Erstes Kapitel
ERSTES KAPITEL Arjuna beobachtet die Heere auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra
VERS 1 Dhrtarastra sprach: O Sanjaya, was taten meine Söhne und die Söhne Pandus, als sie sich an der Pilgerstätte von Kuruksetra voll Kampflust versammelt hatten? ERLÄUTERUNG Bhagavad-Gita ist die vielgelesene, in der Gita-mahatmya (Ruhmpreisung der Gita) zusammengefaßte, theistische Wissenschaft. In der Gita-mahatmya heißt es, man solle die Bhagavad-Gita mit der Hilfe eines Menschen, der ein Geweihter Sri Krsnas ist, genau prüfend lesen und versuchen, sie frei von subjektiv motivierten Interpretationen zu verstehen. Das Beispiel klaren Verständnisses findet man in der Bhagavad-Gita selbst, nämlich in der Weise, wie diese Lehre von Arjuna verstanden wurde, der die Gita unmittelbar vom Herrn hörte. Wenn jemand sich so glücklich schätzen kann, die Bhagavad-Gita in dieser Linie der Schülernachfolge, ohne motivierte Interpretation, zu verstehen, erhebt er sich über alle Studien vedischer Weisheit und alle Schriften der Welt. Man wird in der Bhagavad-Gita all das finden, was in anderen Schriften enthalten ist, doch wird der Leser auch Dinge finden, die andernorts nicht zu finden sind. Das ist das Besondere an der Gita. Sie ist die vollkommene Gotteswissenschaft, weil sie unmittelbar von der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Sri Krsna, gesprochen ist. Die von Dhrtarastra und Sanjaya besprochenen Themen, die im Mahabharata schrieben sind, bilden das Grundprinzip dieser bedeutenden Philosophie. Es wird berichtet, daß diese Philosophie auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra offenbart wurde, das schon seit den längst vergangenen Zeiten der vedischen Kultur eine heilige Pilgerstätte ist. Sie wurde vom Herrn gesprochen, als Er auf diesem Planeten persönlich erschienen war, um die Menschheit zu unterweisen. Das Wort dharma-ksetra(ein Ort, an dem religiöse Rituale vollzogen werden) ist bedeutsam, weil auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra die Höchste Persönlichkeit Gottes auf der Seite Arjunas stand. Dhrtarastra , der Vater der Kurus, hatte am endgültigen Sieg seiner Söhne starke Zweifel, und so fragte er seinen Sekretär Sanjaya: "Was taten meine Söhne und die Söhne Pandus?” Er war sich sicher, daß sich sowohl seine Söhne als auch die Söhne seines jüngeren Bruders Pandu auf diesem Feld von Kuruksetra versammelt hatten, um sich mit Entschlossenheit zu bekriegen. Er wünschte keinen Kompromiß zwischen den Vettern und Brüdern und wollte über das Schicksal seiner Söhne auf dem Schlachtfeld Gewißheit haben. Da es so arrangiert war, daß diese Schlacht bei Kuruksetra gekämpft werden sollte, das an einer anderen Stelle in den Veden als eine Stätte der Verehrung - selbst für die Bewohner der himmlischen Planeten - erwähnt wird, war Dhrtarastra über den Einfluß des heiligen Ortes auf den Ausgang der Schlacht von großer Furcht erfüllt. Er wußte sehr wohl, daß dies Arjuna und dessen Bruder günstig beeinflussen wurde, da sie alle von Natur aus tugendhaft waren. Sanjaya war ein Schüler Vyasas, und daher war er durch die Barmherzigkeit Vyasas befähigt, das Schlachtfeld von Kuruksetra intuitiv vor sich zu sehen, obwohl er sich in Dhrtarastra s Zimmer aufhielt. Aus diesem Grunde also befragte ihn Dhrtarastra über die Lage auf dem Schlachtfeld. Sowohl die Pandavas als auch die Söhne Dhrtarastra s gehören zur selben Familie, doch wird hier Dhrtarastra s Denkweise enthüllt. Er erhob mit wohlüberlegter Absicht den Anspruch, nur seine Söhne seien Kurus, und schloß die Söhne Pandus vom Familienerbe aus. Man, kann somit die besondere Stellung Dhrtarastras in seiner Beziehung zu seinen Neffen, den Söhnen Pandus, verstehen. Schon jetzt Beginn kann man erwarten, daß ebenso, wie in einem Reisfeld die nutzlosen Pflanzen ausgerissen werden, auf dem religiösen Feld von Kuruksetra, wo der Vater der Religion, Sri Krsna, anwesend war, die unerwünschten Pflanzen wie Dhrtarastra s Sohn Duryodhana und andere vernichtet werden und den wahrhaft religiösen Menschen unter der Führung Yudhistihiras vom Herrn die Herrschaft übertragen wird. Dies ist die Bedeutung der Worte dharmaksetre und kuru-ksetre, wenn man sie einmal abgesehen von ihrer geschichtlichen und vedischen Bedeutung betrachtet.
VERS 2 Sanjaya sagte: O König, nachdem König Duryodhana über die Armee geblickt hatte, die von den Söhnen Pandus aufgestellt worden war, ging er zu seinem Lehrer und sprach die folgenden Worte: ERLÄUTERUNG Dhrtarastra war von Geburt an blind, und unglückseligerweise mangelte es ihm auch an spiritueller Sicht. Er wußte sehr wohl, daß seine Söhne in bezug auf Religion gleichermaßen blind waren, und er war sicher, daß sie sich niemals mit den Pandavas einigen konnten, die alle von Geburt an fromm waren. Dennoch kamen ihm wegen des Einflusses der Pilgerstätte Zweifel, und Sanjaya konnte verstehen, aus welchem Grund er Fragen über die Lage auf dem Schlachtfeld stellte. Er wollte den König daher ermutigen und machte ihn warnend darauf aufmerksam, daß seine Söhne nicht bereit waren, unter dem Einfluß der heiligen Stätte irgendeinen Kompromiß zu schließen. Sanjaya teilte dem König weiter mit, daß sein Sohn Duryodhana sogleich zu seinem Oberbefehlshaber Dronacarya ging, nachdem er die militärische Stärke der Pandavas gesehen hatte, um ihn über die wirkliche Lage zu unterrichten. Obwohl Duryodhana hier als der König bezeichnet wird, mußte er dennoch, aufgrund der ernsten Lage, zum Befehlshaber gehen. Er war daher durchaus geeignet, Politiker zu sein. Aber Duryodhanas diplomatische Scheinheiligkeit konnte nicht die Furcht verbergen, die er verspürte, als er die militärische Aufstellung der Pandavas sah.
