezogen, denn diese göttliche Verfügung ist ihr nicht übermittelt worden. Obwohl ein solcher Mensch keine göttliche Großmut und Gunst verdient, wird Gott mit ihm dennoch nach Seiner Barmherzigkeit verfahren und ihm Vergebung gewähren. Rache ist jedoch auch der Vernunft nach verwerflich, denn sie nutzt dem Rächer nichts. Wenn ein Mann einen anderen schlägt und das Opfer sich entschließt Rache zu nehmen, indem es den Schlag erwidert, welchen Vorteil bringt ihm das? Wird das ein Balsam für seine Wunde oder ein Mittel gegen seine Schmerzen sein? Nein, Gott bewahre! Beide Taten sind in Wirklichkeit gleich: Beide sind Verletzungen; der einzige Unterschied ist, dass die eine der anderen vorausging. Wenn also das Opfer vergibt, oder besser noch, wenn es genau das Gegenteil tut, ist dies lobenswert. Was das Staatswesen betrifft, so wird der Angreifer bestraft, aber nicht, um Rache zu üben. Der Zweck dieser Bestrafung besteht vielmehr darin, abzuschrecken und Ungerechtigkeit und Aggression zu bekämpfen, damit andere davon abgehalten werden, ihre Hand ebenfalls in Unterdrückung auszustrecken. Aber wenn das Opfer sich entscheidet zu vergeben und stattdessen größte Barmherzigkeit zu zeigen, dann findet dies vor Gott die höchste Anerkennung.
Kapitel 77
Die Bestrafung von Kriminellen
Frage: Soll ein Krimineller bestraft werden, oder sollte man ihm vergeben und sein Verbrechen ignorieren? Antwort: Es gibt zwei Arten von Strafmaßnahmen: Die eine ist Rache und Vergeltung, die andere Bestrafung und Wiedergutmachung. Ein Individuum hat kein Recht auf Rache, aber der Staat hat das Recht, den Verbrecher zu bestrafen. Diese Bestrafung soll andere abschrecken und davon abhalten, ähnliche Verbrechen zu begehen. Sie dient zur Wahrung der Rechte des Menschen und stellt keine Rache dar, denn Rache ist die innere Genugtuung, die daraus resultiert, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Das ist nicht zulässig, da niemand das Recht hat Rache zu üben. Wenn jedoch Verbrecher völlig sich selbst überlassen blieben, würde die Ordnung der Welt aus den Fugen geraten. Während also die Bestrafung eines der unverzichtbaren Erfordernisse des Staatswesens ist, hat der Geschädigte kein Anrecht darauf, Rache zu üben. Im Gegenteil, er sollte Vergebung und Großmut zeigen, denn das ist der Menschenwelt angemessen. Der Staat muss jedoch Unterdrücker, Mörder und Angreifer bestrafen, um andere abzuschrecken und davon abzuhalten, ähnliche Verbrechen zu begehen. Aber das Wesentliche ist, die Massen so zu erziehen, dass von vornherein keine Verbrechen begangen werden; denn Menschen können so erzogen werden, dass sie gänzlich vor jedem Verbrechen zurückschrecken und das Verbrechen selbst als die größte Strafe und die schlimmste Qual und Bestrafung ansieht. So würden von vornherein keine Straftaten verübt, die diese Bestrafungen nach sich ziehen. Aber lasst uns nur von dem sprechen, was in der Welt durchführbar ist. Es gibt in der Tat eine Fülle von hohen Idealen und Vorstellungen, die sich nicht verwirklichen lassen. Deshalb müssen wir uns auf das Machbare beschränken. Wenn zum Beispiel jemand einem anderen Unrecht zufügt, ihn verletzt und angreift, und dieser sich in gleicher Weise revanchiert, ist das Rache und tadelnswert. Wenn Peter den Sohn von Paul tötet, so hat Paul kein Recht, den Sohn von Peter zu töten. Wenn er das tun würde, wäre es ein Akt der Rache und höchst verwerflich. Vielmehr muss er genau anders herum handeln, Vergebung zeigen und, wenn möglich, sogar bereit sein, seinem Angreifer Unterstützung zu gewähren. Das ist wirklich das, was des Menschen würdig ist; denn welchen Nutzen bietet die Rache? Beide Taten sind ein und dasselbe: Wenn die eine verwerflich ist, ist es auch die andere. Der einzige Unterschied ist, dass die eine der anderen vorausging. Aber der Staat hat das Recht für Schutz und Sicherheit zu sorgen. Er hegt keinen Groll gegen den Mörder, steht ihm nicht feindselig gegenüber, sondern will ihn einzig und allein zum Schutz anderer inhaftieren oder bestrafen. Die Absicht ist nicht Rache zu üben, sondern eine Strafe zu verhängen, durch die die Gesellschaft geschützt wird. Denn sollten andernfalls sowohl die Erben des Opfers als auch die Gesellschaft Vergebung gewähren und das Böse mit Gutem vergelten, würden die Übeltäter niemals ihre Angriffe einstellen, und ständig würde der nächste Mord begangen werden – nein, blutrünstige Menschen würden wie Wölfe die Herde Gottes völlig vernichten. Der Staat verfolgt keine böse Absicht, wenn er eine Strafe verhängt; er handelt unvoreingenommen und will keine Rachegelüste befriedigen. Seine Absicht bei der Verhängung der Strafe ist, andere zu schützen und zu verhindern, dass zukünftig solche verwerflichen Taten verübt werden. Als Christus also sagte: »Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar«A158, war das Ziel, die Menschen zu erziehen, und nicht etwa, einem Wolf zu helfen, der über eine Schafherde herfällt und sie alle verschlingen will. Nein, wenn Christus gewusst hätte, dass ein Wolf in die Herde eingedrungen wäre und die Schafe töten wollte, hätte er es zweifellos verhindert. So wie Vergebung zu den Attributen der Barmherzigkeit Gottes gehört, so ist die Gerechtigkeit eines der Attribute Seiner Herrschaft. Der Baldachin des Daseins ruht auf dem Pfeiler der Gerechtigkeit, nicht der Vergebung, und das Leben der Menschheit hängt von der Gerechtigkeit und nicht von der Vergebung ab. Würde also von nun an in allen Ländern ein Straferlass gelten, so würde sehr bald die ganze Welt in Unordnung geraten und die Grundlagen menschlichen Lebens würden zerstört. Wenn desgleichen die Mächte Europas dem berüchtigten Attila nicht widerstanden hätten, hätte er keinen einzigen Menschen am Leben gelassen. Manche Menschen sind wie blutrünstige Wölfe: Bräuchten sie keine Bestrafung zu befürchten, würden sie andere allein zum Vergnügen und zur Unterhaltung töten. Einer der Tyrannen von Persien tötete seinen Lehrer nur zum Vergnügen. Mutawakkil, der berühmte abbasidische Kalif, rief seine Minister, Abgeordneten und Treuhänder zu sich, ließ eine Kiste voller Skorpione unter ihnen frei, verbot allen, sich zu bewegen und brach dann in lautes Gelächter aus, sobald einer von ihnen gestochen wurde. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das ordnungsgemäße Funktionieren des Staates von Gerechtigkeit und nicht von Vergebung abhängt. Christus meinte also mit Vergebung und Großmut nicht, dass ihr euch – falls eine andere Nation euch überfällt, eure Häuser niederbrennt, euren Besitz plündert, sich an euren Frauen, Kindern und Verwandten vergeht und eure Ehre verletzt – diesem tyrannischen Heer unterwerfen und ihnen jede Art von Ungerechtigkeit und Unterdrückung gestatten müsst. Vielmehr beziehen sich die Worte Christi auf den persönlichen Umgang zweier Personen und besagen, dass bei einem Angriff von einer Person auf eine andere der Geschädigte dem anderen vergeben sollte. Der Staat hingegen muss die Rechte der Menschen schützen. Sollte mich also jemand angreifen, verletzen, unterdrücken und verwunden, so würde ich mich ihm in keinster Weise widersetzen, sondern ihm vergeben. Aber wenn hier jemand Siyyid ManshádíA159 angreifen wollte, würde ich ihn natürlich davon abhalten. Obwohl die Nichteinmischung dem Angreifer als Freundlichkeit erscheinen würde, wäre sie Manshádí gegenüber die reinste Grausamkeit. Wenn also in diesem Moment ein wilder Araber mit gezücktem Schwert den Raum beträte, mit der Absicht dich anzugreifen, zu verletzen oder zu töten, würde ich ihn natürlich daran hindern. Würde ich dich diesem Mann überlassen, wäre das Grausamkeit, und keine Gerechtigkeit. Aber wenn er mir persönlich etwas antun würde, würde ich ihm verzeihen. Ein letzter Punkt: Der Staatsapparat befasst sich tagtäglich mit der Ausarbeitung von Strafgesetzen und der Bestimmung von Mitteln und Wegen zur Bestrafung. Es werden Gefängnisse gebaut, Ketten und Fesseln angeschafft und Orte vorgesehen für Exil und Verbannung, für Pein und Härte, um dadurch den Verbrecher zu läutern, obwohl es in Wirklichkeit nur dazu führt, dass die Moral sich verschlechtert und der Charakter zerrüttet wird. Das Staatswesen sollte stattdessen Tag und Nacht mit allen Mitteln für eine gute Erziehung der Menschen sorgen, damit sie täglich Fortschritte machen, in Wissenschaft und Gelehrsamkeit vorankommen, lobenswerte Tugenden und Verhaltensweisen erwerben und jede Gewalttätigkeit aufgeben, sodass es erst gar nicht zu Verbrechen kommt. Gegenwärtig herrscht das Gegenteil vor: Der Staat ist unentwegt darauf bedacht, die Strafgesetze zu verschärfen, für Mittel zur Bestrafung, Züchtigung und Hinrichtung zu sorgen und Gefängnisse und Verbannungsorte bereitzustellen, um dann darauf zu warten, dass Verbrechen begangen werden. Das hat einen äußerst schädlichen Einfluss. Gäbe es aber Bildung und Erziehung für alle, sodass Wissen und Gelehrsamkeit von Tag zu Tag zunähmen, das Verständnis erweitert, die Sichtweisen verfeinert, Sitten und Gebräuche erneuert würden – mit einem Wort, dass Fortschritte auf jeder Stufe der Vollkommenheit gemacht würden – dann würde das Verbrechensaufkommen nachlassen. Die Erfahrung zeigt, dass Kriminalität bei zivilisierten Völkern weniger verbreitet ist – also bei denen, die wahre Zivilisation erreicht haben. Und wahre Zivilisation ist göttliche Zivilisation, die Zivilisation derer, die materielle und geistige Vollkommenheit in sich vereinen. Da die Wurzel der Kriminalität in der Unwissenheit liegt, gilt: Je weiter Wissen und Gelehrsamkeit entwickelt sind, desto weniger Verbrechen werden begangen. Denke an die gesetzlosen Stämme Afrikas: Wie oft töten sie sich gegenseitig und verzehren sogar Fleisch und Blut des anderen! Warum kommen solche Grausamkeiten nicht in der Schweiz vor? Der Grund liegt eindeutig in Erziehung, Bildung und Tugend. Deshalb muss der Staat versuchen, Verbrechen von vornherein zu verhindern, anstatt harte Strafmaßnahmen zu ersinnen.