VERS 3 O mein Lehrer, betrachte das gewaltige Heer der Söhne Pandus, das dein intelligenter Schüler, der Sohn Drupadas, so geschickt aufstellte. ERLÄUTERUNG Duryodhana, ein geschickter Diplomat, wollte auf die Fehler Dronacaryas, des großen brahmaäa- Oberbefehlshabers, aufmerksam machen. Dronacarya hatte mit König Drupada, dem Vater Draupadis, die Arjunas Gattin war, politische Streitigkeiten gehabt. Als Folge dieser Auseinandersetzung vollzog Drupada ein großes Opfer, durch das er die Segnung empfing, einen Sohn zu haben, der fähig war, Dronacarya zu töten. Dronacarya wußte dies sehr wohl, und doch zögerte er als großmütiger brahmaäa nicht, dem Sohn Drupadas, Dhrstadyumna, alle seine militärischen Geheimnisse anzuvertrauen, als dieser ihm zur militärischen Ausbildung übergeben wurde. Auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra wählte Dhrstadyumna die Seite der Pandavas, und er war es, der ihre Schlachtordnung aufstellte, nachdem er die Kunst von Dronacarya erlernt hatte. Duryodhana machte Dronacarya auf diesen Fehler aufmerksam, damit dieser während des Kampfes wachsam und unnachgiebig sei. Außerdem wollte er hierdurch darauf hinweisen, daß Dronacarya in der Schlacht gegen die Pandavas, die ebenfalls seine ihm lieben Schüler waren, nicht ähnlich milde sein solle. Besonders Arjuna war sein liebster und hervorragendsten Schüler. Duryodhana warnte auch davor, daß solche Schonung im Kampf zu einer Niederlage führen würde.
VERS 4 In diesem Heer gibt es viele heldenhafte Bogenschützen, die Bhima und Arjuna im Kampf ebenbürtig sind. Auch sind dort große Kämpfer wie Yuyudhana, Virata und Drupada. ERLÄUTERUNG Obwohl Dhrstadyumna angesichts der hervorragenden Fähigkeiten Dronacaryas auf dem Gebiet der Kriegführung kein sehr großes Hindernis war, gab es dennoch viele andere, die Anlaß zu Befürchtungen gaben. Sie werden von Duryodhana als große Hindernisse auf dem Weg zum Sieg bezeichnet, denn jeder einzelne von ihnen war ebenso furchterregend wie Bhima und Arjuna. Er kannte die Stärke Bhimas und Arjunas und verglich daher die anderen mit ihnen.
VERS 5 Dort sind auch so bedeutende, heldenhafte und mächtige Kämpfer wie Dhrstaketu, Cekitana, Kasiraja, Purujit, Kuntibhoja und Saibya.
VERS 6 Dort stehen der gewaltige Yudhamanyu, der machtvolle Uttamauja, der Sohn Subhadras und die Söhne Draupadis. All diese Krieger sind große Wagenkämpfer.
VERS 7 O bester der brahmaäas, laß mich dir zu deiner Information mitteilen, welche Hauptleute besonders geeignet sind, meine Streitmacht zu führen.
VERS 8 Es gibt dort Persönlichkeiten wie dich selbst, Bhisma, Karna, Krpa, Asvatthama, ViKarna und den Sohn Somadattas mit Namen Bhurisrava, die in der Schlacht immer siegreich sind. ERLÄUTERUNG Duryodhana erwähnte die herausragenden Helden der Schlacht, die alle immer siegreich sind. ViKarna ist der Bruder Duryodhanas; Asvatthama ist der Sohn Dronacaryas, und Saumadatti oder Bhurisrava ist der Sohn des Königs der Bhaliker. Karna ist der Halbbruder Arjunas, da er von Kuntī geboren wurde, ehe sie König Pandu heiratete. Krpacarya heiratete die Zwillingsschwester Dronacaryas. VERS 9 Es gibt noch viele andere Helden, die bereit sind, um meinetwillen ihr Leben zu wagen. Sie alle sind sehr gut mit verschiedenartigen Waffen ausgerüstet, und alle sind in der militärischen Wissenschaft erfahren. ERLÄUTERUNG Was die anderen betrifft - wie Jayadratha, Kṛtavarma oder Salya -, so sind alle entschlossen, für Duryodhana ihr Leben zu opfern. Mit anderen Worten: Es ist bereits klar, daß sie alle in der Schlacht von Kuruksetra sterben werden, weil sie sich der Partei des sündigen Duryodhana angeschlossen haben. Aufgrund der oben erwähnten vereinigten Kräfte seiner Freunde war Duryodhana natürlich von seinem Sieg überzeugt.
VERS 10 Unsere Stärke ist unermeßlich, und wir werden von Großvater Bhisma vollendet beschützt, wohingegen die Stärke der Pandavas, die von Bhima sorgfältig beschützt werden, begrenzt ist. ERLÄUTERUNG Hier wird von Duryodhana das Stärkeverhältnis abgeschätzt. Er glaubt, die Stärke seiner Streitkräfte sei unermeßlich, da sie der erfahrenste General, Großvater Bhisma, besonders beschütze. Demgegenüber seien die Streitkräfte der Pandavas begrenzt, da diese ein weniger erfahrener General, nämlich Bhima, beschütze, der in der Gegenwart Bhismas wie ein Zwerg erscheine. Duryodhana hatte Bhima immer schon beneidet, da er sehr genau wußte, daß er nur von Bhima getötet werden würde, falls er überhaupt sterben sollte; aber gleichzeitig war er durch die Gegenwart Bhismas, der ein weitaus überlegenerer Feldherr war, von seinem Sieg überzeugt. Seine Schlußfolgerung, daß er aus der Schlacht siegreich hervorgehen würde, beruhte auf genauen Überlegungen.
VERS 11 Jetzt müßt ihr Großvater Bhisma volle Unterstützung gewähren, indem ihr eure jeweiligen strategischen Punkte an der Heeresfront einnehmt. ERLÄUTERUNG Nachdem Duryodhana die Tapferkeit Bhismas gepriesen hatte, bedachte er, andere könnten glauben, sie seien als weniger wichtig angesehen worden, und so versuchte er in seiner üblichen diplomatischen Art, die Lage mit den obigen Worten zu bereinigen. Er betonte, Bhismadeva sei zweifellos der größte Held, doch sei er ein alter Mann, und daher solle jeder besonders darauf achten, ihm von allen Seiten Deckung zu geben. Er mochte in den Kampf verwickelt werden, und wenn Bhisma auf einer Seite völlig in Anspruch genommen sei, könne der Feind dies unter Umständen ausnutzen. Daher sei es wichtig, daß die anderen Helden ihre strategischen Stellungen nicht verlassen und so dem Feind gestatten würden, die Schlachtreihe zu durchbrechen. Duryodhana spürte deutlich, daß der Sieg der Kurus von der Gegenwart Bhismadevas abhing. Er war sich der vollen Unterstützung Bhismadevas und Dronacaryas in der Schlacht gewiß, da er sehr wohl wußte, daß sie nicht ein einziges Wort gesagt hatten, als Arjunas Gattin DraupadÖ sie um Gerechtigkeit angefleht hatte, als sie in völliger Hilflosigkeit gezwungen wurde, sich vor allen großen Generälen in der Versammlung zu entkleiden. Obwohl er wußte, daß die beiden Feldherren eine gewisse Zuneigung zu den Pandavas hegten, hoffte er, sie würden jetzt solche Zuneigung vollständig aufgeben, ebenso wie sie es
während gemeinsamer Glücksspiele getan hatten.