Kapitel 78
Streiks
Du fragst nach Streiks. Im Zusammenhang mit diesem Thema hat es schon große Schwierigkeiten gegeben und das wird auch weiterhin so bleiben. Es gibt zwei Gründe für diese Schwierigkeiten: Der eine liegt in der maßlosen Geldgier und Habsucht der Fabrikbesitzer, der andere liegt in den übertriebenen Forderungen, der Geldgier und Unnachgiebigkeit der Arbeiter. Deshalb muss man sich mit beidem befassen. Nun, die Grundursache für diese Schwierigkeiten liegt in dem Gesetz der Natur, das die heutige Zivilisation beherrscht, denn das führt dazu, dass eine Handvoll Menschen riesige Vermögen anhäufen, die weit über ihre Bedürfnisse hinausgehen, während die große Mehrheit mittellos, notleidend und hilflos bleibt. Dies steht im Widerspruch zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Redlichkeit; es ist der Gipfel der Ungerechtigkeit und läuft dem Wohlgefallen des Allbarmherzigen zuwider. Dieses Missverhältnis ist auf das Menschengeschlecht begrenzt: Unter anderen Geschöpfen, das heißt unter Tieren, herrscht eine gewisse Gerechtigkeit und Gleichheit. So gibt es Gleichheit innerhalb einer Schafherde, oder innerhalb einer Herde von Hirschen in der Wildnis, oder unter den Singvögeln, die in den Bergen, Ebenen und Gärten leben. Die Tiere jeder Art genießen ein gewisses Maß an Gleichheit und unterscheiden sich in ihrer Lebensweise nicht wesentlich voneinander; daher leben sie in vollkommener Ruhe und Zufriedenheit. Ganz anders steht es um die Menschheit, wo größte Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu finden sind. So kannst du einerseits beobachten, wie ein Einzelner, der ein Vermögen angehäuft hat, ein ganzes Land zu seiner persönlichen Kolonie machte, immensen Reichtum erwarb und für einen ununterbrochenen Fluss von Gewinnen und Profiten sorgte, und andererseits, wie hunderttausend hilflose Menschen, schwach und machtlos, nach einem Bissen Brot schmachten. Hier gibt es weder Gleichheit noch Nächstenliebe. Sieh, wie dadurch der allgemeine Friede und das Glück so zerstört wurden und das Wohlergehen der Menschheit so beeinträchtigt wurde, dass das Leben eines Großteils der Menschen sinnlos geworden ist! Denn all der Reichtum, die Macht, der Handel und die Industrie befinden sich in den Händen einiger weniger Menschen, während alle anderen unter der Last endloser Entbehrungen und Schwierigkeiten leiden, aller Vorteile und Vergünstigungen, jeder Annehmlichkeit und Zufriedenheit beraubt sind. Es müssen daher solche Gesetze und Vorschriften erlassen werden, die das übermäßige Vermögen von Wenigen begrenzen und die Grundversorgung der unzähligen Millionen von Armen gewährleisten, um einen gewissen Ausgleich zu erreichen. Absolute Gleichheit ist jedoch ebenso unmöglich, denn die völlige Gleichheit von Reichtum, Macht, Handel, Landwirtschaft und Industrie würde zu Chaos und Unordnung führen, die Lebensgrundlage vieler zum Erliegen bringen, allgemeine Unzufriedenheit hervorrufen und die geregelte Verwaltung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten untergraben. Denn ungerechtfertigte Gleichheit birgt auch Gefahren in sich. Es wäre also besser, zu einem gewissen Ausgleich zu gelangen, und hiermit ist die Verabschiedung solcher Gesetze und Vorschriften gemeint, die die ungerechtfertigte Konzentration des Reichtums in den Händen von Wenigen verhindern und die wesentlichen Bedürfnisse von Vielen befriedigen. Zum Beispiel verdienen die Fabrikbesitzer täglich ein Vermögen, aber der Lohn, den die armen Arbeiter erhalten, kann nicht einmal ihren täglichen Bedarf decken: Das ist höchst ungerecht, und sicherlich kann kein gerechter Mensch das akzeptieren. Daher sollten Gesetze und Verordnungen erlassen werden, so dass den Arbeitern sowohl ein Tageslohn als auch eine Beteiligung an einem Viertel oder Fünftel des Gewinns der Fabrik entsprechend ihrer Mittel gewährt wird oder dass auf andere Weise die Arbeiter so wie die Eigentümer einen gerechten Anteil an den Gewinnen erhalten. Denn das Kapital und die Unternehmensführung kommen von den Letzteren und die Mühe und Arbeit von den Ersteren. Den Arbeitnehmern könnte entweder ein Lohn gewährt werden, der ihren täglichen Bedarf angemessen deckt, sowie ein Recht auf eine Beteiligung an den Einnahmen der Fabrik, wenn sie verletzt, arbeitsunfähig oder krank sein sollten, oder es könnte ein Lohn festgelegt werden, der es den Arbeitnehmern ermöglicht, sowohl ihren täglichen Bedarf zu decken als auch etwas für Zeiten der Schwäche und Arbeitsunfähigkeit zu sparen. Wenn die Angelegenheiten derart geregelt wären, würden weder die Fabrikbesitzer jeden Tag ein Vermögen ansammeln, das für sie völlig nutzlos ist – denn sollte ihr Vermögen unangemessen zunehmen, dann wäre das eine sehr schwere Bürde und würde ihnen übermäßige Härten und Schwierigkeiten auferlegen, und sie müssten erkennen, dass die Verwaltung eines solchen unmäßigen Vermögens äußerst schwierig ist und die physischen Kräfte eines Menschen erschöpft – noch würden die Arbeiter solche Plagen und Härten erdulden, dass sie jede Kraft verlieren und am Ende ihres Lebens in bitterste Not geraten. Es ist daher unbestreitbar, dass die Aneignung von übermäßigem Reichtum durch einige wenige Einzelpersonen unter Missachtung der Bedürfnisse der Massen unredlich und ungerecht ist. Ebenso würde absolute Gleichheit die Existenz, das Wohlergehen, den Wohlstand, den Frieden und das geordnete Leben der Menschheit stören. Deshalb ist es natürlich am besten, Mäßigung anzustreben, was für den Reichen bedeutet, dass er erkennt, welche Vorteile es hat, sich im Profitstreben zurückzuhalten und das Wohlergehen der Armen und Bedürftigen zu berücksichtigen, das heißt, einen Tageslohn für die Arbeiter festzulegen und ihnen zudem einen Anteil am Gesamtgewinn der Fabrik zukommen zu lassen. Kurz gesagt, wenn es um die jeweiligen Rechte der Fabrikbesitzer und der Arbeiter geht, müssen Gesetze erlassen werden, die es Ersteren ermöglichen, angemessene Gewinne zu erzielen und Letztere entsprechend ihren gegenwärtigen und künftigen Bedürfnissen zu versorgen, damit, wenn sie arbeitsunfähig oder alt werden oder sterben und kleine Kinder hinterlassen, sie oder ihre Kinder nicht von bitterer Armut erdrückt werden, sondern eine bescheidene Rente aus den Einnahmen der Fabrik erhalten. Die Arbeiter ihrerseits sollten keine überzogenen Ansprüche stellen, nicht starrköpfig sein, nicht mehr verlangen als ihnen zusteht und nicht in den Streik treten. Sie sollten gehorchen und sich fügen und keine überhöhten Löhne fordern. Vielmehr sollten die gegenseitigen, ausgewogenen Rechte beider Parteien offiziell festgelegt und nach den Gesetzen der Gerechtigkeit und des Mitgefühls festgeschrieben werden, und jede Partei, die sie verletzt, sollte nach einer fairen Anhörung verurteilt und einem rechtskräftigen Urteil unterzogen werden, das von der Exekutive durchgesetzt wird, so dass alle Angelegenheiten sachgerecht geregelt und alle Probleme angemessen gelöst werden können. Das Eingreifen der Regierung und der Gerichte in die Probleme, die sich zwischen Eigentümern und Arbeitern ergeben, ist voll und ganz gerechtfertigt, da es sich hierbei nicht um solche Einzelfälle handelt wie eine gewöhnliche Transaktion zwischen zwei Personen, die die Öffentlichkeit nicht betreffen und bei denen die Regierung kein Recht haben sollte, sich einzumischen. Denn Probleme zwischen Eigentümern und Arbeitern, auch wenn sie eine Privatangelegenheit zu sein scheinen, sind dem Gemeinwohl abträglich, da die kommerziellen, industriellen und landwirtschaftlichen Angelegenheiten und sogar die allgemeine Volkswirtschaft allesamt eng miteinander verbunden sind: Ein Schaden für einen bedeutet einen Verlust für alle. Und da die Probleme zwischen Eigentümern und Arbeitern dem Gemeinwohl abträglich sind, haben die Regierung und die Gerichte das Recht einzugreifen. Selbst im Falle von Meinungsverschiedenheiten, die zwischen zwei Personen in Bezug auf bestimmte Rechte entstehen, ist eine dritte Partei, nämlich die Regierung, erforderlich, um den Streit beizulegen. Wie kann dann das Problem der Streiks, die alles im Land zum Erliegen bringen – seien sie durch die überzogenen Forderungen der Arbeiter oder durch die übertriebene Gier der Fabrikanten entstanden –, weiterhin vernachlässigt werden? Gütiger Gott! Wie kann jemand seine Mitmenschen hungrig, mittellos und benachteiligt sehen und dabei selbst friedlich und behaglich in seiner herrlichen Villa wohnen? Wie kann man andere in der größten Not sehen und sich dabei an seinem eigenen Glück erfreuen? Deshalb wurde in den göttlichen Religionen verordnet, dass die Reichen jedes Jahr einen Teil ihres Reichtums für die Versorgung der Armen und die Unterstützung der Bedürftigen aufbringen sollen. Dies ist eine der Grundlagen der Religion Gottes und eine für alle verbindliche Verfügung. Und da man in dieser Hinsicht nicht äußerlich von der Regierung genötigt oder verpflichtet wird, vielmehr den Armen aus eigener Herzensgüte und in einem Geist strahlender Freude hilft, ist eine solche Tat höchst lobenswert, angesehen und wohlgefällig. Das ist mit rechtschaffenen Taten gemeint, wie sie in den göttlichen Büchern und Schriften erwähnt werden.