VERS 12 Darauf blies Bhisma, der große, heldenhafte Ahnherr der Kuru-Dynastie, der Großvater der Kämpfer, sehr laut sein Muschelhorn. Es dröhnte wie das Brüllen eines Löwen und erfüllte Duryodhana mit Freude. ERLÄUTERUNG Der Ahnherr der Kuru-Dynastie konnte verstehen, was im Herzen seines Enkels Duryodhana vorging, und aus natürlichem Mitgefühl versuchte er, ihn anzuspornen, indem er sehr laut in sein Muschelhorn blies, was seiner löwengleichen Stellung angemessen war. Durch die Symbolik des Muschelhorns gab er aber zugleich seinem niedergeschlagenen Enkel indirekt zu verstehen, daß er keine Chance habe, in der Schlacht siegreich zu sein, da der Höchste Herr, Sri Krsna, auf der anderen Seite stehe. Nichtsdestoweniger war es seine Pflicht, den Kampf durchzuführen, und er würde dabei keine Mühen scheuen.
VERS 13 Da ertönten plötzlich alle Muschelhörner, Signalhörner, Trompeten, Trommeln und Hörner, und der gemeinsame Klang war gewaltig.
VERS 14 Auf der Gegenseite ließen sowohl Krsna als auch Arjuna, die auf einem großen, von weißen Pferden gezogenen Streitwagen standen, ihre transzendentalen Muschelhörner erschallen. ERLÄUTERUNG Im Gegensatz zu dem von Bhismadeva geblasenen Muschelhorn werden die Muschelhörner in den Händen von Krsna und Arjuna als transzendental bezeichnet. Das Erschallen der transzendentalen Muschelhörner deutete an, daß es für die andere Seite keine Hoffnung auf Sieg gab, da Krsna auf der Seite der Pandavas stand. "Sieg ist immer mit solchen Menschen, die den Söhnen Pandus gleichen, da Sri Krsna bei ihnen ist." Und wann immer und wo immer der Herr gegenwärtig ist, dort findet man auch die Göttin des Glücks, die niemals allein, ohne ihren Gemahl, lebt. Daher
erwarteten Arjuna Sieg und Glück, wie der transzendentale Klang, der aus dem Muschelhorn Krsnas erschallte, andeutete. Außerdem war der Streitwagen, auf dem die beiden Freunde saßen, ein Geschenk Agnis, des Feuergottes, an Arjuna, was bedeutete, daß man mit diesem Streitwagen, wo immer er in den drei Welten gezogen werden würde, alle Himmelsrichtungen erobern konnte.
VERS 15 Darauf ließ Sri Krsna Sein Muschelhorn mit Namen Pancajanya erschallen; Arjuna blies in das seine, das Devadatta, und Bhima, der unersättliche Esser und Vollbringer herkulischer Taten, blies in sein furchterregendes Muschelhorn namens Paundram. ERLÄUTERUNG Sri Krsna wird in diesem Vers als Hrsikesa bezeichnet, da Er der Eigentümer aller Sinne ist. Die Lebewesen sind winzige Bestandteile von Ihm, und daher sind die Sinne der Lebewesen ebenfalls Bestandteile Seiner Sinne. Die Unpersönlichkeitsphilosophen wissen die Sinne der Lebewesen nicht zu schätzen und sind deshalb immer bestrebt, die Lebewesen als ohne Sinne oder unpersönlich zu beschreiben. Der Herr, der in den Herzen aller Lebewesen weilt, lenkt ihre Sinne, doch lenkt Er sie je nach dem Grad der Hingabe des Lebewesens, und im Falle eines reinen Gottgeweihten lenkt Er die Sinne unmittelbar. Hier auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra lenkt der Herr die transzendentalen Sinne Arjunas direkt, und so erklärt es sich, daß Er in diesem Vers als Hrsikesa bezeichnet wird. Der Herr hat verschiedene Namen, je nach Seinen verschiedenen Betätigungen. Zum Beispiel trägt Er den Namen Madhusudana, weil Er den Dämon Madhu tötete; Sein Name ist Govinda, weil Er den Kühen und den Sinnen Freude schenkt; Sein Name ist Vasudeva, weil Er als der Sohn Vasudevas erschien; Sein Name ist Devaki-nandana, weil Er Devaki als Seine Mutter annahm; Sein Name ist Yaśoda-nandana, weil Er mit den Spielen Seiner Kindheit Yasoda in Vṛndavana beglückte, und Sein Name lautet Partha-sarathi, weil er der Wagenlenker Seines Freundes Arjuna war. In ähnlicher Weise trägt Er den Namen Hrsikesa, weil Er Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra Führung gab. Arjuna wird in diesem Vers als Dhanaijaya bezeichnet, weil er seinem älteren Bruder dabei half, Reichtum zu erlangen, als der König diesen benötigte, um die Ausgaben für verschiedene Opfer zu bestreiten. In ähnlicher Weise ist Bhima als Vṛkodara bekannt, weil er sowohl ungeheure Mengen essen als auch herkulische Taten vollbringen konnte, wie zum Beispiel den Dämon Hiḍimba töten. Der Klang der verschiedenen Arten von Muschelhörnern, die die verschiedenen Persönlichkeiten auf seiten der Pandavas bliesen, angefangen mit dem Muschelhorn des Herrn, war für die kampfbereiten Soldaten sehr ermutigend. Auf der anderen Seite gab es keine solche Ermutigung; noch waren der Herr, der Höchste Lenker, oder die Glücksgöttin gegenwärtig. Es war den Kurus also vorherbestimmt, die Schlacht zu verlieren - das war die Botschaft, die der Klang der Muschelhörner verkündete.
VERS 16-18 König Yudhistihira, der Sohn Kuntis, ließ sein Muschelhorn, das Anantavijaya, ertönen, und Nakula und Sahadeva bliesen das Sughosa und das Manipuspaka. Der große Bogenschütze, nämlich der König von Kasi, der große Kämpfer Sikhandi, Dhrstadyumna, Virata und der unbezwingbare Satyaki, Drupada, die Söhne Draupadis und die anderen, o König, wie der Sohn Subhadras, ließen ebenfalls, mächtig bewaffnet, ihre jeweiligen Muschelhörner erschallen. ERLÄUTERUNG Sanjaya gab König Dhrtarastra mit sehr viel Feingefühl zu verstehen, daß seine unkluge Politik, die Söhne Pandus zu betrügen und sich darum zu bemühen, die eigenen Söhne auf den Thron des Königreichs zu bringen, nicht sehr lobenswert sei. Die Vorzeichen deuteten schon jetzt klar darauf hin, daß die gesamte Kuru-Dynastie in dieser großen Schlacht vernichtet werden würde. Angefangen mit dem Ahnherrn, Bhisma, bis hinab zu den Enkeln, wie Abhimanyu und anderen - Könige aus vielen Reichen der Erde nicht ausgenommen -, waren alle dort Anwesenden dem Untergang geweiht. Die ganze Katastrophe war die Schuld König Dhrtarastras, weil er die Pläne seiner Söhne unterstützte.
VERS 19 Der Klang der verschiedenen Muschelhörner wurde tosend, und da er sowohl im Himmel als auch auf der Erde widerhallte, zerriß er die Herzen der Söhne Dhrtarastras. ERLÄUTERUNG Als Bhisma und die anderen Krieger auf der Seite Duryodhanas ihre jeweiligen Muschelhörner ertönen ließen, gab es auf der Seite der Pandavas kein Herzzerreißen. Vorkommnisse dieser Art werden nicht erwähnt, doch heißt es in eben diesem Vers, daß die Herzen der Söhne Dhrtarastra s von den Klängen zerrissen wurden, die die Partei der Pandavas erzeugte. Dies ist auf die Pandavas und ihr Vertrauen auf Sri Krsna zurückzuführen. Jemand, der beim Höchsten Herrn Zuflucht sucht, hat selbst inmitten des größten Unheils nichts zu fürchten.
VERS 20 O König, da nahm Arjuna, der Sohn Pandus, der auf seinem Streitwagen saß und dessen Fahne mit dem Zeichen Hanumans versehen war, seinen Bogen auf und machte sich bereit, seine Pfeile abzuschießen, während er nach den Söhnen Dhrtarastra s blickte. O König, daraufhin sprach Arjuna zu Hrsikesa [Krsna] die folgenden Worte. ERLÄUTERUNG Die Schlacht sollte jeden Augenblick beginnen. Man kann aus der obigen Darstellung verstehen, daß die Söhne Dhrtarastra s entmutigt waren, als sie die unerwartete Aufstellung der Streitkräfte der Pandavas sahen, die durch die direkten Unterweisungen Sri Krsnas auf dem Schlachtfeld geführt wurden. Das Emblem Hanumans auf der Fahne Arjunas ist ein weiteres Zeichen des Sieges, denn Hanuman stellte sich in der Schlacht zwischen Rama und Ravana auf die Seite Sri Ramas, und Sri Rama war siegreich. Jetzt waren sowohl Rama als auch Hanuman auf dem Streitwagen Arjunas anwesend, um Arjuna beizustehen. Sri Krsna ist Rama Selbst, und wo immer Sri Rama Sich aufhält, dort sind auch Sein ewiger Diener Hanuman und Seine ewige Gefährtin SÖta, die Glücksgöttin, anzutreffen. Es gab daher für Arjuna keinen Grund, irgendwelche Feinde zu fürchten. Und vor allem war der Herr der Sinne, Sri Krsna, persönlich gegenwärtig, um ihm Weisungen zu erteilen. Was also die Durchführung der Schlacht betraf, so standen Arjuna alle guten Ratschläge zur Verfügung. In solch glückverheißenden Umständen, die vom Herrn für Seinen Geweihten geschaffen worden waren, lagen die Zeichen sicheren Sieges.
VERS 21-22 Arjuna sagte: O Unfehlbarer, bitte lenke meinen Streitwagen zwischen die beiden Heere, damit ich sehen kann, wer hier anwesend ist, wen es zu kämpfen gelüstet und mit wem ich mich in dieser großen Schlacht zu messen habe. ERLÄUTERUNG Obwohl Sri Krsna die Höchste Persönlichkeit Gottes ist, betätigte Er Sich aus Seiner grundlosen Barmherzigkeit im Dienst Seines Freundes. Er fehlt niemals darin, Seine Geweihten zuneigungsvoll zu behandeln, und deshalb wird Er hier als unfehlbar bezeichnet. Als Wagenlenker mußte Er Arjunas Befehle ausführen, und da Er nicht zögerte, dies zu tun, wird Er als unfehlbar bezeichnet. Obwohl Er die Rolle des Wagenlenkers Seines Geweihten angenommen hatte, war Seine Stellung als der Höchste nicht in Frage gestellt. Unter allen Umständen ist Er die Höchste Persönlichkeit Gottes, Hrsikesa, der Herr der Gesamtheit aller Sinne. Die Beziehung zwischen dem Herrn und Seinem Diener ist sehr süß und transzendental. Der Diener ist immer bereit, dem Herrn einen Dienst zu leisten, und in ähnlicher Weise sucht auch der Herr immer nach einer Gelegenheit, Seinem Geweihten irgendeinen Dienst zu erweisen. Er findet größere Freude daran, wenn Sein reiner Geweihter die vorteilhafte Stellung einnimmt, Ihm zu befehlen, als wenn Er es ist, der Befehle erteilt. Da Er der Meister ist, muß jeder Seinen Anordnungen nachkommen - niemand steht über Ihm, der Ihm Befehle geben könnte -, doch wenn Er sieht, daß ein reiner Gottgeweihter Ihm befiehlt, erfährt Er transzendentale Freude, obwohl Er der unfehlbare Herr aller Umstände ist. Als ein reiner Geweihter des Herrn hatte Arjuna kein Verlangen, mit seinen Vettern und Brüdern zu kämpfen, doch durch den Starrsinn Duryodhanas, der niemals irgendeinem Friedensangebot zugestimmt hatte, war er gezwungen, auf das Schlachtfeld zu kommen. Voller Erwartung wollte er deshalb sehen, wer die auf dem Schlachtfeld versammelten führenden Persönlichkeiten waren. Obwohl eine Friedensbemühung auf dem Schlachtfeld ausgeschlossen war, wollte er sie dennoch wiedersehen und sehen, wie sehr sie danach drängten, diesen unerwünschten Krieg zu führen.
VERS 23 Laß mich diejenigen sehen, die hierher gekommen sind, um zu kämpfen und so den bösartigen Sohn Dhrtarastra s zu erfreuen. ERLÄUTERUNG Es war ein offenes Geheimnis, daß Duryodhana in Zusammenarbeit mit seinem Vater Dhrtarastra durch üble Machenschaften das Königreich der Pandavas an sich reißen wollte. Daher mußten all jene die sich Duryodhana angeschlossen hatten, von gleicher Gesinnung sein. Arjuna wollte sie vor Beginn des Kampfes auf dem Schlachtfeld sehen, nur um zu erfahren, um wen es sich handelte; er hatte nicht die Absicht, ihnen Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Es war auch eine Tatsache, daß er sie sehen wollte, um die Stärke abzuschätzen, der er zu begegnen hatte, obgleich er sich des Sieges völlig sicher war, da Krsna an seiner Seite saß.