Kapitel 79
Die Wirklichkeit der Welt des Seins
Die Sophisten sind der Ansicht, alles Dasein sei Illusion, ja, jedes einzelne Wesen sei reine Einbildung ohne eigene Existenz – mit anderen Worten, die Existenz alles Erschaffenen gleiche einem Trugbild oder der Spiegelung eines Bildes im Wasser oder in einem Spiegel, und sei lediglich eine Erscheinung ohne jegliche Substanz, Grundlage oder erfassbare Wirklichkeit. Diese Vorstellung ist falsch, denn obwohl die Existenz der Dinge im Vergleich zur Existenz Gottes eine Illusion ist, ist sie doch in der bedingten Welt fest begründet, nachgewiesen und nicht zu leugnen. Zum Beispiel hat das Mineral im Vergleich zum Menschen keine Existenz, denn der Körper des Menschen wird zum Mineral, wenn er stirbt; im Mineralreich aber existiert das Mineral wirklich. Es ist somit klar, dass Staub im Vergleich zum Menschen nicht existiert oder nur eine scheinbare Existenz hat, dass er aber im Mineralreich existiert. So ist auch die Existenz des Erschaffenen reine Illusion und völliges Nichtsein im Vergleich zur Existenz Gottes, sie ist eine bloße Erscheinung, wie ein Spiegelbild. Aber obwohl dieses Spiegelbild eine Illusion ist, ist sein Ursprung und seine Wirklichkeit die Person, deren Bild im Spiegel erscheint. Kurz gesagt, die Spiegelung ist eine Illusion im Vergleich zu dem, was gespiegelt wird. Daher ist klar, dass im Vergleich zur Existenz Gottes den erschaffenen Dingen zwar keine Existenz zukommt, sind sie doch wie ein Trugbild oder ein Spiegelbild, aber auf ihrer eigenen Stufe existieren sie. Deshalb bezeichnete Christus diejenigen als tot, die achtlos gegenüber Gott waren und Seine Wahrheit verleugneten, auch wenn sie augenscheinlich lebendig waren; denn im Verhältnis zu den Gläubigen waren sie tatsächlich tot, blind, taub und stumm. Darauf wies Christus hin, als er sagte: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.«A160
Kapitel 80
Präexistenz und Entstehung
Frage: Wie viele Arten von Präexistenz und Entstehung gibt es? Antwort: Manche Gelehrte und Philosophen sind der Meinung, es gebe zwei Arten von Präexistenz – wesenhafte und zeitlich gebundene – und dass es ebenfalls zwei Arten von Entstehung gibt – wesenhafte und zeitlich gebundene. Wesenhafte Präexistenz ist eine Existenz, der keine Ursache vorausgeht; der wesenhaften Entstehung geht jedoch eine Ursache voraus. Zeitliche Präexistenz hat keinen Anfang; Entstehung in der Zeit hingegen hat sowohl einen Anfang als auch ein Ende. Denn die Existenz von allem und jedem hängt von vier Ursachen ab: der wirkenden Ursache, der materiellen Ursache, der formgebenden Ursache und der zweckbestimmenden Ursache.A161 So hat dieser Stuhl einen Schöpfer, das ist der Tischler, ein Material, das ist das Holz, eine Form, das ist die eines Stuhls, und einen Zweck, das ist als Sitz zu dienen. Dieser Stuhl ist somit wesenhaft entstanden, denn ihm geht eine Ursache voraus, und seine Existenz hängt davon ab. Das nennt man wesenhafte oder wirkliche Entstehung. Anders als ihr Schöpfer ist die Welt des Daseins wesenhaft entstanden. Zum Beispiel ist dieses Haus im Vergleich zu seinem Erbauer vom Wesen her geschaffen worden. Da in gleicher Weise der Körper vom Geist abhängt und davon erhalten wird, ist er anders als der Geist wesenhaft entstanden. Umgekehrt braucht der Geist den Körper nicht und ist daher anders als der Körper wesenhaft präexistent. Obwohl die Strahlen immer untrennbar mit der Sonne verbunden sind, ist die Sonne präexistent und die Strahlen sind entstanden; denn die Existenz der Strahlen hängt von der Sonne ab, aber nicht umgekehrt. Die Sonne schenkt ihre Gaben und die Strahlen sind diese Gaben. Die zweite Überlegung ist, dass Existenz und Nicht-Existenz beide relativ sind. Wenn gesagt wird, dass etwas aus der Nicht-Existenz heraus entstanden ist, ist damit nicht völlige Nicht-Existenz gemeint, sondern vielmehr, dass der vorherige Zustand im Verhältnis zum gegenwärtigen Nicht-Existenz war. Denn völlige Nicht-Existenz kann nicht zur Existenz werden, da ihr schlechthin jede Grundlage zur Existenz fehlt. Der Mensch existiert und das Mineral existiert ebenfalls, aber die Existenz des Minerals ist im Verhältnis zu der des Menschen nicht existent; denn wenn der Körper des Menschen zerstört wird, wird er zu Staub und Mineral, und wenn der Staub in die menschliche Welt übergeht und dieser unbelebte Körper lebendig wird, entsteht der Mensch. Obwohl der Staub – das Mineral – auf seiner eigenen Stufe existiert, ist er im Verhältnis zum Menschen nicht existent. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass beides existiert, aber die Existenz von Staub und Mineralien ist im Vergleich zum Menschen Nicht-Existenz, denn wenn der Mensch stirbt, wird er zu Staub und Mineralien. Deshalb ist die bedingte Welt, obwohl sie existiert, im Vergleich zur Existenz Gottes Nicht-Existenz und Nichtsein. Mensch und Staub existieren beide, aber wie groß ist der Unterschied zwischen der Existenz des Minerals und der des Menschen! Das eine ist im Verhältnis zum anderen nichtexistent. Ebenso ist die Existenz der Schöpfung im Verhältnis zur Existenz Gottes nichtexistent. Obwohl also das Universum existiert, ist es im Verhältnis zu Gott nichtexistent. So ist klar und offensichtlich, dass das Erschaffene sehr wohl existiert, im Verhältnis zu Gott und Seinem Wort aber nicht existiert. Das Wort Gottes ist Anfang und Ende, wenn es heißt: »Ich bin das Alpha und das Omega«, denn Es ist sowohl die Quelle der Gnade als auch ihr letztes Ziel. Der Schöpfer besitzt seit jeher eine Schöpfung, und die Strahlen gehen seit jeher aus der Sonne der Wahrheit hervor; denn eine Sonne ohne Licht wäre undurchdringliche Dunkelheit. Die Namen und Attribute Gottes setzen die Existenz von erschaffenen Dingen voraus, und ein Ende der Ausgießung der altehrwürdigen Gnade Gottes ist unvorstellbar, denn das stünde im Gegensatz zur göttlichen Vollkommenheit.
Kapitel 81
Reinkarnation
Frage: Was gibt es über Reinkarnation zu sagen, eine Überzeugung, die von den Anhängern einzelner Religionen vertreten wird? Antwort: Die Absicht der nun folgenden Worte ist, der Wahrheit Ausdruck zu verleihen und nicht die Glaubensüberzeugungen anderer herabzusetzen. Es geht nur darum, den Sachverhalt zu erklären und sonst nichts. Im Übrigen möchten wir weder die tief verwurzelten Überzeugungen anderer anfechten, noch heißen wir das Kritisieren gut. Wisse, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt, die an Reinkarnation glauben. Die einen glauben nicht an geistigen Lohn und geistige Strafe in der nächsten Welt. Sie glauben vielmehr, dass der Mensch seine Strafe oder seinen Lohn durch Reinkarnation und Rückkehr in diese Welt erhält; sie betrachten Himmel und Hölle als auf dieses materielle Reich beschränkt und glauben nicht an ein Jenseits. Diese Gruppe besteht wiederum aus zwei Teilen: Ein Teil glaubt, als harte Strafe nehme der Mensch bisweilen bei der Rückkehr in diese Welt eine Tiergestalt an, und nachdem er diese schmerzhaften Qualen ertragen habe, komme er aus dem Tierreich in die Menschenwelt, was sie als Seelenwanderung bezeichnen. Die andere Gruppe glaubt, dass der Mensch in die gleiche Menschenwelt zurückkehre, aus der er geschieden ist, und dass er Lohn und Strafe des früheren Lebens bei seiner Rückkehr erfahren werde, und dies nennen sie Reinkarnation. Keine dieser beiden Gruppen glaubt an eine Welt jenseits dieser Welt. Die zweite Gruppe von Menschen, die an Reinkarnation glauben, hält an der nächsten Welt fest und sieht die Reinkarnation als Mittel zur Vervollkommnung, wobei der Mensch allmählich Vollkommenheit erlange, indem er von dieser Welt scheide und wieder zurückkehre, bis er zum Inbegriff der Vollkommenheit gelangt. Das soll heißen, der Mensch bestehe aus Materie und Energie: Am Anfang oder im ersten Zyklus sei die Materie unvollkommen, aber wenn sie wiederholt in diese Welt zurückkehre, mache sie Fortschritte und erwerbe Reinheit und Feinheit, bis sie wie ein polierter Spiegel werde; und dann werde die Energie, die für den Geist steht, darin in aller Vollkommenheit verwirklicht. Dies ist eine Kurzdarstellung der Überzeugungen derer, die an Reinkarnation oder an Seelenwanderung glauben. Würden wir auf Einzelheiten eingehen, würde es zu lange dauern – diese Zusammenfassung wird genügen. Diese Menschen haben keine rationalen Beweise oder Argumente für ihre Glaubensüberzeugung, die auf bloßen Vermutungen und Schlussfolgerungen, nicht aber auf schlüssigen Beweisen fußt. Man muss von denen, die an Reinkarnation glauben, Beweise fordern und sich nicht mit Folgerungen, Mutmaßungen und Vorahnungen zufrieden geben. Aber du hast mich um Beweise und Argumente für die Unmöglichkeit von Reinkarnation gebeten und deshalb müssen wir die Gründe für ihre Unmöglichkeit erklären. Der erste Beweis besteht darin: Das Äußere ist Ausdruck des Inneren: Das irdische Reich ist der Spiegel des Himmelreichs, und die materielle Welt steht in Übereinstimmung mit der geistigen Welt. Beachte nun, dass sich in der mit den Sinnen wahrnehmbaren Welt die göttlichen Erscheinungen nicht wiederholen, denn nichts Erschaffenes kann mit etwas anderem Erschaffenen völlig identisch sein. Das Zeichen der Göttlichen Einheit ist in allen Dingen sichtbar und gegenwärtig. Wären alle Kornkammern der Welt mit Getreide gefüllt, hättest du größte Schwierigkeiten auch nur zwei Körner zu finden, die in jeglicher Hinsicht identisch und nicht zu unterscheiden sind: Irgendein Unterschied oder eine Abweichung wird zweifellos zwischen ihnen bestehen. Da nun in allen Dingen der Beweis der Göttlichen Einheit existiert und die Einheit und Einzigkeit Gottes in der Wirklichkeit aller Wesen sichtbar ist, ist die Wiederkehr derselben göttlichen Erscheinung in keiner Weise möglich. Daher wäre Reinkarnation, also die wiederholte Manifestation desselben Geistes in dieser Welt, einschließlich seines früheren Wesens und seiner Vorbedingungen, dieselbe Erscheinung und daher unmöglich. Und da die Wiederkehr derselben göttlichen Erscheinung für stoffliche Wesen unmöglich ist, ist die wiederholte Einnahme derselben Stufe, ob auf dem absteigenden Bogen oder auf dem aufsteigenden Bogen, für geistige Wesen ebenfalls unmöglich, denn die materielle Welt entspricht der geistigen Welt. In Bezug auf die Spezies jedoch sind Rückkehr und Wiederkehr in der stofflichen Wirklichkeit deutlich sichtbar, das heißt, die Bäume, die in den vergangenen Jahren Blätter, Blüten und Früchte trugen, werden in den kommenden Jahren die gleichen Blätter, Blüten und Früchte tragen. Dies wird als Wiederkehr der Spezies bezeichnet. Würde jemand einwenden, dass Blatt, Blüte und Frucht zerfallen, vom Pflanzenreich ins Mineralreich abgestiegen und wieder in das erstere zurückgekehrt sind, und es somit eine Wiederkehr gegeben hat, würden wir antworten, dass die Blüte, das Blatt und die Frucht des letzten Jahres zerfielen und ihre Bestandteile sich zersetzt und aufgelöst haben. Es ist nicht so, dass dieselben Bestandteile des Blattes und der Früchte des letzten Jahres, die sich zersetzt hatten, wieder zusammengesetzt wurden und zurückgekehrt sind, sondern dass das Wesen der Art durch die Zusammensetzung neuer Elemente zurückgekehrt ist. Ebenso wird der menschliche Körper nach der Zersetzung und Auflösung seiner Bestandteile vollständig zerfallen. Würde dieser Körper aus dem Mineral- oder Pflanzenreich zurückkehren, würde er nicht die gleichen Bestandteile enthalten wie der vorherige Mensch, denn dessen Elemente wurden zersetzt, aufgelöst und überall verteilt. Danach verbinden sich andere Grundbestandteile und ein neuer Körper wird gebildet. Und auch wenn manche Bestandteile des früheren Körpers zur Zusammensetzung des neuen Körpers beitragen, wurden diese Bestandteile nicht genau und vollständig bewahrt, ohne dass etwas hinzugefügt oder entfernt wurde, so dass bei ihrer erneuten Zusammensetzung und Verbindung ein anderes Individuum entsteht. Man kann also nicht daraus schließen, dass dieser Körper mit all seinen Bestandteilen zurückgekehrt wäre, dass das frühere Individuum zu Letzterem geworden wäre, und somit eine Wiederkehr stattgefunden hätte, dass genau derselbe Geist, wie auch der Körper, zurückgekehrt und sein Wesen nach dem Tod wieder in diese Welt gelangt wäre. Und wollten wir behaupten, dass Reinkarnation zu Vollkommenheit führen soll, damit die Materie an Reinheit und Verfeinerung gewinnt und das Licht des Geistes in ihr mit äußerster Vollkommenheit erscheint, so wäre auch das bloße Einbildung. Denn selbst wenn wir solch einer Annahme zustimmten, kann doch die Erneuerung der Existenz eines Gegenstandes nicht die Transformation seines Wesens bewirken. Denn durch Wiederkehr wird der Stoff der Unvollkommenheit nicht zur Wirklichkeit der Vollkommenheit; völlige Dunkelheit wird nicht zur Quelle des Lichts, elende Schwäche wird nicht zu Macht und Stärke, und ein irdisches Wesen wird nicht zu einer himmlischen Wirklichkeit. Wie oft der HöllenbaumA162 auch zurückkehren mag, er wird niemals eine süße Frucht hervorbringen, noch wird der gute Baum eine bittere Frucht tragen. Es ist also klar, dass Wiederkehr und Rückkehr in die materielle Welt nicht das Mittel sind, um zur Vollkommenheit zu gelangen, und dass es für diese Annahme keinerlei Beweis gibt; sie ist lediglich eine Vermutung. Nein, das Erlangen der Vollkommenheit hängt in Wirklichkeit von der Gnade Gottes ab. Die Theosophen glauben, dass der Mensch immer wieder zum aufsteigenden Bogen zurückkehren wird, bis er das höchste Zentrum erreicht, wo die Materie wie ein makelloser Spiegel wird, das Licht des Geistes in der Fülle seiner Macht erstrahlt und die wesenhafte Vollkommenheit erreicht ist. Wer jedoch die Fragen des Göttlichen gründlich untersucht hat, ist sich dessen gewiss, dass die materiellen Welten am Ende des absteigenden Bogens enden; dass sich die Stufe des Menschen am Ende des absteigenden Bogens und am Anfang des aufsteigenden Bogens befindet, was dem Höchsten Zentrum gegenüber liegt; und dass vom Anfang bis zum Ende des aufsteigenden Bogens die Stufen des Fortschritts geistiger Natur sind. Der absteigende Bogen wird als der des ›Hervorbringens‹ und der aufsteigende Bogen als der des ›Neuschaffens‹ bezeichnet. Der absteigende Bogen endet in der materiellen Wirklichkeit und der aufsteigende Bogen endet in der geistigen Wirklichkeit. Die Zirkelspitze kehrt ihre Bewegung nicht um, wenn sie einen Kreis beschreibt, denn dies stünde im Widerspruch zur natürlichen Bewegung, zur göttlichen Ordnung und würde die Gesetzmäßigkeit des Kreises stören. Darüber hinaus besitzt diese materielle Welt keinen so hohen Wert oder solche Vorzüge, dass jemand, der ihrem Käfig entkommen ist, erneut versucht wäre, sich in seiner Schlinge zu verfangen. Nein, durch Gottes ewige Gnade offenbart sich die wahre Fähigkeit und Empfänglichkeit menschlicher Wirklichkeit, indem er die Daseinsstufen durchläuft, aber nicht durch Wiedererscheinen und Rückkehr. Wenn eine Muschel auch nur einmal geöffnet wird, zeigt sich klar und deutlich, ob sie eine glänzende Perle oder wertlose Materie in sich birgt. Wenn eine Pflanze auch nur einmal gewachsen ist, bringt sie entweder Blumen oder Dornen hervor: Sie muss nicht noch einmal wachsen. Davon abgesehen ist Fortschritt und Fortbewegung durch die Welten auf einer direkten Linie gemäß der Ordnung der Natur die Ursache des Daseins, und eine Bewegung gegen die Ordnung und das Gefüge der Natur verursacht den Verfall. Die Rückkehr des Geistes nach dem Tod ist unvereinbar mit der natürlichen Bewegung und widerspricht der göttlichen Ordnung. Demnach ist es gar nicht möglich, durch Rückkehr zur Existenz zu gelangen: Es ist, als ob der Mensch, nachdem er aus dem Mutterleib befreit wurde, wieder dorthin zurückkehren würde. Betrachte, wie unbegründet die Vorstellungen derer sind, die an Reinkarnation und Seelenwanderung glauben! Sie begreifen den Körper als ein Gefäß und den Geist als seinen Inhalt, wie Wasser und Becher, wobei das Wasser aus einem Becher ausgegossen und in einen anderen eingefüllt wird. Das ist wirklich eine naive Vorstellung: Sie denken nicht tief genug nach, sonst würden sie erkennen, dass der Geist völlig körperlos ist, dass er nicht eintritt oder austritt, und dass er höchstens so mit dem Körper verbunden sein kann wie die Sonne mit dem Spiegel. Wenn der Geist tatsächlich alle Stufen durchlaufen und zu wesenhafter Vollkommenheit gelangen könnte, indem er wiederholt in die materielle Welt zurückkehrt, dann wäre es doch besser gewesen, wenn Gott das Leben des Geistes innerhalb dieser materiellen Welt verlängert hätte, damit er Tugenden und Vollkommenheit erwerben kann, und es so nicht nötig wäre, dass er den Kelch des Todes schmeckt und ein zweites Mal in dieses Leben eintritt. Diese Auffassung geht auf manche Verfechter der Reinkarnation zurück, die sich vorstellen, das Dasein sei auf diese vergängliche Welt beschränkt, und die die anderen Welten Gottes leugnen, obwohl diese Welten in Wirklichkeit unbegrenzt sind. Würden die Welten Gottes in dieser materiellen Welt gipfeln, dann wäre die ganze Schöpfung sinnlos und das Dasein ein kindisches Spiel. Denn das Endergebnis dieses endlosen Universums, die höchst edle Wirklichkeit des Menschen, würde hier und dort einige Tage in diesem vergänglichen Aufenthaltsort verbringen und seine Belohnungen und Strafen erhalten. Schließlich würde alles Vollkommenheit erreichen, die Schöpfung Gottes mit seinen unendlichen Wesen wäre fertig und vollendet, und so würden die Göttlichkeit des Herrn und die Namen und Attribute Gottes keine Wirkung und keinen Einfluss mehr auf die jetzt existierenden geistigen Wesen haben. »Fern sei der Herrlichkeit deines Herrn, des Allherrlichen, was Seine Geschöpfe von Ihm behaupten!«A163 Die begrenzten Verstandeskräfte der alten Philosophen, wie unter anderem Ptolemäus, hielten das Reich des Lebens und des Daseins für beschränkt auf diese Erdkugel und dachten, dieser unendliche Raum sei in den neun himmlischen Sphären enthalten, von denen alle öde und leer waren. Siehe, wie begrenzt ihre Auffassung und wie unzulänglich ihre Argumentation war! Diejenigen, die an Reinkarnation glauben, stellen sich außerdem vor, dass die geistigen Welten auf jene Bereiche beschränkt sind, die der menschliche Verstand begreifen kann. Einige von ihnen, wie die Drusen und die Nuṣayrís, stellen sich sogar vor, das Dasein sei auf diese materielle Welt beschränkt. Was ist das für eine törichte Annahme! Denn in diesem Universum Gottes, das in äußerster Vollkommenheit, Schönheit und Größe erscheint, gibt es zahllose Sonnen des materiellen Universums. Denk einen Moment lang nach und folgere daraus, wie zahllos und unbegrenzt die geistigen Reiche Gottes, die ja das eigentliche Fundament bilden, sein müssen! »Zieht nun die Lehre daraus, ihr Einsichtigen.«A164 Doch lass uns zu unserem ursprünglichen Thema zurückkehren. In den Heiligen Büchern und Schriften wird von einer »Wiederkunft« gesprochen, aber die Unwissenden haben ihre Bedeutung nicht erfasst und glaubten, sie beziehe sich auf Reinkarnation. Denn was die Propheten Gottes mit »Wiederkunft« meinten, ist nicht die Rückkehr des Wesens, sondern die der Attribute; es ist nicht die Rückkehr der Manifestation Selbst, sondern Seiner Vollkommenheit. Im Evangelium heißt es, dass Johannes, der Sohn Zacharias, Elias sei. Mit diesen Worten ist nicht gemeint, dass die vernunftbegabte Seele und die Persönlichkeit des Elias im Leib des Johannes zurückgekehrt sei, sondern vielmehr, dass die Vollkommenheit und die Eigenschaften des Elias sich deutlich in ihm zeigten.A165 In diesem Raum wurde gestern Abend eine Lampe angezündet: Wenn heute Abend eine weitere Lampe angezündet wird, sagen wir, das Licht der letzten Nacht würde wieder leuchten. Wenn eine Quelle versiegt und das Wasser aufhört zu fließen, dann aber erneut fließt, würden wir sagen, dass es das gleiche Wasser ist, das wieder fließt, so wie wir sagen, dass dieses Licht das gleiche ist wie das frühere Licht. Ebenso wuchsen im letzten Frühjahr Blumen und duftende Kräuter und köstliche Früchte entstanden; nächstes Jahr werden wir sagen, dass diese köstlichen Früchte und diese Blüten, Blumen und süßen Kräuter zurückgekehrt sind. Es ist nicht so, dass dieselben Bestandteile der Blumen des letzten Jahres nach der Zersetzung neu zusammengesetzt wurden und wiederkehrten. Nein, es bedeutet vielmehr, dass die gleiche Frische und Zartheit, der gleiche angenehme Duft und die gleiche wundersame Farbe, die die Blumen des letzten Jahres auszeichneten, genauso in den Blumen dieses Jahres zu finden sind. Kurz gesagt, der Kernpunkt ist die Ähnlichkeit und Gleichartigkeit zwischen den früheren und später auftretenden Blumen. Das ist die »Wiederkehr«, von der in den himmlischen Schriften gesprochen wird. Dies hat Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Íqán ausführlich erklärt: Schlage es nach, damit du über die Wahrheit der göttlichen Geheimnisse im Bilde bist. Mit dir seien Gruß und Lobpreis.