VERS 24 Sanjaya sprach: O Nachkomme Bharatas, so von Arjuna angesprochen lenkte Sri Krsna den vortrefflichen Streitwagen zwischen die Heere beider Parteien. ERLÄUTERUNG In diesem Vers wird Arjuna als Guḍakeśa bezeichnet. Guḍaka bedeutet „Schlaf”, und jemand, der den Schlaf bezwingt, wird guḍakeśa genannt. Schlaf bedeutet auch Unwissenheit. Also bezwang Arjuna dank seiner Freundschaft mit Krsna sowohl Schlaf als auch Unwissenheit. Als ein großer Geweihter Krsnas konnte er Krsna nicht einmal für einen Augenblick vergessen, da dies das Wesen eines Gottgeweihten ist. Ob im Wach- oder im Schlafzustand - ein Geweihter des Herrn kann niemals davon frei sein, an Krsnas Namen, Gestalt, Eigenschaften und Spiele zu denken. So kann ein Geweihter Krsnas sowohl Schlaf als auch Unwissenheit bezwingen, indem er einfach unablässig an Krsna denkt. Das nennt man Krsna- Bewußtsein oder samadhi. Als Hrsikesa oder der Lenker der Sinne und des Geistes eines jeden Lebewesens konnte Krsna Arjunas Absicht verstehen, als dieser Ihm befahl, den Streitwagen zwischen beide Heere zu lenken. Er folgte also dieser Anweisung und sprach dann wie folgt.
VERS 25 In Gegenwart von Bhisma, Drona und allen anderen Herrschern der Welt sprach Hrsikesa, der Herr: O Partha, sieh nur all die Kurus, die sich hier versammelt haben. ERLÄUTERUNG Als die Überseele aller Lebewesen konnte Sri Krsna verstehen, was in Arjunas Geist vorging. Der Gebrauch des Wortes Hrsikesa in diesem Zusammenhang weist darauf hin, daß Er alles wußte. Und auch das Wort partha, was soviel bedeutet wie "Sohn Kuntis oder Prthas", ist im Zusammenhang mit Arjuna ähnlich wichtig. Als Freund wollte Krsna Arjuna zu verstehen geben, daß Er eingewilligt hatte, sein Wagenlenker zu sein, weil Arjuna der Sohn Prthas, der Schwester Seines Vaters Vasudeva, war. Was aber meinte Krsna nun, als Er zu Arjuna sagte "Betrachte nur die Kurus"? Wollte Arjuna jetzt innehalten und nicht kämpfen? Krsna erwartete niemals so etwas von dem Sohn Seiner Tante Prtha. Die Geisteshaltung Arjunas wurde so vom Herrn in freundschaftlichem Scherzen vorhergesagt.
VERS 26 Da konnte Arjuna, der mitten zwischen den Heeren beider Parteien stand, seine Väter, Großväter, Lehrer, Onkel mütterlicherseits, Brüder, Söhne, Enkel, Freunde und auch seine Schwiegerväter und seine Gönner erkennen - alle waren dort versammelt. ERLÄUTERUNG Auf dem Schlachtfeld konnte Arjuna alle möglichen Verwandten sehen. Er erkannte Persönlichkeiten wie Bhurisrava, die Altersgenossen seines Vaters waren, sowie seine Großväter Bhisma und Somadatta, Lehrer wie Dronacarya und Krpacarya, Onkel mütterlicherseits wie Salya und Sakuni, Brüder wie Duryodhana, Söhne wie Laksmaäa, Freunde wie Asvatthama, Gönner wie Kṛtavarma usw. Auch konnte er in den Heeren viele seiner Freunde erkennen.
VERS 27 Als der Sohn Kuntis, Arjuna, all diese verschiedenen Grade von Freunden und Verwandten sah, wurde er von Mitleid überwältigt und sprach wie folgt.
VERS 28 Arjuna sagte: Mein lieber Krsna, beim Anblick meiner Freunde und Verwandten, die so Kampflustig vor mir stehen, fühle ich, wie mir die Glieder zittern und mein Mund austrocknet. ERLÄUTERUNG Jeder, der echte Hingabe an den Herrn besitzt, birgt in sich alle guten Eigenschaften, die man bei göttlichen Menschen oder bei den Halbgöttern findet, wohingegen dem Nichtgottgeweihten göttliche Eigenschaften fehlen, mag er durch Bildung und Kultur auf dem Gebiet materieller Befähigungen auch noch so fortgeschritten sein. Daher wurde Arjuna, als er seine Familienangehörigen, seine Freunde und Verwandten auf dem Schlachtfeld gesehen hatte, sogleich von Mitleid mit ihnen überwältigt, die sie sich entschieden hatten, gegeneinander zu kämpfen. Was seine eigenen Soldaten betraf, so hatte er von Anfang an Mitgefühl, doch empfand er jetzt auch Mitleid mit den Soldaten der gegnerischen Partei, da er ihren unausweichlichen Tod voraussah. Bei diesen Gedanken begannen seine Glieder zu zittern, und sein Mund wurde trocken. Es verwundene ihn eigentlich, sie so Kampflustig zu sehen. Nahezu die gesamte Gemeinschaft, das heißt alle Blutsverwandten Arjunas, war gekommen, um gegen ihn zu kämpfen. Dies überwältigte einen gutherzigen Gottgeweihten wie Arjuna. Obwohl es hier nicht erwähnt wird, kann man sich vorstellen, daß nicht nur Arjunas Glieder zitterten und sein Mund austrocknete, sondern daß er auch aus Mitleid weinte. Solche Merkmale Arjunas beruhten nicht auf Schwäche, sondern auf Weichherzigkeit, einem Merkmal eines reinen Gottgeweihten. Deshalb heißt es: "Wer unerschütterliche Hingabe an die Höchste Persönlichkeit Gottes hat, besitzt alle guten Eigenschaften der Halbgötter. Wer aber kein Geweihter des Herrn ist, verfügt nur über materielle Fähigkeiten, die von geringem Wert sind. Dies ist so, weil er sich auf der Ebene des Geistes bewegt und mit Sicherheit von der flimmernden materiellen Energie betört wird." (SB. 5.18.12)
VERS 29 Mein ganzer Körper zittert, und meine Haare sträuben sich. Mein Bogen Gandiva gleitet mir aus der Hand und meine Haut brennt. ERLÄUTERUNG Es gibt zwei Arten des Körperzitterns und zwei Arten des Sichsträubens von Haaren. Solche Phänomene treten entweder in großer spiritueller Ekstase oder aus großer Angst unter materiellen Bedingungen auf. Im Falle transzendentaler Erkenntnis gibt es keine Angst. Arjunas Merkmale in dieser Lage entspringen materieller Angst, nämlich der Befürchtung, das Leben zu verlieren. Diese Tatsache ist auch an anderen Merkmalen erkennbar: so wurde er zum Beispiel so ungeduldig, daß ihm sein berühmter Bogen Gandiva aus den Händen glitt, und weil sein Herz im Innern brannte, spürte er ein Brennen auf der Haut. All diese Dinge rühren von einer materiellen Lebensauffassung her.
VERS 30 Ich bin jetzt nicht imstande, hier noch länger stehenzubleiben. Ich vergesse mich, und mein Geist taumelt. Ich sehe nur Unheil drohen, o Töter des Dämons Kesī. ERLÄUTERUNG Aufgrund seiner Unruhe war es Arjuna nicht möglich, länger auf dem Schlachtfeld zu bleiben, und er vergaß sich, weil sein Geist schwach war. Wenn jemand zu sehr an materiellen Dingen hängt, führt ihn dies in einen verwirrenden Daseinszustand. Bhayam dvitiyabinivesatah: Solche Furcht und der Verlust des geistigen Gleichgewichts treten bei Menschen auf, die zu sehr von materiellen Umständen beeinflußt werden. Arjuna sah vor seinem geistigen Auge nur Unglück auf dem Schlachtfeld - er wäre nicht einmal glücklich, wenn er den Feind besiegte. Das Wort nimitta ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Wenn ein Mann in seinen Erwartungen nur Enttäuschung sieht, denkt er: "Warum bin ich Überhaupt hier?" Jeder ist an sich selbst und seinem eigenen Wohl interessiert. Niemand interessiert sich für das Höchste Selbst. Von Arjuna wird erwartet, daß er sein Eigeninteresse zurückstellt und sich dem Willen Krsnas fügt, der jedermanns wahres Selbstinteresse ist. Die bedingte Seele vergißt dies und erleidet deshalb materielle Schmerzen. Arjuna dachte, sein Sieg in der Schlacht werde für ihn nur ein Grund zum Klagen sein.
VERS 31 Ich kann nicht sehen, wie etwas Gutes entstehen kann, wenn ich meine eigenen Verwandten in dieser Schlacht töte; noch kann ich, mein lieber Krsna, Folgeerscheinungen wie Sieg, Königreich oder Glück begehren. ERLÄUTERUNG Ohne zu wissen, daß Visnu oder Krsna ihr wahres Selbstinteresse ist, fühlen sich bedingte Seelen zu körperlichen Beziehungen hingezogen, in der Hoffnung, auf diese Weise glücklich zu werden. In ihrer Verblendung vergessen sie, daß Krsna auch die Ursache materiellen Glücks ist. Arjuna scheint sogar die für einen ksatriya geltenden Moralgesetze vergessen zu haben. Man sagt, daß zwei Arten von Menschen in den Sonnenplaneten eingehen können, der so mächtig und gleißend ist, nämlich der ksatriya, der in den vordersten Reihen der Schlachtordnung unter Krsnas direkten Befehlen fällt, und der Mensch im Lebensstand der Entsagung, der spiritueller Kultur absolut hingegeben ist. Arjuna widerstrebt es sogar, seine Feinde zu töten, von seinen Verwandten ganz zu schweigen. Er dachte, es gäbe kein Glück in seinem Leben, wenn er seine Verwandten tötete, und deshalb wollte er nicht kämpfen, ebenso wie ein Mensch, der keinen Hunger verspürt, nichts kochen möchte. Er hat sich jetzt entschlossen, in den Wald zu gehen und ein einsames Leben in Enttäuschung zu verbringen. Doch als ksatriya braucht er ein Königreich für seinen Unterhalt, denn ksatriyas können nicht irgendeiner anderen Beschäftigung nachgehen. Aber Arjuna besaß kein Königreich. Arjunas einzige Möglichkeit, ein Königreich zu gewinnen, bestand darin, mit seinen Vettern und Brüdern zu kämpfen und das Königreich zurückzufordern, das er von seinem Vater geerbt hatte. Aber das möchte er nicht. Deshalb hält er es für das beste, in den Wald zu gehen, um dort ein zurückgezogenes Leben der Enttäuschung zu fristen.
VERS 32-35 O Govinda, was nützen uns Königreiche, Glück oder sogar das nackte Leben, wenn all jene, für die wir diese Dinge begehren mögen, jetzt auf dem Schlachtfeld in Reih und Glied stehen? O Madhusudana, wenn Lehrer, Väter, Söhne, Großväter, Onkel mütterlicherseits, Schwiegerväter, Enkel, Schwäger und alle Verwandten bereit sind, ihr Leben und ihre Besitztümer aufzugeben, und vor mir stehen - warum sollte ich da den Wunsch haben, sie zu töten, wenngleich ich selbst überleben mag? O Erhalter aller Geschöpfe, ich bin nicht bereit, mit ihnen zu kämpfen, nicht einmal, wenn ich dafür die drei Welten bekäme, geschweige denn diese Erde. ERLÄUTERUNG Arjuna sprach Sri Krsna als Govinda an, weil Krsna für die Kühe und die Sinne der Gegenstand aller Freude ist. Indem er dieses bedeutungsvolle Wort gebraucht, deutet Arjuna an, was seine Sinne zufriedenstellen wird. Obwohl Govinda nicht dafür da ist, unsere Sinne zu befriedigen, ist es doch so, daß dann, wenn wir die Sinne Govindas erfreuen, unsere eigenen Sinne von selbst zufrieden sind. Im materiellen Bewußtsein möchte jeder seine eigenen Sinne befriedigen, und Gott soll der Lieferant für diese Befriedigung sein. Der Herr wird die Sinne der Lebewesen in dem Maße befriedigen, wie sie es verdienen, doch nicht in dem Maße, wie es sie vielleicht gelüstet. Wenn man jedoch die entgegengesetzte Richtung einschlägt, das heißt versucht, die Sinne Govindas zu erfreuen, ohne dabei nach eigener Sinnenbefriedigung zu trachten, gehen durch die Gnade Govindas alle Wünsche des Lebewesens in Erfüllung. Hier zeigt sich ein wenig von Arjunas tiefer Zuneigung zu Gemeinschaft und Familienangehörigen, da er natürliches Mitleid mit ihnen empfindet. Er ist daher nicht bereit zu kämpfen. Jeder will Freunden und Verwandten seinen Reichtum zeigen, aber Arjuna befürchtet, daß alle seine Verwandten und Freunde auf dem Schlachtfeld getötet werden und daß er nach dem Sieg seinen Reichtum mit ihnen nicht teilen kann. Dies ist eine typische Überlegung im materiellen Leben. Das transzendentale Leben ist jedoch anders. Da ein Gottgeweihter die Wünsche des Herrn erfüllen möchte, kann er, wenn der Herr es will, alle Arten von Reichtum für den Dienst des Herrn annehmen, und wenn der Herr es nicht will, sollte er keinen Heller annehmen. Arjuna wollte seine Verwandten nicht töten, und wenn es aus irgendeinem Grunde notwendig war, sie zu töten, wollte er, daß Krsna sie persönlich tötete. Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß Krsna sie bereits getötet hatte, bevor sie auf das Schlachtfeld kamen, und daß er nur ein Werkzeug Krsnas werden sollte. Diese Tatsache wird in späteren Kapiteln deutlich werden. Als ein natürlicher Geweihter des Herrn wollte sich Arjuna an seinen ruchlosen Vettern nicht rächen; doch es war der Plan des Herrn, daß sie alle getötet werden sollten. Der Geweihte des Herrn rächt sich nicht an einem Übeltäter; aber der Herr duldet kein Unrecht, das Seinem Geweihten von Halunken zugefügt wurde. Der Herr kann jemand verzeihen, wenn es Ihn Selbst betrifft, doch vergibt Er niemandem, der Seinen Geweihten Leid zugefügt hat. Deshalb war der Herr entschlossen, die Halunken zu töten, obwohl Arjuna ihnen verzeihen wollte.