Kapitel 82
Die Einheit des Seins
Frage: Was hat es mit der ›Einheit des Seins‹ auf sich, die von den Theosophen und den Sufis vertreten wird, und was meinen sie eigentlich damit?A166 Ist diese Glaubensüberzeugung wahr oder nicht? Antwort: Wisse, dass die Idee von der Einheit des Seins sehr alt und nicht nur auf die Theosophen und die Sufis beschränkt ist. Tatsächlich haben einige griechische Philosophen sie verfochten, wie etwa Aristoteles, der sagte: »Die nicht-zusammengesetzte Wirklichkeit ist die Summe aller Dinge, aber sie ist kein einzelnes von ihnen.«A167 »Nicht-zusammengesetzt« steht hier im Gegensatz zu ›zusammengesetzt‹, das heißt, diese eine Wirklichkeit, die über Zusammensetzung und Teilung geheiligt und erhaben ist, habe sich in unzählige Formen aufgelöst. So sei das wirkliche Sein alle Dinge, aber es sei kein einzelnes davon. Die Verfechter der Einheit des Seins sind der Ansicht, wahres Sein sei wie der Ozean und alle erschaffenen Dinge glichen dessen Wellen. Diese Wellen, symbolhaft für alles Erschaffene, seien die zahllosen Formen, die dieses wirkliche Sein annähme. Daher sei jene geheiligte Wirklichkeit das präexistente Meer, und die zahllosen Formen des Erschaffenen seien die davon erzeugten Wellen dieses Meeres. Ebenso vergleichen sie dies mit der Eins und den unendlichen Zahlen, da sich Erstere in den Werten Letzterer manifestiere, denn alle Zahlen seien die Wiederholung der Eins. So sei Zwei die Wiederholung von Eins, und dementsprechend gehe es weiter mit den anderen Zahlen. Einer der Beweise, den sie anführen, ist: Alles Erschaffene sei Gegenstand des göttlichen Wissens und kein Wissen könne ohne den Gegenstand des Wissens erlangt werden, denn Wissen beziehe sich auf etwas, das existiere, nicht auf etwas Nicht-Existentes. Wie kann völliges Nichtsein im Spiegel des Wissens spezifiziert und konkretisiert werden? Daraus folge, dass die Wirklichkeiten aller zum Wissen des Allhöchsten gehörenden erschaffenen Dinge eine intelligible Existenz hätten, da sie vom göttlichen Wissen gestaltet seien, und sie präexistent seien, da das göttliche Wissen präexistent sei. Sofern das Wissen präexistent sei, müsse es auch der Gegenstand des Wissens sein. Die Spezifizierung und Konkretisierung des Erschaffenen – Gegenstand des präexistenten Wissens des göttlichen Wesens – seien identisch mit dem göttlichen Wissen selbst. Der Grund dafür sei, dass die Wirklichkeit, das Wissen und jeder Wissensgegenstand des göttlichen Wesens als ein Zustand absoluter Einheit begriffen werden müssten. Andernfalls würde das göttliche Wesen zum Sitz verschiedenster Phänomene und eine Vielzahl von Präexistenzen wären zwingend, was abwegig sei. So kommen sie zum Schluss, der Gegenstand des Wissens sei identisch mit dem Wissen selbst, und das Wissen wiederum sei identisch mit dem Wesen, das heißt, dass der Wissende, das Wissen und der Gegenstand des Wissens eine einzige Wirklichkeit seien. Jede andere Vorstellung würde zwangsläufig zu vielfältigen Präexistenzen und zu endlosem Rückschritt, ja sogar zu unzähligen Präexistenzen führen. Und da innerhalb des Wissens Gottes die Konkretisierung und Spezifizierung erschaffener Dinge mit Seinem Wesen identisch und davon vollkommen ununterscheidbar seien, herrsche wahre Einheit vor, und jeder Gegenstand des Wissens sei in einer nicht-zusammengesetzten und ungeteilten Weise in der Wirklichkeit des göttlichen Wesens eingeschlossen und darin enthalten. Mit anderen Worten, alle erschaffenen Dinge wären in einer nicht-zusammengesetzten und ungeteilten Weise Gegenstand des Wissens des Allerhöchsten und identisch mit Seinem Wesen. Und durch das manifeste Erscheinen Gottes erhielten diese Konkretisierungen und Spezifizierungen, die eine intelligible Existenz hätten, das heißt vom göttlichen Wissen gestaltet wären, in der äußeren Welt ihre tatsächliche Existenz und so hätte jene wahre Existenz sich in unzählige Formen aufgelöst. Das bildet die Grundlage ihrer Argumentation. Theosophen und Sufis bilden zwei Gruppen. Eine Gruppe, die Mehrheit, glaubt aus reiner Nachahmung an die Einheit des Seins und hat die wahre Bedeutung der Lehren ihrer führenden Vertreter nicht verstanden. Denn die meisten Sufis verstehen unter ›Dasein‹ das allgemeine Dasein, das vom Verstand und Geist des Menschen erkannt wird, das heißt, für den Menschen begreifbar ist. Dieses allgemeine Dasein ist jedoch nur eines von vielen nicht-wesentlichen Ereignissen, die in die Wirklichkeit erschaffener Dinge eintreten, während die Essenz der erschaffenen Dinge das Substanzielle ist. Dieses nicht-wesentliche Dasein, das genauso wie die Eigenschaften der Dinge von eben diesen Dingen abhängt, ist nur ein nicht-wesentliches Ereignis unter vielen. Das Substanzielle steht nun zweifellos über dem Nicht-Wesentlichen, denn das Substanzielle ist das Primäre und das Nicht-Wesentliche ist das Untergeordnete; das Substanzielle besteht durch sich selbst, während das Nicht-Wesentliche auf etwas fußt – das heißt, es braucht etwas Substanzielles, durch das es bestehen kann. Nach der oben erwähnten Anschauungsweise wäre Gott Seiner Schöpfung untergeordnet und ihrer bedürftig und die Schöpfung könnte gänzlich auf Ihn verzichten. Um dies zu veranschaulichen: Immer, wenn einzelne Elemente sich in Übereinstimmung mit der universalen göttlichen Ordnung verbinden, tritt ein bestimmtes Wesen ins Dasein. Das heißt, wenn bestimmte Elemente verbunden werden, entsteht ein pflanzliches Wesen; wenn andere verbunden werden, entsteht ein tierisches Wesen; wenn noch andere verbunden werden, treten andere Dinge ins Dasein. In jedem Fall ergibt sich die Existenz von Dingen aus ihrer Wirklichkeit. Wie könnte dann ein solches Sein, das eines von vielen nicht-wesentlichen Dingen ist, und das etwas Substanzielles erfordert, durch das es leben kann, vom Wesen her präexistent und Erzeuger aller Dinge sein? Die wahren Gelehrten unter den Theosophen und Sufis sind jedoch nach eingehender Prüfung der Sachlage zu dem Schluss gekommen, dass es zwei Arten des Daseins gibt. Zum einen ist es das allgemeine Dasein, das der Mensch mit seinem Verstand begreift. Dieses Dasein ist entstanden und ist eines von vielen nicht-wesentlichen Dingen, wohingegen die Wirklichkeit der Dinge das Substanzielle ist. Die Einheit des Seins ist aber nicht das gemeinhin wahrgenommene Dasein, sondern die wirkliche Existenz, die geheiligt und über jede Darstellung erhaben ist, eine Existenz, durch die alles ins Dasein tritt. Diese Existenz ist nur eine; alle Dinge – wie Materie, Energie und das allgemeine Dasein, das vom menschlichen Verstand erfasst wird – sind durch diese eine Existenz entstanden. Das ist die Wahrheit, die dem Glauben der Theosophen und der Sufis zugrunde liegt. Kurz gesagt, die Propheten und die Philosophen stimmen in einem Punkt überein, nämlich, dass die Ursache, durch die alles entsteht, nur eine ist. Der Unterschied besteht darin, dass die Propheten lehren, dass Gottes Wissen nicht von der Existenz des Erschaffenen abhängt, während das Wissen der Geschöpfe die Existenz von Gegenständen des Wissens erfordert. Sollte das göttliche Wissen irgendetwas benötigen, dann wäre es wie das Wissen der Geschöpfe und nicht das Wissen Gottes; denn das Präexistente ist unvereinbar mit dem Erzeugten und das Erzeugte ist dem Präexistenten entgegengesetzt. Das, was wir für die Entstehung der Schöpfung als Voraussetzungen bekräftigen, lehnen wir für Gott ab; denn eine der Eigenschaften des Notwendigerweise Existierenden Seins ist es, geheiligt und über alle Unvollkommenheiten erhaben zu sein. Zum Beispiel sehen wir im Erzeugten Unwissenheit; im Präexistenten erkennen wir Wissen. Im Erzeugten sehen wir Schwäche, im Präexistenten erkennen wir Macht. Im Erzeugten sehen wir Armut, im Präexistenten erkennen wir Reichtum. Daher ist das Erzeugte die Quelle aller Unvollkommenheiten, und das Präexistente ist der Inbegriff aller Vollkommenheit. Und da das Wissen des Erzeugten auf Gegenstände des Wissens angewiesen ist, muss das Wissen des Präexistenten unabhängig von deren Existenz sein. Daraus folgt, dass die Spezifizierung und Konkretisierung des Erschaffenen, die Gegenstand des göttlichen Wissens sind, nicht präexistent sind. Darüber hinaus versetzen die Attribute der göttlichen Vollkommenheit den menschlichen Verstand nicht in die Lage zu entscheiden, ob das göttliche Wissen Gegenstände braucht oder nicht. Kurz gesagt, was vorhin erwähnt wurde ist der wichtigste Beweis für die Sufis; wenn wir alle ihre Argumente ansprechen und darauf eingehen wollten, würde es sehr lange dauern. Das Gesagte ist jedoch der entscheidendste Beweis und deutlichste Beleg, den die Gelehrten unter den Sufis und Theosophen vorgebracht haben. Die wahre Existenz, durch die alles verwirklicht wird, also die Wirklichkeit des göttlichen Wesens, durch die alle Geschöpfe ins Dasein getreten sind, wird von allen anerkannt. Der Unterschied besteht darin, dass die Sufis behaupten, die Wirklichkeiten aller Dinge sei die Manifestation des Einen, während die Propheten sagen, dass sie aus dem Einen emanieren. Und in der Tat gibt es einen bedeutenden Unterschied zwischen Manifestation und Emanation. Erscheinen durch Manifestation bedeutet, dass sich etwas Einzelnes in zahllosen Formen manifestiert. Wenn etwa ein Samenkorn, also etwas Einzelnes, das mit der Vollkommenheit des Pflanzenreiches ausgestattet ist, sich manifestiert, geht es in unendlich viele Formen von Zweigen, Blättern, Blumen und Früchten über. Das nennt man Erscheinen durch Manifestation, während beim Erscheinen durch Emanation der Eine in den Höhen Seiner Heiligkeit transzendent bleibt, und die Existenz der Geschöpfe aus Ihm durch Emanation, nicht durch Manifestation erlangt wird. Das ist vergleichbar mit der Sonne: Die Strahlen gehen von ihr aus und scheinen auf alle Dinge, aber die Sonne verbleibt in den Höhen ihrer Heiligkeit. Sie steigt nicht herab; sie geht nicht über in die Form der Strahlen; sie nimmt keine individuelle Gestalt an durch Spezifizierung und Konkretisierung: Das Präexistente wird nicht zum Entstandenen; absoluter Reichtum gelangt nicht in die Fesseln der Armut; uneingeschränkte Vollkommenheit wird nicht in völlige Unvollkommenheit umgewandelt. Zusammengefasst sprechen die Sufis nur von Gott und der Schöpfung und glauben, dass Gott in die unendlichen Formen Seiner Schöpfung übergegangen sei und sich durch sie manifestiert habe, gleichsam wie das Meer, das in den unendlichen Formen seiner Wellen erscheint. Diese erzeugten und unvollkommenen Wellen seien identisch mit dem präexistenten Meer, das der Inbegriff aller göttlichen Vollkommenheit sei. Die Propheten vertreten jedoch die Sicht, dass es die Welt Gottes, die Welt des Königreichs und die Welt der Schöpfung gibt – drei Dinge. Die erste Emanation ist die ausströmende Gnade des Königreiches, die aus Gott emaniert und sich in der Wirklichkeit aller Dinge zeigt, so wie die von der Sonne ausgehenden Strahlen von allen Dingen reflektiert werden. Und diese Gnade – die Strahlen – erscheint in zahllosen Formen in der Wirklichkeit aller Dinge und wird entsprechend deren Fähigkeit, Empfänglichkeit und Wesen spezifiziert und konkretisiert. Aber die Behauptung der Sufis würde bedeuten, dass absoluter Reichtum zu Armut herabsteigt, dass das Präexistente sich auf die entstandenen Formen beschränkt und dass sich der Inbegriff der Macht im Spiegel der Ohnmacht spiegelt und den innewohnenden Grenzen der bedingten Welt unterworfen ist. Und das ist ein offensichtlicher Irrtum, denn wir stellen fest, dass die Wirklichkeit des Menschen, der das edelste aller Geschöpfe ist, nicht zur Wirklichkeit des Tieres hinabsteigt; dass das Wesen des Tieres, das mit der Kraft der Empfindung ausgestattet ist, sich nicht auf die Stufe der Pflanze herablässt; und dass die Wirklichkeit der Pflanze, die die Kraft des Wachstums ist, nicht zur Wirklichkeit des Minerals herabsteigt. Kurz gesagt, höhere Wirklichkeiten steigen nicht herab oder begeben sich auf die Stufe untergeordneter Wirklichkeiten. Wie könnte die allumfassende Wirklichkeit Gottes, die alle Beschreibungen und Attribute transzendiert, trotz ihrer absoluten Erhabenheit und Heiligkeit sich in die Formen und Wirklichkeiten der bedingten Welt auflösen, die die Quelle der Unvollkommenheit schlechthin sind? Das wäre reine Fantasie und eine haltlose Mutmaßung. Dieses Wesen der Heiligkeit ist im Gegenteil die Gesamtheit aller göttlichen Vollkommenheit des Herrn, und alle Geschöpfe erhalten Erleuchtung aus den Emanationen Seiner Erscheinung und sie haben Teil an den Lichtstrahlen Seiner himmlischen Vollkommenheit und Schönheit, gerade so, wie alle irdischen Geschöpfe die Gnade des Lichts durch die Strahlen der Sonne erhalten. Aber die Sonne erniedrigt sich nicht und steigt nicht zu den ihr entströmten Wirklichkeiten dieser irdischen Wesen herab. Nach dem Abendessen und in Anbetracht der späten Stunde, ist keine Zeit mehr für weitere Ausführungen.