VERS 36 Sünde wird über uns kommen, wenn wir solche Angreifer erschlagen. Deshalb ist es nicht richtig, die Söhne Dhrtarastra s und unsere Freunde zu töten. Was können wir schon gewinnen, o Krsna, Gemahl der Glücksgöttin, und wie können wir glücklich sein, wenn wir unsere eigenen Verwandten erschlagen? ERLÄUTERUNG Vedischen Unterweisungen gemäß gibt es sechs Arten von Angreifern: (1) jemand, der andere vergiftet; (2) jemand, der das Haus in Brand setzt; (3) jemand, der mit tödlichen Waffen angreift; (4) jemand, der Besitztum plündert; (5) jemand, der eines anderen Land besetzt, und (6) jemand, der eines anderen Frau entführt. Solche Angreifer müssen sofort getötet werden, und man begeht keine Sünde, wenn solche Angreifer das Leben verlieren. Für einen gewöhnlichen Menschen ist es durchaus angebracht, solche Angreifer zu töten; doch Arjuna war kein gewöhnlicher Mensch. Dem Charakter nach war er ein Heiliger, und deshalb wollte er sich ihnen gegenüber wie ein solcher verhalten; aber solche Art von Heiligkeit ist nichts für einen ksatriya. Obwohl es notwendig ist, daß ein verantwortlicher Mensch in der Verwaltung eines Staates heilige Eigenschaften hat, sollte er kein Feigling sein. Sri Rama zum Beispiel war so fromm, daß sich alle Menschen wünschten, in Seinem Königreich (Rama-rajya) zu leben, aber Sri Rama zeigte nie auch nur die geringsten Anzeichen von Feigheit. Ravana griff Rama an, da er Ramas Frau, SÖta, raubte, doch Rama erteilte ihm ausreichende Lehren, die in der Geschichte der Welt nicht ihresgleichen finden. In Arjunas Fall sollte man indes die besondere Art der Angreifer bedenken, nämlich sein eigener Großvater, der eigene Lehrer, Freunde, Söhne, Enkel usw. Ihretwegen dachte Arjuna, daß er nicht die schweren Schritte unternehmen sollte, die bei gewöhnlichen Angreifern notwendig sind. Außerdem wird heiligen Menschen angeraten zu verzeihen. Solche Anweisungen für heilige Menschen sind wichtiger als jeder politische Notstand. Arjuna war der Meinung, es sei besser, seinen Verwandten aus religiösen Gründen zu verzeihen und ein heiliges Verhalten zu bewahren, als sie aus politischen Erwägungen zu töten. Er hielt daher solches Töten, nur um zeitweiligen, körperlichen Glücks willen, nicht für vorteilhaft. Schließlich sind Königreiche und andere so gewonnene materielle Freuden nicht beständig; warum sollte er also sein Leben und seine ewige Erlösung aufs Spiel setzen, indem er seine eigenen Verwandten tötete? Daß Arjuna Krsna als "Madhava" oder "Gemahl der Glücksgöttin" ansprach, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls von Bedeutung. Er wollte darauf hinweisen, daß Krsna als Gemahl der Glücksgöttin ihn nicht dazu verleiten sollte, sich mit etwas zu befassen, das letztlich nur Unglück bringen wurde. Krsna jedoch bringt niemandem Unglück, vor allem nicht Seinen Geweihten.
VERS 37-38 O Janardana, zwar sehen diese Männer, von Gier überwältigt, keinen Fehler darin, die eigene Familie zu töten oder mit Freunden zu streiten, aber warum sollten wir, im Wissen um diese Sünde, genauso handeln? ERLÄUTERUNG Ein ksatriya darf sich eigentlich nicht weigern, an einem Kampf oder Glücksspiel teilzunehmen, wenn er von einer rivalisierenden Partei dazu aufgefordert wird. Gemäß dieser Verpflichtung durfte sich Arjuna also im Grunde nicht weigern zu kämpfen, da er von der Partei Duryodhanas herausgefordert worden war. In diesem Falle jedoch, so überlegte Arjuna, mochte die andere Seite den Auswirkungen einer solchen Herausforderung gegenüber blind sein. Arjuna hingegen konnte die üblen Folgen voraussehen und wollte die Herausforderung deshalb nicht annehmen. Eine VerPflichtung ist erst dann wirklich bindend, wenn die Auswirkung gut ist - wenn aber die Auswirkung anders geartet ist, kann niemand verPflichtet werden. Indem Arjuna so das Für und Wider in Betracht zog, entschloß er sich, nicht zu kämpfen.
VERS 39 Mit der Zerstörung der Dynastie wird die ewige Familientradition vernichtet, und so wird der Rest der Familie in irreligiöse Praktiken verwickelt. ERLÄUTERUNG Im System der varnasrama-Einrichtung gibt es viele Prinzipien religiöser Traditionen, die den Familienmitgliedern helfen sollen, in rechter Weise aufzuwachsen und spirituelle Werte zu erwerben. Die älteren Mitglieder sind für solche Läuterungsvorgänge in der Familie, die mit der Geburt beginnen und bis zum Tode angewandt werden, verantwortlich. Wenn aber die älteren Mitglieder der Familie sterben, kann es geschehen, daß solche traditionsgemäßen Läuterungszeremonien in der Familie eingestellt werden und die zurückbleibenden jüngeren Familienangehörigen irreligiöse Gewohnheiten entwickeln und dadurch ihre Gelegenheit zu spiritueller Erlösung versäumen. Deshalb dürfen die älteren Familienangehörigen unter keinen Umständen getötet werden.
VERS 40 O Krsna, wenn Irreligiosität in der Familie vorherrscht, verderben die Frauen der Familie, und wenn die Frauen entarten, o Nachkomme Vrsnis, entsteht ungewollte Nachkommenschaft. ERLÄUTERUNG Eine gute Bevölkerung in der menschlichen Gesellschaft ist das Grundprinzip für Frieden, Wohlstand und spirituellen Fortschritt im Leben. Die Grundsätze der varnasrama- Religion waren so angelegt, daß die gute Bevölkerung in der Gesellschaft überwog und so den allgemeinen spirituellen Fortschritt des Staates und der Gemeinschaft gewährleistete. Eine solche Bevölkerung hängt von der Keuschheit und Treue ihrer Frauen ab. So wie Kinder sehr dazu neigen, irregeführt zu werden, so neigen Frauen sehr leicht zu Erniedrigung. Daher müssen sowohl die Kinder als auch die Frauen von den älteren Familienmitgliedern beschützt werden. Wenn die Frauen mit verschiedenen religiösen Praktiken beschäftigt sind, werden sie nicht zum Ehebruch verleitet. Nach Canakya Pandita sind Frauen im allgemeinen nicht sehr intelligent und deshalb nicht vertrauenswürdig. Folglich sollten die verschiedenen Familientraditionen religiöser Tätigkeiten sie ständig beschäftigen; dann wird ihre Keuschheit und Hingabe eine gute Bevölkerung hervorbringen, die geeignet ist am varnasrama-System teilzunehmen. Wenn solches varnasrama-dharma scheitert, bekommen die Frauen natürlicherweise die Freiheit, nach Belieben zu handeln und sich mit Männern einzulassen; dann steht dem Ehebruch nichts mehr im Wege, wobei man Gefahr läuft, ungewollte Nachkommenschaft zu zeugen. Auch unverantwortliche Männer begünstigen den Ehebruch in der Gesellschaft, und so überschwemmen ungewollte Kinder die menschliche Rasse, und es entstehen Gefahren wie Kriege und Seuchen.
VERS 41 Wenn ungewollte Bevölkerung zunimmt, entsteht sowohl für die Familie als auch für diejenigen, die die Familientradition zerstören, eine höllische Situation. In solchen verdorbenen Familien werden den Vorvätern weder Speise noch Wasser als Opfer dargebracht. ERLÄUTERUNG Nach den Regeln und Vorschriften für fruchtbringende Tätigkeiten muß man den Vorvätern der Familie in bestimmten Zeitabständen Speise und Wasser opfern. Diese Opferung wird durchgeführt, indem man Visnu verehrt, denn wenn man die Reste der Nahrung zu sich nimmt, die Visnu geopfert wurde, kann man von allen Arten sündhafter Handlungen befreit werden. Manchmal mögen die Vorväter unter vielfachen Arten sündhafter Reaktionen leiden, und bisweilen können manche von ihnen nicht einmal einen grobstofflichen Körper annehmen und sind gezwungen, in feinstofflichen Körpern als Geister zu leben. Wenn daher die Nachkommen ihren Vorvätern Überreste von prasada-Speisen opfern, werden die Ahnen von einem Leben als Geist oder anderen leidvollen Umständen befreit. Es ist eine Familientradition, den Vorvätern auf diese Weise zu helfen, und jene, die kein gottergebenes Leben führen, müssen solche Rituale vollziehen. Jemand, der ein gottergebenes Leben führt, braucht solche Handlungen nicht zu verrichten. Indem man einfach hingebungsvollen Dienst ausführt, kann man Hunderte, ja Tausende von Vorvätern von allen Arten des Elends befreien. Im Bhagavatam (11.5.41) heißt es: "Jeder, der bei den Lotusfüßen Mukundas, der Befreiung gewährt, Zuflucht gesucht und alle Arten von VerPflichtungen aufgegeben hat und diesem Pfad mit allem Ernst folgt, ist weder den Halbgöttern noch den Weisen, noch anderen Lebewesen, noch seinen Familienangehörigen, noch der Menschheit, noch den Vorvätern verPflichtet." Solche VerPflichtungen sind von selbst erfüllt, wenn man im hingebungsvollen Dienst für die Höchste Persönlichkeit Gottes tätig ist.
VERS 42 Durch die üblen Machenschaften derer, die die Familientradition zerstören, werden alle möglichen gemeinschaftlichen Vorhaben und Tätigkeiten, die dem Wohl der Familie dienen, zunichte gemacht. ERLÄUTERUNG Die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft, zusammen mit Tätigkeiten zum Wohl der Familie, wie sie von der Einrichtung des sanatana-dharma oder varnasrama-dharma vorgesehen sind, sollen es dem Menschen ermöglichen, seine endgültige Erlösung zu erlangen. Wenn daher unverantwortliche Führer der Gesellschaft die Tradition des sanatana-dharma zerstören, entsteht ein Chaos in dieser Gesellschaft, und als Folge davon vergessen die Menschen das Ziel des Lebens - Visnu. Solche Führer bezeichnet man als blind, und Menschen, die ihnen folgen, werden unweigerlich in ein Chaos geführt.
VERS 43 O Krsna, Erhalter aller Menschen, ich habe durch die Schülernachfolge gehört, daß diejenigen, die die Familienbräuche zerstören, für immer in der Hölle leiden. ERLÄUTERUNG Arjuna stützt seinen Einwand nicht auf seine eigene, persönliche Erfahrung, sondern auf das, was er von Autoritäten gehört hat. Das ist der Weg, wirkliches Wissen zu empfangen. Man kann nicht zum wirklichen Punkt tatsächlichen Wissens gelangen, ohne daß einem von der richtigen Person geholfen wird, die bereits in diesem Wissen verankert ist. In der Einrichtung des varnasrama gibt es ein System, das vorschreibt, daß man sich vor dem Tod einer bestimmten Zeremonie unterzieht, um von seinen sündhaften Handlungen geläutert zu werden. Wer ständig sündigt, muß den als prayascitta bezeichneten Läuterungsvorgang nutzen. Wenn man dies nicht tut, wird man mit Sicherheit zu höllischen Planeten gebracht, um als Folge sündiger Handlungen ein jammervolles Leben nach
dem anderen zu erleiden.
VERS 44 Ach, wie seltsam es ist, daß wir, getrieben von dem Wunsch, königliches Glück zu genießen, uns anschicken, schwere sündhafte Taten zu begehen. ERLÄUTERUNG Wenn man von selbstsüchtigen Beweggründen getrieben wird, schreckt man unter Umständen nicht einmal vor solch sündigen Handlungen wie dem Mord an Bruder, Vater oder Mutter zurück. Es gibt hierfür viele Beispiele in der Weltgeschichte. Arjuna aber ist sich als frommer Geweihter des Herrn stets moralischer Grundsätze bewußt und daher bemüht, solche Tätigkeiten zu vermeiden.
VERS 45 Ich hielte es für besser, wenn mich die Söhne Dhrtarastras unbewaffnet und widerstandslos töteten, als daß ich mit ihnen kämpfte. ERLÄUTERUNG Nach den Kampfregeln der ksatriyas ist es üblich, einen unbewaffneten und unwilligen Gegner nicht anzugreifen. Arjuna aber sah sich in einer solch verzwickten Lage, daß er beschloß, nicht zu kämpfen, wenn der Feind ihn angriffe. Er bedachte nicht, wie sehr die Gegenseite zum Kampf drängte. All diese Merkmale sind darauf zurückzuführen, daß er ein weiches Herz hatte, was von der Tatsache herrührte, daß er ein großer Geweihter des Herrn war.
VERS 46
Sanjaya sagte: Nachdem Arjuna diese Worte auf dem Schlachtfeld gesprochen hatte, warf er Bogen und Pfeile zur Seite und setzte sich, von Schmerz überwältigt, auf dem Streitwagen nieder. ERLÄUTERUNG Während Arjuna seine Feinde beobachtete, stand er aufrecht auf dem Streitwagen; doch dann wurde er von solchem Schmerz überwältigt, daß er sich wieder niedersetzte und Bogen und Pfeile beiseite legte. Wer so gütig und weichherzig ist und sich zudem im hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigt, ist geeignet, Wissen vom Selbst zu empfangen. Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum Ersten Kapitel der Srimad Bhagavad-Gita mit dem Titel: „Arjuna beobachtet die Heere auf dem Schlachtfeld von Kuruksetra".