Kapitel 83
Die vier Wege zur Erkenntnis
Es gibt nur vier anerkannte Wege zur Erkenntnis, das heißt vier Wege um die Wirklichkeit der Dinge zu verstehen. Der erste Weg geht über die Sinne, das heißt, alles, was Auge, Ohr, Gaumen, Nase und Tastsinn wahrnehmen, wird als »mit den Sinnen wahrnehmbar« bezeichnet. Derzeit halten alle europäischen Philosophen dies für den vollkommenen Weg. Sie behaupten, dass Sinneswahrnehmung der beste Weg sei, und dies ist ihnen heilig. Und doch ist der Weg über die Sinne unzulänglich, da er irreführend sein kann. Zum Beispiel ist das Sehvermögen von allen Sinnen der bedeutendste. Das Sehvermögen jedoch sieht in einer Luftspiegelung Wasser und hält Bilder, die im Spiegel erscheinen, für real; es nimmt große Körper als klein wahr, sieht in einem wirbelnden Punkt einen Kreis, stellt sich vor, dass die Erde feststeht und die Sonne sich bewegt und ist vielen anderen Irrtümern ähnlicher Art ausgesetzt. Man kann sich also nicht vorbehaltlos auf die Sinne verlassen. Der zweite Weg ist der des Intellekts, der Hauptweg zur Erkenntnis für jene Säulen der Weisheit, die alten Philosophen. Durch die Verstandeskraft leiteten sie Dinge her und stützten sich auf rationale Argumente: Alle ihre Argumente basieren auf der Vernunft. Trotzdem wichen ihre Auffassungen stark voneinander ab. Sie änderten sogar ihre eigene Sichtweise: Zwanzig Jahre lang leiteten sie mit rationalen Argumenten die Existenz von etwas her und widerlegten dieselbe später wiederum mittels rationaler Argumente. Auch Platon bewies zunächst durch rationale Argumente die Unbeweglichkeit der Erde und die Bewegung der Sonne, und belegte dann, wiederum durch rationale Argumente, die zentrale Position der Sonne und die Bewegung der Erde. Dann verbreitete sich die ptolemäische Theorie, und Platons Theorie geriet völlig in Vergessenheit, bis ein moderner Astronom sie wieder aufleben ließ. So vertraten die Mathematiker unterschiedliche Ansichten, obwohl sich alle auf rationale Argumente stützten. Ebenso belegten sie irgendwann etwas durch rationale Argumente und widerlegten es dann später, wiederum durch rationale Argumente. So hielt ein Philosoph einige Zeit an einer Sichtweise fest und führte eine Reihe von Beweisen und Argumenten an, um sie zu belegen, und danach änderte er seine Meinung und widerlegte seine frühere Haltung durch rationale Argumente. Es ist daher offensichtlich, dass der Weg der Vernunft unvollkommen ist, wie die Kontroversen zwischen den alten Philosophen sowie die mangelnde Übereinstimmung und die Neigung, ihre eigenen Ansichten zu ändern, beweisen. Denn wenn der Weg des Intellekts vollkommen wäre, sollten alle einig in ihren Ansichten sein und in ihren Meinungen übereinstimmen. Der dritte Weg ist der der Überlieferung, also der Text der Heiligen Schrift, wenn es heißt: »Gott sagte dies in der Thora«, oder »Gott sagte dies im Evangelium.« Auch dieser Weg ist nicht fehlerlos, denn die Überlieferungen müssen mit dem Verstand begriffen werden. Da der Verstand selbst zum Irrtum neigt, wie kann man da sagen, dass er zur vollkommenen Wahrheit gelangen werde und sich nicht irre, wenn er die Bedeutung der Überlieferung herleitet und begreift? Denn der Verstand unterliegt Irrtümern und kann nicht zur Gewissheit führen. Das ist der Weg der Religionsführer. Was sie dem Text des Buches entnehmen, ist lediglich, was ihr Verstand begreift, und nicht unbedingt die Wahrheit in der Angelegenheit; denn der Verstand ist wie ein Waage, und die in den Texten enthaltenen Bedeutungen sind wie die zu wiegenden Gegenstände. Wenn die Waage nicht stimmt, wie kann das Gewicht ermittelt werden? Wisse daher, dass das, was die Menschen besitzen und für wahr erachten, dem Irrtum unterworfen ist. Denn wenn die Sinneswahrnehmung als Beweis oder Widerlegung herangezogen wird, ist dieser Weg eindeutig unvollkommen; wenn ein rationaler Beweis erbracht wird, gilt dasselbe; und ebenso, wenn ein Beweis durch Überlieferung erbracht wird. Damit ist klar, dass der Mensch keinen Weg der Erkenntnis besitzt, auf den er sich verlassen kann. Die Gnade des Heiligen Geistes hingegen ist der wahre Weg, über den es keinen Zweifel und keine Ungewissheit gibt. Diese Gnade besteht in den Bestätigungen des Heiligen Geistes, die dem Menschen gewährt werden und durch die er Gewissheit erlangt.
Kapitel 84
Gute Taten und ihre geistigen Voraussetzungen
Frage: Die Gutes tun, der ganzen Menschheit wohlgesinnt sind, einen lobenswerten Charakter haben, allen Menschen Liebe und Freundlichkeit entgegenbringen, sich um die Armen kümmern und für allumfassenden Frieden arbeiten – warum bedürfen sie der göttlichen Lehren, auf die sie doch ihrer Überzeugung nach gut und gerne verzichten können? In welcher Lage befinden sich solche Menschen? Antwort: Wisse, dass solches Verhalten, solche Worte und Taten gelobt und anerkannt werden sollen, und dass sie der Menschheit zur Ehre gereichen. Aber diese Taten allein reichen nicht aus: Sie sind ein Körper von größter Schönheit, aber ohne Geist. Nein, was zu ewigem Leben, immerwährender Ehre, umfassender Erleuchtung und zu wahrem Erfolg und zu Erlösung führt, ist in erster Linie die Erkenntnis Gottes. Es ist klar, dass die Erkenntnis Gottes Vorrang vor jeder anderen Erkenntnis hat und die größte Tugend der menschlichen Welt darstellt. Denn die Wirklichkeit der Dinge zu verstehen verschafft im Reich des Seins einen materiellen Vorteil und bewirkt den Fortschritt der äußeren Zivilisation, die Erkenntnis Gottes hingegen ist die Ursache für Fortschritt und Hingezogensein des Geistes, wahre Schau und Einsicht, Erhöhung der Menschheit, das Erscheinen göttlicher Kultur, die Besserung der Sitten und Erleuchtung des Bewusstseins. An zweiter Stelle steht die Liebe zu Gott. Das Licht dieser Liebe wird durch die Erkenntnis Gottes in der Lampe des Herzens entzündet und seine Strahlen verbreiten sich, erleuchten die Welt und verleihen dem Menschen das Leben des Königreichs. Und die Frucht menschlicher Existenz ist in Wahrheit die Liebe Gottes, sie ist der Geist des Lebens und ewige Gnade. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wäre die bedingte Welt in tiefe Dunkelheit gehüllt. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die Menschenherzen des Lebens und der Regungen des Gewissens beraubt. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würde die Vollkommenheit der menschlichen Welt ganz und gar verschwinden. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, gäbe es keine wahre Verbindung der Menschenherzen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, ginge jede geistige Vereinigung verloren. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würde das Licht der Einheit der Menschheit verlöschen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würden sich Ost und West niemals wie zwei Liebende umarmen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würden Zwietracht und Spaltung nicht in Gemeinschaft verwandelt. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würde Entfremdung nicht der Einheit weichen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, würde der Fremde nicht zum Freund werden. Die Liebe in der Menschenwelt ist ein Strahl der Liebe Gottes und eine Spiegelung Seiner Freigebigkeit. Es ist klar, dass sich die Lebenswirklichkeit von Mensch zu Mensch unterscheidet, dass Meinungen und Sichtweisen voneinander abweichen, und dass diese Verschiedenheit der Gedanken, Meinungen, Auffassungen und Ansichten unter den Einzelnen eine wesentliche Notwendigkeit ist. Denn verschiedene Stufen in der Schöpfung gehören zu den wesentlichen Erfordernissen des Daseins, das unzählige Formen annimmt. Wir benötigen daher eine allumfassende Macht, die allen Gedanken, Meinungen und Empfindungen überlegen ist, die diese Trennungen aufheben und alle Menschen unter die Herrschaft des Prinzips der Einheit der Menschheit bringen kann. Und es ist klar und offensichtlich, dass die größte Macht in der Menschenwelt die Liebe Gottes ist. Sie versammelt die verschiedenen Völker im Schatten des Tabernakels der Einheit und fördert größte Liebe und Verbundenheit unter feindseligen und streitenden Völkern und Nationen. Schau in welch großer Zahl sich die verschiedenen Nationen, Volksgruppen, Sippen und Stämme nach der Ankunft Christi durch die Kraft der Liebe Gottes im Schatten Seines Wortes versammelten. Denke daran, wie die Unterschiede und Spaltungen von tausend Jahren vollständig beseitigt wurden, wie die Illusion der Überlegenheit von Rasse und Nation aufgelöst wurde, wie die Einheit im Fühlen und Denken erreicht wurde und alle wahrhaftige und vergeistigte Christen wurden. Die dritte Tugend des Menschen ist die reine Absicht, sie bildet das Fundament aller guten Taten. Manche Wahrheitssucher denken, dass die Absicht der Tat überlegen sei, denn eine reine Absicht sei nichts als Licht und völlig geheiligt von der geringsten Spur von Bosheit, List oder Betrug. Man kann nämlich eine Handlung ausführen, die rechtschaffen erscheint, in Wirklichkeit aber aus Eigennutz geschieht. Zum Beispiel zieht ein Metzger ein Schaf auf und sorgt für seine Sicherheit, aber diese gute Tat des Metzgers ist durch die Hoffnung auf Profit motiviert, und am Ende all dieser Sorgfalt wird das arme Schaf geschlachtet. Wie zahlreich sind die guten und gerechten Taten, die in Wirklichkeit aus Eigennutz geboren werden! Aber die reine Absicht ist erhaben über solche Mängel. Kurz gesagt, gute Taten werden erst dann vollkommen und vollendet sein, wenn die Erkenntnis Gottes erworben wurde, die Liebe Gottes sich manifestiert, geistiges Hingezogensein und reine Beweggründe erlangt worden sind. Andernfalls sind gute Taten zwar lobenswert, aber wenn sie nicht aus der Erkenntnis Gottes, aus der Liebe zu Gott und aus einer aufrichtigen Absicht geschehen, werden sie unvollkommen sein. Zum Beispiel muss das menschliche Dasein jede Vollkommenheit besitzen, um vollständig zu sein. Die Sehkraft ist kostbar und wird hoch geschätzt, aber sie muss durch das Hörvermögen unterstützt werden; das Hörvermögen wird hoch geschätzt, aber es muss durch Beredsamkeit unterstützt werden; die Beredsamkeit wird hoch geschätzt, aber sie muss durch Verstandeskraft unterstützt werden; und so ist es auch mit den anderen Kräften, Organen und Körperteilen des Menschen. Wenn all diese Kräfte, Sinne, Teile und Organe kombiniert werden, wird Vollkommenheit erreicht. In der heutigen Welt treffen wir Menschen, die aufrichtig das Wohl aller Menschen wünschen, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um den Armen zu helfen und den Unterdrückten beizustehen, und die sich für den allumfassenden Frieden und das allgemeine Wohlergehen einsetzen. Doch so vollkommen sie in dieser Hinsicht auch sein mögen, sie bleiben der Erkenntnis und der Liebe Gottes beraubt und sind somit unvollkommen. Galen, der Arzt, schrieb in seinem Kommentar zu Platons Abhandlung über die Staatskunst, dass religiöse Überzeugungen einen großen Einfluss auf die wahre Zivilisation ausüben, und der Beweis dafür sei: Die meisten Menschen können eine Abfolge logischer Argumente nicht erfassen und brauchen daher symbolische Andeutungen auf Lohn und Strafe in der nächsten Welt. Das Zeichen dafür ist, dass wir heute ein Volk sehen, das als Christen bezeichnet wird, die an die Belohnungen und Strafen der nächsten Welt glauben und gute Taten aufweisen, die denen eines wahren Philosophen gleichen. So sehen wir alle deutlich, dass sie keine Angst vor dem Tod haben und dass sie aufgrund ihrer glühenden Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Billigkeit als wahre Philosophen anzusehen sind.A168 Nun sieh genau, wie groß die Aufrichtigkeit, die Selbstverleugnung, die geistigen Empfindungen, die reinen Absichten und die guten Taten der christlichen Gläubigen für Galen, einen Philosophen und Arzt, der selbst kein Christ war, gewesen sein müssen, dass er die Sitten und die Vollkommenheit dieser Menschen bezeugte und sie wahre Philosophen nannte. Solche Tugenden und Eigenschaften können nicht allein durch gute Taten erreicht werden. Wenn Tugend nur bedeutet, dass etwas Gutes erreicht und verliehen wird, warum loben wir dann nicht diese brennende Lampe, die den Raum erhellt, da doch ihr Licht ohne Zweifel eine gute Sache ist? Die Sonne nährt alle irdischen Dinge und fördert ihr Wachstum und ihre Entwicklung durch ihre Wärme und ihr Licht – was gibt es Besseres? Da dieses Gute jedoch nicht guten Absichten und der Liebe und Erkenntnis Gottes entspringt, beeindruckt es nicht im Geringsten. Aber wenn jemand einem anderen ein Glas Wasser anbietet, wird ihm Wertschätzung und Dankbarkeit entgegengebracht. Ein gedankenloser Mensch könnte sagen: »Diese Sonne, die der Welt Licht spendet und diese Gabenfülle manifestiert, muss sicherlich gelobt und verherrlicht werden. Denn warum sollten wir einen Menschen für ein so bescheidenes Geschenk loben, der Sonne aber keinen Dank erweisen?« Wenn wir jedoch mit dem Auge der Wahrheit schauten, würden wir sehen, dass das bescheidene Geschenk, das dieser Mensch macht, aus der Regung des Bewusstseins stammt und daher lobenswert ist, während das Licht und die Hitze der Sonne nicht darauf zurückzuführen sind und sie daher unser Lob und unsere Dankbarkeit nicht verdienen. In gleicher Weise sollten diejenigen, die gute Taten vollbringen, gelobt werden, aber wenn diese Taten nicht aus der Erkenntnis und Liebe Gottes hervorgehen, sind sie gewiss unvollkommen. Wenn du abgesehen davon diese Angelegenheit gerecht betrachtest, wirst du sehen, dass auch die guten Taten der Nichtgläubigen ihren Ursprung in den göttlichen Lehren haben. Das heißt, von alters her ermahnten die Propheten die Menschen zu solchen Taten, erklärten ihre Vorteile und erläuterten ihre positiven Wirkungen; diese Lehren verbreiteten sich dann unter den Menschen, erreichten nach und nach die Nichtgläubigen und zogen ihre Herzen zu dieser Vollkommenheit hin; und als sie diese Handlungen lobenswert fanden und sahen, dass sie Freude und Glück unter den Menschen hervorriefen, passten sie sich ihnen an. So entspringen auch diese Taten den göttlichen Lehren. Aber um das zu sehen, ist ein gewisses Maß an Unparteilichkeit erforderlich. Gelobt sei Gott, du hast Persien besucht und erlebt, wie die geheiligten Brisen Bahá’u’lláhs Perser dazu brachten, der ganzen Menschheit liebevolle Freundlichkeit zu erweisen. Wenn sie früher auf einen Anhänger einer anderen Religion trafen, haben sie ihn mit äußerster Feindschaft, mit Hass und Bosheit angegriffen und ihn sogar als unrein angesehen. Sie verbrannten das Evangelium und die Thora und wuschen sich die Hände, wenn sie durch das Berühren dieser Bücher verunreinigt waren. Aber jetzt rezitieren und kommentieren die meisten von ihnen bei ihren Treffen und Versammlungen, dem Anlass entsprechend, etwas aus diesen beiden Büchern und erklären und erläutern ihre inneren Bedeutungen und Geheimnisse. Sie begegnen ihren Feinden mit Freundlichkeit und behandeln blutrünstige Wölfe mit zärtlicher Fürsorge, als wären es die Gazellen auf den Wiesen der Liebe Gottes. Du hast ihr Verhalten und ihren Charakter gesehen, und du hast von den Sitten der Perser in vergangenen Zeiten gehört. Kann dieser Sittenwandel und diese Verbesserung von Sprache und Verhalten anders als durch die Liebe Gottes herbeigeführt werden? Nein, bei Gott! Sollten wir versuchen, solche Sitten und Gebräuche allein durch Wissen und Bildung zu verbreiten, würden tausend Jahre vergehen, und doch wären sie von den Massen nicht umgesetzt worden. Dies wurde Dank der Liebe Gottes an diesem Tag mit größter Leichtigkeit erreicht. Merkt auf, o ihr mit verständigem Herzen!
Literaturverzeichnis
Bahá’u’lláh – Anspruch und Verkündigung, Sendbriefe aus Edirne und ‘Akká, Hofheim, 2007 – Ährenlese, Eine Auswahl aus den Schriften Bahá’u’lláhs, Hofheim, 7. Auflage, 2012, Nachdruck der 4. revidierten Auflage 1999 als Taschenbuch – Brief an den Sohn des Wolfes, Auflage 2.02-online (2019-02-20), bibliothek.bahai.de, Bahá’í Verlag 2019 – Kitáb-i-Aqdas – Das Heiligste Buch, Hofheim, 2000 – Kitáb-i-Íqán – Das Buch der Gewissheit, Frankfurt am Main, 1958, 4. völlig überarbeitete Auflage: Hofheim 2004 – Verborgene Worte, Hofheim, 12.Auflage, 2015 Balyuzi, H. M. – Bahá’u’lláh – Der Herr der Herrlichkeit, Hofheim, 1991 ‘Abdu’l-Bahá – Briefe und Botschaften, Hofheim, 1992 – The Promulgation of Universal Peace, translation Howard MacNutt, Wilmette, IL, 2012 – Ansprachen in Paris, Hofheim, 2014, 10. Veränderte Auflage Aristoteles – Physik Bibel, verschiedene Ausgaben Qur’án, verschiedene Ausgaben Nicholson, R. A. – Mysticism, The Legacy of Islam, edited by Sir Thomas Arnold und Alfred Guillaume, Oxford 1931, S. 224 Shoghi Effendi – Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, Briefe von Shoghi Effendi, Hofheim, 1977 – Der verheißene Tag ist gekommen, Frankfurt, 1967 – Gott geht vorüber, Hofheim, 2019, Auflage, 4.01-P(2019-10-16) Platon – Parmenides, nach der Übersetzung Francis MacDonald Cornford Plotin – Enneaden, nach der Übersetzung von Armstrong Ibn Abí Uṣaybi‘ih – ‘Uyúnu’l-Anbá’ fí Ṭabaqáti’l-Aṭibbá’, Kairo 1882 Jurjí Zaydán – Umayyads and ‘Abbásids: Being the Fourth Part of Jurjí Zaydán’s History of Islamic Civilization, translation D. S. Margoliouth, London 1987 Alle Bibel- und Qur‘ánpassagen wurden verbatim aus im deutschsprachigen Raum erhältlichen Übersetzungen zitiert, wobei jeweils diejenige Version gewählt wurde, die möglichst gut mit der englischen Übersetzungsvorlage übereinstimmt.
Quellenangaben
Anmerkungen
A1 Vergleiche zum Beispiel: ‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften, 30:2; ‘Abdu’l-Bahá, The Promulgation of Universal Peace, Ansprache am 1. September 1912, im Haus von Mr. und Mrs. William Sutherland Maxwell; ‘Abdu’l-Bahá, Ansprachen in Paris, 2:1 und 28:6 A2 Kapitel 46, Absatz 7 A3 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 482 A4 Aus einem Brief Shoghi Effendis vom 13. März 1923 an die Bahá’í in Australasien. A5 Aus einem Brief vom 14. November 1940 im Auftrag von Shoghi Effendi an einen einzelnen Gläubigen. A6 Genesis 1:26 A7 Vergleiche: Johannes 6:42 A8 Vergleiche: Jurjí Zaydán, Umayyads and ‘Abbásids: Being the Fourth Part of Jurjí Zaydán’s History of Islamic Civilization, translation D. S. Margoliouth, London 1987, S. 125ff. A9 ‘Umar A10 Kopernikus A11 Qur’án 36:38 A12 Qur’án 36:40 A13 Galileo A14 ‘Abdu’l-Bahá bezieht sich auf den Báb mit Dessen Titel Ḥaḍrat-i-A‘lá – Seine Heiligkeit der Erhabene –, aber Er wird hier mit dem Namen bezeichnet, unter dem Er im Westen bekannt ist. A15 ‘Abdu’l-Bahá bezieht sich hier auf Bahá’u’lláh mit Dessen Titel Jamál-i-Mubárak (die Gesegnete Schönheit). Er wird auch Jamál-i-Qidam (Urewige Schönheit) und Qalam-i-A‘lá (Feder des Höchsten) genannt, aber Er wird hier durchweg nach Seinem Titel Bahá’u’lláh benannt, unter dem Er im Westen bekannt ist. A16 Bahá’u’lláh wurde zuerst von Ṭihrán nach Baghdád verbannt, dann nach Konstantinopel (Istanbul) und Adrianopel (Edirne). 1868 wurde Er in ‘Akká, dem „Größten Gefängnis“, inhaftiert, und verstarb 1892 in der näheren Umgebung. A17 Zwei Städte im Irak, in denen sich die Grabmäler des ersten und des dritten Imáms der Shí‘iten befinden, und die wichtige Pilgerstätten sind. A18 Bahá’u’lláhs erstes Sendschreiben an Napoleon III. wurde in Adrianopel offenbart, das Bahá’u’lláh als »entlegenen Kerker« bezeichnete. (siehe Bahá’u’lláh, Brief an den Sohn des Wolfes 76). A19 Vergleiche: Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:138 A20 Der Sohn des französischen Konsuls in Syrien, der laut Nabíl-i-A‘ẓam ein Anhänger Bahá’u’lláhs war. Vergleiche: Balyuzi, H. M., Bahá’u’lláh – Der Herr der Herrlichkeit, S. 371 A21 Vergleiche: Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:221 A22 ›Yá Bahá’u’l-Abhá‹, eine Anrufung des Größten Namens Gottes (der Allherrliche, oder auch der Herrlichste). A23 Bahá’u’lláh A24 Vergleiche: Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán – Das Buch der Gewissheit 213 A25 Siehe oben, Kapitel 8–9 A26 Vergleiche: Daniel 9:24 A27 Vergleiche: Numeri 14:34; Hesekiel 4:6 A28 Das heißt, Muḥammads Frau und deren Cousine Varaqih-ibn-i-Nawfal. A29 Da das öffentliche Wirken Muḥammads zehn Jahre vor der Hijrah begann, entspricht dieses Datum dem Jahr 1280 n.d.H. bzw. 1863 n.Chr. A30 Offenbarung 11:3 A31 Qur’án 48:8 A32 Offenbarung 11:4 A33 Offenbarung 11:5 A34 Offenbarung 11:6 A35 Offenbarung 11:6 A36 Offenbarung 11:6 A37 Offenbarung 11:7 A38 Offenbarung 11:7 A39 Offenbarung 11:7 A40 Offenbarung 11:8 A41 Offenbarung 11:9 A42 Offenbarung 11:10 A43 Offenbarung 11:11 A44 Offenbarung 11:12 A45 Der Báb und Quddús A46 Offenbarung 11:12 A47 Offenbarung 11:13 A48 Offenbarung 11:13 A49 Offenbarung 11:14 A50 Hesekiel 30:1–3 A51 Offenbarung 11:15 A52 Offenbarung 11:16–17 A53 »In Bezug auf die vierundzwanzig Ältesten erklärte der Meister in einem Sendschreiben, dass es sich um den Báb, die 18 Buchstaben des Lebendigen und fünf andere handelt, die in Zukunft bekannt werden würden.« (Aus einem Brief vom Juli 1943 an einen einzelnen Gläubigen, geschrieben im Auftrag Shoghi Effendis) ‘Abdu’l-Bahá benannte in einem Sendschreiben eine der verbleibenden fünf Personen als Ḥájí Mírzá Muḥammad-Taqí Afnán, Vakílu’d-Dawlih. A54 Offenbarung 11:18 A55 Offenbarung 11:18 A56 Offenbarung 11:18 A57 Offenbarung 11:18 A58 Offenbarung 11:19 A59 Offenbarung 11:19 A60 Offenbarung 11:19 A61 Offenbarung 11:19 A62 Die Übersetzung des Absatzes folgt bis zu dieser Stelle Shoghi Effendis überarbeiteter Übersetzung, wie zitiert in: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 299 und in: Shoghi Effendi, Der verheißene Tag ist gekommen, S. 183. Es ist zu beachten, dass das Wort ›Nahál‹, das im Englischen ›rod‹ entspricht und in den Absätzen 1–2 als solches wiedergegeben wurde, in diesem Absatz als ›Schössling‹ wiedergegeben wurde. Beide Begriffe beziehen sich auf Bahá’u’lláh. A63 Offenbarung 21:1–3 A64 Offenbarung 21:2 A65 Offenbarung 12:2 A66 Offenbarung 12:3–4 A67 Offenbarung 12:4 A68 Offenbarung 12:5 A69 Offenbarung 12:5 A70 Offenbarung 12:6 A71 Offenbarung 12:6 A72 Offenbarung 12:6 A73 Das Wort ›Sa‘ádat‹, das hier als ›Glück‹ wiedergegeben wird, hat weitere Bedeutungen wie Wohlstand, Freude und Wohlbefinden. A74 Vergleiche: Matthäus 3:16–17, Markus 1:10–11, Lukas 3:22 A75 Vergleiche: Exodus 13:21–22 A76 Vergleiche: Johannes 10:38 A77 Aus Bahá’u’lláhs Sendschreiben an Náṣiri’d-Dín Sháh, in Súriy-i-Haykal, in: Brief an den Sohn des Wolfes 12 A78 Qur’án 19:17; vergleiche auch Lukas 1:26–28 A79 Qur’án 36:36 A80 Vergleiche Qur’án 13:3 A81 Johannes 1:12–13 A82 Genesis 2:7 A83 Vergleiche: Matthäus 3:11, Markus 1:8, Lukas 3:16, Johannes 1:33 A84 Vergleiche: Apostelgeschichte 15:20 A85 ‘Abdu’l-Bahá bezieht sich hier auf das Konzept von Hitze und Kälte, das in der traditionellen islamischen Medizin eine wichtige Rolle spielt. A86 Johannes 6:51 A87 Matthäus 26:26 A88 Matthäus 8:22, Johannes 3:6 A89 Vergleiche: Matthäus 13:14–15, Johannes 12:39–40 A90 Vergleiche: Matthäus 24:29–30 A91 Vergleiche: Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán – Das Buch der Gewissheit, Absatz 27–42 und 66–87 A92 Vergleiche: Johannes 3:13 A93 Masíkh (Monster), eine Verzerrung von Masíḥ (Messias). A94 Vergleiche: 1 Thessaloniker 5:2, 2 Petrus 3:10 A95 Johannes 17:5 A96 Vergleiche: Johannes 6:50–51 A97 Vergleiche: Genesis 2:16–17 A98 Vergleiche: Genesis 3:5 A99 Vergleiche: Genesis 3:11–15, 22 A100 Bahá’u’lláh A101 Vergleiche: Johannes 6:51 A102 D.h. Juden und Christen A103 Matthäus 8:22 A104 Matthäus 12:31–2 A105 Matthäus 22:14 A106 Qur’án 2:105 und 3:74 A107 Matthäus 22:14 A108 Vergleiche: Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán – Das Buch der Gewissheit 156–179 A109 Vergleiche: Johannes 1:19–21 A110 Das heißt, die Individualität von Johannes. A111 Vergleiche Matthäus 23:34–36 A112 Matthäus 16:18 A113 Der Vorname von Petrus war Simon, aber Christus nannte ihn Kephas, was den griechischen Wörtern ›Petros‹ oder ›Petra‹ entspricht und ›Fels‹ bedeutet. A114 Vergleiche: Matthäus 16:14–18 A115 An anderer Stelle umfasst ‘Abdu’l-Bahás Klassifizierung auch den Geist des Minerals, vergleiche Beantwortete Fragen Kapitel 64, Briefe und Botschaften 30:2, und The Promulgation of Universal Peace (2012), S. 95, 264f., 336, 360 und 377f. A116 Aus einer Überlieferung, die Imám ‘Alí zugeschrieben wird. A117 Qur’án 6:103 A118 Aus einer Überlieferung, die Imám ‘Alí zugeschrieben wird. A119 Qur’án 59:2 A120 Vergleiche: Johannes 14:11 und 17:21 A121 ‘Abdu’l-Bahá nimmt hier eine Frage über den Beginn der Offenbarung Bahá’u’lláhs vorweg, die in Kapitel 16 und 39 ausführlicher behandelt wird. A122 Vergleiche: Ährenlese, Eine Auswahl aus den Schriften Bahá’u’lláhs, Kapitel 41, und Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:192 A123 Johannes 1:1 A124 Matthäus 6:9, Lukas 11:2 A125 Siehe: Kapitel 14 A126 Johannes 1:1 A127 Vergleiche: Exodus 20:4–5, Deuteronomium 5:8–9 A128 Vergleiche: Numeri 13–14 A129 Qur’án 48:1–2 A130 Matthäus 19:16–17 A131 Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas – Das Heiligste Buch 47 A132 Das Wort ›Naw‘‹, das hier und in den folgenden Kapiteln als ›Art‹ übersetzt wird, hat eine Reihe von Bedeutungen, darunter ›Art‹, ›Gattung‹ und ›Spezies‹. ‘Abdu’l-Bahá verwendet das Wort nicht in der modernen biologischen Bedeutung, sondern in der Bedeutung unveränderlicher archetypischer Formen. A133 In einer Tafel schreibt Bahá’u’lláh diese Worte Hermes zu. A134 Siehe zum Beispiel Kapitel 2 und 80 A135 Qur’án 23:14 und Bahá’u’lláh, Verborgene Worte, pers. 9 A136 Genesis 1:26 A137 Wie im nächsten Kapitel zu sehen ist, verwendet ‘Abdu’l-Bahá die Begriffe ›In Erscheinung treten durch Emanation‹ und ›Hervorgehen durch Emanation‹ synonym. A138 Vergleiche: Kapitel 80 A139 Vergleiche: Genesis 2:7 A140 Johannes 1:1 A141 Johannes 1:1 A142 Vergleiche: zum Beispiel Johannes 14:10–11 und 17:21 A143 Siehe: Kapitel 36 A144 Vergleiche: Genesis 9:22–7 A145 Ein solcher Unterschied in den Fähigkeiten muss unweigerlich zu einem Unterschied im Charakter führen. A146 Vergleiche: Ährenlese aus den Schriften Bahá’u’lláhs, Kapitel 41; und Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:192 A147 Vergleiche: Offenbarung 22:13 A148 Vergleiche: Kapitel 48 A149 Vergleiche: Johannes 3:5 A150 Vergleiche: Johannes 1:13 A151 Qur’án 23:14 A152 ‘Abdu’l-Bahá wendet sich hier direkt an Laura Clifford Barney, deren Vater 1902 verstorben war. A153 Mírzá Yaḥyá, Halbbruder und eingeschworener Feind Bahá’u’lláhs A154 »Die erste Pflicht, die Gott Seinen Dienern auferlegt, ist die Anerkennung Dessen, der der Tagesanbruch Seiner Offenbarung, der Urquell Seiner Gesetze ist und Gott im Reiche Seiner Sache und in der Welt der Schöpfung vertritt. Wer diese Pflicht erfüllt, hat alles Gute erreicht, und wer dessen beraubt ist, geht in die Irre, hätte er auch alle gerechten Werke vollbracht.«(Kitáb-i-Aqdas – Das Heiligste Buch 1) A155 Siehe Kapitel 84 für eine ausführlichere Erörterung dieses Themas. A156 Römer 9:21 A157 Siehe: Kapitel 32, 62 und 63 A158 Vergleiche: Matthäus 5:39 A159 Ein Bahá’í, der mit am Tisch saß. A160 Matthäus 8:22 A161 Vergleiche: Aristoteles, Physik 194b16–195a1 A162 Der Baum von Zaqqúm, erwähnt in Qur’án 17:60, 37:62–66, 44:43–46 und 56:52–53 A163 Vergleiche: Qur’án 37:180 A164 Qur’án 59:2 A165 Siehe: Kapitel 33 für eine ausführlichere Erörterung dieses Themas. A166 Wie ‘Abdu’l-Bahá erklärt, liegt der Ursprung der Idee jedoch sehr weit zurück, seine Geschichte im islamischen Denken beginnt mit Ibnu’l-‘Arabí (1165–1240). »Ibnu’l-‘Arabí ist ein überzeugter Monist, und der Name seiner Lehre (Vaḥdatu’l-Vujúd, die Einheit der Existenz) beschreibt sie treffend. Er ist der Ansicht, dass alle Dinge im Wissen Gottes als Vorstellung präexistent sind, von dort aus emanieren und dorthin schließlich zurückkehren.« Nicholson, R. A., Mysticism, The Legacy of Islam, edited by Sir Thomas Arnold und Alfred Guillaume, Oxford 1931, S. 224 A167 Vergleiche: Plotin, Enneaden 5.2.1: »Das Eine ist alles und auch nicht eins.« (nach der Übersetzung von Armstrong); und Platon, Parmenides 160b2-3: »Wenn es also das Eine gibt, ist das Eine sowohl Alles als auch Nichts, sowohl in Bezug auf sich selbst als auch auf die anderen« (nach der Übersetzung von Cornford). In der Tradition der islamischen Philosophen werden einige der Schriften des Plotin Aristoteles zugeschrieben. A168 Vergleiche: Ibn Abí Uṣaybi‘ih, ‘Uyúnu’l-Anbá’ fí Ṭabaqáti’l-Aṭibbá’, Kairo 1882, 1:76–77